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Savannah Smith erwartet an Thanksgiving einen Heiratsantrag - allerdings von ihrem Freund und nicht von ihrem starken, stillen, super-sexy Nachbarn Beau Montgomery. Doch ein fehlgeleiteter Brief und eine unberechenbare Farbdose bringen sie und Beau in eine kompromittierende Situation, und ehe sie sich versehen, spielen sie ihren Familien das glückliche Paar vor. Doch was, wenn wahre Gefühle ins Spiel kommen?
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Seitenzahl: 330
Veröffentlichungsjahr: 2017
SAMANTHE BECK
Love Emergency
Aus Versehen verlobt
Roman
Ins Deutsche übertragenvon Christine Heinzius
Die Glaskünstlerin Savannah Smith erwartet an Thanksgiving einen Heiratsantrag – allerdings von ihrem Freund und nicht von ihrem starken, stillen, super-sexy Nachbarn Beau Montgomery. Doch ein fehlgeleiteter Brief und eine unberechenbare Farbdose bringen sie und Beau in eine kompromittierende Situation, und zwar genau in dem Moment, in dem Savannahs Familie zum Essen kommt. Die nimmt natürlich an, dass ihr Nachbar derjenige ist, von dem Savannah gesprochen hat. Dieses Missverständnis ließe sich vielleicht noch aufklären, doch dann taucht seine Familie auf. Der Rettungssanitäter Beau Montgomery hat einen schweren Schicksalsschlag erlitten und seine Frau und seine kleine Tochter bei einem Autounfall verloren. Dieser Verlust hat ihn fast umgebracht und er hat nicht vor, das Schicksal noch einmal herauszufordern. Doch als seine Mutter wegen seiner überraschenden Verlobung mit der kleinen, sexy Blondine von nebenan in Freudentränen ausbricht, bringt er es nicht übers Herz, ihr »Weihnachtswunder« zu ruinieren.
Irgendwann – zwischen der Farbdose, die auf seinem Kopf landet, und dem chaotischen Familienausflug in die Notaufnahme – schafft Beau es, Savannah zu überreden, seine Verlobte zu spielen, nur bis die Feiertage vorüber sind. Und natürlich nur, falls sie sich nicht vorher ineinander verlieben …
Für Sanitäter überall.Danke für das, was ihr tut.
als Kind habe ich mir mal das Schlüsselbein gebrochen. Ich weiß nicht, warum, aber meine Eltern haben mich damals nicht ins Auto gepackt, sondern einen Krankenwagen gerufen, wahrscheinlich, weil ich wie ein großes Baby geschrien und mich von niemandem habe anfassen lassen. Die Sanitäter kamen. Einer fuhr hinten im Krankenwagen mit meiner Mom und mir, und … oh mein Gott. Blaue Augen, schwarze Haare, Grübchen beim Lächeln. Er sah so umwerfend aus, dass ich ihn mir nach all den Jahren immer noch vorstellen kann. Er war auch extrem geduldig und strahlte Ruhe aus. Plötzlich heulte ich mir nicht mehr die Augen aus – es hatte mir die Sprache verschlagen. Das Einzige, was ich stammelnd herausbrachte, war »fast acht!«, als meine Mom ihm sagte, ich sei sieben. Ja, klar.
Damals begann meine Schwärmerei für Sanitäter. Ich bin froh, sagen zu können, dass das meine einzige Fahrt in einem Krankenwagen war. Leider war es nicht das letzte Mal, dass ich einen Sanitäter brauchte.
Vor ein paar Jahren war ich mit meinem Sohn im Fashion Island in Newport Beach. Ich weiß nicht mehr, warum, denn hyperaktive Dreijährige shoppen nicht gern. Sie klettern und springen gern, und sie finden überall etwas zum Klettern und Springen. Er ist von einer Bank gefallen und hat sich den Kopf aufgeschlagen. Die nächsten Minuten waren ein Albtraum. Überall Blut, mein kleiner Kerl schrie und klammerte sich so fest an mich, dass ich mir die Wunde nicht anschauen konnte. Aus allen Richtungen reichten mir nette Leute Servietten und Papiertücher, die erschreckend schnell durchweichten. Endlich kamen drei Männer in blauen Uniformen angerannt. Es waren Sanitäter von der Newport Beach Emergency Medical Services Division. Innerhalb von fünf Sekunden hatten sie meinen Sohn beruhigt, seine Wunde untersucht und mir versichert, dass er nicht aus dem Kopf blutete. Ein paar Stiche, und er sei wieder so gut wie neu. Nach einer Fahrt zur Notaufnahme und fünf Klammern am Kopf waren wir auf dem Weg nach Hause. Er ist so gut wie neu, und meine Begeisterung für Sanitäter wurde zu etwas Tieferem, voller Respekt und Bewunderung … und, nun ja, sie impliziert immer noch Schwärmerei.
Ich hoffe, etwas davon findet sich bei Beau. Und ich hoffe, Sie mögen ihn!
xoxo,
Sam
Konnte man von einer Playlist kastriert werden?
Beau Montgomery schwieg, während Alanis Morissette sich durch »You Oughta Know« knurrte. Er begoss den Truthahn und ignorierte Beyoncés »Irreplaceable«, aber er weigerte sich, Gloria Gaynors »I Will Survive« stumm zu ertragen. Das, Ladys and Gentlemen, war Disco, und das würde er auf keinen Fall überleben. Er war schon gestresst genug, weil seine Mom und sein Dad zum Thanksgiving-Dinner kamen, da brauchte er nicht auch noch diesen Marathon von Schlussmachhymnen aus der Nachbarwohnung.
Er blickte auf die Uhr über dem Herd und erschrak. Seine Eltern hatten Magnolia Grove um zwölf verlassen. Den Feiertagsverkehr in Atlanta mit einkalkuliert, müssten sie jeden Augenblick auf seiner Schwelle stehen. Die kleine, sexy Blondine von nebenan musste die Lautstärke deutlich zurückdrehen, oder, noch besser, ihr Männer-sind-Schweine-Festival ganz beenden.
Da es jedoch schon den gesamten Tag andauerte, bezweifelte er, dass irgendetwas davon passieren würde, wenn er nichts dagegen unternahm. Sie dachte wahrscheinlich, dass er nicht zu Hause war. Normalerweise arbeitete er an Feiertagen, damit die anderen Sanitäter, die mit Frauen und Kindern, den Tag mit ihren Familien verbringen konnten. Selbst wenn er zu Hause war, zog er es vor, allein zu bleiben. Wären seine Eltern nicht Teil des heutigen Tagesplans, würde er sich einfach auf Footballspiele konzentrieren und die Musik ignorieren.
Beau fluchte. Sich an Thanksgiving bei ihr über Lärm zu beschweren, kam ihm ziemlich arschmäßig vor, schließlich hatten sie einander bisher nur oberflächlich gegrüßt, seit sie vor sechs Monaten eingezogen war. Sie war nicht oft da, zum Glück, denn wenn sie zu Hause war, schaffte sie es, seinen Frieden durch ihre bloße Existenz zu stören.
Sie sang gern unter der Dusche und machte sich dabei offenbar keine Gedanken darüber, dass ihre tiefe, bluesige, Südstaatenstimme weit trug und ihn verlockte, sie sich nass und nackt vorzustellen. Sie backte gern, und durch dieses Hobby lenkten ihn Zimt- und Vanilledüfte ab, die wie unerwünschte Gäste in seine Wohnung zogen. Sie mochte Sex – dünne Wände bewahrten keine Geheimnisse –, obwohl ihr Typ sie, Beaus Zählung nach, nur jedes dritte Mal bis ganz ans Ziel brachte. Seiner Meinung nach aus purer Faulheit, und warum sie sich mit weniger als einem Grand Slam bei jedem Spiel zufriedengab, begriff er wirklich nicht. Vielleicht entschädigten Seidenkrawatten und elegante Anzüge für den Mangel an Schlafzimmerqualitäten?
Oder auch nicht. Die heutige Musikauswahl ließ vermuten, dass sie und Mr Dreißigprozent sich getrennt hatten. Sie war gestern Abend in ihre Wohnung gestürmt und hatte Krach gemacht, als würde sie Möbel umräumen und Schränke ausmisten. Das Hin und Her von Schritten im Flur hatte geklungen, als ob sie mehrmals zum Müllschlucker gegangen wäre. Er brauchte keinen Abschluss in Psychologie, um zu wissen, dass nebenan eine große Säuberung im Gang war, sowohl materiell als auch emotional.
Nicht, dass es ihn irgendetwas anging.
Ihre wilden, honigblonden Locken gingen ihn ebenfalls nichts an, aber sie fielen ihm immer auf, genau wie die spielerisch hüpfende Bewegung ihrer vollen, runden Brüste, wenn sie die Treppe hinunterging, oder ihr Hüftschwung, wenn sie sie hinaufstieg. Die Natur hatte auf dieser schmalen, kaum einen Meter sechzig großen Figur ein paar wirklich beeindruckende Kurven untergebracht.
Normalerweise lächelte sie, wenn sie aneinander vorbeigingen. Sie meinte es wahrscheinlich bloß freundlich, aber irgendetwas an der Art, wie sich diese von Natur aus kecken Lippen nach oben verzogen, neckte seinen Schwanz, selbst wenn Mr Dreißigprozent an ihrem Arm hing.
Beau schüttelte den Kopf und räumte weiter seine Küche auf. An einem anderen Punkt in seinem Leben hätte ihr verwirrendes Lächeln oder ihr ebenso verwirrender Hintern ihn dazu verführt, herauszufinden, ob ihr sein Lächeln ebenso gefiel oder sein Hintern oder irgendetwas dazwischen, aber diesen Punkt hatte er vor einigen Jahren erreicht und hinter sich gelassen. Er suchte nicht nach einer Beziehung, egal wie stark und stetig die Anziehungskraft seiner kleinen, sexy Nachbarin war.
Sein Blick fiel auf den Stapel Briefe von gestern, die er auf die Küchentheke gelegt hatte. Der Briefträger hatte versehentlich einen für Nummer 202 in seinen Briefkasten geworfen. Er breitete den Stapel aus, bis er den geprägten Umschlag von der Solomon Foundation for Art gefunden hatte, von der er noch nie etwas gehört hatte. Was nicht überraschend war, da er von Kunst überhaupt nichts verstand, aber er erkannte eine gute Strategie, wenn sich ihm eine bot. Er würde rübergehen und an ihre Tür klopfen, und sie müsste die Musik leiser stellen, um zu öffnen. Wenn er ihr das, was wahrscheinlich nur besonders teure Werbung war, überreicht hatte, würde er ganz nebenbei erwähnen, dass er jeden Moment seine Eltern erwartete und sich auf einen netten, ruhigen Besuch von ihnen freute.
Zufrieden mit seinem Plan, faltete er den Umschlag, steckte ihn in die Gesäßtasche seiner Jeans und ging zur Tür hinaus.
Sobald er den Flur betrat, wurde die Musik lauter, und er sah sofort, warum sie ihm heute besonders dröhnend erschien. Ihre Wohnungstür stand offen, ein Klebezettel mit den Worten »Kommt rein« hing daran.
Nicht klug. Sie wohnten in einem sicheren Gebäude, mit netten, normalen Nachbarn, aber trotzdem. Warum Probleme suchen?
»Hallo?« Er hörte sich selbst kaum über Carrie Underwood und ihren Louisville Slugger. Nachdem er die Tür ganz aufgedrückt hatte, versuchte er es wieder, dieses Mal lauter. »Hey?«
Immer noch nichts, aber nach dem Geruch von gebratenem Truthahn und frisch gebackenem Kuchen zu urteilen, musste die Köchin ganz in der Nähe sein. Ihr Wohnzimmer und ihre Küche, die vom Grundriss her exakt wie seine waren, aber was Farbe und Muster und … Kram anging aus einer anderen Welt zu stammen schienen, waren leer. Zumindest befanden sich keine Menschen dort. Ihr Fußboden war mit demselben hellen Holzlaminat belegt wie seiner, aber das restliche Zimmer sah aus wie eine Mischung aus Luxusinnenausstattung und orientalischem Basar. Doch es passte. Ein weißes Sofa und zwei passende Sessel boten eine leere Leinwand für drei rote Kissen, einen schmiedeeisernen Sofatisch wie aus einem Patio im French Quarter und einen blau-weißen Keramikgartenstuhl, auf dem sich alte Bücher stapelten. Auf dem Sofatisch stand eine riesige Glasschüssel, gefüllt mit faustgroßen Murmeln mit Schlieren in allen nur erdenklichen Farbschattierungen. Die Dekoration erinnerte ihn an exotische Planeten in einer kristallinen Galaxie.
Eine abwechslungsreiche Kunstsammlung bedeckte die Wände. Große, abstrakte Ölgemälde, umgeben von Schwarz-Weiß-Fotos, einigen pastellfarbenen Aquarellen und sogar ein paar gerahmten Architekturzeichnungen.
Der Umschlag in seiner Gesäßtasche fühlte sich immer weniger wie Reklame an.
Die Musik dröhnte aus einem digitalen Lautsprecherdock, das auf einem langen Spiegeltisch an der Wand gegenüber dem Sofa stand. Er ignorierte sie für den Moment und ging den Flur entlang. Die Schlafzimmertür stand einen Spalt offen, und er hörte sie dahinter singen. Er hätte vielleicht gezögert, aber eine Frau, die an Thanksgiving einen Willkommenszettel an ihre offene Wohnungstür hing, erwartete ganz offensichtlich Gäste.
»Hallo?«
Er drückte die Tür auf. Sie schlug gegen etwas und schwang zu ihm zurück. Seine Schulter fing den Schlag ab, und er zwängte sich instinktiv hindurch. Was immer sich auf der anderen Seite befand, gab der Kraft seines Schwungs nach. Er hörte einen Schrei über den letzten, unheilvollen Zeilen von »Before He Cheats«, betrat das Zimmer und sah, dass er gegen eine Leiter gestoßen war, auf der seine Nachbarin hockte und jetzt um ihr Gleichgewicht kämpfte. Als er die Hände ausstreckte, um die Leiter festzuhalten, schien sich die Zeit frustierenderweise zu verlangsamen. Ein weiterer Schrei traf sein Trommelfell, und die Leiter kippte aus seiner Reichweite. Seine Nachbarin fiel hart auf die weiße Plane, die den Fußboden bedeckte. Sie sah mit großen, blauen Augen zu ihm hoch und öffnete diese Lippen, die einige Fantasien wert waren, um etwas zu sagen, da regnete gelbe Farbe auf ihn herab.
Dann wurde alles schwarz.
Maybe next time he’ll think before he cheats …
Das Geräuscheiner fast vollen Farbdose, die auf einen Schädel trifft, hallte in der Stille zwischen »Before He Cheats« und »Hit the Road Jack«. Savannah Smith beobachtete sprachlos, wie die Augen ihres heißen Nachbarn glasig wurden und dann langsam nach hinten rollten, bevor sich seine Augenlider schlossen.
Er torkelte einen Schritt zurück.
Scheiße. Sie warf sich vor, ihre Hände glitten durch Farbe, während sie versuchte, ihn aufzufangen. Eine Hand landete auf den harten Oberschenkelmuskeln, die andere streifte den Schritt seiner Jeans. Nicht gut. Der Mann fiel wie ein entwurzelter Mammutbaum.
»Oh mein Gott!« Adrenalin half ihr, über die umgestürzte Leiter zu springen, dann hockte sie sich neben ihn.
In einem Moment strich sie eine Wand ihres Schlafzimmers in der Farbe, die Mitchell Prescott III am wenigsten mochte, und fantasierte darüber, alle vier Reifen seines geliebten Audi Coupés aufzuschlitzen. Und im nächsten stieß sie einen Schrei aus, weil eine schemenhafte Gestalt durch ihre Tür kam und sie von der Leiter warf. Unmittelbar nachdem sie ihm die Farbdose an den Kopf geworfen hatte, hatte sie erkannt, dass der Eindringling ihr starker, stiller Nachbar war.
Jetzt bedeckten gelbe Farbspritzer die Flächen und Kanten eines Gesichts, das sie normalerweise heimlich zweimal anschaute, wenn sie aneinander vorbeigingen. Es war einen zweiten Blick wert – die maskuline Neigung seiner Stirn, seine gerade Nase und sein eckiges Kinn. Er hatte die Art von Knochen, bei denen sie sich wünschte, sie sei eine Bildhauerin.
Früher einmal hätte sie sich ein bisschen schuldig gefühlt, weil seine reservierten Augen so leicht ihren Blick fingen oder auch wegen der Schmetterlinge im Bauch, die durch seine gesamte Erscheinung zum Flattern gebracht wurden, besonders, wenn er seine Sanitäteruniform trug. Aber der Genuss von harmloser Anziehung aus der Ferne stand auf ihrer Liste von Beziehungsvergehen ganz weit unten. Aus der Anziehung mehr entstehen zu lassen? Eine ganz andere Geschichte. Obwohl Mitch, wie sie gestern Abend festgestellt hatte, für sich Extraregeln aufgestellt zu haben schien. Ich werde die Tochter des Partners heiraten. Aber keine Sorge. Zwischen uns wird sich nichts ändern.
Ein bisschen Farbe verdeckte nicht das gute Aussehen von Nummer 204 und auch nicht … oh-oh … den roten Strom, der von der Platzwunde am Haaransatz über die Schläfe rann. Irgendein bisher unentdeckter Florence-Nightingale-Instinkt brachte sie dazu, den Saum ihres schwarzen T-Shirts auf die Wunde zu pressen. Vielleicht drückte sie zu fest, denn er stöhnte und riss seine Hände hoch, die neben seiner Hüfte gelegen hatten.
»Ahhh …« Seine Stimme drang rau unter ihrem T-Shirt hervor, und sein warmer Atem auf ihrem Bauch machte ihr klar, dass ihre Stellung ihm einen Blick auf ihren schwarzen Spitzen-BH ermöglichte. Diesen BH hatte sie gestern Abend getragen, weil sie so sicher gewesen war, dass Mitch ihr die Frage stellen würde, und sie hatte den restlichen Abend genauso unvergesslich machen wollen. Es hatte dann tatsächlich einen Heiratsantrag gegeben, oh ja – einen, an dem er hoffentlich ersticken würde.
Ein weiteres, leises Stöhnen lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder in die Gegenwart und zu dem Mann auf ihrem Schlafzimmerboden. Sie riss ihr T-Shirt von der Stirn des Nachbarn, zog ihre rutschende, schwarze Thermohose hoch und starrte in tellergroße Pupillen in bernsteinfarbenen Iris.
Er hob seine Hand, um Farbe von ihrer Wange zu wischen. »Alles in Ordnung?«
Aufgrund der lauten Musik las sie es mehr von seinen Lippen, als dass sie seine Stimme hörte. »Mir geht’s gut«, rief sie. »Geht es Ihnen gut?«
Er nickte, aber ihr gefiel nicht, wie blass er durch diese kleine Bewegung wurde. Und die Menge an Blut, die aus der Wunde floss auch nicht. »Ich bin sofort wieder da«, sagte sie und lief ins Badezimmer nebenan, um ein Handtuch zu holen.
Als sie zurückkam, saß er oben ohne da, eine Hand hinter sich aufgestützt, mit der anderen drückte er sein marineblaues Hemd an seine Stirn.
Der Anblick machte sie etwas schwindlig. Sogar auf dem Boden sitzend strahlte er Stärke aus, vom Gebirge seiner Schultern über seine breite Brust bis zu den festen Bauchmuskeln, die von einem V eingerahmt wurden, das sie die Oberschenkel zusammenpressen ließ.
Ihr Herz mochte gebrochen sein, aber der Rest, inklusive der Augen und jedes einzelnen Hormons, arbeitete störungsfrei. Ihnen gefiel, wie sich seine seitlichen Bauchmuskeln nach unten verjüngten und ihren Blick mit sich zogen, bis zu seinem …
Hey, wie wäre es, wenn du ihn später begaffst, wenn er nicht mehr blutet?
»Hier.« Sie kniete sich neben ihn, warf sein Hemd zur Seite und drückte das weiße Handtuch auf seine Platzwunde. Während der sechs Monate, die sie jetzt in Camden Gardens wohnte, hatte sie den Eindruck gewonnen, dass der Mann sich nur selten mit anderen umgab. Nicht, dass er nicht freundlich war, obwohl »höflich« es besser traf. Er hielt die Tür auf. Er ließ sie auf der Treppe vorangehen. Er grüßte Nachbarn mit einem kurzen Nicken.
Er bekam nur selten Besuch. Manchmal kam ein anderer Sanitäter vorbei – ein umwerfender, blonder Typ mit einem unverschämt charmanten Grinsen –, aber keine Frauen. Deswegen beharrte ihr Nachbar von unten, Steven, darauf, dass Nummer 204 für das Regenbogenteam spielte. Sie wollte Stevens Träume nicht zerstören, aber das Aufblitzen von purer, männlicher Anerkennung, das sie mehr als einmal im düsteren Blick ihres Nachbarn gesehen hatte, hatte ihr ganz genau gezeigt, für welches Team er spielte – oder spielen würde, wenn er sich die Mühe machen würde. Ihrer Meinung nach hatte er sich selbst auf die Bank geschickt.
All das machte sein urplötzliches Auftauchen in ihrer Wohnung nur umso merkwürdiger, aber sie konnte warten und ihre Neugier befriedigen, wenn er aufgehört hatte zu bluten. Und dafür gab es keinerlei Anzeichen.
Weihnachtssternrot sickerte es durch das weiße Frottee, ein Anblick, der ihr Herz auf eine lange, schnelle Achterbahnfahrt in Richtung ihres Magens schickte. Sie musste ihn vom Boden hochbekommen, ihr Telefon suchen und den Notruf wählen.
Ihr Bett stand nur ein paar Schritte entfernt. Könnte sie neunzig Kilo stahlharte Männlichkeit ein paar Meter weit bewegen? Vielleicht, wenn der Mann mitarbeitete. Sie legte ihre Arme um ihn und zog. »Kommen Sie«, stöhnte sie angestrengt über »Hey Bartender« in sein Ohr. Wow, er roch gut. Wie frisch geschnittener Wacholder – sie schnüffelte noch einmal –, der in einem Eichenwald gewachsen war und in frisch eingeseiftem Leder gelagert wurde. Sie musste dem Drang widerstehen, ihre Nase in diesem Nacken zu vergraben und tief einzuatmen. »Bringen wir Sie aufs Bett.«
Lady Antebellum übertönte seine Antwort, aber er schwang das Handtuch über seine Schulter und stützte sich auf der mit Farbe bekleckerten Abdeckfolie ab. Dann zog er seine langen Beine an und half ihr dabei, ihn auf die Füße zu bringen. Sie reichte kaum bis an sein Kinn, was den Plan, ihn auf ihr Bett zu bugsieren, etwas beängstigend erscheinen ließ, aber sie unterstützte ihn bei einem Schritt, dann noch einem und dann, das Ziel in Sicht, wurde sie zu ehrgeizig und machte den nächsten Schritt zu schnell. Sie stolperte gegen ihn, wodurch sie beide das Gleichgewicht verloren. Er streckte seine Hände aus, um sie aufzufangen, als sie fielen.
Die Musik hörte auf.
Sie landeten in einem Durcheinander aus Gliedern auf ihrem Bett, ihre Finger in den Bund seiner Jeans verhakt, ihre Brust von einer großen Hand umfasst, während eine andere Hand, die ganz sicher nicht ihre war, auf ihrem Hintern lag.
»Hallo Süße. Wir sind ein bisschen früher da!«, flötete eine allzu bekannte Stimme aus dem Flur.
Savannah sah hinter sich in das lächelnde Gesicht ihrer Mutter, das in der Schlafzimmertür erschien.
»Alles Gute zu Thanks-«, das Lächeln verschwand, »-giving?«
»Mom!«
Savannah krabbelte von ihrem Nachbarn, dabei stieß sie ihm versehentlich den Ellbogen in seinen harten Bauch. Ihre Mutter betrat langsam das Zimmer, gefolgt von ihrer Schwester Sinclair und ihrem Vater. Drei Augenpaare betrachteten das sonnengelbe Chaos in ihrem Schlafzimmer, den Mann auf dem Bett und dann, komischerweise, ihr T-Shirt.
Eine merkwürdige, fatalistische Ruhe überkam sie, als sie ihren Blicken folgte. Jawohl, ein großer, knallgelber Handabdruck dekorierte ihre linke Brust, und sie hatte das ungute Gefühl, dass ihre Hose am Hintern eine ähnliche Verzierung trug. Sie hörte im Kopf die Stimme einer ihrer strengeren Professoren an der Kunsthochschule. Es ist mir egal, ob Sie mit Öl, Kohle oder Müll arbeiten. Das Medium ist irrelevant. Sie können tiefgehende Kunst mit Fingerfarben erschaffen, solange das Ergebnis dem Betrachter eine Botschaft übermittelt.
Das hier übermittelte ganz sicher eine Botschaft. Etwas in der Richtung: »Ups. Meine Familie platzt mitten in meine nicht jugendfreie Malerei.« Sie wandte ihre Aufmerksamkeit dem fraglichen Künstler zu, der immer noch in voller Pracht mit nackter Brust auf ihrer Matratze lag, auf einen Ellbogen gestützt, als würde er seine ganze Freizeit dort verbringen. Ihr Blick wanderte seinen Körper hinab, und sie schluckte ein Stöhnen hinunter. Kleinere, aber genauso deutlich sichtbare Handabdrucke leuchteten auf dem ausgewaschenen Denim seiner Jeans, auf dem Oberschenkel und … oh, gut gezielt, Savannah … dem Reißverschluss.
Ihr Vater räusperte sich, ein sicheres Zeichen, dass er etwas sagen wollte, aber sie kam ihm zuvor. »Das ist nicht, wonach es aussieht.«
Sinclairs mitternachtsblaue Augen blitzten. »Ich glaube, es gibt keinen Begriff für das, wonach es aussieht, aber ich gehe davon aus, dass das Abendessen gestern gut gelaufen ist. Hättest du auf eine der vielen SMS geantwortet, die ich dir geschickt habe, wären wir langsamer gefahren.« Ihr Blick glitt zum Bett und sie zwinkerte. »Viel langsamer.«
Mist. Sinclair ging davon aus, dass der halbnackte Mann auf ihrem Bett Mitch war. Das ist die Strafe dafür, dass du gestern Nachmittag voreilige Schlüsse gezogen und ihr erzählt hast, dass du glaubst, dein Dinner mit »M« zur Feier eures Halbjährigen würde mit einem Ring enden.
Alte Gewohnheit. Als Kinder und Jugendliche waren sie und ihre Schwester immer Vertraute füreinander gewesen. Als sie heimlich in Mr Casey, ihren Kunstlehrer in der sechsten Klasse, verknallt war. Als sie im ersten Studienjahr auf einem Springbreak in Fort Lauderdale aus dem Jungfrauenklub ausgetreten war. Als sie erwartet hatte, dass der ehrgeizige, aber romantische Anwalt, mit dem sie zusammen war, die Frage stellen würde. Jedes Mal hatte sie es Sinclair erzählt.
Ihre Mutter ging aufs Bett zu, ihre kinnlangen, blonden Locken hüpften, als sie lächelte und ihre Hand ausstreckte.
Irgendjemand hatte ihn ordentlich erzogen, denn er richtete sich auf und schüttelte ihre Hand.
»Hallo. Ich bin Savannahs Mutter, Laurel. Sie müssen der mysteriöse M sein, von dem wir so viel gehört haben. Ich bin … oh mein Gott, Sie bluten ja.«
Himmel, das tat er. Immer noch. Wenn auch nicht mehr so stark wie vorher. Er brauchte medizinische Versorgung, keine Vorstellungen ihrer fehlgeleiteten Familie. »Ich habe doch gesagt, dass es nicht das ist, wonach es aussieht. Ich – er …«
»Ich habe Ihre Tochter beim Streichen überrascht.«
Er bedeckte die Wunde mit dem Handtuch. »Wir hatten einen kleinen Unfall.«
Seine tiefe Stimme klang beruhigend fest, trotz seiner Kopfverletzung, aber sie wollte kein Risiko eingehen. »Nicht so klein. Er war einen Augenblick lang ohnmächtig. Ich wollte gerade den Notruf wählen, als ihr gekommen seid.«
»Das ist nicht nötig«, erwiderte er.
»Natürlich nicht«, stimmte ihr Vater mit einem Nicken zu, wodurch ihm eine Strähne seines dunkeln Haars ins Gesicht fiel. »Wir werden Sie zur Notaufnahme fahren.« Er suchte in den Taschen seiner Khakihose nach dem Autoschlüssel. Aus dem Augenwinkel bemerkte Savannah eine Bewegung nahe der Schlafzimmertür, aber bevor sie etwas sagen konnte, fügte ihr Dad hinzu: »Das ist doch das Mindeste, was wir für unseren zukünftigen Schwiegersohn tun können.«
»Zukünftiger Schwiegersohn?« Die atemlose Frage kam von einer attraktiven, ihr irgendwie bekannt vorkommenden Brünetten, die jetzt das Schlafzimmer betrat. Sie hielt sich an der Türklinke fest und kämpfte mit den Tränen. »Gütiger Gott, meine geheimen Gebete wurden erhört.«
Scheiße.
Beau spürte, wie er so weiß wie das Handtuch wurde, das er immer noch an seinen Kopf hielt. »Mom … Dad«, sagte er, als sein Vater ins Zimmer kam und seinen Arm um die Schulter seiner Mutter legte. Sein Dad sah sich um, lächelte jeden langsam an und sagte: »Hallo Fremde.«
Savannahs Mutter quietschte – man konnte es nicht anders nennen – und lief zur Tür, um seine Eltern zu begrüßen. Ihr Vater folgte ihr und schlug seinem Dad auf die Schultern. »Die Welt ist klein.«
Entweder war der Schlag auf den Kopf viel schlimmer gewesen, als er dachte, oder diese laute, verwirrende und unglaublich sexy Nachbarin hatte einen geheimen Zugang zur Twilight Zone in ihrem Schlafzimmer.
»Cheryl und Trent Montgomery, seid ihr’s wirklich?«, fragte Savannahs Mutter, während sie seine Mom wie eine lange vermisste Schwester umarmte.
»Höchstpersönlich«, antwortete seine Mom zwischen Lachen und Weinen. »Laurel Smith, ich würde dich und Bill überall wiedererkennen. Ihr seid keinen Tag älter geworden.«
Bei den Namen klingelte etwas in seinem Gedächtnis. Vor Jahren – bevor er in die Schule kam – hatten sie neben einer Familie namens Smith gewohnt, aber als sein Dad versetzt wurde, waren sie nach Kalifornien gezogen. Eine verschwommene, frühe Erinnerung nahm Gestalt an. Wie er durch die Nachbargärten streifte, ein kleines, blondes Mädchen traf und ihr seine geliebte, lebensechte Gummischlange vors Gesicht hielt. Er erinnerte sich an einen erfreulichen Schreckensschrei, gefolgt von einem endlosen Stubenarrest.
Er lenkte seine Aufmerksamkeit von seinen Eltern auf die personifizierte Verführung, der er seit ihrem Einzug aus dem Weg gegangen war. Savannah Smith. Anscheinend waren sie schon einmal Nachbarn gewesen. Vielleicht wären sie auf dieses Detail schon früher gestoßen, hätten sie mehr miteinander zu tun gehabt, als sich bloß grüßend zuzunicken, aber das hatten sie nicht, was die von ihren Eltern vermutete Verlobung vollkommen lächerlich machte. Bloß dass es nicht besonders lustig wäre, alle aufzuklären und zuzusehen, wie die Freude und Erleichterung aus den Gesichtern seiner Eltern schwand.
»Ich kann es nicht glauben«, fuhr Savannahs Mutter fort. »Was führt euch hierher?«
»Wir haben die Chance ergriffen, zu unseren Wurzeln zurückzukehren und näher bei Beau zu wohnen«, sagte sein Vater. »Wir sind Anfang des Monats zurück nach Magnolia Grove gezogen, aber wegen der vielen Arbeit und des Umzugs und«, er drückte seine Frau, »ein paar anderen Terminen haben wir es leider noch nicht geschafft, uns bei alten Freunden zu melden.«
Andere Termine. Sein Vater hatte ein Talent zur Untertreibung.
Savannahs Mom machte eine wegwerfende Handbewegung. »Eure alten Freunde verstehen das vollkommen. Aber was macht ihr hier, in Savannahs Wohnung?«
»Wir haben die offene Tür gesehen und dachten, es sei Beaus Wohnung«, erklärte seine Mom. Dann fuhr sie mit zitternder Stimme fort: »Als wir seine Einladung zum Thanksgiving-Dinner annahmen, hatten wir ja keine Ahnung, welche Überraschung auf uns wartet. Beau und Savannah … verlobt.« Sie blinzelte, schniefte und verlor den erneuten Kampf gegen die Tränen. »Ich kann euch gar nicht sagen, was diese Neuigkeit für uns bedeutet. Besonders jetzt.«
Scheiße. Scheiße … Verdammte Kacke. In der halben Sekunde, die es dauerte, in Gedanken drei Flüche auszustoßen, traf er eine Entscheidung. Es war vielleicht die dümmste Entscheidung, die er je getroffen hatte, aber er schuldete seinen Eltern glückliche, sorglose Weihnachten, wenigstens ohne Sorgen um ihn. Ihre Familien dachten, sie seien verlobt, und er hatte vor, sie bis nach den Feiertagen in diesem Glauben zu lassen.
Sinclair stieß Savannah mit dem Ellbogen an. »Jetzt verstehe ich, warum du so ein Riesengeheimnis um M gemacht hast. Das habt ihr beide super hingekriegt, ein Überraschungswiedersehen und eine Verlobung, und alles bei einem Thanksgiving-Dinner.«
Savannah wandte ihre Aufmerksamkeit von ihrer Schwester zu ihm und fragte ihn stumm, wer von ihnen beiden die Geschichte richtigstellen sollte.
So diskret wie möglich schüttelte er den Kopf.
Ihre Lippen wurden schmaler. Zweifellos hatte sie nicht vor, mitzuspielen. »Wir haben das alles nicht geplant …«
Scheiß auf diskret. Er räusperte sich, um sie zu übertönen, und ließ sich auf ihr Kissen fallen. »Es tut mir leid, die Wiedersehensfreude zu stören, aber ich glaube, die Notaufnahme wäre doch eine gute Idee, es sei denn, jeder von euch hat tatsächlich einen Zwilling neben sich stehen.«
Beaus Worte schreckten alle auf. Sein Vater machte ein paar Schritte vor, um seinem Sohn auf die Füße zu helfen. Ihre Mutter nahm Mrs Montgomerys Hand. »Ich fahre. Cheryl, du lotst mich. Savannah, du sitzt hinten bei Beau und behältst ihn im Auge.«
Ihr Vater stützte Beau auf der anderen Seite. »Wir folgen in unserem Auto«, erklärte er, während die beiden Dads Beau zur Tür führten.
Savannah konnte sich einfach nicht rühren und blieb mitten in ihrem Schlafzimmer stehen. »Wartet. Ich habe das Essen im Ofen. Gebt mir eine Sekunde, um …«
»Ich bleibe hier und kümmere mich darum«, sagte Sinclair, während sie Savannahs silberne Clutch voller Farbspritzer und die dazu passenden Pumps unter dem Bett hervorholte und ihr reichte. Dann flüsterte sie: »Mir hättest du es erzählen können. Ich kann ein Geheimnis für mich behalten.«
Vielleicht, aber offensichtlich hatte ihre kleine Schwester die pikante Information über ihre Erwartungen an das gestrige Abendessen weitergegeben, und jetzt musste sie nicht nur mit ihrer eigenen Enttäuschung fertig werden, sondern auch mit der ihrer Eltern … und der Eltern ihres Nachbarn, die wohl ziemlich groß wäre, nach den Freudentränen auf Mrs Montgomerys Wangen und dem breiten Grinsen von Mr Montgomery zu urteilen. Sie konnte die Überraschung seiner Eltern verstehen, aber warum reagierten sie so, als sei eine Verlobung eine Art Wunder? Was stimmte nicht mit dem Kerl?
Sinclair stupste sie an. Richtig. Wunder oder nicht, er brauchte einen Arzt. Sie schlüpfte in die Pumps, nahm die Clutch und erinnerte sich sofort daran, wie sie beides gestern Abend in irgendeine Ecke geworfen hatte, um möglichst schnell ihr perfektes »Antragskleid« loszuwerden, nachdem sie ohne Ring nach Hause gekommen war, mit Mitchs Version eines Antrags in den Ohren.
Bis gestern hatte sie sich einreden können, dass das Leben kein totales Desaster war. Die großen, glänzenden Karrierechancen, die sie von Athens nach Atlanta gelockt hatten, waren verglüht – und hatten sie dabei schwer verbrannt –, aber zumindest ihr Privatleben hatte vielversprechend ausgesehen. Wie sich gezeigt hatte, konnte der äußere Schein trügerisch sein.
»Sinclair«, rief Beau über seine Schulter, während die Väter ihn aus dem Zimmer bugsierten. »Meine Wohnung ist nebenan, und ich habe auch etwas im Ofen.«
»Keine Sorge. Ich kann mich um zwei Dinge kümmern.« Sie zog Savannah in den Flur und flüsterte: »Nachbarn. Wie süß. Habt ihr beiden euch so kennen- äh … wiedergetroffen?«
»Ja. Ich meine, nein.« Sie holte tief Luft und versuchte es noch einmal. »Ich meine, ja, er ist mein Nachbar, aber ich würde nicht sagen, dass wir uns wiedergetroffen haben.«
Sinclair blieb an der Wohnungstür stehen, drückte Savannahs Arm und ließ sie wieder los. »Ach. War es so, als hättet ihr euch die ganze Zeit über gekannt? Wenn du aus dem Krankenhaus zurückkommst, will ich alle Einzelheiten erfahren.«
»Savannahhhhh«, rief ihre Mutter aus dem Treppenhaus. »Es ist kühl draußen. Könntest du Beau ein Hemd mitbringen?«
»Ich koooomme.« Sie sah Sinclair kopfschüttelnd an, als könne eine einfache Geste auf magische Weise die Vermutungen schmelzen lassen, die wie immer größer werdende Schneebälle aus allen Richtungen auf sie zugerollt kamen, dann lief sie in seine Wohnung.
Sie sauste ins Schlafzimmer, hielt kaum an, während sie ein schwarzes Flanellhemd von einem Kleiderbügel in einem erschreckend durchorganisierten Schrank riss, dann rannte sie wieder hinaus, um sich der restlichen Gruppe anzuschließen. Und doch übersetzte ihr Künstlerblick ihre Umgebung in Gedanken. Leer. Ordentlich. Unpersönlich. Dieser Typ trieb Minimalismus bis zum Extrem.
Die Fahrt ins Krankenhaus verging wie in Trance. Sie half Beau in sein Hemd und war lächerlich traurig darüber, seine atemberaubenden Muskeln hinter einem Schleier aus Flanell verschwinden zu sehen. Ihre Hormone jubelten verschämt, als er aufhörte, das Hemd mit einer Hand zuzuknöpfen, um praktisch vom Rücksitz aus zu fahren und ihrer Mutter Anweisungen zu geben, die erstaunlich klar waren für jemanden, der ein Handtuch an seinen blutenden Kopf hielt. Andererseits würde er aufgrund seines Jobs wahrscheinlich blind zum Krankenhaus finden.
So achtete wenigstens einer auf die Straße. Der Blick ihrer Mom verließ sie ständig, um im Rückspiegel ihren zu suchen. In den Augen ihrer Mom standen lauter Fragen. Als sie auf den Krankenhausparkplatz fuhr, sagte sie: »Ich habe das vorhergesehen. Damals, als Beau noch ein Baby war und ich erfuhr, dass Bill und ich ein Mädchen bekommen, habe ich gesagt: ›Ich wette, sie heiraten mal.‹«
Mrs Montgomery lächelte sie an, während sie sich noch immer Tränen von den Wangen wischte.
Savannah ertrug es nicht mehr. Irgendjemand musste es allen erklären, und anscheinend würde sie das sein.
Aber dann legte Beau seine Hand auf ihr Knie, eine warme, feste, ihre Gedanken verwirrende Hand, und sagte: »Mom, alles ist in Ordnung. Bitte hör auf zu weinen.«
»Ich kann nicht anders, Liebling. Ich bin einfach so glücklich. Natürlich nicht wegen deines Kopfs, sondern wegen dir und Savannah.«
»Mrs Montgomery, Mom …«
»Könnt ihr uns hier am Eingang zur Notaufnahme rauslassen?« Die Hand auf ihrem Knie verstärkte ihren Griff. Wahrscheinlich ein Reflex, um gegen den Schmerz anzukämpfen, aber die latente Kraft, die in dieser unbewussten Zurschaustellung seiner Stärke lag, entfesselte alle möglichen unpassenden Gedanken – daran, wie diese Hand sich um ihre nackte Haut schloss, ihre Knie auseinanderdrückte und dann langsam ihren Oberschenkel hinaufglitt … Himmel, sie hatte diese Anziehung ein halbes Jahr lang unter Verschluss gehalten, aber einen halben Tag, nachdem die Sache mit Mitch implodiert war, war der Geist aus der Flasche. Und der Geist war verdammt geil.
Jetzt weißt du, was sechs Monate mittelmäßiger Sex mit einem Mädchen anstellen.
Ihre Mom brachte den Wagen am roten Bordstein abrupt zum Stehen, was Beau aufstöhnen ließ und ihn zwang, seine Hand von ihrem Knie zu nehmen und auf die Rückenlehne zu legen, um nicht nach vorn zu fallen.
Er fing sich schnell wieder, denn er war aus dem SUV ausgestiegen, noch bevor Savannah auch nur ihren Gurt gelöst hatte. Sie lief ihm nach, schwankte etwas auf ihren hohen Absätzen und schämte sich ein bisschen wegen ihres Outfits. Schwarze Thermohose mit Farbspritzern, inklusive kompromittierender Handabdrucke, und silberne Stilettosandalen. Egal. In der Notaufnahme hatten sie sicher schon Schlimmeres gesehen.
Sie hakte sich rechts bei ihm ein, seine Mom links. Ein schwarzer Wagen fuhr hinter dem Navigator an den Bordstein, und ihr Dad stieg aus.
»Lass mich mal.« Er tauschte den Platz mit Mrs Montgomery. »Cheryl, geh du schon mal vor und melde ihn an. Wir kommen direkt nach.« Reifen quietschten auf dem Asphalt, als ihre Mutter wegfuhr. Savannah und ihr Vater gingen mit Beau durch die automatischen Türen, die in die fast leere Notaufnahme führten.
Die Schwester am Empfang erkannte Beau, was wahrscheinlich der Grund dafür war, dass sie sofort in ein Untersuchungszimmer geführt wurden. Einen Augenblick später stießen ihre Mom und Mr Montgomery zu ihnen, und sie saß schließlich Hüfte an Hüfte mit Beau auf der Untersuchungsliege, während Fragen und Glückwünsche von beiden Elternpaaren auf sie herabprasselten.
Ihre Aufmerksamkeit war vollkommen von der breiten, kräftigen Hand gefesselt, die wieder auf ihrem Knie lag. Seine Fingerspitzen strichen sanft über die zerknitterte Baumwolle ihrer Leggings. Die Hitze der scheinbar zufälligen Berührung drang durch den Stoff und verbrannte ihre Haut.
»Ihr zwei gewinnt den Jack-Bauer-Preis für verdeckte Operationen.«
Mr Montgomerys Kommentar brachte alle auf den billigen Plätzen zum Lachen und fröhlichen Spekulieren. Sie rutschte verlegen hin und her, wodurch Beaus Arm seitlich ihre Brust streifte. Sein langsames Einatmen ließ sie vermuten, dass er einen Blick auf die beiden Mädels in ihrer schwarzen Spitzenpracht erhascht hatte, als sie den Saum ihres T-Shirts auf seine Wunde gepresst hatte. Wenigstens einem hat der Anblick gefallen. Trotz des zynischen Gedankens jagte ihr die Vorstellung einen Schauer über den Körper, von den Füßen bis zu den Brustwarzen. Sie bekam eine Gänsehaut auf den Unterarmen.
»Ich hoffe, ihr plant keine lange Verlobung.«
Beau antwortete ihrer Mom, dass sie darüber noch gar nicht nachgedacht hätten, was stimmte, aber irreführend war. Sie sah auf, um ihm in die Augen zu schauen, aber der gelbe Abdruck ihrer Hand auf dem Oberschenkel seiner Jeans zog ihre Aufmerksamkeit auf sich, und sie zitterte fast bei der Erinnerung an die stahlharten Muskeln unter dem weichen Denimstoff.
»Was haltet ihr von einer Hochzeit im Frühling in Magnolia Grove?«, wollte seine Mom wissen.
»Und der Empfang im Countryklub«, ergänzte ihre Mom. »Whitney Sloan hatte ihren Empfang dort, erinnerst du dich, Bill? Sie hatten all diese kleinen Papierlaternen in den Bäumen.«
Cheryl seufzte. »Das klingt zauberhaft …«
Ohne Erlaubnis wanderte Savannahs Blick zu dem anderen Handabdruck, und ihre Augen wurden größer, als sie die beeindruckende Schwellung sah, die sich hinter dem vergleichsweise zarten Abdruck bildete. Ihr Hals wurde trocken, und ihre Handfläche juckte plötzlich.
Beaus sanftes Stöhnen drang kaum bis an ihre Ohren. Er spreizte beiläufig seine Beine, bis der Saum seines Hemds über die verräterische Schwellung fiel.
»Wann werde ich einen Enkel bekommen?«
Diese Frage riss sie aus ihrer Trance. »Mom!«
Er drückte wieder ihr Knie. Sie blickte zu ihm auf und sah einen Muskel an seinem Kiefer zucken, und dann unterbrach eine neue Stimme das Durcheinander.
»Hallo Leute, ich bin Dr. West und hasse es, die Party zu stören, aber zwei Drittel der Besatzung muss aus dem Zimmer in den Wartebereich umziehen.«
Savannah drehte den Kopf und sah eine schwarze Frau mittleren Alters in einem dunkelblauen Kittel im Türrahmen stehen. Sie wollte von der Liege springen, aber die Hand auf ihrem Knie hielt sie zurück. Ihre Eltern hingegen gingen zur Tür und marschierten unter dem wachsamen Blick der Ärztin hinaus, wobei sie noch immer von Hochzeiten und Enkeln sprachen.
»Montgomery, du bist der letzte hässliche, weiße Junge, den ich heute in meiner Notaufnahme erwartet habe.«
Er lächelte sie an. »Delilah, du weißt, ich kann mich nicht lange von dir fernhalten.«
»Hmm. Hör auf, mit mir zu flirten, wenn ein hübsches, junges Ding neben dir sitzt.« Sie verdrehte die Augen und grinste Savannah an. »Manche Männer haben es einfach nicht drauf, Süße.« Sie kam näher, wickelte ein Papierarmband um Beaus Handgelenk und bat ihn mit einer Geste, das Handtuch vom Kopf zu nehmen. »Was für einen Blödsinn hat dieser Spinner angestellt, bloß um Ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen?«
»Es ist meine Schuld«, antwortete Savannah, deren Gewissen sie zunehmend plagte, als die Ärztin stirnrunzelnd die Platzwunde betrachtete. »Er hat mich überrascht, und ich habe ihm versehentlich eine Farbdose an den Kopf geworfen. Er war ohnmächtig.«
»Ich war eine Sekunde lang benommen.«
»Du hattest das Bewusstsein verloren. Er könnte eine Gehirnerschütterung haben oder … ich weiß nicht … einen Hirnschaden.« Sonst hätte er doch dieses lächerliche Verlobungsmissverständnis schon lange aufgeklärt.
Hellbraune Augen sahen sie durchdringend aus schmalen Schlitzen an. »Ich habe keinen Hirnschaden.«
Dr. West schnalzte mit der Zunge und drückte seinen Kopf sanft nach unten, um die Wunde genauer zu untersuchen. »Himmel nein, Süße. Dafür braucht man erst mal ein Gehirn, worüber du, Beau, offensichtlich nicht verfügst, da du es nicht besser weißt und dich an Leute anschleichst.« Sie klopfte auf seine Schulter. »Du musst auf jeden Fall genäht werden, aber ich will vorher noch ein CT machen.« Sie ging zur Tür. »Bleib hier. Es kommt gleich jemand, um dich zur Radiologie zu bringen.«
Und dann waren sie allein, zum gefühlt ersten Mal. Sie und dieser Fast-Fremde, ein Mann, von dem beide Elternpaare annahmen, dass er die Liebe ihres Lebens war, ihr zukünftiger Mann, gar der Vater ihrer ungeborenen Kinder. Wie war das alles nur so schnell außer Kontrolle geraten?
Sie sah nach unten. Der gelbe Handabdruck vorn auf ihrem T-Shirt fiel ihr ins Auge. Ach ja. Da war das. Sie rutschte von der Liege und versuchte, das Shirt zu richten, aber egal, wie sie den Stoff zog, der Abdruck seiner großen Hand landete immer wieder auf ihrer Brust. Resigniert drehte sie sich zu ihm um. »Ich gehe und kläre sie dann mal auf.«
Er hob den Kopf. Sein Blick fiel auf den Abdruck seiner Hand auf ihrem Shirt und wurde glühend. Ihre Brust schnürte sich zusammen. Die heiße Musterung ging weiter, ihren Hals hinauf bis zu ihrem Mund. Sie konnte nicht anders, als sich über die Lippen zu lecken. Langsam, unausweichlich, richteten sich diese bernsteinfarbenen Augen auf ihre – wie Doppelshots von Johnnie Walker Gold und doppelt so stark.
»Tu’s nicht.«
»Was soll ich nicht tun?«
Hatte seine Nachbarin vorher bereits vermutet, er litte an einem Hirnschaden, dann sah sie jetzt ziemlich überzeugt davon aus. Er musste schnell reden, sonst wäre sie in der Lobby und ließe die Katze aus dem Sack, noch ehe er von der Kopfuntersuchung zurückkäme.
»Kläre sie nicht auf.«
