Alaskan Boss - Liebe hoch zwei - Samanthe Beck - E-Book

Alaskan Boss - Liebe hoch zwei E-Book

Samanthe Beck

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Beschreibung

Er darf sie nicht lieben! Doch sie gibt ihn nicht auf

Jeder in Captivity, Alaska, kennt jetzt Lilah Iquats Geheimnis: Sie ist schwanger. Alles, was es brauchte, war eine dumme Entscheidung mit bleibenden Konsequenzen. Umso dankbarer ist sie, dass sie auf die Unterstützung ihrer Freunde zählen kann. Besonders auf die Hilfe von Barbesitzer Ford Langley. Die Gefühle, die dabei zwischen den beiden hochkochen, gehörten eigentlich nicht zu Fords Plan, denn für ihn ist die viel jüngere Lilah tabu - selbst wenn es ihn umbringt. Aber mit einem Baby auf dem Weg und der ganzen Stadt, die involviert ist, müssen Ford und Lilah auf die harte Tour lernen, dass das Leben nie nach Plan verläuft ... besonders wenn es um die Liebe geht.

»Alaskan Boss - Liebe hoch zwei ist ein Juwel. Von spicy bis romantisch, Lilah und Ford sind eine andere Art von herzerwärmend ...« Isha Coleman

Finale der Alaska-Reihe von Bestseller-Autorin Samanthe Beck



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Seitenzahl: 599

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

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Epilog

Danksagung

Die Autorin

Die Romane von Samanthe Beck bei LYX

Impressum

SAMANTHE BECK

Alaskan Boss

LIEBE HOCH ZWEI

Roman

Ins Deutsche übertragen von Hans Link

Zu diesem Buch

Jeder in Captivity, Alaska, kennt jetzt Lilah Iquats Geheimnis: Sie ist schwanger. Eine leichtsinnige Entscheidung, ein verführerischer Blick und eine Nacht im Whirlpool war alles, was es brauchte, um als junge ledige Mutter ihrer Zukunft entgegenzusehen. Denn der Vater ihres ungeborenen Kindes ist kurz nach ihrer Begegnung tödlich verunglückt. Umso dankbarer ist sie, dass sie auf die Unterstützung ihrer Freunde zählen kann. Besonders auf die Hilfe von Barbesitzer Ford Langley. Die Gefühle, die dabei zwischen den beiden hochkochen, gehörten eigentlich nicht zu Fords Plan, denn für ihn ist die einige Jahre jüngere Lilah tabu – selbst wenn es ihn umbringt. Aber mit einem Baby auf dem Weg und der ganzen Stadt, die involviert ist, müssen Ford und Lilah auf die harte Tour lernen, dass das Leben nie nach Plan verläuft … besonders wenn es um die Liebe geht.

Für jeden, der sich noch einen weiteren Ausflug nach Captivity gewünscht hat!

1

Ford Langley wusste einige Dinge mit absoluter Sicherheit.

Dreizehn auf der Hand, und wenn dann nichts als eine Sieben aufgedeckt wird, sollte man sich nicht an sein Blatt klammern.

Wenn man sich zu fest an jemanden klammerte, war das der todsichere Weg ins Verderben.

Und früher oder später würde er dafür, wie er sich an Lilah Iquat klammerte, in Teufels Küche geraten.

Er schnippte gegen einen der Zapfhähne und ließ ein Glas Spruce Goose volllaufen, bis die Schaumkrone auf Augenhöhe mit dem Rand des gekühlten Bierhumpens war. Für ihn mochte die Hölle unausweichlich sein, aber nicht für sie. Lilah war voller Verheißung, durchtränkt mit all den starken, positiven Kräften des Universums. Also hatte er heute abermals der Versuchung widerstanden, so wie er dieser Versuchung seit einer gefühlten Ewigkeit widerstand.

Resigniert ging er ans Ende des Tresens, stellte den Bierhumpen vor Jorg Hendrickson hin und hob sein eigenes halb leeres Glas am Henkel hoch. »Auf Lilahs einundzwanzigsten Geburtstag«, brachte er einen Trinkspruch aus.

Der alte Fischer, ein Mann mit wilder weißer Mähne und der breiten Brust eines von den Elementen gezeichneten Wikingers, hob sein Bier. »Ja. Auf Lilah«, sagte Jorg und ließ seinen Humpen mit einem kräftigen Klonk gegen Fords Glas klirren, was diesen mit einer gewissen Dankbarkeit dafür erfüllte, dass er sich, als er den Pub vor zwei Jahren gekauft hatte, für die kegelförmigen, extra dicken Biergläser entschieden hatte.

Das Tipsy Goose hatte sich lange vor seinem Kauf des Pubs einen Ruf als lokales Wahrzeichen im winzigen Captivity in Alaska verdient, aber er fand, dass er das Lokal mit einigen kleinen Verbesserungen auf ein höheres Niveau gebracht hatte. Nichts Großes, denn selbst als der Neue in der Stadt war ihm klar gewesen, dass die Bewohner von Captivity größere Veränderungen mit Argwohn beäugten. Wie er herausgefunden hatte, umfasste ihre Definition von etwas »Größerem« Dinge wie das Streichen von Gerichten auf der Speisekarte, die seit der Jahrhundertwende niemand mehr bestellt hatte – und zwar seit der vorletzten Jahrhundertwende –, und die Entfernung der staubigsten, ältesten ausgestopften Gänse, die an den dunkel vertäfelten Wänden angebracht waren. Zu seinem großen Stolz hatte er im Lauf der vergangenen zwei Jahre beides geschafft, zusammen mit einer Handvoll anderer Veränderungen in Einklang mit einem gemächlichen, bedächtigen Plan, der darauf zielte, den Pub sowohl für Einheimische als auch für Touristen attraktiv zu machen. Es sollte ein Lokal sein, in dem man zwanglos trinken und essen konnte. Abgesehen von der soliden Bilanz des Goose hielt er sich auch zugute, dass der Erfolg seiner bedächtigen, methodischen Vorgehensweise sich an der Tatsache messen ließ, dass ihn niemand mehr als den »Neuen« bezeichnete.

»Wo ist denn das Geburtstagskind?«, fragte Jorg, nachdem er den halben Humpen in einem einzigen Zug heruntergekippt hatte.

Ford sah auf seine Armbanduhr. Die Marathon Navigator war ebenso wie das schwarze Tattoo auf seinem Unterarm ein Überbleibsel aus seinen Militärtagen. Auch wenn er das Wappen der Special Forces – einen Dolch mit gekreuzten Pfeilen und lateinischer Inschrift – kaum mehr wahrnahm, hatte er die Uhrzeit nur allzu genau im Blick.

Er runzelte die Stirn. »Rose hat mir gesagt, ich solle um sieben mit ihnen rechnen.« Man konnte seine Uhr nach Rose Iquat stellen, weshalb es umso seltsamer war, dass die gnadenlos pünktliche Besitzerin des Captivity Inn und ihre Tochter seit zehn Minuten überfällig waren und die beiden Frauen längst zu Lilahs »Überraschungsparty« hätten auftauchen müssen.

Ford ließ den Blick durch den überfüllten Raum wandern und betrachtete die Dekoration, bei deren Anbringung er Rose fast den ganzen Nachmittag lang geholfen hatte. Gelbe und weiße Luftballons schwebten unter der Originalblechtäfelung der Decke, sodass diese fast nicht mehr zu sehen war. Gelbe Luftschlangen baumelten herab, und auf einem Banner, das sich über dem Türbogen zwischen dem Goose und der Hotellobby spannte, stand in goldenen Großbuchstaben auf blassgelbem Hintergrund: HAPPY BIRTHDAY LILAH! Gelb war Lilahs Lieblingsfarbe. Sie passte zu ihr – warm und fröhlich –, genau wie der Typ Frau oder … Mädchen, der sie war. Und genau damit hatte Ford so seine Probleme. Wie sollte ein Mann von einunddreißig eine warmherzige, fröhliche und vor allem kluge, schöne, für ihr Alter erstaunlich weise und ausgesprochen behütet aufgewachsene Einundzwanzigjährige betrachten? Erst gestern war sie noch zu jung gewesen, um in seinem Pub Alkohol zu trinken.

Als Freundin. So betrachtest du sie.

Er stieß langsam den Atem aus und brachte Jorg zuliebe ein Lächeln zustande. »Weshalb die Eile? Hast du heute Abend ein heißes Date?«

Der ältere Mann erwiderte das Grinsen mit einem eher lüsternen Gesichtsausdruck. »Ja. Schon möglich. Jetzt, da unsere liebreizende Lilah eine erwachsene Frau ist …«

Um Gottes willen, nein. »Zwing mich nicht, dir in den Hintern zu treten, du schmutziger alter Lüstling.«

Buschige weiße Brauen wurden verwirrt zusammengezogen, Augen weit aufgerissen, und Jorgs bellendes Gelächter erfüllte den Pub. »Nicht Lilah, wo denkst du hin?« Er dämpfte seine Erheiterung zu einem Kichern. »Meine Tage derartigen Glücks sind längst vorbei. Ich habe von Rose gesprochen. Selbst eine Bärenmutter mit dem ausgeprägtesten Beschützerinstinkt muss irgendwann akzeptieren, dass ihr Junges flügge ist. Sie hat die Pflichten der Mutterschaft erfüllt und kann sich jetzt der Erfüllung« – Jorg zwinkerte ihm zu – »anderer Bedürfnisse zuwenden.«

Ford verspürte nicht den Wunsch, über Rose’ »Bedürfnisse« zu reden. Erst recht nicht mit Jorg. Laut den Erzählungen der Einheimischen war Rose Iquat mit achtzehn oder neunzehn unverheiratet in Captivity aufgetaucht, und das vor gut einundzwanzig Jahren. Sie war praktisch mittellos gewesen, schwanger und allein. Ohne jede Hilfe hatte sie ihre Tochter großgezogen und sich im Captivity Inn vom Zimmermädchen zur Besitzerin hochgearbeitet, und all die Zeit über hatte sie sich nichts zuschulden kommen lassen. Während Lilah ruhig und ausgeglichen war, war Rose eine Getriebene. Lilah verströmte gute Laune. Rose verströmte rasierklingenscharfe Bemerkungen mit gelegentlichen, sarkastischen Seitenhieben. Die Frau hatte keine Bedürfnisse – sie hatte Forderungen. Und Jorg? Als Witwer, der fast ein Vierteljahrhundert alleinstehend war, machte der alte Schwede keinen Hehl aus seinem lange währenden Sexualstau.

Ford unterdrückte einen Schauder. Dieses ganze Gespräch ließ ein Bild vor seinem inneren Auge entstehen, das er lieber nicht sehen wollte. Er öffnete den Mund zu einer angemessen ermutigenden Antwort, um sich anschließend anderen Gästen zu widmen, aber der Mann kam ihm mit seiner nächsten Bemerkung zuvor. »Und während ich meine Rose pflücke, kannst du dich um die schöne Delilah kümmern, die dann allein im Garten weilt.«

Jorgs Bemerkung ließ Ford mit seinem Bier auf halbem Weg zu seinen Lippen erstarren. »Was?«

»Ja.« Jorg tippte noch einmal mit seinem Glas gegen das von Ford, diesmal nicht ganz so stürmisch. »Von allen Männern in dieser Stadt sind wir die beiden …« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wie das auf Englisch heißt. Ogift.«

»No gift?« Kein Geschenk, fantasierte Ford drauflos.

Bernsteinfarbenes Glitzern von den Deckenlampen verlieh Jorgs weißem Haar einen kastanienbraunen Ton, als er nickte, und spülte die Jahre für einen kurzen Moment fort. »Nicht mit einer Dame beschenkt.« Er deutete den Tresen entlang. »Trace ist mit seiner liebreizenden Isabelle beschenkt worden«, fuhr er fort. Er sprach von Trace Shanahan, dem die Hälfte von Captivity Air and Freight gehörte, und von Trace’ frisch angetrauter Ehefrau, der Rechtsanwältin Isabelle »Issy« Marcano aus Los Angeles.

»Und Archer.« Jorg deutete mit dem Kinn auf Archer Ellison, der auf Issys anderer Seite saß. »Archer ist erst vor wenigen Wochen hier angekommen, und er wird mit Bridget beschenkt, von der ich dachte, dass sie für dich bestimmt sei, bis ich genauer hingeschaut habe.«

Bridget Shanahan und er? Niemals! Die andere Hälfte von Captivity Air war immer hoch und schnell geflogen, um jedweder echter Bindung auszuweichen, soweit er das beurteilen konnte. Bis auf Archer. Außerdem auch wegen Archer, wie die Dinge lagen, aber Archer war in ihr Leben zurückgeflogen, fest entschlossen, das zu ändern, und allen Unkenrufen und Widrigkeiten zum Trotz hatte er sein Ziel erreicht. Aber so langsam dämmerte Ford die Bedeutung von ogift. Nicht mit einer Frau beschenkt zu sein bedeutete schlicht und ergreifend Zölibat.

Ab und zu einmal traf der alte Knabe den Nagel auf den Kopf. Mit brutaler Treffsicherheit.

»Ich kann nicht …« Weil seine Stimme schon bei dem bloßen Gedanken brach, sich Delilah zu schenken und sie als »Geschenk« zu empfangen, schluckte er, räusperte sich und versuchte es noch einmal. »Lilah wird einen Mann in ihrem Alter finden, dem sie sich schenken kann.«

Es tat weh, das auszusprechen, aber der dumpfe Schmerz in seiner Brust machte es nicht weniger wahr.

»Pah.«

Jorg wedelte geringschätzig mit einer großen, von harter Arbeit schwieligen Hand und deutete auf die Geburtstagsdekoration. »Einundzwanzig.« Dann zeigte er auf Ford. »Etwas über zwanzig. Das Gleiche.«

Ford nahm einen kräftigen Schluck von seinem Bier, um das, was er zu sagen hatte, mit aller Entschlossenheit rüberzubringen. »Zunächst einmal bin ich nicht etwas über zwanzig. Ich bin einunddreißig, Jorg. Das ist wohl kaum das Gleiche. Außerdem habe ich einiges erlebt. Oder besser gesagt, ich habe alles erlebt.« Mehr als ein Jahrzehnt bei den Sondereinsatzkräften der Armee gingen nicht spurlos an einem Menschen vorüber. »Lilah ist kaum mal auf die andere Straßenseite gekommen.«

»Aber nun ist sie bereit. Nimm sie an die Hand. Geleite sie. Wie ein Gentleman. Was ist schon dabei?« Die buschigen grauen Brauen zogen sich zusammen wie zwei sich paarende Raupen. »Du bist ogift. Seit langer Zeit ogift. Vielleicht zu lange? Hast du vergessen, wie man über eine Straße geht?« Die Brauen zogen sich hoch und auseinander. »Oder ist Lilah vielleicht kein Geschenk für dich? Zu hiesig?«

Hiesig? Sprach der Mann von ihrem Tlingitblut oder der Tatsache, dass ihr Vater, den sie nie gekannt hatte, offensichtlich ein Weißer gewesen war? Ethnische Herkunft spielte keine Rolle bei seinen Gefühlen für sie oder überhaupt irgendjemanden. Er war ein Mann der Tat und des Wortes. Lilah war einfach … Lilah. »Sie ist ein seltenes und kostbares Geschenk.«

Oh, verdammt. Warum hatte das den Weg hinaus aus seinem Gehirn und über seine Lippen gefunden? Er schob es darauf, dass es ihn leicht benommen machte, auch nur daran zu denken … sie über die Straße zu führen. »Für jemanden, der jünger ist und, ähm, passender«, beeilte er sich hinzuzufügen. Für jemanden, der sich nicht allzu oft wie ein hungriges Raubtier fühlte, bereit, sie zu jagen und sie zu verschlingen. Für jemanden, der ihr nicht ihre süße Seele aus dem Leib saugen würde, wenn er jemals diese Seite von sich selbst entfesselte. »Viel Glück dabei, die Straße zu überqueren, alter Knabe«, brachte er heraus, griff nach seinem Bier und verschwand den Tresen hinunter.

Jorgs Lachen donnerte hinter ihm her. »Ja. Ich denke, nicht ich bin der alte Knabe hier. Ich bleibe nicht so lange auf dem Bürgersteig stehen, dass ich mich nicht daran erinnern kann, wie man eine Straße überquert.«

Har. Har. Ohne sich umzudrehen, hob er seine freie Hand und zeigte Jorg den Finger. Er erinnerte sich sehr wohl daran, wie man eine verdammte Straße überquerte. Er konnte Straßen mit den schönsten Frauen überqueren. Es gab nur leider eine ziemlich begrenzte Anzahl von Straßen, die man überqueren konnte, in einer Stadt von der Größe Captivitys.

Er ging zu Trace, Issy und Archer, die der leibhaftige Beweis dafür waren, dass man, sobald man in Captivity eine Straße überquerte, herausgefunden haben musste, was zur Hölle man auf der anderen Seite zu machen hatte. In Juneau und Anchorage gab es viel mehr Straßen. Straßen, die ein Mann mit den entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen zu jedermanns Zufriedenheit überqueren konnte, und dann konnte er einfach weitergehen, ohne dass jemand Schaden nahm.

Tiefschürfende Gedanken für eine Party. Zu tiefschürfend. Er schüttelte sie ab und näherte sich der Gruppe. Sie boten einen bemerkenswerten Anblick, diese drei. Trace und Issy kamen gerade aus ihren Flitterwochen, und der große stämmige Trace trug nur Stoppeln seines normalen Bartes. Neben ihm strahlte sein zierliches, kultiviertes Stadtmädchen wie ein fein geschliffener Juwel in dieser ungeschliffen-ländlichen Umgebung. Auf ihrer anderen Seite fuhr sich Archer Ellison, der CEO von Skyline Air, mit der Hand durch sein blondes Haar und saß mit der Weltgewandtheit eines Mannes auf seinem Barhocker, der für die »Top 30 unter 30« des Anchorage Magazines posierte. Was er zu Anfang der Woche getan hatte.

In der Absicht, Trace herauszufordern, konzentrierte er sich auf Issy, lächelte und stützte sich mit einem Unterarm auf den Tresen, dicht neben dem ihren. »Was kann ich dir bringen, meine Schöne?«

Issy erwiderte das Lächeln und klimperte mit langen dunklen Wimpern. Trace hingegen ging mit seinem Arm dazwischen und sorgte für Abstand zwischen den beiden. »Machst du meine Frau an, Langley?«

»Ich habe sie gefragt, ob sie einen Drink will. Ladys first, denn im Gegensatz zu gewissen Leuten, die ich nicht beim Namen nennen werde, besitze ich Manieren.« Wieder richtete er sein Lächeln auf Issy. »Dass so eine Frau dich zum Mann genommen hat, ist völlig unverständlich. Sie ist viel zu hübsch für einen unrasierten, ungehobelten Klotz wie dich.«

Trace legte seinen starken Arm um ihre Schulter und zog sie eng an sich. »Sie mag mich so. Stimmt’s, Schätzchen?« Mit diesen Worten rieb er mit seinem stoppeligen Kinn über ihren glatten Hals, was sie zum Lachen brachte und dazu führte, dass sie sich ihm entwand.

Als sie wieder genug Luft bekam, um zu antworten, streichelte sie seine Wange. »Du hast deine Reize.«

»Ich habe einen Pub«, bemerkte Ford. »Essen und Getränke, was dir jederzeit zur Verfügung stünde. Und ich kann mir auch einen Bart wachsen lassen.«

»Du hast ebenfalls Reize«, räumte Issy ein. »Eine Schande, dass ich bereits in einer vorgetäuschten Beziehung mit Trace festgesteckt habe, als ich dir das erste Mal begegnet bin.«

Ford rieb sich die Stelle über seinem Herzen und nickte. »Eine Riesenschande. Aber« – er richtete sich auf und trat zurück, um der vorschlaghammergroßen Faust am Ende von Trace’ halbherzigem Schwinger auszuweichen – »da ich jetzt für nichts anderes mehr tauge als für Drinks, was kann ich dir anbieten?«

»Was empfiehlst du denn?«, fragte sie.

»Ich hab was Neues, wenn du willst. Einen kräftigen Apfelwein.«

»Selbst gebraut?«, hakte Archer nach.

»Yep.«

Der andere Mann zog lässig die Schultern hoch. »Ich bin dabei. Ich weiß deine Fähigkeiten zu schätzen.«

»Ich auch«, zirpte Issy.

»Drei«, sagte Trace, »aber die Wertschätzung werde ich mir verkneifen, aufgrund meines Mangels an Manieren.«

Ford lachte, als er davonging, um ihre Drinks zu holen. »Vier«, rief Archer ihm nach. »Bridget ist auf dem Weg hierher.«

»Wie nennst du das Zeug?«, fragte Issy, während er Biergläser mit schäumender bernsteinfarbener Flüssigkeit füllte.

Er war fertig mit dem dritten Glas. »Ich arbeite noch an einem Namen, aber der Topfavorit ist ›Wildgansjagd‹.« Er stellte die Gläser vor sie hin.

Archer stützte sich auf den Tresen und grinste seine Gefährten an. »In diesem Fall solltest du es ›Isabelle‹ nennen.«

Ford musste trotz seiner vermeintlichen Manieren lachen, aber das Gleiche tat Trace, und er war derjenige, der eine einsame Nacht auf dem Sofa riskierte. Das Risiko war jedoch nicht allzu groß, wenn Issys hübsches Erröten und ihr gutmütiger Klaps auf Archers Schulter ein Maßstab waren.

»Verschwört ihr euch gegen meine Schwägerin?«, durchbrach eine erotische Frauenstimme ihr Gelächter, und kurz darauf schob Bridget sich zwischen Issy und Archer, der in ihre funkelnden veilchenblauen Augen sah.

»Ja«, bestätigte Issy und setzte Bridget über die Verleumdungen ins Bild. Der Name des Drinks hatte etwas mit Issys unglückseliger Begegnung mit einem Schwarm wilder Gänse zu Beginn des Frühjahrs zu tun, die damit geendet hatte, dass sie kopfüber im Schneematsch auf der Hauptstraße gelandet war. Da er ein Augenzeuge dieses speziellen Vorfalls gewesen war, blendete Ford das Gespräch aus, um sich auf immer lauter werdende Stimmen in der Hotellobby zu konzentrieren. Es klang nach Rose, die schnell und laut in ihrer Muttersprache redete. Bei ihrem scharfen Ton – einer Mischung aus Zorn und dem Gefühl des Verrats – krampfte sich ihm der Magen zusammen.

Er sah mit wachsender Sorge in Richtung Lobby, die in Alarm umschlug, als Lilah in Sicht kam. In ihren eleganten Sandalen und dem weißen Partykleid sah sie aus wie ein langbeiniger Engel. Doch statt ein strahlendes Lächeln zu zeigen, zitterten ihre Lippen, und Tränen rollten über ihre bleichen Wangen. Sie wich zurück, weil jemand, der noch nicht in Sichtweite war, ihr offenbar folgte, und streckte beide Arme in einer flehenden Geste aus. Sie sagte leise und hastig irgendetwas auf Tlingit.

Als Nächstes kam Rose in Sicht, die bitterlich weinte, wild gestikulierte und so schnell und laut redete, dass er die Worte nicht zu verstehen brauchte, um zu wissen, dass die normalerweise so stoische Hotelbesitzerin vollkommen außer sich war.

Issy murmelte: »Oh nein« und machte Anstalten aufzustehen. Bridget hielt sie mit einer Hand zurück und sagte schnell: »Nicht«, bevor sie hinzufügte: »Tu das nicht. Sie wollte diejenige sein, die es ihr sagt. Sie wollte selbst damit fertigwerden.«

»Womit?«, fragte er im selben Moment wie Archer. Wo auch immer das Problem lag, es war gewaltig und soweit er das in der relativ kurzen Zeit beurteilen konnte, die es ihm dennoch ermöglicht hatte, sich ein intensives Bild über das Verhältnis der beiden Frauen zueinander zu machen, eine absolute Ausnahme. Seit dem Kauf des Pubs hatte er mit beiden täglich zu tun. Rose liebte Lilah. Behütete sie. Zog sie mit einem strengen Auge an der kurzen Leine groß. Jorg hatte nicht falschgelegen, als er sie als Bärenmutter bezeichnet hatte. Aber nicht einmal die grimmigste Bärenmutter hätte sich eine liebevollere, süßere und gehorsamere Tochter wünschen können, als Lilah sie war.

Niemand beantwortete seine Frage, aber das war auch nicht nötig, denn in diesem Moment sagte Lilah etwas mit leiser, ruhiger Stimme und legte eine Hand auf ihr ausgestelltes Partykleid, eine Geste, die in seinem Unterbewusstsein weitere unspezifische Alarmglocken zum Schrillen brachte und ihn auf eine Zeitreise zu einem Punkt in seinem Leben schickte, an dem er ein Teenager mit verschwitzten Händen gewesen und ihm plötzlich alles über den Kopf gewachsen war. Rose beugte sich vor und schrie ihre Tochter an, ihr Gesicht war rot vor Zorn, während ihre schmale Gestalt vor Zorn bebte.

Die Sache lief aus dem Ruder, und zwar in Windeseile. Instinkte übernahmen das Kommando, die dazu geschärft worden waren, mit Schwierigkeiten fertigzuwerden. Ohne einen konkreten Plan kam er hinter dem Tresen hervor. Er wusste nur, dass er in die Auseinandersetzung eingreifen musste, bevor jemand etwas tat oder sagte, das nur schwer rückgängig zu machen war. »Schluss damit. Ich habe noch nie eine Mutter erlebt, die so über ihre Tochter herfällt, seit …«

Und dann wusste er es. Er hatte keine Mutter mehr in solch untröstlicher Fassungslosigkeit erlebt seit seinem sechzehnten Lebensjahr, als er und seine siebzehnjährige Freundin an einem Wintertag ihrer Mom gestanden hatten, dass drei verschiedene Schwangerschaftstest aus dem Drogeriemarkt dasselbe Furcht einflößende Ergebnis dokumentiert hatten.

Diese dornigen Erinnerungen aus seiner Vergangenheit verlangsamten seine Schritte, während er sich auf die nicht zu übersehende Wölbung konzentrierte, die Lilahs jetzt auf ihrem Unterleib liegende Hand offenbarte. Ihm sackte der Magen in die Kniekehlen, als sei er gerade auf einer Höhe von zehntausend Metern aus einem Flugzeug gesprungen. »Scheiße.«

Dann hob Rose die Hand und schlug ihrer Tochter hart ins Gesicht.

»Scheiße«, sagte er abermals und setzte seinen Weg fort, während Lilah beiseitetrat, mit der Hand an ihre Wange griff und etwas zu ihrer Mutter sagte. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Wispern. Dann drehte sie sich um und eilte aus dem Pub.

Scheiße. Scheiße. Scheiße. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Rose mit einem herzzerreißenden Schluchzen zu Boden sank, die Hände vors Gesicht schlug und weinte. Wenn es in seiner Macht gestanden hätte, sich in zwei Stücke zu reißen, wäre er stehen geblieben, um ihr aufzuhelfen und sie in einen abgeschiedenen Bereich zu führen, wo sie sich beruhigen und fassen konnte. Aber er war nur ein gewöhnlicher Mann – ohne Superkräfte –, und seine Hauptsorge galt Lilah, daher ging er zur Tür hinaus. Die Shanahans, Jorg und alle möglichen anderen Leute aus dem Pub würden Rose helfen, sich zu beruhigen.

Als er unter dem Vordach stand, schaute er links und rechts die Straße hinunter und suchte in der kühlen lavendelfarbenen Abenddämmerung nach einer Spur von Lilah – dem Aufblitzen eines weißen Kleides, das zwischen den parkenden Autos verschwand, oder Wellen von langem hellbraunem Haar, die um eine Hausecke wehten –, aber er sah nichts. Kein Geräusch war zu vernehmen. Da Lilah trotz ihres ätherischen Äußeren auch keine Superkräfte besaß, konnte sie nicht einfach verschwinden, sosehr sie sich das in diesem Moment auch wünschen mochte.

Als er seinen Blick erneut über die Straße wandern ließ, entdeckte er ihren roten Jeep, der einen halben Block entfernt am Straßenrand parkte. Aus Sorge, der Motor könne jede Sekunde anspringen und eine aufgewühlte Fahrerin würde mit tränenüberströmtem Gesicht am Lenkrad sitzen, eilte er über den Bürgersteig auf den Wagen zu, um sich ihm von der Beifahrerseite zu nähern.

Durchs Fenster sah er sie hinter dem Lenkrad in sich zusammengesunken dasitzen, die Beine nach Kindermanier verkreuzt, die Arme auf das Lenkrad gebettet, das Gesicht auf die Hände gedrückt. Das Kleid war ihr hochgerutscht, sodass ihre schlanken Oberschenkel nackt waren bis ganz hinauf zu ihrem …

Er wandte sich ab, schluckte und klopfte mit einem Knöchel gegen das Beifahrerfenster. Zumindest brauchte er sich keine Sorgen zu machen, sie könne wegfahren, denn in der Zündung baumelte kein Schlüssel. Nach einem Moment des Schweigens wurde die Tür geöffnet. Er stieg ein und schloss den Rest der Welt aus. Dann wappnete er sich, so gut er konnte, und wandte sich ihr zu.

Sie kauerte immer noch in dem Sitz, aber sie hatte sich ihr Kleid über die Beine gezogen. Gegen ihre wässrigen Augen oder den leuchtend roten Handabdruck auf ihrer Wange konnte sie nicht viel ausrichten, und beides brach ihm das Herz. Umso mehr, als sie ihre weichen, vollen Lippen zu einem zittrigen Lächeln verzog und sagte: »Danke, dass du meine Geburtstagsparty bei dir stattfinden lässt.«

»Gern geschehen. Ich fand, dass sie wirklich gut gelaufen ist.«

Ihr ersticktes Lachen endete mit einem Schluchzen. Hilflos und weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte, beugte er sich über die Mittelkonsole, legte den Arm um sie und zog sie an sich. Sie begrub das Gesicht an seiner Brust und weinte, als hätte die Welt aufgehört, sich zu drehen. Was für sie in gewisser Weise tatsächlich zutraf. Man musste ihr Zeit geben, um den Verlust dieser Welt zu betrauern, in der sie aufgewachsen war, sicher, behütet und unter der uneingeschränkten Regie ihrer Mutter. Vom Verstand her wusste er das, aber Lilah war immer so ein lebhaftes, positives Geschöpf gewesen, und er war nicht imstande, ihren Tränen standzuhalten. »Weine nicht«, murmelte er und küsste sie aufs Haar. »Bitte. Es wird alles gut, versprochen.«

Zu seiner Überraschung nickte sie, zog sich zurück und trocknete sich mit den Handballen die Augen, woraufhin er sich wünschte, er hätte ein Taschentuch bei sich gehabt oder sonst irgendetwas, das er ihr hätte anbieten können. »Ich weiß«, sagte sie, dann fügte sie mit einem Schniefen hinzu: »Es tut mir leid«, und legte ihm eine Hand auf die Brust. Sein Herz schlug so schnell wie ein Maschinengewehr unter ihrer Berührung.

Was tat ihr leid? Entschuldigte sie sich dafür, dass sie ihn geschockt, in Sorge gebracht oder enttäuscht hatte? Wenn irgendjemand ihre Situation verstand und Mitleid empfand, dann war er es. Er schaute auf die Stelle hinab, wo ihre Hand lag, und begriff, dass sie sich für den nassen Fleck auf seinem Hemd entschuldigte, den ihre Tränen hinterlassen hatten.

Er schüttelte den Kopf, um ihr zu sagen, dass es kein Problem sei, dann legte er seine Hand über ihre und drückte sie sanft. Schließlich richtete er seine Aufmerksamkeit auf ihr Gesicht und bat sie: »Rede mit mir.«

Ihre Finger verkrampften sich, als hätte sie die Absicht, sie zurückzuziehen, aber er hielt sie einfach nur noch fester umfasst. Wieder zog sie die Nase hoch, hob aber ihre feuchten dichten Wimpern und hielt seinem Blick stand. Die Wucht dieser großen waldgrünen Augen traf ihn wie eine Naturgewalt, aber er hatte sich im Laufe des vergangenen Jahres an diese unbeabsichtigte Bestrafung gewöhnt.

»Nun, Ford, wie dir und der halben Stadt wahrscheinlich inzwischen klar ist, bin ich schwanger.«

Obwohl sein Gehirn ihm den Befehl gab, nach vorn zu schauen, versagten seine Augen ihm den Gehorsam, und sein Blick sank auf ihre Leibesmitte. Der weite Rock ihres Kleides verbarg den Beweis im Moment, aber das eng anliegende Oberteil offenbarte glatte Schultern und volle, hochgedrückte Brüste. »Das ist … ähm …« Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf ihr Gesicht. »Das ist ein beachtliches Geburtstagsgeschenk.« Was ihm eine wichtige Erkenntnis bescherte.

Lilah hatte definitiv eine Straße überquert, mindestens einmal.

Und diese Erkenntnis führte ihn zu einer noch wichtigeren Frage. Deren Antwort versprach, einen großen Einfluss auf seine kurzfristigen Pläne zu haben, nämlich irgendeinem Mistkerl eine Predigt darüber zu halten, welche Risiken damit verbunden waren, mit Lilah leichtfertig eine Straße zu überqueren.

Mit einer Stimme, die so geschmeidig und scharf war wie die Klinge eines Schwertes, fragte er: »Bei wem kann ich mich für dieses Geschenk für dich bedanken?«

2

Lilah senkte lieber den Blick, als sich dem erzürnten Beschützerinstinkt zu stellen, der wie ein Sturm in Fords sonst so ruhigen braunen Augen aufbrandete. Allem Anschein nach würde sie ihren Stolz opfern müssen, und sie führte sich vor Augen, dass in Anbetracht ihrer Lage der Verzicht auf Stolz noch das geringste Problem sein sollte. Aber so einfach war das nicht. Mit jemandem – insbesondere aus irgendeinem Grund mit Ford – darüber reden zu müssen, wie es zu dieser Schwangerschaft gekommen war, war ihr peinlich. Von Natur aus in sich gekehrt, erkannte sie die gleiche Eigenschaft bei Ford. Die Preisgabe der traurigen Umstände ihrer einzigen impulsiven sexuellen Betätigung war zwar nicht so, als würde sie auf dem Marktplatz ein Video des Ereignisses vorführen, aber es fühlte sich fast so an. Trotzdem vertraute sie Fords Beweggründen. Er wollte helfen.

Sie raffte die letzten Überreste ihrer Würde zusammen, baute fest auf ihr Vertrauen in ihn und sagte: »Das habe ich nur mir selbst zu verdanken.«

Er umfasste ihr Kinn, drückte es hoch und strich mit dem Daumen über ihre heiße Wange. Sein ruhiger Blick und die sanfte Berührung sandten schnelle, schwer fassbare Schauer durch sie hindurch.

»Ich habe eine gewisse Erfahrung auf diesem Gebiet, und ich muss dir mitteilen, dass das biologisch unmöglich ist.« Seine Mundwinkel zuckten zu dem schwachen Lächeln in die Höhe, das sie häufig bei ihm beobachtet hatte. Es nahm seinem starken, kantigen Kinn mit dem kleinen Grübchen, das ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit dem jungen Ewan McGregor bescherte, die gefährliche Ausstrahlung, während er sie schweigend mit unergründlichem Blick musterte. »Es waren zwei Personen nötig, um dieses Baby zu machen.«

Ihre Lippen zuckten unwillkürlich in die Höhe, und ihr Lächeln war ein Spiegelbild des seinen. »Natürlich. Aber ich bin die Einzige, die noch übrig ist.«

Er dachte einen Moment darüber nach. Das schwache Lächeln verschwand. »Ein Tourist? Nur weil er nicht hier in der Nähe lebt, ist er noch lange nicht vom Haken. Gib mir einen Namen, dann finde ich ihn.« Die gefährliche Schärfe, die er selten zeigte, war jetzt deutlich zu sehen, in seinen drohend heruntergezogenen Brauen und der düsteren Intensität seines Blickes. Es raubte ihr den Atem, diese vom Militär geschliffenen Muskeln, die dazu da waren, zu dienen und zu beschützen, um ihretwillen angespannt zu sehen. Plötzlich schien seine kräftige Gestalt den ganzen Raum der Fahrerkabine ihres Wranglers zu beanspruchen. »Er hat Verpflichtungen«, sprach Ford weiter. »Sowohl in moralischer als auch in rechtlicher Hinsicht.«

Sie schloss die Augen und rang um Haltung, um dieses Gespräch korrekt zu Ende zu führen. »Nein. Tut mir leid. Ich meine nicht, dass er mich verlassen hat. Nun, er hat mich sehr wohl verlassen, aber er war kein Besucher, und er hat es nicht freiwillig getan, und …«

Gütiger Gott, Lilah, spuck es einfach aus. Dein Geheimnis ist raus. Es ist nur eine Frage der Zeit, bevor die ganze Stadt Bescheid weiß. Sie atmete geräuschvoll aus und betrachtete Fords geduldigen, nicht ganz neutralen Gesichtsausdruck. »Entschuldige. Ich weiß nicht, warum ich um den heißen Brei herumrede. Die Menschen, die am direktesten betroffen sind, wissen es bereits, und seit heute Abend weiß es auch meine Mutter.«

»Ich werde nicht so reagieren wie sie«, versicherte er ihr und hob die andere Hand, um ihr Gesicht auf eine Weise zu umfassen, die ihr ein Gefühl von … Sicherheit … bescherte? Das Gefühl, etwas Besonderes zu sein? Sie wusste es nicht. Es weckte einfach nur Gefühle in ihr. »Ich wünsche mir nur, dass du mir erlaubst, dabei zu helfen, die Dinge für dich in Ordnung zu bringen.«

Sie umfasste seine Handgelenke und spürte seinen Puls, der stark und sicher unter seiner Haut schlug, spürte ihren eigenen Herzschlag, der langsamer wurde, um sich seinem anzupassen, während das letzte Geständnis wie eine Hostie auf ihrer Zunge lag. »Es ist bereits so weit in Ordnung, wie es das nur sein kann. Shay war der Vater.«

Ford brauchte eine ganze Weile, um diese Information zu verarbeiten. Seine dunkelbraunen Augen wurden noch ein wenig dunkler. In seinem Kinn zuckte ein Muskel. »Oh.«

Sie ließ seine Handgelenke los, aber er zog sich nicht zurück, sondern hielt ihr Gesicht weiter umfasst. »Trace und Bridget …?«

»Sie wissen Bescheid. Genau wie Issy. Wahrscheinlich weiß es auch Archer … na ja, jetzt weiß er es definitiv. Ich bin nicht allein. Dieses Baby ist ein Shanahan. Es hat eine Tante und einen Onkel. Eine Familie. Selbst wenn meine Mutter nie wieder mit mir spricht, hat dieses Kleine« – sie strich mit den Händen über ihren Bauch, wo das Leben darin mit einem leichten Flattern antwortete – »eine Familie, die es liebt.«

»Rose wird sich schon wieder einkriegen«, sagte er und streichelte noch einmal ihre Wange.

Die Geste brach irgendeinen Damm, den sie um ihr Herz herum errichtet hatte, seit sie in dieser Situation gelandet war. Normalerweise sagte Ford nur etwas, wenn er auch davon überzeugt war, oder er hielt den Mund. Sie wünschte, sie hätte seine Zuversicht teilen können.

»Hat Shay es gewusst, bevor …?«

»Bevor er gegen einen Berg geflogen und gestorben ist?«, beendete sie den Satz für ihn. Dass der Vater ihres Babys tot war, war noch etwas, womit sie sich hatte abfinden müssen zu einer Zeit, als sie ganz auf sich allein gestellt gewesen war, weil sie sich noch niemandem anvertraut hatte.

Niemandem außer Shay.

»Nein«, erwiderte sie, senkte den Blick und staunte einmal mehr darüber, wie leicht ihr die Lüge über die Lippen kam. Sie war dazu erzogen worden, ehrlich zu sein, und konnte die Zahl der krassen Lügen, die sie in ihrem Leben von sich gegeben hatte, wahrscheinlich an einer einzigen Hand abzählen, aber in diesem Punkt hatte sie wieder und wieder gelogen. Zuerst hatte sie Issy und Trace angelogen, aus Schuldgefühlen heraus, ja, aber auch, weil sie es nicht fertigbrachte, Shays Andenken in den Augen seines älteren Bruders zu besudeln. Bridget, Shays Zwillingsschwester, hatte sie aus den gleichen Gründen angelogen.

Ford gegenüber konnte sie das nur ihren eigenen, von Scham erfüllten Gefühlen zuschreiben. Am selben Tag, an dem sie Shay von ihrer Schwangerschaft erzählt hatte, war er, allein im Flugzeug, abgestürzt, aufgrund eines Pilotenfehlers. Sie hätte warten sollen, bis er von seinem Flug nach Anchorage zurückgekehrt war, bevor sie diese Bombe hatte platzen lassen, aber sie hatte Angst gehabt und nur an sich selbst gedacht, einzig darauf fixiert, welche Auswirkungen die Schwangerschaft auf sie hatte. Sie hatte Trost gewollt und Zusicherungen, denn welche Frau würde sich nicht unsicher fühlen, wenn sie plötzlich herausfand, dass Captivitys Sunnyboy und König der unverbindlichen Affären sie geschwängert hatte. Er hatte ihr all den Trost und die Zusicherungen gegeben, die sie sich nur hätte wünschen können, und das anscheinend ohne einen Moment des Zögerns.

Und dann, nur Stunden später, war er gestorben, und sie brachte es nicht übers Herz zuzugeben, dass sie in ihrer Eile, die Last ihrer eigenen Angst mit jemandem zu teilen, die Tragödie möglicherweise heraufbeschworen hatte. Selbst so viele Monate später hatte sie sich mit den Schuldgefühlen nicht abgefunden.

»Ich … ähm … ich wusste gar nicht, dass du und Shay etwas miteinander hattet«, sagte Ford.

Etwas in seiner Zögerlichkeit und der vorsichtige, fast erschrockene Ausdruck in seinen Augen ließen sie vermuten, dass er sich dem Thema nur widerstrebend näherte. Das konnte sie ihm nachfühlen, denn ihre Verlegenheit kehrte mit einer Hitzewelle zurück, die in ihrer Brust aufwallte und den Hals hinauf in ihr Gesicht stieg. Sie schaute an seinen Schultern vorbei aus dem Fenster, sah überallhin, nur nicht in seine Richtung. »So war es nicht. Ich meine, wir waren ein Leben lang befreundet, aber Shay war älter und … frei und ungebunden. Ich hatte immer das Gefühl, dass er in mir so etwas wie eine kleine Schwester gesehen hat.« Sie riskierte einen schnellen Blick auf Ford, der sie weiter anstarrte.

»Er hat dich ausgenutzt.«

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf, sodass er die Hände sinken ließ, und augenblicklich vermisste sie das Gefühl der Sicherheit, mit dem seine Berührung sie erfüllt hatte, aber wie er hatten alle reagiert – selbst Trace und Bridget –, und ihr aufrichtiges Naturell weigerte sich, es dabei zu belassen. »Eigentlich war das Gegenteil der Fall.«

Ihr Gesicht fühlte sich so heiß an, dass sie die Wange gegen das Fenster presste und in die Abenddämmerung hinausschaute. »Eines Abends im vergangenen Oktober hat er bei Gino’s eine Pizza bestellt. Ich habe sie aus Gefälligkeit mitgenommen und ihn allein zu Hause angetroffen, nass von einem Bad im heißen Whirlpool und ein wenig beschwipst. Er hat gelächelt und etwas gesagt, das mich zum Lachen gebracht hat, wie immer. Dann hat er gefragt, ob ich schon zu Abend gegessen hätte. Hatte ich nicht, daher hat er mich eingeladen, die Pizza mit ihm zu teilen. Er hatte sich einfach allein gelangweilt und war gesellig. Ich wusste, dass meine Mutter es nicht gutgeheißen hätte, aber …«

Sanfte Finger strichen über ihre. Als sie hinabschaute, wurde ihr bewusst, dass sie das Lenkrad mit weiß hervortretenden Knöcheln umklammert hielt.

Bewusst lockerte sie ihren Griff und holte tief Luft, bevor sie fortfuhr. »Aber sie und ich hatten an jenem Nachmittag wegen des bevorstehenden Sommers einen kleinen Streit. Die Universität in Anchorage hatte mich zu einem Sommerkurs eingeladen, und ich wollte teilnehmen. Sie wollte, dass ich hierbleibe und arbeite. Dass ich bis zum Herbst warten würde, wie ursprünglich vereinbart. Wir haben uns dann wegen mehrerer Dinge gestritten. Ich war zornig. Hatte das Gefühl, dass sie mich immer noch wie ein Kind behandelt und nicht wie die Erwachsene, die ich bin. Als Shay mich also eingeladen hat, mit ihm zusammen zu essen, als sei ich eine erwachsene Frau, die für ihr Leben selbst verantwortlich war, habe ich das Angebot angenommen. Wir sind auf die Terrasse gegangen, er ist wieder in den Whirlpool gestiegen, und wir haben Pizza gegessen und weiter miteinander gelacht. Als er bemerkte, dass ich unter der Decke, die er mir gegeben hatte, zitterte, hat er mich aufgefordert, in den Whirlpool zu kommen, um mich aufzuwärmen. Und ich sagte mir, dass es langsam an der Zeit sei, so etwas zu tun, denn ich war zwanzig, Herrgott nochmal, und wenn ich wollte, durfte ich ja wohl mit einem Mann in einen Whirlpool steigen. Also habe ich es getan.«

Sie hatte sich komplett ausgezogen und war in das schäumende Wasser gestiegen. Ihr Herz hatte gepocht und ihr Körper eher vor Nervosität gezittert als vor Kälte, bis sie in Shays große, ehrfürchtige und, ja, leicht glasige Augen geschaut hatte, als er flüsterte: »Süße Lilah. Wie alt bist du jetzt?«

»Alt genug«, hatte sie geantwortet – ebenfalls im Flüsterton – und ihr Bestes getan, es zu beweisen, sowohl sich selbst als auch dem Mann gegenüber, in den sie in ihrem Leben immer mal wieder verliebt gewesen war. Und danach war sie ihm zu ihrer großen Schande aus dem Weg gegangen. Im Wesentlichen weil sie, wenn er sie angeschaut hätte, in seinen hübschen blauen Augen Dinge gesehen hätte, die sie nicht sehen wollte. Unsicherheit. Verlegenheit. Gewissensbisse.

Wenn sie zu gründlich hingeschaut hätte, hatte sie befürchtet, auch Bedauern dort zu sehen, daher hatte sie stattdessen den Blick abgewandt. Und ihr Bestes gegeben, ihm schweigend und eindringlich zu übermitteln, dass alles wieder so werden solle, wie es vorher gewesen war. Sie würde wieder ein braves Mädchen sein, und er konnte weiter mit jeder ledigen, verfügbaren Frau, die seinen Weg kreuzte, flirten. Er hatte sie nicht allzu sehr bedrängt. Bedrängen war nicht seine Art. Shay hatte den Weg des geringsten Widerstands bevorzugt.

Du bist unfair, tadelte ihr Gewissen sie. Sie hatte mit ihren eigenen Schuldgefühlen zu kämpfen gehabt. Sie war praktisch nach Hause gerannt, um in die sichere, vertraute Rolle der respektvollen Tochter zurückzukehren, die stets die Regeln befolgte und niemals Ärger machte. Er hatte ihr Verlangen danach gespürt und es ihr gewährt.

Ford sagte etwas, aber sie war zu tief in ihre Erinnerungen versunken, um es zu verstehen. Sie wandte sich ihm zu und sah in sein ernstes Gesicht. »Entschuldige. Was?«

»Hast du ihn geliebt?«

War das Mitgefühl in seinen Augen oder etwas anderes … etwas, das ihren Puls hüpfen ließ wie ein unbeholfenes Basketballdribbeln? Sie brachte ein Lächeln zustande. »Ja …« – und schüttelte den Kopf, entschlossen, ehrlich zu sein, wo sie ehrlich sein konnte – »… ehrlich gesagt nein. Nicht so, wie du es meinst.«

Jetzt war sein Gesichtsausdruck nicht mehr so schwer zu deuten. Er wirkte erleichtert. Wer sollte ihm das verdenken? Er hatte bereits eine ledige, schwangere junge Frau am Hals, die gerade von dem einzigen Elternteil, das sie besaß, verstoßen worden war. Zumindest brauchte er sich nicht auch noch mit einer ledigen, schwangeren jungen Frau mit gebrochenem Herzen zu belasten, die gerade verstoßen worden war. Jetzt war es an der Zeit, ihn von seiner Last zu entbinden. Es war nett von ihm gewesen, ihr zu folgen und sich davon zu überzeugen, dass mit ihr alles in Ordnung war, aber sie war diejenige, die diese Situation in den Griff kriegen musste. Sie musste stark und unabhängig sein. Stark wie ihre Mutter. »Ich sollte dich wieder in den Pub zurückkehren lassen.«

Er rührte sich nicht von der Stelle, sondern sah sie nur einfach weiter an. Schließlich sagte er mit leiser, ruhiger Stimme: »Und wo willst du hin, Lilah?«

Großartige Frage. Eine Frage, die sie sich stellte, seit sie auf dieses rosafarbene Pluszeichen des Schwangerschaftstests gestarrt hatte, und noch immer hatte sie keine gute Antwort darauf. Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle angesichts der Tatsache, dass es ihr bisher nicht gelungen war, eine Unterkunft zu finden, obwohl sie sich vollauf im Klaren darüber gewesen war, dass ihre Mutter genauso reagieren würde, wie sie dann auch tatsächlich reagiert hatte. Sie hatte einfach gedacht, dass ihr noch mehr Zeit bleiben würde, etwas zu organisieren. »Ich … ähm … daran arbeite ich noch.«

Sein Blick blieb unbeirrbar. »Okay. Sobald du das Übernachtungsproblem gelöst hast, wie willst du dann dort hingelangen?«

Was für eine seltsame Frage. »Mit dem Auto.« Und dann begriff sie. Sie hatte ihre Handtasche nicht bei sich, ebenso wenig ihr Portemonnaie, ihren Führerschein oder sonst irgendetwas. Das alles hatte sie in ihrem Zimmer in dem Apartment im Hotel zurückgelassen, das sie sich mit ihrer Mutter teilte, und sie war nur mit dem, was sie anhatte, geflohen. Es gab nur eine einzige Möglichkeit, an die Dinge heranzukommen, die sie brauchte, und damit riskierte sie eine weitere vernichtende Begegnung mit ihrer Mom, die sie im Moment wirklich nicht verkraften konnte.

Ihr wurde flau im Magen, und der Kloß in ihrer Kehle schwoll zu schmerzhafter Größe an. Mutlos ließ sie die Stirn auf das Lenkrad sinken und schloss die Augen, um gegen die brennenden Tränen anzukämpfen. So viel dazu, stark und unabhängig zu sein. »Als ich zu der Party aufgebrochen bin, habe ich weder meine Handtasche noch mein Handy mitgenommen. Ich dachte nicht, dass ich das brauchen würde, weil ich ja nur nach unten wollte, um meinen Geburtstag zu feiern. Mom und ich waren im Aufzug, als sie mich angesehen und gesagt hat, ich solle mit dem Kuchen vorsichtig sein, weil ich zugenommen hätte, was das Fass vermutlich zum Überlaufen gebracht hat. Ich habe ihr offenbart, dass meine Gewichtszunahme einen guten Grund habe, der nichts mit maßlosem Essen zu tun habe. Den Rest kannst du dir vermutlich zusammenreimen. Ich muss zurück und meine Sachen holen.«

Seine große, warme Hand spreizte sich auf ihren Schultern, und er massierte ihr sanft den Nacken. »Nein, das brauchst du nicht. Ich werde mich darum kümmern. Sag mir einfach, was du brauchst.«

Vielleicht war es feige von ihr, aber sie weinte praktisch vor Erleichterung darüber, nicht in die Wohnung zurückmarschieren zu müssen, die einst ihr Zuhause gewesen war und in der sie wahrscheinlich nie wieder willkommen geheißen würde.

»Du hast mich belogen, und nicht nur einmal, sondern täglich. Jeder Tag, seitdem du das getan hast, war eine Lüge. Ich will dich nicht mehr sehen. Ich erkenne dich nicht wieder.«

»Meine Handtasche.« Sie hob den Kopf, der Ausblick durch die Windschutzscheibe war verschwommen, woran sie merkte, dass sie nun doch weinte. Verärgert über sich selbst wischte sie sich über die Augen und versuchte, ihre Bedürfnisse zu einer präzisen Liste zusammenzufassen. »Mein Handy und das Aufladekabel. Etwas zum Anziehen.«

»Etwas Bestimmtes?«

»Irgendetwas. Wahrscheinlich sind all meine Kleidungsstücke inzwischen auf dem Gehsteig verstreut.«

»Niemand dort würde das zulassen, ganz gleich, wie aufgebracht Rose ist. Hast du immer noch morgens Online-Kurse am College?«

Die Frage überrumpelte sie. »Mhm.«

»Dann werde ich deinen Laptop und das Aufladekabel mitnehmen. Sonst noch etwas? Medikamente, Vitamine, ähm … Proteindrinks?«

Sie musste verwirrt gewirkt haben, denn der Anflug eines Lächelns kehrte in seine Züge zurück, zusammen mit einer leichten Verunsicherung. »Entschuldige, ich habe keine Ahnung, was eine schwangere Frau braucht. Ich habe an pränatale Vitamine gedacht, ein Mittel gegen morgendliche Übelkeit.«

»Oh.« Er war mehr bei der Sache als sie. »Ich habe in dem Schminktäschchen in meinem Badezimmer einige Vitamine. Die morgendliche Übelkeit hat nach den ersten drei Monaten Gott sei Dank aufgehört.« Sie hatte sich erst jüngst angewöhnt, Slipeinlagen zu benutzen, da ihr Körper Veränderungen für das Baby vornahm, das in ihr heranwuchs, aber sie würde keinem von ihnen beiden dieses Thema zumuten. Slipeinlagen konnten auf ihre Einkaufsliste wandern.

»Fällt dir sonst noch etwas ein?«

Ihr fiel nichts mehr ein. Ihre Gedanken fühlten sich an wie ein ausgewrungener Schwamm. »Nein. Und bitte, mach dir keine allzu große Mühe. Ehrlich, ich komme schon irgendwie zurecht, wenn ich mein Portemonnaie und das Handy habe …«

Er unterbrach sie, indem er aus dem Wagen stieg. »Bleib hier sitzen. Ich bin gleich wieder da.« Mit diesen Worten schloss er die Tür und verschwand den Bürgersteig hinauf.

»Danke«, flüsterte sie in die leere Fahrerkabine und schlang die Hände um das Lenkrad, um sich einen Halt zu geben, während ihre Haut vor Rastlosigkeit nur so kribbelte. Einen Moment später ging sie dazu über, sich in langsamen Kreisen über den Bauch zu streichen, weil das Baby zu treten begann. Wie von Zauberhand verebbte ihre Nervosität.

Das hier war kein Ende. Es war ein Anfang. Sie hatte eine Aufgabe – eine wichtige. Wichtiger als eine Geburtstagsparty oder die Meinungen von Leuten in der Stadt, die vielleicht schlecht von ihr denken würden, weil sie in Kürze eine unverheiratete Mutter sein würde. Wichtiger sogar noch als ihre Beziehung zu ihrer eigenen Mutter. Ihre größte Verpflichtung war nicht mehr die einer Tochter. Sie senkte den Blick und strich sich wieder über den Bauch.

Dann atmete sie bewusst tiefer durch, ließ ihre Gedanken schweifen und suchte den ruhigen, friedvollen Ort, an dem sie mit dem kleinen Leben in ihr kommunizierte. Es dauerte länger als gewöhnlich, sich ganz in sich selbst zurückzuziehen, was sie auf die dramatischen Ereignisse der vergangenen Stunde schob, aber schließlich fand sie die Ruhe im Sturm. Ruhig und in sich gekehrt konzentrierte sie sich darauf, bis es sich so anfühlte, als würden ihrer beider Herzen im Einklang schlagen.

Dich werde ich bedingungslos lieben. Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht, aber du bist kein Fehler. Ich verspreche, mein Bestes zu tun, um …

Die Beifahrertür schwang auf, und sie fuhr vor Schreck fast von ihrem Sitz hoch. Ford sah sie entschuldigend an und stellte eine große Reisetasche auf den Beifahrersitz und eine kleinere auf den Boden darunter. »Bridget und Issy haben alles Nötige für dich eingepackt. Hier sind deine Handtasche und dein Telefon.« Er reichte ihr beides. »Und hier« – er stellte eine Tragetasche vom Captivity Inn hinter den Beifahrersitz in den Fußraum – »ist dein Laptop.«

»Danke, Ford. Vielen Dank. Wirklich.«

»Und zu guter Letzt …« Er hielt ihr einen Schlüssel hin, der an einem kleinen Plastikschlüsselanhänger des Tipsy Goose baumelte.

»Was ist das?« Neugierig streckte sie die Hand aus, und er legte den Schlüssel hinein.

»Das ist der Schlüssel zu meinem Haus. Es ist nichts Besonderes, aber ich habe ein Gästezimmer. Du kannst es gern haben.«

»Oh.« Ihr Herz vollführte einen komischen kleinen Hüpfer in ihrer Brust. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf ihn. »Das ist nicht notwendig. Ich werde mir ein Zimmer im Castaway nehmen.« Es war bei Weitem nicht das Captivity Inn, aber eins der kleinen Einzelzimmer des einstöckigen Motels am anderen Ende der Stadt würde seinen Zweck erfüllen, bis sie eine Mietwohnung fand. Und einen Job. Ja, das andere Ende der Stadt konnte ein wenig rau sein, aber sie war nicht in der Position, dass sie wählerisch sein konnte.

Er stützte sich mit den Unterarmen aufs Autodach, senkte den Kopf, beugte sich zu ihr herein und sah sie an. Das dämmrige Licht in der Fahrerkabine verlieh seinen Augen die Farbe von etwas Starkem, das er vielleicht hinter seinem Tresen einschenken würde. Es warf einen Hauch von Gold in das von der Sonne aufgehellte, braune Haar, durch das die Hälfte der Frauen in Captivity nur allzu gern mit den Fingern gefahren wäre, und ihre eigenen Finger, begriff sie mit einem entkräfteten Erschauern, waren nah daran, sich diese Ehre zu gönnen.

»Schätzchen, wir nähern uns der Hochsaison. Es gibt weder im Castaway freie Zimmer noch auf den Campingplätzen oder sonst irgendwo. Ich schätze, dass du eine offene Einladung von Trace und Issy hast und auch von Bridget und Archer, aber ich kann mir auch einige Gründe vorstellen, warum du gerade jetzt zögerst, sie beim Wort zu nehmen. Mein Angebot« – er tippte auf den Schlüssel in ihrer Handfläche – »kommt ohne Gespräche daher, wenn du nicht reden willst, und ohne Schuldgefühle, dass dir nicht danach zumute ist.« Er hob die Hand und zählte die Punkte an den Fingern ab, während er sprach. »Keine Ratschläge. Keine Fragen. Keine Planung nächster Schritte. Keine Verpflichtungen.« Er legte die Hand auf ihren Arm und drückte ihn, was fast genauso tröstlich war wie seine Worte. »Nur Frieden, Stille und ein Ort, wo du zur Ruhe kommen kannst. Eine Schulter zum Anlehnen – oder Ausweinen –, wenn du eine brauchst. Ein offenes Ohr, das zuhört, wenn du eins brauchst.«

Seine Hand auf ihrem Arm fühlte sich sicher und stabil an. Wirkte beruhigend in einem Moment, in dem sie sich alles andere als sicher und stabil fühlte und einfach nur schrecklich müde war. Sie nickte und schloss die Finger um den Schlüssel, zu überwältigt, um zu sprechen.

»Es wird alles gut werden, Lilah«, sagte er leise. »Alle wollen helfen. Aber lass mich derjenige sein, der dir gerade jetzt hilft.«

Nur für heute Nacht. Mit diesem Versprechen im Kopf nickte sie abermals. »Danke.«

3

Als Ford sich dabei ertappte, dass er zum millionsten Mal innerhalb einer Stunde vor der geschlossenen Tür seines Gästezimmers herumlungerte, marschierte er auf die Terrasse hinaus und machte auf dem Weg dorthin kurz Halt bei der kleinen Bar im Wohnzimmer, um sich ein Bier zu zapfen. Entweder das, oder er würde tatsächlich an die Tür klopfen und Lilah all den Fragen und Gesprächen aussetzen, vor denen er ihr eine Ruhepause versprochen hatte, wenn sie bei ihm zu Hause übernachtete.

In der Regel versuchte er, seine Versprechen zu halten. Was nicht bedeutete, dass er sich nicht in Spekulationen ergehen konnte. Drauf und dran, genau das zu tun, lehnte er sich an das stabile Zedernholzgeländer und atmete die kühle Abendluft des späten Maitags ein, eine Luft, die geschwängert war von den Düften der Fichten und Hemlocktannen, die wild am Hang des Hügels wuchsen. Die tief hängenden Wolken und die knauserige Mondsichel verhinderten die Sicht hinein in die Bucht von Captivity, aber bei Tageslicht genoss er diesen Blick durch die schmalen Lücken zwischen den Bäumen auf die blaue Wasserfläche. Nachdem er jahrelang unter militärischem Befehl mit seiner Truppe um den Globus gereist war, um Aufstände niederzukämpfen oder Ordnung in Chaos zu bringen, genoss er die Weite, die Stille. Die persönliche Freiheit.

Aber jetzt, da Lilah sich in seinem Gästezimmer niedergelassen hatte, außer Sicht und lautlos wie Löwenzahnflausch in einer Brise, fand er die normalerweise friedliche Abgeschiedenheit verstörend. Vor allem im Gegensatz zu den lauten Gedanken, die in seinem Kopf aufeinanderprallten. Hatte sie alles, was sie brauchte? Hatte sie Hunger? Wie bald war die Geburt dieses Babys zu erwarten?

Bei der letzten Frage verspürte er ein unbehagliches Ziehen im Magen. Für ihn sah sie mit ihrem hochgewachsenen, gertenschlanken Leib kaum schwanger aus, aber einfache Mathematik erzählte eine andere Geschichte. Shay war kurz nach Thanksgiving gestorben, wahrscheinlich bevor sie von der Schwangerschaft gewusst hatte, da er ohne Kenntnis davon gestorben war, was bedeutete, dass sie sich im … dritten Trimester befand?

Das Ziehen in seinem Magen verwandelte sich in einen Krampf. Und zwar einen Krampf von der Sorte, als hätte ihm jemand gesagt, dass in seinem Gästezimmer eine Zeitbombe tickte.

Um die Spannung zu lindern, nahm er einen großen Schluck von seinem Bier und verwandte einen Moment darauf, die Ausgewogenheit von schwerem Malz und Erlenholzrauch in seinem letzten Brauexperiment zu würdigen. Außerdem wurde ihm jetzt rückblickend klar, dass sie sich schon den ganzen Frühling über strategisch gekleidet hatte, mit übergroßen Sweatshirts, ausgebeulten Pullovern und Jacken. Da hatte ihr das Klima von Captivity in die Hände gespielt. Also … ja. Tick-tack. Hatte er Dr. Devans Nummer in seinem Handy? Wenn nicht, musste er das in Ordnung bringen, und zwar pronto.

Ein Geräusch hinter ihm ließ ihn herumfahren, gerade als Lilah die gläserne Schiebetür öffnete und auf die Terrasse hinaustrat. Eine kleine Welle von etwas, das er als Erleichterung erkannte, schlug über ihm zusammen. Sie sah gut aus. Normal. Nun, sie sah schön wie immer aus, auf ihre von Natur aus heitere Art, und was für seinen momentanen Seelenfrieden das Wichtigste war, zeigte sie nicht einmal ansatzweise Anzeichen früher Wehen. Sie hatte sich eine leichte graue Jogginghose angezogen und trug dazu ein übergroßes Shirt. Die Schritte ihrer nackten Füße waren fast lautlos, als sie die Terrasse überquerte, um sich neben ihn zu stellen und auf das Geländer zu stützen. »Wie kommst du klar?«

Er lachte. »Das ist mein Spruch.« Dann betrachtete er ihr hübsches Profil und suchte in dieser Fassade der Selbstbeherrschung nach irgendwelchen Anzeichen für ihre wahre Stimmung. »Wie geht es dir?«

Ihre Mundwinkel hoben sich zu einem höflichen Lächeln. »Gut. Danke, dass ich heute Nacht hierbleiben darf …«

»So lange du möchtest.«

Ihr Lächeln geriet ins Flackern, als sie ihn anschaute, und er wusste, dass er gerade auf Zehenspitzen an der Grenze, sein Versprechen zu brechen, entlangbalancierte – kein Planen nächster Schritte. Aber es musste ausgesprochen werden.

»Das weiß ich zu schätzen. Aber du sollst nicht das Gefühl haben, als müsstest du meinetwegen hier herumlungern. Ich weiß, dass du ein Geschäft zu führen hast.«

Wieder stützte er sich mit den Unterarmen auf das Geländer und schaute auf die dunklen Spitzen der Tannen, die an dem sternenlosen Himmel zu kratzen schienen. »Der stumme Mike hält die Stellung«, sagte er und bezog sich dabei auf seinen lakonischen Koch und Ersatzbarkeeper. »Außerdem haben wir noch die Sommeraushilfe und zusätzlich den Watkins-Jungen, der sich, wenn nötig, ebenfalls um die Bar kümmern und den Grill bedienen kann.«

»Owen«, fügte sie hinzu. »Der an der Universität von Anchorage BWL studiert und die Ferien über zu Hause ist.«

»Genau.« Der sehnsüchtige Klang in ihrer Stimme war nicht zu überhören. »Wie weit bist du mit deinen Online-Kursen?« Hoppla. Ein weiteres gebrochenes Versprechen.

Sie seufzte, aber es war kein Seufzer, der besagte: Ich will nicht darüber reden. Es war eher ein trauriger Seufzer. »Ich bin mit dem Grundstudium fast fertig.« Ein neuerlicher Seufzer. »Nicht dass das noch eine Rolle spielen würde.«

»Es spielt eine Rolle.«

Ihr gequältes Lachen schnitt ihm ins Herz. »Ich denke, mein Traum, irgendwo aufs College zu gehen, hat sich ungefähr zu der Zeit in Luft aufgelöst, als ich im vergangenen Herbst in einen Whirlpool gestiegen bin.«

»Man kann nie wissen. Kannst du dein Grundstudium beenden, bevor …?« Er deutete vage in Richtung ihres Bauches.

»Schon möglich, aber wozu? Selbst wenn ich irgendwie auf die Uni gehen könnte, wird meine Mutter nicht dafür bezahlen. Ich sollte zwei Jahre lang Online-Kurse machen und auf Teilzeitbasis weiter im Hotel arbeiten. Als Gegenleistung wollte sie meine letzten beiden Jahre an der Universität von Anchorage finanzieren. Der Deal ist jetzt hinfällig, wie mir schon länger klar ist. Zu Anfang des Monats habe ich um Aufschub für meine Zulassung gebeten.«

Vielleicht hörte sie die Enttäuschung in ihrer Stimme nicht, aber er hörte sie. »Aufschub bis wann?« Er hoffte auf ein einziges Semester. Rose würde sich bis dahin berappelt haben.

»Ein Jahr, da das das Maximum ist, aber wahrscheinlich schiebe ich nur das Unausweichliche nur vor mir her.«

Die Zeitspanne ließ ihn zusammenzucken. Er weigerte sich, die Vorstellung von einem Aufschub auf den Sanktnimmerleinstag auch nur in Erwägung zu ziehen. Wie sie einer so unbarmherzigen Aussicht so ruhig entgegensehen konnte, ohne einen Anflug von Verbitterung, konnte er nicht nachvollziehen.

»Es gibt jetzt Wichtigeres.« Geistesabwesend rieb sie sich den Bauch.

Okay, das war der Grund, warum es ihr gelang, aber er wollte auf keinen Fall, dass sie ihre Träume aufgab. Das war ganz und gar inakzeptabel. Er wusste aus eigener Erfahrung, dass das Leben alle möglichen Phasen hatte und dass die Gefühle der Menschen sich ändern konnten – was in Rose’ Fall hoffentlich bedeutete, dass sie die Sache mit milderen Augen betrachten würde. »Ich verstehe, dass das Baby Vorrang hat.« Er nahm einen Schluck von seinem Bier, um seine Worte einsickern zu lassen. »Aber du solltest trotzdem das Grundstudium beenden. Das kann nicht schaden.« Und ein weiteres Versprechen war dahin. So viel zu dem Vorsatz, keine Ratschläge zu erteilen. Er war gerade voll in Fahrt.

»Vielleicht doch.« Sie ließ das Kinn auf die Brust sinken und stieß geräuschvoll den Atem aus, was ihn in höchste Alarmbereitschaft versetzte. Dann sah sie ihn an und lächelte. »Ich muss mir einen Job suchen, Ford. Einen Job, eine Wohnung – nicht etwa eine Bleibe für eine Nacht –, und ich muss mich auf ein Baby vorbereiten. Ich sehe in meinem Zeitplan nicht viel zusätzlichen Spielraum für Unikurse.«

»Du musst dich den Herausforderungen einfach nur stellen. Die Unisachen erledigst du morgens, oder? Und nachmittags oder abends hast du gearbeitet?«

»Ja, aber wer weiß, ob ich mit einem neuen Job genauso flexibel sein werde? Ich meine, Trace und Bridget haben angeboten, mich auf dem Flugplatz zu beschäftigen, aber ich weiß ehrlich nicht, wie ich da von Nutzen sein könnte. Ich kann weder Flugzeuge reparieren noch welche fliegen. Alles andere hat Lenna bestens im Griff. Sie würden einfach einen Haufen Scheinbeschäftigungen als Vorwand finden, um mir Geld zu geben.«

Aus einem Impuls heraus, den zu hinterfragen er sich nicht die Zeit nahm, stieß er hervor: »Ich kann dich im Goose gebrauchen.« Das entsprach absolut der Wahrheit. Während die Hochsaison auf Touren kam, brauchte er weitere Helfer, und da war sie genau die Richtige. »Du kennst unsere Speisekarte. Du weißt, wie man Gäste bedient. Du kannst nach wie vor morgens freihaben, da wir erst um elf öffnen. Ich könnte dich für die Zeit zwischen … ich weiß nicht … halb zwölf bis acht einplanen?« Er wollte nicht, dass sie bis spät in die Nacht hinein arbeitete. Auf gar keinen Fall wollte er, dass sie blieb, bis der Pub schloss. »Fünfzehn Dollar die Stunde, plus Trinkgeld.«

Sie verzog ihre vollen Lippen zu einer Grimasse. »Meine Mutter …«

»Hat da nichts zu sagen.« Mit einer abwehrend erhobenen Hand verlieh er seiner Aussage Nachdruck. »Das geht sie nichts an. Das Goose ist mein Pub. Sie kann wie immer auf eine Mahlzeit oder einen Drink vorbeikommen oder sie kann es lassen, aber das ist die einzige Entscheidung, die sie treffen kann.«

»Ich will nicht, dass du zwischen zwei Stühlen sitzt.«

»Ich melde mich freiwillig für den Platz zwischen den Stühlen.« Er richtete sich auf und klopfte sich auf die Brust. »Ich gebe einen ziemlich guten Schutzschild ab. Und auch einen ziemlich guten Friedensstifter. Ich habe Erfahrung mit beidem.«

»Ja, aber als du diese Funktionen ausgeübt hast, warst du bis an die Zähne bewaffnet.«

Jetzt spürte er, dass seine eigenen Mundwinkel in die Höhe zuckten. »Stimmt. Allerdings habe ich mich darauf spezialisiert, den Job zu erledigen, ohne zur Waffe zu greifen.«

Sie fasste sich mit einer Hand ans Gesicht. »Meine Mutter hat einen mordsmäßigen rechten Haken.«

»Das wird ihr nicht viel nützen.« Er strich mit den Fingerspitzen über ihre makellose Wange und fragte sich, ob er dieses flaue Gefühl der Hilflosigkeit jemals abschütteln würde, das daher rührte, dass er viel zu weit weg war, um zu vermitteln. »Rose ist ziemlich klein. Sie kommt gar nicht an mein Gesicht heran.«

Lilahs wohlgeformte Brauen zogen sich in die Höhe. »In deinem Fall könnte sie vielleicht auf eine Stelle weiter unten zielen.«

Weil es sie so zu bekümmern schien, ihn in Rose’ Schusslinie zu bringen – so wie sie die Unterlippe zwischen die Zähne zog und mit unsicheren Augen zu ihm aufsah –, legte er seinen Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. »Ich habe einen Sackschutz. Und ich scheue mich nicht, ihn zu tragen.« Eine Last fiel von ihm ab, als sie den Kopf an seiner Schulter bettete. Ein eingehaltenes Versprechen … eine Schulter zum Anlehnen. »Rose wird sich irgendwann beruhigen, und dann wird sie einen Weg zurück zu dir brauchen. Wenn du in der Nähe bleibst, wird es leichter für sie sein, die Kommunikation wieder zu beginnen, wenn sie so weit ist.«

Die Bewegung ihres Kopfes sagte ihm, dass sie ihn ansah. »Was macht dich so sicher, dass sie eines Tages wieder mit mir sprechen will? Sie ist ziemlich wütend. Sehr enttäuscht von mir.«

Er sah ihr in die Augen. »Sie liebt dich. Sobald sie ihren Schock und was weiß ich noch alles überwunden hat, wird diese Liebe immer noch da sein.«

Lilah schien nicht so überzeugt davon, aber er lächelte und sprach weiter. »Hör mal, du hast deine Mom mit Babys gesehen, stimmt’s? Babys von Fremden, Babys von Freunden – egal. Verdammt, sie ist jedes Mal ganz aus dem Häuschen. Wenn ihr Enkelkind auf die Welt kommt, werden ihre Mauern zerbröckeln wie die Mauern von Jericho nach den Trompetenstößen.« Er hatte eine einzige persönliche Erfahrung mit diesem Thema, aber mit diesem Wissen und dem, was er von Rose wusste, war er sich in dem Punkt sicher.

»Meinst du?« Hoffnung stieg in ihren dunkelgrünen Augen auf.

»Ja, meine ich. Und weißt du, was noch?«

»Mh-mh?«

»Wenn du sie dann mit deinem Kind beobachtest, wirst du keine Spuren mehr von der Strenge und Härte finden, mit der sie dich