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Eine Fake-Verlobung in Alaska
Die ehrgeizige Anwältin Isabelle Marcano würde eher einen Marathon in ihren High Heels laufen, als freiwillig nach Alaska zu fliegen. Doch um für ihre Firma in L.A. einen Deal abzuschließen, wird sie von ihrem Boss nach Captivity, ein kleines Städtchen im kalten Norden, geschickt. Der einzige Vorteil: Hier kommen drei Single-Männer auf eine unverheiratete Frau, und ein heißer Holzfäller könnte ihrer sexlosen Phase endlich ein Ende bereiten. Doch kaum ist sie aus dem Flugzeug gestiegen, durchkreuzt ihr - zugegeben sehr attraktiver Klient - diese Pläne, indem er jedem erzählt, dass sie seine Verlobte ist. Widerwillig lässt sich Isabelle auf dieses Täuschungsmanöver ein, doch schon bald kochen die Gefühle zwischen ihr und Trace hoch ...
"Das Prickeln zwischen Trace und Izzy ist unglaublich. Dieses Buch ist die perfekte Mischung aus sexy und humorvoll!" Bookcase and Coffee
Auftakt der neuen ALASKA-Reihe von Bestseller-Autorin Samanthe Beck
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Seitenzahl: 527
Veröffentlichungsjahr: 2023
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
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Epilog
Danksagung
Die Autorin
Die Romane von Samanthe Beck bei LYX
Leseprobe
Impressum
SAMANTHE BECK
Alaskan Boss
PLÖTZLICH VERLOBT
Roman
Ins Deutsche übertragen von Hans Link
Die ehrgeizige Anwältin Isabelle Marcano würde eher einen Marathon in ihren High Heels laufen, als freiwillig nach Alaska zu fliegen. Doch um für ihre Firma in L. A. einen Deal abzuschließen, wird sie von ihrem Boss nach Captivity, ein kleines Städtchen im kalten Norden, geschickt. Der einzige Vorteil: Hier kommen drei Single-Männer auf eine unverheiratete Frau, und ein heißer Bärendaddy könnte ihrer sexlosen Phase endlich ein Ende bereiten. Doch kaum ist sie aus dem Flugzeug gestiegen, durchkreuzt ihr – zugegeben sehr attraktiver Klient – diese Pläne, indem er jedem erzählt, dass sie seine Verlobte ist. Widerwillig lässt sich Isabelle auf dieses Täuschungsmanöver ein, doch schon bald kochen die Gefühle zwischen ihr und Trace hoch …
Für die Bärendaddys dieser Welt …
Und die Menschen, die sie lieben!
Isabelle Marcano hatte es echt nötig.
Das gab sie unumwunden zu. Sie klammerte sich an ihre klappernden Armstützen und biss ihre gleichermaßen klappernden Zähne aufeinander. Sie hatte so lange nicht mehr Sex mit einem Partner aus Fleisch und Blut gehabt, bei dem sich die Laken verhedderten und Haut auf Haut klatschte, dass Danny, ihr bester Freund, beharrlich behauptete, sie müsse inzwischen eine zweite Jungfräulichkeit erworben haben.
Aber nicht noch so viele Männer, nicht einmal raue Mengen an »Bärendaddys«, die Danny ihr versprochen hatte, so wild, ungezähmt und üppig wie das Land, in dem sie angeblich frei herumliefen, waren das hier wert … diesen …
Es ließ sich wohl kaum als Flug bezeichnen.
Diese Achterbahnfahrt durch die sieben Kreise der Hölle.
Der wolkenverhangene Horizont neigte sich scharf nach links. Sie dachte zurück an ihr Gespräch mit Danny an diesem Morgen, nach einem Meeting mit einem Mandanten und bevor sie zum LAX gerast war, um ihren teuren, mit reichlich Sicherheitsvorkehrungen ausgestatteten Linienflug für die erste Etappe ihrer Reise – von Los Angeles nach Seattle – zu erwischen.
Danny, ich lehne alles ab, was die Worte »Daddy« und »Bär« in unmittelbare Nähe zueinander bringt.
Oh, Schätzchen, entspann dich. Ein Bärendaddy ist ein Archetyp, kein tatsächlicher Vater. Er ist eine große bärtige Bestie, die dich in jede Position verbiegen wird, die dir gefällt, und wenn er mit dir fertig ist, wirst du »Daddy!« schreien. Ein Ort wie Captivity in Alaska? Das ist sicheres Bärendaddygebiet, Izzy. Du könntest dir für jeden Abend der Woche einen neuen fangen. Du kannst so richtig einen draufmachen in Captivity.
Am Morgen hatte es zu schön geklungen, um wahr zu sein, aber nur acht Stunden später hätte sie Dannys wildeste Bärendaddyfantasien mit Freuden gegen festen Boden eingetauscht. Sie waren das Risiko nicht wert, in eine Unglücksstatistik von Kleinflugzeugen einzugehen.
Genauso wenig wie deine Beförderung, ergänzte sie hektisch in Gedanken, als der Horizont wieder nach rechts kippte. Nicht einmal ihre Beförderung zur Juniorpartnerin in der Kanzlei in Los Angeles, wo sie während der letzten fünf Jahre pflichtschuldigst fünfzig Wochenstunden und mehr gearbeitet hatte.
Die vibrierende Sardinendose von Buschflugzeug vollführte einen kräftigen Hüpfer und katapultierte ihren Magen in ihren Brustraum hinauf, dann sackte das Flugzeug plötzlich ab, als hätten sich jedwede magischen Kräfte, die das Fliegen ermöglichten, auf der Stelle entschlossen, sich in Luft aufzulösen. Bei dem atemberaubenden freien Fall schoss ihr das Herz in die Kehle und hinderte ihren Aufschrei daran, sich Luft zu verschaffen.
Gütiger-magnetischer-Jesus-auf-dem-Armaturenbrett! Als Karteninhaber sämtlicher bedeutender Fluggesellschaften schrie man nicht laut auf wegen irgendwelcher Turbulenzen. Auch wenn sie ihr Lieblingskostüm von Max Mara durchschwitzte. Oder ihre erst einen Tag alte Maniküre ruinierte. Auch wenn sie – sobald sie an ihre Handtasche herankam – sich todsicher die Pillen gegen Angstzustände auf pflanzlicher Basis, die sie am Flughafen in Los Angeles gekauft hatte, einwerfen würde. Sie würde jedenfalls nicht schreien.
Der Mann, der neben ihr an den Schalthebeln saß, fluchte leise vor sich hin, als sei ihr Sturzflug gen Erde nicht mehr als ein unbedeutendes Ärgernis. Er machte irgendetwas, das sie aus dem Abwärtstrichter hinausriss und das Flugzeug bebend aufsteigen ließ. Sie riskierte einen tiefen Atemzug und einen Blick in seine Richtung.
Danny war der Experte, aber für ihr zugegebenermaßen ungeübtes Auge hätte ihr Pilot ein Häkchen in sämtlichen Bärendaddykästchen verdient. Sein Duft, eine verwegene Mischung aus Seife und Testosteron, betörte ihre Sinne. Sein dichtes schwarzes Haar hatte mehr als eine Runde beim Frisör übersprungen und wellte sich über einer kantigen Stirn, und es betonte den sonnengebräunten Teint eines Menschen, der den Großteil seiner Zeit im Freien verbrachte. Eine kräftige gerade Nase dominierte sein Profil, und ein von Bartstoppeln verdunkeltes Kinn vervollkommnete das Bild. Der Mann verströmte Bärendaddy-Essenz aus allen Poren. Selbst die silberne Fliegerbrille, die seine gletscherblauen Augen verbarg, konnte dem Mann nicht einmal einen Hauch von Großstadtmensch verleihen. Sein Holzfällerkörper füllte das Cockpit fast so sehr aus wie seine Aura rauer Männlichkeit.
Bedauerlicherweise war er Trace Shanahan, Mandant ihrer Kanzlei und der CEO von Captivity Air, und somit, ihrem Berufsethos zufolge, für sie tabu. Außerdem hatte er sie bei ihrem Treffen in Anchorage, von wo aus er sie zu ihrem letzten Ziel, dem entlegenen Örtchen Captivity flog, mit einem fesselnden Blick gemustert, der ihr ein ganz klein wenig traurig vorgekommen war. Dann waren seine Augen schmal geworden, und aus seinem Blick hatten Bestürzung und – es sei denn, sie hatte es falsch interpretiert – Missbilligung gesprochen.
Was möglicherweise seine Missbilligung erregte, konnte sie nicht ergründen. Sie hatten gerade so viele Worte gewechselt, wie nötig waren, um sich einander vorzustellen und Isabelle mitsamt ihrem großen, mit einem Monogramm versehenen Koffer in den geflügelten Sarg zu verfrachten, mit dem der Mann gegenwärtig kämpfte, um ihn in der Luft zu halten.
Vielleicht traute Trace einer Frau nicht zu, ihn als Anwältin bei dem anstehenden Verkauf seiner Anteile an Captivity Air and Freight an Skyline Air, ein größeres kalifornisches Luftfahrtunternehmen, zu vertreten. Was immer der Grund für sein ungehöriges Benehmen war, es spielte eine Rolle bei ihrer Entschlossenheit, nicht zu schreien oder sich sonst irgendwie in Verlegenheit zu bringen, während sie ihrem Schicksal ins Antlitz sah.
Verdammt, es war eine Schande. Eine Schande, dass er ein Mandant war, möglicherweise ein Chauvinist, und sie im Begriff war, als Quasi-Jungfrau zu sterben, denn das Einatmen seiner schlichten Seife oder seiner Pheromone oder beidem, während sie beobachtete, wie er sich an den Hebeln des kleinen Flugzeugs zu schaffen machte, weckte in ihr verbotene Fantasien. Er würde nicht einmal sprechen müssen. Er brauchte einfach nur tief zu grunzen, während er ihr das Hirn aus dem Leib vögelte.
Alle Männer in ihrer Welt waren höchst zivilisiert. Sie fielen in zwei Kategorien – sie waren entweder Rechtsanwälte oder schwul oder, wie in Dannys Fall, beides. So war ihr Leben als ledige Frau in West-Hollywood.
Das Flugzeug fiel mit einem übelkeiterregenden Schlingern in eine waagerechte Position.
Dank Trace’ Drängen, vor dem Sturm aufzubrechen, der sie jetzt aus dem Himmel zu spucken drohte, würde sie möglicherweise ein glutenfreies, milchproduktfreies, vegetarisches Mittagessen der Business Class der Alaskan Airlines über ihr Limited-Edition-Kostüm erbrechen, das sie nach ihrem Frühstücksmeeting gegen lässige Reisekleidung hatte austauschen wollen. Bedauerlicherweise hatte das Meeting länger gedauert als geplant. Danach hatte sie gehofft, dass sie sich bei ihrer Ankunft in Anchorage würde umziehen können, aber ihr Flug hatte sich verspätet. Da Shanahan darauf hingewiesen hatte, dass sie unbedingt vor dem Schneesturm in der Luft sein mussten, hatte sie es dabei bewenden lassen. Vorausgesetzt, sie überlebte diese Todesspirale in den hohen Norden, würde es ihrem exklusiven Trockenshampoo hoffentlich gelingen, einen ganzen Nachmittag in heller Panik aus dem Kostüm herauszuwaschen.
Ein weiteres Luftloch ließ das Flugzeug in zwei Etappen in die Tiefe sacken, die ihr alle Knochen durchrüttelten.
Das war’s, Izzy. Das ist dein Ende. Abrupt und tragisch. Sie spähte aus dem Seitenfenster. Zwei zerklüftete schneebedeckte Gipfel ragten durch trübe graue Wolken. Du willst das gar nicht sehen.
Wollte sie tatsächlich nicht. Mit fest zusammengepressten Augen wühlte sie in der ausgebeulten Gucci-Handtasche, die einen irrwitzigen Anteil ihres Bonus aus dem ersten Jahr verschlungen hatte und die jetzt ohne viel Federlesens unter ihren Sitz gestopft worden war. Endlich bekam sie das Fläschchen mit den Tabletten zu fassen. Sie brauchte das Etikett nicht zu lesen, um sich an die Dosierungsanweisungen zu erinnern – eine Tablette nach Bedarf, um natürliche Gelassenheit und Balance zurückzuerlangen. Na schön, sie hatte auf ihrem vorherigen Flug ein Glas Cabernet getrunken, und der Medikamentenhersteller hätte es wahrscheinlich nicht empfohlen, die Wirkung mit Alkohol zu verstärken, aber im Angesicht des unmittelbar bevorstehenden Todes galten solche Regeln nicht mehr. Vor allem wenn es sich um einen schmerzhaften und Furcht einflößenden unmittelbar bevorstehenden Tod handelte. Sie drehte hektisch den Deckel ab, führte das Fläschchen an die Lippen und ließ sich vom Schütteln des Flugzeuges eine Tablette in den Mund werfen. Beim nächsten abrupten Absacken schluckte sie die Tablette mit kaum mehr als einem Aufkeuchen herunter. Sie schraubte das Fläschchen wieder zu und warf es in die Handtasche, die einst eine Trophäe ihrer harten Arbeit und ihrer Leistungen gewesen war. Und die schon bald ein verbranntes, zerschundenes Artefakt eines Absturzes auf dem Gipfel irgendeines gottverlassenen Berges sein würde.
Das Flugzeug schoss erneut in die Tiefe, diesmal vielleicht mit Absicht, da sich das Manöver langsamer und maßvoller anfühlte. Inmitten des Schepperns und Brummens der Motoren wurde ihr bewusst, dass Shanahan etwas sagte. Zu ihr?
Sie zwang sich, die Augen zu öffnen, und aus dem Schutz ihrer geschliffenen Markensonnenbrille betrachtete sie sein Profil. »Was?«
Das Wort kam als ein leises Flüstern heraus, unhörbar im Lärm des Flugzeugs, aber es spielte keine Rolle, denn er hatte in sein Headset gesprochen und nicht mit ihr.
Seine tiefe Stimme und seine ohne Hast hervorgebrachten Worte wirkten zu gelassen für einen Notruf. Sprach er mit einem Tower irgendwo? Bitte, lieber Gott. Wenn sie ihre Koordinaten über Funk bekanntgaben, würde ein Suchtrupp irgendwann ihre Leichen finden und ihren Lieben den Trost einer ordentlichen Beerdigung bescheren.
Aus irgendeinem Grund ließ dieser Gedanke ein Bild von Danny vor ihrem geistigen Auge aufsteigen, wie er an der Stirnseite des großen Konferenztischs in der Kanzlei stand und in einem mit Kollegen, Angestellten und Partnern gerammelt vollem Raum ihren Nachruf verlas. Er trug einen Smoking – seltsam – und hielt eine Champagnerflöte in der Hand, als er das Wort mit seinem typischen Gesichtsausdruck trockenen Humors an die Anwesenden richtete.
Viele von Ihnen behaupten, Sie würden dafür sterben, es zum Partner zu schaffen, aber unsere liebreizende, übereifrige Isabelle ist tatsächlich dafür gestorben. Diese Tatsache könnte Sie zu der Annahme verleiten, beruflicher Ehrgeiz habe ihr Leben angetrieben, aber Izzy hatte noch andere Ziele und andere Gründe für die Reise nach Captivity. Sie war nicht einfach nur eine hochkarätige Anwältin, sie war eine Frau, mit den Hoffnungen einer Frau. Den Träumen einer Frau.
Den … Bedürfnissen einer Frau. Bedürfnisse, die sie den ganzen Weg bis hinauf in den eisigen Norden getrieben haben, auf der Suche nach dem kostbarsten, nur schwer zu erringenden Preis – rauem, ausdauerndem Sex mit rauen, ausdauernden Männern. Wir können nur beten, dass sie irgendwo im Himmel endlich den Bärendaddy ihrer Träume gefunden hat.
Er hob sein Glas. Auf Bärendaddys.
Alle hoben ihre Gläser.
Auf Bärendaddys.
Als Trace damit fertig war, dem Tower von Captivity zu erklären, wer er war, was er wollte und wo er sich befand, hörte er ein unerwartetes Geräusch neben sich im Cockpit. Ein Lachen? Er betrachtete die kleine Anwältin, die seine Kanzlei geschickt hatte, um die Verkaufsmodalitäten sorgfältig zu prüfen. Jepp, das Ariana-Grande-Double, in einem Outfit wie aus Der Teufel trägt Prada, kicherte, ertappte ihn dabei, dass er sie beobachtete, presste sich eine Hand auf den Mund und kicherte abermals.
Er zog eine Braue hoch. »Gibt’s ein Problem?«
Sie schüttelte den Kopf, ließ die Hand sinken und presste die Lippen zu einer ernsten Linie zusammen. »Nein. Kein Problem. Bitte lassen Sie sich von mir nicht ablenken von …« Sie deutete auf die Bedienelemente.
Okaaay. Sie hatte sich während des ganzen Fluges wacker gehalten, eines Fluges, bei dem Freeclimber, Großwildjäger und andere Menschen, die in der Wildnis nach einem Kick suchten, die Kotztüten umklammert und nach Mommy gegreint hätten, aber anscheinend hatte selbst eine smarte Großstadtanwältin von der hochkarätigen Kanzlei Hecker, Hiltz & Reynolds ihre Grenzen.
Trotzdem, kein Problem. Er war schon durch Schlimmeres geflogen als die Vorläufer eines der späten Märzschneestürme, die Mutter Natur ihnen gelegentlich bescherte. Sie würden bald auf dem Boden sein. Das war der Punkt, an dem seine Probleme beginnen würden. Jedenfalls was den heutigen Tag betraf.
Er warf einen weiteren verstohlenen Blick auf seinen Co-Pilotensitz, wo gegenwärtig Problem Nummer eins saß, und dachte zurück an das Gespräch, das er in der vergangenen Woche mit Chuck Reynolds geführt hatte – dem langjährigen Freund der Familie und Gründungspartner der Anwaltskanzlei. Chuck verstand, wie schnell sich Neuigkeiten in einem Städtchen von der Größe Captivitys herumsprachen, und unterstützte ihn in seinem Wunsch, den angestrebten Verkauf seiner Firmenanteile im Ort unter der Decke zu halten, bis er zu einer definitiven Entscheidung gelangt war. Chuck hatte ihm eine Kollegin versprochen, die nicht weiter auffallen und als eine dieser Outdoor-Abenteuerinnen durchgehen würde, die von Captivity angelockt wurden.
Die Modepuppe neben ihm fiel auf. Bereits am Fuß der Rolltreppe am Flughafen von Anchorage, wo er auf sie gewartet hatte, hatte sie seine Aufmerksamkeit erregt. Er hatte sie einer Musterung unterzogen, von den Spitzen ihrer glänzenden schwarzen Pumps, die ihre absolut spektakulären Beine betonten, über Kurven, bei denen einem der Sabber im Mund zusammenlief, und der Andeutung eines Dekolletés, das ihr elegantes, rotes Kostüm preisgab, bis hin zu ihrem instagramtauglichen Make-up und dem glatten Zopf aus dichtem dunklen Haar. Und er hatte jede Sekunde dieses Augenschmauses genossen – mehr als er sonst irgendetwas seit Monaten genossen hatte. Als sie ihm nah genug gewesen war, dass er ihren kultivierten, umwerfend sexy Duft auffing, hatte sie gefragt: »Mr Shanahan?«, und das mit einer Stimme, die genauso kultiviert und umwerfend sexy war.
Er hatte darüber nachgedacht, sie zu bitten, sich etwas Passenderes anzuziehen, aber ihr Zeitfenster für den Flug von Anchorage nach Captivity war wegen des heraufziehenden Unwetters einfach zu eng gewesen. Außerdem bezweifelte er nach einem Blick auf ihr übergroßes Designer-Gepäckstück und den Kaschmirmantel über ihrem Arm, dass sie etwas Passenderes bei sich hatte. Er bezweifelte, dass sie die Bedeutung des Wortes überhaupt kannte.
Also würden sie jetzt in nur wenigen Minuten die Landebahn erreichen, wo eine Handvoll Angestellte einen ausgiebigen Blick auf Isabelle Marcano, Alaska-Extremabenteuerin, würde werfen können, und sie alle würden merken, dass da irgendetwas nicht stimmte. Während ihres anderthalbstündigen Fluges hatte er keinen einzigen Geistesblitz gehabt, wie er seinem Team diese Frau erklären sollte. Schon jetzt fragte sich die halbe Stadt, was für einen Zweck seine zahlreichen Ausflüge nach Los Angeles hatten.
Seinem Pilotenkollegen Maddox »Mad Dog« Douglas zufolge standen im Tipsy Goose die Wetten zwei zu eins, dass Trace eine glühend heiße Affäre mit mindestens einer Teilnehmerin der Junggesellinnen-Abschiedstruppe hatte, die im vergangenen Sommer bei einer Rundreise durch den Glacier Bay National Park eine Weile in Captivity gewesen waren. Eine Gruppe von sieben Frauen in den Zwanzigern – sechs davon ledig – erregte in dieser Gegend legendäres Aufsehen. Er konnte sich ehrlich an keine einzige dieser Frauen erinnern, wahrscheinlich weil sie gewusst hatten, wie man sich anpasste, aber er hatte in Erwägung gezogen, in der Bar vorbeizuschauen und einen Hunderter auf die glühend heiße Affäre zu setzen.
Zumindest steckte Bridget wegen des Unwetters über Nacht in Anchorage fest, sodass seine Schwester nicht die Erste in der Schlange wäre, die jedwede Erklärung zunichtemachen würde, die er für die Anwesenheit seines Gastes vorbrachte, aber trotzdem.
Er war aufgeschmissen.
Trace schob seine Sorge beiseite, um sich auf die Landung zu konzentrieren. Das Flugzeug schnitt durch die unterste Wolkenschicht wie ein Samurai-Schwert durch Seide, und seine Heimatstadt kam in Sicht. Obwohl es noch nicht mal sieben Uhr am Abend war, brachte der aufziehende Sturm eine frühe Dämmerung mit sich, die die Aussicht trübte. Statt der dunkelblauen Bucht, die von einem schmalen Küstenstreifen in der Farbe der japanischen Teichmuschelschalen gesäumt war, die den Strand übersäten, war Captivity Cove eine graue aufgewühlte Suppe. Lichter von dem kleinen Bootshafen, dem vereinsamten Kreuzfahrtschiff-Dock und dem von Captivity Air and Freight schwammen im Dunst. Alle diese Hafenanlagen und alles andere am Ufer der Bucht würde bis zum Morgen wahrscheinlich von einer Eisschicht bedeckt sein.
Straßenlaternen sprenkelten den Rand der Bucht und folgten den Kurven des Coveside Drive. Kleinere, blassere Lichter waren über den Hügel mit Blick auf die Bucht verstreut, auf dem Passagiere an einem klaren Tag die farbenfrohen »Ladys« von Captivity sehen konnten. Diese leuchtend bunten, historischen, hölzernen Ladenfronten in der Stadt verliehen der Beständigkeit des alten Westens viktorianisches Flair. Größere, aber genauso bunte und historisch anmutende Häuser – von denen einige eigens so nachgebaut waren –, schmiegten sich an die von Fichten gesäumten Hänge, die sich zu einem tausendfünfhundert Meter hohen Berg aufschwangen, den die Einheimischen Kat’s Peak getauft hatten. Er gehörte zu dem uralten und unwegsamen Gebirgszug mit dem Namen Chilkat, der ihre Gegend umschloss.
Normalerweise verbrachte er seine Zeit damit, seine Passagiere auf die verschiedenen Attraktionen aufmerksam zu machen, aber an diesem Abend war die Sicht nicht optimal, und die Frau neben ihm war keine Touristin. Er schaute zu ihr hinüber. Sie trug eine völlig unnötige Sonnenbrille, durch die sie geradeaus starrte, und strich sich mit einer Hand über ihre elegante Frisur, während sie sich gleichzeitig die Reste von rotem Lipgloss mit der Zungenspitze ableckte. Wahrscheinlich war ihr jedwedes Ziel scheißegal, das keine Filiale von Saks in der Fifth Avenue vorwies oder einen Schönheitssalon mit fünf Sternen, aber während er beobachtete, wie ihre rosige Zunge über diese sinnlich geschwungenen Lippen glitt, stellte er fest, dass das wiederum seinem Schwanz scheißegal war.
Er seufzte innerlich. Was für ein hervorragendes Timing, gerade jetzt aus dem Winterschlaf aufzuwachen, bei der denkbar unwahrscheinlichsten Möglichkeit, Beute zu machen. Komplizierte Frauen waren nicht sein Typ, und alles an Isabelle Marcano, der Hochwohlgeborenen, schrie nach Ansprüchen, angefangen von ihrem maßgeschneiderten Kostüm und ihren unpraktischen Schuhen bis hin zu diesem absurd erotischen Duft, der sein Cockpit erfüllte.
Er ließ das Flugzeug einige Grad westwärts fliegen, bis das Gelände von Captivity Air seine Windschutzscheibe ausfüllte. Jenseits des Docks, wo sie ein- und ausstiegen, wenn sie auf dem Wasser oder dem Eis landeten, erstreckten sich die hübschen, y-förmigen Landebahnen, der mit roten Schindeln verkleidete Terminal und die Wellblech-Hangars des Luftfrachtunternehmens, das seine Urgroßeltern vor fast achtzig Jahren gegründet hatten.
Jeder Zoll des Unternehmens war ihm so vertraut wie sein Handrücken, aber seit dem letzten Herbst hatten sich Stolz und Freude über dieses familiäre Vermächtnis für ihn größtenteils in Luft aufgelöst. Schlimmer noch, er bezweifelte, dass sich Stolz und Freude jemals wieder einstellen würden. Er wollte aussteigen. Bridget wollte einfach nur fliegen. Sie dazu zu bewegen, das bloße Minimum an Papierkram zu erledigen, das mit diesen Flügen einherging, stellte sie beide jedes Mal auf eine harte Geduldsprobe. Je weniger administrative Belastungen, wie die Führung der Firma sie mit sich brachten, bei ihr hängen blieben, umso glücklicher würde sie sein.
Dachte er.
Aber sie war erst fünfundzwanzig, er hingegen dreißig. In fünf Jahren würde sie vielleicht eher geneigt sein, einen Teil ihrer Zeit hinter einem Schreibtisch zu verbringen und den Managementkram zu erledigen. Das Problem war nur, dass er keine Kraft mehr hatte, fünf weitere Jahre das Organisatorische zu erledigen. Die oberste Verantwortung für die Sicherheit und das Wohlergehen eines jeden Piloten und Passagiers in seiner Obhut lasteten zu schwer auf seinen Schultern.
Unqualifizierte Schultern, wie sich herausgestellt hatte. Der letzte Herbst hatte das bewiesen, in aller Deutlichkeit, und daran hatte sich bis zum heutigen Tag nichts geändert. Niemand brauchte einen kaputten Mann an der Spitze einer Firma, der unter einem Burn-out litt. Erst recht nicht, wenn der Mann mit dem Burn-out vielleicht den Verstand verlor. Vernünftige Menschen fingen nicht mit dreißig plötzlich an zu schlafwandeln. Sie tauchten nicht um drei Uhr morgens in der Küche auf und sahen dort einen Bruder sitzen, den sie gerade beerdigt hatten und der sie angrinste, als sei er soeben nach einem tollen Abend zur Tür hereingestolpert. Und ganz sicher glaubten sie nicht, seine Stimme zu hören, glockenklar und wie ein Echo, während der Traum, die Halluzination oder was immer zur Hölle es war, verging.
Richtig. Vernünftige Menschen taten das nicht.
Der Verkauf war die beste Lösung für alle Beteiligten. Sie wussten es nur noch nicht. Wenn er es richtig anstellte, könnte Bridget weiterhin fliegen, er würde dafür sorgen, dass sein Team nach wie vor einen Job hatte, der Flugservice, den die Leute in der Stadt sowohl wollten, als auch brauchten, Captivity erhalten blieb.
Die Rollbahnen hatte er um diese Zeit am Abend ganz für sich, das wusste er, aber er beschloss, sich trotzdem bei Mad Dog zu melden, der zusammen mit Wyatt »Wingnut« Jensen die Stellung hielt. Im Moment wünschte er, er hätte sie gebeten, einfach die Lichter brennen zu lassen und nach Hause zu fahren oder zu ihrem Stammtisch im Goose oder an irgendeinen anderen Ort auf der Welt, der es ihm ersparen würde, sich eine Erklärung für die Frau in seinem Cockpit auszudenken, die offenkundig keine Touristin war. Aber wenn man den wahren Grund für ihren Besuch von Captivity bedachte, hatte es natürlich Vorrang, den Flugplatz streng nach den Vorschriften zu leiten.
»Captivity Air, hier ist Biva N2326G, zwei Meilen südwestlich, Flughöhe achthundert Fuß, auf dem Weg zu Landebahn A. Over.«
»Biva N2326G? Du bist aber heute Abend schrecklich förmlich, Shanahan. Haben wir gerade unser erstes Date?«
Trace zählte im Geiste bis zehn. »Die korrekte Antwort lautet ›klar‹ oder ›nicht klar‹. Und am Ende der Wortmeldungen ›over‹, Mad. Over.«
»Okay, du Hengst. Du hast die Freigabe. Over.«
Er unterdrückte einen leidgeprüften Seufzer. »Roger. Gibt es irgendwelche Wind- oder Wetterbedingungen, von denen ich wissen sollte? Könntest du mir vielleicht die Bodentemperatur durchgeben? Over.«
»Gott. Jetzt will er auch noch ein Vorspiel.« Wingnuts Würdigung von Mads Sinn für Humor drang deutlich hörbar durch die offene Verbindung. »Ein Schneesturm zieht hinter dir auf, wie du bereits weißt«, fuhr Mad fort. »Seitenwind weht leicht böig in Stärke vier, nur falls es dich interessiert, und wir haben minus zwei Grad. Baby, hier unten ist alles in Ordnung.« Im Hintergrund hörte er K’eyush kurz bellen, es klang wie »over«. Anscheinend dachte Mad das ebenfalls, denn er fügte wie aufs Stichwort hinzu: »Over.«
»Roger. Over and out.«
Er warf einen Blick auf seine Passagierin, die sich jetzt vorbeugte. Ihre Sonnenbrille thronte auf ihrem Kopf, während sie auf den Flugplatz hinunterblinzelte. Zum Glück war sie Anwältin und keine Inspektorin der Luftfahrtbehörde.
Nachdem er sich entschieden hatte, auch ein wenig lässig zu sein, wandte er sich ihr zu. »Meine Damen und Herren, bringen Sie Ihre Rückenlehnen bitte wieder in eine aufrechte Position und klappen Sie Ihre Tische hoch.«
Sie wandte den Blick nicht vom Flugfeld ab. Sie lächelte nicht. Zuckte nicht einmal mit der Wimper. »He«, flüsterte sie. »Kommt Ihnen diese Landebahn nicht irgendwie … kurz vor?«
Keine ungewöhnliche erste Reaktion für einen Laien. »Das Flugzeug ist eigens konzipiert für kurze Start- und Landebahnen. Wir haben eine Landebahn von neunhundert Metern, aber ich werde nur dreihundert davon brauchen.«
Jetzt drehte sie sich zu ihm hin. Runde, glasige Augen fokussierten ihn mühsam. »Hm?«
Vielleicht lagen ihre Nerven mehr blank, als ihr Verhalten nahelegte. Er sollte sich schämen. Nur weil er nicht eine so kultivierte und betont städtische Person erwartet hatte, hieß das nicht, dass sie so gleichgültig war, wie sie wirkte. »Keine Sorge. Das Ding ist lang genug, um den Job zu erledigen.«
Sie lachte – ein wenig überdreht in seinen Ohren – und schüttelte den Kopf. »Das sagen alle.«
Nun, nicht alle, wollte er einwenden. Sein Equipment mochte lange nicht im Einsatz gewesen sein, aber er hatte deswegen nie irgendwelche Klagen gehört. Doch ihr Scherz ließ das Blut in seine Lenden schießen, zum ersten Mal seit … einer ganzen Weile. Seine Gedanken rasten zu dem ersten Blick zurück, den er auf sie erhascht hatte, als sie mit der Rolltreppe heruntergefahren kam, und er erlag einer schnellen Fantasie, die sich darum drehte, ihr dieses enge, maßgeschneiderte Kostüm von ihrem straffen, kurvigen Körper zu reißen und ihr zu zeigen, wie genau er den Job erledigen konnte. Selbst ihre Unterwäsche war mit Sicherheit schick. Seide oder Spitze, mutmaßte er, und irgendwie verstärkte das den Reiz nur noch zusätzlich.
Das gänzlich unwahrscheinliche Szenario, befeuert durch ihren schwanzfolternden Duft, hielt seine Fantasie auf Trab und unterhielt seinen Schwanz während der Landung aufs Beste. Seine Passagierin sog scharf den Atem ein, als sie vor dem Aufsetzen in einer Seitenwindbö ins Schaukeln gerieten, aber er wob den ihr entschlüpften kleinen Laut in die Fantasie mit ein, was ihn wahrscheinlich nicht nur zu einem rücksichtslosen Arschloch machte, sondern obendrein zu einem kranken Perversen. Es bewies allerdings auch, dass seine Fantasie keine Befehle von seiner Vernunft entgegennahm.
Sobald sie nah genug an den Terminal herangerollt und stehen geblieben waren, stellte er die Motoren ab und löste seinen Sicherheitsgurt. Sie folgte seinem Beispiel nicht sofort, sondern sackte nur in ihrem Sitz zusammen und atmete in schnellen, flachen Zügen ein und aus, daher beugte er sich zu ihr herüber und öffnete auch ihren Sicherheitsgurt. War das übertrieben vertraulich? Vielleicht, aber möglicherweise empfand er nach seinem imaginären Austausch von Orgasmen während ihrer Landung mit ihr eine übermäßige Vertraulichkeit.
Mit einiger Verzögerung antwortete sie: »Danke«, dann fügte sie hinzu: »Wie komme ich …?«
»Sie warten auf mich«, erklärte er ihr und griff hinter sich auf einen der beiden leeren Sitze, wo normalerweise zwei weitere Passagiere Platz nahmen, ertastete ihren Mantel und hielt ihn ihr hin. »Zuerst einmal werden Sie den da anziehen. Es ist eiskalt draußen.« Es war schwieriger, als es die Aufgabe normalerweise erforderte, ihre Arme in die Ärmel ihres Mantels zu dirigieren, was ihn vermuten ließ, dass der raue Flug trotz ihres Schweigens seinen Tribut von ihr gefordert hatte. Ein unruhiger Flug in einem kleinen Flugzeug konnte einen erfahrenen Vielflieger zu einem nur noch minimal funktionsfähigen Zombie mutieren lassen. Angesichts der Umstände versuchte er, nicht darüber nachzudenken, wonach ihr Nacken schmecken würde, wenn er mit der Zunge über die verführerische Linie glatter nackter Haut strich, die über dem Kragen ihres Kostüms zum Vorschein kam. Der Gedanke ließ ihn wünschen, er könnte die Tür einen Spaltbreit öffnen. Es fühlte sich plötzlich zu heiß im Cockpit an.
Als sie es mit vereinten Kräften geschafft hatten, sie in ihren Mantel zu zwängen, stand ihm der Schweiß auf der Stirn. Er schlüpfte in seinen Parka und verstaute seine Sonnenbrille in einer gepolsterten Tasche. Sobald sie den letzten Knopf ihres Mantels geschlossen hatte, öffnete er seine Tür und sprang hinunter. Luft, die gute fünf Grad kälter war als in Anchorage, umfing ihn wie eine herrlich kühle Umarmung. Er öffnete die Klappe zum Frachtraum, um ihren extragroßen Koffer herauszuholen. Nachdem er ihn vor weniger als zwei Stunden in die Biva geladen hatte, wusste er, dass das Ding jedes Gramm der von ihr angegebenen neunundvierzig Kilo auf die Waage brachte. Er hievte das Gepäckstück auf den Boden, stellte es auf die kleinen Räder, die ein Gepäck-Designer freundlicherweise hinzugefügt hatte, und rollte es mit sich auf die andere Seite des Flugzeugs. Seinen Anweisungen gemäß saß sie noch immer auf ihrem Platz. Die meisten Passagiere hätten die Tür geöffnet, aber sie wartete darauf, dass er sich die Ehre gab.
Was bedeutete, dass sie entweder großartig darin war, Anweisungen zu befolgen, oder dass sie eben doch eine höchst anspruchsvolle Frau war.
Die Zeit würde es zeigen.
Er öffnete die Tür, hielt ihr eine Hand hin und wies sie an, das zu tun, was er getan hatte: einen Fuß auf den Reifen des Fahrgestells setzen, den anderen dann auf den Boden. Stattdessen rutschte die glatte Spitze ihres High Heels vom Reifen ab. Mit einem erschrockenen Aufschrei stürzte sie in Richtung Piste.
Er reagierte schnell und fing sie im Fallen auf, indem er ihre Taille umschlang und sie an sich drückte, bevor sie ihm durch die Arme rutschen konnte. Für einen langen, stillen Moment hielt er sie einfach umfangen, während sie beide um Luft rangen. Große braune Augen schauten auf ihn herab. »Gut gefangen«, stieß sie hervor. »Danke.«
»Tür-zu-Tür-Service«, brachte er heraus, ein wenig zu irritiert von ihrem Duft und den femininen Hüften unter den Schichten von Kleidern und Mantel. Zu spät wurde ihm bewusst, dass er ihr durch sein Manöver ihre Kleider und den Mantel hochgeschoben hatte, sodass schlanke, wohlgeformte Beine voll zur Schau gestellt wurden.
Trotz der Entfernung von gut dreihundert Metern spürte er, wie Mad Dog und Wingnut durch die Tower-Fenster starrten und den Anblick besagter schlanker, wohlgeformter Beine mit der gleichen Aufmerksamkeit verschlangen, die sie vielleicht der Bikini-Ausgabe der Sports Illustrated angedeihen ließen. Unglücklich über die Vorstellung, dass sie sich aus der Anonymität des Towers heraus an seiner Passagierin sattsahen, während ihm gleichzeitig unangenehm bewusst wurde, wie intim ihre Umarmung für ihr zweifellos neugieriges Publikum wirken konnte – und erfüllt von einer gewissen Bestürzung darüber, wie gut sie sich in seinen Armen anfühlte –, ließ er sie auf festen Boden sinken. Als sie das Gleichgewicht wiedererlangt hatte, zwang er sich, sie loszulassen. Sie schenkte ihm ein Lächeln, das genauso zittrig war wie ihre Beine, drehte sich zu ihrer Handtasche unter dem Sitz um, holte sie hervor und hängte sie sich über die Schulter.
Eisiger Wind umwehte sie. Sobald sie ihm Platz gemacht hatte, schloss er die Tür und deutete auf den Terminal. »Hier entlang.«
Er streckte die Hand nach ihrem Koffer aus, aber sie kam ihm zuvor. »Nein. Der Griff hat einen sehr heiklen Öffnungsmechanismus. Ich übernehme das.« Zur Demonstration drückte sie einen versteckten Knopf hinunter, fuhr den Ziehgriff aus und rollte den Koffer dann hinter sich her, während sie mit bedächtigen Schritten über den Asphalt ging.
Einen sehr heiklen Öffnungsmechanismus, dass er nicht lachte. Er gewann das deutliche Gefühl, dass sie ihm ihren kostbaren Designerkoffer nicht anvertrauen mochte, was ihn ärgerte, denn er hatte es ständig mit Gepäck und Frachtstücken von Passagieren zu tun.
Ein weiterer Punkt, der für Kompliziertheit sprach.
Es war leicht, mit ihren kürzeren Schritten mitzuhalten, vor allem als sie sich der Rampe näherten, die zum Terminal führte. Überlegungen bezüglich der Kräftewirkung zwischen dem Gewicht des Koffers, dem Gewicht seines Fluggastes und der Neigung der Rampe trieben ihn dazu, erneut das Wort zu ergreifen. »Sind Sie sich sicher, dass ich den Koffer nicht die Rampe hinaufziehen soll?«
»Ich übernehme das«, wiederholte sie, quälte sich bis nach oben hinauf und sah dabei eher so aus wie eine Redakteurin für eine Schönheits- und Modezeitschrift, die zu einer transatlantischen Luxuskreuzfahrt aufbrach, denn wie eine Abenteurerin, die gekommen war, um Alaska zu erkunden. Mad und Wing hatten vermutlich keine Ahnung, was sie von ihr halten sollten, aber sie würden mit Sicherheit wissen, dass sie keine typische Touristin war, die auf den Big Kat wandern wollte, solange er noch eine Schneedecke trug, oder die Glacier Bay erkunden oder ein Zelt aufstellen und von dem leben, was das Land ihr schenkte.
Sie blieb stehen, um sich etwas vom Aufschlag ihres Mantels zu klopfen. Ihres sehr teuren, sehr designermäßigen Mantels.
Jedwede Hoffnung, eine Großstadtanwältin in Captivity zu tarnen, wirbelte davon wie Schneeflocken im Wind. Er war im Eimer. Total im Eimer. Er brauchte eine plausible Erklärung für ihre Anwesenheit, und er brauchte sie jetzt.
Die Automatiktüren des Terminals glitten zur Seite, als sie auf den Öffner drückte, und das pneumatische Zischen begleitete sie beide auf ihrem Weg in die warme, ruhige Ankunfts-und-Abflug-Halle von Captivity Air.
Mad Dog, Wingnut und K’eyush kamen allesamt herangepirscht wie neugierige Welpen, erpicht, sich auf den Neuankömmling zu stürzen. Im Angesicht des Ansturms blieb Isabelle jäh stehen, und Trace musste hurtig auf die Bremse treten, um nicht mit ihr zusammenzuprallen.
»Hey, Jungs, immer langsam.« An den Hund gerichtet befahl er: »Sitz.«
Key senkte sein flauschiges Hinterteil gehorsam auf den Boden hinab. Zumindest reagierte der Hund auf Befehle.
Die Männer weniger. Er bedachte sie mit einem warnenden Blick, den sie beide ignorierten.
»Oh, hey«, sagte Mad und schnippte sich sein blondes Haar aus den Augen. »Geben Sie mir diesen Koffer.«
»Verzieh dich, Mann. Ich erledige das«, beharrte Wing und zog Isabelle den Griff aus der Hand.
Sie schnappte danach. »Danke, aber ich werde schon allein mit meinem Gepäck fertig. Wirklich.«
Doch Mad gab so leicht nicht auf. »Wie gesagt, ich mach das schon.« Er streckte ebenfalls die Hand nach dem Griff aus und versuchte, Wing aus dem Weg zu schubsen.
Trace ging voraus, um sich aus dem Getümmel zu befreien, und rief: »Leute, sie schafft das schon.« Dann wiederholte er mit lauterer Stimme das Wort »Leute!«, während sie sich weiterhin aufs Peinlichste darum balgten, wer den Koffer tragen durfte, während Isabelle absolut null Fortschritte bei dem Versuch erzielte, das Gepäckstück zurückzubekommen. Schließlich entriss Wing Mad den Griff, konnte den schwankenden Koffer aber nicht halten. Der verlor das Gleichgewicht und landete wie der sprichwörtliche nasse Sack auf dem Boden.
Bei dem Aufprall sprangen die Verschlüsse auf, und eine Flut von bauschigen, zierreichen, femininen Kleidungsstücken, die ein ganzes Lager von Viktoria’s Secret hätte füllen können, ergoss sich über den Linoleumboden. Aber das Ding, das vor den Kappen seiner kampferprobten frostfesten Stiefel landete, war weder rüschig noch feminin. Es war eine übergroße Schachtel Kondome mit einem Klebezettel daran, auf dem stand: Überraschung!
Neben seinem eigenen konzentrierten sich drei weitere Augenpaare auf die Schachtel. Isabelles Handtasche rutschte ihr vom Arm und fiel mit einem hörbaren Klatschen auf den Boden. Dann herrschte ohrenbetäubendes Schweigen, nur der Wind draußen war noch zu hören.
Wing fand als Erster seine Stimme wieder. »Scheiße. Tut mir leid, Lady.«
Die Inspiration wählte genau diesen Moment, um über ihn zu kommen. Trace hob die Schachtel mit Kondomen auf und improvisierte.
»Sie ist nicht irgendeine Lady. Sie ist die Frau, die ich heiraten möchte.«
Isabelle erstarrte bei dem Versuch, BHs und Slips einzusammeln, und ja, er hatte recht gehabt, seidig, spitzenverziert, gerüscht, alles sehr feminin. Er spürte, dass er hart wurde, während er sich ausmalte, wie sie ihren Körper zierten statt den Boden des Terminals.
Sie blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus ihrer schicken Frisur gelöst hatte, und schaute zu ihm auf. »Hä?«
Er folgte der Spur von Kleidern bis zu der Stelle, an der Isabelle kniete, dann streckte er eine Hand aus, um ihr auf die Füße zu helfen, und die ganze Zeit über sandte er ihr die verschwörerischsten Blicke, die er zustande bringen konnte, ohne wortwörtlich zu sagen: Ich werde gleich das Blaue vom Himmel herunter lügen, und Sie müssen dabei mitspielen.
Ihre Augen wurden schmal und sagten ihm, dass sie die Tatsache begriffen hatte, dass er ihr eine unausgesprochene Botschaft übermitteln wollte, aber nicht welche. Wie konnte sie auch? Sie griff nach der Schachtel mit den Kondomen und fragte: »Was …?«
»Vorausgesetzt, ich kann sie dazu überreden.« Er nahm sie in die Arme und war fast zu angespannt, um zu bemerken, dass sie diesmal genauso tadellos an seine Brust passte wie schon kurz zuvor. Er suchte ihren Blick und bettelte wortlos um Hilfe. »Was sagst du, Isabelle? Kann ich dich überreden?«
Sie musterte ihn, und zwischen ihren Brauen stand eine niedliche kleine Falte. Dann verwandelte sich ihr Gesichtsausdruck in einem Aufblitzen von Begreifen in einen, der erheblich erotischer war, als er erwartet hatte.
Ihre Lippen verzogen sich zu einem neckischen Lächeln. »Ich weiß nicht. Das kommt so plötzlich. Vielleicht fangen wir mit einem Kuss an?«
Sollte ihm recht sein. Der Vorschlag war kaum über ihre verführerischen Lippen gekommen, als er diese auch schon mit seinen eigenen bedeckte.
Heiliger, heißer Bärendaddy …
Trace’ Bart kitzelte sie auf eine Weise, die am ganzen Körper ein anderes Kribbeln auslöste. Whoa! Hatte sie jemals einen Mann mit einem Bart geküsst? Izzys durcheinanderwirbelnde Gedanken liefen ins Leere. Nein. Nie. Was neue Erfahrungen betraf, nahm diese jedenfalls einen ganz besonderen Platz auf der Liste ein.
Es rangierte auch ziemlich oben auf der Liste ihrer bizarrsten Erlebnisse, – dass ein Mann, den sie gerade erst kennengelernt hatte, Heiratsabsichten äußerte –, aber mit seinem eindringlichen Blick hatte er sie angefleht mitzuspielen, und ihre Hormone, aufgewühlt von einer Nahtoderfahrung, beschlossen mitzuspielen. Und jetzt zahlte diese Entscheidung sich im Überfluss aus.
Seine warmen, festen Lippen verharrten einen langen, endlos scheinenden Moment auf ihren, und dann – gütiger Gott – tanzten kräftige, raue Fingerspitzen sanft über ihre Wange. Die Wangenberührung, die ihr irgendwie geistesabwesend und ehrfürchtig zugleich erschien, brachte Stellen in ihr zum Schmelzen, die weit abseits kribbelnder Nervenenden lagen. Sie wollte mehr und stellte sich jäh auf die Zehenspitzen, und als er sich zurücklehnte, wäre ihr beinahe ein Stöhnen entfahren.
Blinzelnd öffnete sie die Augen und stellte fest, dass seine schockierend blauen mit einem weiteren Blick auf sie herabstarrten, der besagte: Bitte, mach mit. Was in den Tiefen dieser Augen lauerte, sah verdammt stark nach … Lust aus. Echter Lust. Nicht nur Schauspielerei.
Bevor sie ein Wort herausbringen konnte, eroberten seine Lippen sich ihre zurück und legten mit heißem, hungrigem Drängen eine Punktlandung hin. Genau. Wer brauchte Konversation? Konversation wurde eindeutig überbewertet. Immens überbewertet, fügte sie im Geiste hinzu, als eine kräftige Hand ihren Hintern umfasste und sie enger an ihn zog. Ohne zu zögern, ließ sie alles los, was sie aufgelesen hatte, damit sie die Finger in sein dichtes Haar versenken konnte. Der Mann verströmte endlose Wellen süchtig machender Hitze, und ein dankbarer Schauer überlief sie, während sie gleichzeitig ein Frösteln abwehrte, von dem sie nicht wusste, warum es sie überkam.
Irgendwo in sehr weiter Ferne sagte jemand: »Also schön. Viel Glück dabei. Wir … gehen dann mal … die Biva in den Hangar bringen.«
War da das Gleitgeräusch einer Tür? Ein Schwall kalter Luft? Sie hörte nichts als die glücklichen Laute aus ihrer Kehle, fühlte nichts als seinen sengend heißen Mund, seinen kräftigen Körper und … ja. Bei Gott, ja. Hart, heiß und massig drückte sich etwas gegen ihren Bauch, obwohl Gott allein wusste, wie viele Schichten von Kleidung ihn bedeckten, aber es war eine lange, unverwechselbare Wölbung eines Bärendaddy-Schwanzes.
Sein Geschlecht drückte sich erneut gegen sie und nahm eine noch beeindruckendere Statur an, und ihre inneren Muskeln flatterten wie junge Schmetterlinge, die sich darauf vorbereiteten, ihre Flügel auszuprobieren. Unfähig, der Versuchung zu widerstehen, strich sie ihm mit einer Hand über die Brust, über seine in Fleece steckenden, steinharten Bauchmuskeln, erkundete den Platz zwischen ihren Körpern nach bestem Vermögen. Fast am Ziel. Fast. Es juckte sie buchstäblich in den Fingern, seine Dimensionen nachzuzeichnen. Sie reckte sich und streckte die Hand aus und …
Er ließ sie auf der Stelle los, als hätte er sich verbrannt.
Was zur …? Sie öffnete die Augen und richtete ihren Blick auf ihn.
»Ich bin … Gott …« Er stieß einen Atemzug aus und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, um es sich aus der Stirn zu streichen. Seine Augen, traurig und müde jetzt, waren wieder in voller Sichtweite. »Tut mir leid.«
Tut mir leid? Stand ihr der Mund offen? Möglicherweise. Der Mann hatte ihr gerade den besten Kuss gegeben, den sie in ihrem ganzen Leben bekommen hatte, und dann sagte er tut mir leid?
»Ich hätte lieber eine Erklärung als eine Entschuldigung.« Vielleicht klang das ein wenig schroff, aber das »tut mir leid« hatte sie getroffen. Vor allem nachdem er den größten Teil ihrer gemeinsamen Zeit damit verbracht hatte, ihr missbilligende Blicke zuzuwerfen oder sie zu ignorieren, aber sobald sie angekommen waren, hatte er sie zwei Exemplaren der einheimischen Bärendaddys, bei denen einem das Wasser im Mund zusammenlaufen konnte, als die Frau vorgestellt, die er zu heiraten hoffte, und dann hatte er ihr einen bedeutungsvollen, ernsten Blick zugeworfen. Als sie kooperiert und den Kuss vorgeschlagen hatte, hatte er sie mit Mund und Händen berührt, als sei sie sein Besitz. Hatte sie geküsst, als könne er nicht genug von ihr bekommen. Hatte so viel Hitze zwischen ihnen erzeugt, dass sie beide entflammt waren. Was anscheinend dazu geführt hatte, dass er »tut mir leid« gemurmelt hatte? Na schön. Wunderbar. Entzückend. Sie dachte zurück an ein rosafarbenes T-Shirt, das sie in einem Flughafen-Shop in Anchorage gesehen hatte. Alaskische Männer: Selten gut, aber seltsam. Dieses spezielle Exemplar schien absolut typisch zu sein.
»Mir ist keine andere Möglichkeit eingefallen, das hier zu erklären …« Er deutete mit dem Finger an ihr auf und ab. »Sie zu erklären.«
Seine Züge nahmen diese Schärfe an, die sie zuvor als Missbilligung gedeutet hatte, aber jetzt, aus der Nähe betrachtet, sah sie, dass es Argwohn war. »Und Sie dachten, es sei die beste Lösung, mich als Ihre Fastverlobte auszugeben?« Sie schüttelte den Kopf und griff nach der großen Schachtel mit Kondomen, die er immer noch in der Hand hielt. Ein gelber Post-it-Zettel klebte auf der Verpackung, und auf dem Zettel stand das Wort Überraschung, in Dannys unverkennbarer, schwungvoller Handschrift.
Ha. Ha. Danny. Gut gemacht. Er würde diese Geschichte lieben.
Er würde es noch mehr lieben, dass seine sogenannte Überraschung – und ihre dramatische, öffentliche Zurschaustellung – nicht einmal ansatzweise die größte Entblößung ihrer Ankunft in Captivity darstellte. Diese Ehre gebührte ganz allein dem sinnverwirrenden Kuss ihres beunruhigenden und durch und durch unberechenbaren Mandanten.
Der fragliche Mandant strich sich mit einer Hand über den Nacken und gab ein Bild purer männlicher Verlegenheit ab. »Tut mir leid.« Er bückte sich und machte sich daran, ihre Kleider aufzulesen und sie in ihren Koffer zu werfen. »Kommen Sie, packen wir Ihre Sachen wieder ein und laden alles in unseren Bodentransporter. Ich werde versuchen, Ihnen während der Fahrt zum Captivity Inn alles zu erklären.«
»Na schön.« Wenn das schroff klang, Pech. Er hatte ihre weiblichen Körperteile total durcheinandergebracht, er hatte es absichtlich getan, und sie hatte den schleichenden Verdacht, dass ihr jedwede Erklärung, mit der er ihr käme, nicht gefallen würde. Fest entschlossen, sich ein Fetzchen ihres Stolzes zurückzuerobern, bückte sie sich, um die Kleidungsstücke aufzuheben, die sie fallen gelassen hatte. Sie hatte die leichteren Dinge obenauf gelegt, und sie waren überall hingeflogen, zumindest aber war es nicht weiter schwierig, sie vom Boden aufzusammeln. Größere Teile wie Jeans, Stiefel und Pullover waren wie Ballast unter den Innengurten des Koffers geblieben.
Sie schnappte sich eine Handvoll Strumpfhosen, wurde aber von Trace’ Anblick abgelenkt, wie er ihre überall verstreute Unterwäsche aufhob. In seinen riesigen Händen sahen die Spitzen- und Seidenstücke unglaublich zart aus. Wie hypnotisiert beobachtete sie, wie er die Sachen in ihren Koffer warf und sich dann bückte, um weitere Teile ihrer Besitztümer aufzusammeln.
Diesmal zögerte er eine Sekunde, bevor er nach etwas griff und es hochhob. Ihr Minizauberstab. Vielleicht war er mit der Marke nicht vertraut, aber die Form des Dings ließ wenig Zweifel an seinem Verwendungszweck. Einer seiner Mundwinkel zuckte leicht erheitert in die Höhe. Schön zu wissen, dass er imstande war zu lächeln, wenn auch auf ihre Kosten. Er kam auf sie zu und hielt ihr das Spielzeug hin. »Ich überlasse es lieber Ihnen, das da einzupacken.«
In seiner breiten Hand sah das Ding lächerlich winzig aus. Die Erinnerung an Trace’ Erregung, wie sie sich gegen sie gepresst hatte, kehrte mit voller Wucht zurück, und ganz plötzlich wäre sie beinahe in Tränen ausgebrochen. So niedlich er war, dieser Mikrozauberstab würde ihr jetzt niemals mehr genügen. Sie nahm ihn entgegen, ging zu ihrem Koffer und schob das Ding in eine Seitentasche, obwohl sie genauso gut zum Mülleimer hätte marschieren und es wegschmeißen können. Stattdessen schloss sie den Deckel des Koffers und setzte sich darauf, um die Schnallen zu verschließen.
Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass die Schnallen nicht einfach aufgesprungen waren, als der Koffer auf den Boden geprallt war. Sie waren zerbrochen. »Verdammt.« Sie stieß den Atem aus und sah zu Trace auf.
»Ich habe die ultimative Lösung. Einen Moment.« Er ging durch die kleine Halle, vorbei an dem verwaisten Ticketschalter und hinein in den dunklen Flur dahinter. Was bedeutete, dass sie mit dem Wolf allein war. Das Tier saß weiter gehorsam da und beobachtete sie mit verblüffend kristallblauen Augen, aber ob sie nun verblüffend waren oder nicht, Isabelle hatte vor, Abstand zu halten. Ein Tier von dieser Größe machte sie nervös.
In einer Besenkammer oder einem Büro jenseits der Eingangshalle ging das Licht an, gefolgt von dem schwachen Scharren von Schubladen, die geöffnet und geschlossen wurden. Sekunden später wurde es dunkel im Flur, und Trace kam zurück, einen Cutter in der einen Hand und eine silberne Rolle …
»Oh nein.« Sie sprang auf und protestierte: »Das kann nicht Ihr Ernst sein.« Der Gedanke an superklebriges Paketband auf dem edlen, beschichteten Stoff ihres mit ihrem Monogramm versehenen Koffers ließ sie zusammenzucken.
Er nickte. »Haben Sie eine bessere Idee? Ich glaube nicht, dass das alles in Ihre Handtasche passen wird.«
Mit einem kleinen Stöhnen schüttelte sie den Kopf und vergrub das Gesicht in den Händen. »Ich kann nicht hinsehen.«
Er machte kurzen Prozess mit dem Koffer und verwandelte ihre Ikone von einem eleganten Gepäckstück in etwas, das einer schlecht instandgesetzten Nischengarnitur in einer zweitklassigen Imbissstube ähnelte. »Es gibt in der Stadt ein Lederwarengeschäft«, tröstete er sie und pfiff nach dem Wolf, während sie ihren mit Klebeband besudelten Koffer aus dem Terminal rollte. »Dort wird man den Koffer entweder reparieren können oder Sie erwerben ein Stück von ähnlicher Größe, das echten Reisen standhält, damit Sie dieses Ding zur Reparatur an den Hersteller schicken können. So oder so werden wir für die Kosten aufkommen.«
Das echten Reisen standhält? War das eine Kritik an ihrem Gepäck? Augenscheinlich hatte er Bedenken wegen ihres Geschlechts und ihrem persönlichen Auftritt, und jetzt gefiel ihm obendrein ihr Gepäck nicht? Vergiss es. Der Mann konnte seinen Bärendaddy-Schwanz und seine Missbilligung für sich behalten. Und seine Erklärungen ebenfalls. Sie würde sein verdammtes Luftfrachtgeschäft eintüten und den Deal in Rekordzeit unter Dach und Fach bringen, damit sie nach Hause fliegen und ihre Beförderung zur Partnerin kassieren konnte. Und sie würde alle Bärendaddys genießen, die Captivity zu bieten hatte, während sie das tat, aber mit Trace Shanahan war sie durch.
»Machen Sie sich deswegen keine Gedanken.«
Obwohl der Ärger sie in Wallung brachte, erschreckte sie die Außentemperatur. Kleine Schneekristalle wirbelten um sie herum und stachen ihr ins Gesicht. Sie schob ihre freie Hand in ihre Manteltasche und wünschte, sie hätte daran gedacht, ihre Handschuhe anzuziehen. Der Wolf tänzelte vor ihnen her, und sein lautes, anscheinend glückliches Gebell zerriss die Stille des Abends.
Ja, ja. Die Aussicht auf einen Schneesturm ließ zumindest einen von ihnen jubeln.
Trace ging voran zu einem grünen Yucon mit dem Logo der Captivity Air and Freight, unter dem quer über dem Heckfenster Kontaktinformationen abgedruckt waren. Der Motor lief bereits, woraus sie den Schluss zog, dass er irgendeine, mit einer Fernbedienung gesteuerte Standheizung aktiviert hatte. Nett von ihm. Er ließ den Kofferraum aufspringen und schleuderte ihr Gepäck hinein.
»Hoch mit dir, Key«, sagte er, und das Tier hüpfte hinterher.
Zum Teufel, vielleicht hatte er das Auto für den Hund vorgeheizt.
Trace half Isabelle in den Yukon, dann ging er um den Wagen herum und setzte sich hinters Lenkrad. Er war im Allgemeinen kein impulsiver Mensch, aber seine Reaktion auf ihre total aus dem Ärmel geschüttelte Bemerkung, die Sache mit einem Kuss zu beginnen, war reiner Impuls gewesen – die einzige Möglichkeit, die ihm eingefallen war, seine Chance zu wahren, dass die Leute in der Stadt den wahren Grund für Isabelles Aufenthalt nicht erfuhren.
Und es war tatsächlich ein guter Plan. Als seine potenzielle Verlobte aus Kalifornien konnte sie so viel Zeit mit ihm verbringen, wie sie wollte, und niemand würde Verdacht schöpfen, dass es ihm um mehr ging, als ihr zu helfen, seine Heimatstadt kennen- und lieben zu lernen.
Außerdem war es ein guter Kuss gewesen. Eigentlich waren es zwei Küsse, und beide hatten voll ins Schwarze getroffen. Nicht nur bei ihm, sondern auch bei ihr. Er war nicht so aus der Übung, dass er es nicht mitbekam, wenn eine Frau in seinen Armen zum Leben erwachte, oder gierig die Hand ausstreckte nach seinem …
»Wuff.« Key hüpfte über die Sitze und pflanzte sich vor der zweiten Reihe auf den Boden, direkt hinter den Vordersitzen. Sein pelziger Kopf schob sich durch die Lücke zwischen Fahrer- und Beifahrersitz, und er hechelte glücklich.
»Wuff!«
Bei dem Gebell zuckte Isabelle zusammen, und er fühlte sich noch schuldiger. Diese Küsse waren ihr gegenüber nicht fair gewesen, ganz gleich, von wem der ursprüngliche Vorschlag gekommen war oder ob sie auf Gegenseitigkeit beruht hatten. Sie hatte mitgespielt, ja, und dann war sie mitgerissen worden, genau wie er, aber der verbale Boxhieb, den sie ihm dann versetzt hatte, hätte ebenso gut von ihrer Faust kommen und seinem Gesicht gelten können. Das war vielleicht durchaus noch im Bereich des Möglichen, und dann hätte er es definitiv verdient.
»Ruhig, Key.« Trace legte den Gang ein und aktivierte die Scheibenwischer. »Ich fahr ja schon los.«
Seine Beifahrerin bedachte Key mit einem argwöhnischen Blick. »Beißt Ihr Wolf?«
Trace schüttelte den Kopf. »Er gehört nicht mir, und ein Wolf ist er auch nicht. Er ist ein Hund. Halb Husky, halb Malamut. Du beißt doch nicht, oder, Key?«
Der Hund reckte seine Nase zu dem Glasschiebedach empor und heulte.
»Das ist gut. Schön zu wissen.«
Aber es war eine verräterische Frage. Die meisten Besucher verliebten sich auf der Stelle in Key. Ein riesiges weißes Fellknäuel mit überschäumender Persönlichkeit – ganz wie sein ehemaliges Herrchen – und einem Hang zu überdeutlichem Gefühlsausdruck löste selbst bei den furchtsamsten Touristen im Allgemeinen keine Besorgnis aus. Aber jetzt, da sie sich auf engem Raum befanden, konnte er sehen, dass sie sich ein wenig vor dem Tier ängstigte. Er konnte auch sehen, dass sie zitterte. Also griff er über sie hinweg, stellte die Sitzheizung an und drehte dann die Heizung auf ihrer Seite des Wagens um mehrere Grad hoch.
Sie hielt die Hände vor den Luftschacht und seufzte tief. Ihre langen Wimpern senkten sich, als wäre der Hitzeschwall eine wahre Wonne. Kurz darauf lehnte sie sich zurück und kuschelte sich in ihren Sitz.
»Kein Hundefreund?«
Sie schaute in seine Richtung. »Ich weiß nicht. Hab nie einen gehabt. Ihrer ist sehr … groß.«
Oder, um es aus der anderen Perspektive zu betrachten, war sie selbst ziemlich klein, aber na schön. Key war ungewöhnlich groß für seine Rasse und brachte wahrscheinlich mehr auf die Waage als seine Beifahrerin. Warum also sollte man in der Gesellschaft eines Tiers, das größer, stärker und einem fremd war, nicht nervös werden? »Außerdem ist er sehr gut erzogen. Key« – er nahm eine Hand vom Lenkrad, ballte sie zur Faust und hielt sie dem Hund hin. »Gib Pfötchen.«
Wie auf Kommando tippte Key mit der Pfote gegen Trace’ Faust. »Braver Hund«, lobte er das Tier und schenkte Isabelle ein Lächeln. »Jetzt Sie.«
Sie rutschte auf ihrem Sitz herum, bis sie das Gesicht Key zuwandte und zaghaft die Faust ausstreckte. Wie der Herr, so der Hund: Key verschmähte ihre Faust und leckte ihr stattdessen voller Begeisterung übers Gesicht.
»Oh!« Sie prallte zurück und stieß ein leises, verlegenes Lachen aus, das direkt in Trace’ Eiern landete, dann wischte sie sich das Gesicht am Ärmel ihres Mantels ab und richtete den Blick auf ihn. »Gütiger Gott, küsst hier denn jedes männliche Wesen eine Frau, wann immer ihm danach zumute ist?«
Oh ja. Das. Er schuldete ihr eine Erklärung für sein Benehmen, aber da er gerade in die Einfahrt des Captivity Inn einbog, sagte er nur: »Einige von uns haben eine bessere Technik als andere«, und lenkte den Yukon die Rampe hinunter in die Tiefgarage.
»Um das zu bestätigen, dürften mehr Probanden nötig sein«, murmelte sie und richtete ihren Blick aus dem Fenster, während er den Wagen in eine Parklücke lenkte.
War das eine Herausforderung? Er sah Key an und zog eine Braue hoch. Der Hund legte den Kopf schräg. Somit waren sie also schon zwei, die es wissen wollten.
Trace nahm an, dass er Isabelle aus dem Yukon helfen musste, einfach aufgrund ihrer Größe, der Manieren, die seine Mutter ihm eingebläut hatte, und der Tatsache, dass sie beim Aussteigen aus der Biva fast einen Kopfsprung hingelegt hätte, aber sie öffnete die Autotür, sobald er den Motor abgestellt hatte.
Anscheinend war sie nicht so anspruchsvoll.
Trace stieg aus, wartete, bis Key heraussprang, schloss die Tür und trat gerade rechtzeitig zurück, um beobachten zu können, wie sie die Stoßstange umrundete.
Vielleicht wurde sie auch einfach von dem Drang angetrieben, ihr Gepäck zu beschützen.
Er öffnete die Heckluke, stellte ihren leicht mitgenommenen Koffer auf den Boden und fuhr den Griff aus. »Ich erledige das«, beharrte er, als sie danach greifen wollte. Um eine sinnlose Auseinandersetzung zu vermeiden, drehte er sich nur um, sagte: »Kommen Sie mit« und ging los.
Abgesehen von der Tiefgarage hatte das Hotel vor drei Jahren eine größere Renovierung erlebt. Es gab einen Aufzug, mit dem Gäste vom Parkdeck in die Lobby fahren konnten. Die meisten Menschen wussten die Annehmlichkeit zu schätzen, nicht durch Wind und Wetter trotten zu müssen, um vom Wagen zum Hotel zu gelangen, aber in einer Stadt, in der die Progressiven auf »langsamen Wandel« pochten und die Konservativen auf »überhaupt keinem Wandel« beharrten, sollte man meinen, dass Rose Iquat, der das Hotel gehörte, den Vorschlag gemacht hätte, ein Hochhaus im Las-Vegas-Stil zu errichten. Von den schätzungsweise tausendsiebenhundert ständigen Bewohnern von Captivity hatte jeder Einzelne eine Meinung über Rose’ Verbesserungsvorschläge gehabt, und sobald sie die Genehmigungen beantragt hatte, hatte sie sich jede einzelne dieser Meinungen anhören müssen.
Er konnte sich dieses Martyrium geradeso gut ersparen. Er trachtete danach, seinen Anteil an Captivity Air zu verkaufen und alles bis ins Kleinste auszuhandeln und zu Papier bringen zu lassen, bevor er es der Öffentlichkeit unterbreitete. Ein gewisser Prozentsatz von Leuten würde nicht wollen, dass ein Haufen Außenseiter – insbesondere Außenseiter von südlich des achtundvierzigsten Breitengrades – ihre Finger in etwas stecken hatten, das so sehr mit der Stadt verwoben war wie Captivity Air, selbst wenn der Deal langfristig alles verbesserte. Oder auch kurzfristig. Die Wähler von Captivity, Alaska, betrachteten Fortschritte mit Skepsis.
Aber sie können sich anpassen, rief er sich ins Gedächtnis, während sie zusammen mit Jorg Hendrickson in den Aufzug hinauf in die Lobby stiegen. Das Ruckeln der Kabine brachte Isabelle auf ihren schmalen Absätzen aus dem Gleichgewicht, aber er schlang schnell einen Arm um ihre Taille, fing sie auf und hielt sie aufrecht. Key schickte sich auf der Stelle an, Jorg zu beschnuppern. Der über siebzigjährige Kapitän eines Fischerboots war einst einer der erbittertsten Gegner des »Aufzugkomplotts« gewesen, aber hier stand er, Jahre später, und parkte seinen Truck zufrieden in der Tiefgarage, die es ihm später ersparen würde, die Heizung des Motorblocks einzustöpseln – obwohl das Gasthaus über solche Möglichkeiten verfügte, wenn es nötig werden sollte.
Jorg lächelte Trace an, begaffte Isabelle und legte eine wettergegerbte Hand zwischen Keys Ohren. »Hallo, Hündchen«, sagte er sanft. »Bist du ein braver Junge gewesen?«
Key wusste, dass der Mann gedörrten Lachs in seiner Tasche aufbewahrte.
»Wuff!«
»Ja«, stimmte Jorg ihm zu und kraulte ihm den Kopf. »Du bist brav. Braver Junge!« Er holte ein Trockenlachsleckerchen aus seiner Manteltasche und gab es Key. Der Hund kaute ekstatisch. Jorgs blassblaue Augen richteten sich auf Trace. »Und was ist mit dir, großer Bruder?« Eine sanfte Nachfrage, wie alle es seit dem November hielten, aber jetzt schwang in seinen Worten etwas mit, das subtil auch Isabelle beinhaltete. »Bist du ein braver Junge gewesen?«
Trace zuckte die Achseln. »Da musst du schon sie fragen, Jorg.«
Der ältere Mann grinste, wie das nur ein mehr als zwanzig Jahre älterer Witwer fertigbrachte, und richtete den Blick seiner sprühenden Augen auf Isabelle. »Und was sagen Sie, schöne Lady?«
Der Aufzug kam wackelnd zum Stehen. »Da werden Sie mich morgen fragen müssen«, antwortete Isabelle, was sie ihm nur noch mehr ans Herzen wachsen ließ. Sie trat durch die offenen Türen und ging durch die Lobby, die im Hüttenstil mit Möbeln aus glänzendem Holz und Leder eingerichtet war.
Jorg lachte laut und hemmungslos und grinste Trace an. »Ich werde mich erkundigen«, versprach er und drohte scherzhaft mit dem Zeigefinger. »Da kannst du dich drauf verlassen.«
»Schönen Abend, Jorg.« Er eilte hinter der entschwindenden Isabelle her, während Key ihm auf dem Fuß folgte wie der brave Junge, den Jorg ihn genannt hatte. Sie holten sie ein, als sie sich gerade der langen Rezeption aus Rotholz näherten, einem Holz, das die Erbauer des Gasthauses aus dem fernen San Francisco importiert hatten.
Rose schaute von ihrem Computerbildschirm auf, als sie näher kamen, und sorgte dafür, dass ein ganz schwaches Lächeln ihrem stolzen, indianisch geschnittenen Gesicht einen Hauch von Mona-Lisa-Mysterium verlieh.
»Hey, Rose, du müsstest eine Reservierung haben für …«
»Hallo, Trace Shanahan.« Sie richtete den Blick ihrer dunklen Augen auf die Frau neben ihm. »Wie ich höre, warst du sehr beschäftigt.«
Er interpretierte die kryptische Bemerkung dahingehend, dass Mad und/oder Wing während der paar Minuten, die er gebraucht hatte, um Isabelle zum Hotel zu bringen, angerufen hatte, um Rose zu erzählen, dass er nicht nur mit einer Passagierin aus Anchorage zurückgekehrt war, sondern mit einer festen Freundin, die er hoffte, zu seiner Verlobten zu erheben. Bis er sein Vorhaben hinreichend erklären konnte – und Isabelle dazu gebracht hatte, bei dem Täuschungsmanöver so lange mitzuspielen, bis das Geschäft unter Dach und Fach war –, war es ratsam, möglichst wenig Worte zu verlieren. Gegenwärtig stand sie neben ihm, ihre zarten Hände auf dem Tresen gefaltet, und ließ ihre Augen wie eine kleine, exotische Eule durch die Lobby schweifen.
Bevor ihm eine harmlose Antwort für Rose einfiel, jaulte Key plötzlich auf und klopfte mit einer Pfote an die halbhohe Schwingtür an einer Seite des Empfangstresens, die in den Flur dahinter führte.
»Du willst die Hunde kennenlernen, die heute eingetroffen sind, K’eyush?«, fragte Rose, während sie weiter auf ihren Computerbildschirm blickte und etwas tippte, um Isabelles Reservierung aufzurufen.
Key antwortete mit einem weiteren Jaulen und Klopfen. Rose richtete ihre Aufmerksamkeit auf Trace. »In Ordnung, Onkel Trace?«
Er nickte. »Selbstverständlich.« Von Key inniger geliebt als die Tiefgarage oder sogar der Aufzug, rühmte sich das Hotel eines Zwingers mitsamt Hundeauslauf für die Haustiere von Gästen. Hier wurden jedoch auch Hündchen aus dem Ort tagsüber versorgt. Das war nichts Besonderes. Trace vermutete, dass der Zwinger und der Auslauf in der einen oder anderen Form schon existiert hatten, als das Captivity Inn 1893 in Betrieb genommen worden war. Hunde hatten in der alaskischen Geschichte eine wesentliche Rolle gespielt, und schon die frühesten Siedler hatten gewiss einen sicheren Platz gebraucht, um die Tiere bei Regen, Schneestürmen und den endlosen Winternächten unterzubringen. »Viel Spaß, mein Großer.«
Rose öffnete die Tür und fügte hinzu: »Sheba ist wieder mal hier. Geh und sag ihr Hallo.«
Sheba, Rose’ Bernhardiner-Hündin, war eine von Keys meist geliebten vierbeinigen Freundinnen. Der Husky bellte zweimal und rannte durch den Flur, der zu den hinteren Büros führte und schließlich zu dem Zwinger, einem kleinen, innerhalb des Hauses eingerichteten Spielzimmer samt draußen gelegenem Auslauf.
»Also«, fuhr Rose in sachlichem, geschäftsmäßigem Ton fort, »Ms Marcano …«
»Isabelle, bitte«, forderte sie die andere Frau auf. »Wenn ich mehrere Wochen hier verbringen soll, möchte ich mir nicht ständig über die Schulter sehen und nach meiner Mutter Ausschau halten, wenn mich jemand anspricht.«
»Also schön, Isabelle. Nennen Sie mich bitte Rose.« Stirnrunzelnd betrachtete sie den Bildschirm. »Sieht so aus, als hätten wir für Sie ein Standardzimmer reserviert.«
»Das ist in Ordnung«, warf Trace in der Hoffnung ein, die Dinge zu beschleunigen.
Rose schnalzte mit der Zunge und löste ihren forschenden Blick vom Computerbildschirm, um Trace anzusehen. »Für eine Besucherin ist das in Ordnung, aber nicht für eine Freundin. Nicht für eine besondere Freundin«, betonte sie, und in den Tiefen ihrer dunklen Augen war ein Anflug von Genervtheit zu erkennen. Dieser verschwand, als sie sich an Isabelle wandte. »Ich habe Ihnen ein Upgrade gegeben. Sie haben jetzt eine Suite im zweiten Stock, mit einem kalifornischen Doppelbett und Blick auf die Berge. Ist komfortabler und« – sie spießte ihn mit einem weiteren vielsagenden Blick auf – »romantischer.«
»Das klingt perfekt.« Isabelles Lächeln wurde ein wenig versonnen.
Rose warf ihr einen strahlenden Blick zu, bevor sie ihn mit schmalen Augen musterte und etwas Unschmeichelhaftes in ihrer Muttersprache vor sich hin murmelte.
Bei Gott. Er schob die Hände in die Taschen seiner Jeans und starrte auf den polierten Eichenboden. Würde die ganze Stadt ihn belehren, wie er den Besuch seiner potenziellen Verlobten in Captivity romantisch gestalten konnte?
