60 Tage liegen - Dennis Freischlad - E-Book

60 Tage liegen E-Book

Dennis Freischlad

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Beschreibung

Ein Lockdown der außerirdischen Art: Wie fühlt es sich an, 60 Tage am Stück zu liegen? Wie, schwerelos zu sein? Dennis Freischlad hat es ausprobiert. Als Teilnehmer einer Schwerelosigkeit-Studie der NASA durfte er zwei Monate nur liegen, den Kopf sechs Grad tiefer gelagert als die Beine. Essen, Duschen, Toilette, unzählige Experimente – alles fand in dieser Position statt. Wie erlebt ein Mensch eine solche simulierte Marsreise, was sind die körperlichen und psychischen Folgen dieser Extremsituation? Dennis Freischlad war ein Leben lang in der Welt unterwegs, doch nichts konnte ihn auf diese völlig neue Grenzerfahrung vorbereiten. Mit viel Humor erzählt er von seiner außergewöhnlichsten Reise, von aberwitzigen Pokerabenden, neuen Freundschaften und der interstellaren Liebe.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 451

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dennis Freischlad

60 Tage liegen

Meine Reise zum Mars

 

 

 

Über dieses Buch

Dennis Freischlad war ein Leben lang unterwegs, er wanderte durch Wüsten und Großstadtdschungel. Doch für die Weltraumforschung wagte er eine völlig neue Grenzerfahrung: absolute Bettruhe. Als Teilnehmer einer Schwerelosigkeit-Studie der NASA durfte er zwei Monate nur liegen, den Kopf sechs Grad tiefer gelagert als die Beine. Essen, Duschen, Toilette, unzählige Experimente – alles fand in dieser Position statt. Wie erlebt ein Mensch einen solchen «Lockdown», was sind die sozialen, körperlichen und psychischen Folgen dieser Extremsituation? Mit staunenden Augen und einem ausgeprägten Sinn für Humor erzählt der Autor vom Studienalltag – inklusive Besuch von Alexander Gerst.

Vita

Dennis Freischlad, 1979 in Hessen geboren, ist seit seinem 20. Lebensjahr kontinuierlich in der Welt unterwegs und zieht seine Bahnen zwischen seinen Wohnorten in Indien und Köln. Neben Gedichten und Essays sind von ihm bereits mehrere reiseliterarische Bücher erschienen, zuletzt Über allem Licht. Eine Reise ins griechische Leben.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Dezember 2021

Copyright © 2021 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Covergestaltung zero-media.net, München

Coverabbildung SCIEPRO/SCIENCE PHOTO LIBRARY/Getty Images; ©FinePic, München

ISBN 978-3-644-00962-2

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Motto

Prolog

11. Tag auf Station

12. Tag auf Station

13. Tag auf Station

1. Liegetag

2. Liegetag

3. Liegetag

4. Liegetag

10. Liegetag

11. Liegetag

16. Liegetag

17. Liegetag

19. Liegetag

20. Liegetag

29. Liegetag

30. Liegetag

32. Liegetag

34. Liegetag

35. Liegetag

39. Liegetag

40. Liegetag

42. Liegetag

47. Liegetag

48. Liegetag

49. Liegetag

50. Liegetag

51. Liegetag

52. Liegetag

53. Liegetag

58. Liegetag

59. Liegetag

60. Liegetag

75. Tag auf Station

90. Tag auf Station

1. Tag auf dem Mars

Nachwort

Dank

Disclaimer

Heimat ist nicht da, wo du alle Bäume kennst,

sondern wo die Bäume dich kennen.

Russisches Sprichwort

Prolog

Es hat zwei Millionen Jahre gedauert, bis unsere Spezies zum ersten Mal in den Genuss dessen kam, was in der Raumfahrt als Overview Effect bezeichnet wird. Mit dem Betreten des Weltalls erschloss sich eine neue Dimension der Überschaubarkeit. Die Menschheit blickte zum ersten Mal, plötzlich halt- und widerstandslos zwischen Erde und Mond treibend, auf ihren Planeten zurück und stellte fest, wie enorm die Summe all dessen ist, was wir trotz allen Wissens nicht zu erkennen vermögen. Es ist unbegreiflich, und doch ist es wahr: In einem unendlichen Kosmos schwebt, wie von Geisterhand gehalten, eine blau pulsierende Kugel im atomschwarzen Ozean der Leere, und dieser Stein aus unvorstellbaren Milliarden Jahren, diese einzigartige Heimat, sie leuchtet – und lebt.

Dem Kosmonauten Oleg Makarow fiel eines Tages auf, dass sogar recht emotionslose Astronauten, die stets einsilbig antworten und noch nie im Leben ein Wort zu viel gesprochen haben, mit der ersten Erfahrung des Overview Effect – auch Breakaway Effect oder Weltraum-Euphorie genannt – einen völlig neuen Redebedarf an den Tag legen. Im Schnitt, so recherchierte er, schwelgt ein Raumfahrer 42 Sekunden lang in einem unvermeidbaren emotionalen Ausbruch, bis er oder sie diese Erfahrung fürs Erste verarbeitet hat.

Alle sternenwärts reisenden Männer und Frauen, die seit jeher versuchten, das sprachlos Machende in Worte zu fassen, sprechen eine gemeinsame Sprache. Edgar Mitchel berichtet von einem «globalen Bewusstsein», das sich ihm unverzüglich einstellte, als er auf einen blauen Planeten hinabsah, der wie ein Geist im tiefschwarzen Nichts des Universums rotierte; Aleksei Leonov beschwörte ein «heiliges Relikt», das es mit aller Anstrengung zu beschützen gilt. Und Scott Adams funkte zur Erde zurück: «Die weißen, verschlungenen Wolken und die Blauschattierungen des Meeres lassen das Raumschiff, das Rauschen des Radios und sogar den eigenen Atem verstummen. Es gibt keinen Wind, keine Kälte und keinen Geruch, die dich noch an die Erde binden. Einerseits schwebt man, wie auf dem Olymp, leidenschaftslos über den Dingen. Andererseits kann man nicht glauben, wie emotional verhaftet man mit allem ist, was sich dort auf und über der Erde bewegt.»

Eine vernichtende Größe.

Wer als Mensch einmal die Erde unter den Füßen verlor, wird von dieser Erfahrung grundlegend verändert.

 

Keine achtzig Jahre, nachdem sich die Menschheit einen solchen Überblick über ihre Existenz verschafft hat, wird sie sich im kommenden Jahrzehnt für eine Erfahrung wappnen müssen, die alles übersteigt, was einem Wesen der Erde jemals widerfahren ist. Ich nenne es den Unview Effect – eine beispiellose Grenzerfahrung, die in der Welt der Weltraumpsychologie auch als Earth-out-of-Sight-Phänomen bekannt ist. Denn bislang sind Menschen «nur» in den Orbit und zum Mond geflogen. Wo auch immer sie waren, die Erde war nah, strahlte im Rückspiegel und behielt uns in ihrer Umlaufbahn. Geht auf der Internationalen Raumstation ISS, von der man permanent auf die vertrauten Kontinente und Ozeane hinabschaut, etwas schief, steht eine Raumkapsel bereit, und nach einigen Stunden stehen die Sternenfahrer wieder auf der Oberfläche ihres Heimatplaneten. Der Rückweg ist sicher, weil uns die Erde nie abhandengekommen ist. 400 Kilometer unter den schwebenden Füßen wartet sie treu auf die Rückkehr ihrer raumfliegenden Kinder.

Bald jedoch wird man weit in die Tiefen unseres Sonnensystems hinausfliegen, genauer gesagt zum Mars, und zum ersten Mal beobachten, wie die Erde, wie alles Bekannte kleiner und kleiner wird, so lange, bis unsere Heimat nur noch als winziges Pünktchen zurückbleibt zwischen Abermillionen von Sternen. Keine physische Nähe mehr, keine psychische Verbundenheit. Eine kaum vorstellbare Abnabelung steht uns bevor. Es bleibt im gesamten Universum nichts mehr übrig, auf das der Mensch zurückblicken kann, und so wird der Unview Effect mit allem brechen, was in der Reichweite des Bekannten und Vertrauten liegt. Depressionen, Wahn, Erleuchtung oder All-Sein? Niemand kann heute voraussagen, was an diesem einzigartigen Punkt der völligen Entschwebung mit dem menschlichen Körper und Geist geschehen wird. Sechs Monate lang werden die Raumfahrer durch die immer gleiche, orientierungslose Dunkelheit reisen, bis auf einmal eine rostrote Kugel aus der ewigen, jeden Gedanken abschaffenden Schwärze emporglimmt. Der Mars. Diese Pioniere werden jenen Traum leben, der bereits Giordano Bruno ein Leben lang begleitete:

Ich schwebe durch den Himmel und treibe dem Unendlichen entgegen.

Und während ich von meinem Heimatplaneten zu anderen aufsteige

Und den ewigen Raum immer weiter durchdringe,

Lasse ich das weit hinter mir, was andere aus der Ferne sahen.

Alle staatlichen und privaten Weltraumunternehmen arbeiten gerade mit Hochdruck daran, den Mars zu besiedeln. Nach einem langen Dornröschenschlaf erlebt die Welt eine Renaissance der Raumfahrt und erneute Wettrennen ins All. Ausgerechnet das höchst seltsame Jahr 2020 setzte den finalen Startschuss – Zyniker würden behaupten, dass es keinen besseren Zeitpunkt gegeben hätte, um aufzuzeigen, dass die Erde nicht unsere einzige Heimat bleiben muss. Der Flug des Crew-Dragon-Raumschiffes zur Internationalen Raumstation leitete ein neues Zeitalter ein, denn die Falcon-9-Rakete, die Crew Dragon Richtung Unendlichkeit schoss, landete wenige Minuten später wohlerhalten auf der Erde. Die Wiederverwertbarkeit der Raketen und Raumschiffe ist der entscheidende Schritt, der die Besiedlung des Mars möglich und uns zu interplanetarischen Wesen machen wird. Gerade das von Elon Musk geführte, private Weltraumunternehmen SpaceX hat es geschafft, die kaum für möglich gehaltenen Visionen der letzten fünfzig Jahre Wirklichkeit werden zu lassen. Es ist nichts Geringeres als der Beginn einer neuen Ära, und jeder Mensch, der diese neue Generation von Raumschiffen in die vielversprechenden Himmel hat emporschießen sehen, weiß: Das, wovon man vor kurzem nur zu träumen gewagt hatte, ist Realität geworden, und wir beginnen eine neue Epoche, die den Menschen von Grund auf verändern wird.

Ob die Ära der Erde zu Ende geht, wird sich zeigen. Was wir aber wissen, ist:

Das Zeitalter des Mars hat begonnen.

 

Schon immer träumte ich davon, als schwereloser Argonaut auf einem der Schiffe zu reisen, die noch zu meinen Lebzeiten zum Mars aufbrechen werden. Es wäre nur konsequent. Seit nunmehr zwanzig Jahren reise ich kontinuierlich über den Planeten, um zu erfahren, was dieses Wort einem sterblichen Wesen bedeuten könnte: Beheimatung. Mit dem Motorrad oder Van habe ich ganze Kontinente durchkreuzt und die heiligsten Stätten der Menschheit besucht. In der Hoffnung auf eine jenseits weltlicher Himmel gespannte Einsicht pilgerte ich nach Jerusalem, Bodhgaya, Varanasi, Amritsar, Bethlehem, Gizeh oder Delphi und stand vor den außergewöhnlichsten Tempeln, die die Natur aus ihrem Schoß zu zaubern vermag. Ich lebte unter indischen Bettlern, mit buddhistischen Mönchen auf Sri Lanka und vertraute in Kuba auf jene schwarzen Magier, die am besten tanzen konnten; endlos trieb ich durch Wüsten, Berge, Urwälder oder megalomane Dschungel wie Kalkutta, Kairo und New York. Der Aufenthalt auf dieser Erde hat mich alles gelehrt. Wie man neu wird, indem man sich permanent selbst verlorengeht, wie man betet, verflucht und ein für alle Mal lernt, die Demut von der Selbstlosigkeit zu unterscheiden, wie man seinen ewigen Frieden findet, seinen ewigen Frieden verliert, wie man liebt, trauert und vor allem: staunt und verehrt.

Egal, wo ich mich befand, ich war zu Hause. Und stellte in Wüsten, in Urwäldern und auf den höchsten Bergpässen der Welt fest, dass es letztendlich niemals um das Ankommen geht – sondern immer nur um den Aufbruch und die Wanderschaft.

Ein Reiseziel aber blieb unerreichbar, der größte Traum unerfüllt und fern: die Intimität unserer blauen Kugel in Richtung des Mars zu verlassen, unseres Bruderplaneten, der auf all meinen irdischen Reisen still und erwartungsvoll vom Nachthimmel leuchtete. Von den oben genannten Berichten derer, die über unsere Atmosphäre hinausgeschossen wurden, wissen wir, dass wir die Einzigartigkeit unseres irdischen Lebensraumes neu begreifen, sobald wir, vollkommen sprachlos gemacht, auf ihn zurückblicken. Nur das endlose Universum mit seinen ersten und letzten Geheimnissen, nur das Fremde und Unbekannte vermag es, dem eigenen Selbst den Spiegel vorzuhalten. Reisen ist die unaufhörliche Neubestimmung der eigenen Menschlichkeit, und die galaktische Wanderung zu neuen Planeten wird alles in Frage stellen, was wir über uns zu wissen glauben.

In Zeiten, in denen die Menschheit aufbricht, um so bald wie möglich nicht nur Satelliten und Rover, sondern auch Männer und Frauen dauerhaft zum Mars zu senden, stelle ich mir dringlicher als jemals zuvor meine ewige Frage: Würde ich tatsächlich aufbrechen? Und zwar nicht erst in fünfzig Jahren, wenn alles aufgebaut und vorbereitet ist, sondern jetzt? Wirklich einsteigen in die Starship-Rakete von SpaceX, die 2026 die ersten Menschen zum roten Planeten bringen soll?

Die Antwort ist Ja. Der Romantiker und Abenteurer in mir will hinausgeschossen werden ins All, zur Not auch auf Nimmerwiedersehen. Er würde alles dafür aufgeben, den so geliebten Planeten verschwinden zu sehen, sodass er zwischen den Sternen nicht mehr als Heimat auszumachen ist. Für so eine Erfahrung lohnt sich der Tod, der für die ersten Menschen, die sich zum Mars aufmachen werden, wohl unausweichlich sein wird. Der Skeptiker in mir allerdings weiß, dass es kaum vorhersehbar ist, wie es um die Poetik des Weltraums bestellt ist, wenn sich das Herdentier Mensch unter unvorstellbaren Bedingungen mit seinen existenziellsten Affären und Ängsten auseinandersetzen muss, wenn es mit Problemen konfrontiert ist, die auf der behüteten Erde nicht replizierbar sind und für die es somit kein entsprechendes Training geben kann. Wahrscheinlich haben wir, die wir bislang kaum einige Dutzend Menschen für längere Zeit ins All gebracht haben, noch keine Ahnung, wie sehr wir mit unserem Heimatplaneten eine Einheit bilden, die nicht so leicht aufzutrennen ist. Noch vor der ersten Zelle ist das Sein an das spezifische Vorhandensein der Erde gebunden. Alles stammt von hier, nährt und trägt uns seit Anbeginn unserer Zeit. Für das Wir des Menschen gibt es kein größeres Symbol als unsere planetarische Heimat, und alles existiert, weil es in Symbiose mit terrestrischen Jahrmilliarden geformt und erlernt wurde. Es ist mit keinen Analysen der Welt abzusehen, wie uns diese innige Mutterschaft und Intimität fehlen wird, wenn wir uns eines Tages spurenreich davonmachen und jene unverrückbaren Orte und Landschaften, die uns bislang in uns selbst verankerten, in einen unbekannten Raum weiten.

Die menschliche Sehnsucht ist nichts anderes als der Wille, endlich nach Hause zu gelangen. Mit dem Flug zum Mars kommt der Mensch seiner innigsten Verpflichtung nach, sich fundamental auf den Weg (zu sich selbst) zu machen. Wo werden wir ankommen, wie werden wir leben, wer werden wir sein? Und wer weiß, vielleicht ist gerade diese größte aller Reisen notwendig, um nach all unserem Wandern und Suchen dort anzukommen, wo wir uns, nach Heidegger gesprochen, immer schon aufhielten. Oder wie es der Dichter T.S. Eliot formulierte:

We shall not cease from exploration

And the end of all our exploring

Will be to arrive where we started

And know the place for the first time.

 

Wir werden nicht aufhören, zu forschen,

und am Ende all unserer Forschungen

werden wir wieder dort stehen, wo wir anfingen,

und diesen Ort zum ersten Mal erkennen.

11. Tag auf Station

Noch 51.803.144 Kilometer bis zum MarsNoch 3 Tage bis zur Bettruhe

Die kalte Hand auf meiner Schulter ist das Signal. Ich öffne die Augen, drücke mich hoch und gleite von der Liege. Sobald ich stehe, schnürt sich mir eines der Kabel in den Hals. Die Elektrode muss entfernt und eine neue gesetzt werden. Ich sitze und halte still, so wie ich seit zwei Wochen stillhalte, wenn ich stillhalten soll, esse, wenn ich essen soll, und schlafe, wenn jeden Abend zur gleichen Zeit das Licht gelöscht wird. Im dunklen Fenster erkenne ich mein unscharfes Spiegelbild, das eher einem künstlichen Wesen gleicht als einem Menschen. Eine halbe Maschine. Rund ein Dutzend Kabel hängen von meinem Kopf, am Arm schimmert die Blutdruckmanschette, der linke Zeigefinger steckt in einem rot blinkenden Gumminoppen, der wer weiß was misst. Ich versuche zu zwinkern. Dieser Kerl da hat sich lange nicht mehr rasiert, jetzt erst fällt es mir auf. In der verschwommenen Scheibe sind nur seine Augen hell geblieben.

«Passt!», sagt Christoph, von uns nur Doktor Schwung genannt, und drückt das neue Metallblatt gegen mein Schlüsselbein.

Im runden, siloartigen Zentrifugenraum, der das Zentrum unserer Raumstation bildet, erwartet mich Doktor Schwungs Assistent und erklärt mir erneut das Prozedere, das wir beide auswendig kennen. Aber Protokoll ist Protokoll. Alles für die Ethik-Kommission, den Gesetzen und Geldgebern halber. Ich steige in den Sicherheitsgurt und werde horizontal auf den fünf Meter langen Zentrifugenarm geschnallt. Über meinem Gesicht schwebt die Kamera, die mich ständig im Blick haben wird, falls ich das Bewusstsein verliere; dahinter die dicken Metallstreben und die Kabelläufe, die kalt atmenden Röhren und Glieder dieser monströsen Gestalt, die mich nun in ihrer Gewalt hat.

Der Assistent klopft mir auf die Schulter und verlässt den Raum.

Ich will mich an seinen Namen erinnern und schaffe es nicht.

Neben meinem Ohr knistert der Lautsprecher.

«Gut, es geht los. Zehn, neun …»

Ich schaue direkt in die Kamera und hebe den Daumen.

«Sechs, fünf …»

An einem der Rohre klebt ein schwarzes Rechteck. Es ist der Punkt, den meine Augen fixieren, bis ich die maximale Geschwindigkeit erreicht habe.

«Zwei, eins …»

Okay, flüstere ich.

«Und Schwung!»

Alles verschwimmt. Ich fixiere das Rechteck über meinem Auge, während sich die Decke in zwei Richtungen zu drehen beginnt und dem Boden entgegenschwebt. Die Zentrifuge beschleunigt, und das Gehirn, dieses einzigartige Rechennetzwerk aus Milliarden elektrischer Blitze, versagt. Der Organismus verliert die Taktung, die ihn sein irdisches Zweifüßlerdasein bislang lehrte. Während die Streben um den schwarzen Punkt stabil bleiben, wird die restliche Welt so sehr in den Sog getrieben, dass sich alles in entgegengesetzter Richtung bewegt. Der Gleichgewichtssinn kollabiert, Übelkeit tanzt über meine Zunge, das Herz rast. Und doch ist es jedes Mal das Gleiche. Genau eine Sekunde, bevor ich in Ohnmacht fallen würde, bleibt das Bild im Auge stehen. Mit einem Mal ist alles überwunden. Während nur noch der äußere Rand des Auges rotiert, steht die Mitte vollkommen still. Und fühlt sich, seltsamerweise, warm und vertraut an.

Mit vierfacher Gravitationskraft surre ich federleicht durch den Raum.

Über die Gegensprechanlage höre ich Christophs Stimme.

«Okay», sage ich, diesmal zu laut.

Er schaltet die Musik an und dreht voll auf.

My first, may last, my everything

and the answer to all my dreams

you are my sun, my moon, my guiding star

my kind of wonderful, that’s what you are.

Eine halbe Stunde lang drehe ich mich unter der wirbelnden Decke.

Letztendlich ist die Fahrt immer zu kurz. Der Höhepunkt kommt zum Schluss. Die Zentrifuge verlangsamt, erneut wandert das Auge durch ineinanderfallende Bilder, die geräuschlos in meine Brust sinken. Bei geschlossenen Augen spüre ich in meinen Körper hinein, in diese endlos weite Sinneswelt, die sich wieder zusammensetzen muss, um ein Teil von mir zu werden. Als schwebte ich auf einer Luftmatratze hinauf in ein mir entgegenstürzendes, nachtschwarzes Weltall. Irgendwo dort draußen, weit hinter Schwindel und Angst, verspüre ich eine altbekannte Freude, eine Beheimatung, die womöglich die Vertrautheit mit dem noch unbekannten Kosmos ist.

And up in heaven, that’s where you are.

Barry White verstummt.

Diese Eingewöhnungsfahrten, gerade dieses Ende: Sie sind eine grandiose Vorbereitung für den leeren Raum, der uns allen bevorsteht.

«Und nun?», frage ich, als Doktor Schwung neben mir steht und mich abzuschnallen beginnt.

Er grinst.

«Und nun, zur Belohnung, darfst du endlich das Duschen üben.»

 

Ich lasse mir Zeit. Die Halle, der das Zentrifugensilo wie eine Gebärmutter eingepflanzt ist, strahlt voller warmem, indirektem Tageslicht; ein Luxus gegenüber den blassen und kalten Lichtröhren, die sonst auf uns herabstrahlen. Gemächlichen Schrittes gehe ich den Flur hinunter, durch die zischenden Schleusen, welche die Untersuchungsräume vom Wohntrakt trennen, vorbei am Büro der Studienleitung, dem Wiegeraum und den Zimmern der Kollegen E und B.

Auf meinem Schreibtisch warten der nächste kognitive Test und ein psychologischer Fragebogen. Funktioniere ich noch wie gewohnt? Hat sich meine geistige Leistungskraft, meine Konzentration verschlechtert? Geht es mir gut? Blicke ich optimistisch auf die kommenden Monate? Leide ich unter gesteigerter oder verminderter Libido?

Ich schlürfe den Saft leer, der noch vom Mittagessen übrig geblieben ist und nicht übrig bleiben darf, und rufe Dhia an.

«Agent G! Was kann ich für dich tun?»

«Mister Dhia! Sag mal: Woran denkst du am meisten, wenn du auf der Zentrifuge bist?»

Er überlegt. Leise höre ich ihn in den Hörer atmen.

«Ich denke an meine Familie und das Meer.»

«Das Meer …»

«Aber nicht die Nordsee oder so was Kaltes, ein afrikanisches, ein Meer wie am Mittelmeer, wo man hineingeht, und es ist warm, und man ist so eingehüllt.»

«Nur noch 79 Tage, mein Freund. Der Mars hat zwar nur vertrocknete Seen und Flüsse, aber immerhin!»

«Ja, egal. In drei Monaten, wenn wir es bis dahin schaffen, freue ich mich sogar auf ein Meer aus Staub.»

Ich lege auf.

Normalerweise vermeide ich es, über die Gefahren des Wahnsinns, den wir hier unternehmen, länger nachzudenken. Aber jetzt, mit dem Strohhalm im Mundwinkel, lehne ich mich zurück und lasse all das Revue passieren, was mich bis in diese vier Wände gebracht hat, auf die envihab-Station des DLR, des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Köln.

Eine dreimonatige Bettruhestudie von NASA und ESA, um die notwendigen Erkenntnisse für künftige Mars-Missionen zu erhalten? Zwei Monate kontinuierlich und mit tiefgelagertem Kopf im Bett liegen, ohne auch nur ein einziges Mal aufstehen zu dürfen? Zwölf Wochen vollkommen von der Außenwelt isoliert sein, um mit elf anderen terrestrischen Astronauten das Überleben auf einem Raumschiff zu erproben? Zu erforschen, was mit Körper und Geist in der mehrmonatigen Schwerelosigkeit so alles geschieht?

Als ich zum ersten Mal von dieser Studie erfuhr, war ich begeistert und erschrocken zugleich. Ich meldete mich sofort an, wurde nach jedem Schritt des strengen Auswahlverfahrens zur nächsten Runde eingeladen und stand irgendwann, Monate nach den ersten Untersuchungen und psychologischen Tests, zum ersten Mal auf der Station, auf der ich mich jetzt befinde. Es war der Auftakt zur letzten Auswahlrunde. Zum ersten Mal fuhr ich auf der Zentrifuge und wurde mit dem Vierfachen der Erdanziehungskraft durch den Raum geschleudert, großäugig bewunderte ich die futuristische Architektur dieses weißen, künstlichen Kokons, traf einige der Wissenschaftler und warf im Wohntrakt einen Blick auf die Zimmer, von denen später eines mir gehören sollte. Da stand es also, mein zukünftiges Bett. Der Kosmos, der mir bald alles werden sollte – Heimat, fliegender Teppich, Folterkammer und Himmelsreich. Mein Ticket zum Mars. Erst hier bekam ich ein genaues Gefühl für dieses Raumschiff und die außergewöhnliche Reise, die uns allen bevorstand. Erst hier drinnen verstand ich, dass ich zum ersten Mal restlos überzeugt war.

Zwei Wochen später wanderte ich in den Bergen Spaniens, als mein Telefon klingelte. Als ich die Kölner Vorwahl sah, wusste ich sofort Bescheid. Wortlos hob ich ab. Man gratulierte. Ich war einer von nur zwölf Männern und Frauen, die man aus 1100 Bewerbern auserwählt hatte. Noch immer sagte ich nichts und blieb stumm, während um mich herum die Vögel im warmen Wind das Tal hinunterglitten. Am Horizont ruhte das Mittelmeer im Schoß der Erde, im Schoße meiner Erde, und der Frühling saß breit und dick in den Knospen. Alles platzte auf, grub sich hervor und verströmte jene Zuversicht, an der wir das Glück unserer Tage bemessen. Selbst die Steine dufteten im Glanz einer übermächtigen Sonne. Die Vorstellung, freiwillig meinen geliebten Planeten zu verlassen, schien für einen Augenblick vollkommen absurd. Obwohl ich keine Sekunde daran zweifelte, es durchzuziehen, stockte mir kurz der Atem. Ich sah hinunter auf das ewige Meeresblau und sagte: «Okay», während in meinem Kopf lediglich ein einziger Gedanke raste: Heilige Scheiße!

Das war es also. Drei Monate lang würde ich auf alles verzichten müssen, was mir bislang das Leben reich gemacht hat, auf den Aufenthalt auf Erden, das Meer, meinen Kampfsport, auf irdische Wanderschaft, Freunde und Familie, ja auf einen gesamten Planeten, auf Sonne, Licht und Wasser, das aus dem Himmel fällt. Sogar auf das Sitzen, Stehen oder Gehen! Aber es gab keinen anderen Weg. Dies war die einzige Möglichkeit, herauszufinden, wo sich meine kontinuierliche Reise, die mich über die gesamte Erde getragen hatte, noch fortsetzen ließe.

Wo geht es noch weiter?

Wo endet die zu bereisende Welt?

Wie weit kann ich gehen?

Oder genauer gefragt: Wie weit kann ich liegen?

 

Die Zeit des Wartens ist nun vorbei. Übermorgen wird man uns in Kopftieflage ins Bett schicken, und wir werden erst zwei Monate später wieder aufstehen, um jene 14-tägige Astronauten-Reha zu beginnen, die auch die Männer und Frauen aus dem All absolvieren müssen, nachdem sie wieder auf der Erde gelandet sind. Während der bevorstehenden Bettruhe ist der Kopf exakt sechs Grad tiefer gelagert als die Füße. Alles – Essen, Trinken, Toilettengänge, Waschen, Duschen, Lesen, Experimente, Zentrifuge – findet in dieser Position statt. Kein einziges Mal werden wir in dieser Zeit auch nur den Kopf oder die Schultern von der Matratze heben, um zurückzusehen in das Leben, das wir noch vor wenigen Tagen führten, zurück in alles, was uns ein Menschenleben lang bekannt und vertraut war.

Die körperlichen Gefahren der achtwöchigen Kopftieflage: Ödeme, anhaltender Schwindel, Übelkeit, Kopf- und Rückenschmerzen, das Anschwellen der Augen, Flüssigkeitsablagerungen im Sehnerv, Stauungspapille, Entzündungen im Kopfbereich, erheblicher Muskel- und Knochenabbau, Thrombose, Lungenembolie, arterieller Überdruck. Die psychischen: leichte bis schwere Depressionen, Resignation, das Gefühl der Einsamkeit oder die nackte Existenzangst. Also all das, mit dem sich die Astronauten im All auch herumschlagen müssen.

Im Vergleich zu den extraterrestrischen Astronauten fehlt uns jedoch vor allem das, was oberhalb der Erdkugel am meisten begeistert. Wir sehen keinen blauen Planeten im Fenster schweben, sehen noch nicht einmal einen Baum, einen Himmel oder die Sonne, deren Auf- und Untergang man auf der ISS einige Male am Tag erlebt, als befände man sich bereits in einem gänzlich anderen Universum. Kein Kontinent ist mehr sichtbar, und kein einziger Stern leuchtet über unseren Schlafkammern. Drei Monate lang verzichten wir auf jeglichen Blick in die einzige uns bekannte Welt.

Auf der vollkommen abgeschotteten Station gibt es nur künstliches Licht und kalte Luft aus der Klimaanlage, wir existieren in einem radikalen Drinnen, ohne Besuch aus der Außenwelt empfangen zu dürfen. Nicht wir bestimmen über unseren Tag, sondern die Wissenschaft. Wir müssen alles essen, was uns serviert wird, alles trinken, was in den Plastikflaschen daherkommt, niemals auch nur ein Gramm mehr oder weniger. Alles ist vorgegeben, sogar der Schlaf. Betreut werden wir von über hundert führenden Wissenschaftlern aus der ganzen Welt und einem 30-köpfigen Team, das vor Ort kocht, wäscht, unser Essen bringt, unsere vollen Pinkelflaschen abholt und zwei Monate lang unsere verlängerten Hände und Beine sein wird. Ein Budget von etlichen Millionen Euro hält 150 Experimente und über 600 Stunden Examinierungen für uns bereit, die uns bis an unsere Leistungsgrenzen bringen werden. Und oft darüber hinaus.

Für den Erfolg der Studie ist die strikte Kopftieflage unumgänglich. Es ist und bleibt die einzige Art, Schwerelosigkeit zu simulieren, während man sich noch im Gravitationsfeld der Erde befindet. Durch die monatelange Flüssigkeitsverschiebung Richtung Kopf und Torso befindet sich der Körper im gleichen Zustand wie auf einem Flug durchs All, wo sich, durch das Fehlen der Schwerkraft, das körpereigene Wasser, das Blut oder die Lymphe vermehrt in den oberen Extremitäten verteilen. Was also sind die genauen Veränderungen an Muskeln, Knochen und Venenwänden, an Seh- und Urteilsvermögen, an kognitiver Leistung und dem seelischen Wohlbefinden? Was sind die nachweisbaren Effekte der Langzeitschwerelosigkeit auf den Körper und die Psyche, und wie kann man den negativen Veränderungen entgegenwirken?

Noch ist die Erhaltung von überlebenswichtigen Körperkräften im All mit unglaublich viel Aufwand und Mühsal verbunden. Alexander Gerst verbrachte 2,5 Stunden seiner wertvollen Zeit auf der ISS nur mit Kraft- und Fitnessübungen. Zeit, die man gerne einsparen würde. Aus genau diesem Grund werden wir während der Bettruhephase jeden Tag auf die Zentrifuge geschnallt und durch den Raum geschleudert. Durch die Fliehkraft werden die Körperflüssigkeiten für eine halbe Stunde wieder mehrheitlich in die Beine gepumpt, also dahin, wo die Erde sie haben will. Finden die Wissenschaftler genau hier ihren heiligen Gral, das Wundermittel, um den körperfeindlichen Auswirkungen der Schwerelosigkeit entgegenzuwirken und somit die Reisen zum Mars endlich möglich zu machen, indem jedes zukünftige Raumschiff über eine Kurzarmzentrifuge verfügt?

Dies ist nur eine der tausend Fragen, für die wir minutiös Auskunft geben werden. Aus den Erkenntnissen all dieser Daten werden die privaten und staatlichen Weltraumorganisationen jene Formel ableiten, die den Menschen zu seiner neuen Grenze und finalen Frontier bringen wird, weit hinaus in den kalten und unbewohnten Weltenraum, sprich, in unsere zukünftige Heimat.

 

Seit Tagen sprechen wir von nichts anderem mehr. Damit während der Bettruhephase nicht alle neuen Abläufe völlig ungewohnt sind, hat man uns versprochen, schon einmal zur Probe in die Duschkabine gerollt zu werden, und zwar in jener Negativ-Lage, die bald unser schwereloses Zuhause sein wird.

Jeremy – einer der Pflegekräfte, die wir nur die «Blauen» nennen, da sie in blaue Kittel gekleidet sind – schiebt die Transportliege ins Zimmer und klatscht lachend in die Hände. Ich lege mich ins Bett. Er betätigt einige Hebel, bis die eingebaute Wasserwaage die richtige Neigung anzeigt. Der Kopf ist sechs Grad tiefer gelagert als die Füße. Ich liege kopfunter. Sofort rutsche ich mit dem Schädel gegen das Bettende und muss mich die Matratze hinaufstoßen. Das Blut schießt ins Gehirn und berauscht die Gedanken. Eine dumpfe Schwere fasst sich den Brustkorb, legt sich um den Hals und strömt in den Kopf. Ich habe zuvor nur einmal in dieser Position gelegen und vergessen, wie wesensfremd diese aussichtsarme Lage ist. Aber es geht schlichtweg nicht anders. Alles, was der Mensch im Weltraum tut und jemals tun wird, ist ungewohnt für einen Körper und einen Geist, die im Gravitationsfeld eines 6000000 000000000000000000 Kilo schweren Planeten beheimatet sind.

Die Übung beginnt. Ich ziehe mich aus, ohne Schulter oder Kopf vom Bett zu heben, werfe mir ein Handtuch über und rolle mich umständlich auf die ans Bett geparkte Transportliege. Auf dem Rücken dahintreibend, zähle ich die Deckenlichter des Flures. Schon jetzt, die Augen nur noch auf Decke, Putz und Lüftungsanlagen gerichtet und wie auf Wolken gleitend, komme ich mir außerirdisch vor.

Das Erste, was mir in der Duschkammer auffällt, sind die Waschschüsseln und die dazugehörigen Waschlappen, die hier gelagert werden. Essenzielle Menschheitsutensilien, ewig wie ein Kreis, ein Baum, beständig und andauernd wie das Universum selbst. So eine Waschschüssel und so einen Lappen hat es schon vor Jahrtausenden gegeben, seit Menschengedenken schrubbt man sich das nasse Teil durchs Gesicht und unter die Achseln. Wahrscheinlich waren Werkzeugherstellung und die Erfindung solcher Waschschüsseln jene entscheidenden Zutaten, die aus dem Affen einen Menschenaffen gemacht haben, und selbst auf dem Mars wird es auch noch solche Schüsseln geben und später, in einer nicht so fernen Zukunft, auf Enceladus und Pluto ebenfalls. Sie gehören zum Menschsein wie der Dreck unter den Fingernägeln, wie Gedanken an Gott und die Gnade, wie Luft, Liebestollheit oder Hornhaut. Anscheinend kommen wir ohne sie keinen Schritt voran.

Wie ein Seziertisch steht die blaue Duschpritsche in der Mitte des Raumes. Ich rolle mich hinüber. Mit ein paar geübten Handgriffen schlägt Jeremy die Seitenwände hoch und verriegelt sie, damit ich nicht von der Pritsche rutschen kann.

«Was zur Hölle ist das für ein Ding?», frage ich.

«Vor allen Dingen desinfizierbar. Ein riesiger Badelatschen, in dem du es dir herrschaftlich gemütlich machen kannst. Eine wunderschöne Zeit wünsche ich …»

Er verlässt den Raum und schiebt die Tür zu. Für einen Moment ist es totenstill. Sofort weiß ich, dass nicht das Zentrifugensilo, sondern diese Kammer das eigentliche Zentrum und Herzstück unseres Raumschiffes ist. Die gesamte Station ist weiß, kalt und steril. Hier aber sind die Wände mit anthrazitfarbenen Fliesen gekachelt, und aus der Deckenmitte strahlt nur ein einziges, röhrenartiges Licht. Nackt und verwirrt liege ich hier wie der erste in der Matrix geborene Mensch. Der Lichtstrahl gleicht einer künstlichen Intelligenz, die den Raum scannt. Direkt neben meinem Ohr entdecke ich den Abfluss. Ich greife an die Wand, an der sich die Armaturen und der Duschstrahler befinden. Alles, was ich hinunter zu Beinen und Füßen spritze, kommt sofort zurückgelaufen. Das Wasser läuft mir in die Ohren. Nachdem ich mich umständlich in Seitenlage eingeseift habe (ich denke eher an das Wort angeseift), rutsche ich auf der schiefen Hartnoppen-Pritsche herum wie auf einer Schicht Eis. Der Körper schmiert auf dem Seifenwasser an das Kopfende, wo mich sofort, in hilfloser Embryonalhaltung zusammengefaltet, die Angst überkommt, die Halterung bräche ab und ich flöge mit großem Knall von der Pritsche. Zwischen meinen Flüchen gerät immer wieder neues Wasser in die verdammten Ohren. Ich stoße mich nach oben und krache mit ordentlichem Wumms wieder an das Kopfende zurück. Ich halte inne und schaue an mir hinab. Ein Nacktmull, denke ich, nein, ein elender Nacktmull. Ich bin nichts weiter als eine wehrlose, glitschige, fleischfarbene Masse, die nicht aufstehen kann und in einem Riesenbadelatschen herumschlittert. Ein albernes, nacktes Wesen, dessen weißnasse Glitschigkeit in einem geisterhaften Licht schimmert, fluchend und hilflos in dem Larvenstadium, das ich anscheinend erst einmal durchleben muss, um in ungefähr einhunderttausend Jahren ein Mensch zu werden, ein fabulöser Primat, der endlich nachdenken kann über Whiskyfässerbeschriftungen, steakfreie Steaks und den trommelwirbelnden Tod.

Ja, denke ich, so habe ich es gewollt.

So sieht es also aus, das Abenteuer einer Reise zum Mars!

Nachdem der Großteil der Seife abgewaschen und in meine Ohren abgelaufen ist, trockne ich mich halbwegs ab und drücke die Klingel, die an der Pritsche baumelt. Meine Oma besitzt auch so eine Klingel, nur ihr baumelt sie um den Hals. Wenn sie klingelt, kommt der Notarzt. Bei mir ist es Jeremy, der grinsend die Tür aufschiebt.

«Was für eine Scheiße!», rufe ich ihm zu und rolle mich auf die Transportliege. Hier beende ich die Übung, indem ich das tue, was in zwei Tagen nicht mehr möglich sein wird: mich aufsetzen. Als ich an Kayas Zimmer vorbeilaufe und ihr erzähle, wo ich gerade herkomme, sagt Probandin D: «Ach, das Duschen ist mir egal. Ich frage mich, warum wir nicht diese blöde Bettpfanne proben? Immerhin kann da viel mehr schiefgehen.»

Ich murmle irgendetwas, das sich wie Bettpfanne anhört, und winke ab. Über dieses Thema will ich nicht nachdenken, bis ich nicht irgendwann die silberpolierte Schüssel unterm Arsch klemmen habe – und an dem Pott buchstäblich nicht mehr vorbeikomme.

«Es ist einfach absurd», ergänzt Kaya und schüttelt den Kopf. Ich weiß nicht, ob sie das Nichtüben des Bettpfannenganges im Besonderen meint, die Wirklichkeit einer Bettpfanne im Allgemeinen oder schlichtweg die menschliche Existenz, die stets um das Banale und das Überherrliche zugleich kreist.

Körper und Geist, Materie und Bewusstsein, Tier und Gottheit. Die Erkundung des extraterrestrischen Kosmos beweist es so deutlich wie keine andere Reise. Angetrieben von sehnsüchtigen Fragen nach der Genese des Lebens und dem Wesen einer einfach so vorhandenen Welt, aufgewühlt durch die Poetik der Unendlichkeit und besessen von Fernweh machen wir uns auf zu den Sternen und darüber hinaus. Ein ganzes Gehirn voller Licht. Ein Bewusstsein, möglicherweise größer als die zu bestaunende Welt. Und gleichzeitig sind die Dringlichkeiten, die jeden Marsreisenden begleiten: Klappt das mit dem Kacken? Wie soll ich mich waschen? Wo kann ich unbeobachtet wichsen? Wann gibt’s was zu essen? Platzt mein Gehirn? Stinke ich? Gibt es Stinklosigkeit? Liebt mich jemand? Warum muss ich so oft pinkeln? Und vor allem: Bin ich mehr als ein Nacktmull, mehr als all diese Bedürfnisse?

 

Im Zimmer sitze ich über den Fragebögen, bis Wolfgang mich abholen kommt. In einem der großen Untersuchungsräume stülpt er mir eine Virtual-Reality-Brille über den Kopf. Als ich die Augen öffne, schwimme ich allein im weiten, undurchdringlichen Weltall. Um meine Koordination hier draußen zu testen, muss ich blaue Kugeln aus Holzkisten sammeln, die immer wieder an anderer Stelle erscheinen. Im Anschluss an dieses spielerische Experiment folgen logisch-kognitive Aufgaben, eine langwierige Augenuntersuchung und das Absolvieren des Laufbands unter der üblichen Vollverkabelung. Ich kann nicht sagen, ob ich zehn Minuten renne oder dreißig. Ich renne einfach, so lange es dauert. Als das Band schließlich angehalten wird, stehe ich inmitten zweier Pfützen – erkaltete Zeugnisse meines Körperhaushaltes. Wolfgang hat seine Brille auf die Stirn gezogen und stiert mit zusammengekniffenen Augen auf den Bildschirm mit all seinen bunten Linien, Diagrammen und Zahlen. Warum trägt er eine Brille, denke ich, wenn er sie abnehmen muss, um besser sehen zu können, und dann doch nichts sieht?

Er stöhnt, klatscht in die Hände und sagt: «Super, wir sind fertig, jetzt nur noch aufwischen, und wir sind durch mit dem Tag, Kollege. Spannend, ich habe es mir mal dazu notiert, niemand hat hier je so viel geschwitzt wie du.»

 

Zurück im Wohntrakt der Station, der die Zimmer der Crew, den Gemeinschafts- und Speiseraum, eine laborartige Küche sowie die Büros und Arbeitsräume der Blauen beinhaltet, ist unser Esstisch zum ersten Mal voll besetzt. Mit den Neuankömmlingen Angela und Damian ist unsere Crew endlich komplett. Ihre wissenschaftlichen Namen sind Subjekt M und Subjekt P, unsere Kollegen elf und zwölf. Echte Vornamen gibt es nur noch im inneren Kreis, zwischen uns, dem Team und jenen Wissenschaftlern, denen wir persönlich begegnen. Für die Aufzeichnungen, Festplatten und Wertetabellen hingegen existieren wir nur als Buchstaben, ein fleischliches Alphabet mit vermessbaren Organen, ionisierbaren Knochen und durchleuchteten Gehirnen. Millionen von Daten, eingeordnet von A bis Z.

Ich bin Proband G.

G wie Geduld, sage ich mir mantrisch, seit ich hier drinnen bin, G wie Gänsehaut, wie Gaspedal, G wie Gar-nicht-so-schlecht-hier.

In den Schüsseln, die aus der Küche gebracht werden, schwimmt Rindsgulasch mit Spätzle. Angela schiebt ihre Portion zur Seite. Das Essen kann warten. Sie ist erst seit einer Stunde hier, und noch bevor sie ihren Koffer auspackt und sich in ihrem Zimmer einrichtet, hat sie schon den Drucker der Blauen genutzt, um sich Fotos ihrer Katze ausdrucken zu lassen.

Sie steht an der Stirnseite des Esstisches und ist bereit.

Zunächst zeigt sie uns das von Gott geschaffene und von ihr zurechtgemachte Wesen von oben. Angela behauptet, die Katze wiege lediglich vier Kilo. Jeder von uns sieht, dass dieses enorme Tier locker das Doppelte auf die Waage bringt, auf der Angela es anscheinend noch nie hat Platz nehmen lassen. Das breite Gestrüpp sieht aus wie eine sanddornfarbene Riesenraupe. Auf dem zweiten Foto sieht man ihr Gesicht, ihr sichtlich erstauntes, aufgedunsenes Katzengesicht, trotz aller interessenlosen Katzigkeit doch professionell dem Betrachter zugewandt, als sei die Aufnahme in einem Fotostudio entstanden.

Damian hingegen, den unverrückbaren Unterschied in der Natur der Geschlechter an Ort und Stelle demonstrierend, präsentiert seine Gadgets. Eine Kamera, eine zweite Kamera, eine Go-Pro, eine hochfunktionale Uhr. Der dreiundvierzigjährige Veranstaltungstechniker und Barkeeper ist für jeden wachen Moment gewappnet, was vor allem sein Zimmer beweist. Auf dem Schreibtisch steht eine Geburtstagstorte aus Lego-Bausteinen, auf der sich alle zweistelligen Zahlen anbringen lassen. Sein Vorhaben: Er produziert tagtäglich ein Stop-and-go-Movie. Den ersten Tag hat er schon. Während Angela am Drucker war, schoss Damian die ersten Aufnahmen. Stolz zeigt er mir die Bauklötze, die wie von Geisterhand orchestriert auf den Legokuchen zu rücken, dabei Freude empfinden oder nicht und schließlich eine tennisballgelbe Zahl bilden: Eins.

«Jeden Morgen markiere ich hier einen neuen Tag, so lange, bis wir hier raus sind.»

«Eine gute Idee», antworte ich, «die Tage raufzuzählen anstatt runter. Dann weiß man immer, wie viel man schon geschafft hat.»

«Ja, aber schau hier.»

Er holt eine flache Digitaluhr hervor, die aussieht wie ein Wecker, ein Countdown-Wecker. Er stellt sie ein, platziert sie direkt neben der Torte und lehnt sich zufrieden in seinem Stuhl zurück.

Ich lese: 89 Tage. 11 Stunden. 37 Minuten. Und 20 Sekunden. Und 19 Sekunden. Und 18 Sekunden. 17.

Damian schaut auf eines seiner beiden Handys und sagt mit dieser reinen, kindlichen Freude, die ihn hoffentlich nach 89 Tagen noch immer umschweben wird: «Das sind, Stand jetzt, 7602300 Sekunden bis zu unserer Ankunft.»

«Ja», antworte ich und klopfe ihm auf die Schulter. Fast acht Millionen Sekunden für ein Menschenkind, dessen Gehirn mit all seinen hundert Milliarden Neuronenbahnen ein 13,8 Milliarden altes Universum durchgleitet, als sei es nichts weiter als ein flackernder Geist. Nichts kommt zu seinem Ende, weil in kosmischen Einheiten nie etwas begann. Ein Kosmos, der mit über zwei Trilliarden Galaxien in einem sich selbst voraussetzenden Raum schwimmt und schwelt, in einem in die buchstäbliche Unendlichkeit aufgefalteten Multiversum, in dem alles auf immer entsteht und vergeht, ohne sich grundsätzlich zu verändern. Und wir? Ein paar Millionen Sekunden, 56 Millionen Kilometer weit bis zum Mars, nichts weiter. Auf die eine oder andere Art muss jeder von uns einen Weg finden, mit dieser Zeit und diesen Zahlen, die schon lange aufgehört haben, irgendetwas zu bedeuten, zurechtzukommen.

 

In meinem Notizbuch vermerke ich mir den Beginn des Abendessens als Zeitpunkt der Ankunft der beiden neuen, mit denen unsere Crew nun vollständig ist. Acht Männer und vier Frauen, nunmehr terrestrische Astronauten genannt, stolze Weltraumpioniere, die nie die Erde verlassen und doch entscheidend dazu beitragen werden, der Menschheit einen neuen Weg zu den Sternen zu ebnen. Es gilt, ein uraltes Versprechen einzulösen, indem wir uns eine zweite Heimat auf dem roten Nachbarplaneten schaffen. Denn, in den Worten von Elon Musk: Will der Mensch langfristig überleben und die Einzigartigkeit von Bewusstsein erhalten, muss er eine multiplanetare Spezies werden; er muss, so möchte man hinzufügen, seine ewige Reise ins Ungewisse um eine neue Dimension erweitern. Wir Menschen sind Wanderer, Sehnsüchtige und Möglichmacher. Um unserer eigenen Geschichte treu zu bleiben, benötigen wir stets eine waghalsige Gegenwart, die uns die Pforten zu einer besseren Zukunft aufstößt.

Für diesen nächsten und größten Schritt in der Menschheitsgeschichte sitzen wir nun hier, verkabelt, zentrifugiert, nach fast zwei Wochen bis ins letzte Mark durchmessen und durchleuchtet, bilanziert und abgewogen, eine bunte Fraktion von Träumern, Abenteurern und schrägen Vögeln. Jeder von uns ist hier für die Selbsterfahrung, für den Dienst an der Wissenschaft und für eine überzeugende finanzielle Entlohnung. Keinem aber geht es vorrangig um das Geld, das nach drei Monaten auf unsere Konten niederrieseln wird wie Sterntaler. Nein, allen geht es um persönliche Träume, die wir mit diesen Groschen in die Wirklichkeit ummünzen werden.

Christoph, Subjekt B, den wir alle nur noch Chris nennen, will das Geld in ein Segelboot investieren, um Ende des Jahres eine Weltreise über die Ozeane anzutreten. Mareike, gelernte Physiotherapeutin, möchte ihrem Beruf den schmerzenden Rücken kehren und eine voraussichtlich wenig rentable Praxis für Hundeosteopathie eröffnen. Thomas ist Jesuit. Am eigenen, leidensfähigen Leib will er nachempfinden, was sein Ignatius von Loyola vor rund 400 Jahren hat aushalten müssen. Der eigentliche Weg zu seinem Herrn öffnete sich dem frommen Mönch erst, als ihm eine Kanonenkugel das Bein zertrümmerte. Monatelang siechte er im Bett dahin und war so regungslos, dass sogar Gott ihn hat aufspüren können. Ohne sich ebenfalls die endlos unter der Haut zerstückelten Knochen zumuten zu wollen, plant Thomas nun zumindest ein ähnlich bettlägerisches Gottfindungsmanöver.

Daniela, Frau H, will sich ihren Bus ausbauen und gen Orient fahren, Angela den Winter in Mexiko verbringen, um in der Höhle von Cozumel zu tauchen, und Reinhard will noch einmal wagen, was er bislang nicht verwirklichen konnte: das Fliegen. Er diente beim Bund, bei der Luftwaffe sogar, ohne jedoch selbst Pilot zu werden und jene Flieger zu besteigen, die er so sehr bewunderte. Der 54-Jährige fuhr vor einem halben Jahr von Kiel nach Wolfsburg, um sein neues Auto direkt vom Werk abzuholen. Es sollte der letzte Neuwagen in seinem Leben sein, sagte er sich, und als er das VW-Werk verließ und das Radio anstellte, hörte er einen Bericht über die Bettliegestudie im Radio. In diesem Moment wurde ihm bewusst, dass sich vielleicht doch noch alles fügen würde. Mindestalter 24. Höchstalter 55. Da war sie, die Chance, die allerletzte: doch noch abzuheben in die Lüfte, in das Jenseits von Wolke und Himmel, doch noch Teil eines einzigartigen Abenteuers zu werden.

Des Weiteren gibt es noch Salomon, den Theaterintendanten, der neue Ideen sammeln und Ordnung in seine Gedanken bringen will, Dhia, der in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik studiert, Kaya, die schlesische Matrosin, und Felix, der bayrische Landwirtschaftsstudent, der auf einen eigenen Gutshof spart. Und natürlich Damian, von dem ich noch nicht weiß, ob «dreimal am Tag bekocht zu werden» die einzige Motivation ist, die ihn auf unser Raumschiff getrieben hat.

Das ist sie, die erste Crew, die aufbricht, um die Menschheit auf dem Mars zu repräsentieren.

 

Auf den Tagesplan ist Verlass. Er ist so rigoros getaktet, dass es Immanuel Kant eine einkalkulierte Freude gewesen wäre. Kurz bevor der Rollladen um Punkt 22 Uhr 45 automatisch heruntersurrt und die Schlafenszeit einläutet, stehe ich hellwach vor meinem Fenster. Vor mir liegen das Innere der Station und die weiße, runde Wand der Zentrifugenkammer. Niemand ist mehr zu sehen. An den Decken glimmen die zarten Lichter der LEDs und schweigen. Direkt vor dem Fenster liegt ein Steingarten, der entweder willentlich oder zufällig an einen Zen-Garten erinnert. Zu beiden Seiten von riesigen Glaswänden gehalten, sind hier Unmengen handgroßer Kiesel penibel ausgestreut worden. In diesem grauen Kugelmeer schwimmen riesige, nebelfarbene Steinbrocken, geschliffene Rücken von friedlich schlafenden Tieren, betupft nur von weichen Moosinseln, auf die das elektrische Licht hinabrieselt, grün gefiltert durch das dickwandige Glas. Ein Aquarium. Während der Rest der Station döst, scheint es, als greife nur noch dieser Garten nach Existenz und Selbstbehauptung; als wolle er sich, gleichzeitig zu den in den Schlaf hinabsinkenden Menschen, zu seiner wahren Größe errichten.

Ich schaue nach oben, diesen Spalt hinauf, wo die Station über dem blumenlosen Garten nicht geschlossen ist. Toasterschlitz, wie Dhia diese architektonische Finesse nannte. Ich gehe in die Hocke und drücke mein Gesicht ans Glas. Ich suche, aber es ist kein Nachthimmel zu finden, kein Stern, kein kosmisches Glimmen. Auch wenn wir schon Zehntausende Kilometer von der Erde entfernt sind, erinnere ich mich doch daran, dass sich hier, nur ein paar Meter über meinen Augen und Ohren, ein warmer Frühlingshimmel in die Nacht streckt und diese Mauern wärmt, dass sie real ist, die müde Vorstadtrealität von Köln-Wahn.

Meine Wohnung ist nur eine halbe Stunde S-Bahn-Fahrt entfernt. Wenn ich wollte, wäre ich um Mitternacht in Nippes und an meinem Kiosk, um Ufuk ein paar Münzen in die Hand zu drücken für ein kaltes Bier. Ich müsste einfach vorne Bescheid geben und ankündigen: Hey, ich gehe nach Hause, Schluss mit dem Mars, sorry. Und man würde mich mit entsetzten Augen anstarren und fragen: Warum, so viel Geld und Mühe umsonst, aber ich wäre nicht verpflichtet, überhaupt Antwort zu geben, und dann durch die beiden Schleusen und weg.

Aber auch, wenn dies die Wirklichkeit da draußen sein mag: In meinem Kopf habe ich die Erde schon seit elf Tagen verlassen und steuere mit diesem 5000 Quadratmeter großen Raumschiff auf den roten Planeten zu, ohne dass Umkehren eine Option wäre. Mein Mars! Wie oft schon habe ich diesen schimmernden Punkt am sehnsüchtigen Nachthimmel verfolgt, um ihn mit der Leichtigkeit beider Augen an mich zu reißen. Jetzt bin ich endlich auf dem Weg dorthin. Köln, meine Wohnung, die Erde, ein Kioskbier: All dies ist bereits uneinholbare Weltenlängen entfernt und kann warten, von mir aus auch lange warten für immer. Ich weiß, hier bin ich angekommen. Das, was vier Meter über meinem Kopf beginnt und seine eisigen Winde an die Außenwand der Station schlägt, ist nur noch das All, eine schwarze Wüste voller unendlicher Wunder und Versprechen.

Meine Wüste, meine Wunder, mein Versprechen.

Mein Zuhause.

 

Als es klopft, nehme ich mein Gesicht von der Scheibe. Jeremy hat sich schnell zu meinem Lieblingspfleger entwickelt, ein leichter, kindlicher Geist, die Lockentolle in die Stirn wippend, aufmerksam und entspannt zugleich, kommt stets und will Geschichten hören, Geschichten erzählen und würde, wie er behauptet, auch privat kommen, um mit uns die Abende am Pokertisch zu verbringen.

«Der Herr, du weißt …»

Mit dem Zeigefinger pocht er an sein Handgelenk, wo eine Uhr sein soll, aber keine ist. «Brauchst du noch irgendwas?»

Ich schüttele den Kopf und winke ihm Gute Nacht. Bübchengrinsend schiebt er die schwere Tür hinter sich zu und ist verschwunden.

Punkt elf Uhr geht das Licht aus. Ich liege im Bett und zähle, als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, die blinkenden Lichtquellen des Zimmers. Das geduldige Summen der Klimaanlage schwebt durch den Raum. Je näher ich dem Schlaf komme, desto intensiver kann ich es hören. In der Stille spaltet sich der Ton auf und findet immer wieder zusammen. Übrig bleibt ein kristallklares Klirren, als stießen zwei Gläser aneinander. Wenn das Universum ein Geräusch zu machen imstande ist, dann ist es dieses.

12. Tag auf Station

Noch 51.147.408 Kilometer bis zum MarsNoch 2 Tage bis zur Bettruhe

Die Dunkelheit öffnet sich, so breit wie ein Türspalt.

Amir betritt das Zimmer, vorsichtig, im Zehenspitzengang Geräusche einsparend, und drückt mir das Thermometer in die Hand. Mit zarten Griffen bindet er mir, den er nicht wecken will, obwohl das seine Aufgabe ist, die Blutdruckmanschette um den Oberarm. Es ist 6 Uhr 30. Jeden Tag werden wir um dieselbe Uhrzeit und auf dieselbe Weise aus unseren Träumen zurück auf unser Raumschiff geholt. Nachdem die Resultate der Temperatur- und Pulsmessung notiert sind, wird uns die erste von unzähligen Urinflaschen in die Hand gedrückt, dickwandige Plastikmonster, die wir mit auf die Toilette nehmen und nach vollendeter Befüllung brav wieder abgeben, bilirubinfarben und warm. (Eine der Weisheiten unter Astronauten lautet seit jeher: Looking at stars, pissing in jars.)

Wir schlurfen in den Wiegeraum, der sich am Eingang des Wohntrakts direkt neben dem Team-Büro befindet. Eine gelbe Kammer mit Bodenwaage und einem einfachen Stuhl. Jeden Morgen tragen wir dieselben Klamotten, um das exakte Nettogewicht messen zu können. Bis gestern war Dhia noch der Exot, da er sich im Gegensatz zu uns anderen, die sich in irgendeinem unspektakulären T-Shirt und kurzer Hose dem täglichen Abwiegen stellen, im knalligen Fußballtrikot seines tunesischen Heimatvereins einwiegt wie ein Champion. Heute aber paradiert Damian zum ersten Mal den Flur hinunter, gekleidet wie jemand, den das Universum zur genau richtigen Zeit an den falschen Ort geschickt hat. Pfauengleich gleitet er, in rosaroter Boxershorts und knallbuntem Hawaiihemd, zu seiner Einwaage, als könne er sich nicht entscheiden zwischen Miami Beach und Playa d’en Bossa. Sein Gesicht trägt ein äquatorbreites Grinsen.

Wow, schallt es aus etlichen Mündern gleichzeitig.

Reinhard, Subjekt C, schießt ein Foto.

«Besser geht es nicht», kommentiere ich und meine es ernst. Bereits jetzt ist mir klar, dass wir alle verdammt froh sein können, solch ein Original unter uns zu haben. Kerle wie Damian sind genau jene leicht verrückten Wildcard-Typen, deren überraschungsgeladenes Wesen wir bald, in der Isolation und der absurden Monotonie der immer gleichen Tage, sehr zu schätzen wissen werden.

 

In der Küche tragen die Köche wolkengleiche Netze auf den Haaren. Die Küche ist gleichzeitig eine Küche und ein Labor. Durch ein Fenster können wir der Arbeit des Druiden-Teams zusehen und das konzentrierte Handwerken mit Messlatten, Pipetten und fein kalibrierten Waagen beobachten. Kein Keim befindet sich auf den glatten Oberflächen, den chromen Armaturen. Jedes Gramm Nahrung ist tabelliert, jedes Reiskorn folgt einem großangelegten Speiseplan, an dem man ein Jahr lang gearbeitet hat. Das Essen an Bord ist gesund und ausgewogen, es hat alles, was ein gesunder Körper braucht, um weiterzumachen bis in den Tod; es wird uns an nichts mangeln. Ich bin mir sicher, dass sich niemand von uns jemals so gut ernährt hat: 90 Tage lang keinen einzigen Tropfen Alkohol, keinen Kaffee, keine Schokolade, kaum Fett, Salz oder Zucker. Es ist eine Kur, wie sie der Körper in der freien Wildbahn niemals erleben wird. Die wichtigste Zutat aber, die zu keiner Mahlzeit fehlen darf, ist der berüchtigte Teigschaber.

Bei der ersten Infoveranstaltung zur Studie saß neben mir ein wissbegieriger Kerl, der sich fast jedes von den Projektleitern gesprochene Wort in einen riesigen, gelben Papierblock eintrug. Detailversessen bis ins Mark wollte er unter anderem jede Einzelheit zu der Matratze wissen. «Die Matratze wird ja unser bester Freund werden …», begann er jeden Satz seiner glaubensbruderartigen Bestoffungserkundigungen. Es waren die einzigen Worte, die ich mir an diesem Tag notierte.

Nun, ein halbes Jahr später, weiß ich, dass nicht die Matratze, sondern der Schaber unser bester Freund ist. Mit diesem unausweichlichen Instrument verrichten wir unser tägliches Schabwerk wie ein Gebet, das am Ende jeder Nahrungsaufnahme gesprochen wird. Da jede Portion aufs Gramm genau abgewogen ist, darf in den stets schaberfreundlichen Schüsseln keine Spur Aufkratzbares zurückbleiben. Kein Tropfen, Kleks oder Krümel. Es ist ein phantastisches Bild, wie wir, zwölf Apostel von Ballaststoff und Aminosäure, am Ende jeder Mahlzeit zuerst unsere Zungen in die Schüsseln strecken, um die Ränder abzuschlecken, und schließlich mit den Schabern die letzten Tropfen Bratensoße, die letzte Schicht Quark aus den tiefen Rundungen kratzen. Es sind Szenen einer Anstalt. Ein Außenstehender könnte glauben, es sei uns kein festes Besteck zuzutrauen.

 

Reinhard fragt Angela, ob sie nicht auch das Gefühl habe, dass der Aufbau der Wohnstation an den Film Alien erinnere? «Der schleusenartige Eingang, dann der Bereich des Teams, unsere beiden Flure, die hier im Aufenthaltsraum zusammenlaufen. Für mich ist das wie bei Alien.»

«Ich kenne nur Harry Potter», antwortet Angela trocken, bevor sie sich wieder dem glückseligen Schaben widmet. Den letzten Schlatz der Schaberspitze verteilt sie auf ihrem Zeigefinger. Dann leckt sie ihn ab.

Ich habe gestern noch über ihre raupenhaarige Katze nachgedacht und etliche Fragen. Bestimmt hat Angela jemanden aus ihrem Freundeskreis beauftragt, der sich in ihrer Abwesenheit um die Katze kümmert und ihr Fotos von Angela zeigt.

Fotos von Angela in ihrem T-Shirt, auf dem steht: Houston, I have too many problems.

Fotos von Angela über ihrer Schüssel voll Joghurt und Beeren.

Fotos von Angela mit der Schlafhaube auf dem Kopf.

Fotos von Angela mit dem Schaber, dem EKG-Gerät, vor dem marsianisch schimmernden Fenster, Angela auf dem Wiegestuhl, Angela kurz nach dem Gewecktwerden mit schlafnassen Augen.

«Genießt das Essen im Sitzen», ruft Tatjana aus der Küche und grinst. «Wenn ihr liegt und euch all das Blut in den Kopf läuft, werdet ihr selbst aussehen wie Hefeklöße.»

 

Der Tagesplan offenbart ein überschaubares Programm. Docking und Muskelbiopsie. Bernd und seine Assistentin Alice holen mich ab. Durch die Schleusen verlassen wir den Wohntrakt, umrunden die Zentrifuge und betreten einen der unzähligen Untersuchungsräume. Ich lege mich auf die Pritsche und greife die beiden Steuerhebel, die auf dem Gestell über mir angebracht sind. Der Monitor springt an. Auf dem Rücken liegend, starre ich auf die Andockstelle der Internationalen Raumstation. Mein Training ist dasselbe, das alle Astronauten absolvierten, die jemals in den Orbit der Erde geflogen sind: Auf sechs Freiheitsgraden (sechs Achsenrichtungen und sechs Drehrichtungen um jede dieser Achsen) muss ich lernen, eine Sonde passgenau an die ISS anzudocken.

Das 6df-Docking ist nicht nur das spannendste und aufregendste aller Experimente, das uns darauf vorbereitet, gegen Ende der Studie mit dem original TORU-Andockprogramm der Sojus-Sonden zu fliegen, sondern auch stets eine lehrreiche Sitzung mit der guten Seele unserer Mission. Bernd ist Ur-Berliner. Er trägt das Herz auf der Zunge und eine warme Kaltschnäuzigkeit in seinem Gesicht, das so rund und zufrieden ist wie er selbst. Hinter seiner Brille stecken begeisterte, kindlich-wache Augen, auch wenn der 65-Jährige schon auf seine Pensionierung zuschreitet. Ist «knuffig» ein passendes Wort für einen so intelligenten und erfahrenen Mann, für einen gestandenen Weltraumpsychologen? Sollte ich ihn mal knuffig nennen und sehen, was passiert?

Bernd hat sein gesamtes Leben in den Epizentren der Raumfahrtgeschichte verbracht. Er entwickelte Docking-Systeme, psycho-physiologische Stresstests und begleitete unter anderem die berühmte Mars-500-Studie der Russen mit seiner Expertise. Damals verbrachten sechs Personen 520 Tage zusammen in Isolation, um das Leben auf dem Mars zu simulieren. Um das, was er erforscht, auch am eigenen Leib zu erfahren, nahm er nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Proband an monatelangen Isolationsstudien in Russland teil. So wurde er Besatzungsmitglied der zweiten SFINCSS-99-Studie, auf die noch eine dritte folgen sollte – mit katastrophalem Ergebnis.

Normalerweise rede ich mit Bernd über die Psychologie der Leere, das Buch Hiob oder die gute alte MIR-Raumstation. Auf meinem Schreibtisch stapeln sich bereits die Bücher, die er mir ausleiht. A Simulation of extended Isolation: Advances and Problems oder Körper, Mensch, Schwerelosigkeit, Weltraum.

Eigentlich hat er mir versprochen, heute mehr über Mars-500 und ähnliche Studien zu erzählen. Doch er muss weg. Er öffnet das Docking-Programm und verabschiedet sich, unter dem Vorwand einiger Dringlichkeiten, in sein Büro.

«Deine Flüge werden jeden Tag besser», lügt er, als er zurück ist, sich die Ergebnisse anschaut und mir mit seinen riesigen Händen auf die Schulter patscht. «Wenn du jetzt noch etwas langsamer auf die ISS zurasen würdest, könnte es sogar sein, dass du sie nicht vollständig in die Luft jagst.»

 

Zum Mittagessen gibt es Nudelsalat mit Feta, Gurken und Paprika. Der Sud wird minutenlang aus der Schüssel geschabt,