Wo bleibt das Licht - Ilma Rakusa - E-Book

Wo bleibt das Licht E-Book

Ilma Rakusa

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Beschreibung

»Wo bleibt das Licht« – eine passendere Frage könnte man in diesen Zeiten wohl kaum in den Raum werfen. Dunkle Nachrichten und düstere Prognosen prägen die Gegenwart und beschäftigen die große Schweizer Autorin Ilma Rakusa. In Tagebuchprosa, Gedichten, Monologen und Dialogen erkundet sie mehr als zweieinhalb Jahre lang – beginnend im Sommer 2022 – ihr Inneres im Spiegel des Außen. Sie blickt mit Schrecken und Erschütterung auf die Krisenherde der Welt, hadert, zweifelt und verzweifelt. Mit klarem Blick und scharfer Urteilskraft prangert sie wortstark Ungerechtigkeit und Despotismus an, appelliert an Menschlichkeit und Verstand, berichtet voller Empathie vom Alltag notleidender Menschen. Ilma Rakusa schreibt ebenso luzide wie poetisch über die Gegenwart. Sie durchwandert aber auch voller Sanftmut, Wehmut und Wärme gedanklich Seit an Seit mit jahrelangen Weggefährten Zeit und Raum, erinnert gemeinsame Gespräche und memoriert Texte. Die Vergänglichkeit wohnt in diesem Gedankenbuch wie auch die Lebendigkeit, das Lebhafte, das große Glück im Kleinen und vor allem die Liebe. Die Liebe zur Familie und zu Freunden, zur Literatur und Kunst. Das Persönliche und das Politische gehen in diesen Reflexionen, Gegenwartsbetrachtungen und Sprachperlen Hand in Hand.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ilma Rakusa

 

 

Wo bleibt das Licht

Tagebuchprosa

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literaturverlag Droschl

2022

 

 

 

 

 

Ein Tagebuch ist eine offene Geschichte,

die manchmal an einer Stelle abreißt,

um an einer anderen wieder einzusetzen.

Sie wird fortgesetzt, solange du sie er-

zählst, solange du Anteil nimmst.

 

Serhij Zhadan

 

 

Es ist Sommer. Aber was heißt Sommer, wenn die Felder in der Ostukraine von Artilleriefeuern brennen. Es brennen Häuser, Schulen, Kindergärten, es brennen Panzer, Depots, Kirchen und der ganze Rest. Die Sonne scheint, aber die Feuer machen ihr das Scheinen streitig. Wer hat Freude an diesem Sonnentag. Die alte Frau weiß nicht, ob sie es wagen soll, ihre Pflänzchen im Garten zu wässern. Ob nicht gerade dann ein Geschoss kommt. Die umliegenden Häuser sind kaputt oder abgebrannt. Holz brennt, die Zäune brennen, nur die Hunde laufen herum, weniger sorglos als verzweifelt. Sie haben Hunger. Die alte Frau wirft ihnen manchmal einen Knochen zu.

Sommer, von wegen. Im Fluss wird nicht gebadet, an den Stränden Odessas wird nicht gebadet. Netz dir die Füße in einem Tümpel. Nur auf Streuminen gib überall acht. Der Boden hat seine Unschuld verloren. Das grüne Feld hat seine Unschuld verloren. Die Erde ist versehrt, und sie verletzt, ohne es zu wollen.

Wird die Frau ihr Gärtchen gießen? Das Letzte, was ihr geblieben ist? Der Sohn kämpft irgendwo im Süden, wenn er noch am Leben ist. Schwiegertochter und Enkelin sind auf und davon, haben es nicht mehr ausgehalten. Sie ist allein, sie wollte bleiben. Um da zu sterben, wo sie hingehört.

So denken viele. Vor allem die Alten. Die sich nicht vorstellen können, das Vertraute aufzugeben. Hier steht der Herd, dort die Kommode. Hier der Milcheimer, dort die Muttergottesikone. Die Hand ertastet die Dinge fast blind. Und die Nase folgt den Gerüchen. Von Honig und Pisse, von Kohl und vergorenem Saft.

Nur diesen Tag überstehen. Und die Nacht. Und schlafen ohne Sirenen. Schlafen, schlafen. Nicht mehr aufwachen.

Wer bestimmt das? Welche Schicksalsmacht?

 

»Einer sitzt zur Sonne hin, schwarz wie sein eigener Grabstein.« Schrieb Serhij Zhadan über einen Soldaten, der getötet hatte. Er konnte sich seines Lebens nicht mehr freuen.

 

Vater unser, betet die alte Frau. Erhalte meinen Sohn.

 

Vater unser, erhalte meinen Sohn. Bete ich. Denn er ist krank.

 

Finden unsere Gebete zusammen, über 2400 Kilometer hinweg? Dem Allerhöchsten sind die Distanzen egal, nur die Zahl der Hilferufe macht ihm zu schaffen. Es sind zu viele. Die Gründe sind bekannt. Wer multipliziert die Gründe? Dazu schweigt die oberste Instanz.

 

Der alten Frau tut es um ihre toten Nachbarn leid. Aber sie streitet nicht. Schon gar nicht mit Gott. Möchte nur, dass der Krieg bald vorbei sei, der Sohn wieder in ihrer Nähe, und seine Familie auch. Waren sie nicht immer dankbar? Haben sie das Meer der Felder und den Himmel darüber nicht geliebt? Den Staub und die Spaten in der Märzerde? Das goldene Korn und den blendenden Schnee?

Sie weint ohne Tränen.

Ein Hund leckt ihre nackten Fersen.

 

Mein Garten ist grün. Sattgrün. Aber mit Hoffnung hat die Farbe nichts zu tun. Ich sehe die Äpfel reifen, die Juniluft ist mild, Grasduft überall. Aber dort – brennt die Schwarzerde. Und Flüchtlinge machen sich nach Westen auf.

 

»Der Hunger nimmt zu«, sagt Franziska. »Du glaubst nicht, wie viele samstags am Bahnhof Zoo auf meine Suppe warten. Lange Schlangen. Jeden Samstag werden es mehr.«

 

Ich suche eine Bleibe für eine fünfköpfige ukrainische Familie. Drei kleine Kinder, der Vater ist armenischer Priester, die Mutter hat Deutsch studiert. Sie brauchen Ruhe. Wenigstens für ein paar Monate. Ein ländliches Pfarrhaus wäre ideal.

 

Sie heißen Alina, Anna und Alexandra. Sie möchten Hebamme, Journalistin und Influencerin werden. Alina verteilt Lebensmittel in Charkiw, Anna fotografiert die zerstörten Häuser, Alexandra hat Angst. Eigentlich möchte sie anderen Mut machen, aber ihr Gesicht zerfällt vor ihren Augen. Die Mundwinkel streben nach unten, der Blick irrt herum wie der eines gehetzten Wilds. Später, wenn alles vorbei ist, tröstet sie sich und ihre Freundinnen. Hinter dem »später« steht ein riesiges Fragezeichen.

 

Und da schreibt mir doch tatsächlich ein Unbekannter: Mallarmé lesen! Un coup de dés jamais n’abolira le hasard. Ein Würfelwurf wird niemals den Zufall auslöschen. Will heißen: du kannst noch so gesetzmäßig agieren, gegen den Zufall hilft alles nichts.

Buchstabenkolonnen, -girlanden, -sternbilder, dazwischen strahlend weiße Seiten, was soll’s. Das Leben schlägt unvermutet zu. Rekrutiert den Achtzehnjährigen am Kneipentisch. Da, unterschreib und komm mit! Noch hat der Junge nicht einmal sein Bier ausgetrunken.

Das Buch überlebt. Aber der Junge aus Lwiw?

Ma-ma, heißt der Uraltruf, Ma-ma!

Keiner hat auf dem Schlachtfeld je Ma-llarmé gerufen.

 

Es könnte lange dauern. Der Krieg könnte lange dauern. Die Erschöpfung könnte zunehmen. Die Ausweglosigkeit. Politiker wiederholen ihre Worthülsen, keiner hört mehr zu. Sie reisen nach Kiew und reisen wieder ab. Nur die Waffen sprechen eine deutliche Sprache.

 

Hier sorgt sich das Volk um die steigenden Lebensmittel- und Energiepreise. Und plant den großen Urlaub. Um zu vergessen, bei Meeresrauschen und farbigen Drinks. Wie heißt dieser unaussprechliche Ort nochmal, um den so verbissen gekämpft wird: Sewero-dododo. Egal. Diese vielen fremden Konsonanten. Aber doch, wir fühlen mit, wir sind nur müde. Niemand kann verlangen, dass wir uns um den Schlaf bringen. Die galoppierende Inflation reicht. Oder nicht?

 

Mein Kopf sortiert Zeitungsmeldungen. Und bleibt bei Zhadans Verszeilen hängen:

»Auf den Feldern vor der Stadt faulen die Sonnenblumen und die Gefallenen. / Die Sonne ist heiß wie eine Melone in der verbrannten Schwarzerde.«

Es ist Wassermelonenzeit. Am Nachmittag habe ich in saftiges rotes Fruchtfleisch gebissen. Es war kalt, direkt aus dem Kühlschrank.

Charkiw ist weitgehend ohne Strom.

 

In Uschhorod weint eine aus dem Osten der Ukraine geflüchtete junge Frau, weil sie einem Behinderten aus dem Donbass nicht helfen kann. »Tut mir leid, wir haben keine Transporte mehr, die Fahrt ist zu gefährlich.« Als der Mann am Telefon zu flehen beginnt, bricht sie in Tränen aus. »Verstehen Sie mich bitte, ich kann nichts tun!« Ihre Kolleginnen im Flüchtlingszentrum trösten sie.

Uschhorod liegt am westlichsten Zipfel Transkarpatiens, nahe zur ungarischen Grenze. Meine Großmutter mütterlicherseits besuchte hier das Gymnasium. Damals gehörte die Stadt zur k. und k. Monarchie, hieß auf Ungarisch Ungvár. Ein Verwandter meiner Großmutter war unierter Bischof. Die Unierten unterstanden dem Papst, folgten in ihren Riten aber der orthodoxen Kirche. Zu Sowjetzeiten durften sie nicht praktizieren.

Ein anderer Verwandter entging Repressionen, er war Maler. Malte in lebhaften Farben die Umgebung von Uschhorod: Hügel und Dörfer, blühende Gärten und weidende Tiere. Ein Gauguin der Karpaten, der mehrere staatliche Auszeichnungen erhielt und in hohem Alter als Junggeselle starb. Ich hätte Ernest Kontrátovics kennenlernen können. Und habe es, wie so vieles, versäumt. Aus Trägheit, aus angeblichem Zeitmangel? Zu spät, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Auf einer Reise von Kiew nach Budapest fuhr ich durch Uschhorod, stieg aber nicht aus. Im Morgengrauen sah ich die grünen Karpaten, der Zug ruckelte durch eine idyllische Landschaft. Der Bahnhof von Uschhorod lockte nicht.

Das war noch zu Sowjetzeiten.

Heute ist die Vielvölkerstadt Zufluchtsort für Flüchtlinge aus dem Osten. Die Straßen und Kneipen sind belebt, Musiker spielen auf, um gute Laune zu verbreiten. Noch haben die Russen die Gegend verschont. Über die ungarische Minderheit hält Viktor Orbán seine schützende Hand.

 

Hundstage im Juni. Die Hitze verschlägt mir den Atem. Sie kommt in Wellen aus Spanien. Backofenluft. Und Schlappheit, die nach Siesta ruft.

Kaum aber lasse ich den Gedanken freien Lauf, sind sie wieder dort, bei der Schwarzerde.

 

Was würde mein Vater zu diesem Krieg sagen?

In Budapest wurde er von der Gestapo gesucht. Mehrere seiner Freunde kamen nach Dachau. Einer, der überlebt hatte, nahm sich später das Leben.

Mein Vater war ein Gegner von Faschismus und Kommunismus, auch von Titos Sozialismus hielt er nicht viel. Er wollte in ein demokratisches Land, was ihm nach einigen Mühen auch gelang. Er glaubte an Freiheit in jeder Beziehung.

Die russische Kommandozentrale glaubt an Gewalt.

 

Oh, die Vögel, die Vögel! Ihr schneller Flug. Ihr helles Zwitschern. Aus den Büschen tönt es frivol.

 

Ob aus den ukrainischen Weizenfeldern noch Lerchen steigen?

 

»Ruiniert« ist die Vokabel der Stunde.

Mein Kopf wiederholt es unentwegt: ruinierte Leben, Gesichter, Häuser. Wer seit Wochen in einer U-Bahnstation ausharrt, auf einer feuchten, übel riechenden Matratze, folgt der Trägheit der Angst. Gebrochen ist er schon lange.

 

Wie würde ich mich verhalten? Bleiben schreckt, Fliehen schreckt. Eine gute Option gibt es nicht. Vielleicht die Wahrsagerin fragen? Die verfluchte Münze werfen?

 

Und dann dies: drei geschenkte Tage bei Freunden in Mondsee. Ein großes schindelgedecktes Haus, voll mit Bildern und nach Zirbe duftenden Betten, mit Balkonen ins Grüne und Blaue: hier der Wald, dort der See.

Der See ist ein Reservoir aus Licht, überwältigend hell. Da und dort Schattierungen, Schraffierungen. Gekräuseltes. Und Wellenschlag. Sofort überkommt mich Ruhe. Agiert so das Glück?

 

Natürlich muss man auf dem Rücken liegen und sich treiben lassen. (So Brecht.) »Wenn der Arm / Leicht aus dem Wasser in den Himmel fällt / Wiegt ihn der kleine Wind vergessen / Weil er ihn wohl für braunes Astwerk hält.«

 

Jetzt einmal still. Die Wasserfläche gleißt. Nichts zerreißt den Moment. Nicht einmal die Zeitung, die voll böser Nachrichten steckt.

Ich schaue. Liege. Lausche.

Am Horizont die Drachenwand.

 

Inge lebt hier. Sie ist Lichtmalerin, Weißmalerin. Fotografiert, spachtelt, pixelt. Ist dem Lichtspiel Tag und Nacht auf der Spur, sekundengenau. Während ihr Mann oben am Hang die isländischen Pferdchen füttert und die Heugabel schwingt.

 

Atmen. Weiteratmen.

Im Grüntee leuchtet ein Streifen Gold.

 

Um neun sitzen wir alle drei auf dem Balkon, Zeugen eines theatralischen Sonnenuntergangs. Aus dem flammenden Rot verschwinden allmählich die Gelbtöne, der Himmel wird kardinalfarben, dann violett. Der See dunkelt mit. Durch sein Lila geht ein Zittern, wie Gänsehaut. Es liegt an der Abendbrise.

Irgendwann wird alles tintenblau, dann nachtschwarz. Man hört nur noch das leichte Gluckern des Wassers. Wir hüllen uns in Wolldecken, schweigen.

 

Im Traum aber bin ich gefordert. Begegne in Moskau Wladimir Putin, bevor er eine Limousine besteigt. Spreche ihn energisch auf Russisch an: »Wladimir Wladimirowitsch, beenden Sie diesen Krieg, er kostet unzählige Menschenleben. Bitte sofort!« Putin hört sich meine Worte an, lächelt kurz und steigt in das dunkelgetönte Fahrzeug.

Beim Erwachen reibe ich mir die Augen. Was hat Putin in Mondsee zu suchen. Wie kommt es, dass er sich in Idyllen einschleicht, mein Unterbewusstsein in Schach hält. Dreimal ausspucken hilft nicht. Besser, die kongolesischen Ritualplastiken, die auf einer Truhe stehen, um Beistand bitten. Gegen das Böse darf auch schamanisch-voodoohaft vorgegangen werden. Oder nicht?

 

In der Basilika von Mondsee gotische Kühle und barocke Heiligenpracht. Die goldenen Seitenaltäre bergen Reliquien. Ein überlebensgroßer leidender Christus schaut sorgenvoll auf die ostasiatischen Touristen, neben sich Kreuz und Dornenkrone.

 

Ich war vierzehn, als wir in Mondsee Urlaub machten. Tags badeten wir, abends fuhren wir zu den Salzburger Festspielen. Von der Pension Leitner aus sahen wir direkt auf die gelbe Basilika mit ihren gedrungenen Türmen. Mutter nannte sie »Glucke«. Vor der Hitze flüchtete ich mich oft in das kühle Kirchenschiff, setzte mich in eine Bank und betete. Es war mir ein Bedürfnis. Wenn ich herauskam, schaute ich mir in der Vorhalle die römischen Reliefs an, entzifferte die Inschriften. Dort war ich leicht zu finden.

 

Die Erinnerungen wärmen. Die Erinnerungen machen wehmütig. Ich darf mich ihrem Sog nicht zu sehr überlassen.

Darum kaufe ich mir aus spontaner Lust ein japanisch inspiriertes kanariengelbes Baumwollkleid, obwohl ich nur dunkle Farben trage. Und freue mich kindlich über den sechsjährigen Hugo, dessen Kirschaugen schelmisch lachen.

Es gibt ein Jetzt. Es gibt, so Gott will, eine Zukunft.

Hugo baut im Wirtshaus Krone aus Bierdeckeln eine Pyramide. Bravo!

 

Wie wäre es zu bleiben: im Zirbenbett ruhen, mit Inge frühstücken, zig Namen für die Lichtfarben suchen, über Lapislazuli-Blau und Indigo lesen, nachts den Grasmücken zuhören, tagsüber dem Wellenschlag. Ohne Fernsehen. Verwandlung ist vorprogrammiert. Ich werde mit den Pferden sprechen.

 

Heute, am 21. Juni, kann sich der Tag nicht entscheiden, ob er zu Bewölkung oder Klarheit tendiert. Der längste ist er gewiss. Doch das Licht scheint fahl, lustlos. Und schon morgen ist der Höchststand überschritten, beginnt der Abwärtsgang.

Oksana zählt weder die Tage noch die Lichtgrade. Seit Charkiw von den Russen beschossen wird, lebt sie mit ihrer Tochter in einer U-Bahnstation. Ohne Himmel, ohne Wärme, mit einem Funken Hoffnung. Der immer kleiner wird.

 

Wie wäre es mit einer Schulter. Die stützt. Und schützt vor Schrecken und Schande. Mit einem Krug voller Blumen. Mag der Rest der Welt auch von Waffensystemen reden.

 

Es wird regnen. Der 21.6.22 wird eine Episode gewesen sein. Im langen Leben des Planeten. Aber Moment mal: Jedes Fliegengewicht zählt. A fly is not a lie. Nichts hat vergeblich stattgefunden. (Aufgabe: Beschreibe die Eckpfosten deines Glaubens.)

 

Nicht zulassen, dass das Gewissen unterminiert wird. Es gibt böse Wege. Überhaupt guckt Böses allerorten hervor. Tastet sich bis an den gehörlosen Rand des Kontinents.

 

Wie reagieren die Bewohner von Cherson, denen ungewollt russische Pässe verteilt, Rubel verordnet und russische Fernsehkanäle aufgezwungen werden? Lieber Ruhe unter Kuratel oder Partisanenkampf? Hochzeitspärchen machen den Anschein, dass sie Ersteres vorziehen. So bleibt ein Hauch von Normalität gewahrt.

Aber die anderen, die Aufmüpfigen? Wollen keine Bildschirme mit Propagandaflut. Keine Milizionäre mit Weiß-Blau-Rot. Keine Rubelscheine, Kopeken, keinen Blues hinter Staketen. Besatzung ist nicht Freiheit. Raus mit dir, Bruder!

Hinter vorgehaltener oder nicht vorgehaltener Hand heißt es: Raus!

Die Stimmen kommen aus Cherson, aus Berdjansk, aus Mariupol. Sie bilden riesige Cluster. Der Wind trägt sie hoch, als Einsamkeit getarnt.

 

Vladislava ist zum Ausharren in Moskau verdammt. So schnell wird sie die Verwandten ihres Mannes in Berdjansk nicht sehen. Kein Kinderurlaub am Schwarzmeerstrand. Der Besatzer hinterlässt Verwüstetes. Und hat das eigene Land in Geiselhaft genommen. Vladislava, die Übersetzerin, kann weder nach Berdjansk noch zu ihrer alten Mutter nach Vilnius. Litauens Grenzen sind gesperrt, Familie hin oder her. Auch die Grenzen der freien Meinungsäußerung sind unumstößlich. Ein falsches Wort – und du landest im Lager. Das Charisma des Übersetzers hat das Nachsehen.

 

Aber auch Starrsinn hat seinen Preis. Abgeknickte russische Großmachtphantasie. Niedergang von Wirtschaft und Aussichten. Noch lacht der Troll im Präsidentensessel, bis ihn ein Faustschlag trifft. Wann, wie, wo, wird sich weisen. (Bitte Fenster herunterkurbeln zur Wiedererkennung des Ganoven!)

 

Vieles ist Rudiment, was einst ganz war. Durch Fremdeinwirkung, durch die Zeit. Ständig sammle ich irgendwelche Fetzen und Reste auf, zaudernde Überbleibsel eines Damals. Ich schreibe Sonette, um zu retten. Ich lege Fotoalben aus, um das Gewesene zu umarmen. Die Bilder sind verblasst, sei’s drum. Dauernd locken nächstkleinere Dinge, hier ein Ring, dort ein Schlüssel. Ich frage sie nach ihrem Sättigungsgrad ab. Sie haben einiges zu erzählen.

 

Noch erinnere ich mich, wie wir mit ein paar Koffern aufbrachen, von Ungarn nach Ljubljana und Triest, von Triest nach Zürich. Die Losung hieß»Weiter«. Ich hatte weder Spielsachen noch Freunde. Ein Pelzhandschuh musste genügen.

Inzwischen sind mir Dinge Halt und Trost. Dinge, die mich zu Hause erwarten. Bücher, Bilder, eine vertraute Decke, ein karmesinroter Teppich, ein Brieföffner, der meinem Großvater gehörte, eine Kinderzeichnung meines Sohns. Der Löwe, einst gelborange, ist blässlich und zahm geworden. Die Zeit und der Küchendampf haben ihm zugesetzt. Aber wenn ich am Tisch sitze, schaut er mich an. Wir sind ein solides Paar.

Ich habe aufgehört, über nomadisches Denken zu sinnieren. Ich mag keine Bahnhöfe, keine Flughäfen mehr. Als ginge jeder Transit quer durch mich hindurch und ließe mich beschädigt zurück. In meinem Leben gab es Unterwegssein genug. Die neue Mobilität treibt mich stracks nachhaus.

 

Jetzt höre ich, dass Mark Belorusets und seine Frau Alla doch weggegangen sind. Weg aus ihrer schattigen Kiewer Wohnung, einem Büchereldorado, in dem es immer nach frischem Brot roch. Alla bewirtete jeden Gast großzügig, seit dem Krieg verlegte sie sich ganz aufs Kochen. Niemand soll hungrig bleiben, kommt, Freunde.

Durch Marks Kopf flogen Sprachen wie Vögel: Russisch, Ukrainisch, Deutsch, Jiddisch. Sie flogen, und übersetzend haschte er nach ihnen. »Babeln ist schön«, klang es aus ihm. Bis der Lungenkrebs kam. Die Operation mitten im Krieg. Und der Entschluss, sich in Berlin therapieren zu lassen.

Ich bin sicher, dass Mark und Alla jede Nacht von ihrer Wohnung träumen. Die glücklicherweise noch steht, mit den vielen liebgewordenen Dingen.

Abgelagertes Leben in den Regalen, auf der Couch, in den Kleiderschränken. Der Backofen mit Spuren von Verbranntem. Fotos an den Wänden, sie hängen schon seit Jahrzehnten. Das Sofakissen hat eine Verwandte gestickt. Die Töpfe und Krüge haben ihr Eigenleben. Sie werden verwaisen. Erst recht die Bücher.

Gibt es ein Zurück? Und wann?

 

Das fragen sich viele, die weggegangen sind. Sofern ihnen ein Zuhause geblieben ist. Home, sweet home. (Bitte verschont uns mit Containern und Zelten.)

 

Reversible Fluchtbewegungen, das gibt es. Wenn die Heimat letzter Anreiz ist. Wir wollten nicht weg, der Krieg hat uns gezwungen. Geht der Krieg zu Ende, kehren wir zurück.

Sagen viele Ukrainerinnen, die ihre Männer zurücklassen mussten.

Sagen so gut wie nie Afghanen oder Marokkaner, die eine Zukunft nur in Europa sehen.

 

Eingewöhnung braucht Zeit. Aber ohne Anpassung frisst sich die Fremdheit ins Fleisch und treibt ungesunde Blüten.

Mark rollt nun sein r, wenn er sich in der Berliner Charité mit den Ärzten auf Deutsch unterhält, die Sprache baut ihm Brücken. Andere fühlen sich taub und abgehängt.

Bleibt die Sprache der Gesten, der Zärtlichkeit. Manchmal auch der Gewalt.

 

Bleibt die Sprache der Zeichen. Kriegstraumatisierte Kinder greifen zu Stift und Farbe, erst zaghaft, dann mutiger. Die Sonne liegt unter einem zerstörten Haus. Ein kaputtes Auto auf einer menschenleeren Straße. Unter Bäumen ein ausgebrannter Panzer. Über einem Schulgebäude Rauch. Ein Soldat, das Gewehr im Anschlag. Und sind das nicht tote Menschen, neben grünen Grabkreuzen? Die Hände leiten ab, was in den Köpfen steckt. Auf dem Papier tut es weniger weh. Obwohl ein Kind auch mal in Tränen ausbricht.

 

»Ich habe die falsche Karte gezogen.« Sagt mein Sohn sarkastisch-resigniert. Hat er nicht. Will er sich denn selbst die Schuld an seiner Krankheit geben? Oder hadert er heimlich mit dem sogenannten Schicksal?

Es gibt nur ein Leben, das man als das eigene Schritt für Schritt vollzieht. Kaum einer wusste das besser als Imre Kertész, der mit vierzehn nach Auschwitz und weiter nach Buchenwald und Zeitz deportiert wurde, der die Lager wundersam überlebt hat, ohne Hass und Groll, und der es später fertigbrachte, das Erfahrene in Literatur umzusetzen. Es ging um sein Leben, um seinen Umgang mit dem, was das Leben ihm auferlegte – und (ja!) schenkte. Er stellte sich der Aufgabe mit einem Rest von kindlichem Vertrauen: Das bin ich, mag ich mir bisweilen auch als ein Anderer vorkommen.

(Jetzt bloß nicht dozieren, meine ich meinen Sohn zu hören.

You’re right.)

Aber das Lachen von Imre, dieses riesige, schallende Lachen, ich kann es nicht vergessen. Wie es seinen Mund aufriss, das Gesicht verjüngte, die Augen zum Strahlen brachte. Er wurde zum Kind. Zum großen, staunenden Kind. Das für Sekunden den Ballast der Geschichte und selbstquälerischen Reflexion abwarf. Ha! Seht mal!

Einem solchen Lachen gegenüber gibt man sich glücklich geschlagen. Für Imre, der alle Höllenkreise passiert hatte, war es reine Katharsis. Wie die Musik, egal ob von Mozart oder Mahler.

 

Während auf meinem Dach heftig gehämmert wird (Ersetzung der kaputten Firstziegel) und ab und zu ein Flugzeug im Landeanflug vorbeidonnert, weiß ich: Angst ist etwas anderes. Eine ständige Anspannung des Ohrs, um Geschützdonner und Fliegeralarm rechtzeitig zu registrieren. Schlaf und Musik verhindern die Wachsamkeit.

Ich frage mich, ob im Einkaufszentrum von Krementschuk, das gestern durch russischen Artilleriebeschuss in Flammen aufging, Hintergrundmusik lief. Es war Nachmittag, beste Einkaufszeit, mehr als tausend Menschen hielten sich dort auf. Nichts ahnend, die Stadt liegt weit von der Frontlinie entfernt. Gab es trotzdem Luftalarm? Zu spät? Oder blieb er ungehört? Viele schafften es nicht heraus aus dem Inferno. Die Zahl der Toten, Verletzten und Vermissten steigt weiter an.

Wenn das Hören zur Überlebensmaßnahme wird. Wenn das Ohr zu ständiger Wachheit gezwungen ist. Wenn Musik, die Trösterin, zum No-Go mutiert. Wenn der Kriegslärm die Sinne bis zum Wahnsinn strapaziert. Bloß nicht taub werden, bloß nicht.

 

Und wohin mit dem vielen Getreide? Die Silos sind voller Weizen, auf den hungrige Mäuler in Ägypten, Libanon, Syrien warten. Bald kommt die neue Ernte. Wohin damit? Nach Wochen hektischer Überlegungen, einen Teil des Weizens auf dem Schienenweg aus dem Land zu transportieren, erste Anzeichen einer möglichen Einigung mit den Russen, durch türkische Vermittlung. Schiffe dürfen in einer schmalen Passage aus Odessa den Bosporus ansteuern, wo sie gründlich auf Waffen durchsucht werden, bevor es weitergehen kann. Der Kreml will sich nicht auch noch vorwerfen lassen, eine riesige Hungerkrise ausgelöst zu haben. Aber sie ist längst da. Und Millionen Tonnen Getreide lagern immer noch in ukrainischen Silos.

 

24. August, die Ukraine feiert den 31. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit, mitten im Krieg. Dieser dauert schon sechs Monate, und ein Ende ist nicht abzusehen.

 

In der evangelischen Auferstehungskirche in Bad Oeynhausen schaut der Gekreuzigte auf einen schwarzen Konzertflügel. Daraus steigen entfesselte Klänge: Skrjabins 9. Sonate zerreißt den Raum. ER schaut und schweigt, ich schließe die Augen. Der Klangtumult macht schwindlig. Wohin mit diesen Tönen, die wie Fetzen zerstieben. Und plötzlich Stille. Jemand wischt sich den Schweiß von der Stirn. Dann Applaus.

 

Im Kurpark seltene Bäume: ein japanischer Kuchenbaum. Ich lehne mich an den Stamm, er ist glatt. Das Blätterdach spendet Schatten. An diesem schwülheissen Tag zählt nur der Schatten, der wie ein dunkler Teich im Gras liegt.

 

Andere Schatten sind spitz oder rhombusförmig, ihre Umrisse zittern im Wind.

 

Für meine Enkelin habe ich ein blauweiß gepunktetes Kleid gekauft, darauf tanzen drei rosa Mäuschen. Rosa muss sein, little girls like it. Ich sehe, wie sie mit ihrer kleinen Hand über die aufgenähten Tierchen fährt, sie abtastet. Dann zustimmend nickt.

Ella-Kind, noch weißt du nicht, was es heißt, sein Unglück zu vergessen. Du kennst keinen Krieg.

 

Ales hat sich vor einem Jahr verabschiedet, wollte sich gegen den Krebs nicht therapieren lassen. Die Proteste in Minsk hat er erlebt, die russische Aggression in der Ukraine nicht mehr. Wie sehr sie ihn verbittert hätte. Ich sehe seine hagere Gestalt, die Vogelaugen, die franziskanische Geste hin zu den Dingen: ob Farn oder Stein, ob Apfel oder Regen. Im Kleinen erkannte er das Große, das machte ihn demütig. Er dachte kosmisch, aber misstraute der Macht. »Aus räuberischer Ichsucht entstehen die Kriege dieser Welt«, sagte er bei einem Gang übers Feld. War es ein Gräberfeld am Rand von Minsk? Ich weiß nur noch, dass wir durch den Dämmer stapften, Richtung Bushaltestelle. Am selben Tag waren wir vor einer Senke gestanden, wo die Wehrmacht einst Hunderte von Juden erschossen hatte. Bloodlands, dachte ich. Ales schaute schweigend ins Grün.

Und da waren, im schweizerischen Zug, die leuchtenden Astern, die uns anders verstummen ließen. Rot, violett, tieflila. Aus umzäunten Gärten lachten sie uns an. Während der See im Nachmittagslicht funkelte.

Ales stammte aus Sjalez im äußersten Westen von Belarus, das Kind eines Dorflehrers, das mit Wäldern und Worten aufwuchs. Zwischen ihnen war ein heimlicher Austausch, es genügte zu lauschen.

»Lausche«, sagte Ales mit matter Stimme, als wir das letzte Mal telefonierten. Tatsächlich strengte ich mein Ohr an, um ihn zu verstehen. Aber es ging um anderes. Um die Antennen, die er schon ausgefahren hatte, Richtung Jenseits.

Er sendet mir Botschaften, ich lausche. Empfangsbereit.

 

Ständig die Geste zum Kopf. Er tut weh. Ich greife mir in die Haare, massiere die Kopfhaut, die Stirn, ungeduldig. Es soll bitte aufhören, sofort. Will aber nicht.

Andere Gründe, mir an den Kopf zu greifen, gibt es viele. Wie kann es sein, dass das größte Atomkraftwerk Europas, Saporischschja, ständigem Beschuss ausgesetzt ist? Können sich die beiden Kriegsparteien nicht wenigstens in diesem Punkt einigen, geht es doch um das Wohl aller? Aber nein. Die dringenden Mahnungen der Internationalen Atomenergieagentur, Kriegsgeräte aus der Turbinenhalle zu entfernen und das Gebiet um das AKW zu entmilitarisieren, bleiben ungehört. Die Russen wollen nicht, der Wahnsinn galoppiert in den Abgrund.

Daneben gibt es ukrainische Soldaten, die Kätzchen aus einem brennenden Haus retten. Verstand und Herz sind noch nicht verloren. Bei vielen. Aber bei den anderen? Gibt es einen Moment, wo alles kippt, und nur noch der Satz »Nach mir die Sintflut« gilt? Wo die Todesbereitschaft alles verdrängt?

 

Seltsam, diese defätistischen Verse von Thomas Kunst: »Als Dichter war man tot, ich brauchte Geld / Und sprach noch schnell KZ-Gedichte ein. / (…) Das Kämmen ging zur Not mit einer Gabel: / Den Schein zu wahren und auf nichts zu warten – / Das könnte diesen Totentanz beleben.« Teil eines Sonetts aus dem Band »Kolonien und Manschettenknöpfe«.

Ironie ist nicht immer am Platz, oder ich verstehe zu wenig davon. Weiß, wo mein Kopf sitzt, wie er schmerzt, Totentänze kenne ich nur von mittelalterlichen Fresken. Aber es hat sie – in Dichters Imagination – wohl auch in der DDR gegeben. Und da galt es, alles zu unternehmen, um sie »zu beleben«. Wer reüssiert, überlebt.

 

Ein älterer Ukrainer hat Haus, Hof und Habe verloren, jetzt lebt er mutterseelenallein in Transkarpatien, Frau und Sohn sind noch vor Beginn der Bombardements ins Ausland geflohen. Er lebt, fragt sich selber nur, wozu. Alles Vertraute wurde ihm genommen, durch Heldentaten hat er sich nicht hervorgetan, ein einfacher Mann. Überflüssig sitzt er auf einer Wiese. Und könnte sich gleich sein eigenes Grab schaufeln.

 

Der Frühherbst hält Einzug, mit ersten gelben Blättern und böigem Wind. Er fährt in die Büsche, wühlt sie auf. Die Temperatur fällt und steigt, fällt erneut, nichts hält sie mehr im Gleichgewicht.

Nora schickt mir ein Foto vom jüdischen Friedhof in Czernowitz: aufgerissener Himmel, schräge Grabsteine, ein herumstreunender Hund. Sie war allein, als mehrere Hunde sie umringten. Offenbar flößte sie ihnen Mitleid ein, denn sie ließen von ihr ab. Zwischen Unkraut und Gestrüpp wachte sie über die Ruhe der Toten.

 

Iryna, was bringt dich zum Weinen? Dass dein Exil dauerhaft wird, die Gurkengläser in deiner Minsker Wohnung verwaisen, der Teppich verstaubt? Hier in Hinwil richtest du dich ein: Bett, Sofacouch, Tisch, Stühle, ein Büchergestell, auf dem Balkon Blumentöpfe. Die Nachbarn grüßen. Doch ein Zuhause ist mehr. Bewohnt von der Muttersprache, durchdrungen von Kindheitsgerüchen, auf dem Sims eine Flasche Buttermilch. Wenn du den Kopf an die Wand schlägst, weißt du, warum. Hier, am Fuße des Bachtels, ist alles erlaubt, alles einerlei. Hauptsache, du bezahlst pünktlich die Miete. Wo dich die Einsamkeit zwickt, interessiert keinen.

Das anonyme Bad der Freiheit, sagst du, sei ein zu großes Meer. Man geht unter, völlig unbemerkt. Während der Diktator einen mit seiner Knute adelt.

Der Diktator. Ein Gespenst, das in die hintersten Winkel der Träume vordringt, da wo die hauseigenen Dämonen ihr Unwesen treiben. Es gibt keine Rettung. Mag das Exil noch so sicher, das Heimweh noch so stark sein.

Limbo, heißt dieses Zwischenreich. Ein Zustand doppelter Entfremdung, weil das Früher nicht mehr gilt, das Jetzt aber noch unheimisch ist.

Wie kann ich dir helfen? Wann steht Ankunft an? Und mit wie viel Grün? Von mittlerem Glück ganz zu schweigen.

 

Als Juri in Lana über Dostojewski herzog, versuchte ich die Ruhe zu bewahren. Sagte: »Nabokov mochte ihn auch nicht.« Darauf er: »Na eben.«

Das war Taktik, kein Einvernehmen.

Ich wechselte das Thema, tätschelte Juris weinrote Wange, der Lagreiner hatte es ihm nach einem arbeitsreichen Tag angetan.

Dann gingen wir den stockdunklen Weg zurück in die Villa. Erst als der Schlüssel sich im Schloss drehte, ließ ich seinen Arm los.

Den Arm dessen, der Dostojewski einen Unmenschen gescholten hatte.

Wie viel Hilfe braucht der Mensch? Und um welchen Preis?

 

Isjum, Balaklija, Kupjansk, die Front im Donbass bewegt sich wie eine schlängelnde Viper. Keine Geraden. Vorstöße, die von Rückschlägen abgelöst werden.

Noch nie im Leben habe ich Militärkarten und Frontverläufe studiert. Doch plötzlich zählt jeder Kilometer, den die Ukrainer vom Feind zurückerobern, jede zerstörte Brücke, jede Blockierung von Nachschubwegen. 50 km Geländegewinn ist gewaltig.

Ich denke an die weite, leicht hügelige Landschaft des Donbass, der zum Schlachtfeld mutiert ist. An die Unschuld der Felder, Flüsse, Ortschaften. An die umzäunten Katen mit Federvieh und Nutzgarten. An ihre bescheidenen Bewohner, bedroht von Artilleriefeuer. Nadeschda reinigt gerade das Außenklo, als es in der Nähe knallt. Bumbum, dann Brand und Rauch. Und verzweifeltes Gekläff. Vom Nachbarhaus ist nach kurzer Zeit nichts mehr übrig. Eine Frau schreit: Zieht ab, ihr Hundesöhne!

Solche Dramen sind auf keiner Militärkarte verzeichnet.

 

Katja sagt: »Ich finde keine Worte.« Gemeint ist der Krieg in der Ukraine, aber nicht nur. Versucht sie zu schreiben, versagt der Stift. Nichts zu machen, also lernt sie mit Inbrunst Hebräisch.

Wir sitzen im Zug nach Bern, dann nach Zweisimmen, dann nach Saanen. Rundum grüne Wiesen, mit weidenden Kühen und Schafen. Alles so friedlich, und die Landschaft wie ein riesiger Park. Als der Thunersee auftaucht, knipst Katja sein Blau. Als die Hänge steiler und die Berge schroffer werden, knipst sie Felsen und Schluchten. Und schließlich die überall hingestreuten Holzchalets mit ihren tief sitzenden Dächern und fröhlichen Balkons, die perfekt in die Umgebung passen.

Der Himmel ist mal verhangen, mal zeigt sich in einem Wolkenloch der Azur. Angekündigt waren Regen und Schnee, doch setzt sich immer mehr die Sonne durch. Katja lacht aus ihren Augen, lacht und knipst. Und fragt jäh, wie ich es mit dem Alter halte. Draußen Alpweiden, die nichts mit diesem Thema zu tun haben. Ich fasse mich. »Es gibt ruhige Phasen, es gibt akzelerierte Phasen. Es gibt Phasen der Einsamkeit und solche der Fülle.« Ob Katja mir glaubt? Mit ihren 52 Jahren ist sie noch weit von meinen 76 entfernt. »Vielleicht läuft die Zeit etwas anders«, füge ich hinzu, »die Monate vergehen wie Tage. Kaum war Mai, ist schon September.« Katja schaut mich wissend an. Und landet, mit einem dissoziativen Sprung, bei der Liebe. Wie ich es mit der Liebe halte?

Daraus wird eine längere Geschichte, obwohl ich mich auf die letzten zwanzig Jahre beschränke. Amour fou, Schnitt, Askese. Ich will nicht als hungriger Wolf durch die Welt laufen, sondern arbeiten, Freundschaften pflegen, mit den Enkelkindern spielen. Zärtlichkeit ist großgeschrieben, ja. Was nicht heißt, dass ich nach einer schützenden, stützenden Schulter Ausschau halte. Aber schön, wenn man dir ungefragt ein Glas Tee reicht. Diese kleinen Gesten. Und ich stimme ein Loblied auf meine Nachbarn an.

Katja hört zu, schaut. Wir schauen zusammen durchs Fenster. Im Panoramazug von Zweisimmen nach Montreux reichen die Fenster bis zum Dach aus Glas. In mäßigem Tempo gleiten wir durch die Landschaft. Jetzt ist jetzt.

Erst am folgenden Tag, auf der Rückreise, stelle ich Fragen. Nach Katjas Jugend in Kiew und ihrer Studienzeit in Tartu, nach ihren Erfahrungen in Tbilissi zur Zeit der Pandemie. Das würde Bücher füllen. Katja erzählt sprunghaft. Einiges habe sie aufnotiert, nur könne sie sich nicht zwischen den Sprachen entscheiden: ihrer Muttersprache Russisch und dem vor zwanzig Jahren erlernten Deutsch. Ein ewiger Konflikt. Ihre Zerrissenheit macht ihr auch sonst zu schaffen. »Ich gehöre nirgendwo hin.« Das nennt sich Leben im Dazwischen.

Nun sei ihre Berliner Wohnung auch noch zur WG mutiert, in der sie ihre aus Kiew geflüchete, gehbehinderte Mutter unterbringen müsse. Ein Chaos. Katja bürdet sich mehr auf, als sie zu stemmen vermag. Sie ist eine Alleswollerin mit hohem Gefährdungsgrad. An ihrem rechten Ohr baumelt ein hellblauer Ohrring. Ohrringe trage sie nur noch einzeln, weil sie immer einen verliere.

Mädchen, will mir über die Lippen, pass auf dich auf.

In Zürich küsse ich sie, als wäre sie meine jüngere Schwester. Gleicht sie nicht jenem scheuen weißen Pferd, das sie auf einem Foto verewigt hat? Wie ein mythisches Einhorn schaut es aus dem Dickicht, fremd und verirrt.

 

Das lebenslange Unbehaustsein der Marina Zwetajewa. In ihrem Notizheft notierte sie am 14. Mai 1932 (in Clamart bei Paris): »Es geht nicht um Paris, es geht nicht um die Emigration – dasselbe war in Moskau und zur Zeit der Revolution. – Mich braucht keiner: mein Feuer braucht keiner, weil man darauf keine Grütze kochen kann.«

 

Heute fliehen junge Russen vor der Mobilmachung, zerstreuen sich über Nacht in alle Himmelsrichtungen. Hauptsache: weg, auch wenn die Zukunft in Istanbul, Tbilissi oder Helsinki völlig ungewiss ist. Das Risiko, als Kanonenfutter verheizt zu werden, erscheint ihnen ungleich größer, als in Armut und Obdachlosigkeit zu enden. Sie organisieren sich, vernetzen sich, leisten sich gegenseitig Hilfe. Ein gemeinsamer Feind eint. Derweil schlagen die Wellen der Meere, ob Ostsee oder Schwarzes Meer, gleichgültig ans Ufer. Starrst du in Helsinki oder Petersburg ins Wasser, in Sewastopol oder Batumi, du wirst keine Antwort bekommen. It’s all the same, nur die Menschenfresser rauben Land, vertreiben, was das Zeug hält.

 

Manchmal knallt es in meinem Kopf, weil er den Ansturm der Fragen nicht mehr bewältigen kann. Warum, warum. Willkürliche Annexionen ukrainischer Gebiete, auf dem Roten Platz hymnisch besungen. Bosnien droht zu zerfallen, weil drei Ethnien nur auf Eigeninteressen bedacht sind. In den USA grassiert der Spaltpilz, während Hurrikane verheerende Zerstörungen anrichten. Klein-Ella hat eine Nierenbeckenentzündung, mit anderthalb, und weint. Ich möchte sie trösten, aber nur Antibiotika helfen. Gäbe es wenigstens Medikamente gegen alle Unbill. Doch nein. Mal müssen Waffen her, mal waltet das blinde Schicksal. Und trotz eingestandener Klima- und anderer Sünden ist die Unverfügbarkeit nicht aus der Welt. Sprich: eine gewisse Ohnmacht.

Der Kopf, der Kopf, der Kopf. Wie soll er es richten.

 

Im Friedhof Nordheim wurden acht einsam verstorbene Menschen beigesetzt. Sie hatten niemanden, der sich um sie gekümmert hätte. Darum sind wir da, ein paar Lyriker, um ihnen ein letztes Wortgeleit zu geben. Die acht Urnen sind auf einer langen Bank aufgereiht, dekoriert mit einer Rose. Im Gras acht ausgehobene runde Löcher, der Ort ihrer Bestimmung. Nathalie spricht, dann Melanie, dann ich. Der Regen strömt, prasselt auf die Regenschirme. Ein Trompeter, unter dicker Pelerine, bläst tapfer in sein goldleuchtendes Instrument.

Filomela, hebe ich an, du hast ausgesungen, Nachtigall. Mit 74 Jahren ist deine Stimme verstummt. Woran hast du in deinen letzten Minuten gedacht? An die Kindheit, die Geschwister, deinen geschiedenen Mann? An das Meer, an eine zärtliche Hand?

Es ist schwer, ein Leben zu imaginieren, von dem nur dürftige Daten vorliegen. Nicht einmal Herkunft und Heimatort sind bekannt. Rumänien vielleicht, eine Vermutung. Und vermutend kreise ich sie ein, Filomela O., die mit ihrem schwarz gefärbten Haar und ihrer blassen Haut etwas Schneewittchenhaftes gehabt haben soll. So die Serviererin des Aargauerhofs, wo Filomela regelmäßig einkehrte. Auf ein Gläschen, sie mochte Wein. Und mochte Zigaretten.

Fast ist es ein Porträt geworden, oder zumindest eine Umrisszeichnung mit einigen farbigen Akzenten. Denn Filomela ist mir langsam ans Herz gewachsen.

Als ihre Urne versenkt wurde, streute ich ein Büschel Kamille darüber.

Die Abschiede von den acht Einsamen waren würdevoll. Der Trompeter spielte, der Himmel weinte. Dann gingen wir stumm unserer Wege. Da und dort ein roter Ahornstrauch.

 

Von Zeit zu Zeit taucht in meiner Erinnerung eine alte Episode auf, die mich immer noch mit Scham, ja Schuld erfüllt. Dabei lag es mir fern, einen großzügigen Gastgeber zu beleidigen.

Peter lud mich am Nachmittag zu sich nach Hause ein. Wenige Stunden später sollte ich vor Grazer Literaturstudenten über meine Poetik sprechen. Ich war etwas aufgeregt. Als ich das Zimmer betrete, erwartet mich ein reich gedeckter Tisch mit vielerlei Speisen, darunter köstlichen jüdischen Spezialitäten. Peter, ein begnadeter Klezmer-Musiker, will mich offensichtlich bewirten. Damit hatte ich zu dieser Uhrzeit überhaupt nicht gerechnet. Mit Gesprächen über Musik schon, nicht aber mit einem Festmahl. Völlig überfordert, koste ich nur Häppchen. Auf Alkoholisches verzichte ich ganz. Der Magen weigert sich, zusammen mit dem Verstand. Während Peter zunehmend enttäuscht dreinschaut. Erklärungen helfen nichts, ich habe ein Gesetz gebrochen: denn Gastfreundschaft darf man nicht ablehnen. Iss, trink, freu dich des Lebens. Vergiss, was nachher kommt.

Schon beim Weggehen wusste ich, dass ich Peters Chassiden-Seele gekränkt hatte. Tief gekränkt. Und es war nicht wiedergutzumachen.

Die Sache nagt noch immer an mir. Warum habe ich ihn nicht an einem freien Abend getroffen, ohne Verpflichtungen, sorglos und bereit, ein wenig über die Stränge zu schlagen (obwohl mir das von Natur aus schwerfällt). Und warum hat er mein Verhalten als persönliche Zurückweisung erlebt. Ich stolpere durch das Dickicht kultureller Missverständnisse, die wir nie ausgeräumt haben. Denn Peter verstummte. Brach den Kontakt ab. Und ich hatte nicht die Kraft, mehr als eine Entschuldigung vorzubringen.

 

Eine Pause im Reifen des Herbstes? Böiger Wind, die Vögel irgendwie verzagt. Tausende Meilen westwärts, in Florida, stehen Menschen vor den Trümmern ihres Hauses, in das sie ihr ganzes Erspartes gesteckt hatten. Ein einziger Hurrikan hat alles zunichte gemacht. Und im Osten, in der Ukraine, geht der Kampf weiter. Liman im Gebiet Donezk ist zurückerobert, weinende Frauen umarmen die ukrainischen Befreier. Schauen zu, wie die blau-gelbe Flagge gehisst wird. Ansonsten Ruinen, zerschossene Fahrzeuge, aufgerissene Straßen, Tote, kein Strom und Wasser.

Und das Erschrecken, dass es die gleiche Sprache ist, die für Waffen, Leidenschaft und Statistik herhalten muss, für Hass und Erbarmen.

 

Serhij Zhadan schreibt, die Welt zeige sich hoffnungslos ungeeignet für das Leben.

Thomas Kunst schreibt, »in die Sahne gesteckte Waffeln, Geduld und Irrsinn führten nie zum Ziel«.

Taneda Santōka schreibt: »Dunkle Wolken / Kommen und gehen / Trinke klares Wasser.«

 

Mich anfreunden mit der Ratlosigkeit. Was ich nicht weiß, kann ich nicht wollen.

Aber beobachten: das geht. Wie die Natur sich häutet, wie der Enkel wächst (schon mahnt er: »Konzentrier dich, Ilma!«), wie die Zeit sich staut und beschleunigt, wie die Haut altert, wie das Virus endemisch wird, wie sich Briefe und Zeitungen stapeln, wie die Schaufenster der Buchläden überborden, wie sich die schlechten Nachrichten häufen, wie Tränenfabriken aus dem Boden schießen. Und wie sich die Stille mehrt, in langen Nachtstunden.

 

Die Iranerinnen wagen es, auf die Straße zu gehen und gegen die brutale Sittenpolizei zu protestieren. Junge und ältere Frauen, mit Hidschab oder ohne, im Tschador oder in Jeans und kurzem Mantel. »Nieder mit der Diktatur!«»Frau, Leben, Freiheit!« Auch Männer protestieren mit, haben genug von diesem ausbeuterischen Regime. Es gärt im Land, mit Knüppeln, Tränengas und Festnahmen ist dem Volkszorn kaum noch beizukommen. Und die ewiggleiche Leier der Regierenden, das Ausland, sprich Amerika und Israel, steuere die Proteste, verfängt nicht mehr. Es gärt, es brodelt überall. Der Aufruhr hat ungeahnte Ausmaße angenommen. Und trotz brutaler Gewalt strömen die Menschen weiter auf die Straße. Fragt sich, wer den längeren Atem hat. Denn auch die Leidensfähigkeit hat ihre Grenzen.

Als ich vor ein paar Jahren mit Teheraner Studentinnen zusammensaß, waren sie unglaublich interessiert, Näheres über das Leben in der Schweiz, in Deutschland oder Frankreich zu erfahren. Sie luden mich zum Essen ein, stellten Fragen, ernst und heiter zugleich. Wir tranken Tee in einem schattigen Lokal am Rande eines Parks, wo Kinder spielten und Musiker über die Saiten strichen. Ich spürte, diese Frauen sind stark, ausdauernd, verfolgen ein Ziel.

In Isfahan sprach mich eine Gruppe von Schülerinnen auf Englisch an, sie wollten mehr über das Schulsystem in Europa wissen. Wir kamen in ein lockeres Gespräch. Die Augen der Mädchen funkelten schalkhaft.

Bei Hafis Grab, in Schiras, passierte dasselbe. Fünf in Tschador gekleidete Mädchen, hübsch untergehakt, bestürmten mich mit Fragen. Ihr Englisch war eher dürftig, aber wir verstanden uns. Wie sollte ich auf ihre Neugier nicht eingehen?

Über die Hälfte der Studierenden im Iran sind Frauen. An den Universitäten benutzen sie andere Eingänge als ihre männlichen Kollegen. Auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln herrscht Geschlechtertrennung, angeblich zu ihrem Schutz. In Wirklichkeit nervt es die Frauen, so wie die islamischen Kleidervorschriften.

Wir sind doch im 21. Jahrhundert, skandieren die aufgebrachten Protestierenden, deren zornig-stolze Gesichter ich im Fernsehen beobachte. Sicher sind unter ihnen auch einige »meiner« Mädchen von damals.

 

Apropos Teheran: mein Übersetzer Ali zeigte es mir von einer besonderen Seite.

»Du glaubst, verbotene Literatur ist nirgendwo erhältlich? Weit gefehlt.«

Und er führte mich in ein riesiges, mehrstöckiges »Bücherhaus« mit labyrinthischen Gängen und zahllosen Räumen, die oft nicht größer als eine Zelle waren. In einer dieser »Zellen« hatte einer seiner Freunde ein Antiquariat. Neben alten Büchern verkaufte er unterm Ladentisch aber auch Raubkopien verbotener Literatur, ob Nabokovs »Lolita« oder Grass’ »Blechtrommel«. Sie kamen aus Afghanistan oder von weiter her, der Erfindungsreichtum der Schmuggler kannte keine Grenzen. Das galt auch für CDs. Alles, was in Amerika angesagt war, fand seinen Weg nach Iran.

Der schmächtige Antiquar von ungesunder Gesichtsfarbe bot uns Kaffee an, dann kamen weitere Kunden, und wir verließen den winzigen Raum.

Ali zeigte mir zwei, drei Buchhandlungen in der Nähe. Wir entdeckten Bücher von Jean-Paul Sartre und Marguerite Duras, auch Max Frisch gehörte zum Sortiment.

Gar nicht schlecht, dachte ich, als wir auf die Straße hinaustraten.

Es war dunkel geworden, und wir hatten Hunger. Nur wenige Schritte entfernt duftete es aus einer winzigen Bäckerei. Wir kauften zwei ofenfrische Fladenbrote, verzehrten sie gierig im Stehen. Irgendwo ertönten Polizeisirenen, es war kurz nach acht. Wie lang die Läden geöffnet hatten, wusste ich nicht. Ali lotste mich durch die Großstadt, zeigte mal nach links, mal nach rechts. Beim Überqueren der breiten Straßen, deren chaotischer Verkehrsstrom keine Lücke ließ, packte er mich resolut am Arm: Komm! Ein halsbrecherisches Manöver, das ich allein nie bewältigt hätte.

Ali hatte Nerven, er übersetzte Schopenhauer.

Heute lebt er mit seiner Familie in Berlin.

 

Traum

Putin lädt mich in ein Sommerhaus ein, wo auch offizielle Anlässe stattfinden. Er zeigt mir die Umgebung: eine Art Auenlandschaft mit seichtem, brackigem Wasser. Immer wieder bricht er Äste ab und steckt diese in die Erde, als wollte er Bäume pflanzen. Auf ein Grasrund legt er ein kleines Sträußchen.

Die Räume des Hauses wirken auf den ersten Blick einladend, mit farbigen Tapeten und Vorhängen. Doch in den Ecken Staub, und auf der Rückseite der Vorhänge lauter Flecken.

Bei einem kurzen Tête-à-tête schlägt Putin vor, ich solle über unsere Melancholien (sic!) schreiben. Seine und meine? Glaubt er sich durchschaut? Mich durchzuckt der Gedanke, ich würde in Geiselhaft genommen, müsse etwas liefern, was ich nicht will.

Zum Empfang und Diner bin ich nicht eingeladen, verfolge aber einiges aus Distanz. Sehe den schwarzen Cembalisten, der herzhaft in die Tasten greift, die in Dirndl gekleidete Katzenspezialistin, mit einem Stapel Tierzeitschriften unterm Arm.

Zweimal hält Putin nach mir Ausschau, ohne mich in den Saal zu bitten. Offenbar langweilt er sich mit seinen Gästen.

Wozu hat er mich ausersehen? Vermutet er in mir eine Verbündete? Bald darauf nehme ich Reißaus.

(Ein geradezu zivilisierter Traum, während ich seinen Protagonisten von Herzen hasse.)

 

Die Schüler des Konstanzer Humboldt-Gymnasiums hören aufmerksam zu, die Ellbogen auf den Tisch gestützt. Ich lese Gedichte. Über das strahlende Rot einer Mohnblume an einem düsteren Tag, über Tschernobyl, den Schnee, das Überdauern der Dinge.

Sie wollen wissen, seit wann ich schreibe. Wollen wissen, was ich unter Dringlichkeit verstehe. Wollen wissen, ob ich mich vor einer atomaren Katastrophe in der Ukraine fürchte.

»Ja«, sage ich. »Vor einem Reaktorunglück in Saporischschja, wo der Beschuss nicht aufhört. Und davor, dass Putin, in die Enge getrieben, zu Atomwaffen greift.«

Schweigen und große Augen.

Es ist bitter, am 6. Oktober 2022 solche Szenarien erwägen zu müssen. Wie gerne würde ich von Ermutigendem sprechen.

Dann aber klatschen sie wie verrückt und zerstieben unter lautem Lachen in alle Winde. Junge Menschen eben, die sich die Lebensfreude nicht nehmen lassen.

(Serhij Zhadan: »Warum reden die Dichter eigentlich nicht von der radikalen / kindlichen Unbekümmertheit?«)

 

Die portugiesischen Gärtner singen, singen, auch wenn sie aufs Dach klettern. Vielleicht haben sie es von den Vögeln gelernt.

 

Vorbei die Zeit, als mich beim Erwachen rote Äpfelchen grüßten. Längst sind sie im Gras verfault, neben modrigen Pilzen. Auch die Schmetterlinge und Bienen sind rar geworden.

Bald kommt die Kälte, sie kommt bestimmt. Mit ihr werden die Flüchtlingsströme anschwellen.

Mit ihr steigt der Wert eines Gedichts, so Serhij.

 

Die Grausamkeit des Kriegs pervertiert alle und alles. Aus friedlichen Bürgern werden rabiate Nationalisten. Auch unter Ukrainern. Dass der diesjährige Friedensnobelpreis nicht an Wolodymyr Selenskyj gegangen ist, empfinden sie als gewaltigen Affront. Ausgezeichnet wurden der belarussische inhaftierte Menschenrechtsanwalt Ales Beljazki, die vom Kreml liquidierte russische Menschenrechtsorganisation »Memorial« und das ukrainische Zentrum für Bürgerfreiheiten. Eine auf Ausgleich angelegte Entscheidung. Mit Emotionen ist kein Staat zu machen. Doch der Volkszorn tobt.

 

Im Fernsehen aufgebrachte deutsche Wutbürger, deren Wut sich so ziemlich gegen alles richtet, was die individuelle Freiheit angeblich beschneidet. Sollen sie in die Ukraine gehen, um echte Probleme zu besichtigen (fährt mir durch den Kopf), man kann es mit Protesten auch übertreiben.

Daniel Kehlmann in einem Interview: er rechne mittlerweile mit allem, sogar mit der Invasion von Aliens.

Wer zieht uns als erster den Stecker?

 

Wer an Platzangst leidet, hält es in dunklen Kellern nicht aus. Lieber begibt er sich ins Freie und in Lebensgefahr, wenn draußen Krieg tobt. Justa rennt hinaus, nicht ohne sich – wie jedesmal – zu bekreuzigen. Dann aber explodiert in ihrer Nähe eine Mine. Von Minensplittern übersät, wird sie mit dem Krankenwagen ins Spital gebracht. Eine Operation, eine zweite. Sie scheint zu überleben. Um sich – im Traum oder in der Wirklichkeit – wieder hinauszuschleichen, aus dem fensterlosen Krankenzimmer, barfuß, im Spitalhemd. Wie angenehm die Fußsohlen das Gras berühren. Wie gut es im Park nach frischem Grün duftet. Neben dem katholischen und dem orthodoxen Friedhof bekreuzigt sie sich und betet für alle Verstorbenen. Als drei Soldaten vorbeikommen, schlägt sie auch über diese ein Kreuz. Auf die Frage, warum sie das tue, sagt sie: Ich habe ein Rendezvous mit Gott, vor dem Kino Dubrovnik. Die drei lachen.

Gott ist klein, kaum zu erkennen in der Menschenmenge. Zusammengekauert sitzt er auf dem Boden, neben einem Schaufenster. Bald werde er allein sein, sagt er. Und sie, Justa, schweigt.

Beerdigt wurde sie in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof des Heiligen Joseph. In Sarajevo. Während der Belagerungszeit.

So (oder ähnlich) erzählt es Miljenko Jergović in »Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro remastered«. Auch Gottsucherinnen haben es schwer.

 

Missratene Schöpfungsgeschichte

Als Gott die Welt erschuf, kümmerte er sich nicht um Groß- und Kleinkriminelle. Er achtete auf die schönen Flugformen der Wildgänse, auf das aparte Fell der Zebras und Giraffen, auf das Rot der Korallen und das Tiefblau der Meere. Lässt sich sehen, war seine Devise, das Auge freut sich. Gefühlvoll faltete er Berge, ebnete Schluchten. Hier Sand, dort Schnee, hier fette Wiesen, dort Fels und Geröll. Es wurde mehr. Und mehr und mehr. An Vielfalt, an geologischen Formationen, an gigantischen Tiergärten, an Kontinenten und ewigem Eis.

Nur der Mensch machte ihm zu schaffen. Er mochte ihn nicht. Diesen herrischen Zweibeiner, der herumlief wie ein Eroberer. Mein, mein, mein, tönte es von überall. Sonst hau ich dir eins in die Fresse.

Er ließ ihn laufen, auf gut Glück. Ihn interessierten Delphine, Salamander und Wale, Schnecken, Schlangensterne und Fischläuse, Braunbären, Schafe und Papageien, Pinguine, Kamele und Nilpferde. Er gab ihnen Nahrung und Raum. Und den Vogelscharen einen freien Himmel. Wer in den Lüften sang, den liebte er besonders. Manchmal sang und zwitscherte er mit, im großen Chor der Vögel.

Derweil das verunglückte Wesen Mensch vor Gier verging. Seine Arme konnten nicht lang genug sein, seine Füße nicht schnell genug, seine Sprengschnüre nicht wirkungsvoll genug, seine Knüppel nicht hart genug. Schlagen, stoßen, hauen, stechen, und von vorn. Essen, sich vermehren, und wieder von vorn.

Eine Blamage, sagte sich Gott, nur ist es zu spät. Der Zweibeiner zeigt Willen und Geschick.

Da dachte er zum ersten Mal über Frieden nach. Über einen Zustand ohne Randale. War er nicht selbstverständlich? Woher diese Wut des Zweibeiners? So hatte er sich das nicht vorgestellt. Da ist ihm etwas entglitten. Vor lauter Begeisterung über die Farbenpracht der Tiere und Pflanzen. Vor lauter …

 

Der kleine Enkel ist ein Ästhet. Die Socken müssen zu den Schuhen passen, der Pullover zur Hose. Prüfend schaut er in den Schrank, zieht mal dies, mal das heraus. Am meisten Spaß macht ihm die Verkleidung: Ich bin ein Polizist, ich bin ein Doktor, ich bin ein Bauarbeiter! Manchmal will er Spiderman sein, ein Astronaut oder ein Rochen. Es gibt Kostüme, doch nicht für alles. Die Idee, sich in einen Rochen zu verwandeln, ist besonders. Da muss das dunkelblaue Pyjama mit den weißen Sternen her, es gleicht am ehesten den Farben des seidenweichen Plüschfisches, den er im Bett hütet.

Wir tun, als ob, heißt die Devise des Viereinhalbjährigen. Eine fortgeschrittene Devise. Da wird eine Plastikdose zum Arztkoffer, ein Kochlöffel zum Schwert, eine Brille zum Fernrohr. Und ein in Fetzen gerissenes dünnes Papiertaschentuch zum Futter für die hungrigen Stofftiere.

Hüte, Helme, Mützen: aufsetzen!

Droht nicht irgendwo Gefahr? Vielleicht lauert sie in Gestalt eines Ganoven. Darauf muss man vorbereitet sein.

Im Kopf des Enkels tummeln sich Bösewichte und Jäger, die auf unschuldige Rehe schießen. Zum Abwehrzauber gehört der Griff in den Kleider- und Spielzeugschrank. Und ein langgezogenes »Huuuuu-h!« Das besagt: Weg mit euch, sonst …

Wir spielen, wir sind viele, wir vertreiben Eindringlinge und schützen den hilflosen Eisbären Lars. Fällt er von der Klippe, kommt Doktor Theo herbeigeeilt und verbindet seine verletzte Pfote.

Spielen ist schön. Die Zeit vergeht, ohne zu vergehen. Weil wir wie Flugkörper in einer andern Welt gelandet sind.

Umlaufbahn X.

Zeitzone Y.

Bitte kein Abendessen, es ist noch zu früh!

 

Die Russen bombardieren, was das Zeug hält. Seit sie am Boden kaum weiterkommen, feuern sie Raketen ab. Vor allem auf ukrainische Elektrizitätswerke, auf Versorgungsanlagen, auf kritische Infrastruktur. Ein Viertel aller Elektrizitätswerke ist zerstört. Und der Winter steht bevor.

Was macht man im obersten Stock eines Hochhauses, ohne Strom? Der Aufzug fährt nicht, man tastet sich durch die dunkle Wohnung. Sucht nach Kerzen und Streichhölzern oder nach einer Taschenlampe. Und hofft. Dass der Strom wiederkommt, der Aufzug bald fährt. Bei einem Bombeneinschlag wäre man verloren.

Das russische Vorgehen nimmt keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung, im Gegenteil. Sollen sie krepieren, die »chochly« (wie die Ukrainer abschätzig genannt werden). Als wären sie a priori minderwertig, Freiwild zum Abschuss.

In mir staut sich ein nie gekannter Hass. Aber ich weiß, dass er nichts nützt. Der Russe wütet, der Ukrainer schlägt zurück, so gut er kann. So wird es weitergehen. Bis zum Stillstand oder totalen Kollaps.

 

Aus einer vielfarbigen Mandorla schaut Gottvater halb streng, halb barmherzig von der Apsis der kleinen Kirche in Bondo herab. Hebt man den Kopf, ist er ganz nah, segnet mit seiner Rechten die verlorenen Schafe, die wir sind.

Die Schafe auf dem Feld weiden friedlich, ihre Glöckchen bimmeln. Weiße, braune, schwarze Schafe, die Schnauze im Gras.

Ich höre ihren Kaugeräuschen zu.

Anspruchslosigkeit ließe sich vielleicht lernen, aber wer will schon anspruchslos sein, wenn er nicht dazu gezwungen wird.

Es gilt immer, mehr zu wollen und zu haben, noch mehr. Bis man sich abhandenkommt.

 

Mein Enkel und ich sammeln Kastanien im Wald, sie liegen in ihren stachligen Hüllen auf den Wegen. Kurzer Fersendruck, und sie springen heraus. Theo jubelt, im Minutentakt füllen sich die Taschen seiner Latzhose. Was nicht mehr Platz hat, verstaue ich in meinem Rucksack. Manchmal prallt eine Kastanie direkt neben uns zu Boden, mit hartem Geräusch.

Auf den Wiesen viele Pilze, auch rotweiß getupfte Fliegenpilze. Aber wir suchen Kastanien, abends sollen sie im Ofen geröstet werden. Das bedeutet Arbeit.

Zwischendurch setzen wir uns auf einen Stein und rasten. Die Herbstsonne wärmt, mein kleiner Prinz sagt lakonisch: »Ich möchte in Bondo bleiben.« Recht hat er, wie immer.

Dann zeige ich ihm das Hexenhaus. Die Hütte lehnt an einem Felsen, doch ihr Dach ist eingestürzt. Man kann sie nicht mehr betreten.

»Was für eine Hexe?«, will der Kleine wissen.

»Die Hexe Baba Jaga.«

»Was macht sie?«

»Sie fliegt nachts durch die Gegend, schreckt Vögel auf, doch Kindern tut sie nichts zuleide.«

Der Kleine hat seine Zweifel, schielt misstrauisch zur Hütte. Diese rührt sich nicht, umrankt von wildem Gestrüpp.

Nur das ferne Geräusch eines Laubbläsers stört.

Zu Hause schütten wir unsere stolze Kastanienernte in eine große Schüssel. Die Kastanien glänzen, mitsamt ihren silbernen Schwänzchen.

Während wir sie betrachten, trinken wir das schmackhafteste Leitungswasser der Welt. Wir sind durstig.

 

Am nächsten Morgen sagt der Kleine zu mir: »Du bist alt. Bald kommst du in den Himmel.«

Hm.

Ich wünschte mir noch etwas Aufschub.

 

Auf der Orgelbank sitzen wir nebeneinander, Theo links, ich rechts. Ich erkläre ihm die Register. Staunend hört er zu, wie die Töne plötzlich anschwellen, bis sie fast ohrenbetäubend sind. Also zurück zu den sanften Flöten. Mit dem Zeigefinger drückt er verschiedene Tasten, dann legt er seine Hände auf die Klaviatur: beide Hände auf einmal und horcht auf den Klang. Ein heftiger, langgezogener, dissonanter Klang, wie von Olivier Messiaen. Theos Hände wandern aufwärts: wieder ein Cluster. Erstaunlich, was der Kleine zustande bringt. Ich lasse ihn machen. Seine Ohren, seine Hände diktieren ihm die Möglichkeiten. Völlig vertieft in sein Tun merkt er nicht einmal, dass ich mich in eine Kirchenbank gesetzt habe. Dann aber treffen sich unsere Blicke, und er lächelt.

Bevor wir die Kirche verlassen, zeige ich ihm das Abendmahlsfresko: Jesus mit seinen Jüngern, die einen bärtig, die andern nicht. Johannes liegt an Jesu Brust, während Judas abseits kniet. »Judas ist ein Verräter«, sage ich, was Theo nicht versteht. »Ist er ein Ganove?«, fragt er, weil alle Bösewichte in seiner Sprache Ganoven sind. »Ja«, sage ich, »er hat etwas Schlechtes getan.«

Theo kann den Blick nicht vom Übeltäter abwenden. Erst recht übersieht er, was die Jünger essen: nämlich Fische und Krebse. Der norditalienische Künstler hat ein mediterranes Mahl gemalt.

 

In Soglio liegen wir auf der Wiese, wo noch gelbe Blumen blühen. Theo pflückt ein Sträußchen, er kann es nicht lassen. Auf einer Bank mit Panoramaaussicht drei Bergeller Frauen, die munter auf Bargaiot tratschen. Das Gespräch plätschert dahin, umgeht alle Klippen.

Ich denke: paradiesisch. Ich denke: die Welt ist doch noch ein wenig in Ordnung. Oder trügt der Schein? Die Wirkung einer einzigen »schmutzigen Bombe« in der Ukraine wäre auch in diesem Bergtal zu spüren. Aber im Moment vertreibe ich den Gedanken.

Am Dorfrand üppige Bauerngärten mit Salaten, Gemüse, Astern. Alles, was das Herz begehrt, findet sich auf diesem kleinen Stückchen Erde. Unkontaminiert. Vorerst.

 

Der Husten zerreißt mir die Brust, an Schlaf ist nicht zu denken. Als ich zum letzten Mal so hustete, diagnostizierte der Arzt eine Lungenentzündung.

Bitte nicht.

Der Umschlagplatz des Herbstes will mich anders, mit Direktkontakt zu allen. Nicht schnaubend, spuckend, bellend, in selbsternannter Isolation.

 

Theo: Wann kommst du, ich möchte spielen.

Ich: Der graue Wolf ist heiser und hustet, dass die Wände wackeln.

Theo: Warum?

Ich: Weil ein Käferchen mir in den Hals gekrochen ist.

Theo: Wann kriecht es wieder heraus?

Ich: Das weiß ich nicht, aber hoffentlich bald.

Theo: Wenn du kommst, bin ich der Löwe.

Ich: Okay.

 

Ein Abend für Marina Zwetajewa in Freiburg, wo sie als Kind, zusammen mit ihrer jüngeren Schwester, ein paar Monate in einem Pensionat verbracht hat. Ihr Geburtstag jährt sich zum 130. Mal. »Als der Vogelbeerbaum / die Blätter verloren, / flammte er rot: / ich wurde geboren …«

Marina, das Herbstkind, die Fußgängerin, die Einzelgängerin, die in Moskau ebenso unbehaust war wie in der Pariser Emigration. Schließlich kehrte sie in die UdSSR zurück und nahm sich 1941, ins tatarische Jelabuga evakuiert, mit knapp 49 Jahren das Leben.

Dieses Leben glich einer einzigen Katastrophe. Ihr Werk aber sprüht vor Kraft, Witz, Widerspruchsgeist und Eigensinn. Wirkt zeitlos, als setzte es überhaupt keine Patina an. Und kompromisslos, weil es nur dem eigenen Kompass folgt. Man kann es irgendwo aufschlagen und ist elektrisiert. Nur eines verbietet sich: Gleichgültigkeit.

Im Wechsel mit meinen Ausführungen spielt Sergej Tchirkov Stücke für Akkordeon, von Orlando Gibbons bis Igor Strawinsky. Als Höhepunkt interpretiert er Sofia Gubaidulinas »De profundis« (1978), das Hölle und Himmel durchmisst, in markerschütternden Klängen. Das Instrument braust, brüllt, um im Handumdrehen ätherische Töne zu produzieren, die Wechsel sind heftig, ja brutal: fundamentales Erschrecken. Zwetajewa kann es nur recht sein, sie kennt diese Extreme, »maßlos in einer Welt nach Maß«.

Doch mir verschlägt es buchstäblich die Sprache. Gäbe es nicht das Manuskript, das mich an meine Pflicht erinnert, ich würde verstummen, umgehauen von der Wucht der Klänge.

Nach der Veranstaltung kommt Natascha auf mich zu, zuletzt haben wir uns 2016 in Moskau gesehen. Nun ist sie, die erfolgreiche Germanistik-Professorin, in Freiburg, wo sie nicht gebraucht wird. Auch ihr Mann und die beiden Söhne sind hier.

Nie hätte sie diesen Angriffskrieg für möglich gehalten, sagt sie mit traurig-unschuldigem Blick. Und wundert sich, dass es bei mir anders war.

Ob das russische Propagandafernsehen nicht eine entscheidende Rolle gespielt hat? Bestimmt, gibt sie zu. Auch sie habe sich wiederholt täuschen lassen.

Wie viele Russen denn gegen diesen Krieg seien, will ich wissen. Das sei schwer zu beantworten, da die Angst ehrliche Antworten verhindere.

Immer wieder diese Angst. Putins repressive Politik nimmt ein ganzes Volk in Geiselhaft, und mit dem Kriegsrecht ist eine neue Dimension von Gewalt und Einschränkungen erreicht.

Die Besten fliehen ins Ausland. Auch Natascha hat es nicht mehr ausgehalten. Sie unterrichtet ihre Studenten noch online, mehr kann sie nicht tun.

Ich streiche über ihr dunkles, krauses Haar, das ersetzt so manches Wort. Zugleich bin ich froh, dass sie nicht in sentimentales Selbstmitleid verfällt, denn die eigentlich Leidtragenden sind die Ukrainer.

Im Innersten beschäftigt mich die Frage, ob es nicht doch so etwas wie eine Kollektivschuld der Russen gibt. Wie kann es sein, dass ein Volk in seiner Mehrheit Zarismus, Bolschewismus, Totalitarismus passiv ertragen hat, ohne deren destruktive Seite zu hinterfragen und ohne die verübten Gräuel aufzuarbeiten. Im heutigen Narrativ dominiert der Sieg über die Deutschen im »Großen Vaterländischen Krieg«. Was Stalins Verbrechen angeht, schweigt man lieber. Die Menschenrechtsorganisation »Memorial« wurde ihrer Existenz beraubt, das spricht Bände. Und der brutale Angriffskrieg gegen die Ukraine wird damit begründet, dass Russland von der Nato bedroht sei. Manipulation, Lüge, Desinformation der plumpsten Art. Das Volk nickt sie ab, eingeschüchtert, gleichgültig, apathisch. Überleben (im Sklavenmodus) ist alles.

Sorry, aber einem solchen Volk, das auch noch von der orthodoxen Kirche fehlgeleitet wird (und sich fehlleiten lässt), kann man keine positive Zukunft voraussagen. Wiederholungen, Wiederholungen, es fehlt eine Zivilgesellschaft, die für Demokratie sorgen könnte. Sie wird gar nicht erst zugelassen, denn nur die Vertikale regiert.

Einer, der sein Volk gründlich durchschaut hat, war der Philosoph Pjotr Tschaadajew (1794–1856) in seinen »Philosophischen Briefen«. »Alles verderbt, blutüberströmt, lügenhaft«, schrieb er auf Französisch. Dass seine grimmige Russlandkritik, die wie eine Bombe einschlug, überhaupt die Zensur passieren konnte, erwies sich als Versehen. Nach der Veröffentlichung wurde Tschaadajew von Zar Nikolaus I. persönlich für verrückt erklärt. In seiner »Apologie eines Wahnsinnigen« (1836) schlug der Westler dann etwas moderatere Töne an. Zumindest attestierte er Russland eine lichtere Zukunft, da es aus den »Leerstellen der Geschichte« Kraft schöpfen könne. Ein Kompromiss, zweifellos. Auch in Tschaadajews Fall verfehlten Einschüchterung und Isolation nicht ihre Wirkung.

 

»Ohne die USA gäbe es die Ukraine nicht mehr.« (Sönke Neitzel)

 

»Blutiger Ernst. Ein Ernst, der nicht blutig ist, ist keiner.« (Bertolt Brecht, »Flüchtlingsgespräche«)

 

Auf Grünewalds Isenheimer Altar, den ich nach seiner langen Restaurierung bestaune, erzählen die Hände alles. Jesu riesige, verkrampfte, ans Kreuz genagelte Hände, erstarrt im Versuch einer letzten Bewegung. Blutlos stehen sie für Ohnmacht, wie der ganze Gekreuzigte in seinem fahlen Schmerz.

Und Marias Hände, ein Flechtwerk der Verzweiflung, ein Knäuel des Ringens, das an sein Ende gekommen ist. Außer den Händen gibt es nichts. Das Gesicht wie geschrumpft, die Gestalt ein weißer Ballen, klein, hält sich kaum auf den Beinen. Nur die Hände flehen vergeblich. Auch die der Maria Magdalena schreien zum Himmel.

Johannes aber, der Täufer, weiß es besser. Sein mächtiger Zeigefinger weist nicht auf den Toten, sondern auf den Kommenden: den Erlöser. Das ist seine Mission: vom Messias zu künden, auch wenn die äußeren Zeichen dagegen sprechen. Seht, seht, die Worte der Schrift haben sich erfüllt. Die Geste ist unabweislich. Sie fordert statt Kleinmut Mut, statt Trauer Glauben. Seht!

Wer hinsieht, erkennt außer Gesten eine expressive Farbpalette: von Sahneweiß bis Kadmiumrot, von Altrosa bis Tiefschwarz, über zig Zwischentöne. Auf dem Auferstehungsbild ist Jesus eine ätherische Lichtgestalt, mit wehendem Gewand und von einer Aura in allen Regenbogenfarben umgeben. Die Suggestion zielt auf eine mystische Erfahrung. Ein Darüberhinaus.