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9. November 1989: Spannung. Wahnsinn. Glücksgefühle. So viel Jubel war nie. Die Menschen tanzten auf der Mauer, am Todesstreifen und auf dem Ku-Damm, der West-Berliner Prachtstraße. Die DDR-Oberen hatten sich selbst und kurz darauf ihren Staat zu den Akten gelegt. „Zeuge der Wende – das war mein RIAS-TV“ schildert aus der Perspektive eines Fernsehjournalisten die Ereignisse dieser Nacht, die Vor- und Nachgeschichte der Wende. Das Buch berichtet über Kontext und Entwicklung einer friedlichen Revolution und gibt einen Blick frei auf das aufregende Innenleben eines Senders. RIAS-TV war eine „Perle“ (taz) in der Berliner Medienlandschaft, eine Brücke zwischen Ost und West. „Zeuge der Wende“ erzählt, wie eine engagierte Crew versuchte, mit sachlichen, fairen Nachrichten den Propaganda-Kanälen aus der DDR Paroli zu bieten. RIAS-TV war dabei, als die Mauer fiel und begleitete die Deutschen auf dem Weg zur Einheit. Ein spannendes Buch über deutsch-deutsche Geschichte und einen außergewöhnlichen Sender in der Berliner Medienlandschaft, der die ereignisreichsten Jahre der deutschen Nachkriegszeit auf die Bildschirme brachte. Stimmen zum Buch: Nina Ruge, Moderatorin und Autorin: "Es war im Juli 1988: Ein kleiner Sender entstand – eine große Idee schweißte uns zusammen: Unabhängiger, unbestechlicher Journalismus für die Menschen „im Osten“: „Eine freie Stimme für eine freie Welt“. Schon ein Jahr später der Mauerfall – über das Unvorstellbare berichten, das Ende der Eiszeit als tägliches Topthema: Wahnsinn. Niemand war journalistisch näher dran als wir bei RIAS-TV. Für mich begann alles in der Voltastraße, im Berliner Wedding. Danke RIAS-TV." Karin Jacoby, Medien-Coachin und Moderatorin: "RIAS-TV begann um sechs Uhr morgens. Zu dieser Tageszeit voll auf der Höhe zu sein, war für alle eine Kunst. Geklappt hat es immer, dank des Teamworks. Jeder trug seinen Teil dazu bei, eine schöne Sendung zu gestalten. Klingt nach einer TV-Insel der Glückseligen? Ja, so ein wenig war es das auch und vielleicht auch deshalb denke ich nach wie vor so gerne RIAS-TV zurück." Professor Norbert Vojta, Journalist und TV-Produzent: "Spannend, informativ, flüssig zu lesen." Hartmut Rodenwoldt, Leiter des Hauptstadtbüros der Tageszeitung „Die Rheinpfalz“: „Zeuge der Wende“ ist mit viel Herzblut geschrieben: Facettenreich, hingebungsvoll, überaus lesenswert."
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Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2020
Für Anca, Jens und Peter
Amelie, Max und Frederik
Sabine, Simone
und Anneild
Impressum
Bibliografische Informationen der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN: 978-3-95894-176-2 (Print) // 978-3-95894-177-9 (E-Book)
Lektorat: Ann-Carolinn Specht / Achim Klede
Titelbild: November `89 am Brandenburger Tor Aufnahme: Ulrike Plesser/RIAS-TV
© Copyright: Omnino Verlag, Berlin / 2020
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VORWORT: The Spirit of RIAS-TV
Kapitel I
Geburtsstunde und Geburtshelfer eines Senders
Ein Wessi im Osten – Berlin: Mein „Place to be“ – Ein Gründer namens Reagan – Kritisch, aber nicht ketzerisch – Wer RIAS hört – Berlin oder Ludwigshafen? – Kein „Gänsefleisch“ am Check-Point Alpha – Zitterzulage in der Traumstadt – Ein Sender mit begrenzter Lebensdauer
Kapitel II
Die Kinderstube eines Senders
Proben, Pech und Pannen – Gummistiefel-Zeit – On air für die DDR – Fernsehen zum Frühstück – Lothar Loewe will sich erschießen –Kein Bild für RIAS – „Der Schwarze Kanal“ – Kaffeefahrt nach Ost-Berlin – Sicherheit vor Sensation – Der Programmchef und die Schwergewichte – Wir senden auch bei Blitzeis – Die RIAS-Gesichter:Nina Ruge,Günther Neufeldt,Norbert Vojta,Karin Jacoby,Antje Garden,Olaf Krieger,Bettina Tietjen – Der Sender mausert sich – Schnitzler und das „imperialistische Werkzeug“ – Rotlicht in der „Pfeffermühle“ – Post von „drüben“ – Schwarzbrot, Bären und Musik – Hunderennen zur Schrippe – „Gastmahl des Meeres“ – Schlangen vor der „Distel“
Kapitel III
Aufbruch, Hoffnung, Menschlichkeit
Hoffnungsträger aus Danzig – Frischer Wind im Osten – Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens – Das Schicksalsjahr 1989 im Zeitraffer: Januar bis November – Der Schnitt durch den Eisernen Vorhang – Kommunalwahlen: Zettelfalten in der DDR – „Wir sind heute zu Ihnen gekommen …“ – Die DDR wird 40 – Keine „chinesische Lösung“ in Leipzig – Erich Honecker wird zurückgetreten – November 1989: Die DDR überwindet ihre Sprachlosigkeit – Stefan Heym: „Ein Fenster aufgestoßen“ – Rücktritte in letzter Minute
Kapitel IV
Die Nacht der Nächte
Die Chronik des Wahnsinns – „Das ist – unverzüglich, sofort“ – Die Mauer ist offen – Gänsehaut-Bilder – Die Frau am Tor – Was aus ihnen wurde: ein Jahr danach – Emotionen, Euphorie und Empathie – Überfordert und ahnungslos – Nach der Sendung ist vor der Sendung – „Viel Verkehr an den Grenzpunkten“ – Menschenkind
Kapitel V
Der Versuch, zusammenzuwachsen
Wie es weiterging – November 1989: zweiter Teil – Ausverkauf droht – Neue sozialistische Gesellschaft? –Zehn Punkte zur Einheit – Vergeudung von Volkseigentum – Licht für das Land – Wind of Change bei RIAS-TV – Die (Funk-)Wende vor der Wende beim DFF – Sandmann allein zu Hause – Genossen auf Optimierungskurs – Profis aus dem Osten: Henne & Co. – Berlin, nun freue dich – Silvester am Tor
Kapitel VI
Mit Riesenschritten zur Einheit
Egon Krenz: der oberste Wendehals – Angst vor dem großen Nachbarn – Auflösungserscheinungen in der DDR – „Das Bonner Nilpferd“ –Wahlsieger D-Mark – Beitritt statt Vereinigung –Noch eine Wahl – Ich, das Grenzorgan – Ausnahmezustand Währungsunion – Ein Staat löst sich auf – Die hässliche Fratze der Realität –Treuhand. Treuhand?
Kapitel VII
Bis zur letzten Klappe
Ein diplomatisches Meisterwerk –Warum feiern wir den 3. Oktober? – Ein Staat packt ein – Die Alliierten: „Auftrag ausgeführt“ –Freude, Fahnen, Friedenswünsche –Reaktionen weltweit – Und jetzt bundesweit – Ein Jahr danach: der Pastor aus Budapest; der Mann, der die Maueröffnung ermöglichte – Ende und Anfang einer Anstalt – Und tschüss – Des Kritikers Tränen
So sieht der Chefredakteur sein RIAS-TV
„Das aufregendste Medienexperiment in der Geschichte der Bundesrepublik“
Interview mit dem ehemaligen RIAS-TV-Chefredakteur Dr. Wolfgang Krüger
Anhang
Kleine DDR-Kunde
Quellenverzeichnis/Literaturhinweise
Kalender der Wende 1989/1990
Wendezeit. Was für eine Zeit. Was für eine Nacht. Die Nacht, in der die Mauer fiel. Diese Nacht hat nicht nur die beiden Deutschland verändert, diese Nacht hatte Konsequenzen für einen ganzen Kontinent, für unsere Welt.
RIAS-TV hat die Mauer nicht „nieder“-gesendet, aber wir konnten beobachten und berichten, wie verbohrte, verblendete Männer dem Volk ein Paradies versprachen und als Vorauszahlung die Freiheit dieses Volkes kassiert hatten.
Wir sahen, wie rote Missionare mit Drohungen, Unterdrückung, Willkür und Gewalt und mit einem Heer von Zuträgern und Profi-Schnüfflern versuchten ein Volk umzuerziehen.
Wir sahen, wie Menschen ihre Angst überwanden, auf die Straße gingen und die Mauer in ihren Köpfen und an den Grenzen ihres Landes sprengten. Wir sahen, wie Funktionäre hilflos auf die Wut ihrer Bürger reagierten und schließlich verzweifelt die eigenen Führer opferten, um sich einen Rest an Macht zu sichern, an den sie sich klammern konnten.
Wir sahen, wie ein bürokratischer Staat sich versehentlich selbst zu den Akten legte. Wir sahen, wie Menschen sich befreit in die Arme fielen und auf der Mauer tanzten. Freude, schöner Götterfunke.
Wir sahen, wie ein Staat sich selbst auflöste, abwickelte und seine Machtinstrumente verschrotten musste.
Das Team von RIAS-TV sah aber auch, wie sozialistisch erzogene Menschen in einem ungebremsten Kapitalismus erwachten und ernüchtert feststellten, dass eine harte Währung auch gelegentlich einen harten Kampf ums Überleben fordert.
RIAS-TV ist – publizistisch betrachtet – ein nahezu unbeschriebenes Blatt, aber mediengeschichtlich ein wichtiger Faktor und Augenzeuge beim politischen Umschwung in Europa und beim hilflosen Agieren der DDR-Oberen in den letzten Monaten vor dem Zerfall ihres Machtapparates.
„Zeuge der Wende“ zeichnet den Schlingerkurs der DDR-Machthaber nach, zeigt, wie sie die Zeichen der Zeit ignoriert haben und schließlich vom eigenen Volk in die vorauseilende Selbstzerfleischung gezwungen wurden.
Das Buch zeigt aus der Perspektive eines Redakteurs der kleinen, aber überaus engagierten Crew des TV-Senders, was in der Nacht der Nächte geschah, was danach passierte und wie es zur Abwicklung des Staates kam.
„Zeuge der Wende“ zeigt aber auch das Innenleben von RIAS-TV mit so bekannten Gesichtern wie Nina Ruge, Bettina Tietjen, Norbert Vojta, Götz Alsmann oder Aiman Abdallah, um nur einige zu nennen. Ein anderer aus der Crew, Stefan Raue, ist heute Intendant des „Deutschlandradio“, Rüdiger Lentz war Direktor der Denkfabrik „Aspen Institute“, Dr. Wolfgang Krüger Staatssekretär in Potsdam und Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Cottbus und Torsten Kroop ist heute stellvertretender Chefredakteur der „Berliner Morgenpost“.
Nach der ersten Ausgabe von RIAS-TV-Frühstücksfernsehen (1988) wollte sich Lothar Loewe, ehemals ARD-Korrespondent in Moskau, Washington und Ost-Berlin, vor lauter Fremdschämen über die Qualität der Sendung erschießen. Es blieb zum Glück bei der Drohung.
Nach der letzten Ausgabe von RIAS-TV (1992) zog der Medienkritiker der „taz“, Marc Fest, offensichtlich mit einer Träne im Auge Bilanz. Zitat: „Anfangs als ,Valium-Fernsehen‘ verschrien, avancierte RIAS-TV zur Perle in der Berliner Medienlandschaft.“ Man könnte das für eine „Erfolgs“-Bilanz halten.
Einer musste die kurze Geschichte von RIAS-TV aufschreiben, des Senders, der seine Existenzberechtigung von dem Blick über die Mauer ableitete, musste erzählen, was wir gesehen, erlebt und gesendet haben. Einer musste erzählen, wie dieses Team im Berliner Wedding seine Schwierigkeiten mit den „Herren“ und Verhältnissen im Sendegebiet und mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten (zumindest meistens) überwand.
Wenn die Floskel „Die Mannschaft zählt“ Ausdruck für ein Gemeinschaftsgefühl ist, dann war „The Spirit of RIAS-TV“ genau das: ein Ausdruck für Zusammenhalt. Ich kann nicht alle aufzählen, die von diesem „Geist“ geprägt waren und das Programm geprägt haben; das ergäbe eine als Adressbuch getarnte Ehrentafel. Aber: Ich habe selten ein Team erlebt, das so füreinander einstand und sich gemeinsam für ein Produkt engagierte wie diese Mannschaft; egal ob als Redakteur oder als Assistentin, ob im Schnitt, an der Kamera, beim Ton oder beim Licht oder bei der gesamten Technik und der Verwaltung.
Einer musste das erzählen. Ich habe es einfach getan. Es ist naturgemäß ein Blick auf „mein“ RIAS-TV, ein Blick auf „mein“ Arbeitsfeld. Es ist eine Perspektive unter mehreren möglichen Perspektiven.
Ich war vom ersten Tag an und bis zur letzten Klappe bei RIAS-TV als Chef vom Dienst und Abteilungsleiter für und bei diesem Sender engagiert. In meinem Buch versuche ich den „Spirit of RIAS-TV“ noch einmal aus der Flasche zu holen und an das Lebensgefühl der 80er/90er-Jahre in Berlin zu erinnern.
Gerhard Specht
Berlin 2020
Ein Wessi im Osten
Es war eine bunte, junge Truppe, die sich da 1988 in der Voltastraße im Berliner Wedding, drei Gehminuten von der Mauer entfernt, anschickte, dem Ost-Fernsehen die Lufthoheit über die DDR streitig zu machen.
Mit dabei als Chef vom Dienst ein Redakteur aus dem tiefen Westen der Bundesrepublik. Ein Wessi, der nicht nur erst die Informations-Bedürfnisse der Menschen jenseits der Mauer erforschen, sondern der auch erst lernen musste, wie man die Decke des Sozialismus ein wenig lüftet, unter der „drüben“ Teile der Wahrheit „verdeckt“ worden waren. Ein Wessi an der vordersten Front des Kalten Krieges? Wie konnte das passieren?
Die Antwort ist ein Imperativ: Cherchez la femme.
Ich musste nicht länger suchen, ich hatte sie gerade gefunden. Sie arbeitete bei einer privaten TV-Station, dem „Ersten Privaten Fernsehen“ (EPF) in Ludwigshafen am Rhein, als Moderatorin und Redaktionsleiterin. Ich war als Chef vom Dienst gerade dabei, im selben Haus beim Aufbau eines privaten Rundfunkprogramms für Rheinland-Pfalz und vor allem für die Kurpfalz zu helfen: „RPR“ (Rheinland-Pfälzischer-Rundfunk).
Sie hieß Anne Preun und war umwerfend. So umwerfend, dass meine Grundsätze (u. a. fang nie was mit einer Frau im eigenen Betrieb an) schneller purzelten, als ich denken konnte. Meine Liebeserklärungen schickte ich ihr jeweils zur Mittagszeit verschlüsselt über den Sender.
Mittags durfte ich für Radio „RPR“ aus Studio Mannheim die EPF-Fernsehfrau jenseits des Rheins interviewen und nach den Programmschwerpunkten ihres Abendjournals befragen.
Cross Media nennt man das heute und das war auch damals (Anfang 1988) schon recht wirkungsvoll. Es klang ungefähr so: „In Ludwigshafen begrüße ich jetzt die Moderatorin des EPF (Erstes Privates Fernsehen) Anne-ild Preun. Anne-ild, was hat das EPF denn heute zu bieten?“ Beim ersten Mal stutzte sie noch, beim zweiten Mal hatte sie sich schon daran gewöhnt und ahnte, was die Anrede zu bedeuten hatte: Anne-ild (Anne, ich liebe dich).
EPF war nicht allzu lange „on air“. Nach vier Jahren ging dem Sender noch 1988 die Luft aus und Anne dachte über ein Job-Angebot nach, das man eigentlich nur annehmen konnte.
RIAS, das „Radio im amerikanischen Sektor“ von Berlin, wollte nach dem erfolgreichen Start seines zweiten Radioprogramms („rias 2“/heute „rs2“) einen Fernsehkanal installieren, um die Menschen jenseits von Mauer und Todesstreifen mit einem etwas objektiveren Bild über ihr Land und den Westen zu informieren. Etwas objektiver, als es die ideologisch ausgerichteten Kameras des „Deutschen Fernsehfunks“ (DFF) in der DDR leisten durften.
Der designierte Chefredakteur von RIAS-TV, Dr. Wolfgang Krüger, war in die Idee verliebt, eine Frau mit der Leitung seiner Sportredaktion zu betrauen. Anne hatte an der Sporthochschule Köln studiert, bei der „Fußballwoche“ volontiert, später in Ludwigshafen den Sportkanal des Landessportbundes Rheinland-Pfalz aufgebaut und dann als Chefin vom Dienst das Programm des EPF mitverantwortet und moderiert. Jetzt also Ressortleiterin Sport – als erste Frau in dieser Funktion. Und das in Berlin. Welch eine Chance.
Ich spielte kurz mit dem Gedanken an eine „Fernbeziehung“, aber das konnte man von einem frisch Verliebten ja wohl nicht ernsthaft verlangen. Außerdem – es ging um Berlin. Die Stadt, die ich schon als Jugendlicher durch die Bücher von Kurt Tucholsky kennen- und lieben gelernt hatte.
Berlin war mein „Place to be“. Hier wurde Geschichte an jeder Ecke lebendig, hier waren Toleranz und Arroganz, Wortwitz und Piefigkeit eine eigentümliche Melange eingegangen.
Berlin, das war für uns im Westen das „Schaufenster des kapitalistischen Warenangebots“, der „ost-westliche Agenten-Horst“, der „vorderste Graben im Kalten Krieg“, die „Kapitale der Freiheit und Toleranz“, die ehemalige Hauptstadt bei der „Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik“. Berlin, das war die aufregendste Stadt in Deutschland, wenn nicht in Europa.
Und die beste Adresse in Berlin: der RIAS. Bei diesem Kürzel leuchteten für mich und viele Medienmenschen im Westen Namen wie Jürgen Graf, Klaus Harpprecht, Peter Schulze, Hans Rosenthal, Friedrich Luft und Günter Neumann mit seinem Radio-Kabarett „Die Insulaner“ auf und natürlich – Egon Bahr. Zehn Jahre lang, von 1950 bis 1960, war er Chef-Kommentator des Senders und später engster Vertrauter von Bundeskanzler Willy Brandt. Auf Bahr geht die Formel „Wandel durch Annäherung“ zurück; eine Formel, die zum Grundstein für die spätere Vereinigung der beiden Teilstaaten wurde.
Für das Bewegtbild, das der „freien Stimme für die freie Welt“ künftig ein Gesicht geben sollte, machte sich ein ehemaliger Schauspieler stark, Ronald Reagan. Der 40. Präsident der USA hatte im Juni 1987 die gerade 750 Jahre alt gewordene Stadt an Spree und Havel besucht. Er forderte vor dem Brandenburger Tor – mit der Mauer im Rücken: „Open this gate. Mr. Gorbatschow, tear down this wall.“ Öffnen Sie dieses Tor, Mr. Gorbatschow, und reißen Sie diese Mauer nieder. Diese Sätze gingen um die Welt.
Von einem – zumindest für die Berliner Rundfunk-Geschichte – ebenfalls wichtigen Satz, früher am Tag geäußert, nahm zunächst kaum jemand Notiz: „And now we are taking another important step in German-American relations by moving forward to make RIAS television a reality.“ (Und jetzt machen wir einen weiteren wichtigen Schritt in den deutsch-amerikanischen Beziehungen, indem wir RIAS Fernsehen zur Realität machen.)
Reagan, der in kleineren Filmproduktionen oft als Hauptdarsteller agiert hatte, fügte schmunzelnd hinzu: „I can’t help but wonder if they will rerun ‚Bedtime for Bonzo‘.“ Er frage sich, ob sie bei RIAS-TV „Bedtime for Bonzo“, eine US-amerikanische Filmkomödie in Schwarz-Weiß, wiederholen werden. Reagan hatte in diesem Streifen mit Diana Lynn die Hauptrolle gespielt. „Bonzo“ blieb zu Lebzeiten von RIAS-TV ungesendet im Filmarchiv. Trotzdem danke, Mr. President.
RIAS war nicht nur eine erste Adresse für Berlin-Affine, Berlin galt als Experimentierfeld für Radioformate mit Akzeptanz-Garantie. Kaum ein Sender – so hieß es noch am 8. April 2017 bei „tagesschau24“ – habe je so eine intensive Hörerbindung erreicht wie der RIAS.
Das lag auch am journalistischen Konzept des Funkhauses an der Grenze zwischen Schöneberg und Wilmersdorf. Die RIAS-Intendanz hatte das Konzept so beschrieben: „Informationen geben … indem man das, was sich auf der anderen Seite der Sektorengrenze ereignet, ungeschminkt, kritisch, aber nicht ketzerisch darstellt.“
Der RIAS stand ab der ersten Sendeminute, im Februar 1946, unter der Programmaufsicht des „United States Information Service“ (USIS) und wurde lange Zeit auch vom US-Außenministerium finanziert. Ein Propaganda-Radio war er deswegen noch lange nicht. Aber vielleicht eine Werbung für freien, unabhängigen Journalismus.
Ganz nach angelsächsischer Tradition wurde möglichst objektive, sachliche Berichterstattung praktiziert. Der RIAS hatte sich bewusst gegen die Agitprop-Programme aus dem sowjetischen Sektor, gegen Hetze und Klassenkampf-Parolen positioniert.
Für die Sowjets und die DDR-Machthaber war Information dagegen „… die von Klasseninteressen bestimmte Übermittlung von Erkenntnissen an Menschen und Menschengruppen mit dem Ziel, auf ihr Denken, Fühlen und Handeln einzuwirken“.
Und weiter im „Wörterbuch der sozialistischen Journalistik“ der SED: „Informationspolitik ist Mittel des politisch-ideologischen Klassenkampfes zur Bekämpfung der Informationspolitik anderer Klassen bzw. politischer Kräfte.“1
RIAS war genau deshalb für die DDR-Oberen der Feindsender „Nummer 1“. Den Ehrentitel errangen die Kollegen aus der Kufsteiner Straße (heute Hans-Rosenthal-Platz) vor allem durch ihre Berichte zur Luftbrücke und zum Arbeiteraufstand im Juni 1953. „Eine freie Stimme der freien Welt“. Ein Slogan und ein Versprechen gleichermaßen.
Wer in der DDR den RIAS hörte, musste mit drastischen Strafmaßnahmen rechnen. Professor Joachim Kallinich (Humboldt-Universität zu Berlin) hat für eine Ausstellung in Frankfurt/M. drei Fälle beispielhaft dokumentiert: Der erste Fall betrifft einen Schüler, der reglementiert wurde, weil er an den RIAS geschrieben hatte. Im zweiten Fall geht es um einen Studenten, der den RIAS eingeschaltet hatte und deshalb exmatrikuliert wurde. Im dritten Fall hatte ein Hörer an den RIAS geschrieben und war deswegen für ein Jahr und sechs Monate im Gefängnis gelandet. In seinem Brief hatte er sich zu einer möglichen Wiedervereinigung geäußert.
„On air“ zogen die DDR-Machthaber mit solchen Sprüchen vom Leder: „Enten haben kurze Beine, RIAS hat besonders kleine“ oder einfach „Der RIAS lügt“ oder „Stellt Dein Nachbar RIAS ein, sag energisch: Lass’ das sein“ oder „Im RIAS kommt erst die Musik und dann die Hetze für den Krieg“. Und besonders dramatisch: „Am Lügengift aus RIAS’ Munde ging mancher arme Tropf zugrunde.“ Reim dich oder ich fress’ dich.
Dass diese Propaganda-Sprüche besonders wirksam seien, bezweifelten die Macher wohl selbst. Überall in der DDR wurden deshalb kleine, aber effektive Störsender gegen die „freie Stimme“ installiert. Einen davon kann man heute noch im Foyer von DeutschlandRadio Berlin/ Deutschlandfunk Kultur am Hans-Rosenthal-Platz (früher Kufsteiner Straße) bewundern. Das RIAS-Logo steht auf dem Dach und unter Denkmalschutz.
Der RIAS – eine Erfolgsgeschichte. Vor der Berlin-Blockade (Juni 1948 bis Mai 1949) hatten noch mehr als 50 Prozent der West-Berliner bei einer Meinungsumfrage amerikanischer Demoskopen angegeben, den Ost-„Berliner Rundfunk“ zu hören. Nach der Blockade erklärten 93 Prozent der Befragten, dass sie jetzt normalerweise den „RIAS“ hörten. („Ätherkrieg über Berlin“2)
O. k., diese Umfrage aus der „Steinzeit“ der Demoskopie hat nur den Westteil des Sendegebietes berücksichtigt, was wegen der Konfrontation in Zeiten des Kalten Krieges nicht verwunderlich ist. Und natürlich stützt das Ergebnis auch das Engagement der US-Streitkräfte für den Sender.
Das alles schoss mir durch den Kopf, als ich tief im Südwesten der Republik über Anne, mein Leben und meine Zukunft nachdachte. Die Entscheidung gegen Ludwigshafen und für Berlin fiel eigentlich nicht allzu schwer, aber …
Gut, ich war nicht ganz unerfahren in meinem Beruf, hatte als Chefreporter und als Lokalchef in mehreren Städten gearbeitet, war freier Mitarbeiter eines öffentlichrechtlichen Senders (Saarländischer Rundfunk) gewesen, hatte an der FU in Berlin einen berufsbegleitenden Journalistik-Studiengang abgeschlossen und wesentlich dabei geholfen, eine private Radiostation aufzubauen, aber …
Aber da gab es noch ein kleines Problem. In Berlin war niemand, der in die Idee verliebt gewesen wäre, „mich zu engagieren“. Ich musste also die Gründerväter von RIAS-TV davon überzeugen, dass ich, der Wessi, genau der richtige Mann sei für das Projekt „Fernsehen als Brücke zwischen Ost und West“.
Warum ich denn unbedingt nach Berlin wolle, fragte mich die RIAS-Personalchefin. Anne war ein Grund, aber keine Begründung für einen Redakteursvertrag. Aber auf ihre Frage gab es noch eine Antwort, eine ehrliche Antwort: „Wegen Berlin.“ (Begründung? Siehe oben.)
Ich bekam tatsächlich meine Chance und durfte, nach dem Radio in der Pfalz, zum zweiten Mal in meinem Leben beim Aufbau eines Senders in vorderster Reihe als Chef vom Dienst mithelfen. Anne, wir fahren nach Berlin.
Das „Grenzorgan“ in Marienborn, dem Tor zur DDR, gab sich teilnahmsvoll: „Na, jibt et in Barlin nix mehr ze koofen?“
Wir hatten Annes kleinen Ford Fiesta tatsächlich bis unters Dach vollgepackt. Voll mit allem Kram aus Ludwigshafen, von dem wir glaubten, er sei auch im fernen Berlin unentbehrlich.
Wenn das „Grenzorgan“ uns jetzt aussteigen und auspacken ließ, war der Tag gelaufen. Also lächelte Anne so charmant wie möglich zurück und unterdrückte alle politisch unkorrekten Witze über West-Autos als getarnte Carepakete zur Verbesserung der Versorgungslage in der DDR. Tapfer versuchte sie zu verbergen, unter welcher Anspannung sie stand. Ihre Mutter im westfälischen Dülmen hatte sie noch gewarnt: „Kind, willst du wirklich nach Berlin? Da sind doch überall Russen.“
Ich sah keine Russen, wusste aber, dass an den großen Übergangsstellen, also hier in Marienborn oder in Drewitz-Dreilinden, mehrere Hundert Grenzsoldaten und Angehörige der „Passkontrolleinheit“ der Stasi sowie der DDR-Zollverwaltung stationiert waren.
Als der DDR-Grenzer sich nun an der heruntergelassenen Seitenscheibe nach der Versorgungslage in West-Berlin erkundigte, ging es ihm nicht vorrangig um Fluchthilfe, sondern beispielsweise um unerwünschte „kapitalistische Druckwerke“. Dazu gehörten grundsätzlich alle Springer-Erzeugnisse sowie Pornos, aber auch Versandkataloge von Otto oder Quelle. Die dekadenten West-Papiere galten im Arbeiterparadies als mindestens so gefährlich wie die Äpfel im Garten Eden.
Der Repräsentant der Deutschen Demokratischen Republik eingangs der Transitstrecke hatte aber wohl irgendwie Mitleid mit der armen Frau und ließ uns passieren, ohne „Gänsefleisch mal …“ zu fordern.
„Gänsefleisch mal …“ ist Sächsisch. Diesen Dialekt sprachen viele Grenzsoldaten und sie meinten damit: „Können Sie vielleicht mal den Kofferraum öffnen.“ Sachsen wurden bevorzugt an der Grenze eingesetzt, weil sie zu Hause oft keine West-Sender empfangen konnten. Sie kämen – so hieß es – aus den „Tälern der Ahnungslosen“, wären folglich weniger kapitalistisch indoktriniert und deshalb optimal geeignet als „Türsteher“ an der Schwelle zwischen Ost und West.
Ich bin kein Sachse, und dass ich rund eineinhalb Jahre später trotzdem mal für ein paar Minuten „Grenzorgan“ spielen würde – damals einfach unvorstellbar. Aber wahr. Näheres dazu nach dem Mauerfall.
Ich weiß nicht, wie oft wir über Marienborn/Helmstedt ein- und ausgereist sind. Noch weniger wusste ich, dass die DDR hier sogenannte Gamma-Kanonen (Deckname „Technik V“) installiert hatte, die jeden ausreisenden Pkw schon vor dem eigentlichen Kontrollbereich durchleuchteten. Wir hatten, ohne es zu wissen, jedes Mal eine Lichtschranke passiert, die radioaktive Strahlen auslöste, um so versteckte „Republikflüchtlinge“ aufzuspüren. Angeblich war die freigesetzte Menge an der Gammastrahlen-Quelle Cäsium-137 nicht gesundheitsschädlich.3
Nachdem unsere Reisepässe und die Fahrzeugpapiere über das Förderband im Kontrollgebäude gelaufen und wahrscheinlich säuberlich abgefilmt worden waren, konnte sich unser Ford Fiesta auf den Weg machen.
167 Kilometer sind es vom Check-Point Alpha (Helmstedt/Marienborn) bis zum Checkpoint Bravo (Dreilinden/Berlin). 167 Kilometer durch die eingesperrte DDR. Ab jetzt waren wir nicht mehr allein. Uns war bewusst, dass auf allen Transit-Autobahnen ständig zivile Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit“ (MfS) unterwegs waren. Einzelne ihrer Wagen hatten angeblich sogar bundesdeutsche Kfz-Kennzeichen.
Verständlich, dass wir die DDR-Tour möglichst schnell und zügig hinter uns bringen wollten. Allenfalls kurze Aufenthalte an den Raststätten waren geduldet. Es empfahl sich aber, hier keinen Kontakt zu DDR-Bürgern aufzunehmen. Die Raststätten waren beliebte Kontakthöfe zwischen Ost und West und wurden genau deshalb flächendeckend von DDR-Zoll und Volkspolizei sowie von den Mitarbeitern der Firma „Horch und Guck“ (volkseigener Jargon für Staatssicherheitsdienst) observiert.
Die Tankstellen-Mitarbeiter und jede Service-Kraft im Restaurant standen – wahrscheinlich nicht ganz unbegründet – unter Pauschal-Verdacht, Stasi-Helfer zu sein.
Es war unsere erste Fahrt durch den Überwachungsstaat, der unser künftiges Sendegebiet sein sollte. Das Gefühl, ständig beobachtet und eventuell willkürlich geschnappt zu werden, wurde ich bis zum Fall der Mauer nie richtig los.
Der erste Eindruck vom Paradies der Arbeiter und Bauern war – grau. Alles wirkte grau in grau. Mein Freund und Kameramann, Thom Schönberg, staunte später bei jeder Dienstreise durch die DDR aufs Neue: „Hier ist selbst der Rasen grau.“
Florian Henckel von Donnersmarck hat diese Wahrnehmung in seinem Film „Das Leben der Anderen“ bewusst aufgenommen. Er zeichnete die Welt der Überwacher im Stasi-Staat mit kalten, grau-grünen, schmutzig bräunlichen, ungesättigten Farben und tauchte das Ganze in kaltes Neonlicht. Grau – das Wort steckt in Grauen oder grauenvoll.
Als „Wessi“ genoss man Ende der 80er-Jahre durchaus ein paar Vorteile in der geteilten Stadt. Es gab staatlich finanzierte Heimflüge in den Westen, eine Gehaltszulage und man konnte – bis man eine „richtige“ Wohnung gefunden hatte – preiswert in einem möblierten Apartment der AWO (Arbeiterwohlfahrt) nächtigen.
Berlin suchte händeringend nach Arbeitskräften für die alternde, eingemauerte Stadt und ließ sich das was kosten. Berlin konnte sich das leisten, der Bund half ja gerne mit etwas Kleingeld aus.
Nach dem Gesetz zur Förderung der Berliner Wirtschaft wurde eine Zulage von acht Prozent des Bruttolohns an Neu-Berliner Arbeitnehmer ausgeschüttet. Nach der Einheit wurde die Berlin-Zulage (im Volksmund wegen der russischen Truppen-Präsenz „Zitter-Zulage“ genannt) schrittweise abgeschmolzen.
In den AWO-Appartements durfte man allerdings nicht ewig leben. Also sollte man möglichst rasch eine eigene Wohnung gefunden haben. Das war damals nicht leichter als heute.
Für mich hieß das – am Wochenende runter an den Kiosk und gucken, was an Wohnungen in den Zeitungen angeboten wurde. Wohnungs-Inserate füllten damals noch zahlreiche Zeitungsseiten und waren ein wichtiges finanzielles Standbein der Verlage.
So großspurig, wie es nur unsichere Wessis sein können, verlangte ich am Zeitungsstand „alle heute in Berlin erschienenen Tageszeitungen, bitte“.
Der Kioskbesitzer wälzte die Zigarette im Mundwinkel von rechts nach links, schob dann die Zeitungen auf dem Tresen wie ein Kartenspiel zusammen, bückte sich und hievte zwei noch verschnürte Zeitungspakete auf den Tresen: „Bitte. Den Rest musste dir bei Springer holen.“
Ich stutzte, staunte und erkannte: Ja, ich bin da. Ich bin angekommen – in meiner Traumstadt, in Tucholskys Berlin. Und es existiert wirklich, dieses „Herz-mit-Schnauze“-Gebaren, mit dem Berliner (zumindest einige) gegen Arroganz und Überheblichkeit antreten.
Zugegeben, einige Berliner haben ihren Kiez nie für längere Zeit verlassen und fühlen sich schon als Weltenbummler, wenn sie ihre Bude wechseln, um drei Straßenblöcke weiter eine neue zu beziehen.
Aber ich kenne auch nur wenige Städte, die ein vergleichbares kulturelles Angebot bieten. Als ich eines Abends mitten in der Woche urplötzlich Lust auf „Klezmer-Musik“ verspürte, warf Anne den PC an und fand auf Anhieb drei Veranstaltungen. Es gibt eben (fast) alles in Berlin. Nur, um dabei zu sein, muss man meist mit Hunderten in der Schlange stehen.
Für Kultur, mit oder ohne Klezmer-Musik, hatten wir jetzt erst mal keine Zeit mehr. Jetzt galt es ein neues Fernsehprogramm auf den Schirm zu zaubern. In den leer stehenden ehemaligen AEG-Gebäuden im Wedding ging eine hoch motivierte, junge TV-Crew an den Start, die nur teilweise mit großer Fernseh-Erfahrung gesegnet war und überwiegend aus dem Westen kam. Sie sollte den Bürgern in der DDR (zusätzlich zum Hörfunk) ein Bewegtbild als zuverlässige Informationsquelle anbieten und gleichzeitig helfen, den Gedanken an die Einheit Deutschlands wachzuhalten.
Damit war auch gleich die Lebensdauer für das neue und das alte Programm des Senders abgesteckt. „Der RIAS sendet bis zur Wiedervereinigung“, hatte Programmdirektor Heinz Adolf von Heintze im Mai 1959 erklärt. Für die meisten Bundesrepublikaner kam das einer immerwährenden Bestandsgarantie gleich. Die Einheit war ein Traum. Scheinbar ohne jeden realistischen Hintergrund.
In der Kufsteiner Straße hatte sich RIAS-Intendant Bernhard F. Rohe (1987 bis 1989) schon länger intensiv auf die neue Aufgabe „Fernsehen“ vorbereitet. Wie der „Tagesspiegel“, nach hoffentlich gründlicher Recherche, berichtete, hatte Rohe mit einer Playmobil-Gruppe ein Fernseh-Set in seinem Zimmer aufgebaut. Es gab einen kleinen Ü-Wagen und einen winzigen Kamerakran, um das Projekt zu visualisieren.
Die Playmobil-Szene hatte einen Nachteil: Sie sagte nichts über die Kosten aus. Also schrieb Rohe einen Brief an das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen und bettelte um mehr Geld. Begründung: „Die aktuelle Berichterstattung von RIAS-TV setzt in stärkerem Maße als im Hörfunk den Informationsgewinn durch Dienstreisen voraus. Hier ist zu berücksichtigen, dass neben dem federführenden Redakteur auch ein Kamerateam zur visuellen Berichterstattung an den Dienstreisen beteiligt sein muss.“
Das mit der Kamera machte die Aufgabe wirklich nicht leichter und viele Hörfunker taten sich lange schwer mit dem zusätzlichen Kostenfaktor. Ein RIAS-Kameramann meinte später resigniert: „Die Bedeutung der Kamera wird beim Fernsehen oft unterschätzt.“ Besonders von Hörfunkern.
1„Wörterbuch der sozialistischen Journalistik“, Leipzig 1979
2Wilfried Rogasch, „Ätherkrieg über Berlin“, DHM
3„Grenzübergang Marienborn“, Deutsches Ärzteblatt
Proben, Pech und Pannen
Intendant Bernhard F. Rohe war nicht der Einzige, der sich mit der Bildebene erst einmal anfreunden musste. So wie ich kam ein Großteil des Teams vom Hörfunk, wo man völlig ohne Maske, ohne Kamera und notfalls auch ohne Licht auskam.
Aber wir lernten schnell, „in Bildern zu denken“, und prägten uns die Besonderheiten der Ost-West-Berichterstattung ein. Keine Details über Fluchten aus dem Osten, keine Personendaten, die eine Identifizierung des Flüchtlings erleichtern würden. Solche Infos konnten zu Repressalien bei zurückgebliebenen Freunden und Verwandten führen. Wir wollten der Stasi ja nicht die Arbeit erleichtern.
Zur generellen Themen-Auswahl hatte RIAS-TV-Direktor Gerhard Besserer verlangt: „Informationen, die im Zusammenhang mit den Lebensgewohnheiten in der DDR stehen“.
