6,99 €
Undercover mit dem Feind
Marc Swain verkörpert alles, was Eden Brixton verabscheut: Er ist ein Herzensbrecher, großspurig und unberechenbar. Doch dann erhält die frisch graduierte Polizistin einen großen Undercover-Job und muss ausgerechnet mit Swain zusammenarbeiten. Brixton kann sich keinen schlimmeren Partner vorstellen - zumal sie so tun sollen, als wären sie verlobt. Schon bald aber sind die sexy Blicke und das Prickeln zwischen ihnen mehr als bloß Show ...
"Ich habe dieses Buch geliebt!! Sexy, lustig, scharfe Dialoge und Charaktere, die von der Seite springen" Goodreads
Abschlussband der romantischen Serie von Bestseller-Autorin Samanthe Beck
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhalt
Titel
Zu diesem Buch
Leserinnen:hinweis
Widmung
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
Epilog
Danksagung
Die Autorin
Die Romane von Samanthe Beck bei LYX
Leseprobe
Impressum
SAMANTHE BECK
Love You After All
Roman
Ins Deutsche übertragen von Hans Link
Marc Swain verkörpert alles, was Eden Brixton verabscheut: Er ist ein Herzensbrecher, großspurig und unberechenbar. Doch dann erhält die frisch graduierte Polizistin einen großen Undercover-Job und muss ausgerechnet mit Swain zusammenarbeiten. Eden kann sich keinen schlimmeren Partner vorstellen – zumal sie so tun sollen, als wären sie verlobt. Schon bald aber sind die sexy Blicke und das Prickeln zwischen ihnen mehr als bloß Show …
Liebe Leser:innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.
Diese sind:
Emotionaler Missbrauch in der Vergangenheit, Drogen- und Alkoholkonsum sowie PTSD
Wir wünschen uns für euch alle das bestmögliche Leseerlebnis.
Euer LYX-Verlag
Für jeden, der einen letzten Ausflug nach Bluelick, Kentucky braucht!
»Brix, Sie sind die Nächste.«
»Ja, Sir.« Der Puls der Polizeischülerin Eden Brixton schlug plötzlich schneller. Sie warf einen Blick auf die Tür des Klassenzimmers, bevor sie aus dem Halbkreis ihrer Kommilitonen vortrat, die mit ihr die zwanzigwöchige Grundausbildung an der Polizeiakademie von Kentucky, Abteilung für Strafjustiz, absolvierten. Ihr Ausbilder, McMasters, nahm ihre Anwesenheit mit einem schnellen Nicken zur Kenntnis und wandte sich wieder der Namensliste auf seinem Klemmbrett zu, um für sie einen weiteren Polizeischüler als Partner für die Übung im Abtasten zu finden.
Das Warten machte ihr nichts aus. Wie den größten Teil des Lehrplans hätte sie diese spezielle Übung im Schlaf absolvieren können. Man klopfte jemanden ab, fand die versteckte Waffe und nahm sie dem Verdächtigen ab. Dass Chief Shaun Buchanan vom Bluelick Police Department – ihr neuer Boss, sobald sie die Grundausbildung hinter sich hatte – jeden Moment erwartet wurde, erhöhte nur ihre Vorfreude. Buchanan bezeichnete den Besuch als »Kontaktaufnahme zu Nachwuchskräften«, aber sie vermutete, dass es auch darum ging, die Polizeischülerin in Augenschein zu nehmen, die ihr Vater, der SEAL-Teamleiter Noah »Brick« Brixton, seinem ehemaligen Untergebenen wahrscheinlich aufs Auge gedrückt hatte. Sie freute sich darauf, Chief Buchanan zu demonstrieren, dass sie tatsächlich ihren Hintern von ihrem Ellbogen unterscheiden konnte. Und sie war zuversichtlich, einen guten Eindruck zu machen, solange …
»Swain«, blaffte McMasters.
… Scheiße. Die Krallen eines Spannungs-Kopfschmerzes kratzten an der Rückseite ihres rechten Auges, während sie dabei zusah, wie der arrogante Mistkerl sein Lächeln aufsetzte, bei dem Frauen angeblich auf der Stelle ihren Slip fallen ließen, und seinen augenscheinlich perfekten Hintern in den vorderen Teil des Raums schwang, um sich auf die andere Seite von McMasters zu stellen.
Ihr Ausbilder reichte Swain einen Schuhkarton und deutete auf die Tür, die in den Raum hinter der Tafel führte. Derjenige, den sie von all ihren Kurskollegen am wenigsten mochte, bedachte sie mit diesem Lächeln, das er benutzte wie ein Angler einen todsicheren Köder – umso gefährlicher dank des Aufblitzens weißer Zähne vor dem Hintergrund sonnengeküsster Haut – und ging in das Vorzimmer, um die Waffe, die McMasters in den Karton gelegt hatte, zu verstecken. Der Name SWAIN, der in großen Blockbuchstaben auf der Rückseite seines T-Shirts geschrieben stand, schien sie ebenso sehr zu verhöhnen wie die Wölbung seiner Lippen. Er bewegte seinen 1,88 Meter athletisch trainierten Körper mit einer entspannten, lockeren Lässigkeit, die die Vermutung nahelegte, dass der Mann sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ, selbst wenn ein Klassenraum voller Polizeischüler und ein erfahrener Ausbilder auf ihn warteten. Bei seinem überdimensionierten Selbstbewusstsein stellten sich ihr regelmäßig die Nackenhaare auf.
Die hinterhältigen Krallen gruben sich noch ein wenig tiefer ein und ließen einen Muskel an ihrem Auge zucken. Na toll. Swain verkörperte alles, was sie an einem Menschen verabscheute – Scherzbold, Wildcard, Teufelskerl mit dunkelblauen Augen und trügerisch heldenhaften Schultern. Er hielt sich an absolut keine Regeln, schaffte es aber trotzdem, sich mit nur fünf Punkten Abstand hinter ihr zu halten – dem ersten Platz in der Kursrangliste. Er war kreativ, was sie bewunderte, und unberechenbar, was sie mit Misstrauen erfüllte, aber was sie wirklich beunruhigte, war das gelegentliche Aufblitzen einer genialen Begabung. Sie war ein Bücherwurm, der in puncto Lernen alle überflügelte, die Sorte Studentin, die mehr lernte als menschenmöglich war und dann das Ganze noch einmal von vorne. Swain erfüllte nur das Minimum, soweit sie das beurteilen konnte, aber verdammt, der Mann konnte Menschen oder Situationen durchschauen oder wie auch immer er das anstellte. Und vielleicht forderte er sie routinemäßig heraus, weil sie gegen sein Lächeln immun war und ihr Höschen nicht hatte fallen lassen. Er war schnell. Er war trickreich. Wenn sie vor ihrem neuen Boss gut dastehen wollte, war Swain der schlimmste Partner, den man ihr hatte zuweisen können. Wenn Swain ihr heute dumm kam, würde sie seinen Hintern mit einem gewaltigen Tritt zurück in den stinkenden Südstaatensumpf katapultieren, aus dem er stammte.
Um die schützende Hülle der Professionalität, auf die sie so stolz war, aufrechtzuerhalten, nutzte sie die Wartezeit, um die Vorgehensweise im Kopf noch einmal durchzugehen und sich auf Taktiken einzustellen, vor denen Swain möglicherweise nicht zurückschrecken würde. Würde er die Waffe an einer unpassenden Körperstelle verstecken? Ja, natürlich würde er. Ihm war jeder Vorwand recht, um die Welt daran zu erinnern, dass er einen Penis hatte und sich nicht scheuen würde, ihn zu benutzen. Aber der Witz ging auf seine Kosten, wenn er dachte, sie würde davor zurückschrecken, eine erogene Zone abzutasten. Sie würde den Job erledigen. Gründlich. Kompetent. Erfolgreich.
Als Swain in das Klassenzimmer zurückkehrte, bemerkte sie, dass er sein T-Shirt aus seiner blauen Akademie-Jogginghose gezogen hatte – was es erleichterte, eine Waffe im Taillenbund zu verbergen. Er kam näher, die Hände erhoben, die Innenflächen ihr zugewandt. »Ich gehöre ganz dir, Choux. Sei lieb zu mir.«
Sie weigerte sich, auf seine Art von Humor einzugehen, griff nach dem Arm, der ihr am nächsten war, drehte Swain auf den Rücken und manövrierte ihren unausstehlichen Kollegen mit der Brust voran gegen die Tafel. Sein Atem entwich seinen Lungen mit einem befriedigenden »Uff«. Eden war nicht klein, was sie den Genen ihres Dads zu verdanken hatte, aber Swain überragte sie trotzdem um gute fünfzehn Zentimeter. Außerdem wog er ungefähr hundert Pfund mehr als sie. Auf gar keinen Fall würde sie ihm eine Chance geben, diese Vorteile für sich zu nutzen. Das Öffnen der Tür und das Eintreten von Chief Buchanan sowie einem weiteren uniformierten Mitglied des Bluelick Police Departments erhöhte nur den Druck, als Siegerin aus dieser speziellen Art von Wettkampf hervorzugehen. »Ich werde jetzt Ihren Arm loslassen, Sir. Legen Sie die Hände an die Wand, auf Kopfhöhe, damit ich sie sehen kann, und streifen Sie Ihre Schuhe ab.«
»Das ist es, was dir vorschwebt, ma Chouchoute?«, fragte er gedehnt, während er die Position einnahm und die Füße aus seinen Trainingsschuhen zog.
Vor einer Woche hatte sie endlich klein beigegeben und heimlich die Bedeutung des Wortes gegoogelt, das er ständig für sie benutzte. Kleiner Kohlkopf. Angeblich eine Liebkosung, aber sie hatte den heimlichen Verdacht, dass es außerdem Swains Version eines gewitzten Kommentars über ihren Hintern war. Jetzt hieß es, einmal tief durchatmen, um nicht zu fauchen: »Ich bin nicht dein verdammter Kohlkopf, du Sumpfhinterwäldler«, aber sie hielt den Mund. Sie hielt sich an die Vorschriften und trat erst seine Schuhe beiseite und schob ihm dann die Füße schulterbreit auseinander. Und wenn sie dabei ein wenig härter gegen seinen Fuß trat als unbedingt nötig, um ihn zu einer breitbeinigeren Haltung zu veranlassen, bemerkte das niemand außer ihm. Sie wusste, dass er es gespürt hatte, denn sie sah seine Mundwinkel zu einem winzigen Lächeln emporzucken. Sie hatte echt das große Los gezogen. Swain war nicht nur ein Klugscheißer, sondern auch ein Masochist.
»Ich werde Sie jetzt abtasten, Sir. Bleiben Sie in dieser Position, es sei denn, ich gebe Ihnen die Anweisung, sich zu bewegen. Verstanden?«
»Es ist, als seien meine Träume wahr geworden, Choux.«
Ein gedämpftes, aber kollektives Lachen erhob sich unter den Zuschauern hinter ihnen. Sie ignorierte sowohl die Anspielung als auch die Reaktion ihrer Klassenkameraden und begann stattdessen mit dem Abtasten. Wie im Lehrbuch klopfte sie ihn methodisch ab, beginnend am Kopf, wo sie mit den Fingern durch Swains kurz geschnittenes dunkelblondes Haar fuhr. Und obwohl das Gefühl der weichen, dicken Strähnen zwischen ihren Fingern einen verräterischen Teil von ihr in Versuchung führte, auf eine längere, gemächlichere Erkundungsfahrt zu gehen, hielt sie die Verräterin in ihr in Schach und klopfte stattdessen seine Schultern ab. Als sie bei seinem Bizeps angelangt war, streiften ihre Finger nacktes Fleisch direkt unter den Ärmeln seines T-Shirts. Ihr wurde plötzlich ganz schwach zumute, als sie den Kontrast zwischen ihrer warmen braunen Haut und dem helleren Ton von Swains Haut wahrnahm. Sie drängte diese Beobachtung beiseite, genau wie ihre absolut irrelevante Reaktion darauf, und machte sich daran, seinen Rücken, seine Brust und seinen Torso abzutasten. Swains Kiefer verkrampfte sich, als sie über seine Bauchmuskeln strich. Sie kam der Sache näher, nicht wahr? Gott, warum waren manche Männer so berechenbar? Er stieß einen warnenden Laut aus – halb Knurren, halb Stöhnen –, als sie die Vorderseite seiner Hüften erreichte. Etwas Langes und Hartes drückte sich gegen ihren Handballen. Sie konzentrierte sich auf die Stelle.
Ihre Finger zeichneten die stabförmigen Umrisse nach. »Waffe irgendeiner Art versteckt in seiner rechten Tasche«, verkündete sie und ertastete die Abmessung. Er schnappte scharf nach Luft, aber sie ließ sich davon nicht ablenken. »Schlagstock oder« – sie zeichnete die Länge des Gegenstands nach – »möglicherweise eine Handfeuerwaffe oder …« Sie folgte der diagonalen Neigung der Waffe, was seiner Kehle ein weiteres leises Geräusch entlockte.
Oh, Scheiße. Sie riss die Hand zurück. Echt jetzt?
Swain stieß ein ersticktes Lachen aus. »Ich sage es dir nur ungern, Choux, aber die Waffe, die du da begrapschst, ist eine, die ich von Geburt an habe.«
Während ihre Kurskollegen lachten und der Ausbilder Ruhe befahl, murmelte sie: »Du bist widerlich.«
»Hey, ich bin nur ein heißblütiger Junge, der sein Bestes tut, deine Durchsuchung über sich ergehen zu lassen. Es ist nicht meine Schuld, dass du mehr gefunden hast, als dir lieb ist.«
Die Bemerkung entlockte ihren Kurskollegen eine weitere Lachsalve. Ein Gefühl der Demütigung ließ ihr Herz doppelt so schnell schlagen. Ihre Handflächen begannen zu schwitzen. Sie ließ sich nichts von alldem anmerken. »Mehr als mir lieb ist? Ich bitte dich!« Sie drehte ihn ruckartig um und suchte verzweifelt nach der richtigen Bemerkung, um das Machtgefüge wieder zu ihren Gunsten zu wenden. »Bilde dir bloß nichts ein, Swain. Ich habe es für eine kleinkalibrige Waffe gehalten, mit Betonung auf ›klein‹.«
Das Lachen über ihre schlagfertige Antwort schwoll an. Sofort war das Gleichgewicht wiederhergestellt. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, sich in Triumph zu sonnen. Sie setzte ihre Suche fort und ging in die Hocke, um seine Knöchel abzutasten. Und da war sie, tief versteckt in seiner Socke. Sie zeichnete den Umriss der Waffe nach, bis sie sich sicher war, dann verkündete sie: »Messer in der linken Socke versteckt.« Mit dem Klappmesser in der Hand stand sie auf und hielt es hoch, damit die Klasse und ihr Ausbilder es sehen konnten.
McMasters nahm ihr die Waffe ab und ging noch einmal die Einzelheiten des Verfahrens durch. Sie trat zurück und drehte sich zu ihrem Ausbilder um. Swain drehte sich ebenfalls um, senkte den Kopf und flüsterte ihr direkt ins Ohr: »Hast du etwas gelernt, Choux?«
Ihr Gesicht wurde trotz der laufenden Klimaanlage im Raum heiß. Sie hatte etwas gelernt. Marc Swain mochte zwar locker als der nervigste Kerl mit dem überzogensten Selbstbewusstsein durchgehen, der ihr je untergekommen war, aber ein nerviger Kerl mit überzogenem Selbstbewusstsein und dem beeindruckendsten Schwanz, um den sie je ihre Hand gelegt hatte.
Zum Glück würde er sich bestimmt lieber bei einem gottverlassenen County Sheriff Department verdingen als bei dem Police Department von Bluelick. Sobald sie ihren Abschluss in der Tasche hatten, würde sie nie wieder seine hinterhältigen Kommentare ertragen oder auch nur einen weiteren Gedanken an seinen beeindruckenden Schwanz verschwenden müssen.
Marc Swain strich sich mit einer Hand über sein nasses Haar, und Wassertröpfchen spritzten auf den grauen Vinylkachelboden, als er sich im Funderburk Buildung der Polizeiakademie, Abteilung für Strafjustiz, auf den Weg zum Büro des Direktors machte. Die Aufforderung, sich unverzüglich zu melden, die ihn in der vorletzten Woche seiner Grundausbildung ausgerechnet unter der Dusche erreicht hatte, konnte alles Mögliche bedeuten. Im Moment befürchtete er, dass sein lieber alter Dad plötzlich aufgetaucht war und sich irgendetwas hatte zuschulden kommen lassen, was seine Pläne durchkreuzte, nach seiner Militärlaufbahn eine Stelle im Sheriffs Office anzutreten. Er hatte keine Ahnung, worum genau es ging, aber Gerome Swain mogelte sich mit krummen Dingern durchs Leben, und wenn es für ihn irgendwie von Vorteil war, seinen einzigen Sprössling in seine jüngste Gaunerei hineinzuziehen, hatte Marc nicht den geringsten Zweifel, dass der Mann dies tun und ihn den Wölfen zum Fraß vorwerfen würde. Wie lautete noch mal das Familienmotto? Vertrau niemandem, erst recht keinem von uns.
Nervosität hin oder her, er wartete in dem kleinen Vorzimmer, stützte einen Ellbogen auf die Schreibtischkante direkt neben einer kleinen Vase mit Rosen, die er als frisch identifizierte, und schenkte Brad, dem Assistenten des Direktors, ein Lächeln. Mit einem Nicken in Richtung Vase sagte er: »Sieht ganz so aus, als hätte da jemand ein nettes Date mit Steve, dem Jurastudenten gehabt.«
Brad – gerade wieder zum Single geworden und bereit, sich ins Getümmel zu stürzen – wurde rot. »Wir hatten Spaß, ja.«
»Mit anderen Worten, Sie haben Safer Sex praktiziert. Brechen Sie diesem Jungen nicht das Herz, hören Sie?«
Dafür, dass der Rotton sich vertiefte, war seine Antwort erstaunlich kess: »Ich bin hier nicht der Herzensbrecher, Swain. Diese Ehre gebührt ganz Ihnen, wenn man Marcy Atwell Glauben schenken kann.«
Er hatte die Tochter von Commander Atwell genau ein einziges Mal auf einen Drink eingeladen, auf ihr Drängen hin, und für fünf überteuerte Cosmo Drinks ihrer Wahl in der schicksten, teuersten Bar in Richmond geblecht. Mit der Aufmerksamkeit eines geborenen Zuhörers hatte er sich angehört, wie sie – eine achtundzwanzig Jahre alte Frau – ihm ihr Leid geklagt hatte, dass ihr Vater jeden Mann verschrecke, der Interesse an ihr zeige. Er hatte sich die Bemerkung verkniffen, dass ihre Trinkgewohnheiten oder ihre Verschwendungssucht dabei möglicherweise auch eine Rolle spielten. Dann hatte er sie, volltrunken wie sie war, nach Hause verfrachtet und sie in ihre Wohnung bugsiert. Allein, da er null Lust auf einen One-Night-Stand mit einer Frau verspürte, die irgendwo bei ihrem zweiten Cosmo ihre Fähigkeit ertränkt hatte, zu irgendetwas ihre Zustimmung zu geben, und dann bei ihrem dritten die Fähigkeit, mit Würde ein Nein als Antwort zu akzeptieren. Interessant zu erfahren, dass sie sich als das Opfer in ihrer extrem kurzen Verbindung darstellte. Ein gebrochenes Herz? Wohl eher verletzter Stolz, aber jetzt hatte er einen neuen Grund, sich wegen dieser Aufforderung, im Büro des Direktors vorstellig zu werden, Sorgen zu machen.
Er richtete einen unschuldigen Blick auf den dunkelhaarigen Mann. »Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie hören.«
Brad lachte. »Nicht wenn es von ihr kommt, nein. Gehen Sie nur hinein.« Er deutete auf die geschlossene Bürotür. »Sie warten auf Sie.«
Sie? Das klang unheilverkündend. Sein Magen krampfte sich zusammen bei der Aussicht auf das, was ihn erwartete. »Wer sind ›sie?‹?«
Doch Brad wusste, wer seinen Gehaltsscheck unterzeichnete. »Sie wollen Sie sehen«, antwortete er geheimnisvoll und deutete mit dem Kopf auf das Büro.
Marc fuhr sich mit den Fingern durch sein noch immer feuchtes Haar, setzte ein unbekümmertes Lächeln auf und trat durch die Tür. In dem beigegestrichenen, ansonsten gläsernen Raum saß Direktor Atwell hinter seinem Schreibtisch aus gebürstetem Nickel mit Buchenholz-Optik. Sheriff Malone – sein neuer Boss – lehnte am Fenster, die Arme vor der Brust seines blauen Uniformhemds verschränkt, und sah aus wie Tommy Lee Jones mit seinem breiten grauen Schnurrbart. Der Polizeichef von Bluelick, Shaun Buchanan, hockte auf einem von Atwells drei Besucherstühlen. Eiskalt und so sexy, dass es einem den Schwanz folterte, saß Polizeischülerin Eden Brixton auf einem weiteren Stuhl.
Natürlich würde sie ihm die Eier abschneiden und sie mit einem Tacker an dem Vorfallsbericht befestigen, wenn er ihr je ins Gesicht sagen würde, dass er sie sexy fand, aber das änderte nichts an der Tatsache. Er war fasziniert von ihr. Nicht nur von ihrem Aussehen, obwohl auch das eine Rolle spielte. Ja. Er musterte sie von ihrem glatten dunklen Pferdeschwanz bis hinab zu den mit Spucke zum Glänzen gebrachten Spitzen ihrer schwarzen Uniformstiefel. Es spielte definitiv eine Rolle. All diese glatte Haut, nach deren Berührung er sich sehnte. Ein langer biegsamer Körper, der in der vergangenen Nacht in einem besonders lebhaften Traum rittlings auf ihm gesessen hatte.
Obwohl es ihm eine Scheißangst einjagte, reizte ihn selbst ihr kompromissloser Ehrgeiz und die Zielstrebigkeit, mit der sie ihre Ausbildung anging. Wenn Brixton dir Deckung gab, hattest du verdammt noch mal Deckung. Gleichzeitig brannte es ihm angesichts ihrer ernsthaften Sachlichkeit unter den Nägeln, ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ein Gesicht, das dazu geschaffen war, Herzen zu brechen – mit großen haselnussbraunen Augen, denen nichts entging, und die grün oder grau wurden je nach ihrer Stimmung; hohe skandinavische Wangenknochen, die ihre Bäckchen zu etwas machten, in das man unbedingt hineinbeißen wollte, wenn sie einem ihr typisches gepresstes, überlegenes Grinsen schenkte; und Lippen, die so voll und wohlgeformt waren, dass sie, selbst missbilligend verzogen, ihre Üppigkeit nicht verbergen konnten.
Aber nicht einmal ein Blick maximaler Missbilligung wurde ihm zuteil.
»Swain«, sagte Commander Atwell. »Kommen Sie herein. Und schließen Sie bitte die Tür.«
Hatte sie irgendeine Beschwerde gegen ihn eingereicht? Echt jetzt? Sein Verhalten mochte ungebührlich gewesen sein, aber er hatte die Reaktionen seines Körpers nicht wirklich unter Kontrolle, als sie ihn bei dieser Abtastübung vor anderthalb Wochen berührt hatte. Angesichts der Aussicht darauf, einem Raum voller Vorgesetzter mitsamt der fraglichen Frau erklären zu müssen, dass, bei allem gebührenden Respekt, Polizeischülerin Brixton ihn steinhart machen konnte, einfach nur indem sie atmete, zog er es vor, von seinem Recht zu schweigen Gebrauch zu machen, was zu seinem Rauswurf unmittelbar vor dem Abschluss führen konnte. Es wäre nicht das erste – und wahrscheinlich nicht das letzte – Mal, dass sein Schwanz ihn in Schwierigkeiten brachte, aber es wäre verdammt ätzend, denn sechs Jahre Verfeinerung seiner Fähigkeiten im Dienst der Regierung hatten ihn zu der Überzeugung gebracht, dass er der perfekte Gesetzeshüter war.
Er schluckte den bitteren Geschmack der Enttäuschung hinunter und grinste Brix an. »Sind wir wegen eines Tauziehens um den ersten Platz hier, Choux?«
»Behalt deine Patschhändchen in der Hosentasche, Cooyon«, murrte Brix. »Mein erster Platz steht nicht zur Debatte.«
Die Anspannung in seiner Brust löste sich ein wenig bei dem Debüt ihres neuen Spitznamens für ihn. Cooyon. Blödmann. Volltrottel. Was Kosenamen betraf, würde der Durchschnittstyp diesen vielleicht nicht gerade ermutigend finden, aber er erkannte, welche Mühe sie sich gegeben haben musste, um die perfekte Beleidigung für ihn zu finden. Es war nicht unter seiner Würde, ihr ein Kompliment zu ihren Bemühungen zu machen. »Den Ausdruck hast du extra für mich gegoogelt?«
»Ich habe ihn von deiner Mom gelernt«, antwortete sie, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf den Commander. Ein Klicken des Kugelschreibers in ihrer Hand und die Art, wie sie diesen über die unbeschriebene Seite der Spiralkladde hielt, die sie auf ihrem Schoß balancierte, deutete darauf hin, dass ihr kleiner Plausch beendet war. »Vielleicht können wir als Nächstes beide etwas Relevantes lernen. Ich würde zum Beispiel gern erfahren, welchem Zweck dieses Meeting dient.«
»Unbedingt«, antwortete er und tat so, als sehe er Malones Geste nicht, mit der der andere Mann ihn aufforderte, auf dem freien Stuhl vor Atwells Schreibtisch Platz zu nehmen. Er wollte verdammt sein, wenn er bei Fuß ging wie ein Hund, während sie an der einzigen Karriere zerrten, für die er sich seit seiner Entlassung aus der Armee hatte begeistern können.
Commander Atwell räusperte sich. »Wir haben größtes Vertrauen in all unsere Absolventen, aber ich möchte Brixton und Swain lobend hervorheben. Ihre Zensuren in allen Ausbildungsbereichen sind ausgezeichnet gewesen. Ihre Methoden sind unterschiedlich, wie mir unsere Ausbildungsleiter zu verstehen gegeben haben, aber die Resultate sind eindeutig. Meine Herren, ich kann Ihnen versichern, dass die beiden zu den besten Polizeianwärtern gehören, die wir je ausgebildet haben.«
Okay, das hörte sich nicht so an, als würde er gleich in die Wüste geschickt werden. Der Druck in seiner Brust ließ nach.
Malone stieß sich von der Wand ab und ging zu Atwells Schreibtisch hinüber. »Swain, Chief Shaun Buchanan vom Police Department Bluelick. Chief, Marc Swain. Unser bester Polizeischüler.«
Buchanan sah für jemanden mit dem Rang eines Police Chiefs jünger aus als erwartet, aber der dunkelhaarige Mann hatte ruhige Augen und den bewusst neutralen Gesichtsausdruck, den Swain mit einer militärischen Ausbildung in Verbindung brachte. »Brixton gehört uns, wie Sie wissen.«
Malone nickte. »Also, der Deal ist folgendermaßen, ihr beiden. Chief Buchanan und ich haben uns jüngst beraten wegen eines signifikanten Anstiegs an Drogendelikten, seit wir unsere Posten für die jeweiligen Bereiche übernommen haben. Wir wissen nicht, ob dieser Anstieg tatsächlich auf neue Verstöße zurückzuführen ist oder lediglich auf die ordnungsgemäße Umsetzung rechtlicher Vorgaben und die lückenlose Dokumentierung von Verstößen, nachdem wir den Laden gründlich aufgeräumt haben. Möglicherweise hat mein Vorgänger gewisse Anreize akzeptiert, um ein Auge zuzudrücken, was den Drogenhandel in Bluelick und den umliegenden Orten betrifft. Da er zu der Zeit der einzige Gesetzeshüter war und den Anwälten zufolge weder er noch seine Kumpane geneigt sind, irgendeine Art von Licht in die Angelegenheit zu bringen, bleibt die Sache weiterhin unklar. Buchanan und ich ziehen es jedoch vor, uns auf die Gegenwart und Zukunft zu fokussieren. Uns unbekannte Personen sind in den Anbau, den Vertrieb und den Verkauf von Cannabis involviert. Wir wollen das Übel sozusagen bei der Wurzel packen. Und es so schnell wie möglich und ein für alle Mal aus der Welt schaffen.«
»Wollen Sie eine Null-Toleranz-Politik einführen und für jeden einzelnen Fall von Drogenbesitz eine Verhaftung vornehmen und die Täter unter Druck setzen, damit sie ihre Bezugsquelle benennen?«, fragte Brix.
Swain schüttelte den Kopf. Bücherweisheit hatte ihre Grenzen. »Das würde ewig dauern und unterm Strich nichts bringen.«
Sie sah ihn mit hochgezogenen Brauen an. »Warum nicht?«
»Warum sollte irgendjemand reden?«
Jetzt sah sie ihn an, als sei er wirklich ein Cooyon. »Oh, ich weiß nicht … vielleicht um nicht in den Knast zu kommen?«
»Knast? Nein, Choux. Solange nicht jemand mit einer Tonne Gras erwischt wird, ist in Kentucky Drogenbesitz immer noch eine Ordnungswidrigkeit. Niemand wandert in den Knast wegen eines ersten oder zweiten Verstoßes, aber die Betreffenden würden wahrscheinlich einen Tritt in den Arsch kriegen, und zwar einen heftigen Tritt, wenn sie ihren Dealer verpfeifen würden. Es gibt einen guten Grund, warum ›ich hab es gefunden‹ die bevorzugte Antwort auf die Frage ist, woher das Zeug stammt. Warum das Risiko von Gewalt eingehen? Außerdem wird der Dealer mit Sicherheit nicht den Großhändler verpfeifen, zumindest nicht bevor der Großhändler Opfer eines kleinen Feuers wurde und alle Beweise für ein Gewächshaus zu Asche geworden sind. Selbst in einem kleinen Zuständigkeitsbereich. Die Drahtzieher im Hintergrund erfahren außerdem schneller davon, als der erste Kiffer ein Tütchen aus der Tasche ziehen und ›hab ich gefunden‹ sagen kann.«
»Aber wenn Sie nicht lockerlassen«, insistierte Brix und klopfte mit ihrem Kuli auf ihren Notizblock. »Sie weiter unter Druck setzen und Namen verlangen. Beweise zusammentragen …«
»Das würde den Handel vielleicht entschleunigen«, warf Malone ein. »Und vielleicht genug Druck erzeugen, um ihn ganz zum Erliegen zu bringen. Aber das ist alles, was Sie erreichen würden. Vielleicht fangen wir ein paar kleine Käfer, aber die dicke fette Spinne, die das Netz gebaut hat, macht sich aus dem Staub und spinnt sich an einem Ort, wo es nicht gar so heiß ist, ein neues Netz.«
»Die Art lokaler Organisation, mit der wir es zu tun haben«, sagte Buchanan, »ließe sich von innen heraus effizienter und effektiver unterwandern. Das ist der Punkt, an dem Sie beide ins Spiel kommen.«
»Diese Leute kennen uns nicht«, murmelte Brix und bewies, warum sie die Nummer eins in der Klasse war. »In einer Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, kennt niemand uns. Niemand weiß, dass wir das Gesetz vertreten.«
Buchanan nickte. »Genau. Das gibt uns die seltene Gelegenheit, eine verdeckte Polizeiermittlung durchzuführen. Wir können einen von Ihnen oder Sie beide dort einschleusen und dann das ganze Netz zerstören, mitsamt den Spinnen darin.«
Ihm wurde flau im Magen, aber Eden richtete sich ein wenig höher auf. »Was muss ich tun?«
»Gar nichts«, sagte er, bevor Malone oder Buchanan ihm zuvorkommen konnten. Vielleicht war ihr nicht ganz klar, worauf das Ganze hinauslief, aber ihm schon – auf etwas, das ihr definitiv nicht gefallen und für sie beide wahrscheinlich in einem Misserfolg enden würde. Er zeigte auf Brix und fügte hinzu: »Sie brauchen dafür nicht das A-Team.«
Ihr klappte der Unterkiefer herunter. Bevor sie Einwände erheben konnte, fuhr er fort: »Sie brauchen dafür nicht zwei Personen«, und krönte die Bemerkung mit einem Achselzucken, als wolle er sagen, »nichts Persönliches«, obwohl es im Prinzip genau das war, schlicht und ergreifend. »Es ist ein relativ einfacher Undercoverjob. Vergleichbar mit dem, was ich in Afghanistan getan habe, größtenteils ohne einen Partner. Verschaffen Sie mir eine Tarnung. Ich werde mich einschleusen und das Vertrauen der Dealer gewinnen. Ich werde die Sache erledigen.«
Sein Boss schüttelte den Kopf. »Wir sind hier nicht bei den Marines. In meinem Team sind Sie ein Anfänger. Aber selbst wenn Sie beide erfahrene Beamte wären, würde ich mich trotzdem für ein Zwei-Personen-Team entscheiden. Doch tatsächlich geht diese Sache über eine bloße verdeckte Polizeiermittlung im Drogenmilieu hinaus. Wir wollen allen demonstrieren, dass zwischen dem Police Department von Bluelick und dem Sheriff Department kein böses Blut herrscht. Wir wollen einen gemeinsamen Einsatz.« Malone senkte sein Kinn und durchbohrte ihn mit einem harten Blick. »Einen erfolgreichen gemeinsamen Einsatz.«
»Also, Sie denken, wir sollten uns häuslich niederlassen? Als Verheiratete? Verlobte? Ein junges Paar, das gern Party macht und eine Spur über seine Verhältnisse lebt. Wir könnten etwas zusätzliche Kohle gebrauchen, um … was bezahlen zu können? Vielleicht stellt sich heraus, dass ein Baby unterwegs ist?«
Jetzt sprang Eden von ihrem Stuhl auf, ließ ihren Kuli und das Notizbuch fallen und drehte sich zu Malone um. »Sie wollen, dass ich als schwangeres Partygirl undercover gehe, und er soll der Kindsvater sein?«
Malone hob die Hände. »Das habe ich nicht gesagt, obwohl ein Paar mit finanziellen Problemen kurz vor einer Hochzeit oder mit einem Baby unterwegs eine glaubwürdige Notwendigkeit liefern würde für eine schnelle, stetig fließende Einkommensquelle. Mir persönlich gefällt die Option mit der Verlobung. Unsere Abteilung wird die entsprechenden Sozialversicherungsausweise bereitstellen. Buchanan hat mir versichert, dass wir Swain bei einem einheimischen Bauunternehmer unterbringen und Sie als seinen Augenstern in Szene setzen können. Sie flanieren durch die Stadt. Gehen einkaufen, um ihr Heim auszustatten. Geben eine Spur mehr aus, als er verdient, und erzählen jedem, der es hören möchte, dass Ihr größter Wunsch eine große Hochzeit sei – weißes Kleid, Blumenbuketts, Hochzeitstorte und Champagner. Finden Sie die richtigen Leute ohne Skrupel, und einer von Swains neuen Freunden oder einer von Ihren Freunden wird erwähnen, dass Sie etwas dazuverdienen können, schnell und einfach. Sie gehen zu dem Treffen. Einer von Ihnen trägt ein Mikrofon bei sich.« Malone schnippte mit den Fingern. »Und peng. Haben wir sie.«
Swain räusperte sich. »Das wird nicht funktionieren. Sie kann ihren Anteil an der Geschichte nicht glaubwürdig rüberbringen.«
Jetzt wirbelte sie zu ihm herum. »Was ist dein Problem?«
»Niemand wird dir abkaufen, dass du mich magst, Choux, und schon gar nicht, dass du den Rest deines Lebens mit mir verbringen willst.« Er benutzte den Spitznamen, nur um ihre Wut weiter anzustacheln. »So eine gute Schauspielerin bist du nicht. Soll ich es dir beweisen?« Sie hob das Kinn. Ihre Augen blitzten grün. Mit einer Stimme, bei der einem Mann aus einer Entfernung von zwanzig Metern die Eier gefrieren konnten, forderte sie ihn zum Kampf heraus. »Das würde ich gern sehen.«
Es war schon unter normalen Umständen ein Fulltime-Job, Polizeianwärterin Eden Brixton zu widerstehen, aber wenn sie ihm gegenüber das eiskalte Miststück rauskehrte, war es um ihn geschehen. Zwei Schritte genügten, um den Abstand zwischen ihnen zu überwinden. Er legte ihr eine Hand auf den Hinterkopf, drückte ihr Gesicht nach oben und bedeckte ihren Mund mit seinem. Für einen einzigen wunderbaren Moment stand sie stocksteif da und bot ihm die weiche, berauschende Hitze dieser Lippen an, die seit verdammten zwanzig Wochen eine Hauptrolle in seinen Selbstbefriedigungsfantasien gespielt hatten. Dann riss sie sich von ihm los, holte aus und versetzte ihm einen Hieb, der hart genug war, um ihm den Kopf herumzureißen.
Schweig still, mein schmerzendes Herz.
Zum Glück war sein Herz eine verlorene Sache, so ziemlich von Geburt an, aber er richtete sich langsam auf und massierte sich den Schmerz aus dem Kiefer. Als er sich sicher war, dass der Kiefer nicht ausgerenkt war, wandte er sich an den Raum im Allgemeinen. »Sehen Sie?«
Malone zog seine buschigen Brauen hoch. »Was soll ich sehen? Macht auf mich den Eindruck wahrer Liebe.«
Buchanan stand auf. »Okay, Leute, reden wir Klartext. Wir wollen eine gemeinsame Operation, und wir brauchen zwei neue Gesichter, um sie durchzuziehen. Das macht Sie beide nicht nur zu unseren bestmöglichen Kandidaten, es macht Sie zu unseren einzigen möglichen Kandidaten. Sie sind unser Team. Sorgen Sie dafür, dass es funktioniert.«
Von ihrem Platz auf der Bühne der First Baptist Church in Richmond ließ Eden den Blick über die Versammlung von Freunden, Verwandten und Kollegen der Absolventen des Grundkurses 541 der Polizeiakademie von Virginia, Abteilung Strafjustiz, wandern. Wie all ihre Kurskollegen trug sie ihre gestärkte und gebügelte Uniform – in ihrem Fall eine braune Bluse, ein leuchtendes Messingabzeichen, eine ebenfalls braune Hose mit dunkelblauen Streifen an den Seiten und einen steifen, ledernen Dienstgürtel mit maßgefertigten Schnallen und Laschen für die verschiedenen Dinge, die zu ihrem täglichen Handwerk gehörten, nicht zuletzt die von der Abteilung Strafjustiz ausgehändigte Smith & Wesson M&P 9 mit dem vergoldeten Lauf, den das Police Department Bluelick hatte springen lassen, um ihr zu ihrem Abschluss als Klassenbeste zu gratulieren. In allen Punkten die Nummer eins, so wie in Schusswaffengebrauch, Streifendienst, Strafrecht, Fahrzeugbedienung und Umgang mit Trunkenheit am Steuer, falls jemand mitzählen sollte.
Ihr Blick fiel auf einen Mann in der vordersten Reihe, der definitiv mitzählte. Mit seiner Größe von eins zweiundneunzig, seinem kahlen Kopf, seiner braunen Haut und dem muskulösen Körper war Brick schwer zu übersehen. Halb Schwarzer, halb Hawaiianer und ganz Mordskerl, ging der Mann definitiv nicht in der Menge unter. Neben ihm stand – auf ihre eigene Weise genauso auffallend – die schlanke blonde ehemalige Primaballerina Cecilia »CC« Brixton mit ihrem makellosen Alabasterteint und ihren funkelnden blauen Augen. Beide strahlten sie im Moment vor Stolz, und Eden drückte ihr Rückgrat automatisch ein wenig fester durch. Sie wären auf jeden Fall weniger mit Stolz erfüllt, wenn Eden am Abschlusstag die Schultern hängen ließ. Ihr Dad würde es zur Sprache bringen, genauso wie er ihren Weniger-als-den-ersten-Platz in Sport, Verteidigungstaktik, Untersuchungsverfahren und taktische Reaktion in Krisensituationen zur Sprache gebracht hatte. Ja, sie hatte diese Disziplinen jeweils als Zweitbeste abgeschlossen, aber Nummer zwei war »Background«, nicht »Leadsängerin«, wie ihre Mom regelmäßig feststellte. Ihre Eltern liebten sie – eine Tatsache, an der sie nie gezweifelt hatte –, aber sie hatten die Messlatte für ihr einziges Kind sehr hoch gehängt. Eine, über die sie dreiundzwanzig Jahre lang gesprungen war. Und dass ihre Eltern stolz auf sie waren, daran gab es ebenfalls keinen Zweifel, aber in diesem Moment hatte sie plötzlich eine Vision von sich selbst, wie sie mit dreißig … vierzig … fünfzig … Hab-Acht-Stellung annahm, um ihre Zustimmung zu erlangen. Sie würden niemals zu dem Schluss kommen, dass sie Herausforderungen gut genug meisterte. War das ihre Aufgabe? War die Bestimmung der Höhe der eigenen Messlatte ein wichtiger Aspekt von Unabhängigkeit, den sie nicht wahrgenommen hatte?
Ein verblüffender Gedanke.
Commander Atwell beendete gerade in diesem Augenblick seine Ansprache auf dem Podium. Die Zuschauer erhoben sich und applaudierten den Absolventen. Während seine Glückwünsche noch in ihren Ohren klangen, verließ sie die Bühne mit ihrer in Leder gebundenen Abschlussurkunde in beiden Händen.
Ihr Vater erreichte sie als Erster. Er brüllte: »Polizeianwärterin Brixton, melden Sie sich zur Inspektion«, und das im Feldwebel-Ton, bevor er sie in seine gewaltigen Arme schloss, sie hochhob und herumwirbelte, wie er das getan hatte, seit sie ein Kleinkind gewesen war.
»Dad, hör auf.« Vielleicht war es Brick egal, dass er vor ihren Kurskameraden, ihren Ausbildern und ihrem zukünftigen Chef eine Show abzog – für ihn waren sie alle Untergebene –, aber in einem Raum, der bereits so heiß war, wie er das nur in einem September im Süden sein konnte, brannten ihre Wangen, als er sie von einem anerkannten Profi zu Daddys kleiner Polizistin machte, und das mit einer einzigen übertriebenen Geste der Zuneigung. Swain war irgendwo in der Nähe und genoss zweifellos die Show.
»Noah, du bringst sie in Verlegenheit«, ging ihre Mutter in einem nicht weniger peinlichen Versuch dazwischen, ihre erwachsene Tochter aus dem Zugriff väterlichen Stolzes zu retten.
Glücklicherweise stellte ihr Vater sie auf die Füße. »Aus welchem Grund sollte sie verlegen sein?«, fragte er, während sie ihre Uniform zurechtzog. Er nahm ihr das in Leder gebundene Diplom aus der Hand, schlug es auf und zeigte auf die Urkunde darin. »Klassenbeste! In fast allen Kursen verdammt nah am ersten Platz.«
Und oh, da war er … der subtile Hinweis, an welchen Punkten sie versagt hatte. Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, ihn vollkommen zu ignorieren, suchte ihr Blick den Menschen, der ihr in knapp der Hälfte ihrer Kurse den ersten Platz abspenstig gemacht hatte. Marcus Swain war nirgends zu sehen. Er war wie der Rest der Absolventen auf der Bühne gewesen, um seine Urkunde entgegenzunehmen, aber jetzt hatte er sich in Luft aufgelöst. Hatten seine Familie und seine Freunde ihn bereits entführt? Sie hatte nicht bemerkt, dass er auf der Bühne irgendjemandem im Publikum besondere Aufmerksamkeit geschenkt hätte, aber andererseits hatte sie sich, wenn es um Swain ging, geschworen, ihn so weit wie möglich zu ignorieren.
Chief Buchanan trat vor, um ihr zu gratulieren und ihr Ginny vorzustellen, seine atemberaubende Ehefrau. Die attraktive Rothaarige mit den klugen grünen Augen und dem unbeschwerten Lächeln war zufälligerweise auch die Bürgermeisterin von Bluelick und die Besitzerin eines Schönheitssalons am Ort. Buchanan hatte, bevor er eine Karriere als Navy-SEAL gegen eine führende Position im Police Department von Bluelick eingetauscht hatte, unter ihrem Vater gedient. Nach einer Runde nicht optionaler Abschlussfotos mit ihrer Familie machten sie sich auf den Weg zu dem gleichermaßen nicht optionalen Abschlussessen.
Als sie über den Parkplatz gingen, entdeckte Eden endlich auch Swain. Er lehnte an der Fahrerseite des gestreiften, höhergelegten schwarzen Broncos, den er gewohnheitsmäßig direkt neben ihrem weißen Prius auf dem Parkplatz der Akademie parkte. Wer sonst würde ein so unpraktisches Denkmal auf vier Rädern für Brennstoffverschwendung und sinnlose Geländegängigkeit fahren?
Sie hasste dergleichen Dinge fast so sehr, wie sie es hasste, dass ihre Atmung sich ein wenig beschleunigte, als sie ihn in seiner dunkelblauen Paradeuniform sah. Vor ihm stand ein attraktives Paar, das den Eindruck erweckte, als wäre es geradewegs einem Tommy-Bahama-Hochglanzprospekt entstiegen. Kleider, Frisuren, gebräunte Haut und das Glitzern von Sonne auf Schmuckstücken – alles an den beiden ließ auf die Sorte von entspanntem Wohlstand schließen, die das Leben zu einem dauerhaften Urlaub machte.
Sie waren zu weit entfernt, um das Gespräch mit anhören zu können, aber die Gestik sprach Bände. Der Mann beugte sich vor, um Swain mit einem Arm an sich zu drücken – was Swain mit untypischer Steifheit über sich ergehen ließ –, dann drehte er sich zur Seite, um die Frau vorzustellen. Sie lächelte, sagte etwas und streckte eine Hand aus, die er ergriff, um sie so oberflächlich wie möglich zu schütteln. Der Mann sagte noch etwas und deutete mit einem Arm begeistert auf einen silbernen Tesla, ein Modell X, auf der anderen Seite des Parkplatzes. Während er weiterredete, richtete er einen Schlüsselanhänger auf den Wagen und ließ die Schlösser aufspringen. Die Hintertüren öffneten sich langsam von oben, sodass das Gefährt aussah wie ein riesiger leuchtender Raubvogel. Der Mann legte der Frau einen Arm um die Schultern und bedeutete Swain mitzukommen. Der lehnte sich wieder an seinen eigenen Wagen, verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. Dabei fiel sein Blick auf sie. Er erstarrte für einen Moment, dann nahm er die reflektierende Sonnenbrille, die aus seiner Hemdtasche baumelte, und setzte sie auf. Sie hatte niemals zuvor wahrgenommen, wie effektiv ein einzelnes schroffes Kopfschütteln eine absolute Weigerung übermitteln konnte. Sein verkrampfter Kiefer verstärkte die Botschaft noch. Doch obwohl der Mann ihm viel näher war, schien der es nicht zu kapieren. Er redete einfach weiter. Redete und grinste. Ein vertrautes Grinsen. Vertraut genug, dass Eden zwei und zwei zusammenzählen konnte.
Der Mann war offensichtlich ein Swain. Wahrscheinlich Marcs Vater, obwohl er ihr nicht alt genug vorkam, um einen Sohn zu haben, der die Highschool abgeschlossen, geschweige denn den Abschluss an einer Akademie gemacht hatte. Die Frau war offensichtlich nicht seine Mutter, nach der Begrüßung und der Art, wie die beiden miteinander umgingen, zu urteilen. Er hatte offensichtlich nicht erwartet, dass die beiden der Abschlussfeier beiwohnen würden. Aber noch viel offensichtlicher war, dass ihr überraschendes Erscheinen Swain alles andere als willkommen war.
Den sichtbaren Beweisen nach zu urteilen, ging es Daddy Swain finanziell ziemlich gut. Vielleicht wollte Marc nicht, dass die Leute erfuhren, dass er aus wohlhabenden Verhältnissen stammte? Aus welchem Grund auch immer, seine starre Körperhaltung machte klar, dass seine Antwort auf die unerwartete Einladung ein hartes Nein blieb. Er wollte, dass sie so schnell und leise wie möglich verschwanden. Genauso klar war Eden aber auch, dass Swain Senior ebenso wenig wie ihr Vater daran gewöhnt war, ein Nein als Antwort zu akzeptieren, und er würde nicht schnell und leise von der Bildfläche verschwinden, es sei denn, es passte ihm selbst in den Kram.
Vielleicht gewann Mitgefühl für etwas, das sie als eine gemeinsame persönliche Last wahrnahm, die Oberhand, denn ohne nachzudenken, löste sie sich von ihrer Gruppe und winkte Swain zu. »Hey. Da bist du ja.« Die Sonne spiegelte sich auf den dunklen Gläsern seiner Brille, als er den Kopf in ihre Richtung drehte. Sein Gesichtsausdruck blieb undurchdringlich. Trotzdem beschloss sie, ihm eine Rettungsleine zuzuwerfen. Er konnte ihr Angebot annehmen oder es bleiben lassen. »Wir wollen los. Bist du so weit?«
Gute fünf Sekunden lang stand er einfach nur da und starrte sie an oder an ihr vorbei oder durch sie hindurch. Es war schwer, das durch die Brille festzumachen. Dann verzog er die Lippen zu dem Anflug eines Lächelns. »So gut wie. Gib mir eine Sekunde.«
»Ist das eine deiner Kurskolleginnen?«, fragte der ältere Mann und kam näher. Eden hörte in seinem Südstaatenakzent einen Hauch von New Orleans heraus.
»Ich bin einer ihrer Kurskollegen«, sagte Swain ohne jeden Anflug von Ironie. »Eden Brixton hat die Maßstäbe gesetzt. Wir Übrigen haben nur versucht mitzuhalten.«
»Wirklich?« Er zog die Brauen hoch, als sei er beeindruckt. »Herzlichen Glückwunsch. Ich muss sagen, dass die Gesetzeshüterinnen erheblich hübscher geworden sind, seit ich mir das letzte Mal einen Strafzettel eingefangen habe.«
»Meine Güte, danke. Glücklicherweise ist die persönliche Darstellung Teil der Ausbildung, wer weiß, ob ich sonst den Abschluss geschafft hätte?« Sie streckte die Hand aus und fügte hinzu: »Sie müssen Marcs Vater sein.«
Neben ihr lachte Swain auf eine Weise, die verriet, dass er die Beleidigung verstanden hatte. »Eden Brixton, Gerome Swain.«
»Romy«, korrigierte sein Vater ihn und schüttelte ihr die Hand. »Ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen. Diese entzückende Lady« – er drehte sich zu der gertenschlanken Brünetten mit den kunstvollen blonden Strähnchen um – »ist Suzannah, meine Verlobte.«
Aus der Nähe betrachtet konnte Eden sehen, dass die Frau trotz ihres äußerst gepflegten Erscheinungsbildes den Sechzig näher war als den Dreißig. Die paraffinweiche Hand, die sie ergriff, zeigte stolz einen Cocktailring mit einem Saphir vor, der groß genug war, dass ein Pferd daran hätte ersticken können, außerdem hatte er mindestens drei Karat Gesamtgewicht in den gestapelten Diamantbändern, die den Ring formten. Sie tauschten ein »Freut mich, Sie kennenzulernen« aus, bevor Romy erklärte: »Suzie und ich kommen gerade von einer absolut umwerfenden Reise zu diesem fantastischen Haus, das sie in Positano besitzt, und da erfahre ich, dass mein einziges Kind seinen Abschluss an der Polizeiakademie gemacht hat. Natürlich sind wir in den Wagen gesprungen und wie der geölte Blitz hierhergekommen, um ihm zu gratulieren. Ich habe meiner Verlobten einen Lunch in Cardinal Hill versprochen«, fuhr er fort und nannte einen der exklusivsten Country Clubs in der Gegend. »Jetzt möchte ich Marc dazu überreden, dass wir eine kleine Feier daraus machen. Vielleicht möchten Sie sich uns ebenfalls anschließen, Eden?«
»Liebend gern, aber ich kann nicht. Tatsächlich können wir beide nicht.« Sie sah Swain an, dann schaute sie zu ihren Eltern hinüber, die im Schatten eines roten Ahorns standen und mit Shaun und Ginny plauderten. »Wir haben bereits eine Verabredung. Aber es war wirklich nett, Sie kennenzulernen.«
»Dito«, antwortete Romy salopp und zeigte eine breitere, schleimigere Version des Lächelns, das er seinem Sohn vererbt hatte. An Marc gewandt fügte er hinzu: »Ruf mich an, wenn du dich häuslich eingerichtet hast.« Wieder legte er den Arm um die Schultern seiner Verlobten. »Suzie und ich sind kurz davor, ein entzückendes kleines Cottage ganz in der Nähe des Lakeshore Drive zu kaufen. Wir werden dich mal über ein langes Wochenende einladen, damit wir vor der Hochzeit etwas Zeit miteinander verbringen können. Ich bin mir sicher, dass wir in einem der acht Schlafzimmer ein bequemes Plätzchen für dich finden können.«
Marc gab einen unverbindlichen Laut von sich. »Während der nächsten Wochen wird das Sheriffs Department all meine Zeit in Anspruch nehmen. Viel Glück bei dem Abschluss. Ihr solltet den Kaufvertrag einem wirklich guten Immobilienanwalt vorlegen. In meinem Kurs über strafrechtliche Ermittlungen sind alle möglichen Betrugsmaschen behandelt worden, die sich miese Verbrecher einfallen lassen, um sie als legitime Transaktionen zu tarnen.«
Suzie stieß Romy an. »Genau das hat Annabeth auch gesagt! Und sie versteht einiges von Immobilien.«
Romy warf seinem Sohn einen schiefen Blick zu, bevor er Suzie zu ihrem Wagen schob. Als sie sich entfernten, beugte er sich vor und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Schätzchen, Annabeth ist eine müde alte Frau, die sich in alles einmischt und gerade erst eine erbitterte Scheidung durchgemacht hat. Sie ist sauer, dass sie ihren Lebensstil etwas einschränken muss. Du bist jünger und hübscher als sie und gehst insgesamt viel klüger mit deinem Vermögen um. Sie ist im Moment so eifersüchtig auf dich, dass sie nicht klar denken kann.«
Suzie kicherte. »Psst, sei still. Sonst steigen mir deine Worte noch zu Kopf. Noch nie hat jemand gesagt, ich sei klug. Nicht einmal Myron, Gott hab ihn selig.«
Eden sah zu Swain hinüber, der weiter vor sich hin starrte. »Also, das waren dein Dad und deine neue Mommy?«
»Psst, sei still,« äffte er Suzie nach, aber dann drehte er sich um und schenkte ihr ein gequältes Lächeln. »Vielen Dank.« Als der Tesla vom Parkplatz fuhr, fügte Swain hinzu: »Ich schulde dir etwas.«
»Du schuldest mir einiges, angefangen damit, dass ich dir keinen Tritt in den Hintern verpasst habe wegen dieses lächerlichen Spitznamens.« Sie schickte sich an, den Parkplatz zu überqueren. Swain lief neben ihr her.
»Jeder bekommt einen Spitznamen, und niemand darf sich seinen selbst aussuchen, das zählt also nicht. Sonst noch irgendwas, das dir einfallen könnte«, sprach er weiter, bevor sie die Übung zum Abtasten von Verdächtigen erwähnen konnte oder seinen Versuch, sie vor zwei Wochen im Büro des Commanders aus der gemeinsamen Undercover-Operation hinauszudrängen. »Akzeptier deinen, Choux, und lass uns nicht streiten.«
»Na schön.« Sie blieb mitten auf dem Parkplatz stehen, drehte sich zu ihm um und verschränkte die Arme vor der Brust. »Zieh dich aus der gemeinsamen Operation zurück. Du glaubst doch nicht, dass das mit uns beiden funktionieren wird, also, zieh dich zurück und lass mich das allein erledigen.«
»Such dir etwas anderes aus. Darauf habe ich keinen Einfluss. Ich habe es bereits versucht.«
Das tat weh. Zu begreifen, dass ihm ihre Erfolgschancen so gering erschienen, dass er auf eigene Faust zu Malone gegangen war und um Ablöse gebeten hatte. »Weißt du was, Swain? Ich bin sozusagen mit militärischen Strategien groß geworden. Ich habe die Vanderbilt mit summa cum laude absolviert, mit einem Abschluss in Kriminologie, und … ach ja … meine Sache hier an der Akademie habe ich auch ziemlich gut gemacht. Praktisch alle, die mich kennen, halten mich für einen geborenen Cop. Nur du nicht. Warum bloß?«
Nicht einmal die Sonnenbrille konnte seine Überraschung verbergen. »Ich habe nie behauptet, dass du keinen großartigen Cop abgeben würdest. Ich bin mir sicher, dass man dich immer wieder mit Empfehlungen überhäufen wird auf deinem Weg ganz nach oben in der Befehlskette. Du wirst deine Pflicht ehrenvoll und engagiert erfüllen. Du wirst ein Gewinn für jede Abteilung sein, der du angehörst.«
Jetzt war es an ihr, überrascht zu sein. »Nun, danke. Irgendwie. Aber wenn du das wirklich denkst, warum denkst du dann nicht, dass ich meinen Teil zu diesem gemeinsamen Auftrag beitragen kann?«
Er nahm seine Sonnenbrille ab und hängte sie in seine Hemdtasche. Das Grinsen verwirrte nur zusätzlich, aber seine Augen blieben ernst. »Du kannst dich absolut nicht verstellen. Du sagst, was du denkst, aber selbst wenn du den Mund hältst, sieht man dir deine Gefühle an. Deine Wangen nehmen einen bezaubernden Rosaton an, wenn du in Rage bist. Diese großen haselnussbraunen Augen werden grün. Und dein Mund? Deine Lippen machen diese Sache, die sie jetzt gerade auch tun. Ich wette, wenn du sie so zusammenpresst, soll das bedeuten: ›Verarsch mich nicht‹, aber ich werde dir ein kleines Geheimnis verraten, Choux.« Er beugte sich so dicht zu ihr vor, dass sie seinen Atem an ihrem Ohr spürte. Die winzigen Härchen in ihrem Nacken nahmen Hab-Acht-Stellung ein. »Das bringt mich dazu, mit dir schlafen zu wollen. Unbedingt.«
Er zog sich so abrupt zurück, dass sie beinahe zusammengezuckt wäre. »Ich würde jeden Tag Poker gegen dich spielen, aber nein, du wärst nicht meine erste Partnerwahl für eine Aktion, bei der der Erfolg von der Fähigkeit abhängt, Menschen zu täuschen.« Seine Mundwinkel zuckten noch ein wenig weiter in die Höhe – ein rotes Tuch für ihr Temperament. »Aber du kannst dich glücklich schätzen, denn mir ist gerade bewusst geworden, dass meine Lügenkünste für uns beide reichen.«
»Du redest nur Scheiße, Swain.« Oder etwa nicht? Wenn der Job es erforderlich machte, eine Rolle zu spielen, würde sie es tun, und zwar überzeugend. »Nur weil ich während der Ausbildung nicht so getan habe, als würde ich dich mögen, heißt das nicht, dass ich nicht so tun kann, als würde ich dich mögen, Cooyon. Ich kann mich sehr gut verstellen, wenn es notwendig ist.«
Seine Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. Dem draufgängerischen Grinsen, das ihr den letzten Nerv raubte und mit ihren Hormonen Pingpong spielte. Ihr Temperament ging mit ihr durch und entglitt ihrer Kontrolle wie ein Nylonseil einer verschwitzten Faust. Mit einem kleinen warnenden Brummen packte sie ihn vorn an seinem Hemd, riss ihn zu sich heran, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihre Lippen auf seine.
Er stöhnte – ein kurzer, dem Schock geschuldeter Laut, den sie irrsinnig befriedigend fand. Dann stöhnte er abermals – länger und roher. Der Laut vibrierte über ihre Lippen und fand einen Widerhall in ihr auf seinem Weg hinab zu einer Stelle gefährlich weit unten in ihrem Bauch. Instinkt gewann die Oberhand über Beherrschung und Vorsicht. Sie öffnete ihren Mund und tauchte mit ihrer Zunge in den Wirbel der Gefühle. Dann versenkte sie die Finger in dem kurzen Haar in seinem Nacken und hielt ihn fest.
Die Bewegung entlockte ihm ein tiefes Knurren. Eine große Hand legte sich auf ihren Rücken. Ein starker Arm zog sie an eine solide, breite Brust. Obwohl sie sich auf einen heftigen Ansturm vorbereitete, zog er sie mit irritierender Sanftheit an sich, und seine Zunge verführte ihre mit einem gemächlichen Streicheln, während seine Lippen eine betörende Reibung ausübten, um sie tiefer hereinzulocken. Sie hielt sich an seinem Bizeps fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und stellte sich auf die Zehenspitzen, während er langsam ihre Zunge von Anfang bis Ende auskostete. Warmer Atem vermischte sich mit ihrem, als ihre Münder sich voneinander lösten. Sie öffnete die Augen und schaute in ein so intensives Blau, das sich an den äußeren Rändern seiner Iris zu Schwarz verdunkelte.
Von einem Ort irgendwo in weiter Ferne hörte sie Applaus und Pfiffe. Ihre Kurskameraden und Ausbilder, Augenzeugen dieser kleinen Demonstration ihrer Fähigkeiten im Vortäuschen falscher Tatsachen. Swain hielt den Arm um sie gelegt und drückte sie weiter an sich, während er ihr forschend ins Gesicht sah. Weil sie plötzlich Angst vor dem hatte, was er darin lesen könnte, hob sie das Kinn. »Ich denke, ich habe meine Behauptung unter Beweis gestellt.«
Er ließ sich Zeit damit, sie loszulassen. Sie gestattete es ihm, denn sie wollte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, ängstlich zu sein. »Das war ein verdammt gutes Argument, Choux. Wann immer du es noch ein wenig deutlicher beweisen willst, stehe ich zur Verfügung.«
»Das könntest du gar nicht verkraften, Swain.« Mit diesen Worten wirbelte sie herum und ging über den Parkplatz zu – Jesus Oh mein Gott, Eden – ihren Eltern. Oh, und ihrem Boss. Äußerlich blieb sie ruhig und gelassen. Aber innerlich? Innerlich wusste sie, dass sie diejenige war, die die wahre Lektion gelernt hatte. Sie misstraute dem selbstgefälligen, blasierten Marcus Swain immer noch, aber er hatte hundert Prozent recht, was ihre schauspielerischen Fähigkeiten betraf. Sie waren nicht so gut. Die Chemie zwischen ihnen, die explodierte, wann immer ihr Mund dem seinen begegnete, war echt. Allzu echt.
»Seid ihr so weit?«, fragte sie, als sie den gemieteten Chrysler Pacifica erreichte, vor dem ihre Eltern warteten, um mit ihr in das Restaurant zu fahren, das Shaun und Ginny ihnen für ihren Lunch zur Feier des Tages empfohlen hatten.
Ihr Vater musterte sie mit einer hochgezogenen Braue über das Dach des Wagens hinweg. »Bist du dir sicher, dass du deinen Freund nicht einladen willst, sich uns anzuschließen?«
Sie stieg in den offenen hinteren Sitzbereich des Pacifica und drückte auf den Knopf, um die Tür zu schließen.
»Ich bin mir sicher.«
»Keine schlechte Arbeit für die erste Woche, Grünschnabel.«
Swain warf eine weitere Ladung alter Dachschindeln in den Müllcontainer unter ihnen. Während die Trümmer in den Metallbehälter prasselten, richtete Swain sich auf und klopfte sich den Staub von seinen Arbeitshandschuhen. So schmutzig und schweißtreibend die Arbeit war, schenkte er Junior Tillman, seinem Vorarbeiter, ein Lachen, bevor er das Schild seiner arg mitgenommenen Baseballkappe der Saints hochdrückte und seine Stirn von der kalten Brise abkühlen ließ. Junior, der einen leichten Sonnenbrand auf seiner kurzen Nase und seinen breiten Wangen hatte, tat das Gleiche mit seiner Century-Construction-Kappe. »Grünschnabel? Ich reiße Dächer ab und bringe welche an, seit ich fünfzehn bin.« Seine Berufserfahrung würde diese Behauptung stützen, sollte Tillman auf den Gedanken kommen, die Referenzen zu überprüfen, die er als Teil seiner Undercover-Identität vorgelegt hatte. Der sechsundzwanzigjährige Michael Swain hatte seine Sommer damit verbracht, auf Baustellen zu arbeiten, bevor er dem Marine Corps der Vereinten Staaten beigetreten war. Nur Tyler Longfoot, der Gründer von Century Construction, wusste von seiner echten Identität und dem wahren Grund, warum er sich ihrer Crew angeschlossen hatte. Was alle anderen betraf, war er ein entfernter Verwandter von Longfoot und auf der Suche nach einem festen Job näher bei der Familie seiner Verlobten in Ohio.
»Für uns bist du neu«, antwortete Junior und schlug ihm mit der leutseligen Inbrunst eines Mannes auf den Rücken, der keinen Gedanken daran verschwendete, dass der Empfänger seines freundschaftlichen Hiebes direkt neben einem Abgrund von sieben Metern stand. Glücklicherweise war er bloß einen Meter fünfundsechzig groß, und obwohl er gebaut war wie ein Bulle, hatte er weder die Größe noch die Absicht, den neuen Kerl hinabzustoßen. Stattdessen ging er zu der ausziehbaren Leiter und schwang sich mit der Leichtigkeit eines Mannes darauf, der eine solche Bewegung so regelmäßig ausführte, wie er ins Bett hinein und wieder herausstieg. »Komm mit nach unten, dann stelle ich dir deinen ersten Lohnscheck aus. Hast du heute Abend schon etwas vor mit diesem Mädchen, von dem du nicht aufhören kannst zu reden?«
Swain stopfte seine Arbeitshandschuhe in die Gesäßtasche seiner Jeans und folgte dem Mann nach unten. »Sie ist meine Verlobte, Junior. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mir die Eier abschneiden würde, wenn ich über andere Mädchen spräche.«
Der Vorarbeiter lachte, als er zu dem braunen Baustellenbürocontainer ging. »Da hast du nicht ganz unrecht, schätze ich. Hat sie sich schon gut eingelebt?«
Er nickte und trat beiseite, damit Junior Platz hatte, an den kleinen zugemüllten Schreibtisch zu gelangen, der in einer Ecke des schmalen Büros stand. »Jepp. Sie ist kurz vor Mittag aus Cleveland eingetroffen, wo ihre Schwester wohnt, und sie hat bereits den ganzen Schlafzimmerschrank für sich beansprucht.« Was alles mehr oder weniger der Wahrheit entsprach. Aufgrund verwaltungstechnischer Unterschiede zwischen ihren jeweiligen Arbeitgebern, was Arbeitsbeginn und Abrechnungszeiträume betraf, war er eine Woche vor Eden eingestiegen. Sie hatten vereinbart, dass er vorausfuhr und sich schon einmal häuslich einrichtete. Eden war heute vom Haus ihrer Eltern in Virginia hergefahren und nicht von dem einer nicht existierenden Schwester in Cleveland. Nach der Textnachricht zu urteilen, die sie geschickt hatte, hatte sie nur die Hälfte des Kleiderschranks mit Beschlag belegt, und er hätte seinen ersten Lohnscheck darauf verwettet, dass ihre Hälfte bis auf den Millimeter abgemessen und entsprechend markiert war.
Ihr teilweise möbliertes Cottage mit seiner abblätternden weißen Farbe, das in einem unverkennbaren Arbeiterbezirk der Stadt stand, wies eine kleine Wohnküche auf, ein einziges Schlafzimmer und ein einfaches Bad mit hellgrünen Kacheln, außerdem ein winziges Zimmer im oberen Stockwerk, das der Vermieter als Kinderzimmer bezeichnete und das sie als Büro benutzen würden. Darüber hinaus verfügte das Cottage über eine Veranda, eingerahmt von Ackerwinden und groß genug, um mit ein paar Freunden dort ein Glas zu trinken. Es passte zu ihrem Profil eines jungen geselligen Paares mit begrenzten finanziellen Mitteln, und es würde die jeweiligen Departments wegen der geteilten Kosten gar nicht so teuer zu stehen kommen, aber so ideal es in dieser Hinsicht auch war, wünschte er, er hätte Edens Gesicht sehen können, als sie die gefurchte Lehmeinfahrt zu ihrem »Liebesnest« hinaufgeholpert kam. Er hatte so eine Vermutung, dass Ms Eden Brixton, Summa-cum-laude-Absolventin der Vanderbilt, nicht viel Zeit auf der falschen Seite der Gleise verbracht hatte. Im Gegensatz zu ihm, der in seinen prägenden Jahren in puncto Lebensumstände drastische Höhen und Tiefen durchlaufen hatte, was im Wesentlichen mit Romys schwankendem Erfolg bei seinen Betrugsdelikten und der daraus resultierenden immer wiederkehrenden Flucht vor dem Gesetz oder sonstigen Widersachern zusammenhing.
Junior stellte den Scheck aus und reichte ihn Swain über den Schreibtisch hinweg. »Ich denke, ihr zwei werdet heute Abend beschäftigt sein, um verlorene Zeit gutzumachen, aber wenn es euch juckt, einen Teil von diesem Lohnscheck auf eine gesellige Weise auszugeben, geht rüber in Rawley’s Pub. Da gibt es freitagabends Live-Musik, was sich großer Beliebtheit erfreut. Ein bisschen Trinken, ein bisschen Tanzen. Ich und meine bessere Hälfte, Lou Ann, gehen gern dorthin, um nach einer langen Woche ein wenig Dampf abzulassen.«
»Danke.« Der erste Durchbruch, der sich ihm bot, sie schienen ihnen ihre Rolle abzukaufen. Er faltete den Scheck zusammen und drückte schnell einen Kuss darauf, bevor er ihn in die Tasche seiner Jeans schob. »Ich kann ihm genauso gut gleich einen Abschiedskuss geben, denn mein Mädchen verpulvert das Geld genauso schnell, wie ich es verdiene.«
Junior lachte wie eine Lkw-Hupe. »Junge, das kenne ich. Nimm es locker, Swain.«
»Ja. Vielleicht sehen wir uns im Pub. Bis später, Boss.«
