1000 Schlucke täglich - Ricki Nusser-Müller-Busch - E-Book

1000 Schlucke täglich E-Book

Ricki Nusser-Müller-Busch

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Beschreibung

Das Ausmisten einer Logopädin spült Zeitgeist und Anekdoten hoch - von der Kindheit in Wien bis zum Dasein in der Risikogruppe in Berlin. Ein Treffen mit Kaiserin Sissi, Sputnik, Kennedy und Chrustschow, legendären Popstars und weltbekannten Größen der Wiener Psychiatrieszene. Sigmund Freud wird vom Sockel gestoßen. Keine Atempause in Westberlin, dafür ein Dreifachname. Mauerfall verpasst, Ruhrpott-Fußball kennengelernt. Gesundheitskonzerne schlucken Kliniken. Der Wissenschaftsbetrieb erinnert an Loriot … Die Pionierin der Schlucktherapie erzählt von ihrem Werdegang und ihrer Arbeit mit Betroffenen und Angehörigen - im anthroposophischen Krankenhaus, in der High-Tech-Medizin und in China. Dort wird anders geschluckt.

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Seitenzahl: 523

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ricki Nusser-Müller-Busch

1000 Schlucke täglich

Eine Logopädin erzählt

© 2021 Ricki Nusser-Müller-Busch

Umschlag & Satz: Erik Kinting, buchlektorat.net

Titelfoto: Susanne Körtge

Verlag & Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

978-3-347-33505-9 (Paperback)

978-3-347-33506-6 (Hardcover)

978-3-347-33507-3 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Es wird die diverse Schriftform geübt.

F.O.T.T.® wurde durch die Urheberin des Therapiekonzepts Kay Coombes geschützt. Im Text wird die Schreibweise ohne das Trademarkzeichen gewählt. Die Manuelle Schlucktherapie (Renata Horst, Ricki Nusser-Müller-Busch) hat Titelschutz.

Ricki Nusser-Müller-Busch, MSc (Neurorehabilitation)

Logopädin, u. a. im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke und Unfallkrankenhaus Berlin. Mitbegründerin der Berliner Schlucksprechstunde. Herausgeberin, Autorin, Dozentin. Mitarbeit an medizinischen Leitlinien. Klinikeinsätze in China.

DIVI Valerius Preisträgerin 2013 und Ehrenmitglied im Deutschen Bundesverband für Logopädie.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Death Cleaning – Marie Kondo for Geriatrics

Drei Namen – so viel Zeit muss sein

Alle Jahre wieder: Weintrauben, Reisgebäck, Staubsauger im Hals

Menschen hinter der Diagnose

Spontansonne und Echtpatienten – Ein bisschen viel Synapsenfreiheit

Ein Beruf muss her

Logopädin? Sie müssen selbst zur Logopädin

Kurs 19 in der Anstalt

Logopäden gegen Reagan – Der reagt mir uff!

Berufseinstieg – Messer im Mosse

Anamnese – Wie ich wurde, die ich bin

Vienna Calling

A star is born – oder doch nicht?

Sagt mir, was soll ich studieren? Psychologie im Trend

Reif für die Insel – Ich steh´ auf Berlin!

Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran

Mauerfall verpasst – Ruhrpott-Fußball kennengelernt!

Aufwärmphase – In Lederjacke zum Anthro-Vortrag

Schluckpatient Null

Multitasking auf der Überholspur

BVB – Echte Liebe!

Vom Schuhkarton zum Bundesverband für Logopädie

Auf in die Bonndeshauptstadt

Und jetzt noch die Mauer

Kali mera Mr. Nusser + Mr. Müller + Mr. Busch

I will survive – in Auerbachs Keller

Wo bin ich und wieso jetzt? Via Burgau zur F.O.T.T.

Posturale Kontrolle! Gib Menschen einen Halt im Leben

F.O.T.T. – Der Weg ist das Ziel!

Da weißt Du schon, was Phase ist

Berlin 2.0. – Schlucken, was immer passiert

Morgens Richtung Moskau, abends Richtung Paris

„Und Sie sind Deutschlands beste Logopädin?“

Die Schlucksprechstunde

Das haben wir schon zwanzig Jahre so gemacht!

Zu früh dran, ist auch daneben

Masters of Desaster in Krems und noch ein Game Changing

Manuelle Schlucktherapie – die Game Changerin

Doch noch Freiberuflerin

Das fängt ja gut an

Was ist Arbeit wert?

Lernen und Lehren

Fortbildungen nehmen oder lieber einen Volvo kaufen?

New Kids on the Block zum Praktikum!

Ricki schluckt sich durch Deutschland

In der Heimat – Almdudler und Kaiserschmarrn

Bei den Eidgenoss*innen

Nusser in China

Weiter so oder was kann weg?

Unter Professionen – Mein Tanzbereich, dein Tanzbereich

Gesundheitskonzerne auf Schlucktour

The Old Boys Sat Around a Table – Aus dem Wissenschaftsbetrieb

Leidtlinien

Therapie der Zukunft

Tiergestützt, digital oder Sonde im Hals?

Industriesponsoring – von klein bis ganz groß

Il piccolo manifesto

Altern ist nichts für Feiglinge

Wir sind geeicht auf eine planbare Zukunft!

Nachschlag

An Alle mit und ohne Sprung in der Schüssel

Pionier*innen

Requiescat In Pace

Immer das letzte Wort haben

Abkürzungen

Fachbegriffe

 

Taz 24.12.1996 mit freundlicher Genehmigung der taz und Ina Rudolf

Vorwort

Am ersten Tag in Rente kann ich mir nun überlegen, ob es jetzt Zeit für die Apothekenrundschau wird. Oder soll ich mich doch lieber für ein paar angesagte Schuhe entscheiden? Oder was jetzt? Weitermachen wie bisher?

Über fünfunddreißig Jahre Berufsleben sind epigenetisch drin in den Genen, in jeder Körperzelle gespeichert. Mittags um 12.30 muss warmes Essen auf den Tisch. Ich komme nur langsam runter. Ich vermisse den strukturierten Arbeitsalltag einer Klinik, auch wenn das vierzehn Jahre lang hieß, dass die Nacht um kurz nach fünf Uhr zu Ende war. Es ist in meinen Genen, abends nach dem Heimkommen reflektorisch den Computer hochzufahren und Skripte, Buchprojekte und Mails zu bearbeiten. Sich sagen zu können, morgen ist auch noch ein Tag, muss ich erst lernen. Es braucht Habituation, Anpassung…

Die Logopädie mit ihrer ausgewogenen Kombination von Theorie und Praxis passt für mich wie die Faust aufs Auge. Logopädie ist nicht nur die Therapie des Lispelns und schon gar nicht „Spielen mit Kindern“. Zum Aufgabengebiet gehören traditionell die Störungen der Sprache, des Sprechens und der Stimme. Transgender-Stimmarbeit gibt es schon seit Jahrzehnten. Viele Aufgaben sind in den letzten vierzig Jahren dazugekommen, wie Störungen des Schluckens und der Nahrungsaufnahme, des Rechnens, Lesens und der Rechtschreibung, des Spracherwerbs bei Mehrsprachigkeit. Kommunikationshilfen werden eingesetzt, wenn lautsprachlich nicht kommuniziert werden kann. Wir erheben Befunde, diagnostizieren, planen und führen Therapien und Rehabilitation durch, bei Menschen jeden Alters. Wir beraten Betroffene, ihre An- und Zugehörigen sowie betreuende Teams und sind in der Prävention tätig. Wir arbeiten in Praxen, in pädagogischen Einrichtungen und Kliniken und in der Lehre und an Hochschulen. Unsere Berufsgruppe erforscht Grundlagen, die Wirksamkeit von Therapien und vieles andere mehr.

Mein Lebensthema ist das Schlucken. Ich schlucke, also bin ich. Das gilt für alle Lebenwesen. Atmung und Schlucken wechseln sich koordiniert ab. Yin und Yang! Fakt ist: Leben ist ohne Atmung nicht möglich, ohne Schlucken auch nicht. Jeden Tag in unserem Leben und auch in der Nacht schlucken wir, ohne darüber nachzudenken. Auch beim Lesen dieses Buches wird der Speichel geschluckt. Wir achten und schätzen es nicht. Bei schweren Schluckstörungen ist Leben nur mit medizinischer Hilfe möglich. Dazu später mehr…

Ich arbeite mit Menschen von der Geburt bis zum Lebensende, die Probleme mit der Kommunikation und beim Essen, Trinken und Schlucken haben. Ich erinnere mich an zwei Therapien, in denen der Altersunterschied zweier Patientinnen über fünfundneunzig Jahre betrug. Ich startete mein Berufsleben mit Berliner Kindern, die familiärer Gewalt ausgesetzt waren. Die Auseinandersetzung mit dem Schlucken und Kau-, Trink- und Schluckstörungen begann im anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke in Nordrhein-Westfalen (NRW). Danach folgten der Wechsel in die „High-Tech-Reparaturwerkstätte“, ins Unfallkrankenhaus Berlin, und ein paar Jahre Freiberuflichkeit.

Aus heutiger Sicht ist zu konstatieren, dass ich Umwege gegangen bin. Ich habe das Psychologiestudium abgebrochen. Die Inhalte begegneten mir später wieder, ich konnte sie mit neuem Wissen vernetzen. Frau lernt nie etwas umsonst! Seit 1992 veröffentliche ich in Fachzeitschriften und Büchern. Anfangs gab es noch keine Standards. Ich staunte, als eine Herausgeberin in der Endredaktion ungefragt meinen Text änderte und eine Kehldeckellähmung einführte. Der Kehldeckel hat keine Muskeln, insofern kann er auch keine Lähmung haben. Meine Bielefelder Kollegin Dr. Heidi Macha-Krau, von der noch zu hören sein wird, schreibt in einer Laudatio, dass ich 73 Veröffentlichungen hätte. Das sind die, die ich notiert habe. Die Zeit läuft und es sind schon wieder ein paar mehr.

Die Vorträge auf Kongressen, Messen und Symposien in großen und kleinen Städten habe ich nicht gezählt und nur lose gespeichert. Beim Unterricht in Pflegeschulen war angesichts des bescheidenen Honorars die Philanthropie gefragt. Meine Kurstätigkeit führte dazu, dass ich mich in Deutschland besser auskenne als in meiner Heimat Österreich. In ziemlich vielen deutschen Städten kenne ich die Kurszentren, den Weg zu den Pensionen und Hotels. Ich weiß, wo welche Betten knarren, wo keine Vergrößerungsspiegel im Bad vorhanden sind und welches Restaurant ich nach getaner Arbeit aufsuchen werde. Unerwartet haben sich durch Auslandseinsätze neue Herausforderungen ergeben, gleichwohl anregend, emotional wie spannend. Viel Neues ist immer noch zu lernen…

Der Aufstieg zur Koryphäe – oder semantisch benachbart zur Konifere – war rasant und verwunderlich. Heute nennt frau das wohl Analog-Influencerin oder Chief National Practitioner. Augenzwinkernd will eine Kollegin, wenn sie groß ist, so werden wie ich, eine andere nennt mich ihre Logo-Mama. In einem Vorort von Wien arbeitet Großneffe David an seiner Zischlautstörung. Im Bücherregal der Logopraxis steht das editierte Lehrbuch der Großtante. So ist es gekommen.

Ich bin keine Ausnahmetherapeutin. Viele meiner geschätzten Mitstreiter*innen arbeiten besser als ich. Eher bin ich ein Sherlock Holmes, dem Geheimnis des Schluckens auf der Spur. Ich will verstehen. Der Begriff ehrgeizig ist bei mir negativ besetzt. Zielstrebig trifft es auch nicht so richtig. Nur mäßig detailversessen destilliere ich Prinzipien aus dem Wust der Informationen. Botschafterin ja, Zauberlehrling nein! Meine Stärke ist das Erfassen von Situationen. Kopfkino! Vor meinem inneren Auge ploppen sofort Lösungsoptionen auf. Die jahrelange Erfahrung hat Sicherheit gebracht. Zugegeben, manchmal schalte ich zu schnell in den Aktivitäts- oder Notfallmodus…

Als Kind wollte ich die Welt retten, stattdessen sollte ich mich mit Gesundheit und Krankheit auseinandersetzen. Ich hatte nie einen Plan für mein Leben. Privat und beruflich kam alles auf mich zu, wie noch zu lesen sein wird. Mein Glas ist halbvoll, nicht halbleer. Das regt die Ausschüttung positiver Hormone an. Ist besser so! Meine Stärke sind das neugierige Rangehen, Dranbleiben und auch das Durchbeißen, wenn in Therapien Plateauphasen durchlebt und tiefe Täler durchschritten werden müssen, die Patient*innen und Therapeut*innen gleichsam frustrieren. Der innere Antrieb, Neugier und Interesse setzen Kapazitäten frei! Als Anleiterin, Dozentin kann ich mitreißen – so die Schilddrüse Ruhe gibt. Es gibt durchaus Kolleg*innen, die mich als ungeduldig und aufbrausend erlebt haben. Tschuldigung!

Pionierphasen mitgemacht zu haben ist ein unschätzbares Privileg! Wer kennt noch die Zeiten, als es kaum Rehabiliationskliniken gab? Wer kennt noch die paradiesischen Bedingungen in den 1990er Jahren Patient*innen mit Schlaganfall im Akutkrankenhaus vier Monate lang fünfmal die Woche therapieren zu können? Patient*innen konnten besser sprechend, andere essend entlassen werden. Heute gibt es Frührehakliniken, wo Menschen nach Schlaganfall oft nur zweimal dreißig Minuten Sprachtherapie pro Woche bekommen. Da geht die erste der drei Wochen schon für die Diagnostik drauf…

Wer kennt noch die Zeiten, bevor die Ökonomie im Gesundheitswesen putschte und die Verwaltungen das Regime in den Kliniken übernahmen? Plötzlich wurden mehr Leute im Controlling als in den Therapieabteilungen eingestellt. Ab 2003 wurden den Krankenhäusern Fallzahlen, DRGs (Diagnosis-Related Groups), vorgegeben. Die Überschreitung der Obergrenzen, also mehr Patient*innen, bringt nicht mehr Geld.

Ein derzeitiges Paradigma heißt Standardisierung. Die Abläufe sind festgelegt und zeitlich streng terminiert. Neues kann dabei eher nicht entstehen. Das Personal hat in einem starren Raster zu funktionieren, das kaum Kreativität und menschliche Bedürfnisse, wie einen Toilettengang, zulässt. Aufenthalt im Akutkrankenhaus – so kurz wie möglich. Aufenthalt in der Reha drei Wochen, mit Glück noch weitere drei Wochen Verlängerung. Und danach? Entweder „geheilt“ oder mit weiterer ambulanter Versorgung ab nach Hause oder ins Pflegeheim.

Die Teams heute sehen nur mehr einen kleinen Ausschnitt des Krankheitsverlaufs der Patient*innen. Alle fangen an zu denken, Schluckstörungen sind nicht heilbar. Sie erleben es nicht anders! Allein das Management der Schluckstörung mit diätetischen Maßnahmen wird propagiert. Aber Schlucktherapie hilft – wenn sie fachlich fundiert, kontinuierlich und ausreichend lang durchgeführt werden kann!

Mit dem aktuellen Wissen, wie wir motorisch lernen, sind Reha-Kliniken obsolet. Betroffene müssten die verlorenen motorischen Fertigkeiten in ihrer gewohnten Umgebung trainieren. Dort, wo sie sie brauchen! Was nutzt es, wenn sie im barrierefreien Klinikbadezimmer die Körperpflege selbständig durchführen können, zu Hause aber nicht? Wenn sie trainieren, wie sie über die rechte Seite aus dem Bett kommen, zu Hause aber über die linke Seite aus dem nicht höhenverstellbaren Bett müssen? Der Spätkapitalismus bäumt sich auf. Gesundheit ist zur Ware geworden. Kliniken, meist in Konzernhand, wollen verdienen und die Industrie versucht mit viel Sponsoring Weichen in der Forschung zu stellen. Wer wird siegen?

Und ich? Soll, kann, muss ich loslassen? Die über 90-jährige Psychoanalytikerin Erika Freeman sagt, „warum soll ich in Rente gehen, jetzt, wo ich mehr weiß als je zuvor?“ Da ist Wahres dran. Heute meine ich zu wissen, wie Therapie effektiv sein kann. Was würde ich jetzt am liebsten tun? Ich gäbe was drum, mit meiner heutigen Erfahrung noch einmal mit allen meinen bisherigen Patient*innen zu arbeiten! Ich bin mir sicher: Es würde keine vierunddreißig Jahre dauern!

Death Cleaning – Marie Kondo for Geriatrics

Ich komm einfach nicht zum Death Cleaning! So heißt jetzt das Ausmisten im Alter, damit die Erb*innen nicht so viel zu tun haben. Meine Schwiegermutter hat gut ein Jahrzehnt geschreddert, Steuererklärungen und so. Nach ihrem Tod war vom stattgehabten Ausmisten nichts zu merken. Im aufzulösenden Haus fanden wir Kinoprogramme aus den 1930er Jahren.

Früher ist unsere Familie alle zehn Jahre umgezogen, immer eine Gelegenheit sich von Dingen zu trennen. Aber seit mehr als zwei Jahrzehnten leben wir in Berlin. Letztens war dann doch der Kleiderschrank dran! Viva Marie Kondo! Ich habe mich von mindestens zwölf Hard Rock Cafe T-Shirts getrennt, die ich in den 1990ern gesammelt hatte. Sie lagen seit dem Millennium ungetragen im Kleiderschrank. Was soll ich sagen, keine zwei Wochen nach dem Weggeben fragt das Enkelkind E-kid1 (13), wie immer mit dem leicht ironischen, lang gezogenem Ö, „Öhm(s)chen, Mama hat gesagt, du hast Hard Rock Cafe T-Shirts?“…

Vorsichtiger gehe ich mit Büchern um. Wir sind 1985 mit neunzig Bücherkisten von West-Berlin nach Herdecke in NRW gezogen. Zwölf Jahre später bei der Rückkehr ins vereinte Berlin waren es hundertzwanzig Kisten! In allen Zimmern sind wir umgeben von Holzmedientapeten, wie die im Digitalzeitalter groß gewordenen Digital Natives Bücherregale nennen. Fast nichts kann weg. Es könnte ja sein, dass eines der E-kids mal Literaturwissenschaften, Kunst oder Geschichte studieren wird oder über die 68er promovieren will…

Sagen wir mal so: Frau weiß nie, wie viel Zeit sie noch hat. Die Fachbücher müssen bleiben, geben sie doch Aufschluss über das Wissenschaftsdenken früherer Epochen. Aktenordner können erst entsorgt werden, wenn ihr Inhalt auf mögliche weitere Verarbeitung geprüft worden ist. Die gesammelten Studien sind hoffnungslos veraltet, aber jede einzelne hat mir geholfen, das Mosaik meines Lebensthemas Schlucken zu erweitern. Eigentlich könnte ich noch drei Bücher schreiben: Ein Therapiebuch, eines über die frühe Kindesentwicklung mit Videodokumentationen von den E-kids 1-3 und die privaten Erinnerungen, letztere aber nur für die Familie. Ob ich noch so lange fit bin, noch so lange atme und schlucke? Zum Ausruhen habe ich in der letzten Ruhestätte noch alle Zeit der Welt…

Mein Mann, in der Folge Mü-Bu genannt, und ich haben ein großes gemeinsames Arbeitszimmer. Das hatte jahrelang den Vorteil, dass wir uns wenigstens abends physisch nahe waren und nicht in verschiedenen Arbeitszimmern verschwanden. Es kommt vor, dass wir uns E-Mails von Schreibtisch zu Schreibtisch schicken. Mein Schreibtisch steht so, dass ich am Ende der Straße den Berliner Funkturm, also den Miniatur-Eiffelturm, sehen kann. Je nach Stadtevent erstrahlt er in einer anderen Farbe. Zur Landwirtschaftsmesse leuchtet er grün. Über den Dächern bin ich aufgewachsen. Als Heranwachsende konnte der Blick aus einem der ersten Wiener Hochhäuser über die Stadt schweifen, in Herdecke dann vom Anthroposophen-Hügel ins Sauerland und jetzt die freie Sicht auf den Funkturm!

Und überhaupt Schreibtisch. Death Cleaning ja – Desk Cleaning nein. Ziel ist nicht das Leerarbeiten des Schreibtisches, damit am nächsten Tag Neues bearbeitet werden kann. Ich halte es eher mit Nietzsche, dazu gleich mehr…

Im ersten Aufräum-Modul finde ich Briefe an Frau Buschmüller oder sehr häufig an Frau Müller-Nusser-Busch. „Ich heiße NN und habe ein Problem.“ So beginnen Briefe, später E-Mails von Angehörigen, Betroffenen nach einschlägigen Zeitungsberichten oder Fernsehbeiträgen, an denen ich mitgewirkt habe. Anhand einer Korrespondenz mit einem Therapeuten, Student der Medizin, forsche ich nach. Bernhard Heimbach leitet heute eine ambulante geriatrische Rehabilitationseinrichtung, ist Professor für Neurologie, Geriatrie, Sozialmedizin, Rettungsmedizin, Palliativmedizin, Weiterbildungsermächtigter im Fachbereich Geriatrie an der Uni Freiburg. Respekt! Ich finde Dankesbriefe der Rubrik Der Groschen ist gefallen von Kolleg*innen, Praktikant*innen und Betroffenen – sogar aus Himmelpfort! Das Schreiben der Selbsthilfegruppe Niemann-Pick erinnert mich daran, dass mir diese empathischen Menschen noch einige Jahre nach einem Vortrag, für den ich kein Honorar nahm, einen Dresdner Stollen zukommen ließen. Ein Vortrag – drei Stollen!

Mailkorrespondenzen mit den US-Koryphäen Jerilyn Logemann und Susan Langmore treten zutage. Der New Yorker Professors Jonathan Aviv stellt mir 2001 per E-Mail seine spezielle endoskopische Untersuchung vor. Auch eine Anfrage zur Hospitation in Kasachstan erreichte mich, adressiert an „Herr RickiBergweg“, eine Melange aus Namen und damaliger Adresse. Im Vorwort der Zeitschrift not wird auf einen Artikel von Frau Katrin Müller-Busch hingewiesen. Die ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein lässt grüßen? Ein Foto aus dem Jahr 2000 zeigt mich im Gespräch mit der damaligen Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer. Ich habe vergessen, was das Thema war. Sie sicher auch. Mal sehen, was noch so zutage kommt…

Ich schreib gerne am Laptop. Aber Mü-Bu empfiehlt mir einen Speechtexter, also eine App, die Gesprochenes verschriftlicht. Das Problem ist, dass die App mich noch nicht gut versteht. Das Gesprochene wird so verfremdet, dass frau es im Text nutzen kann. Sag ich Fobi, die Abkürzung für Fortbildung, notiert sie Phobie, für Sonntag Santana. Das hebt zumindest meine Stimmung!

Schreiben sieht so aus: Früh auf, Mü-Bu ist auf Vortragsreise, also Ruhe zum Schreiben. Carpe Diem! Einige Absätze, dann erste Rauchpause auf dem Balkon. Die Assoziationskette rattert beim Rauchen und beim Morgensport. Zum Beispiel so: Der Streit um Ötzi und seine Zugehörigkeit. Österreicher oder Italiener? Ein Irrwitz, da es zu seiner Zeit keine Staaten gab. Ich gehe ins Bad, um die Haare in Form zu bringen – das muss ich auch noch nachschauen, heißt es föhnen oder fönen? Ich muss zum Schreibtisch, sonst vergesse ich die Stichworte wieder, Ötzi und föhnen. Auf dem Weg dahin fällt mir ein, ich kann das doch in den Speechtexter eingeben. Aber wo ist das Handy? Wieder zurück. Ich finde es im Bad. Beim Öffnen des Mobilphones werde ich abgelenkt durch neue Nachrichten. Mein chinesischer Übersetzer Colin hat Videos per weChat geschickt. Er verbringt seine Semesterferien in seiner Heimatstadt Wuhan. Es ist der 25. Januar 2020, chinesisches Neujahr. Ein neues Coronavirus wütet. Also erstmal Videos gucken. Wuhan ist in einem rigorosen Shutdown. Die Menschen bestellen Lebensmittel online und ein Familienmitglied holt sie dann beim Nachbarschaftskomitee in der Straße ab. Die restliche Familie muss zu Hause bleiben. Sportliche Betätigung draußen ist nicht möglich. Der chinesische Opa guckt auf sein Handy, die Eltern braten Bouletten, Fleischlaberln – mit Masken. Meine Nachfrage ergibt, dass sie immer mit Mund-Nasen-Schutz kochen, wegen der Hygiene. Speechtexter öffnen und diktieren. Speechie notiert: Wo Hahn (Wuhan) und das Coronavirus von der seinen Studien Urlaub bringt zu Hause bei den Eltern Videos auch zu Hause benutzen die Eltern nichts Masken wegen des Coronavirus. Alles klar. Ich schicke den gesprochenen Text dreimal an meine Mailadresse. Es kommt aber nur ein Teil des Textes an. Warum? RTFM (read the fucking manual) – Bedienungsanleitungen sind nicht mein Ding. Ha! Stichwort RTFM notieren! Zurück ins Bad. Der Blick in den Spiegel verrät, es ginge besser. Aber genug des Gefö(h)nes. Keine Geduld. Rauchpause! Habe ich grad Der Blick gedacht? Schon wieder rattern die Assoziationen, immer auf dem Balkon! Meine Theorie: Die beim Schreiben festgefahrenen Gedanken wirbeln bei Bewegung durcheinander. Zurück am Schreibtisch fällt mir ein, dass ich für den Abspann noch Fachbegriffe und Abkürzungen erläutern muss, für Leser*innen jenseits der Medizin. Über die Therapeut*innensprache sollte ich auch schreiben. Das muss ich notieren, aber für welches der zu schreibenden Bücher?

Die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne der Menschen wird immer kürzer. Ich sehe es an mir, bei Fußballübertragungen löse ich nebenher Sudokus. In letzter Zeit sind Bücher erfolgreich, die knapp zweihundert Seiten haben. Das schaffe ich nie. Ich werde den Leser*innen Geduld und häppchenweises Lesen abverlangen. Therapeut*innen erklären genau, gehen ins Klein-klein, oder nur ich? Irgendwie zu viele Assoziationen, immer Serpentinen. Da fällt mir Friedrich Nietzsch ein: Man muss Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Superheadline! Wo ist überhaupt das T-Shirt mit diesem Spruch? Habe ich es auch mit den Hard Rock Cafe T-Shirts weggegeben? Ich muss noch ecosiaen. Ich nutze die Suchmaschine Ecosia statt Google, die für meinen elektronisch bedingten CO2-Verbrauch Bäume pflanzt. Ich suche Nietzsches Spruch im Netz. Da sind ja noch andere gute Headlines dabei. Alles notieren. In Ordner Buch 1 und Buch 2 speichern. Wo war ich stehengeblieben?

Drei Namen – so viel Zeit muss sein

Alles fing mit dem Rezept eines Professors für Hautkrankheiten in West-Berlin an. Mü-Bu konnte wegen eines Handexanthems keine Narkosen durchführen. Schon zwei Arbeitsversuche mussten abgebrochen werden. Auf die Frage des Professors, was er denn den ganzen Tag im Krankenstand so mache, antwortete er: “Ich fahre meine Tochter im Kinderwagen spazieren“. Das war 1976 eine noch unübliche Beschäftigung von Vätern. Der Professor erkundigte sich nach dem Familienstand. Ja, ledig stimmte, „ah, dann sind Sie mit der Mutter der Tochter nicht verheiratet?“ Damals auch relativ unüblich. Wortlos überreichte er Mü-Bu ein Rezept mit folgender Medikation: Matrimonium mater filiae. (Heirat mit der Mutter der Tochter) gezeichnet Prof. Dr. Nürnberger.

So kam es, dass der Kindesvater (KV) und die Psychologiestudentin heirateten. In der Blase einer West-Berliner Wohngemeinschaft (WG) lebend, empfand Mü-Bu das als Niederlage. Unverheiratet hatte er aber als KV überhaupt keine Rechte, nur Pflichten. Sollte das bürgerliche Establishment am Ende doch siegen?

1976 war die Wahlmöglichkeit des Familiennamens ganz neu. Frauen mussten nicht mehr automatisch den Namen des Mannes annehmen. Die Kindesmutter (KM) griff die Frage auf. Mü-Bu lehnte ihren Nachnamen als Familiennamen mit der schwachen Begründung ab, dann kenne frau ihn nicht mehr an seinem Arbeitsplatz in der Klinik. Er hatte im Kreißsaal die traumatische Erfahrung gemacht, dass er mit Herr Nusser angesprochen worden war. Das mentale Krisenmanagement der KM setzte ein. Was war möglich? Den eigenen Namen voranstellen? Laut Standesbeamten waren drei Namen möglich. Die Überlegung war, im Alltag die hinteren zwei Drittel, den angeheirateten Doppelnamen, einfach zu vergessen. Irgendwann würde kein Mensch mehr daran denken. Dann bliebe ja alles beim Alten. Bingo.

Soweit, so gut! Nusser voran und Müller-Busch hinten dran. Die KM hatte allerdings die Rechnung ohne die Behörden ihres Heimatlandes gemacht…

Schon wieder diese Österreicher!

1977 Puttkamerstraße, West-Berlin. Der Beamte der Ausländerbehörde stöhnt genervt auf. „Mit allen Staaten kann man sich einigen, mit Thailand, der Türkei. Nur die Österreicher sind stur.“ Auch er hatte vergeblich versucht, den österreichischen Behörden eine Ausnahmegenehmigung für die verfahrene Namenssituation zu entlocken.

Aber der Reihe nach: Ende 1976 stellt die KM die Babywippe mit der neun Monate alten Tochter K1 im Büro des österreichischen Konsulats in Berlin-Dahlem ab. Nach der vollzogenen Eheschließung stehen Namensänderungen in den Pässen der nun gesetzlich legitimierten Mutter, Ehefrau und des Kindes an. K1 hat seit ihrer sechsten Lebenswoche einen österreichischen Pass wie ihre Mutter. Da sagt die Konsulatsbeamtin im breitesten Wienerisch zu dem Kind in der Wippe: „So, jetzt bist ausbürgert!“ Was? Ja, durch die Eheschließung ist K1 als Tochter eines deutschen Vaters nun deutsche Staatsbürgerin! Egal, was sie vorher war! So die österreichische Gesetzgebung der Zeit.

Das vegetative Nervensystem der KM entgleist. Der Nervus sympathicus geht hoch. Fight or flight! Sie nimmt den Kampf auf. Das darf doch nicht wahr sein! Schon nach der Geburt hatten die Schikanen begonnen. Unerwartet hatte die dreiundzwanzigjährige KM einen Vormund für ihr Kind bekommen. Österreich im Jahre 1976!

Damit nicht genug, die Beamtin fährt fort: „Und das mit Ihrem Namen geht so auch nicht.“ Der Sympathicus steigt weiter! Die KM schnappt nach Luft: „Und was geht?“ „Nach österreichischem Namensrecht können Sie ihren Mädchennamen nur hinten anhängen!“ Damit die Beamtin situativ mehr Arbeit hat, also drei Namen schreiben muss, presst die KM hervor: „dann hängen Sie ihn jetzt hinten dran!“ Die Beamtin schreibt in die Formularzeile den neuen Familiennamen: Müller-Busch-Nusser.

Und so begann der lebenslange Move mit dem Namen und seinen Variationen, der ein eigenes Kapitel füllen könnte. Führerschein, Krankenkasse, Rentenversicherung waren schon geändert, nach deutschem Namensrecht: Nusser-Müller-Busch. Der Name im österreichischen Pass lautet andersrum. Das Potpourri der wechselnden Familienstände und Namen wurde anfangs von der KM ausgeschlachtet und führte zu mehreren Geburtsurkunden für K1! Mal hatte das Kind Nusser nur eine Mutter. Das passte dem KV nicht. In der zweiten Urkunde rutschte die KM im Formular hinter den KV an die zweite Stelle. In der dritten Urkunde wurde die Ehefrau zwar nach österreichischem Namensrecht, aber als Hausfrau bezeichnet. Das ging nun gar nicht! Und so kommt K1 auf insgesamt vier Geburtsurkunden. Soweit der amüsante Teil.

Bei jedem Behördengang, Bankbesuch oder Reisebuchung muss seither überlegt werden, welcher Name geschrieben und welche Unterschrift jetzt getätigt werden muss. Schwacher Trost: Das hält das Hirn auf Trab!

Dem nicht genug. Die nächsten Possen warten. 2018 fragte die österreichische Konsulatsbehörde telefonisch an, welche zwei der drei Namen ich im neuen Personalausweis haben möchte. Durch Verfahrensfehler beim Auszählen der Briefwahlstimmen bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl 2016, die zu einer Wahlwiederholung 2017 führte, geriet der Innenminister unter Druck und reagierte über. Nun sind plötzlich keine drei Namen mehr erlaubt. Auch Adelstitel nicht mehr! Hallo? Ich hatte als Kind in der Schule gelernt, dass Adelstitel in Österreich mit dem Adelsaufhebungsgesetz schon 1919 abgeschafft worden waren? Typisch österreichisch – Gnädige Frau, Herr Hofrat… – wurde das in den letzten Jahrzehnten vergessen? Derzeit habe ich im Personalausweis den Namen Müller-Busch. Im Pass meinen Dreifachnamen MBN. Das bringt es mit sich, schon bei Flugbuchungen darüber nachzudenken, mit welchen Ausweis Madame zu reisen gedenkt. Denn Name auf der Flugticket und im Ausweis müssen übereinstimmen, wie mir einmal die freundliche Mitarbeiterin von Air Berlin erklärte – und mich ausnahmsweise trotzdem in den Flieger nach Wien steigen ließ. Ich ahne, Fortsetzung folgt! Da kommt bei der nächsten Verlängerung des Reisepasses was auf die Auslandsösterreicherin zu…

Österreich bürgert nicht aus. Österreich ist keine Diktatur!

Dieser Satz des österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky – in Österreich eine Lichtgestalt wie Willy Brandt in seiner Hochzeit – lässt mich im Juni 1978 in der WG-Küche umgehend zum Hörer greifen und das österreichische Konsulat anrufen. Der Stachel ob der Ausbürgerung von K1 saß noch tief. Nicht nur die Form, die Ausbürgerung an und für sich, wie wir Ösis gerne sagen, war ein Skandal!

Anlass für die Äußerung Kreiskys war die Tatsache, dass Otto Habsburg, Sohn des letzten österreichischen Kaisers, soeben die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatte. Die CSU und Franz Josef Strauß wollten ihn als Spitzenkandidaten für das neue europäische Parlament nominieren. Angesprochen auf die – in Österreich nicht vorgesehene – Doppelstaatsbürgerschaft, bezog sich Kreisky mit dem Diktatur-Satz auf die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR während einer Konzertreise 1976.

Ich kann es durch den Hörer spüren. Der Konsulatsbeamte windet sich am anderen Ende der Leitung, als ich ihn auf die Ungleichbehandlung von Otto Habsburg und meiner ausgebürgerten Tochter anspreche. Eine Doppelstaatsbürgerschaft wäre möglich, wenn sich die Person um Österreich verdient gemacht hätte. Wie aus der Pistole geschossen kommt meine Gegenfrage, wie er darauf käme, dass das auf Habsburg zuträfe? Die Familie meiner Großmutter väterlicherseits war durch den Niedergang des Kaiserreichs bettelarm geworden. Sehen so Verdienste aus? Er führt dann noch Karajan an und zu guter Letzt schlägt er mir vor, das österreichische Bundeskanzleramt anzuschreiben. Gesagt, getan.

Es entspann sich ein Briefwechsel. Ich klärte Dr. Kreisky darüber auf, „was in unserem Land sonst noch möglich ist!“ Der Durchschlag – so nannte frau früher die mit Kohlepapier erstellte Kopie des mit einer Schreibmaschine verfassten Briefes – und zwei Antworten des Bundeskanzleramtes liegen im Familienarchiv. Tenor der Antwort: Es wäre alles rechtens. „Wäre die Geburt des Kindes nach Ihrer Heirat erfolgt, hätte ihr Kind nie die österreichische Staatsbürgerschaft besessen“. Nie unterstrichen! Schluck! Und im generischen Maskulin weiter: „Ihr Kind war jedoch ursprünglich nur Österreicher gewesen, weil das österreichische Gesetz Schutzbedürftigen (z.B. unehelichen Kindern) besonders behandelt, um Staatenlosigkeit zu vermeiden.“ Hallo? Ich war zum Zeitpunkt der Geburt volljährig! Aber halt nur eine Frau…

Einlenkend wie zukunftsweisend steht weiter: „In diesem Zusammenhang möchte ich Sie darauf hinweisen, dass im Geiste der Gleichberechtigung von Mann und Frau auch in Österreich gegenwärtig die Idee diskutiert wird, so wie dies in gewissen anderen Staaten bereits geschehen ist, die gesetzliche Bestimmungen dahingehend zu ändern, dass das eheliche Kind eines ausländischen Vaters und einer österreichischen Mutter neben einer allfälligen ausländischen Staatsangehörigkeit nach dem Vater nach der Mutter auch die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten soll.“ Zeit, den Gender-Geist aus der Flasche zu lassen. In Hochzeiten des beginnenden Feminismus war das nicht mehr zu schlucken. Mü-Bu empfahl eine Eingabe beim europäischen Gerichtshof. Dies wurde aufgrund anderer Prioritäten dann nicht weiterverfolgt…

Auch der Schauspieler Christoph Waltz kann ein Anekdote beisteuern. Mit österreichischer Mutter und deutschem Vater war er qua Gesetz Deutscher. Nach seinem Durchbruch in Hollywood wurde ihm 2012 generös die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen. Er hatte sich „um Österreich verdient gemacht“. Waltz genervt: "Ich bin in Wien geboren, ich bin in Wien aufgewachsen, ich bin in Wien zur Schule gegangen, ich habe in Wien Matura gemacht, ich habe in Wien studiert, ich habe in Wien mein Berufsleben begonnen, ich habe in Wien zum ersten Mal Theater gespielt, ich habe in Wien zum ersten Mal gedreht, es gibt noch ein paar Wiener Details. Wie österreichisch wollen Sie es denn noch haben?"

Ich selbst firmierte weiterhin unter meinem Mädchennamen und absolvierte die Ausbildung zur Logopädin selbstverständlich unter diesem Namen. Mit Schuleintritt von K1, Familienname Müller-Busch, begann das Konstrukt zu bröckeln.

„Guten Tag Frau Müller-Busch, wir freuen uns, dass Sie da sind!“ Die Begrüßung am ersten Tag im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke im Jahr 1985, signalisierte mir, jetzt ist der West-Berliner Spaß vorbei. Als ich im Berufsverband aktiv wurde, besann ich mich meines Dreifach-Namens nach deutschem Recht. So würden mich die Logos im fernen West-Berlin am ersten Namensteil wiedererkennen. Das Konzept ging auf, obwohl viele Menschen Mühe mit dem Namen hatten und haben. Bei einem meiner ersten Vorträge half es ungemein gegen das Lampenfieber, als sich der Sitzungsleiter bei meiner Ankündigung beim Dreifach-Namen verhaspelte. Ein Glücksgefühl verspürte ich, als Kollege Marc Schneider auf einer Mitgliederversammlung rhythmisch und stolperfrei sagte: “Wie schon meine Vorrednerin Ricki Nusser-Müller-Busch erwähnte…“ Geschafft! Becker-Faust!

Alle Jahre wieder: Weintrauben, Reisgebäck, Staubsauger im Hals

Ich kann die Uhr danach stellen. Anfang Januar, Jahr für Jahr ist es in den Tageszeitungen zu lesen. Es ist Brauch in Spanien in den letzten zehn Sekunden vor Mitternacht pro Sekunde eine Weintraube in die Luft zu werfen, mit dem Mund aufzufangen und zu schlucken. Das endet hin und wieder desaströs. An Neujahr sterben in Japan alte Menschen nach dem Verzehr von Mochi. Dieser klebrige Reiskuchen hat die Eigenschaft, im Rachen und Kehlkopf stecken zu bleiben. Hier eine gute Nachricht. Eine couragierte Tochter habe zum Staubsauger gegriffen, das Gebiss aus dem Mund des Vaters entfernt, den Schlauch in den Hals eingeführt und auf höchste Stufe gestellt. Hat geklappt!

Sensibilisiert für das eigene und das Schlucken Anderer begegnen mir in vielen Büchern und Filmen Szenen zum Schlucken und Verschlucken. Beim Death Cleaning finde ich vergilbte Zeitungsausschnitte. Ein Autofahrer verschluckt sich während der Fahrt, verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug und löst eine Kettenreaktion aus. Sein Kleintransporter kommt von der Straße ab, kracht gegen mehrere Autos. Das mitschleifende Werbeschild beschädigt noch weitere Fahrzeuge. Das macht hunderttausend Euro Schaden. Wir lernen: Nicht beim Fahren essen!

Spiegel online schreibt, ein Mann will in einem Mindener Supermarkt ein gebratenes Hähnchen nicht bezahlen. Ertappt versucht er, den Hühnerschenkel „in sich hineinzustopfen“. Er verschluckt sich am Knochen. Der Rettungsdienst muss kommen. Eine Strafanzeige und Hausverbot sind die Folge. Ein 1,4 Meter langer Wels verstirbt beim Verzehr einer Schildkröte, die dabei ebenfalls das Zeitliche segnet. Zwischendrin eine gute Nachricht. Eine Studie aus Schweden legt nahe, dass Bewegung in Form moderater Alltagsaktivitäten wie Hausarbeit das Risiko an Parkinson zu erkranken senkt. Also los!

Halstücher, Föhn, Bohrmaschine und Mixer sind gefährliche Gerätschaften. In meiner jahrzehntelangen Fortbildungstätigkeit bin ich immer am Puls der Zeit. Ich bekomme brandneue Modetrends mit, wie das Aufkommen der Tattoos, lange aufgeklebte Wimpern und überdimensionierte Halstücher. Kursteilnehmer*innen tragen oft große wärmende Tücher um den Hals, die sie auch beim Üben der Techniken nicht ablegen. Das lässt mich regelmäßig zu einer Warnrede anheben. Ich berichte dann über zwei Patient*innen, die sich beinahe strangulierten. Eine erlitt ein lebenslanges Trauma, als sich ihr Tuch in der Bohrmaschine verfing. Ihr Zungenbein war auf einer Seite abgebrochen, das konnte mein HNO-Kollege, von dem noch zu hören sein wird, reparieren.

Aber eine posttraumatische Belastungsstörung kann Mann nicht wegoperieren. Nur wenn sie vom Sofa mit leicht nach links geneigtem Kopf zum Fernseher schaute, konnte sie die Chips gut schlucken. Ihre Probleme beschäftigten uns lange in der ambulanten Therapie. Linderung verschaffte ihr die Technik zur Dämpfung des vegetativen Nervensystems.

Meine Kollegin Barbara Augustin erzählt, dass sie sich als Jugendliche fast mit dem Föhn skalpiert hätte. Ein Stück der Kopfhaut mit den darauf befindlichen langen Haaren war weg. Im Herbst 2019 lese ich eine tragische Nachricht. Die Mutter, die ihrem Sohn einen Geburtstagskuchen backen wollte, strangulierte sich mit Mixerkabel und Halstuch. Sie hat es nicht überlebt.

Tribute to Henry Heimlich

Was haben Cher, Ronald Reagan, Elizabeth Taylor, Goldie Hawn, Walter Matthau, Carrie Fisher and Jack Lemmon gemeinsam?

Sie alle wurden durch den Heimlich-Handgriff gerettet. Mit dieser Sofortmaßnahme können bei drohendem Ersticken Essensreste oder Fremdkörper – aber auch zähes Sekret bei Asthma-Anfällen – aus dem Kehlkopf oder der Luftröhre gelöst werden. Durch Kompression des Bauchbereichs soll möglichst viel Luft aus den Lungen nach oben befördert werden. Wenn es klappt, gibt es den geräuschvollen Effekt eines Sektkorkens, der von der Flasche fliegt. Das kann ich bezeugen. In New York fotografierte ich 1991 die Plakate mit dem lebensrettenden Handgriff, die auf behördliche Anordnung in allen Lokal hingen.

Der US-amerikanische Arzt Henry Heimlich entwickelte diesen Handgriff und unterrichtete ihn, ohne ihn während seiner Berufstätigkeit je selbst anzuwenden. Mit dem Heimlich Manöver – in der US-Medizin hat die Kriegssprache Eingang gefunden – rettete Henry indirekt die Leben hunderttausender Menschen. Er selbst hat den Handgriff zweimal anwenden müssen. Einmal als 80-jähriger in einem Restaurant und das zweite Mal im hohen Alter von 96 Jahren, sieben Monate bevor er starb. In der Seniorenresidenz in Cincinnati rettete er im Mai 2016 seine 87-jährige Mitbewohnerin Dorothy, die sich an einem Stück Burger verschluckt hatte.

Köche scheinen zur Hochrisikogruppe zu gehören. Alle paar Jahre kann frau es in der Zeitung lesen. Sie gehen nach dem stressigen Restaurantjob spät nachts zu Hause an den Kühlschrank, um sich noch ein Stück Fleisch zu gönnen, das ihnen dann im Halse stecken bleibt. Seit einiger Zeit ist der Handgriff wegen zu häufiger Komplikationen umstritten. Er soll nicht bei Schwangeren und alten Menschen angewendet werden. Ersticken lassen oder Rippenbrüche riskieren? In meinem Fachgebiet ist die Intervention manchmal unvermeidlich. Also habe ich mir die Technik angelesen. Naiv dachte ich, der Griff heißt heimlich, weil frau den um Luft ringenden Menschen von hinten mit beiden Armen umfasst. Das Missverständnis klärte sich auf. Eine Kollegin, die Patientin im Herdecker Querschnittzentrum war, zeigte mir, wie sie das Verfahren modifiziert anwendet. Von der Brustwirbelsäule abwärts gelähmt und im Rollstuhl sitzend warf sie bei gegebenem Anlass ihren Oberkörper nach vorne über einen Stuhl, um besser abhusten zu können. Von wegen heimlich…

Mir ging es ähnlich wie Henry Heimlich. Ich habe den Handgriff jahrelang unterrichtet. Bis dann die Stunde des Einsatzes kam. Die Vorgeschichte geht so: Der an Alzheimer erkrankte Boxweltmeister Bubi Scholz erstickte im Jahr 2000 an einem Stück Toastbrot in einem Brandenburger Pflegeheim. Die Zeitung mit den vier Buchstaben schlachtete die Story tagelang aus. Die Mitarbeiter*innen im Pflegeheim waren geschockt und schickten sofort einen Patienten zu uns ins Unfallkrankenhaus Berlin, der sich immer wieder an geschnittenen Apfelstückchen verschluckte. Ich untersuchte ihn, meldete ihn in der Schlucksprechstunde an und verordnete bis dahin passierte Kost. Als ich ihn das zweite Mal aufsuchte, hörte ich ihn schon auf dem Flur besorgniserregend husten. Ich drückte die Klingel und stürzte ins Zimmer. Nun war es soweit! Von hinten umfasste ich den Patienten und führte die Oberbauchpresse aus. Fehlanzeige, zweites Mal: wieder nichts. Beim dritten Mal war das Timing von Husten und Handgriff wohl perfekt. Wie ein Sektkorken flog das Apfelstückchen durch den Raum. Die hinzugeeilten Pflegenden – und vor allem ich – atmeten tief durch.

Aber wieso hatte er zwischendrin Apfelstückchen angeboten bekommen? Eine Mitarbeiterin las aufmerksam den Übergabebogen aus dem Heim. In der Spalte Vorlieben war geschnittener Apfel dokumentiert. Sie wollte dem Patienten eine Freude machen, hatte aber nicht mitgekriegt, dass genau das der Grund der Krankenhauseinweisung war. Eigentlich ist im Stationsalltag nie Zeit, Patient*innen Gutes zu tun… Shit happens! Aber danke Henry Heimlich!

Menschen hinter der Diagnose

Mit einer Portion Idealismus und Humanismus habe ich meine Ausbildung begonnen. Von den Lehrenden wurde Haltung und Ethos vorgelebt. Als Berufsanfängerin half mir Empathie fehlendes Wissen und Erfahrung zu kompensieren. All die Jahre habe ich von jeder einzelnen Patient*in gelernt, über das Schlucken und andere Funktionen, über Erkrankungen, über das Wesen der Menschen – und über mich.

Wenn mich Anrufe erreichen, die mit dem Satz beginnen „Frau Müller-Busch, Sie sind meine letzte Hoffnung!“, steigt mein Hautwiderstand. Es stellt sich Widerwillen ein. Dieser ist nicht gegen die Person gerichtet, aber gegen die in mich projizierte Erwartung. Ich fühle mich unter Druck gesetzt. Es sind Hilferufe von Menschen mit langen Krankheitsgeschichten und Schicksalen, die durch emotionale Achterbahnfahrten, Verzweiflung und enttäuschten Hoffnungen geprägt sind. Irgendwann habe ich gelernt, professionell zu bleiben. Ich kann nicht zaubern! Aber die Berufserfahrung hilft. Gelegentlich komme auch ich an meine Grenzen. Einige der Beispiele in diesem Buch zeugen davon.

Wir begleiten die Patient*innen auf einem zeitlich begrenzten Stück ihres Lebens. Auch wenn wir die Anamnese gut erheben, ihr Leben davor und das danach kennen wir nicht. Sie kehren zurück in ihre Realität, adaptieren die neuen Defekte und Umstände in ihre Leben. Ihr persönliches und das familiäre Narrativ entsteht. Für einige ist die Therapeut*in noch eine Zeitlang wichtig, davon zeugt die Dankespost. Manche begleitete ich auf dem palliativen Weg, einige Wenige zu ihrer letzten Ruhestätte.

Folgende Prinzipien gelten: Die Patient*in da abholen, wo sie stehen. Aber das Leben der Anderen nicht zu bewerten. Ohne Vorurteile auf sie zugehen. Meistens gelingt das. Bei Menschen mit Nazi-Tattoos fällt das extrem schwer. Da habe ich auch kein Rezept.

Einmal Wachkoma – immer Wachkoma?

Stefan, der Sohn eines Herdecker Anästhesiepflegers, wurde ein Hirntumor im Hirnstammbereich entfernt und fiel ins Koma. Die Physiotherapeutin Andrea und ich betreuten ihn wochenlang. Zum Erstaunen des Teams berichtete Andrea, dass sie den Eindruck hätte, Stefan wache auf. Vorsichtig bestätigte ich diesen Eindruck. Die anderen konnten uns nicht folgen. Bis der vermeintlich komatöse Stefan aus heiterem Himmel zu seinem Vater sagte: „Papa, dreh´ das Radio leiser!“ Der Vater fiel fast in Ohnmacht. Stefan hatte eine Lähmung beider Lidheber erlitten. Er war langsam wieder aufgewacht, konnte aber die Augen nicht öffnen. In Herdecke war es selbstverständlich gewesen, dass wir Stefan in das Geschehen einbezogen und mit ihm gesprochen haben, unabhängig davon, ob er uns verstehen konnte oder nicht. Nicht überall wurde und wird so verfahren, wie eine andere Geschichte zeigt. Nach einem Rennunfall am Nürburgring wurde der Verunfallte in einer Akutklinik intensivmedizinisch versorgt. Nach außen hin lag er komatös im Bett. Unbemerkt von der Umwelt kam er langsam zu sich. Die Visite diskutierte an seinem Bett, „ob man nicht langsam mit Leiden Kontakt aufnehmen sollte“. Der Patient verstand sofort, sein Leiden begann. Im niederländischen Leiden ist der Sitz der Organvermittlungszentrale von Eurotransplant…

Sehr beeindruckend ist ein Beispiel, dass Dagmar Gustorff im Rahmen ihrer Doktorarbeit im Studiengang Musiktherapie der Uni Witten/Herdecke erlebte. Sie arbeitet mit komatösen Patient*innen auf einer Intensivstation an der Uniklinik Münster. Einem komatösen Patienten sang sie Choräle vor. Keine Reaktion. Das nächste Mal wieder keine Regung oder doch beim Rausgehen? Erst beim dritten Mal erwiderte der Patient den Kontakt. Wochen später konnte er ihr das Erlebte erzählen. Er lag auf einem mittelalterlichen Schlachtfeld unter vielen Toten. Einmal am Tag kamen schwarze Ritter, um die zu töten, die noch lebten. Also regte er sich nicht, wenn die Visite eintrat. Dann kam ein singender weißer Engel. Er hatte aber Angst, in eine Falle zu tappen. Bis er sich beim dritten Mal entschied, um Hilfe zu bitten, sich zu regen. Eigentlich ist es simpel: Wir sprechen am Bett von Patient*innen so, als wären sie wach und könnten alles verstehen! Punkt!

Vor einigen Jahren erregten belgische Studien Aufsehen. Einige Wachkoma-Patient*innen reagierten beim Vorlesen auf in den Text eingebaute Nonsens-Sätze mit veränderten Hirnströmen, die mit Magnetresonanztomographie gemessen wurden. Sie schienen zu verstehen. Steven Laureys und sein Team sahen an der Hirnaktivität, dass drei der zehn Untersuchten mehr als die Hälfte der ihnen gestellten Fragen beantworteten. Auch der britische Neurowissenschaftler Adrian Owen beschreibt in seinem Buch Zwischenwelten solche Fälle aus seinem Berufsleben. Gedanken können heutzutage Computer steuern. Die Methode wird Computer-Brain-Interface genannt. Owen geht davon aus, dass es irgendwann Wachkomapatient*innen geben wird, die im Internet bestellen können. Aber das Thema führt jetzt zu weit!

Die Diagnose Wachkoma klebt wie eine Klette an den Betroffenen. Ich habe es mehr als einmal erlebt, dass ich mit einer ärztlichen Verordnung Wachkoma-Therapie das Zimmer betrat und der Patient beim Frühstück saß oder mich freundlich begrüßte. Warum werden die Diagnosen nicht geändert? Lässt sich Wachkoma besser abrechnen?

Auch V.I.P.s schlucken und sprechen

„Samuel Koch, Lungenentzündung!“ Ich sehe die Zeitungsüberschrift am Kiosk und ahne, was vorgefallen sein muss. Blitz- und Ferndiagnose: wahrscheinlich wurde zu früh die Trachealkanüle gezogen…

Der Schauspieler Koch verunfallte 2010 in der Fernseh-Show Wetten, dass…? bei einem Salto über ein fahrendes Auto. Seither ist er von der Halswirbelsäule abwärts gelähmt. Er kann die Beine nicht bewegen, die Arme nur rudimentär. Er hat keine Kontrolle über seine Blasen- und Darmtätigkeit. Die Bauchmuskulatur und die Muskulatur des unteren Rumpfes sind gelähmt. Nach dem Unfall musste er beatmet werden. Das hieß Luftröhrenschnitt, Anlage eines sogenannten Tracheostomas, also einer Öffnung im Hals und der Einlage einer Trachealkanüle. Der Atem geht nicht mehr über die Nase, sondern den `kurzen Weg´ vom Hals in die Lunge und über die Öffnung im Hals wieder hinaus. Durch die Lähmung kann er die Bauchmuskeln nicht mehr einsetzen, nicht effizient abhusten. Um Sekret aus dem Atemtrakt zu entfernen, muss die Bronchialtoilette – ein elegantes Wort für die fiese Absaugprozedur – mehrmals täglich erfolgen. Dabei wird ein Katheter durch die Kanüle in die Luftröhre gesteckt und unter Sog das Sekret entfernt.

Am Kiosk gerate ich in Rage. Frau oder Mann kann die Trachealkanüle nicht nach so kurzer Zeit und einfach nach Gutdünken aus dem Hals entfernen! Ein Patient mit diesem Schädigungsmuster ist nicht in der Lage, produktiv abzuhusten. Die nun veränderte Atemmechanik ist noch nicht ausdauernd trainiert! Die Lunge läuft mit Sekret voll. Das ist lebensbedrohlich. Sofort muss wieder intubiert werden.

Seit der Pandemie bekommt die Gesellschaft einen Einblick in die Intensivmedizin. Menschen in Bauchlage, mit Beatmungsschlauch im Mund oder im Hals, sind im Hauptabendprogramm zu sehen und Langzeitpatient*innen, denen das Virus zugesetzt hat. Wir gewöhnen uns an den Anblick von Nasensonden, Luftröhrenschnitt und Trachealkanülen im Hals zum Atmen. Das Abtrainieren einer Trachealkanüle war vierzehn Jahre lang mein tägliches Brot. Bei Menschen mit Querschnittlähmungen, wie Samuel Koch, kann das Monate dauern. Mein HNO-Kollege und ich haben ein Modell für das Entfernen der Kanüle, die sogenannte Dekanülierung, und den Schutz der unteren Atemwege veröffentlicht. Wiederholt haben wir es in Vorträgen und im Arbeitskreis der deutschsprachigen medizinischen Gesellschaft für Paraplegie (Deutschland, Österreich, Schweiz) vorgestellt! Hat jemand zugehört?

In den Biografien von Samuel Koch, der Sportjournalistin Monica Lierhaus und dem Frontmann der Kölschrockgruppe BAP Wolfgang Niedecken lese ich über ihre Erkrankungen. Ihre Probleme, Fragen und Zweifel sind mir nur zu vertraut. Detektivisch versuche ich zwischen den Zeilen das therapeutische Vorgehen nachzuvollziehen. Wäre ich anders vorgegangen? Vor einigen Jahren hat Wolfgang Niedeggen, der durch eine schnelle medizinische Intervention nach Schaganfall seine Sprache wiedererlangte, an einer Imagekampagne des Logopädie-Verbandes mitgewirkt und sich für die Hilfe bedankt.

Monica Lierhaus war kerngesund. Auf Anraten der Ärzt*innen wollte sie sich vorsorglich ein Aneurysma, eine Aussackung eines Blutgefäßes im Hirn, abklemmen lassen. Die Operation misslang. Lierhaus fiel ins Koma. Kaum wieder aufgewacht, kam es auch beim zweiten Versuch des Aneurysma-Clippings zu Blutungen. Wieder wochenlanges Koma. Seither hat sie eine ataktische Bewegungsstörung mit fatalen Auswirkungen auf das Gleichgewicht, die Bewegungsfähigkeit, z.B. auf das Gehen und auch auf das Sprechen.

Joachim Meyerhoffs Hamster im hinteren Stromgebiet habe ich in der Woche des Erscheinens gelesen. Die Melange – der humorige Autor und Wiener Patient*innen – kommt mir, der Wienerin, äußerst entgegen. Schon nach drei Wochen war sein Buch ganz oben auf der Spiegel Bestsellerliste zu finden. Und wieder finde ich den wahrscheinlich einzigen Druckfehler im Buch, Seite 297. Oder ist der Sparziergang gewollt – so wie in meinem Buch der Kaffeee?

Im Januar 2020 hat Meyerhoff in der Berliner Schaubühne so vergnüglich aus dem Buch vorgelesen, dass dem Publikum vor Lachen die Bauchmuskeln wehtaten. Er berichtete über seinen Schlaganfall und dass er ein Wallenberg-Syndrom hatte. Mein erster Gedanke: Hast du Glück gehabt und nicht diese hartnäckige Schluckstörung erlitten! Viele der Betroffenen müssen ihren Speichel und Essen ausspucken, weil sie nicht mehr schlucken können. Stund´ um Stund´, Tag für Tag, oft über Monate. Wenn es schlecht läuft, ein Leben lang. Ja, Meyerhoff hat wirklich Glück gehabt! Statt monatelang mit der Ungewissheit in die Therapie zu gehen, ob irgendwann der Kehlkopf beim Schlucken wieder in die Höhe geht und dadurch in der Folge die Speiseröhre öffnen kann, konnte er relativ bald seine Krankheitserfahrung versilbern. Die ersten Stichworte schrieb er nach der Entlassung auf einer Parkbank vor dem Krankenhaus. Das nenne ich stringent!

Schon der Buchtitel ist genial. Als Therapeutin nimmst du die anatomische Ortsbeschreibung hinteres Stromgebiet hin, du hinterfragst sie nicht. Ist so! Triangelgriff oder geriatrisches Trapez nennt Meyerhoff den Bettgalgen zum Hochziehen. Kompliment! Das ist ein anderer Zugang! Galgen – was für eine Semantik. Er hält dem medizinischen Personal den Spiegel vor. Bei jedem Zusammentreffen mit einer neuen Berufsgruppe wurde er stereotyp aufgefordert, sich mit dem linken Finger an die Nase zu fassen. Testhalber! Wie peinlich ist das denn? Dass er im Rettungswagen liegend vierzig Minuten auf die Zuweisung in eine Wiener Stroke Unit warten musste, spricht nicht für Wien oder den damaligen Tag. Zeit ist Hirn!

Meyerhoff beschreibt treffend die Schwierigkeiten von Menschen mit eingeschränkten Hand- und Armfunktionen beim Essen im Speisesaal: „Dagegen ist eine Ergo Stunde ein Witz“. Genauso ist es, Zielsetzung für Therapeut*innen sollte es sein, die Alltagsfunktionen zu verbessern! Heißt: Ergotherapeut*innen sollten die Alltagsaktivität Essen im Angebot haben statt Töpfern oder Makramee knüpfen im Therapieraum. Auch wir Logos sollten abstrakte Übungen infrage stellen, die das Hirn nicht kennt: Hilft nicht! Als Schüler einer Legasthenie-Förderklasse musste Meyerhoff Teekesselchen spielen. Teekesselchen bei Legasthenie? Das ist so daneben wie “Fischers Fritze fischt frische Fisch“ zu üben mit einer Betroffenen auf der Stroke Unit nach einer frischen schlaganfallbedingten Sprechstörung. Alles schon erlebt. Mit halbseitengelähmten Betroffenen machen Physios doch auch keinen Spitzentanz, oder?

Wer erinnert noch Ingrid Matthäus-Maier, die wirklich sehr stark lispelnde SPD-Politikerin aus Bonner Zeiten? In den neunziger Jahren elektrisierte mich ein Radio-Interview mit ihr. Das Lispeln war fast weg! Da war wohl wieder die Bonner Logopädin aktiv, die von Politiker*innen aufgesucht wurde und die keine Logo-Praktikant*innen in den Therapien hospitieren ließ. Als der Regierungssitz 1999 nach Berlin verlegt wurde, schlug Mü-Bu augenzwinkernd vor, ich sollte Stimm- und Sprechoptimierung für die Mitglieder des Hohen Hauses anbieten. Ich habe kategorisch abgelehnt. Das war nicht meins! Es ergab sich dann doch, dass ich zu Prominenten oder Politiker*innen mit gesundheitlichen Problemen hinzugezogen wurde. Aber das unterliegt der Schweigepflicht. Nicht so in den USA: Der ehemalige Leibarzt Trumps berichtet von dessen ungesunder Lebensweise, Fast Food und so, und dass er versucht hatte, dem Präsidenten pürierten Blumenkohl in den Kartoffelbrei unterzujubeln.

Auch Herbert Grönemeyers früherer Pressgesang wurde in den 1990ern besser, nachdem er sich in Köln in logopädische Therapie begab. Auf dem folgenden Album konnte frau hören, wie er atemrhythmisch angepasst seine Stimme einsetzte. Auch Annalena Baerbock spricht in letzter Zeit etwas ruhiger und mit tieferer Stimme…

Wer kennt noch Katrin Krabbe, die 1991 Sprint-Weltmeisterin über 100 und 200 Meter Welt-Leichtathletin des Jahres und Weltsportlerin des Jahres wurde? Danach wurde sie wegen Medikamentenmissbrauchs angeklagt. 1994 machte sie Werbung für ein Diätmittel mit dem Slogan Ich schlucke wieder.

Ich lese Brigitte Glasers Rheinblick. Die junge Protagonistin will Logopädin werden. Sie arbeitet in Bonn mit Willy Brandt, der nach einer Stimmbandoperation Sprechverbot hatte. Aus heutiger Sicht muten die beschriebenen therapeutischen Methoden eigentümlich an. Auch hier, eine andere Zeit. Aber Bodyguards hießen damals ja auch noch Leibwächter.

Willy Brandt war sicher ein Koryphäenkiller. Zugegeben, der Terminus ist aus der Psychiatrie entliehen und beschreibt dort die narzisstische Unterform einer Neurose. So weit will ich auf keinen Fall gehen, aber es gibt die starken, durchsetzungsfähigen Führungskräfte und Menschen aus Politik und Journalismus, die – oft unterstützt oder vertreten durch ihre Angehörige – ein Therapie-Hopping veranstalten. Sie verschleißen eine Therapeut*in nach der anderen, die ihnen nicht effizient und vor allem nicht schnell genug Erfolge erzielen.

Ich lasse mir nicht die Butter vom Brot nehmen. Mit klarem Auftreten kommt frau mit überaktiven Angehörigen aus, mit den Betroffenen meist sowieso. Macht sogar Spaß! Ein verbeamteter Tierarzt wollte mir zeigen, wo der Haken hängt. Er: „An welchem Muskel arbeiten wir?“ Ich zeige ihm den Muskel in der 3D-Anatomieapp. „Am Sternocleidomastoideus, Herr Doktor!“ Er: „Der bei mir wegoperiert wurde.“ Ich: „Ja Herr Doktor, und was sagen wir da?“ Er: „Das Hirn kennt keine Muskeln, sondern Aktivitäten.“ Spieß umgedreht.

In alten Filmen ist es zu hören. Frauen, aber auch Männer sprachen früher in höheren Stimmlagen. Franziska Giffey erwähnt in einem Interview, dass sie Lehrerin werden wollte, ihr aber abgeraten wurde. In der DDR wurden angehende Lehrer*innen einer Stimmtauglichkeitsprüfung unterzogen und bei Befund nicht zur Ausbildung zugelassen. Die Bundesrepublik regelte das laxer beziehungsweise gar nicht.

Die Journalistin Ursula Weidenfeld schreibt dazu im Tagesspiegel:

„Die Stimmen von Frauen klingen heute tiefer, sie werden als glaubwürdig und sicher wahrgenommen. Betrug vor zwanzig Jahren der mittlere Abstand zwischen Männer- und Frauenstimmen eine ganze Oktave, ist es heute nur noch eine Quinte. Vor allem erfolgreiche Frauen beherrschen ihre Stimme, sie finden heute eher Gehör. Die junge Angela Merkel sprach anfangs wie Helmut Kohls Mädchen, als das sie bezeichnet wurde. Danach nicht mehr. Die Stimme der Bundeskanzlerin habe sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich abgesenkt, analysiert Stimmforscher Walter Sendlmeier. Die Anteile aufgeregter Sprache sind geringer geworden, entspannte Redepassagen haben zugenommen. Die Kanzlerin wirkt heute souverän, selbst wenn sie angestrengt ist – man könnte auch sagen: Auf ihr Publikum wirkt sie jetzt wie ein Mann.

Eine Frau, die etwas werden will, kann sich eine hohe Stimme nicht mehr leisten. Es sei denn, sie entschuldigt sich mit nicht therapierbar schwachen Kehlkopfmuskel – wie Familienministerin Franziska Giffey. Alle anderen arbeiten an sich. Die Frauen, die das nicht wissen, nicht können oder nicht wollen, piepsen sich aus der öffentlichen Wahrnehmung. Echte Gleichstellung klingt anders.“1

Schon in meinem zweiten Praktikum 1982 wurde ich mit dieser Realität konfrontiert: Die Redakteurin beim Sender Freies Berlin darf ihre Beiträge nicht selbst sprechen, da sie lispelt. Unverständnis bei mir! Zu dieser Zeit war der bekannte Fernsehjournalist und späterer WDR-Intendant Friedrich Nowottny ständig lispelnd auf Sendung. Als Mann durfte er das?

Nachdem wir ein passables S erarbeitet hatten, bat ich die Klientin einen zu moderierenden Text mitzubringen, damit wir diesen gemeinsam durchgehen konnten. Mit dem Text in der Hand beamte die Klientin ihre Sprechstimme sofort eine Oktave runter – und sprach plötzlich wie Juliane Bartel. Also genau so tief und samtig, wie die angesagte Journalistin vom Sender Freies Berlin…

Homosexuelle Kollegen berichten mir, wie sie sich anpassen und in Anwesenheit des Chefarztes tiefer, hart und forsch sprechen, um das Gesagte zu unterstreichen…

Pflegende Angehörige sind V.I.P.s

Ein Großteil kranker und alter Menschen wird zu Hause betreut. Ohne pflegende Angehörige – und die Pflegenden aus Polen, Ungarn, Rumänien und der Ukraine – wäre die Versorgung längst zusammengebrochen. In den Kliniken und bei Hausbesuchen können und sollten wir auf ihre Expertise zurückgreifen. Stellvertretend will ich den Ehemann einer Patientin mit Multipler Sklerose würdigen. Er pflegte sie allein, übernahm Einkauf, Hausarbeiten und wenn sie im Krankenhau war, saß er tagsüber an ihrem Bett. Immer freundlich und zugewandt gab er uns wertvolle Informationen und Hilfen für den Umgang mit seiner Frau.

Die Ehefrau eines Patienten wurde Expertin für Magensonden. Auch bei bester Pflege verstopfen die zuführenden Schläuche ab und an. Sie weiss genau, wann es Zeit wird, die Ambulanz aufzusuchen. In der Klinik reicht sie den Ärzt*innen wortlos die passenden Schlauch-Adapter aus ihrer mitgebrachten Hilfsmittelbox.

Mit gesundem Menschenverstand machen Angehörige vieles besser als wir Therapeut*innen. Mein Vater, der mit einer Parkinsondemenz in einer Wiener Pflegeeinrichtung versorgt wurde, ist ein gutes Beispiel. Obwohl ich einige Routine mitbringe, war es mir nicht möglich, ihn vom Rollstuhl ins Bett zu transferieren. Er vertraute mir nicht, machte sich steif. Seine Lebensgefährtin, ein zur Erde gekommener Schutzengel, konnte das. Unter ihrer Anleitung stützte er sich nach vorne auf den wackeligen Nachttisch ab und setzte sich mit ihrer Hilfe um. Wenn er dann im Bett zu weit unten lag, setzte sie sich auf seine Füße. Mit diesem Fixpunkt konnte er sich mit Hilfe des Bettgalgens – hier ist er wieder – hocharbeiten. Sie hatte nie darüber gehört oder gelesen, aber sie hatte intuitiv die physikalischen Gesetze der dynamischen Stabilität erkannt. Also die Tatsache, dass ich zum Gurke schneiden zwei Hände brauche. Die Hand, die die Gurke festhält, bildet das Punktum stabile, damit die andere Hand als Punktum mobile die jetzt stabile Gurke schneiden kann. Das sind physikalische Gesetze, die wir Tag ein, Tag aus unbewusst nutzen – in der Fortbewegung, bei allen Tätigkeiten und beim Sport. Mit dem ständigen dynamischen Wechsel von Punktum stabile und Punktum mobile klettern Kinder auf Klettergerüste und Menschen Steilwände hoch. Physiotherapeut*innen lernen in der Ausbildung, beide Hände beim Arbeiten einzusetzen. Logopäd*innen lernen das in unseren Kursen. Sich nur einhändig die Zunge greifen und sie bewegen charakterisiert meine Lehrerin Kay Coombes das mit dem anschaulichen Bild „wie Tarzan an die Liane hängen“. Dann bewegt der Kopf mit. Der muss aber stabil bleiben. Also braucht es vielleicht doch unsere zweite Hand, um den Kopf in seiner stabilen Position zu lassen. Das ist Physik. Auch die belächelte Merkel-Raute dient der Herstellung einer stabilen Aufrichtung.

An- und Zugehörige wollen das Beste für ihre Lieben, sie wollen keine Möglichkeit versäumen und manchmal überschütten sie sie mit zu viel Therapieangeboten. „Ich will, er soll“. So schreibt es Gabriele von Arnim in ihrem bewegenden Buch „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“. Die Schriftstellerin und Journalistin hat zehn Jahre mit ihrem schwer kranken Mann zu Hause gelebt. Über Jahre kamen befreundete Menschen, um ihrem nach zwei Schlaganfällen halbseitengelähmten Mann Literarisches und aus den Tageszeitungen vorzulesen. „Sie gaben ihm ihre Zeit, ihre Stimmen und Kommentare“. Ihr Mann wollte anschließend über die Inhalte diskutieren. Aufgrund einer schweren Sprechstörung war er kaum zu verstehen. Diese Situationen auszuhalten, war für die Vorleser*innen schwer zu ertragen. Trotzdem blieben sie dabei – all die Jahre. Von Arnim modifiziert das auf Kinder gemünzte nigerianische Sprichwort: „Auch um einen Kranken zu pflegen, braucht es ein Dorf, eine Großfamilie, eine Umgebung.“

Ich will, er soll. Diese Maxime haben wir in der Ausbildung auch verinnerlicht. Wir planen eine Behandlung, in der die von uns für richtig erachteten therapeutische Ziele erreicht werden sollen. Dieses Paradigma findet sich heute noch. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Statt zu behandeln sollen wir die Patient*innen in ihrem Handeln fördern, so formuliert es meine Physiokollegin Renata Horst. Unser Denken soll nicht mehr rund um unsere Ziele kreisen, sondern die Betroffenen stehen im Mittelpunkt. Sie formulieren ihre Bedürfnisse und Wünsche, ggf. mit Hilfe ihrer Angehörigen. Aufgabe des medizinischen Teams ist es, sie zu unterstützen, ihre individuellen Ziele, Teilhabe und Partizipation in ihrer Umwelt zu erreichen. So propagiert es die WHO seit 2001 in der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF). In manchen Fällen heißt das, wir müssen unrealistische Ziele in erreichbare umformen.

Vor einer Kursgruppe in Wien frage ich einen Patienten nach frischem Schlaganfall nach seinem Wunsch für die nächste Zukunft. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen, „Schnitzerl essen“. Ein hohes Ziel für den des Schluckens derzeit nicht mächtigen Mann. Gut, faung ma au. (Fangen wir an). Sich auf den Weg machen…

Spontansonne und Echtpatienten – Ein bisschen viel Synapsenfreiheit

In Zeitungen ist zu lesen: Die Antarktis wird ein großes Stück kleiner und die ganz Coolen atmen gepflegt durch. Bei Wortschöpfungen wie Kanzlerhinterbänklerdistanz muss frau die Bedeutung kurz überlegen! Anpassungsflexibilität – klingt irgendwie doppelt gemoppelt.

Sprache lebt und verändert sich. Unter der Führung von Außenminister Genscher wechselte die FDP in den 1980er Jahren die Koalitionspartner*innen (von SPD zu CDU). Genschern wurde sofort als Sonderregel beim Doppelkopfspiel eingeführt. Auch der deregulierte Satzbau des ehemaligen bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und seine „Ähs“ sind zumindest in Deutschland bekannt. Lehrer*innen sagen, Kevin und Mohammed seien keine Namen, sondern Kevin eine Diagnose und Mohammed ein Urteil. Der Slam-Poet, Kabarettist und EU-Abgeordnete Nico Semsrott findet, Freude ist nur ein Mangel an Information. Im Suezkanal hatte sich der Supertanker Ever Given in eine ausweglose Situation hineinmanövriert. Und schon macht der Spruch Ich fühl mich ever given die Runde. Auch das Prädikat toxisch ist im Kommen. Dass das Wort Maske zu den ersten fünfzig Wörtern des Wortschatzes von e-kid4 gehört, erstaunt sogar mich als Logopädin…

Manche Zeitungsüberschriften sind mehr als ungenau: „Pfleger erstickt Bewohner mit Kohlroulade“. Das entspricht dem Wahrheitsgehalt von „Sanitäter bringt Kind zur Welt“. Das Unwort des Jahres 1998 war sozialverträgliches Frühableben. Der Ärztekammerpräsident Vilmar bezeichnete mit diesem Ausdruck die zwangsläufige Folge der Auswirkungen der Gesundheitsreform für Alte.

Über das Ziel hinausgeschossen wird allerdings bei Naturschwarzwald (Plakat an der Autobahn 5) und Spontansonne. Das ist echt edgy – ausgefallen. Real-world-Studien, also Studien mit „richtigen“ Patient*innen werden bejubelt. Über Echtpatienten lese ich in einem Abstrakt zu einem Fachbeitrag. Echt jetzt!?

Coronesisch

Im Frühjahr 2020 treten CO -Bepreisung und die Hufeisentheorie in den Hintergrund. Über Nacht entstehen neue Bilder und Narrative. Es gibt kein Drehbuch. Wir fahren auf Sicht. Der Dampfer bremst behäbig. Zwölfhundert Begriffe infiltrieren virulent unseren Wortschatz, semantisch wie phonetisch. Begriffe wie Risikogruppe, systemrelevant, Soloselbständige und die Polymerase-Kettenreaktion gehen uns jetzt fehlerfrei über die Lippen. Der Humorist Wladimir Kaminer findet, der deutsche Bürokratiegeist versuche „mit immer längeren Begriffen und immer mehr Buchstaben vor dem unsichtbaren Zeug zu schützen“.

Moderator*innen brauchen maximal zwei Anläufe bis sie Epidemiologie und Johns Hopkins Universität fehlerfrei aussprechen können. Weiterhin werden dicke Bretter gebohrt und an Stellschrauben gedreht! Und in den Talkshows, den Sprechstunden der Nation, sind am Ende des Tages dann wieder alle ganz bei Ihnen! Im zweiten Jahr werden wir pandemüde und mütend.

Der französische Staatspräsident Macron führt Krieg gegen das Virus. Der deutsche Finanzminister holt die Bazooka raus. Es meldet sich die Deutsche Interprofessionelle Vereinigung – Behandlung im Voraus (DIV-BVP) zu Wort, von deren Existenz ich bis dato nichts wusste, und empfiehlt Menschen über sechzig Jahren eine ärztliche Notfallanordnung (ÄNO) auszufüllen, die ein viel schärferes Schwert als eine Patient*innenverfügung sei. Und in Österreich wird der Mindestabstand in der Maßeinheit eines Neuzugangs im Schönbrunner Tiergarten gemessen – ein Babyelefant.

Die Ösis haben die doppelte Verneinung in der Amtssprache: Der Polizeipräsident sagt, Nicht alles was nicht verboten ist, ist strafbar! Der österreichische Innenminister Karl Nehammer – als Till Schweiger des Innenministeriums bezeichnet, weil er beim Reden die Zähne `net ausanaunda´ bringe – findet, „Es ist ganz klar ein Straftatbestand, nicht daran mitzuwirken, dass sich eine Epidemie ausbreite": Halleluja!

Sagen wir mal so: Gendern als Bedürfnis!

Irgendwann im ersten Shutdown und wie verabredet in derselben Woche gendern nun Journalist*innen wie Anne Will und Claus Kleber. Sie unterbrechen eine Mikrosekunde zwischen Bürger und Innen. Der Fachbegriff heißt Glottisschlag, ein Verschluss auf Stimmbandebene wird gebildet. Kumulativ spart das für Moderator*innen vielleicht eine halbe Minute Sendezeit einer einstündigen Talkshow. Bisher tun sich vor allem Politiker schwer, wenn sie herkömmlich gendern: Bürgerinnen und Bürger wird dann bei Olaf Scholz gerne zu Bürger und Bürger. Mal schauen, ob er umlernen wird.

Ein wütender Aufschrei folgt in den Medien und nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, vornehmlich Männer melden sich zu Wort. Schnell ist die Rede von Gender- oder Sprachdiktatur. Auch BAP-Sänger Wolfgang Niedecken diskutiert mit seinen Töchtern kontrovers. Friedrich Merz beschwört das generische Maskulin. Ob wir wollen oder nicht, Denken und Sprache beeinflussen sich gegenseitig. Wir transportieren Geschichte, auch furchtbare und unrühmliche. Der Ausdruck bis zur Vergasung war noch lange Usus in der Nachkriegszeit – auch in meiner Familie mit ihren Widerstandskämpfer*innen. Ein Sportmoderator tritt zurück. Die von ihm genutzte Formulierung Trainieren bis zur Vergasung geht gar nicht. Das sieht er ein. Nur einen Tag zuvor war er selbst als Quotenschwarzer verunglimpft worden.

Der österreichische Fußballer David Alaba, Jahrgang 1992, kommentierte das bevorstehene Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft Italien gegen Österreich im Londoner Wembley-Stadion mit einer modifizierten 3G-Regel: „Wir freuen uns auf eine geile Partie gegen eine geile Mannschaft in einem geilen Stadion.“ Dieses Unwort meiner Jugend ist längst im Sprachgebrauch angekommen. Genau! Auch so ein Ausdruck, mit dem derzeit in Zoom-Konferenzen der eigene Redebeitrag eingeleitet wird. Sprache verändert sich permanent. Die Infiltration unserer Sprache mit Anglizismen und IT-Begriffen ist akzeptiert. So what?

Als Totschlagargument wird die rhetorische Frage gestellt, ob wir keine anderen Probleme hätten als zu gendern? Doch haben wir. Fangt doch schon damit an, sie anzugehen…

Leser*innen und Leser haben es schon gemerkt. In dieser Veröffentlichung übe ich gendersensibel zu schreiben und nicht nur, weil es Platz spart. Es ist mein Projekt im Projekt. Ich nutze frau statt man oder manchmal Mann und das Gendersternchen. Früher schrieb ich das große I für männlich und weiblich, also LogopädInnen.