Wolfskind - Ingeborg Jacobs - E-Book

Wolfskind E-Book

Ingeborg Jacobs

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Beschreibung

»Vielleicht wäre es besser gewesen, ich wäre erfroren.« Liesabeth Otto Ein Kind allein im eisigen Winter, getrieben von Hunger und Angst. Jeder Tag ein Kampf ums Überleben, jede Nacht ein Hoffen auf Wärme. Was bleibt, wenn die Welt zerbricht? Liesabeth Ottos Schicksal berührte Millionen: Die ZDF-Journalistin Ingeborg Jacobs machte ihre Geschichte in einem preisgekrönten Dokumentarfilm bekannt. Nun erzählt dieses Buch eindringlich und authentisch, wie ein kleines Mädchen in den Wirren von Krieg und Nachkriegszeit allen Widrigkeiten trotzt – getrieben von der Sehnsucht nach Geborgenheit, auf der Flucht vor Gefahr und Kälte, geprägt von Verlust und Hoffnung. Eine wahre Geschichte, die zutiefst bewegt und zeigt, wie stark ein Kind sein kann, wenn alles verloren scheint. »Ein fesselnder, an sinnlichen Eindrücken reicher Lebensbericht.« Welt Ein erschütterndes und zugleich hoffnungsvolles Buch, das zeigt, wie ein Kind inmitten von Not und Verzweiflung zu überleben lernt. Für alle, die bewegende Biografien und Zeitgeschichte hautnah erleben möchten.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Das Buch

Tausende Kinder verlieren in den Nachkriegswirren in Ostpreußen ihre Eltern und bleiben allein zurück – die »Wolfskinder«. Auch die kleine Liesabeth übernachtet in Scheunen oder unter Brücken, gelegentlich findet sie bei Bauern Unterschlupf. Doch niemand will sich ihrer annehmen. Man hetzt die Hunde auf sie, von den einheimischen Kindern wird sie bei Hitler-Spielen gequält, als Achtjährige vergewaltigt. Als sie mit fünfzehn beim Klauen erwischt wird, landet sie in den Straflagern des Gulag. Nach der Entlassung beginnt eine Odyssee durch die Sowjetunion. Doch die Hoffnung, eines Tages ihre Familie wiederzufinden, gibt sie nie auf.

Liesabeth Otto, heute 73 Jahre alt, hat ihre Lebensgeschichte der ZDF-Journalistin Ingeborg Jacobs erzählt, deren Dokumentarfilm über das einstige Wolfskind mit überwältigender Resonanz im ZDF und auf ARTE ausgestrahlt und mit dem World Television Award ausgezeichnet wurde. Nun folgt das Buch, die ergreifende Geschichte eines Kindes, das allen Schicksalsschlägen zum Trotz nie seinen Lebensmut verliert.

Die Autorin

Ingeborg Jacobs wurde 1957 in Solingen geboren. Seit 1995 freie Autorin beim ZDF. Zahlreiche zeitgeschichtliche Dokumentarfilme. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Deutschen Wirtschaftsfilmpreis und dem Bayerischen Fernsehpreis.

Von Ingeborg Jacobs ist in unserem Hause bereits erschienen:

Freiwild (2009)

Ingeborg Jacobs

Wolfskind

Die unglaubliche Lebensgeschichtedes ostpreußischen Mädchens Liesabeth Otto

List Taschenbuch

Besuchen Sie uns im Internet:

www.ullstein-buchverlage.de

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ISBN 978-3-8437-0780-0

Ungekürzte Ausgabe im List Taschenbuch1. Auflage August 201110. Auflage 2012© Ullstein Buchverlage GmbH Berlin 2010/Propyläen VerlagKonzeption: semper smile Werbeagentur GmbH, MünchenUmschlaggestaltung: bürosüd° GmbH, München(nach einer Vorlage von Morian & BayerEynck, Coesfeld)© Karten: Thomas HammerFotos: PrivatbesitzLektorat: Karin Schneider

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzung wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

eBook: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Inhalt

Statt einer Einleitung: Reporterglück

1. 1945 LETZTE MONATE IN OSTPREUSSEN

Mein bestes Leben …

Klein-Weißensee

2. 1945–1953 ÜBERLEBEN IN LITAUEN

Maria

Jagd auf Deutsche

Weihnachten 1945

Frühjahr und Sommer 1946

Kerschuljes

Wir hatten gleiche Seelen

Ich war wie der Wind

»Wenn man raucht, ist es wärmer im Bauch«

Die Wolfskinder hatten es besser als ich

Alytus

Alle wussten, dass ich kein Zuhause hatte

»Du gehst hier doch kaputt!«

Die Deutschen wurden eingesammelt

Waldbrüder

Gottesfurcht

Arm und Reich, Gut und Böse

Hausgeburt

Feste

1953 – ein Schicksalsjahr

3. 1953–1959 IM GULAG

Kinder-Arbeitskolonie Kineschma

Tod der Mutter

Zwanzig Tage Freiheit

Auf Etappe

Frauenstraflager Pukso-Osero

»Durch Arbeit zur Besserung!«

Taiga

Lagerhierarchie

Lernen, lernen, lernen

Valentina

Winter in der Taiga

»Mit reinem Gewissen in die Freiheit!«

4. KREUZ UND QUER DURCH DIE SOWJETUNION

Auf die Krim

Versuchte Heimkehr

Wieder in Litauen

Baku

Nonna

Sowchose »Kusnezkij«/Karaganda

Nasarowo

5. TOCHTER ELENA

Allein mit Kind

Suche nach Vater und Bruder

6. IM WESTEN

Wiedersehen nach über dreißig Jahren

Familienbande

Kindheitserinnerungen

Versuchte Flucht

Leben in Deutschland

Rückkehr

Anna

Heimkehr

7. ZWISCHEN ZWEI WELTEN

Tod des Vaters

Zurück in Ostpreußen

Kosovokrieg

Die Ohrfeige

Epilog

Literatur

Statt einer Einleitung: Reporterglück

Wäre der 1. Mai 1994 nicht auf einen Sonntag gefallen, wir hätten Liesabeth Otto, das »Wolfskind«, kaum kennengelernt. So aber hatten wir plötzlich Zeit, zu viel Zeit, ein Umstand, der bei Dreharbeiten äußerst selten eintritt. Der damalige russische Präsident Boris Jelzin hatte – noch ganz in sowjetischer Tradition – kurzfristig angeordnet, nicht nur der Montag, sondern auch der Dienstag solle in ganz Russland arbeitsfrei sein.

Wir – mein Kameramann Hartmut Seifert, unser Videoingenieur Wladislaw Wassiljew aus Sankt Petersburg und ich – waren damals zum zweiten Mal für das Fernsehen der Deutschen Welle im Gebiet Kaliningrad unterwegs. Unsere Termine in der Papierfabrik und im Amt für Umweltschutz waren schnell verschoben, doch was tun mit der freien Zeit? Kurz entschlossen nahmen wir ein weiteres Thema in Angriff: die Situation der Russlanddeutschen, die seit 1993 verstärkt aus den mittelasiatischen Staaten Kasachstan, Usbekistan und Kirgistan in das frühere Nord-Ostpreußen zugezogen waren.

Von den Kollegen des Kaliningrader Fernsehsenders Jantar – Bernstein – bekamen wir Namen und Adresse von Nikolai Zwetzich. Der Russlanddeutsche sei ein Vierteljahr zuvor mit seiner ganzen Familie aus Kasachstan gekommen, um sich hier, in dem ehemaligen Militärsperrgebiet, eine neue Existenz aufzubauen. Er habe viel zu erzählen. An den Feiertagen würden wir ihn sicher zu Hause antreffen, zumal es höchste Zeit sei, Kartoffeln zu setzen. Wir machten uns auf den Weg, über die alte Landstraße von Königsberg nach Pillau, das seit 1947 Baltijsk heißt und Heimathafen der russischen Baltischen Flotte ist.

Nikolai Zwetzich trafen wir nicht an. Er sei mit seiner Familie zu Verwandten gefahren, erklärten uns seine Nachbarn, aber am Ortsausgang von Ijewskoje, im zweiten Haus rechts hinter dem Kiosk, wohnten auch Deutsche. Ohne große Hoffnung, interessante Gesprächspartner zu finden, fuhren wir dorthin. Ich stieg allein aus, öffnete das Gartentörchen und ging auf das Haus zu. Eine junge Russin kam mir entgegen.

»Sind Sie Deutsche?«, fragte ich sie auf Russisch.

»Nein, aber die Mutter meiner Freundin Elena ist Deutsche. Elena ist gerade hier bei mir zu Besuch.«

Wir gingen ins Haus, bereits im Vorraum kam uns eine junge Frau im roten Pullover entgegen. Sie war hochschwanger.

»Ihre Mutter ist Deutsche, hat mir Ihre Freundin gesagt …«

»Ja, sie ist eine echte Deutsche«, antwortete sie.

»Und was für eine Deutsche ist Ihre Mutter? Ist sie Russlanddeutsche oder aus Deutschland zu Besuch gekommen?«

»Meine Mutter ist nach dem Krieg hiergeblieben, sie hat viel zu erzählen.«

Mit dieser Antwort hatte ich zuletzt gerechnet. Sollte ihre Mutter etwa eine der wenigen Dutzend Ostpreußen sein, die verbotenerweise nach dem Zweiten Weltkrieg im damaligen Sperrgebiet geblieben sind?

»Mutter ist zu Hause«, fuhr Elena fort, »gehen Sie doch hin, sie freut sich immer über Besuch aus Deutschland. Wir wohnen auf der anderen Straßenseite, schräg gegenüber im Haus Nummer 12. Sie erkennen es an den blau gestrichenen Fensterrahmen. Meine Mutter heißt Liesabeth Otto, sie arbeitet im Garten.«

Kamera und Mikrophon unter dem Arm gingen Hartmut Seifert und ich hinüber. Nummer 12 machte einen gepflegteren Eindruck als die Nachbarhäuser. Im Vorgarten blühten die ersten Narzissen und Tulpen, eine kleine rehbraune Lajka lief uns böse bellend entgegen. Hartmut hatte die Kamera auf der Schulter, bereit, sie sofort einzuschalten.

»Frau Otto?«

Keine Antwort.

Wir gingen weiter, rechter Hand öffnete sich eine Tür, eine ältere Frau mit kurzen dunkelbraunen Locken kam auf uns zu.

»Sind Sie Frau Otto und nach dem Zweiten Weltkrieg hiergeblieben?«, fragte ich auf Deutsch.

Liesabeth Otto sah nur die Kamera. »Ja, das bin ich. Aber nun mal langsam, junger Mann …«

Unser Beinahe-Überfall war uns unangenehm. Wir entschuldigten uns, stellten uns kurz vor und fragten Frau Otto, ob sie ein wenig von sich erzählen wolle. Sie fasste sofort Vertrauen, weil wir Deutsche waren. »Den Russen hätte ich nichts erzählt«, erklärte sie uns später. Dann folgten ein paar Stichworte: geboren in Ostpreußen, Eltern verloren, Lager in Sibirien. »Das ist eine gute Geschichte«, raunte Hartmut mir zu. »Lass uns das machen!« Er ging kurz entschlossen in Richtung der Kaninchenställe. Liesabeth Otto und ich folgten ihm. Ohne weitere Absprachen begannen wir mit den Dreharbeiten.

»Sie sind also nach dem Zweiten Weltkrieg hiergeblieben, erzählen Sie doch mal …« Ganz ohne Scheu vor der Kamera begann Liesabeth Otto auf Deutsch mit leicht ostpreußischem Akzent zu sprechen. Manche Wendungen klangen fremd, besonders dann, wenn Frau Otto wortwörtlich aus dem Russischen oder Litauischen in ihre Muttersprache übersetzte: »Ich bin in Wehlau geboren, irgendwo in der Nähe von Wehlau. Und in 1945, am 24. April 1945, ist meine Mutter verhungert, und ich hatte damals noch einen Bruder und eine Schwester, die Schwester ist dann auch verhungert. Ich bin nach Litauen. Ich war klein. Gott, wie viel war ich da? So sieben mit etwas. Tja, und dann bin ich rumgelaufen bis 1953 … Ich habe gehört, heute werden die Kinder ›Wolfskinder‹ genannt. Irgendwo gebettelt, irgendwo geklaut… Ja, das gab’s auch. Und 1953 kam ich für die Klauerei, das war was zum Essen und von der Leine was zum Anziehen und so, Kleider – da kam ich dann in ein Kinderstraflager, ich hatte ja keine Familie. Das interessiert Sie, ja?«

Ja, das interessierte uns sehr. Liesabeth Otto hatte uns in ihren Bann geschlagen: »Wo waren Sie denn da?«

»Zwei Jahre war ich in der Stadt Kineschma, das ist Mittelrussland … Noch vier Jahre lang war ich in Archangelsk, in Nord-Archangelsk, dann aber in einem Erwachsenenstraflager.«

»Und wie sind Sie dann da weggekommen?«

»Ja, ich wurde freigelassen, ich war groß genug, die haben gemeint, ja, die wird ja nie wieder klauen … Ich habe gut gearbeitet … Und tja, dann wurde ich freigelassen.«

»Und wo sind Sie anschließend hingegangen?«

»Ich bin dort geblieben, ich habe dort geheiratet, hier, meine Tochter, die ist in Sibirien geboren. Na ja, was habe ich noch zu erzählen? Ach ja, 1967, da habe ich mich getrennt von meinem Mann, der hat mich immer geschlagen und mir immer Vorwürfe gemacht, wegen des Krieges. Ich konnte das nicht ertragen … Elena war gerade ein Jahr alt, ja, so wie Alexander jetzt …«

Liesabeth Otto zeigte zu ihrem Enkel, der in seinem Kinderwagen lautstark auf sich aufmerksam machte. »Ja, ich komme, mein Schatz …« beruhigte sie den Kleinen auf Deutsch und fuhr fort. »Und dann, 1980 … Ja, inzwischen war es noch ganz interessant, ich hatte meinen Vater gefunden. Und meinen Bruder. Aber leider ist alles schiefgelaufen. Und 1980 bin ich mit meiner Tochter hier rübergekommen. Hier, das ist meine Heimat! Sascha, Sascha, na, was ist mit dir, du?«

Frau Otto drehte sich um, ging zu ihrem Enkel und hob das Fläschchen auf, das der Junge heruntergeworfen hatte. Ihre Tochter Elena kam dazu, Liesabeth Otto drückte ihr das Kind in den Arm und sprach weiter:

»Elena wurde immer Faschistin genannt, und auch unsere Kuh wurde immer Faschistin genannt … Aber 1985, als der Gorbatschow zur Macht kam, da konnten wir schon so ein bisschen aufatmen. Plötzlich ist da was passiert, dass die Menschen ein bisschen höflicher wurden, vielleicht, weil viel im Fernsehen gesprochen wurde, im Radio und so, dass endlich einmal Schluss sein muss mit den Vorwürfen … Wir haben ja keine Schuld, dass der Krieg war …«

Liesabeth Otto war Deutsche, das stand für mich fest. Aber warum tat sie sich dieses Leben dort an? Wo doch mehr und mehr Deutschstämmige seit dem Fall des Eisernen Vorhangs in die Bundesrepublik gekommen waren.

»Sie haben so viel Schlimmes hier in Nord-Ostpreußen erlebt, aber trotzdem wollen Sie nicht weg?«, fragte ich sie provozierend.

Die ältere Frau stand an der Regentonne, spülte das Fläschchen aus. Brüsk richtete sie sich auf: »Wohin denn? Ich habe doch eine gemischte Familie! Wohin? Das geht nicht. Hier, das ist meine Heimat, hier, das ist meine Erde. Verstehen Sie das? Ich habe gesagt, hier werde ich sterben … Wissen Sie, ich muss noch die Abfälle für das Schweinchen kochen …«

Mit dieser klaren Antwort ließ Liesabeth Otto uns stehen. Sie ging ein paar Schritte weiter in ihr kleines Gartenhäuschen. Dort hantierte sie mit Rübenschnitzen und Kartoffelschalen und erzählte dabei, welche Gemüse sie im Garten anbaute, dass sie Schweine, Hühner, Kaninchen und eine Kuh hielt. Das brauche man, um in diesen schweren Umbruchzeiten zurechtzukommen. Denn seitdem es die Sowjetunion nicht mehr gab, war auch das Gebiet Kaliningrad arm. Die meisten Felder lagen brach, und die Fabriken standen still. Ein Aufschwung war im Frühjahr 1994 noch lange nicht in Sicht.

Elena lud uns ins Haus ein, sie machte Tee. Während sich Liesabeth Otto um die Tiere kümmerte, unterhielten wir uns mit ihrer Tochter. Wir saßen, wie es in Russland üblich ist, in der kleinen Küche zusammen. Dann und wann legte Elena Holz nach in dem gemauerten Herd. Im Haus gab es keine Heizung, kein fließendes Wasser, die Wäsche wurde mit der Hand gewaschen. In einer Ecke des Gartens stand ein Plumpsklo.

Die junge Frau wollte mit uns Deutsch sprechen, sie habe nur selten Gelegenheit dazu, obwohl seit 1991, seitdem das Gebiet Kaliningrad nicht mehr Sperrgebiet war, hin und wieder auch »echte Deutsche« bei ihnen vorbeikämen, Heimattouristen, die ihre alten Häuser und Erinnerungen suchten. Elena erzählte leise von den schweren Seiten im Leben ihrer Mutter, davon, dass sie, die kleine Deutsche, aufgehängt, mit Hunden gejagt, vergewaltigt und in einen Fluss geworfen worden war. Dazwischen krächzte ein blauer Wellensittich in seinem Käfig auf der Fensterbank.

»Wieso können Sie denn so gut Deutsch?«, fragte ich die junge Frau.

»Ich war doch mit meiner Mutter ein Jahr in Deutschland, da habe ich das gelernt.«

Nach einer Stunde warteten wir noch immer auf Frau Otto. Wir fanden sie hinter den Ställen, wo sie noch schnell das Feld für die Kartoffeln umgrub, sechshundert Quadratmeter waren zu bearbeiten. Alle Steine, die sie aus dem sandigen Boden holte, warf sie in eine Zinkwanne. Die kräftige Frau atmete schwer, aber war sichtlich stolz darauf, dass sie ihre Familie aus eigener Kraft ernähren konnte. Einen Mann gab es nicht im Haus. »Manchmal, wenn es zu viel Männerarbeit gibt, dann hole ich mir Hilfe, Michail, ein älterer Mann, der seine Familie in Weißrussland hat, hilft mir gegen Bezahlung. Aber meistens komme ich allein zurecht. Ich habe noch Kraft genug.«

Liesabeth Otto versprach, nach einer Zigarette in der Sommerküche ins Haus zu kommen. Als sie wenig später mit uns am Tisch saß, bot sie uns gleich das »Du« an: »Ihr beide könntet ja meine Kinder sein.« Dann ging Liesabeth zum Auto, um unseren Videoingenieur Wladislaw Wassiljew ins Haus zu holen, der Fahrer wollte im Auto warten.

Wir saßen noch einige Zeit zusammen, ich übersetzte, wenn nötig, ins Russische. Dann verabredeten wir uns für den nächsten Tag, wir wollten wiederkommen und mit Liesabeth in ihre alte Heimatstadt Wehlau, heute Snamensk, fahren. Zwei Jahre zuvor sei sie mit einer gebürtigen Ostpreußin das erste Mal dort gewesen, erzählte sie, seitdem nicht mehr. Es stünden noch viele alte deutsche Gebäude, die eiserne Brücke über den Fluss Alle sei unzerstört, von der Pflegerkolonie, in der sie bis zur Flucht im Januar 1945 mit Mutter und Geschwistern gelebt hatte, seien wie durch ein Wunder alle Häuser erhalten geblieben. Auch den Wasserturm und die Ruine der Kirche, in der sie getauft worden sei, gebe es noch. Vom Turm aus habe man einen schönen Blick über die Pregelwiesen Richtung Königsberg.

Eine Bedingung stellte Liesabeth an die Fortführung der Dreharbeiten: Unser russischer Videoingenieur dürfe nicht mitkommen. »Der hat mir eben so komische Fragen gestellt, vielleicht hält er mich für eine Verbrecherin, ich traue ihm nicht.«

Auf dem Rückweg in die Ratshof-Villa am Westrand von Kaliningrad schwiegen alle. Erst als wir uns am späten Abend das Drehmaterial anschauten und bis tief in die Nacht diskutierten, brachte Kameramann Hartmut Seifert unsere Eindrücke auf den Punkt: »Ist dir klar, dass das eine ganz besondere Lebensgeschichte ist? Nicht nur ein Fünfminutenstück für die Deutsche Welle, das niemand sieht? Liesabeth hat einen eigenen Film verdient.«

Aus unserem ersten Zusammentreffen mit Liesabeth vor nunmehr knapp sechzehn Jahren wurde eine Freundschaft, die bis zum heutigen Tag anhält. Eine Reportage für das ZDF mit dem Titel »Irgendwo gebettelt, irgendwo geklaut…« und der Dokumentarfilm »Die Eiserne Maria« für Arte sind in dieser Zeit entstanden, zwei Filme, in denen wir Liesabeths Biographie nur in Facetten zeigen konnten.

Dieses Buch berichtet nun von all den Etappen dieses einzigartigen Lebens zwischen Ost und West, die Liesabeth Otto mir anvertraut hat.

Ingeborg Jacobs

1. 1945 Letzte Monate in Ostpreußen

Mein bestes Leben …

Freiwillig wäre ich wohl nie so tief in meine Vergangenheit zurückgegangen, auch niemals an die Orte zurückgekehrt, mit denen ich böse Erinnerungen verbinde. Ich dachte lange Jahre, es sei besser, all das Schlimme zu vergessen. Doch dann habe ich mich auf die Reise gemacht, mal nur mit Worten und in Gedanken, ein paar Mal habe ich aber auch die Tasche gepackt und bin mit den beiden Journalisten auf Erkundungsfahrt gegangen. Ich habe ihnen vertraut, sonst hätte ich bei dem Film nicht mitgemacht. Aber keiner von uns konnte ahnen, wie schmerzhaft das für mich sein würde. Eine einzige Bedingung hatte ich gestellt, ich wollte alle Bilder haben, die sie aufnahmen. Zur Erinnerung, für mich und für meine Enkel.

In der Nacht vor Drehbeginn konnte ich kaum schlafen. Ich habe sehr schlecht geträumt, vom Krieg und all dem, was danach passiert ist. Das war mir lange nicht mehr passiert und hätte mir deshalb eine Warnung sein sollen.

Unsere erste Fahrt – gleich einen Tag, nachdem ich Ingeborg Jacobs und Hartmut Seifert kennengelernt hatte – ging quer durch Königsberg, am Hafen vorbei, wo ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern auf einen kleinen Kohlenkahn gestiegen bin, der uns nach Danzig brachte. Das war auf der Flucht im Januar 1945, darüber habe ich viel von meinem Bruder Manfred erfahren, als ich in den siebziger Jahren in Deutschland war. Später habe ich dann alle Bücher über Königsberg und Ostpreußen gelesen, die ich in die Hände bekam, und, wann immer ich Gelegenheit hatte, mit alten Ostpreußen gesprochen, ich wollte so viel wie möglich über meine Heimat wissen.

Links und rechts der Straße, die schon zu deutscher Zeit Königsberg mit Vilnius verband, das damals Wilna hieß, sahen wir viele alte deutsche Häuser. Die Russen kennen solche Bauten aus roten Backsteinen nicht. Auch die geschwungene Dachform ist typisch deutsch. In der Ferne entdeckten wir immer wieder hoch aufragende, jahrhundertealte spitze Kirchtürme. All das war einmal für die Ewigkeit gebaut worden. Inzwischen weiß ich, solch alte Gebäude gibt es in Russland nur sehr wenige.

Den Kirchturm meiner Heimatstadt Wehlau sahen wir bereits, als wir über die eiserne Brücke, die »lange Brücke«, fuhren, die sich weit über die Alle-Auen spannt. Turm und Kirchenschiff sind ohne Dach, dabei war das Gebäude wie die ganze Stadt nach der Einnahme durch die Russen am 24. Januar 1945 fast unversehrt geblieben. Später wurde das Gotteshaus als Speicher genutzt, bis man in den sechziger Jahren versuchte, es zu sprengen. Doch das gelang ebenso wenig wie die Sprengung des Königsberger Schlosses ungefähr zur selben Zeit. Der sechshundert Jahre alte Kirchenbau in Wehlau hielt der Explosion stand. Nur das Deckengewölbe stürzte ein, und mit ihm das Dach.

Das Wehlau, das ich von vielen alten Fotos und Postkarten kenne, eine typische ostpreußische Kleinstadt mit mittelalterlichen Stadttoren, Kirchen, Verwaltungsgebäuden und Geschäften, ist heute kaum mehr zu entdecken. 1939 hatte Wehlau weit über achttausend Einwohner, die nur selten in die etwa fünfzig Kilometer entfernte Hauptstadt Königsberg fahren mussten.

Mein Elternhaus fanden wir ganz leicht. Es liegt in der Pflegerkolonie, die in den dreißiger Jahren für die Angestellten der Heil- und Pflegeanstalt Allenberg gebaut worden war. Ihren ursprünglichen Namen »Provinzial-Irrenanstalt« hatte sie da bereits abgelegt. Mit fast fünfhundert Bediensteten gehörte die Klinik für etwa tausendvierhundert Patienten zu den größten Arbeitgebern der Stadt. Mein Vater hat viele Jahre als Krankenpfleger in der Irrenanstalt gearbeitet, deshalb hatte er diese Wohnung auch bekommen.

In den dreißiger Jahren war die Siedlung sicherlich sehr modern: Neben vier großen Zweifamilienhäusern, in denen vor allem junge Ärzte wohnten, gehörten zehn Reihenhäuser mit je vier Wohneinheiten auf zwei Etagen dazu. Sie besaßen jeweils einen eigenen Eingang, einen Hühnerstall und ein Plumpsklo und gruppierten sich in einem Dreieck um einen mit Bäumen bepflanzten Innenhof. An einer Dreiecksspitze lag ein Gemeinschaftsbau mit Waschküchen, Trockenräumen und Mangel für alle Parteien. Auf dem davor liegenden Spielplatz konnten die Kinder unter den Augen ihrer Mütter spielen. Wir Ottos wohnten in einem Eckhaus, das direkt an der Straße liegt, die zum Nachbardorf Paterswalde führt.

Als ich 1994 mit den Journalisten dorthin kam, war das Haus sehr heruntergekommen. Es fiel mir schwer, ihnen die Wohnung zu zeigen. Nur langsam konnte ich mich dem Gebäude nähern. Irgendwo spielte ein Radio russische Musik, Lieder aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, der in Russland bis heute »Großer Vaterländischer Krieg« heißt. Die Menschen beachteten uns nicht. »Da rechts von der blauen Tür, da war unser Wohnzimmer, und auf der anderen Seite war die Küche«, erklärte ich leise, vielleicht weil ich damals ein wenig Angst hatte, die Russen könnten mich hören und verstehen, obwohl ich Deutsch sprach. Ich strich mit beiden Händen über die Wand an der Eingangstür. Dann setzte ich mich auf die einfache Bank, die vor dem Haus stand. »Jetzt kann ich wenigstens herkommen und die Wand anfassen. Ich weiß nicht, ob du das verstehst«, sagte ich zu Ingeborg, »aber ich habe hier meine ersten Schritte gemacht, hier war doch meine Mutti. Das war mein bestes Leben!« Obwohl ich schon sechsundfünfzig Jahre alt war, musste ich weinen, das war mir unangenehm.

Gerne wäre ich ins Haus hineingegangen, doch die Russen, die seit 1947 darin wohnten, waren nicht zu Hause. Sie seien als Kinder aus dem Leningrader Gebiet nach Wehlau gekommen, erzählte uns eine Ukrainerin aus dem Nebenhaus. Wir beschlossen, ein anderes Mal wiederzukommen, und fuhren nach Ijewskoje, in das alte Widitten, zurück.

Als wir bei uns in der Küche saßen und Tee tranken, holte ich den Karton mit den alten Fotos hervor, um sie den Journalisten zu zeigen: das Hochzeitsbild meiner Eltern, dann ein Foto, das mich mit etwa vier Jahren vor dem Gartenzaun meiner Großeltern im ostpreußischen Friedland zeigt, ein entschlossen, sogar ein wenig trotzig dreinblickendes kleines Mädchen mit geballten Fäustchen und Hahnenkamm. Auf einem Bild bin ich mit meinen Geschwistern Christel und Manfred zu sehen, ich bin die Kleinste von uns dreien und kaum ein Jahr alt. »Christel und Manfred sind nur meine Halbgeschwister«, erklärte ich. »Die erste Frau meines Vaters ist gestorben. Vater suchte eine Mutter für seine Kinder, deshalb hat er meine Mutti geheiratet. Mich wollte er nicht.« Alte Farbfotos mit meiner Tochter Elena, meinem Vater und meinem Bruder Ende der siebziger Jahre in Deutschland: keine glücklichen Gesichter. Auf einem großen Foto steht Elena lächelnd inmitten einer Schulklasse. Auf die Rückseite hat sie mit Bleistift in ihrer Mädchenschrift »Celle 1976« geschrieben. Es gab noch ein paar Fotos von mir, rauchend und lachend mit Arbeitskameradinnen, ein anderes mit der kleinen Elena auf dem Arm. Und das Foto von meinem toten kleinen Mädchen im offenen Sarg. Nonna hatte ich vor Elena bekommen, aber sie war herzkrank und ist vor der Operation, die vielleicht ihr Leben hätte retten können, gestorben.

Ingeborg und Hartmut stellten mir viele Fragen, und so war es schon lange dunkel, als wir uns verabschiedeten. Am Abend vor ihrer Rückreise nach Deutschland kamen sie noch mal zum Essen. Während wir am Tisch saßen, Bier tranken und das Huhn verspeisten, das ich geschlachtet und mit viel Knoblauch und Fett knusprig gebraten hatte, erzählten mir die beiden von ihrem Plan, einen Film über mein Leben zu machen. Sie wollten versuchen, zu meinem Geburtstag Anfang Oktober wiederzukommen, um die Dreharbeiten fortzusetzen. »Mit euch mache ich das!«, erklärte ich sofort. »Aber schreibt mir mal, damit ich weiß, ob und wann ihr im Herbst kommt.« Niemand in unserer Nachbarschaft hatte damals Telefon. Und Mobiltelefone gab es noch gar nicht. Kein Telefon – heute kann ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen, wie wir zurechtgekommen sind.

Und dann hielt ich Ende September ein Telegramm aus Deutschland in den Händen: »Wir kommen am 12. Oktober und machen den Film über Dich …«

Klein-Weißensee

Die beiden Journalisten kamen wirklich sechs Tage nach meinem Geburtstag. Es war wunderschönes Herbstwetter, ein richtiger Altweibersommer. Ich war sehr aufgeregt, denn ich hatte Angst vor der Begegnung mit meiner lange verdrängten Vergangenheit. Meine Aufregung wurde noch größer, als sie mir erklärten, dass wir uns zuerst einmal auf die Suche nach dem Ort machen würden, an dem mein Leben als Wolfskind begonnen hatte.

Klein-Weißensee hieß das Gut damals, auf dem ich nach dem Krieg mit meinen Geschwistern gewesen war. Es lag ganz in der Nähe von Wehlau, dort waren wir gelandet, als wir versucht hatten, alleine von Danzig nach Hause zurückzukehren. Ob wir das Gut finden würden? Ich konnte es mir kaum vorstellen, trotz der genauen Landkarten aus deutscher Zeit, die Ingeborg und Hartmut mitgebracht hatten.

Als wir uns am nächsten Morgen dem Ort näherten, schaute ich wie ein Vögelchen nach rechts und links, suchte Orientierungspunkte. Ingeborg zeigte mir die alte Karte, wo oberhalb von Wehlau Weißensee eingezeichnet war, da musste ich zugeben, dass ich Karten nicht lesen kann. Ich wollte ins nächste Dorf fahren und die Leute fragen. Doch die Russen, die dort wohnten, konnten uns nicht weiterhelfen, ihre Antwort war immer die gleiche, Achselzucken. Niemand wusste, wo Klein-Weißensee gewesen war, und die heutige russische Bezeichnung kannten wir nicht. Wir fuhren zurück Richtung Hauptstraße. Da sah ich ein paar Bäume, die so standen, als ob dort nach dem Krieg ein Gut gewesen sein könnte.

Als wir ausstiegen, bekam ich ein kleines Ansteckmikrophon, die Journalisten nahmen nur die Kamera und einen Reserveakku mit. Mir ging das alles viel zu langsam, ich war aufgeregt, ich drängte nach vorne. Wie von einer unsichtbaren Macht wurde ich zu den Bäumen in der Ferne gezogen. Hartmut bemühte sich, mit mir Schritt zu halten, er drehte von der Schulter, nichts wackelte, die Kamera schwebte, das sah ich später, als er mir die Aufnahmen zeigte.

Wir waren sicher bereits einen halben Kilometer gegangen, als die Schotterpiste eine erste Biegung machte. Aber noch immer war kein Gut zu sehen. Als ich spürte, dass die Journalisten daran zweifelten, auf der richtigen Spur zu sein, erklärte ich ihnen, dass ich schon in meiner Kindheit einen Weg, den ich nur einmal gegangen war, immer wiedergefunden hatte, so wie ein kleiner Hund. Nie habe ich mich geirrt.

Noch etwas weiter musste ich stehen bleiben, ich schloss die Augen, zeigte nach links, rechts, versuchte mich zu erinnern: »Ich weiß, da stand so ein großes Haus, und ein riesiger Park war da … Wenn noch einige von den Gebäuden stehen, dann werde ich die erkennen. Nur einige!«

Dann ging ich weiter, auf die Fernsehleute und die Kamera achtete ich längst nicht mehr, als der Weg einen weiteren Bogen machte und plötzlich den Blick auf ein paar Gebäude freigab. Ich lief in Richtung dreier Backsteinhäuschen. Erst am vorletzten Haus blieb ich stehen, lehnte mich an die Hauswand und wartete auf Ingeborg und Hartmut. Hier war es gewesen, ich war mir sicher.

Kurz darauf kam eine alte Frau aus dem Haus. Sie hatte uns beobachtet und uns reden hören. In gebrochenem Deutsch sprach sie uns an, stimmte ein melancholisches deutsches Lied an. Es gefiel mir nicht, außerdem hatte ich ein paar Fragen, deshalb unterbrach ich die Frau auf Russisch: »Sagen Sie bitte, ist hier früher eine Tür gewesen?«

»Ja, die haben wir im vergangenen Jahr zugemauert…«, antwortete sie.

»Und dahinter war eine Treppe in den Keller?«

»Ja, das stimmt auch.«

Jetzt war ich mir vollkommen sicher, es war hier, es muss hier gewesen sein. Sogar der Schuppen hinter dem Haus sah so aus wie ich ihn in Erinnerung hatte. Ich war mir sicher, dass ich mit meinen Geschwistern damals in diesem Haus gewesen bin! Und oben, im ersten Stock, hatten wir unser Zimmer!

»Hier, das ist der Punkt, wo mein Leben angefangen hat, mein selbständiges Leben …« Obwohl ich es nicht wollte, liefen mir die Tränen.

Als ich mit meinen Geschwistern in Klein-Weißensee ankam, hatte der Sommer noch nicht begonnen. In einem der leerstehenden Häuser für die Arbeiter des Gutes fanden wir drei ein Zimmer, in dem wir hausen konnten. Außer einem Ofen und einem Tisch gab es keine weiteren Möbel, alles, was schön war, was man irgendwie gebrauchen konnte, hatten die Russen längst auf Lkw verladen und in die Sowjetunion abtransportiert. Bis nach Königsberg waren die Gleise mit der russischen Breitspur bereits verlegt, die Bahnlinie verlief nicht weit von Wehlau und Weißensee. Christel und Manfred fanden Arbeit in der Militärkolchose, die auf dem Gut eingerichtet worden war. Die russischen Soldaten verstanden nichts von Landwirtschaft, das Saatgetreide hatten sie in die Sowjetunion geschickt, und so konnten im Frühjahr weder Gärten noch Felder bestellt werden. Lebensmittel waren nach Kriegsende Mangelware, besonders wir Deutschen hungerten. Viele, Erwachsene und Kinder, starben an Erschöpfung und Hungertyphus. Unsere Mutter war in Danzig verhungert. Wir hatten es nicht mehr geschafft, von dort in den Westen zu kommen. Wo unser Vater war, ob er noch lebte, wussten wir nicht. Er war Sanitäter gewesen, und wir hatten ihn das letzte Mal Weihnachten 1944 gesehen.

Meine Geschwister und ich sammelten Lindenblätter, Brennnesseln und Melde. Bis uns eines Tages irgendjemand den Rat gab, eine Falle zu bauen, um Spatzen zu fangen. Wir nahmen ein Brett, befestigten vier Stricke daran, damit das Brett waagerecht hing, daran wieder einen Strick, den wir über einen dicken Ast warfen. Dann wurde das Ganze hochgezogen und fallen gelassen, wenn ein Spatz darunter saß. Meistens aber waren die Spatzen schneller. Ein andermal lockten wir eine herumstreunende Katze ins Zimmer, spielten zuerst mit ihr und legten ihr dann eine dicke Kordel um den Hals. Als die Katze weglief, zog sich die Schlinge zu. Zwei Tage konnten wir uns endlich einmal satt essen.

Bei den Russen hieß es immer: »Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen.« Ein Spruch, dessen Bedeutung wir drei Otto-Kinder am eigenen Leibe erfuhren: Christel und Manfred, die dreizehn und elf Jahre alt waren, arbeiteten auf den Feldern. Dafür erhielten sie Lebensmittel. Ich aber war noch zu klein zum Arbeiten, deshalb stand mir keine Essensration zu.

So kurz nach dem Krieg waren noch keine sowjetischen Zivilisten in das eroberte Gebiet gekommen, man begann erst damit, Sowjetbürger hierher anzuwerben. Es herrschte großer Arbeitskräftemangel. Alle – Frauen, alte Männer und Jugendliche – mussten bei den russischen Militärs arbeiten. Ich bekam von den Geschwistern verschiedene Aufgaben zugewiesen: Solange es noch nicht richtig warm war, musste ich Holz sammeln und neben dem Ofen aufschichten. Außerdem schleppte ich so viel Wasser aus dem Brunnen herbei, dass alle Schüsseln und Eimer gefüllt waren, wenn Christel und Manfred nach Hause kamen. Meine wichtigste Aufgabe aber war die Suche nach Lebensmitteln. Mit meinen sieben Jahren wusste ich genau, wann die Soldaten die Küchenabfälle hinausschütteten, da war es wichtig, die Erste zu sein, denn nur dann bekam man die besten Stücke, Kartoffelschalen oder Abfälle von Möhren, Kohl und Roter Bete. Ich war ja nicht das einzige kleine Kind. Gespielt haben wir damals nie, wir waren zu müde. Wir Kinder sind nur herumgelaufen und haben nach Essbarem gesucht.

Das Essen war damals das einzig Wichtige. Meine Geschwister verdienten es sich hart, indem sie bei den russischen Soldaten von früh bis spät arbeiteten. Wenn sie abends in das kleine Zimmer zurückkamen, konnten sie sich kaum noch auf den Beinen halten, sie bewegten sich ganz langsam. Und Christel weinte sehr oft. Einmal in der Woche gab es den Lohn für die Arbeit: ein ganzes Brot und ein Stückchen Butter oder Margarine. Eines Abends war es wieder so weit, aber Christel war zu schwach, um die Lebensmittel zu holen, deshalb sagte sie zu mir: »Geh in das Haus, wo die Russen wohnen, und sag, dass du von der Christel Otto kommst. Dann bekommst du das Brot und die Butter, die mir zustehen, und dann bringst du das nach Hause.«

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich ging sogleich los, um die Essensration zu holen. Als jedoch auf dem Rückweg die Butter in der kleinen Schüssel zu schmelzen begann, fing ich an, immer ein bisschen davon mit der Zunge abzulecken. Ich dachte, das werde nicht auffallen. Aber das Haus, in dem wir lebten, war das vorletzte in der Reihe, und als ich ankam, war die Schüssel leer. Und dann stand ich vor Christel, das Brot und die leere Schüssel in der Hand. Ich habe gleich zugegeben, dass ich die Butter unterwegs aufgeschleckt hatte. Christel war wütend, sie schrie mich an: »Warum hast du uns das angetan? Warum hast du das alles nur alleine aufgegessen?« Dann prügelte sie wie von Sinnen auf mich ein. Manfred stand daneben und sah wortlos zu. Als ich mich losriss und weglief, hörte ich Christel nur noch schreien: »Mach, dass du wegkommst! Ich will dich nicht mehr sehen!«

Ich versteckte mich in dem kleinen Stall hinter dem Haus, denn ich war fest davon überzeugt, dass Christel ihre Worte ernst meinte. Mitten in der Nacht kam Manfred zu mir, er brachte ein Stückchen Rübe mit, wir haben es uns geteilt, Christel wusste nichts davon. An diese Rübe habe ich mich jahrelang erinnert, dafür bin ich Manfred auch heute noch dankbar.

Am folgenden Morgen gingen meine Geschwister wieder zur Arbeit. Als ich mich endlich aus meinem Versteck heraustraute, saß ich lange Zeit weinend vor dem Haus, bis Frau Schwarz, eine Nachbarin, zu mir kam. Der erzählte ich, was passiert war. Frau Schwarz dachte ein wenig nach, schließlich sagte sie zu mir: »Deine Schwester hat doch eine Schere und einen Mantel. Geh rauf und hol die Sachen. Wir fahren nach Litauen und tauschen sie gegen Lebensmittel. Die bringen wir Christel, und dann kannst du deine Schuld wiedergutmachen.«

Obwohl ich noch klein war, hatte auch ich schon davon gehört, dass man in Litauen um Essen betteln konnte. Deshalb ging ich nach oben, holte Christels Schere und ihren Wintermantel. Mit den Sachen machten wir uns auf den Weg, am Gut vorbei durch die brachliegenden Felder bis zu der Allee, die zum Wehlauer Bahnhof führte. Und dort nahm Frau Schwarz mir die wertvollen Sachen ab und verschwand.

Wenn ich heute zurückdenke, dann war Klein-Weißensee, waren die Worte meiner Schwester der Punkt, wo mein selbständiges Leben angefangen hat. Denn danach war ich auf mich gestellt. Ich wollte zwar nur Lebensmittel betteln und dann zurück zu meinen Geschwistern, so, wie es viele Kinder und Jugendliche machten, auch viele Erwachsene. Doch zurück nach Nord-Ostpreußen, wo Christel und Manfred waren, kam ich nicht mehr.

Wir saßen unter einer alten Eiche auf dem ehemaligen Gut Klein-Weißensee, als ich den Fernsehleuten diese Geschichte erzählte. Zwei kleine schmutzige Kinder, die jetzt in dem Haus wohnten, in dem meine Geschwister und ich fast fünfzig Jahre zuvor Unterschlupf gefunden hatten, waren uns hierher gefolgt. Ein paar Meter von uns entfernt spielten sie im Gras. Sie waren vielleicht vier, fünf Jahre alt, also nur ein wenig jünger als ich damals. Ein Junge und ein blondes Mädchen, das mich an das kleine kranke Mädchen erinnerte, das damals in Litauen neben mir gestorben ist.

Unser nächstes Ziel war der ehemalige Wehlauer Bahnhof. Das Bahnhofsgebäude stand noch, in der Wartehalle lagen die alten deutschen Fliesen. Viel hatte sich in den letzten fünfzig Jahren nicht verändert, wenn man vom Namen absieht. Snamensk – Fahnenstadt – heißt die Bahnstation Wehlau heute.

Nachdem Erna Schwarz mit Christels Schere und Mantel verschwunden war, lief ich alleine auf dem Bahnsteig herum. Überall arbeiteten russische Soldaten. Die schrien immer »ubirajsja« – hau ab! –, wenn sie ein deutsches Kind sahen. Die Worte verstand ich nicht, wohl aber ihre Bedeutung. Der Tonfall machte mir Angst. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, kletterte in einen der Güterwaggons, die auf den Nebengleisen standen, und setzte mich in eine dunkle Ecke.

Dann wurden auf einmal die Türen mit lautem Krachen zugezogen und verriegelt, der Zug fuhr los. Wie lange ich unterwegs war, weiß ich nicht, mir kam es vor wie eine Ewigkeit. Vor Hunger habe ich Körnchen gegessen, die auf dem Boden lagen, sie schmeckten ganz salzig und machten mich nicht satt. Nach kurzer Zeit schlief ich in meiner Ecke ein und wurde erst wach, als Männer in den Waggon stiegen. Junge Männer mit Schaufeln und Besen. Sie fragten mich etwas, aber in einer fremden Sprache. Kein Russisch, das kannte ich schon ein wenig. Als ich nicht direkt antwortete, packten mich die Männer und warfen mich hinaus, ich war ja ganz abgemagert und leicht. Doch plötzlich hatte ich ganz dicke Beine bekommen und konnte nicht mehr laufen, und so bin ich wie ein kleiner Ball den Bahndamm hinuntergekugelt, wo ich dann im Gras liegen blieb. Zum Glück gab es dort unten Wasser, einen Bach oder einen Graben, und da habe ich getrunken, getrunken, getrunken, ich dachte, ich werde nie wieder aufhören können. Alles brannte, im Mund und im Bauch. Wahrscheinlich, das vermute ich heute, waren die salzigen Körnchen Düngemittel gewesen. Ich konnte nicht mehr aufstehen und nur noch auf allen vieren zu einem Gebüsch krabbeln. Meine Beine trugen mich nicht mehr, sondern wackelten wie Sülze, die Knie waren verschwunden. Ich weiß noch, ich legte mich unter einen Busch, und dann schlief ich auch sehr bald wieder ein.

2. 1945–1953 Überleben in Litauen

Maria

Wie lange ich schlief in dem Gebüsch am Bahndamm, ich weiß es nicht. Die Zeit hatte damals für mich überhaupt keine Bedeutung. So ein komisches Geräusch hat mich geweckt, so ein »dsinn-dsinn, dsinn-dsinn«. Und da war noch eine leise Frauenstimme, sie sprach aber kein Deutsch. Das schien mir ganz interessant zu sein. Aber ich konnte nicht aufstehen, und da habe ich mich hingesetzt, die Äste ein wenig auseinandergeschoben und rausgeschaut. Nur wenige Meter weiter stand eine wunderschöne Kuh. Das Geräusch, das ich gehört hatte, kam vom Melken, so klingt es, wenn die erste Milch in den leeren Eimer gemolken wird, »dsinn-dsinn, dsinn-dsinn«. Eine Frau melkte die Kuh, sie sah mich nicht, aber die Kuh hatte bemerkt, wie sich die Zweige des Busches bewegten. Das Tier erschrak und ging ein paar Tritte zur Seite, so dass die Frau mit Schemel und Eimer hinter ihm hergehen und es beruhigen musste. Dann erst drehte sie sich um und entdeckte mich. Ich konnte immer noch nicht weglaufen und war deshalb sehr ängstlich, als die Frau auf mich zukam. Es war eine junge Frau mit einem hellen Tuch um den Kopf. Sie sprach beruhigend leise mit mir und gab mir durch Handbewegungen zu verstehen, dass ich keine Angst haben solle. Die ersten litauischen Worte, die ich damals hörte, waren »oh Jesu, oh Jesu«. Dann ging die Frau wieder zu der Kuh, sie melkte weiter, bis der Eimer voll war. Mit dem vollen Eimer Milch kam sie zu mir zurück. Der Schaum lief über den Rand.

Die Frau wollte mir Milch geben, sie hielt mir den Eimer hin, aber ich wusste nicht, wie ich trinken sollte. Da nahm sie ihr Tuch vom Kopf und steckte es in die Milch. Meinen Kopf hielt sie hoch, und die Milch drückte sie aus dem Tuch aus, so dass sie in meinen Mund lief. Das ging ganz langsam. Wieder und wieder tauchte sie das Tuch in den Eimer, bis sie meinte, dass ich genug getrunken hatte. Dann ging die Frau weg.

Nach kurzer Zeit schlief ich ein, bis ich wieder ein merkwürdiges Geräusch hörte, diesmal ein Knarren und Quietschen. Ich hob den Kopf und sah ein Pferdegespann: einen mit Heu beladenen Wagen, auf dem Kutschbock einen Mann und noch einen weiteren Menschen, ein großes Mädchen. Ganz nahe bei mir hielt der Wagen an. Wie ein ängstliches kleines Tier duckte ich mich ins Gebüsch. Der Mann beruhigte mich, hob mich vorsichtig hoch, legte mich auf das Heu und deckte mich damit zu. Dann fuhr der Wagen los und hielt nicht weit entfernt auf einem Hof an. Ich wurde sogleich in die Scheune gebracht, wo bereits Decken und ein Kopfkissen im Stroh lagen. In dieses provisorische Bett legten die Leute mich, ein fremdes Mädchen.

Später kam die Frau, die mir die Milch eingeflößt hatte, und brachte mir wieder etwas zu trinken, irgendeine warme Flüssigkeit, vielleicht Tee, in einem Metallbecher. Und dann zeigte sie mit dem Finger auf sich und sagte »Maria, Maritje, Maria«. Dann zeigte sie auf mich. Ich habe gleich begriffen, dass sie meinen Namen wissen wollte. Und dann habe ich gesagt »Liesabeth«. – »Liesabeth, oh Jesu, oh Jesu!«, sagte die Frau nur und ging.

Irgendwann kamen auch die Kinder der Familie in die Scheune, sie brachten mir Kartoffelbrei, dazu gab es Milch. Dann gab es noch Brot mit gedrücktem Quark, den aß man damals in Litauen als Käse. An der Scheunentür stand ein Eimer, wo ich mein Bedürfnis verrichten sollte. Jedes Mal, wenn ich dorthin ging, schaute ich durch eine kleine Ritze hinaus auf die Apfelbäume mit gold-roten Äpfeln, die nicht weit von der Scheune entfernt standen. Irgendjemand musste bemerkt haben, dass ich immer in die Richtung der Bäume guckte, denn bald stellte man mir einen kleinen Korb voller Äpfel hin. Nach ein paar Tagen konnte ich mich wieder bewegen. Dass diese Litauer mich gefunden und bei sich aufgenommen haben, das war die Rettung für mich gewesen. Wer weiß, was mir sonst passiert wäre.

Die Kinder, die auf dem Hof lebten, kamen oft. Sie brachten mir schnell die ersten litauischen Wörter bei, sie zeigten ein Stück Brot und sagten »dona«, Milch – »pienas«. So fing mein Litauischunterricht an. Als sie merkten, dass ich die Wörter ganz schnell behielt, kamen immer mehr Begriffe und kleine Sätze wie »Ich will trinken!« hinzu. Es dauerte nicht lange, und ich konnte vieles ausdrücken, was ich wollte.

Eines der ersten Wörter, die man mir beibrachte, war »stribai«, und »stribai«, das bedeutete Gefahr. Ich habe das Wort in jenen Jahren oft gehört, und immer, wenn es jemand sagte, sah ich Männer in Uniform, die überall herumsprangen, im Stall und im Haus. Sie hatten Waffen und nahmen den Leuten meistens etwas weg. Die Maria und ihr Mann haben mir gesagt, ich solle mich immer schön umgucken, ob auch keine »stribai« da seien. Erst dann dürfe ich auf den Hof hinausgehen. Wenn aber irgendwo »stribai« zu sehen wären, so sollte ich mich wieder tief in mein Loch im Heu vergraben. Später habe ich dann erfahren, dass »stribai« Männer des sowjetischen Geheimdienstes in Litauen waren. Die suchten nach Deutschen. Und Deutsche zu verstecken, das war den Litauern verboten. Wurden die Bauern ertappt, konnten sie deswegen nach Sibirien verbannt werden.

Ein paar Mal setzten Marias Kinder mich sogar auf ein Pferd. Da war ich aber schon wieder ganz gesund. Das war wunderschön, der warme Pferderücken, das weiche, glatte Fell, die rhythmische Bewegung – und von oben sah alles ganz anders aus. Es dauerte dann aber leider nicht mehr lange, bis mir die Bauern klarmachten, dass ich nicht mehr bleiben könne. Sie zeigten mir die Himmelsrichtung nach Ostpreußen und erklärten, ich solle immer dahin gehen, wo die Sonne untergeht. Die Bauern hatten große Angst, dass die »stribai« wiederkommen könnten, und sagten »tu vokietukie« – »du bist eine Deutsche und deshalb kannst du nicht hier bei uns bleiben«. Bevor ich ging, nähten sie mir noch ein kleines Leinenbeutelchen, das ich mir umhängen konnte. Dort steckten sie eine Menge Proviant hinein.

In welche Richtung ich gehen sollte, hatte ich schnell vergessen. Ich ging einfach von Hof zu Hof, denn bald schon fing ich an, Lebensmittel zu sammeln, ich wollte doch mit einem vollen Beutel zu meinen Geschwistern in Klein-Weißensee zurückkehren. Wenn ich an einem Haus anklopfte, hieß es meist zuerst: »Kajpta vo vardas?« – »Wie ist dein Name?« Und wenn ich dann »Liesabeth« sagte, dann wurde ich nicht misstrauisch, aber irgendwie komisch angeguckt. Schließlich habe ich es einfach mal versucht und »Maritje« geantwortet. Ich merkte sogleich, »Maritje«, »kleine Maria« auf Litauisch, war besser. Es hat dann nicht mehr lange gedauert, bis ich mich entschlossen habe, die Maritje zu bleiben. Zum Andenken an die Bauersfrau, die mich mit der Milch gerettet hatte. Anfangs schüttelten die Litauer den Kopf, wenn ich sagte: »Ich heiße Maritje.« Die verstanden, dass ich eine kleine Deutsche war. Bis ich die Sprache konnte, da glaubte man mir, dass ich Maritje hieß.

Jagd auf Deutsche

Manchmal wurde es sogar gefährlich, wenn die Litauer merkten, dass ich ein deutsches Mädchen war, es gab Menschen, die wütend ihre Hunde auf mich hetzten, um mich fortzujagen. Zum Glück kam das nur selten vor, und die meisten Hunde taten mir nichts. Aber einmal trieben Kinder einen komischen Spaß mit mir. Da war mein Leben zum ersten Mal in großer Gefahr.

Drei Jungen, sie waren älter als ich, hatten mich eines Tages irgendwo alleine unter Bäumen schlafend gefunden. Ich hatte mir ein Feuer gemacht, mit Hilfe von Streichhölzern, die ich irgendwo geklaut hatte. Streichhölzer waren nach dem Krieg sehr teuer, sie waren ein »Defizit« – so nannte man knappe Waren bis in die neunziger Jahre in Russland –, und es gab sie nur selten zu kaufen. Dank der Streichhölzer konnte ich über dem Feuer ein bisschen Brot auf einem Ästchen rösten. Das schmeckte mir immer gut, ich habe es mir gerne gemütlich gemacht. Ich wollte nicht immer nur ein schweres Leben haben, auch ich wollte warmes Brot essen und in meinem Kesselchen ein bisschen Wasser warm machen. Ich musste doch auch meine kleinen Feste haben, nicht immer nur Arbeitstage.

An meinem Feuer haben die Jungen mich gefunden. Sie wussten, dass ich eine Deutsche war, und wollten ihren Spaß mit mir treiben. Wenn Kinder spüren, dass sie ungestraft jemandem, der schwächer ist, etwas antun können, dann sind sie sehr grausam, das habe ich damals erlebt. Sie können grausamer sein als Erwachsene, zu einer Katze, einem Hund, einem Kind. Die drei Jungen machten kurz entschlossen eine Hitler-Gestalt aus mir: Zuerst malten sie mir einen Schnurrbart ins Gesicht, dann zerrten sie mich zum Feuer und sengten mir die Haare ab. Als kleines Kind hatte ich schöne dunkelblonde Locken, die inzwischen aber schon sehr zerzaust und schmutzig waren und herunterhingen wie bei einer Hexe. Nachdem sie mir die Haare abgesengt hatten, wussten die Jungen nicht, was sie weiter machen sollten, bis einer sagte: »Den Hitler wollen wir jetzt aufhängen.« Und das taten sie dann auch. Irgendwoher hatten sie einen Strick, den legten sie mir um den Hals, einer hob mich hoch, ein anderer kletterte auf einen dicken Ast und machte den Strick daran fest. Der Junge, der mich hochgehoben hatte, ließ los, und die drei liefen fort. Ich konnte den Ast über mir nicht mehr mit den Händen packen und hatte bald schon keine Luft mehr. Alles um mich wurde dunkel. Doch da kam ein Mann vorbeigeritten und hat mich hängen sehen. Er holte mich ganz schnell von dem Ast herunter. Gott sei Dank, es war noch nicht zu spät. Oder zum Unglück war es noch nicht zu spät. Ich habe später oft darüber nachgedacht, vielleicht wäre es für mich damals besser gewesen, ich wäre ums Leben gekommen. Immer und immer wieder habe ich mir darüber meine Gedanken gemacht.

Anfang Oktober 1945 war ich acht Jahre alt geworden, doch für mich gab es in diesem Jahr keinen Geburtstag, nicht einmal eine Zeitrechnung. Ein Tag verlief wie der andere, mit Betteln und der Suche nach einem Unterschlupf für die Nacht. Bis die Bauern im Spätherbst Stroh und Heu von den Feldern holten, hatten wir herumstreunenden deutschen Kinder immer ein warmes Bett. Ein paar Wochen lang, die Sonne schien noch warm, war ich mit einem Jungen und einem Mädchen zusammen. Die Kleine hatte ganz hellblonde Haare und war vielleicht drei oder vier Jahre alt. Sie war krank, hatte irgendetwas mit dem Magen oder dem Darm. Heute denke ich, sie hatte die Ruhr. Ihr lief dauernd eine stinkende, mit Blut vermischte Flüssigkeit aus dem Po heraus. Ich lief vor diesem kleinen Mädchen immer weg, wollte es unbedingt loswerden.

Einmal übernachteten wir drei Kinder gemeinsam in einem Heuhaufen. Wie immer lag die Kleine in der Mitte, dort war es am wärmsten. An einem dieser Herbstmorgen war ich beim Sonnenaufgang als Erste wach. Die Kleine, ich weiß nicht mehr, wie sie hieß, war ganz kalt. Ich wollte sie noch ein wenig mit Heu zudecken, damit sie es wärmer hatte, aber dann habe ich gesehen, dass ihre großen blauen Augen nicht mehr winkten, sie war tot. Ich habe den Jungen sofort geweckt. Ich weiß noch genau, dass ich Deutsch mit ihm gesprochen habe, als ich ihm sagte, dass die Kleine ganz steif war.

Bald darauf kam ein Pferdewagen, der Bauer wollte das letzte Heu einfahren. Wir herumstreunenden Kinder wurden von den Bauern immer geschlagen, wenn sie uns in den Heuhaufen fanden. Deshalb wollten mein Kamerad und ich eigentlich weglaufen, wie wir es immer taten, wenn die Bauern kamen. Da aber blieben wir und warteten, bis der Mann näher kam. Leise sagte ich zu ihm: »Hier ist ein totes Kind.« Daraufhin machte der Bauer das Heu auf und sah das tote Mädchen. Der Junge hielt es im Arm. Dann warf der Mann ohne ein Wort zu sagen etwas Heu auf das Gefährt und legte die Kleine darauf. Er versuchte noch, ihr die Augen zuzudrücken, aber dafür war es schon zu spät. Den Jungen und mich setzte er auch auf den Wagen und fuhr zu seinem Hof, um dort einen Spaten und ein Stück weißen Leinenstoff zu holen, in den er das Mädchen vorsichtig einwickelte. Dann fuhren wir wieder los. An irgendeinem Weg grub er unter einem Baum ein großes Loch, legte das tote Kind hinein und stellte an dieser Stelle ein einfaches Holzkreuz auf, das er aus zwei geraden Ästen gemacht hatte. Auch ein Gebet sprach er.

Heute denke ich immer wieder, wie dumm ich doch war, dass ich mir den Namen des Mädchens nicht gemerkt habe. Mich hat mein Vater lange Jahre gesucht und zum Glück auch gefunden. Und dieses Mädchen hat bestimmt auch jemand gesucht. Vielleicht sucht man es heute noch. Auch wenn ich mich an seinen Namen überhaupt nicht erinnern kann, bin ich mir fast sicher, dass es unter dem Ohr einen komischen runden Flecken hatte, so einen, den man von Geburt an hat.

Im Herbst 1945 hatte ich mehrmals versucht, nach Klein-Weißensee zurückzufahren, aber das hat nie geklappt. Zwar hatte ich immer mal wieder andere deutsche Kinder getroffen oder auch erwachsene Frauen, aber jedes Mal, wenn ich fragte, ob ich nach Ostpreußen mitkommen dürfe, hieß es, man müsse leider in eine andere Richtung. Nun aber war es bereits empfindlich kalt geworden und an der Zeit, ein gutes Quartier für den Winter zu suchen.

Manche deutschen Kinder hatten mehr Glück als ich, sie fanden schnell mitleidige Bauern, die sie den ganzen Winter über in ihrer Familie aufnahmen. Viele von ihnen wurden sogar von Litauern adoptiert. Sie erhielten litauische Namen und vergaßen bald ihre Muttersprache und ihre deutschen Namen, besonders wenn sie noch klein waren. Bis heute leben sie als Litauer, manche als Russen; nur einige Hundert dieser Bettelkinder haben nach langen Jahren des Suchens ihre Angehörigen, die es irgendwie geschafft hatten, in den Westen zu fliehen, in Deutschland wiedergefunden.

Ich weiß nicht weshalb, aber ich musste oft an viele Türen klopfen, bis mich jemand ins Haus, zu den Tieren in den Stall oder in die Scheune ließ. Wenn ich im Dunkeln unterwegs war, konnte ich meistens nicht einmal das nächste Gehöft sehen. Die Menschen auf dem Land hatten damals noch keinen Strom, nur Petroleumlampen und Kerzen. Ließ mich niemand ins Haus hinein, schlich ich mich oft auch ohne Erlaubnis in die Scheune, denn die war nie zugesperrt. Doch sobald der erste Schnee gefallen war, wurde es auch dort zu kalt. Mir blieb keine Wahl, als bei den Tieren im Stall einen Platz zum Schlafen zu suchen, wenn es an der Haustür »Nein!« hieß. Im Stall, da war es warm, da standen Pferde, Kühe, Schafe und Schweine. Immer in der gleichen Anordnung, die Schafe neben den Pferden, dann die Kühe und hinter den Kühen die Schweine.