6 Beerdigungen - Wilga Föste - E-Book

6 Beerdigungen E-Book

Wilga Föste

0,0

Beschreibung

Über 50 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches wird bei einer Beerdigung eher beiläufig die nationalsozialistische Vergangenheit des Großvaters und seine Tätigkeit bei der Gestapo erwähnt. Jahre später beginnt die Autorin, nach Spuren dieses Mannes zu suchen, der noch vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges starb und für sie ein Fremder ist. Dabei zeigt sich: Der Großvater ist nicht der einzige Angehörige, der sich mit Engagement im Nationalsozialismus beteiligt hat. Sechs chronologisch aufeinanderfolgende Beerdigungen bilden in diesem Buch den Rahmen, in dem die Autorin von der Familie ihrer Mutter und deren Eingebundensein in die Zeitläufte des 20. Jahrhunderts erzählt. Sie geben Aufschluss über die Geschichte einer ganz normalen Familie in Deutschland und über die Frage nach der eigenen Schuld im Dritten Reich – eine Frage, die beharrlich unterdrückt wurde, aber auf ebenso beharrliche Weise das familiäre Miteinander prägte. Diese Geschichte in sechs Beerdigungen richtet sich an jene, die sich für den weitgehend namenlosen Mittelbau des nationalsozialistischen Regimes interessieren und einen Einblick in die Motive und das Beziehungsgefüge einer durchschnittlichen Familie erhalten möchten, die voller Überzeugung am Dritten Reich mitgewirkt hat. Wilga Föste ergründet das emotionale Erbe ihrer Familie – und zeichnet dabei eine beeindruckende Topografie deutscher Mentalitäten. Vorgehen und Fragestellungen sind vorbildlich für alle, die sich mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 317

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



6 Beerdigungen

Wilga Föste

6 Beerdigungen

Eine deutsche Familiengeschichtean den Gräbern erzählt

Impressum

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-86408-333-4

eISBN: 978-3-86408-342-6

Lektorat/Korrektorat: Dr. Malte Heidemann – www.berlinlektorat.com

Satz und Layout: Darius Samek – www.dariussamek.de

© Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin/2024 www.vergangenheitsverlag.de

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Vergegenwärtigung ihrer Leiden

Und meinen Eltern in Liebe und Dankbarkeit

Immer wieder zog die Vergangenheit sie zurückin überwältigendes Entsetzen,und durchgängig weckte sie auch nach all den Jahrendie unzerstörbare Erinnerung an die Toten.

Saul Friedländer – Die Jahre der Vernichtung

Inhalt

Prolog

Januar 1978: Die Kusine – ein Leben am Anfang

Donnerstag, der 26. Januar 1978

Dienstag, der 31. Januar 1978

Dezember 1983: Die Mutter – ein Leben im Leid

Samstag, der 10. Dezember 1983

Mittwoch, der 14. Dezember 1983

Dezember 1985: Die Großmutter – ein Leben im Stolz

Sonntag, der 8. Dezember 1985

Freitag, der 13. Dezember 1985

Erstes Intermezzo: Versehrt und manchmal auch gebrochen

Februar 1998: Der Vater – ein Leben im Kampf

Montag, der 23. Februar 1998

Freitag, der 20. März 1998

Dezember 1998: Die zweitälteste Tante – ein Leben in Sorge

Dienstag, der 8. Dezember 1998

Montag, der 14. Dezember 1998

Zweites Intermezzo: Auferstanden aus Ruinen

November 2016: Die jüngste Tante – ein Leben in Zurückhaltung

Dienstag, der 15. November 2016

Dienstag, der 22. November 2016

Epilog

Anhang

Danksagung

Quellen und Literatur

Anmerkungen

Prolog

Als ich nach der Beerdigung der jüngsten Schwester meiner Mutter zu einem Freund im Scherz sagte, dass ich irgendwann einmal ein Buch schreiben würde mit dem Titel Meine schönsten Beerdigungen, brach er in lautes Gelächter aus – ihm gefiel die Idee, und auch die Erzählung von der Beisetzung, die einige recht bemerkenswerte Aspekte aufwies, fand seine Anerkennung. Natürlich waren meine Worte nicht ernst gemeint. Ich hatte keineswegs die Absicht, ein Buch über meine Familie zu schreiben. Aber ich verfasste einen kurzen Text, eine Art Tagebucheintrag, in dem ich die Ereignisse rund um diese für mich so besondere Beerdigung festhielt, gewissermaßen als Erinnerung, damit ich bestimmte Worte, die gesprochen worden waren, und bestimmte Bilder, die sich mir gezeigt hatten, nicht vergaß. Dabei beschrieb ich auch meine Nervosität, die ich vor der Begegnung mit den Angehörigen meiner Familie verspürt hatte, und meine Erleichterung darüber, dass ich am Ende dieser Reise, die mich tief in die Vergangenheit geführt hatte, wieder in die Gegenwart und in mein eigenes Leben zurückkehren konnte. Und obwohl ich an diesem Tag eine gewisse Anspannung empfunden und wechselnde Gefühlslagen durchlaufen hatte, war der Ton meines Berichts doch eher heiter und mit einigen kurzen Ausflügen in das schöne Reich der Ironie angefüllt.

In dieses Reich der Ironie begebe ich mich gerne, vor allem wenn es eng wird im Leben und ich die Dinge nicht zu nahe an mich herankommen lassen möchte, weil sie mich dann vielleicht aus dem Gleichgewicht bringen würden. Auch in misslichen Situationen ist es häufig mein erster Impuls, die ungewollte Komik zu sehen, die sich in vielen Lebenslagen verbirgt. Ich lache viel lieber, als dass ich mich gräme, und ich bringe auch andere gerne zum Lachen. Die eigenen kleinen Missgeschicke betrachte ich häufig unter dem Blickwinkel ihrer Verwertbarkeit als Anekdote, mit der man die Mitmenschen erheitern kann. Für mich ist das sprichwörtliche Glas immer halbvoll, und ich versuche, das Leben und seine Verstrickungen nicht allzu ernst zu nehmen. Vielleicht bin ich auf dem einen Auge ein wenig blind, in jedem Fall aber halte ich mein Inneres am liebsten verborgen, auch vor mir selbst. Dabei bin ich nicht gut darin, Unangenehmes zu verdrängen, ganz im Gegenteil: Ich erinnere mich an viele unschöne Begebenheiten, und die Bilder haben sich fest in mir eingegraben. Blicke, die getauscht, Worte, die gesprochen wurden – vieles davon ist bis heute präsent. Was ich verborgen halte, sind die Gefühle, die durch diese Begebenheiten ausgelöst wurden, sei es Trauer, Wut oder Scham.

Scham ist für mich das schlimmste aller Gefühle und stellt sich vor allem dann ein, wenn mir in der Annahme, richtig zu handeln, ein Fehler unterläuft und andere mich korrigieren müssen. Scham ist für mich ein Gefühl, das ich für meine eigenen Fehltritte empfinde und das auf mein Handeln in der Gesellschaft verweist: Ich schäme mich für meine Worte, wenn sie unangemessen sind, und ich schäme mich für mein Verhalten, wenn es gegen das verstößt, was andere im Sinne der guten Sitten von mir erwarten dürfen. Was ich nur selten verspüre, ist eine Scham für meine Mitmenschen, und auch für meine Familie habe ich mich nie geschämt. Ich gestehe anderen in der Regel sehr viel mehr zu als mir selbst, und auch die Widersprüche, die Menschen in ihrem Wesen zeigen, gehören für mich zum Leben dazu. Vor allem aber wahre ich immer eine gewisse Distanz: Ich beobachte eher, als dass ich mich einmische, und ziehe aus dem Beobachteten meine Schlüsse, mit einem sicheren Abstand vom Geschehen selbst, vor allem aber von den starken Gefühlen, die mit diesem Geschehen verbunden sein können. Dabei sehe ich mich und andere nicht vorrangig als Teil einer Gruppe, auch nicht als Teil einer Familie, ich sehe mich und andere zunächst als Menschen, die für sich selbst stehen. Auch suche ich mir lieber selbst meine Kreise, als um jeden Preis an verwandtschaftlichen Banden festzuhalten – dies umso mehr als mein Elternhaus früh in Auflösung geriet und viele Angehörige schon lange tot sind.

Ich schicke dies alles voraus, um zu erklären, warum es mir eher leichtfällt, offen mit der Geschichte meiner Familie umzugehen. Manchen ist es sicher lieber, über das Leben der eigenen Angehörigen Stillschweigen zu bewahren und die kleinen und größeren Geheimnisse, die es in so vielen Familien gibt, weiter geheim zu halten. Weil sie sich schämen. Weil sie in dem Bewusstsein groß geworden sind, dass man über bestimmte Dinge besser nicht spricht und dass man das eigene Nest nicht beschmutzen sollte mit dem, was man landläufig als Wahrheit bezeichnet. Weil die Familie nach wie vor Bestand hat und sich ein offenes Wort in Rücksichtnahme auf die anderen verbietet. Und auch wenn ich selbst keine Scham für manche meiner Angehörigen kenne, aus dem einfachen Grunde, weil ich eine große emotionale Distanz zu ihnen habe und weil sie für sich selbst einstehen müssen, so kann ich diese Hemmnisse sehr gut nachvollziehen. Manchmal ist es auch einfach so, dass die Familiengeschichte mit den Menschen, die sie erlebt haben, untergegangen ist und sie den Nachkommen daher verschlossen bleibt. Auch in meiner Familie gibt es Geschichten und Geheimnisse, die im Laufe der Zeit verloren gegangen sind. Manches davon habe ich wiederentdecken können, mit Hilfe privater Unterlagen und Fotografien, aber auch mit Hilfe von Archivalien und Zeitungsberichten.

Zwei Dinge waren dabei von besonderem Wert: Als die jüngste Schwester meiner Mutter starb, hinterließ sie einen kleinen braunen Koffer, den sie einige Jahre zuvor an meinen Bruder hatte weitergeben wollen. Er aber hatte das Angebot damals ablehnt, und so bewahrte sie ihn weiter auf, denn er enthielt Dinge, von denen man sich nicht leichten Herzens trennt: Fotografien, Briefe, Postkarten, Gedichte, Zeugnisse, Bürounterlagen, Zeichnungen aus einem Luftschutzbunker, Anstecknadeln und Orden – alles Dinge, die aus dem Nachlass meiner Großmutter stammten und die Auskunft über verschiedene Stationen ihres Lebens gaben. Ein wahrer Fundus, anfangs allerdings schwer zu durchdringen, weil die Personen auf den Fotografien und in den Briefen für mich Fremde waren. Erst mit Hilfe amtlicher Dokumente verschiedener Archive und Standesämter war es mir möglich, diesen Personen Namen zuzuordnen, ihr Leben zu rekonstruieren und das Beziehungsgeflecht der Familie zu entwirren. Um das Leben einer ihrer Brüder näher zu beleuchten, war außerdem die Heimatzeitung jenes Ortes eine große Hilfe, in dem die Familie der Großmutter lange Jahre gelebt hatte, viele ihrer Mitglieder bis zu ihrem Tod. Es war die Velberter Zeitung, die zahlreiche Hinweise lieferte und dabei nicht nur einen tiefen Einblick in eine bestimmte Lebensphase jenes Bruders bot, sondern auch anschaulicher noch als jedes Fachbuch ein Gefühl für die Vergangenheit vermitteln und mich reichhaltig mit Material versorgen konnte, das ich an vielen Stellen verwendet habe.

Und obwohl es zunächst nur ein Scherz gewesen war, ließ mich der Gedanke nicht mehr los, ein Buch zu schreiben mit dem Titel Meine schönsten Beerdigungen. Eigentlich wollte ich die Vergangenheit gar nicht aufsuchen, aber plötzlich, ein paar Jahre später, machte ich mich doch auf die Reise. Irgendetwas trieb mich an, und ganz wie es meiner Art entspricht, waren die ersten Textstellen heiter und immer wieder mit einer gewissen Ironie formuliert. Aber diese Heiterkeit trug nicht lange. Sobald ich mich auf die Geschichte einließ, wandelte sich der Ton der Erzählung. Die Anekdote verschwand und machte Platz für einen Ton, der dem Geschehen entsprach. Und auch der Tenor der Erzählung verlagerte sich immer weiter. Immer noch ging es um die wichtigsten Beerdigungen meines Lebens, aber irgendwann ging es um sehr viel mehr. Es ging um die Geschichte meiner Familie, um die Geheimnisse, über die nicht gesprochen worden war, und um die Verbindung unserer Familiengeschichte mit der Geschichte unseres Landes. Und je weiter die Erzählung wie von selbst voranschritt, umso klarer wurde mir, dass der ursprüngliche Titel nicht mehr angemessen war: Nicht von schönen Beerdigungen wird hier die Rede sein, sondern von Beerdigungen, die Aufschluss geben über die Geschichte einer ganz normalen Familie, eingebunden in die Zeitläufte des 20. Jahrhunderts.

Noch einige Worte zum Verständnis: Bei der Darstellung historischer Sachverhalte wurde auf verschiedene Quellen zurückgegriffen – auf Fachbücher, Aufsätze, Gesetzestexte, Archivalien und sonstige Dokumentationen. Vor allem aber wurde immer wieder die Berichterstattung der Velberter Zeitung herangezogen, die den Nationalsozialismus seit 1930 mit Enthusiasmus unterstützt und das Dritte Reich begeistert begrüßt hatte.1 So sind viele Informationen zur NSDAP, Hintergründe zur Hitlerjugend und Auszüge aus Reden von Adolf Hitler, Joseph Goebbels, Hans Frank und Hermann Göring in weiten Teilen der Velberter Zeitung entnommen. Einige dieser Textstellen sind, wie auch die verwendeten Gedichtzeilen der Großmutter, als wörtliche Zitate in Kursivschrift wiedergegeben. Auch wurden spezifische Termini der Nationalsozialisten und die von ihnen eingeführten Bezeichnungen von Ämtern, Verbänden und Diensträngen kursiv gesetzt, um sie als nationalsozialistische Begriffe kenntlich zu machen. Davon ausgenommen sind lediglich jene Bezeichnungen, deren nationalsozialistische Herkunft als bekannt vorausgesetzt werden kann. NSDAP, Hitlerjugend, SS und SA, Reichssicherheitshauptamt, Geheime Staatspolizei oder Gestapo und Konzentrationslager sind vermutlich jedem ein Begriff und müssen nicht eigens hervorgehoben werden.

Januar 1978:Die Kusine – ein Leben am Anfang

Donnerstag, der 26. Januar 1978

Beerdigungen sind etwas Besonderes. Sie führen der Trauergemeinde die Endlichkeit unseres physischen Daseins vor Augen, und im gemeinsamen Erleben dieser Endlichkeit gewähren sie Einblicke in die Vergangenheit. Trauergäste erzählen ganz selbstverständlich von früheren Zeiten, und manchmal offenbaren sich dem Zuhörer dabei Einzelheiten, die ihm bislang unbekannt waren. Möglich wird dies in der Emotionalität des Augenblicks, denn jede Beerdigung markiert einen Abschied. Ein Mensch ist tot, und mit seinem Tod hinterlässt er eine Lücke im Gefüge derer, die zurückbleiben. Nicht nur dass er nun einfach nicht mehr da ist. Mit ihm stirbt häufig das, was für uns ein wesentlicher Teil unseres Lebens war: unser Alltag, unsere Sicherheit, manchmal unsere Heimat. Abschied nehmen müssen wir dann nicht allein von dem Menschen, der nun beerdigt wird, Abschied nehmen müssen wir dann auch von unserem vertrauten Leben, das von diesem Menschen geprägt war. Schon viele solcher Beerdigungen habe ich erlebt.

Eine von ihnen nahm mir mein Zuhause, denn sie galt meiner früh verstorbenen Mutter.

Eine andere nahm mir mein Gefühl der Unsterblichkeit, denn sie galt meinem kämpferischen Vater.

Wieder andere ließen ihrerseits Menschen zurück, für die das Leben danach nicht mehr dasselbe sein sollte.

In besonderer Weise traf dies auf die Beerdigung meiner Kusine zu. Ihre Beerdigung war die erste, zu der ich ging und zu der ich wie alle Familienangehörigen meiner Mutter gehen musste. Die Kusine starb am Nachmittag des 26. Januar 1978 im Sankt-Josef-Krankenhaus im Essener Stadtteil Kupferdreh. Wenige Tage zuvor hatte sie früh am Morgen in der elterlichen Wohnung ihr Bewusstsein verloren, und vergeblich hatten die Ärzte um ihr Leben gekämpft. Sie starb an einer Hirnblutung, die durch ein reißendes Hirnaneurysma verursacht worden war und dessen Folgen nicht mehr aufzuhalten waren. Nicht einmal drei Wochen waren vergangen, da hatte sie ihren sechzehnten Geburtstag begangen – ein junger Mensch, ausgezeichnet durch eine besondere Liebenswürdigkeit und Zuverlässigkeit, eine Schülerin noch, die gerade erst auf dem Weg gewesen war, erwachsen zu werden, und deren Leben schon am Anfang ein abruptes Ende fand. Sie war die Nichte meiner Mutter, das älteste Kind einer ihrer Schwestern, die so lange am Krankenbett ausgeharrt hatte, bis der Kampf um das Leben ihrer Tochter endgültig verloren war.

Meine Mutter hatte insgesamt drei Schwestern, die alle jünger waren als sie selbst. Ihre Familie war eine reine Frauengemeinschaft, denn die Schwestern hatten früh den Vater verloren. Das älteste Kind war elf, das jüngste fünf Jahre alt, als der Großvater starb und die Großmutter mit den vier gemeinsamen Töchtern alleine zurückblieb. Als junger Feinmechaniker hatte der Großvater während des Ersten Weltkrieges eine Ausbildung zum Funktelegrafenwart absolviert. Das Kriegsende sollte er allerdings nicht in einer solchen Position, sondern in einem Lazarett erleben. Sein Soldbuch zeigt, dass er fünf Monate vor der militärischen Niederlage Deutschlands und Österreich-Ungarns in das Kriegslazarett Palmenhaus in Gent eingeliefert wurde. Von dort ging es im August 1918 weiter nach Osnabrück in das Lazarett des Vaterländischen Frauenvereins, das in seinem Soldbuch auch als Reservelazarett Heimat bezeichnet wurde. Hier verbrachte er einen Monat, bevor eine Verlegung auf die Innere Station des Reservelazaretts Memel erfolgte. Zwei Monate später wurde er zum letzten Mal verlegt – in die Abteilung Woltersdorf des Reservelazaretts Cöpenick, ein Speziallazarett für Herz-, Nerven- und Nierenkranke.

Welche Erkrankung zu diesen stationären Aufenthalten geführt hatte, ist unklar. Der letzte Aufenthalt in einem solchen Speziallazarett könnte allerdings ein Hinweis sein, dass der Großvater nicht wegen einer Kriegsverletzung, sondern wegen erster Anzeichen seiner späteren Erkrankung behandelt werden musste. Hier in Woltersdorf verbrachte er neun Monate, bevor er am 13. August 1919 endlich zur Truppe entlassen werden konnte. Danach fand er eine Anstellung als Beamter der Deutschen Reichspost, zunächst als Telegrafenhilfsmechaniker, um 1925 zum Telegrafenwerkführer und 1939 zum Telegrafenwerkmeister ernannt zu werden. In all den Jahren hatte er seinen Dienst in Essen verrichtet, bis er kurz nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 nach Posen in den neuen Reichsgau Wartheland beordert wurde. Von dort sandte er seinen Töchtern liebevolle Postkarten mit Grüßen und Küssen. Er erinnerte sie daran, dass es nicht mehr lange dauere, bis das Christkind komme, und dass sie ihm alle ihre Wünsche schreiben sollten – wenn es irgend gehe, werde er alles bestellen. Und er fügte hinzu: Ich denke, ich bin dann auch bei Euch. Eine Karte mit dem Vermerk Postsache Einsatz Osten schickte er allein an meine damals siebenjährige Mutter, und auch auf dieser Karte kündigte er sein baldiges Kommen an.

Postkarte des Großvaters an seine älteste Tochter

Über den Großvater wurde in der Familie nur wenig gesprochen, allerdings gab es verschiedene Erklärungen, was die Ursache seines Todes betraf. Nach der von der Großmutter verbreiteten und allgemein akzeptierten Lesart war er in Posen einem schweren Schlaganfall erlegen. Demgegenüber vermutete mein Vater, er sei dort in Posen aus Rache und Wut von Einheimischen getötet worden. Diese Lesart entsprach dem Gerechtigkeitssinn meines Vaters, denn er war davon überzeugt, dass der Großvater sich in jener Zeit an Verbrechen beteiligt hatte. Seine Annahme, sein Schwiegervater sei im Zuge eines für ihn nachvollziehbaren Racheaktes gewaltsam zu Tode gekommen, entsprach allerdings nicht den tatsächlichen Gegebenheiten. Ganz wie die allgemein akzeptierte Lesart es vorgab, hatte eine natürliche Ursache seinen Tod herbeigeführt. Er hatte bereits länger an Arteriosklerose gelitten und war im Dezember 1943 aus Essen, dem Wohnort der Familie meiner Mutter, evakuiert und in die Landesfürsorgeanstalt in Reutlingen eingeliefert worden. Acht Monate später – am 10. August 1944 – starb er mit sechsundvierzig Jahren in Reutlingen an den Folgen eines Schlaganfalls. Sein Leichnam wurde nicht in seine Heimatstadt überführt, sondern vier Tage nach seinem frühen Tod auf dem anstaltseigenen Friedhof beigesetzt. Nach zwei Monaten erhielt die Großmutter vom Anstaltsarzt eine entsprechende Bescheinigung. Obwohl sie also die Umstände seines Todes kannte, ließ sie ihre Familie in dem Glauben, der Großvater sei in Posen gestorben.

Zu ihrem Vater hatte meine Mutter eine innige Beziehung, von ihm hatte sie sich geliebt und verstanden gefühlt. Er war es gewesen, der Nachsicht hatte walten lassen, wenn sie den Teller mit ihrer linken Hand nicht hinten, sondern vorne anhob, um ihre Suppe zu essen. Es war ihr zeitlebens nicht anders möglich, auch wenn ihre Mutter sie stets zu besseren Tischmanieren ermahnt hatte, denn wie ihr linker Fuß war auch ihre linke Hand gelähmt. Ihre Körperbehinderung erschwerte viele alltägliche Verrichtungen und ging auf Komplikationen bei ihrer Geburt zurück, deren Folgen sich erst mit zunehmendem Wachstum im Laufe ihrer Kindheit zeigen sollten. Im Nachlass der Großmutter findet sich ein kleiner Zettel, auf dem der Arzt die Diagnose notiert hatte, damals, als die Fehlbildung an Arm und Bein offenkundig geworden war: spastische Hemiplegie, besonders auffallend der linke Fuß. Es waren orthopädische Schuhe empfohlen worden – am linken Arm seien keine Maßnahmen erforderlich. Damit hatte meine Mutter bei ihrer Geburt eine Form der Zerebralparese davongetragen, bei der sich auf einer Seite des Körpers die Muskulatur von Arm und Bein versteift. Die Symptome bleiben ein Leben lang erhalten, trotzdem ist für viele, die darunter leiden, ein Leben möglich, das zwar seine Einschränkungen kennt, aber weitgehend normal geführt werden kann.

Meine Mutter an ihrem ersten Schultag im April 1939 (G. Hirsche, Essen)

Auch meine Mutter hatte normal aufwachsen und eine reguläre Schule besuchen können, und bei ihrer Einschulung hatten sich vorerst nur leichte Anzeichen der zunehmenden Lähmung gezeigt.

Die Mutter der nun verstorbenen Kusine war die zweitälteste der vier Schwestern und nur eineinhalb Jahre jünger als meine Mutter. Und wie meine Mutter hatte auch sie drei Kinder zur Welt gebracht. Anders als in der Generation der vier Schwestern wurden in der nachfolgenden Generation auch Jungen geboren, die Mädchen blieben allerdings deutlich in der Überzahl: Drei Schwestern hatten jeweils drei Kinder, die jüngste Schwester hatte ein Kind. Von diesen zehn Kindern waren nur die beiden älteren Kinder meiner Mutter und das einzige Kind ihrer jüngsten Schwester Jungen. Diese Schwester hatte als erste ein Kind geboren, die Ehe mit dem Vater ihres Sohnes wurde später allerdings geschieden. Keine der vier Ehen nahm einen glücklichen Verlauf. Meine Mutter war die Einzige, die trotz aller Widrigkeiten bis zu ihrem Tod verheiratet blieb. Alle anderen ließen sich früher oder später scheiden, ungewöhnlich in einer Zeit, in der Ehen eher ein Leben lang Bestand hatten, und noch ungewöhnlicher, da alle vier Schwestern tief im katholischen Glauben verwurzelt waren – so wie ihre Mutter. Die Religiosität der Großmutter war groß und ging mit einer im katholischen Glauben verbreiteten Konzentration auf das menschliche Leid und mit der tief empfundenen Hoffnung auf Erlösung einher.

Zu ihren Schwiegersöhnen hatte die Großmutter ein ambivalentes Verhältnis. Dabei konnte man den Eindruck gewinnen, dass sie Männern grundsätzlich mit gewissen Vorbehalten begegnete und eine katholische Sexualmoral vertrat, nach der die körperliche Liebe zwischen Mann und Frau ein eher notwendiges Übel auf dem Weg zur Mutterschaft ist. Diese Vermutung war allem Anschein nach falsch, denn bei der Durchsicht ihres Nachlasses entstand der deutliche Eindruck, dass sie großes Interesse für Männer gezeigt und den Großvater zumindest zu Beginn ihrer Ehe aufrichtig geliebt hatte. Auch war er nicht der erste Mann in ihrem Leben gewesen, zuvor hatte es bereits andere gegeben. Einer dieser Männer war 1925 gestorben. Meine einzige große Liebe, wie die Großmutter nach seinem frühen Tod niederschrieb. Die Fotografien in ihrem Nachlass zeigen gutaussehende Männer, alle vom gleichen Typus wie der Großvater. Auch für ihn war sie nicht die erste Frau, nicht einmal die erste Ehefrau gewesen. 1926 war er schon einmal eine Ehe eingegangen, die nach nur vier Jahren wieder geschieden wurde. Als meine Großeltern dann im Oktober 1932 heirateten, war die Großmutter bereits mit meiner Mutter schwanger, und nur sechs Monate später brachte sie das Kind zur Welt. Vor dem Hintergrund ihrer religiösen Bindung war diese Wendung – Ehe mit einem Geschiedenen und Schwangerschaft vor der Eheschließung – überraschend.

Dass sie keine zwölf Jahre nach der Geburt ihres ersten Kindes ihren Mann verlor und ihre Töchter alleine durch die Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit bringen musste, war ein schwerer Schlag für sie. Bereits seit Kriegsbeginn war sie weitgehend auf sich gestellt gewesen bei der Sorge um ihre Kinder, für die sie sich nach Kräften einsetzte. Sie wollte, dass sie alle ihren Berufswünschen folgen konnten, wie sie in einem Brief an den hochverehrten Herrn Pfarrer schrieb, in dem sie sich als schwarzes Schaf der Kirche und ihre Kinder als sehr sensibel und etwas zu impulsiv bezeichnete. In diesem Brief bat sie darum, dabei zu helfen, ihre zweitälteste Tochter vielleicht in einem Geschäftshaushalt unterzubringen, wo sie neben ihrer Ausbildung in dem von ihr sehnlichst gewünschten Beruf der Kindergärtnerin zusätzlich arbeiten könne. Außerdem beschrieb sie hier den Werdegang meiner Mutter: vom schlechtesten Zeugnis der Oberschule, das sie sich denken könne, über wirklich gute Zeugnisse der Berufs- und Handelsschule, wo ihre älteste Tochter die beste Schülerin ihrer Klasse gewesen sei, bis hin zu einer angesehenen Bürolehrstelle, die sie nun, Gott sei es gedankt, habe und bei der sie trotz ihrer körperlichen Behinderung als vollständiger Mensch gelte. Und mehr noch: Ihrer Tochter sei bereits gesagt worden, dass sie ihre Lehrzeit verkürzen könne, wenn sie so weitermache. So wäre meine größte Sorge um dieses Mädel behoben – Worte, aus denen die Erleichterung spricht.

Die Ausbildung ihrer Töchter lag der Großmutter besonders am Herzen. Sie wollte nicht, dass sie als billige Dienstkräfte ausgenutzt wurden, und sie sah bei ihren Mitmenschen Neid, Missgunst und angebliches Mitleid am Werk, wenn sie die Mädchen mit falsch angebrachten Ratschlägen und Vorwürfen konfrontierten. Und so bemühte sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten um deren Fortkommen und bezahlte von ihrer Witwenrente und der Waisenrente ihrer Kinder das Schulgeld und die Kurse an Privatschulen. Schließlich waren ihre Töchter zu jungen Frauen herangewachsen, und jede von ihnen war auf ihre ganz eigene Weise attraktiv und dem Leben zugewandt. Die Großmutter strebte danach, ihre Reinheit zu bewahren in einer Welt, der sie selbst mit Misstrauen begegnete und in der es galt, die Kinder um jeden Preis zu beschützen, auch dann noch, als sie schon erwachsen waren. Dabei war ihr ein gewisser Dünkel zu eigen, und mit diesem Dünkel begegnete sie auch ihren Schwiegersöhnen, die sich früher oder später an der Seite ihrer Töchter einfanden. Keiner von ihnen schien auf Dauer gut genug zu sein für ihre Mädchen, jeder von ihnen zeigte im Laufe der Zeit auch tatsächlich gewisse Schwachstellen, die das Verhältnis zwischen der Großmutter und ihren Schwiegersöhnen belasteten, manchmal auch zerstörten.

In ihrem Selbstverständnis sah die Großmutter sich in erster Linie als liebende und zugewandte Mutter, und gleich nach der Geburt des vierten Kindes, das sie im Januar 1939 zur Welt gebracht hatte, beantragten die Großeltern das sogenannte Mutterkreuz. Das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter war erst im Jahr zuvor von Adolf Hitler gestiftet worden, als Auszeichnung für kinderreiche Mütter und als Dank für ihre Verdienste um das deutsche Volk, wie es damals in der entsprechenden Verordnung hieß. Den Antrag auf Verleihung des Ehrenkreuzes konnte der Familienvater nur dann stellen, wenn die Familie zuvor von einer berechtigten Stelle vorgeschlagen worden war, beide Eltern der Kinder deutschblütig und erbtüchtig waren und das Gesundheitsamt bei der Überprüfung zu dem Ergebnis kam, dass sämtliche Kriterien für die Verleihung erfüllt seien. Ein wesentliches Kriterium war dabei, dass die Mutter der Auszeichnung würdig war. Aus der Verordnung ging allerdings nicht hervor, unter welchen Umständen sich eine Mutter als würdig erwies. Bei den Großeltern hatte der Reichsbund der Kinderreichen die Familie vorgeschlagen, und da sie anscheinend alle Kriterien erfüllte, wurde der Großmutter die dritte Stufe des Ehrenkreuzes der Deutschen Mutter bereits 1939, im ersten Jahr seiner Verleihung, überreicht.2

Offenbar hatte die Großmutter dem nationalsozialistischen Frauenbild entsprochen, einem Bild, das Joseph Goebbels immer wieder heraufbeschwor, wenn er die Rolle der Ehefrau und Mutter als den vornehmsten und höchsten Beruf der Frau bezeichnete. Die Nationalsozialisten verstanden sich selbst als völkische Weltanschauung, und man wollte gesunde Menschen schaffen. Die Frau war dafür vorgesehen, Schützerin und Hüterin des deutschen Herdes und der Familie zu sein. Frauen wurden im Dritten Reich mystisch überhöht, zugleich wollte man sie auf eine rein dienende Rolle in der Familie beschränken und aus dem politischen und wirtschaftlichen Leben ausschließen. Die Frau wurde als Magd, Königin und Priesterin der Familie beschrieben, und man sah in ihr die Trägerin der heiligsten Dinge, der Gottesnähe und des Mutterseins. Dieses Frauenbild wurde nicht nur von Männern propagiert, auch so manche Frau fühlte sich davon angesprochen, ganz sicher auch die Großmutter. Und sie gab dieses Bild an ihre Töchter weiter. Zwar hatten sie alle einen Beruf erlernt, aber zumindest für die drei älteren Schwestern war es vollkommen selbstverständlich, eine Familie zu gründen und sie zu umsorgen. Jede von ihnen brachte drei Kinder zur Welt und entsprach damit – vermutlich unbewusst – der nationalsozialistisch erwünschten Norm für eine deutsche Familie. Die Väter ihrer Kinder gerieten allerdings unweigerlich ins Abseits.3 Als meine Kusine so plötzlich starb, waren ihre Eltern zwar noch nicht geschieden, aber bereits entzweit. Auf der Trauerkarte waren ihre Namen noch zusammen aufgeführt, ganz so, wie Eltern es tun, wenn sie den größten Verlust ihres Lebens erleiden und ihr eigenes Kind beerdigen müssen. Die Trauerkarte war kurz und schlicht gehalten: Der Herr habe es gegeben, der Herr habe es genommen. Von tiefem Schmerz erfüllt werde bekannt gegeben, dass Gott die innigst geliebte Tochter und Schwester nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von erst sechzehn Jahren zu sich gerufen habe. Mehr gibt es an dieser Stelle nicht zu sagen, fast alle Worte sind angesichts einer solchen Tragödie zu viel. Der Verlust eines Kindes ist für uns der größte Schicksalsschlag, den wir uns vorstellen können, ein Schlag, von dem wir wissen, dass man sich nie mehr ganz davon erholen wird. Die Vorstellung, sein eigenes Kind zu verlieren und beerdigen zu müssen, ist von einer solchen Ungeheuerlichkeit, dass wir uns ein weiteres Nachdenken darüber beinahe reflexartig verbieten, denn allein der Gedanke daran konfrontiert uns mit einem derart großen Schmerz, dass wir die Wucht dieser Vorstellung kaum ertragen können. Und für die Eltern der verstorbenen Kusine wurde dies alles gleichsam von einem Tag auf den anderen zu einer neuen Lebenswirklichkeit.

Als meine Eltern über den Tod ihrer Nichte sprachen, saß ich bei ihnen und hörte zu. Ich konnte die Tragweite dieser Nachricht kaum ermessen. Ich war acht Jahre alt und der einzige Tod, den ich mir vorstellen konnte und damals schon fürchtete, war der Tod meiner Mutter. Sie war nicht ganz gesund, das spürte ich, und es kam immer wieder vor, dass sie am Morgen nicht aufstehen konnte, dass sie leidend und antriebslos wirkte und dass ihr die Lebenskraft zu fehlen schien. Und so hatte ich zwar nicht unablässig, aber doch immer wieder große Angst, dass sie sterben könnte. Diese Angst stellte sich vor allem dann ein, wenn ich für längere Zeit nicht zuhause und entweder zu Besuch bei einer der Tanten oder mit der Kirchengemeinde auf Reisen war – also immer dann, wenn ich das unbestimmte Gefühl hatte, das Geschehen in meiner Familie nicht mehr verfolgen und kontrollieren zu können. Natürlich hatte ich, eine Achtjährige, keinerlei Möglichkeit, den Verlauf der Dinge maßgeblich zu beeinflussen, aber ich hatte doch immer die Sorge, in meiner Abwesenheit könne ein Unglück geschehen. Den Tod meiner Kusine konnte ich nicht einordnen. Sie war für mich fast schon erwachsen, und im Unterschied zu dem jüngeren meiner Brüder hatte ich keine engere Verbindung zu ihr. Ich nahm die Nachricht von ihrem Tod hin, so wie ich alles hinnahm, was in unserem Leben geschah. Auch dass wir alle zur Beerdigung gehen würden und ich für diesen Tag von der Schule freigestellt wurde, nahm ich einfach hin.

Dienstag, der 31. Januar 1978

An die Beerdigung der verstorbenen Kusine habe ich nur bruchstückhafte Erinnerungen, nur einzelne Bilder sind im Gedächtnis geblieben. Die Exequien waren für den 31. Januar angesetzt und sollten früh um 9.00 Uhr in der Pfarrkirche St. Michael in Essen abgehalten werden. Die Familie der Verstorbenen wohnte noch immer in der Heimatstadt der vier Schwestern, so wie alle anderen Familienangehörigen meiner Mutter auch. Hier in Essen waren die vier Schwestern aufgewachsen, hier hatten sie die Schule besucht, hier hatten sie ihre Berufe erlernt. Und hier in Essen hatten sie den Zweiten Weltkrieg und mit ihm die Bombardierung der ganzen Stadt erlebt. Vor dem Krieg hatte meine Mutter als sechsjähriges Kind von der Zerstörung ihrer Stadt geträumt, ein Traum, an den sie sich ihr Leben lang erinnern sollte und der von der aufgeladenen Stimmung im Land zeugte. Die Nationalsozialisten hatten die Weichen für den Krieg früh gestellt: Seit ihrer Machtübernahme im Januar 1933 war viel von der Volksgemeinschaft und ihrer Vereidigung auf den Führer die Rede, vom Deutschen Willen und von Deutscher Pflicht, von Kampf und Opfer. Ihre Sprache hatte schnell offenbart, dass der Einzelne in der Gemeinschaft aufzugehen und einem höheren Ziel zu dienen hatte. Dieses Ziel fasste Hitler bereits im Mai 1930 bei einer Versammlung im Berliner Sportpalast in einem Satz zusammen: Raum für unser Volk! Und er fügte hinzu, dass man von der Zukunft keine Heldentaten erwarten könne, wenn der Pazifismus im Volke großgezogen werde.4

Sie hatten ihre Absichten nicht im Verborgenen gehalten und immer wieder gegen den Pazifismus polemisiert, der im damaligen Europa verbreitet war. Die Menschen wollten keinen neuen Krieg, auch die Deutschen nicht.5 Also benannten die Nationalsozialisten ihre Ziele in aller Offenheit, zugleich betonten sie allerdings ihre Friedensbereitschaft, bezeichneten sich sogar als Garant des Friedens. Vor allem das Ausland wollte man in Sicherheit wiegen, schließlich brauchte man Zeit, um das Land wieder aufzurüsten. Im Mai 1933 etwa beteuerte Hitler im britischen Daily Telegraph, dass niemand, der den Weltkrieg mitgemacht habe, diese Erfahrungen noch einmal durchmachen wolle. Anschließend brachte er seine Hoffnung zum Ausdruck, dass sich die Revision des Versailler Vertrages friedlich erreichen lasse – eine Aussage, die einen neuen Krieg als mögliche Lösung nicht ausschloss. Einen Monat später versicherte Goebbels bei einem Presseempfang, Deutschland wolle keinen Krieg, sondern nur den Frieden seiner Arbeit, um gleich darauf zu bekräftigen, dass die neue Regierung vor allem raumpolitische Ziele verfolge und die Revolution nirgendwo Halt mache. Da hatte man in Deutschland bereits den Reichsluftschutzbund gegründet mit der Erklärung, dass der Krieg der Zukunft ein Luftkrieg sein werde. Der Vorsatz, dem eigenen Volk Lebensraum und allen anderen Völkern Unterwerfung oder Vernichtung zu bringen, hatte den Traum meiner Mutter schließlich Wirklichkeit und ihre Heimatstadt zu einem Trümmerfeld werden lassen.6

Vor allem wegen der Krupp-Werke war auf die Bevölkerung ein Bombenhagel niedergegangen, der die Stadt immer wieder schwer getroffen und schließlich weitgehend in Schutt und Asche gelegt hatte. Das Ruhrgebiet war nicht nur aus Sicht der Alliierten, sondern auch aus Sicht der Deutschen das wichtigste Industrierevier Deutschlands und das Rüstungszentrum des Dritten Reiches, und Essen galt mit der Gussstahlfabrik von Friedrich Krupp als das Herzstück des Ruhrgebiets. Die Krupp-Werke waren im 19. Jahrhundert nicht nur zum größten Gussstahlwerk, sondern auch zum größten Unternehmen der Welt aufgestiegen und hatten ihren Standort auf einem weitläufigen Areal westlich des Stadtzentrums. Seit den 1880er Jahren war man in der Rüstungsindustrie tätig, und bis zum Ende des Ersten Weltkrieges sollte dies der wichtigste Geschäftszweig des Werkes bleiben. Mit dem Versailler Vertrag hatte man Deutschland die Waffenproduktion untersagt, doch nach der Machtübernahme durch die NSDAP hatte Krupp die Rüstungsproduktion wiederaufgenommen und sich in der öffentlichen Wahrnehmung zur Waffenschmiede des Deutschen Reiches entwickelt. Mit diesen Worten hatte man Hitler und Mussolini im September 1937 bei ihrem gemeinsamen Besuch der Krupp-Werke auf einem Spruchband herzlich willkommen geheißen.7 Essen und Krupp: Für die Alliierten hatte sich kein großer Unterschied zwischen der Stadt und der Gussstahlfabrik gezeigt. Zu dominierend und ausgedehnt war das Unternehmen, als dass sie einen besonderen Unterschied hätten ausmachen können. Und so war es für sie nur folgerichtig, Essen aus der Luft anzugreifen mit dem Ziel, die Rüstungsindustrie zu treffen und dem nationalsozialistischen Deutschland damit die Möglichkeiten zur weiteren Kriegsführung zu nehmen. Anders als von der Bevölkerung erwartet, fielen nach dem deutschen Überfall auf Polen allerdings zunächst keine Bomben. Über der Stadt wurden lediglich Flugblätter abgeworfen mit einem Friedensangebot und der Warnung, dass die deutsche Regierung das eigene Volk betrogen und zu dem Massenmord und dem Elend eines Krieges verurteilt habe, den sie nicht gewinnen könne. Diese Warnung wurde von vielen Deutschen als feindliche Propaganda wahrgenommen, um die Bevölkerung gegen Hitler aufzubringen. Erst im Mai und Juni 1940 flog das Bomber Command der Royal Air Force erste Luftangriffe. Zum Entsetzen der Weltöffentlichkeit hatte Deutschland da bereits die Städte Warschau und Rotterdam mit zum Teil verheerenden Folgen aus der Luft bombardiert und zusätzlich das Nachbarland Frankreich angegriffen, das schon bald kapitulieren sollte.8

Anschließend ging die deutsche Luftwaffe dazu über, Ziele in England zu bombardieren, um die Invasion der Insel vorzubereiten. Nahm man dabei zunächst militärische Ziele in Südengland ins Visier, erging im September 1940 der Befehl, London anzugreifen. Bis in den November hinein wurde die Stadt Nacht für Nacht von deutschen Bomben getroffen. Und auch andere Städte wurden bombardiert – die Angriffe auf Coventry im November 1940 und April 1941 waren die schwersten bis dahin. Mehr als 43.000 Todesopfer sollte der Blitz, wie die Engländer ihn nennen, insgesamt fordern. Solche flächendeckenden Bombardements hatte die Welt bis dahin nicht gekannt, und sie setzten eine Spirale in Gang, an deren Ende schließlich weite Teile des eigenen Landes zerstört waren. Denn im Februar 1942 beschlossen die Engländer, die dicht besiedelten Städte Deutschlands anzugreifen. Der Großangriff auf Essen am 5. März 1943 war der Beginn einer fünfmonatigen Luftoffensive der Briten, der Battle of the Ruhr, und bis Kriegsende sollten mehr als 245 Angriffe allein auf diese Stadt geflogen werden. Schwerste Bombardements gingen im März und im Juli 1943, im Herbst 1944 und in den letzten Kriegsmonaten nieder auf jene Stadt, in der Hermann Göring, seines Zeichens Oberbefehlshaber der Luftwaffe, im August 1939 erklärt hatte, dass man das Ruhrgebiet auch nicht einer einzigen Bombe feindlicher Flieger ausliefern werde.9

Seit dem ersten Großangriff in jenem März 1943 – die älteste der vier Schwestern war nun fast zehn, die jüngste gerade vier Jahre alt – wurden immer mehr Menschen, vor allem aber Kinder und Kranke, aus Essen evakuiert. Eindringlich rief man die Bevölkerung immer wieder zum Verlassen der Stadt auf, vor allem die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt warb unermüdlich dafür, die Stadt zu räumen. Nach jedem Großangriff wurden Sonderzüge bereitgestellt, die von vielen Einwohnern auch tatsächlich bestiegen wurden. Grundsätzlich war es allerdings untersagt, die Menschen zur Räumung zu zwingen, und auch die Kinderlandverschickung sollte freiwillig erfolgen. Viele Eltern weigerten sich jedoch, ihre Kinder fortzugeben, anscheinend aus Gewissensgründen, denn ihnen schien die religiöse Betreuung der Kinder nicht gesichert zu sein. Um den Druck auf diese Eltern zu erhöhen, wurden schließlich die Schulen entsprechend einer Polizeiverordnung vom 9. Juli 1943 geschlossen und vielfach für kriegsnotwendige Einrichtungen beansprucht. In der Elternschaft regte sich Widerstand gegen diese Entscheidung, zumal in anderen luftgefährdeten Städten wie etwa Köln und Düsseldorf der Schulbetrieb wieder aufgenommen wurde. Aber allen Forderungen der Eltern zum Trotz blieben sämtliche Schulen in Essen bis zum Ende des Krieges geschlossen.10

Entgegen der Erwartung des Essener Gauleiters konnte aber auch die Sorge um die nun fehlende Schulbildung bei vielen Eltern den Widerstand gegen die Kinderlandverschickung nicht verringern. Und so blieben nach Schätzungen von Fachleuten trotz der vielen Luftangriffe und trotz geschlossener Schulen etwa 30.000 Kinder in der Stadt.11 Auch die Großmutter blieb mit ihren vier Töchtern in Essen, obwohl der Großvater wegen seiner Erkrankung noch im gleichen Jahr in ein luftsicheres Gebiet evakuiert wurde. Und immer wieder mussten sie die Koffer mit den notwendigsten Habseligkeiten nehmen, den Luftschutzbunker aufsuchen und dort auf das Ende der Bombardierung warten. Erst wenige Jahre vor dem ersten Großangriff war die Familie aus dem Stadtzentrum in ein südlicheres Viertel gezogen, denn kurz vor dem Überfall auf Polen hatte man die betroffene Bevölkerung in Essen dazu aufgerufen, die Wohnungen nahe den Krupp-Werken zu räumen. Und während die gesamte Innenstadt am Ende fast vollständig zerstört war und etwa 6.500 Menschen bei den Luftangriffen ihr Leben verloren hatten, war nicht nur der Hochbunker, in dem die Großmutter mit ihren vier Kindern Zuflucht gefunden hatte, von Bombentreffern verschont geblieben, auch ihr Wohnhaus hatte den Luftkrieg unbeschadet überstanden.12

Die Großmutter mit ihren vier Töchtern 1944 im Hochbunker

In diesem Haus sollte die Großmutter nach dem Krieg noch viele Jahre leben und als junge Witwe ihre Kinder weiter großziehen. Ihre Töchter waren bei ihr geblieben bis zu ihrer Eheschließung, und auch danach lebten sie alle weiter in Essen. Alle bis auf meine Mutter. Sie hatte ihrer Heimatstadt den Rücken gekehrt und war mit ihrem Mann an einen anderen Ort gezogen. Damals, als der Krieg vorbei war und das Tausendjährige Reich nach zwölf Jahren sein vernichtendes Ende gefunden hatte, war auch sie gerade zwölf Jahre alt geworden. Bei ihrer Geburt war Hitler bereits zum Reichskanzler aufgestiegen, und bis zum Ende des Dritten Reiches war ihre Lebenswirklichkeit geprägt von Hetze und Repressionen gegen die sogenannten Feinde der Volksgemeinschaft, von deutschem Hochmut und Rassenwahn, von Krieg und Siegesgewissheit und zuletzt von sinnlosen Durchhalteparolen und vom Untergang ihrer Heimatstadt. Was hätte sie in Essen halten sollen? Die Erinnerung an die vielen Bombennächte und die Angst im Bunker? Die Erinnerung an Hunger und Kälte in den ersten Nachkriegsjahren? Die Erinnerung an ihren Vater, der so früh gestorben war? Auch die Verbundenheit mit ihrer Familie hatte sie nicht gehalten, zu groß waren vermutlich die Spannungen und Konflikte. Und so hatte meine Mutter wahrscheinlich ohne großes Bedauern einen gewissen Abstand geschaffen und ihre eigene Familie in einer anderen Stadt gegründet.