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Er soll ihr zeigen, wie sie ihre große Liebe erobern kann - und verliert sein Herz
Dr. Ellie Swan hat einen Plan: Ihre Praxis im kleinen Städtchen Bluelick, Kentucky eröffnen, damit sie ein Auge auf ihren kranken Vater haben kann, und das Herz ihres Jugendschwarms Roger Reynolds erobern. Ihr Problem: Ellie ist zu Ohren gekommen, dass Roger in Sachen Sex experimentierfreudig ist. Daher sucht die schüchterne Ärztin Hilfe bei Tyler Longfoot, der in ihrer Schuld steht. Der Bad Boy und Frauenheld soll ihr alles beibringen, was sie braucht, um ihren Traum wahr werden zu lassen. Doch Ellie merkt schnell, dass sie sich mehr und mehr auf ihre Treffen mit Tyler freut und ihr eigentliches Ziel aus den Augen verliert ...
"Ich liebe dieses Buch über alles! Es ist lustig, sexy und fesselt an die Seiten." ALVES
Der Auftakt zu einer neuen romantischen Serie von Bestseller-Autorin Samanthe Beck
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Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2019
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
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Danksagung
Die Autorin
Die Romane von Samanthe Beck bei LYX
Leseprobe
Impressum
SAMANTHE BECK
Love You Tonight
Roman
Ins Deutsche übertragen von Frauke Lengermann
Dr. Ellie Swan hat einen Plan: Ihre Praxis im kleinen Städtchen Bluelick, Kentucky, eröffnen, damit sie ein Auge auf ihren kranken Vater haben kann, und das Herz ihres Jugendschwarms Roger Reynolds erobern. Ihr Problem: Ellie ist zu Ohren gekommen, dass Roger in Sachen Sex experimentierfreudig ist. Daher sucht die schüchterne Ärztin Hilfe bei Tyler Longfoot, der in ihrer Schuld steht. Der Bad Boy und Frauenheld soll ihr alles beibringen, was sie braucht, um ihren Traum wahr werden zu lassen. Doch Ellie merkt schnell, dass sie sich mehr und mehr auf ihre Treffen mit Tyler freut und ihr eigentliches Ziel aus den Augen verliert …
Für Charles
»Ehrlich gesagt bin ich sogar froh darüber, dass Roger und ich die Verlobung abgeblasen haben.«
Dr. Ellie Swann blickte von der Lektüre einer medizinischen Fachzeitschrift auf, als die Worte aus der Nische hinter ihr an ihr Ohr drangen. Blinzelnd warf sie einen Blick in die große Fensterscheibe. Darin spiegelte sich das emsige Treiben in DeShays Diner, und sie konnte auch die Nische sehen, in der Melody Merritt und Ginny Boca bei Kaffee und Kuchen die Köpfe zusammensteckten.
Ellie zwang sich dazu, den Blick wieder auf ihre Zeitschrift zu richten, und hielt den Atem an, während sie auf die Fortsetzung der Unterhaltung wartete. Nein, natürlich ging Melodys geplatzte Verlobung sie nichts an, und es gehörte sich auch nicht, andere zu belauschen. Trotzdem fiel es ihr schwer zu widerstehen, denn das Gespräch drehte sich um Roger Reynolds, das Objekt ihrer langjährigen und sorgsam geheim gehaltenen Anbetung.
»Roger und ich haben einfach nicht zusammengepasst. Ich weiß, wir müssen wie das perfekte Paar gewirkt haben – Highschool-Liebe und all das –, aber in der Zeit, als er das College in Manhattan besucht hat und dann an der juristischen Fakultät in Washington war, wo er auch sein Referendariat gemacht hat, hat er sich verändert. Ganz offensichtlich hat er in der Großstadt ein paar Neigungen entdeckt, die besonders die – ähm – intimeren Regionen betreffen.«
Himmel. Ellie tupfte sich mit der Serviette den Schweiß von der Oberlippe. Was zum Beispiel?
»Wie meinst du das?«, fragte Ginny mit vor Neugier zitternder Stimme.
Ellie blätterte eine Seite um und tat so, als sei sie tief in einen Artikel über einen Arzneimitteltest versunken – in dem es ausgerechnet um ein Präparat zur Steigerung der weiblichen Libido ging.
»Er wollte, dass ich …« Melody hielt inne. Ellie sah aus den Augenwinkeln in der Spiegelung des Fensters, wie sich die Blondine nach neugierigen Augen und Ohren umblickte. Nicht dumm. Das verschlafene Bluelick war zwar kaum mehr als ein Fliegenschiss auf der Landkarte, aber auch hier arbeiteten die Buschtrommeln mit erstaunlicher Effizienz.
Etwas beschämt ordnete Ellie sich in die Neugierige-Zuhörer-Kategorie ein, doch die wahre Ironie lag darin, wem Melody ihr Vertrauen schenkte. Würden die versammelten Klatschtanten des Ortes eine Präsidentin wählen, wäre Ginny garantiert die haushoch überlegene Siegerin.
Offenbar davon überzeugt, dass es keine ungewollten Zuhörer gab, beugte sich Melody zu Ginny vor und flüsterte ihr etwas zu. Ginny fiel die Kinnlade herunter. Ellie spitzte die Ohren, aber es war zwecklos.
Die Blondine, eine klassische Schönheit, lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und schüttelte sich theatralisch. »Ich bin nicht diese Art Frau. So was mache ich nicht. Ich meine, Sex ist mir genauso wichtig wie jeder anderen, aber Roger sucht eine Nymphomanin. Seine ideale Sexpartnerin hat jede Menge Erfahrung und wenige Grenzen.« Seufzend zuckte sie mit den Schultern. »Ich werde ihn immer lieben, aber so, wie man einen guten Freund liebt. So ist es wirklich das Beste für uns beide.«
Stunden später betrachtete Ellie den Mond, dessen Schein durchs Fenster in ihr gemütliches Schlafzimmer fiel, und dachte über die Unterhaltung nach, die sie im Diner mitbekommen hatte. Die Tatsache, dass sie gelauscht hatte, bereitete ihr Gewissensbisse; gar nicht zu reden davon, dass sie den Freund einer Frau begehrte, deren Verlobung gerade erst in die Brüche gegangen war. Diese beiden Verfehlungen waren vermutlich der Grund dafür, dass sie sich um halb zwei immer noch im Bett herumwälzte.
Lass es für heute gut sein, sagte sie sich, aber ihr sturer Kopf weigerte sich, ihr zu gehorchen. Schatten malten Muster an die Decke, während sie darüber nachdachte, wie sie ihren lang gehegten heimlichen Wunsch verwirklichen könnte. Sie träumte diesen Traum in verschiedenen Varianten schon so lange, wie sie sich erinnern konnte: Roger verliebte sich in sie; sie heirateten, zogen in eins der prächtigen alten Häuser mit Blick über den Fluss und lebten dort glücklich bis an ihr Lebensende –, vorzugsweise mit einer ganzen Schar blauäugiger, honigblonder Mini-Rogers. Roger der Dritte käme als Erster, sie würden ihn Trey nennen, und dann folgte Michael – oder Elizabeth, wenn es ein Mädchen würde …
Das leise Brummen eines Motorrads durchbrach die Stille der warmen Juninacht und lenkte sie von ihren Familiengründungsplänen ab. Dann brach das Geräusch plötzlich ab, und es wurde wieder ruhig – außer in ihrem Kopf.
Melody hatte in der Highschool die Cheerleader angeführt. Sie war schön, sportlich und hatte jede Menge … Feuer. Wenn Melody es nicht schaffte, Roger im Bett zu befriedigen, welche Chance hatte dann die intellektuelle, unsportliche und vergleichsweise unerfahrene Ellie Swann?
So nah und doch so fern. Einerseits schienen ihre Schicksale so perfekt miteinander verbunden zu sein. Sie war erst kürzlich nach Bluelick zurückgekehrt, um ihre Arztpraxis zu eröffnen und in der Nähe ihres Vaters zu sein, bei dem Typ-2-Diabetes diagnostiziert worden war, was er allerdings ignorierte. Man konnte nicht gerade behaupten, dass er begeistert war von ihren wöchentlichen Besuchen. Roger war wiederum nach Hause zurückgekehrt, um in der Anwaltskanzlei seiner Familie zu arbeiten. Sie waren also beide Berufsanfänger ohne feste Beziehung und auf der Suche nach der Liebe. Andererseits, wenn sie sich nicht in eine sexuell abenteuerlustigere Frau verwandelte – und das schnell –, würde er sie keines zweiten Blickes würdigen.
Zum Glück war sie nicht mehr Sparky-Swann, der traurige kleine Wicht, der sie in der Highschool gewesen war. Damals war das einzige Kurvige an ihr die dicke runde Brille gewesen, die sie wegen ihrer Kurzsichtigkeit tragen musste. In den folgenden Jahren war endlich auch sie in den Genuss pubertärer Rundungen gekommen. Ihre Kurzsichtigkeit konnte mithilfe einer Laserbehandlung korrigiert werden, und ihre Zimmergenossinnen auf dem College berieten sie in Stylingfragen, was dringend notwendig gewesen war. Auch wenn niemand sie für ein Victoria-Secrets-Model gehalten hätte, sah sie wenigstens nicht mehr so aus, als wäre sie aus einem Wissenschafts-Camp entflohen.
Ob Roger sich wohl äußerlich verändert hatte? Ellie ließ zu, dass ihre schweren Lider sich schlossen, und beschwor vor ihrem inneren Auge sein Bild herauf – ganz und gar die goldene Perfektion. Sie sah ihn deutlich vor sich, wie er zusammen mit dem Rest des Reynold-Clans in der Baptisten-Kirche in der vierten Reihe saß, in seinem Sonntagsanzug, hochgewachsen und mit markantem Kinn. Waren seine Augen immer noch von demselben erstaunlichen, klaren Himmelblau? Besaß er immer noch den durchtrainierten Körper des Star-Quarterbacks und diese fülligen goldblonden Haare? Es spielte keine Rolle. Sie betete Roger nicht nur wegen seines attraktiven Äußeren an. Ihr gefiel alles an ihm, angefangen bei seiner großen liebevollen Familie bis hin zu seinem traditions- und verantwortungsbewussten Charakter, der sich erneut gezeigt hatte, als er in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters getreten und in die Familienkanzlei eingestiegen war.
Wie oft in Träumen folgte nahtlos ein neues Bild: Roger drehte sich zu ihr um und schenkte ihr ein atemberaubendes Lächeln, bei dem er seine etwas zu weißen Zähne zeigte. Die Kirchengemeinde begann dröhnend die Hymne »Rise Up, O Men of God« zu intonieren. Er zwinkerte ihr zu und beugte sich vor. »Darf ich dir ein Geheimnis anvertrauen, Sparky-Swann? Ich –«
Irgendetwas krachte, und eine leise, eindeutig nicht Roger gehörende Stimme brummte: »Gottverdammt!«
Ellie richtete sich kerzengerade im Bett auf, ihr Herz pochte heftig. Ihr Blick wanderte automatisch zu den rot leuchtenden Ziffern des Weckers: 1:47. Hatte die Kirchengemeinde den Einsatz verpasst, oder hatte ein echtes Geräusch sie aus dem gerissen, was sich gerade zu einem sehr interessanten Traum entwickelte? Mit angehaltenem Atem lauschte sie aufmerksam und hätte beinahe laut aufgeschrien, als ein weiteres Krachen auf der Vorderveranda ertönte. Wieder war gedämpftes Fluchen zu hören.
Sie sprang aus dem Bett und tastete auf der Suche nach ihrem Handy über den Nachttisch. Das langsame und stetige Knirschen des Kieses verriet die Anwesenheit einer Person, die um ihr heimeliges und – oh Gott – ziemlich einsam gelegenes Häuschen schlich. Als es plötzlich still wurde, setzte Ellies wild hämmerndes Herz eine Sekunde aus. Jemand trieb sich vor ihrem Schlafzimmerfenster herum.
Vor ihrem offenen Schlafzimmerfenster, kreischte ihr Verstand. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Einfach ins Bett zu gehen, ohne das Fenster zuzumachen? Nichts als ein leichtes Fliegengitter und ein zarter weißer Vorhang trennten sie nun von einem Irren, der sie erst vergewaltigen und dann ermorden würde. Falls er nicht das Körpergewicht einer Mücke besaß, war sie verloren.
Sie schnappte sich ihr Handy und zwang sich zur Ruhe. Bluelick war nicht gerade dafür bekannt, eine besonders hohe Rate an kaltblütigen Gewaltverbrechen aufzuweisen. Jeder kannte jeden, und ein Gutteil der Einwohner war miteinander verwandt. Wenn sie sich trauen würde, einen Blick zu riskieren, würde sie wahrscheinlich irgendein Rotzgör sehen, das sich bei einer Mutprobe bewies und mehr Angst hatte als sie selbst.
Ein tiefes, eher gelassen klingendes »Hey, Doc?« unterbrach sie in ihrem schwachen Versuch, sich selbst zu beruhigen.
Es hörte sich nicht nach einem Kind an und genauso wenig nach jemandem, der auch nur das kleinste bisschen Angst hatte. Ihre Finger glitten über das Handy und tippten Neun-Eins-Eins. Wenn er es wirklich tun wollte, brauchte er weniger als eine Minute, um durchs Fenster zu steigen und sie zu erwürgen. Die Polizei würde noch rechtzeitig eintreffen, um mit Kreide die Umrisse ihres kalten, toten Körpers auf den Fußboden zu zeichnen.
»Ich habe eine Pistole!«, krächzte sie in dem Versuch, wie Dirty Harry zu klingen, aber es kam eher eine Art Kermit der Frosch dabei heraus.
»Ach, das ist in Ordnung, Doc«, brummte die seltsam vertraute Stimme. »Aber du wirst sie nicht brauchen. Ich bin schon angeschossen worden.«
Angeschossen? Heiliger Strohsack, war das sein Ernst? Sie schaltete die Nachttischlampe an, aber bevor sie etwas sagen konnte, sprach er weiter. »Komm, Sparky, jetzt mach schon auf. Ich hab gehört, dass du zurückgekommen bist, um hier dein Praxisschild aufzuhängen. Herzlichen Glückwunsch, dein erster Patient steht vor der Tür.«
Dass er sie Sparky nannte, hatte nicht viel zu sagen. Jeder in der Stadt kannte diesen gottverdammten Spitznamen, dennoch ließ ihre Angst nach, denn in der Stimme des mysteriösen Besuchers schwang der unverkennbare Beiklang von Schmerz mit.
Sie schlich zum Fenster. »Wer bist du?«
»Tyler Longfoot. Erinnerst du dich an mich?«
Welche Frau konnte Tyler Longfoot vergessen? Er war vier Jahre älter als sie, viel wilder und Lichtjahre cooler. Bluelicks höchsteigener Bad Boy und Rebell hatte schon immer einen gefährlichen Charme ausgestrahlt. Ein Bild von ihm flackerte in ihrem Kopf auf: rabenschwarze Mähne und blitzende grüne Augen, draufgängerisch, provokant und spöttisch verzogene, sinnliche Lippen.
Sie schob den Vorhang beiseite und spähte hinaus. Tatsächlich, dort stand er, eine große, schlanke Gestalt, die vom schwachen Lichtschein ihrer Nachttischlampe erhellt wurde. Sein Haar war inzwischen kürzer, aber immer noch ungezähmt. Davon abgesehen hatten ihn die zehn Jahre nicht besonders verändert – oder seiner Bad-Boy-Anziehungskraft Abbruch getan.
»Was zum Teufel tust du hier, warum schleichst du nachts um zwei um mein Haus?«
»Ach, ich bin nur gerade am Verbluten«, erwiderte er, ohne die Stimme zu senken. Und warum auch? Die einzige Person im näheren Umkreis hatte er bereits geweckt. »Ich mache keine Witze, Doc. Ich brauche deine Hilfe.« Er beugte sich so weit vor, dass der Lichtschein über sein Gesicht fiel und sie seinen schmerzerfüllten Blick sehen konnte.
»Warum klingelst du nicht einfach wie jeder normale Mensch?«
»Nachdem ich in dem Minenfeld auf deiner Veranda keine einzige Sprengfalle ausgelassen habe, dachte ich, dass mir noch etwa fünfzehn Sekunden bleiben, um Hallo zu sagen, bevor du die Cops rufst oder ich eine weitere Kugel abbekomme.«
Ihre Finger umschlossen das Handy automatisch fester. Okay, seine Vorgehensweise war nicht völlig unverständlich. Ihr Blick wanderte über seinen Körper, auf der Suche nach Anzeichen für eine Verletzung. »Du läufst und redest ziemlich normal für jemanden, der gerade angeschossen wurde.«
»Es ist eine Fleischwunde, tut aber weh wie ein gottverdammter –«
»Schon gut, geh ums Haus. Ich mach dir auf.«
Er nickte, drehte sich um und ging den Weg zurück, den er gekommen war. Sie schnappte sich ihren Morgenmantel, zog ihn über den Pyjama und ging nach vorn zur Haustür. Auf dem Weg dorthin machte ihr Gehirn einen ungeplanten Ausflug zurück in die sechste Klasse.
Schon mit zwölf Jahren hatte sie begriffen, dass Tyler Longfoot aus jeder Pore Sex verströmte – heißen, kompromisslosen Sex –, auch wenn sie damals nicht diese Worte benutzt hätte. Sie hatte mitbekommen, wie Tyler Melodys ältere Schwester Melinda bei einem Bluelick-Buffalo-Heimspiel hinter der Tribüne geküsst hatte, und es war ihr durch den Kopf geschossen, dass er wie einer dieser Schurken auf den Taschenbüchern aussah, die Dalton in seinem Drugstore verkaufte. Auf jeden Fall küsste er wie einer. Er umfasste Melindas schmale Taille mit seinem muskulösen Arm und drückte sie dabei so fest an sich, dass er mit seinem Kuss ihr Rückgrat nach hinten bog. Schon beim Zugucken war Ellie schwindlig und kribbelig geworden.
Seitdem sie von Jungs geträumt hatte, mit denen sie für immer glücklich sein würde, hatte sie sich Roger in der Rolle des Traumprinzen vorgestellt, doch als sie Tylers Kuss gesehen hatte, hatte sie sich gefragt, was mit dem verzückten Paar geschah, nachdem es gemeinsam in den Sonnenuntergang geritten war.
Sie schaltete das Licht auf der Veranda ein und sah auf den Boden. Die Müllsäcke, die sie neben die Eingangstür gestellt hatte, um sie am nächsten Morgen ans Ende der Einfahrt zu schleifen, waren umgefallen, und der Inhalt lag überall verstreut. Aus dem Chaos erhob sich ein Paar abgetretener schwarzer Arbeitsstiefel. Sie ragten aus den Hosenbeinen einer verschlissenen Jeans heraus. Ihr Blick wanderte an den langen muskulösen Beinen nach oben, wobei sie geistesabwesend die abgewetzten Knie wahrnahm, dann über die Nähte an den Vordertaschen … zum Eingriff. Die Vision eifriger Frauenfinger, die sich daran zu schaffen machten, durchzuckte ihr Gehirn.
Das wenig hilfreiche Bild beiseiteschiebend setzte sie ihre Inspektion fort. Ein weißes T-Shirt spannte sich über der durchtrainierten Brust und deutete definierte Bauchmuskeln an. Eine Spur von etwas, das verdächtig nach pinkfarbenem Lippenstift aussah, zierte seinen Kragen, und auf der bronzefarbenen Haut seines Halses schimmerten helle Spuren.
Als sie seine auffälligen grünen Augen erreichte, stellte sie fest, dass diese sie musterten, halb schmerzerfüllt, halb amüsiert. »Wo ist die Pistole, Sparky?«
»Inzwischen nennen mich die Leute Dr. Swann.«
»Wo ist deine Pistole, Doc?«
Sie zog die Hand aus der Tasche ihres Morgenmantels und streckte sie ihm entgegen, den Zeigefinger auf ihn gerichtet, den Daumen angewinkelt. »Bumm.«
Er taumelte spielerisch einen Schritt nach hinten und krümmte sich dann unter echten Schmerzen. »Du hast mich erwischt.«
»Wo?« Sie entdeckte immer noch keine Verletzung.
Statt zu antworten, marschierte er an ihr vorbei in den Flur. Sie drehte sich um, um ihm zu folgen, und sah sofort den dunklen Flecken, der sich über der Jeanstasche an seiner Hüfte ausgebreitet hatte.
Es waren keine Unmengen von Blut, aber genug, um Besorgnis zu erregen. »Tyler …«
Er blieb auf halber Strecke den Flur hinunter stehen. »Wo soll ich hin?«
»Komm in meine Praxis in der Stadt.«
»Sehr witzig, Kugel …, äh, Doc.«
Sie trat zu ihm und legte eine Hand auf seinen Arm, wobei sie seine Muskeln spürte. »Ich meine das ernst. Oder noch besser, wie wäre es mit der Notaufnahme in Lexington?«
»Nein. Ich möchte, dass das hier unter uns bleibt. Wenn wir in die Stadt fahren, könnte man uns sehen. Und in der Notaufnahme sind sie verpflichtet, Schussverletzungen zu melden.«
Sie zog die Hand weg und schaute ihm in die Augen. »Darum kommen wir ohnehin nicht herum. Ich bin ebenfalls verpflichtet, Schussverletzungen bei der örtlichen Polizeidienststelle zu melden. Wenn ich das nicht tue, könnte man mir die Zulassung entziehen.«
Ohne Vorwarnung begann er plötzlich zu taumeln und sackte gegen die Wand. Sie umfasste seine Taille.
»Tyler! Tyler, kipp mir jetzt bloß nicht um! Halt dich an mir fest, in Ordnung?«
Sein Griff um ihre Schultern fühlte sich beruhigend fest an, und seine Beine schienen glücklicherweise in der Lage zu sein, ihn zu tragen. »Gehen wir in die Küche, damit ich mir ansehen kann, womit wir es zu tun haben. Dann kann ich besser entscheiden, welche Behandlung du brauchst.«
Sie zweifelte daran, dass er noch klar genug im Kopf war, um ihr folgen zu können, deshalb überraschte es sie umso mehr, dass er ihr voran in die Küche ging und dort das Licht einschaltete.
Ihre Augen brauchten einen Moment, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Dann musterte sie ihren Patienten. Seine Gesichtsfarbe sah normal aus, und die Pupillen reagierten auf Reize. »Seltsam. Ich erinnere mich nicht, dass du bei Einweihungsparty gewesen bist.«
Sein Mund verzog sich zu einem schwachen Lächeln. »Ich hab das Haus gebaut. Ich kenne den Grundriss ziemlich genau.«
»Oh.« Das erinnerte sie an etwas. Ihr Vater oder, was wahrscheinlicher war, einer ihrer früheren Klassenkameraden, dem sie zufällig begegnet war, hatte erwähnt, dass Tyler vor mehreren Jahren eine Baufirma gegründet hatte.
Mitten in ihrer ordentlich aufgeräumten Küche stehend, wirkte er fehl am Platz oder, anders ausgedrückt, sehr männlich neben den zitronengelben Vorhängen und den farblich passenden Geschirrtüchern. Himmel, er war wirklich etwas …Besonderes. Einen Moment lang kehrte sie in Gedanken in Highschool-Zeiten zurück und quietschte Oh mein Gott. Der höllisch heiße Tyler Longfoot, vor dem keine Jungfrau sicher ist, steht in meiner Küche und ist kurz davor, die Hosen runterzulassen. Dann fiel ihr wieder ein, was der Grund dafür war. Sie holte sich in die Gegenwart zurück und ging in Richtung Tür. »Ich hole meine Arzttasche. Bin sofort wieder da.«
Reiß dich zusammen, Ellie. Ihm sollte schwindlig sein – nicht dir. Eilig lief sie in den Flur, um ihre Tasche zu holen.
Leicht nervös kehrte sie in die Küche zurück, wo er mit tief auf den Hüften hängender Jeans dastand, die Hände auf dem soliden Holzblocktisch abstützend.
»Ist das gut so, Doc?«
Abhängig von dem Kaliber der Kugel und der Stelle, an der sie ihn getroffen hatte, könnte es sich um einen relativ einfachen Kugel-rausholen-und-zunähen-Job handeln – oder aber um einen Eingriff, der ein MRT, Vollnarkose und mehrere Stunden komplizierter chirurgischer Arbeit erforderte. Es war besser, wenn er aufrecht stand und zumindest theoretisch mobil blieb, bis sie genau wusste, wie ernst die Verletzung war.
»Ja, so ist es gut«, antwortete sie mit ihrer besten beruhigenden Arztstimme. Nachdem sie sich die Hände in dem tiefen Spülbecken abgeschrubbt hatte, holte sie ein Paar Schutzhandschuhe aus ihrer Tasche.
Sie zog sie an, schob mit dem Fuß einen Stuhl hinter ihm zurecht und setzte sich. Dann wühlte sie in ihrer Tasche herum, holte alles heraus, was sie benötigte, und legte die Sachen auf den Tisch. Als sie so weit war, sagte sie: »Na schön, ich werde jetzt so langsam und vorsichtig wie möglich die Jeans und die Unterhose runterziehen. Es könnte aber sein, dass es wehtut, falls Stoff an der Wunde haftet.«
»Um ehrlich zu sein, hinke ich mit der Wäsche hinterher, deshalb habe ich unter der Jeans nichts an. Das wird die Sache hoffentlich vereinfachen.« Er blickte über die Schulter, um sie anzusehen, wobei die Hose noch weiter nach unten rutschte. Gleich darauf hörte sie, wie er laut nach Luft schnappte, als sie die eine Seite nach unten zog, um die Wunde freizulegen.
»Tut mir leid, das hier könnte schmerzhaft werden. Wir sollten besser aufhören, eine Druckkompresse anlegen und den Krankenwagen rufen.«
»Alles okay, Ellie«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Tu, was du tun musst.«
»Na schön. Das Gesicht nach vorn und stillhalten.« Er drehte sich um, und sie konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Nach wenigen Sekunden hatte sie den schmalen, leicht rissigen Rand der Wunde inspiziert und die … Kugel? Schrotkugel? … lokalisiert. Sie war keine Munitionsexpertin. Es handelte sich um ein kleines Metallprojektil, das weniger als einen halben Zentimeter tief in der spektakulären Wölbung seines Gesäßes steckte, zwischen dem Gluteus medius und dem Gluteus minimus. Als sie die Wunde vorsichtig auseinanderzog, um das Eintrittsloch besser untersuchen zu können, schnappte er laut nach Luft.
»Was zum Teufel … Amputierst du mir gerade die halbe Pobacke?«
»Das kommt später. Lenk mich nicht ab.«
»Lass dir alle Zeit der Welt.« Trotz der zusammengebissenen Zähne war sein Sarkasmus deutlich hörbar.
Sie zog ein Mittel zur lokalen Betäubung in einer Spritze auf. »Würdest du bitte bis drei zählen?«
»Sicher. Eins, zwei …«
Ellie rammte die Nadel ins Fleisch.
Tyler schwankte wie eine Palme im Wind. »Himmelherrgott noch mal! Warum hast du nicht bis drei gewartet?«
Ellie zog die Nadel heraus und legte die Spritze auf den Tisch. Während sie darauf wartete, dass das Betäubungsmittel wirkte, erklärte sie: »Bei drei spannen die meisten Patienten die Muskeln an, und ein kleiner Piks fühlt sich an wie ein Knuckleball, der mit hundertvierzig Stundenkilometer auf den Muskel trifft.«
»Na toll, vielen Dank auch. Das waren dann nur etwa hundertdreißig Stundenkilometer.«
»Gern geschehen.« Mit einem Wattebausch tupfte sie das Blut von der Einstichstelle ab. »Wir warten noch kurz, bis die Betäubung wirkt, dann hole ich die Kugel heraus, und du bist in null Komma nichts der Alte.«
Die Antwort bestand aus einem skeptischen Grunzen.
Ellie nahm eine lange Pinzette und berührte damit vorsichtig die Wunde. Keine Reaktion. »Erzählst du mir, was passiert ist?«
»Würdest du mir glauben, dass ich das selber war?«
Sie lachte. »Nicht eine Sekunde. Genauso wenig wie ich glauben würde, dass dein Hund, deine Katze, dein Vogel oder dein Leguan den Schuss versehentlich ausgelöst hat. Und um diese Zeit kann ich mir auch nicht vorstellen, dass es sich um einen Jagdunfall handelt.«
»Einen Versuch war’s wert.«
»Versuch’s mal mit der Wahrheit«, empfahl sie ihm, wobei sie das Triumphgefühl genoss, als sie die kleine Metallkugel zu packen bekam und herausholte. Sie säuberte die Wunde und drückte eine Kompresse darauf.
Er seufzte. »Ich war drüben in Rawley’s Pub, hab was getrunken und … nun ja, hatte eine etwas tiefer gehende Unterhaltung mit Lou Ann Doubletree.«
Lou Ann war im Jahrgang über Ellie gewesen, sie erinnerte sich ziemlich gut an die hochgewachsene Blondine mit dem sandfarbenen Haar. Das ältere Mädchen hatte zwei unvergessliche Merkmale besessen. »Lou Ann Doppel-D?«
»Für eine Frau, die ihren eigenen Spitznamen nicht besonders leiden kann, bist du aber gut darin, anderen welche zu verpassen.«
»Sie mochte ihren Spitznamen. Sie war stolz auf die Körperteile, die den Namensgeber dazu inspiriert haben.«
»Du musst zugeben, dass sie tatsächlich ziemlich inspirierend sind.«
»Ich hab davon gehört«, erwiderte sie und verdrehte innerlich die Augen. Warum waren Männer nur so besessen von Milchdrüsen? Sie verknotete den Faden in der chirurgischen Nadel und fing an, die Wunde zu nähen. »Du warst also im Rawley’s und hast dich intensiv mit Lou Ann unterhalten, und dann?«
»Sie steckt in einer On/Off-Beziehung mit Tillman Junior. Erinnerst du dich an ihn?«
Der Name kam ihr bekannt vor. In ihrem Kopf erschien das Bild eines breit gebauten, kräftigen Typen mit dröhnender Stimme und der Neigung, jedes Mal, wenn den Buffalos ein Touchdown gelang, leere Bierdosen an der Stirn zu zerdrücken. Sie machte den ersten Stich. »Vierschrötiger Typ? Dein Jahrgang? Stimme wie ein Megafon?«
»Genau der. Wie auch immer, laut Lou Ann haben sie gerade Beziehungspause, aber heute Abend tauchte Junior auf mit einem ordentlichen Alkoholpegel und einer schwammigen Erinnerung daran, wie der aktuelle Stand gerade aussieht.«
»Er hat dich angeschossen? Ich kann nicht glauben, dass du nicht die Cops gerufen hast.« Trotz ihrer Empörung nähte sie einen weiteren kleinen, ordentlichen Stich auf der akkuraten Linie. Dieses perfekte Körperteil zu entstellen käme einem Verbrechen gleich.
»Kein Grund, sich aufzuregen. Er schnappte sich das Kleinkaliber für die Waschbärenjagd, das er auf dem Gewehrständer in seinem Pick-up hatte. Er hatte nicht vor, mich zu töten, wollte nur sein Revier markieren.«
»Sein Revier … Himmel. Ihr Männer seid wirklich hoffnungslos.« Sie knüpfte die letzte Schlaufe, schnitt den Faden ab und warf die Schere auf den Tisch.
»Ich ticke da anders, Doc. Ich versuche nur zu erklären, was Junior vermutlich durch den Kopf ging. Sobald er seinen Rausch ausgeschlafen hat, fühlt er sich garantiert ziemlich schlecht wegen dieser Sache.«
»Den kann er auch in einer Gefängniszelle ausschlafen«, sagte Ellie mit fester Stimme.
Tyler stieß einen widerwilligen Laut aus. »Junior ist ein verdammt guter Bauarbeiter, außerdem hat er mit einer jungen Frau einen vierjährigen Sohn drüben in Ashland. Wenn er im Gefängnis ist, kann er die Unterhaltszahlungen nicht mehr leisten. Dann muss das Kind leiden, weil Daddy im Bourbon-Rausch eine schlechte Entscheidung getroffen hat.«
»Er hat auf dich geschossen. Ich bin dazu verpflichtet, es den Behörden zu melden. Das ist nicht verhandelbar.« Ellie, die die Diskussion als beendet betrachtete, bandagierte die Verletzung. »Fertig.«
Er verdrehte sich den Hals, um sich die verbundene Hinterbacke anschauen zu können, dann zog er die Jeans nach oben und wandte sich um. Seine hypnotischen grünen Augen richteten sich auf sie, und seine Lippen formten sich langsam zu einem verführerischen Lächeln. »Alles ist verhandelbar.«
Melodys Worte, die sie im Diner aufgeschnappt hatte, schossen Ellie durch den Kopf. Rogers ideale Partnerin hat jede Menge Erfahrung und wenige Grenzen.
Als Ärztin zu arbeiten bedeutete, dass man nicht leicht aus der Fassung zu bringen war, dementsprechend war die Sache mit den Grenzen nicht unbedingt eine Abschreckung. Aber Erfahrung? Das war etwas ganz anderes. Vielleicht stand die Antwort direkt vor ihr – die gehende, sprechende Personifizierung sexueller Erfahrung. Medizinisch gesehen war Tyler außerdem als gehender, sprechender Libidoverstärker geeignet.
»Komm schon, Doc. Was muss ich tun, um dich davon zu überzeugen, dass du unser kleines Geheimnis bewahrst?«
Tyler lauschte auf die Stille, die nach dieser Frage zwischen ihnen hing. Ellie starrte ein Weilchen ins Leere und musterte ihn dann so aufmerksam von Kopf bis Fuß, dass ihm der Schweiß ausbrach. Was zum Teufel ging in ihrem Kopf vor?
»Nach dem, was du über Lou Ann erzählt hast, gehe ich davon aus, dass du zurzeit Single bist?«
In Wahrheit hatte Lou Ann ihn angemacht. Er hatte nach einem netten Weg gesucht, sie wieder loszuwerden, bevor ihre Lippen einen flammenden Pfad in seinen Hals sengten. Junior war einer seiner besten Freunde, und im Gegensatz zu dem, was alle zu denken schienen, war er niemand, der die Freundin eines guten Freundes ins Bett kriegen wollte. Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich mit der Hüfte gegen den Tisch, als ihm wieder einfiel, dass das wahrscheinlich keine gute Idee war. »Stimmt, Doc. Ich warte noch darauf, dass diese eine, besondere Person meinen Weg kreuzt.«
»Und du hast gern Spaß, während du darauf wartest.«
Ihre Worte enthielten kein Urteil. Es war eher seine eigene wachsende Unzufriedenheit mit seinem unsteten Liebesleben, die dazu führte, dass ihm dieser Kommentar gegen den Strich ging. Vielleicht lag es auch daran, dass er eine Kugel dafür kassiert hatte, dumm oder gelangweilt genug gewesen zu sein, sich auf Lou Anns Flirterei einzulassen – und nun war er aufgewacht. Was auch immer der Grund war – es schien an der Zeit, etwas zu ändern.
»Manche Leute würden das wohl so ausdrücken«, erwiderte er und musterte sie aufmerksam. Das hier wäre mit jedem eine seltsame Unterhaltung gewesen, aber ganz besonders seltsam erschien sie ihm mit Sparky-Swann. Was zum Teufel hatte sein Beziehungsstatus damit zu tun, ob er sie davon überzeugen konnte, die Polizei aus der Angelegenheit rauszuhalten?
Der Gürtel ihres kurzen pinkfarbenen Morgenmantels schien ihre volle Aufmerksamkeit zu beanspruchen. »Du bist sehr erfahren auf einem Gebiet, auf dem ich meine Fähigkeiten gern erweitern würde.«
Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, wobei sie geistesabwesend auf ihrer Unterlippe herumkaute. Dieser kleine Tick löste ein unangenehmes Ziehen in seiner Leistengegend aus. »Du willst lernen, wie man ein Haus baut?«
»Ich rede von Sex«, entgegnete sie und ließ von ihrer Unterlippe ab, sodass es nun der tiefe Blick ihrer rehbraunen Augen war, der ihn an den Eiern packte. »Du hast deine Fähigkeiten stetig erweitert, seit du ein Teenager warst. Wenn man dem Tratsch glauben darf, hast du ein Sexleben, von dem die meisten Männer nur träumen können.«
»Äh, nun ja, man sollte nicht alles glauben, was die Leute so reden«, sagte er, auch wenn er nur zu gerne den seidigen Morgenmantel geöffnet und ihr Dinge gezeigt hätte, von denen sie nur träumte.
Das hier ist Sparky-Swann, rief er sich in Erinnerung, ein Bücher verschlingendes, merkwürdiges kleines Mädchen – auch wenn sie inzwischen nichts mehr von alldem zu sein schien.
»Ich muss nur einen Bruchteil davon glauben. Tyler …« Sie brach ab und fuhr sich mit der Hand durch das lange dunkle Haar, wobei sie unbewusst ihre Nervosität preisgab. »Bring mir bei, eine Sexgöttin im Bett zu sein, und ich überlasse es einem anderen besorgten Bürger dieser Stadt, Junior anzuzeigen.«
Vielleicht hatte er auch noch eine Kugel in den Kopf abbekommen – irgendwas stimmte nicht mit seinem Gehörsinn. »Entschuldigung, kannst du das wiederholen?«
Sie streckte das Kinn vor. »Du hast mich gehört. Ich möchte praktische, lebensnahe Nachhilfe im Bett, mit vollem Körpereinsatz.«
»Na schön, gehen wir mal einen Schritt zurück. Würde es dir was ausmachen, mir zu sagen, warum du eine Sexgöttin im Bett werden willst?«
Ihr Whisky-Cola-farbener Blick wandte sich verlegen ab. »Das möchte ich nicht so gern sagen.«
»Nein, natürlich nicht.« Seufzend musterte er seine Stiefelspitzen und versuchte, ihren Vorschlag in den Kopf zu kriegen. »Ich fasse das noch mal zusammen, um ganz sicher zu sein, dass ich es richtig kapiert habe. Du wärst damit einverstanden, nicht die Polizei zu informieren, wenn ich verspreche, dein Sex-Nachhilfelehrer zu werden?« Er musterte sie fragend. Und lachte, als sie nickte. »Du nimmst kein Blatt vor den Mund, Doc. Auf diese Weise spart man sich sowohl die Spielchen als auch das romantische Geplänkel.«
»Ach, komm schon. Was unterscheidet meinen Vorschlag von deinem Rumgemache mit Lou Ann an einem x-beliebigen Freitagabend im Rawley’s? Du wolltest es, Lou Ann wollte es – damit ist die Sache klar. Ihr beide wusstet genau, dass der Abend nicht mit einem Heiratsantrag enden würde. Es geht darum, die Nähe des anderen zu genießen und dann weiterzumachen. Ich schlage das Gleiche vor, allerdings sparen wir uns die Drinks und den Small Talk. Und das Risiko, angeschossen zu werden, ist gleich null, und …«
Ihre Stimme brach ab, und ihre Vorsitzende-des-Debattierklubs-Miene verwandelte sich in einen Ausdruck, den er nicht ganz deuten konnte, der aber dazu führte, dass er sich wie ein Rüpel vorkam.
»Natürlich bin ich keine Lou Ann Doubletree«, sagte sie leise, schlang den Morgenmantel fester um sich und zog die Schleife des Gürtels nach. »Wie dumm von mir. Hör zu, wenn dir die Sache unangenehm ist, dann vergiss einfach, was ich gesagt habe.«
Himmel. »Ich hab nicht gesagt, dass es mir unangenehm ist. Glaub mir, das ist ganz sicher nicht das Problem.«
»Was dann?«
»Dass ich mir ein bisschen wie ein Kinderschänder vorkomme, mit der kleinen Ellie Swann rumzumachen.«
»Ich bin achtundzwanzig Jahre alt, also kein Kind mehr.«
Da hatte sie recht. Der wilde Haarschopf aus zerzausten Locken, den sie als Kind nie so recht hatte zähmen können, hatte sich in eine Kaskade aus weichen ebenholzfarbenen Wellen verwandelt. Ihre Gesichtszüge und die Grübchen in den Wangen waren ausgeprägter geworden – die erwachsene Version war ein Cocktail aus Süß und Sexy. Früher hatte sie eine Brille getragen, deren Gläser so dick waren, dass sie die Ereignisse der nächsten Woche voraussagen konnte, doch nun waren da nur noch große braune Augen, die ihn hoffnungsvoll anblickten. Und dann dieser Mund, weich und voll. Selbst ohne Lippenstift war er sehr einladend.
»Das ist zweifellos richtig, Doc.«
»Was ist dann das Problem? Ich nehme dir das moralische Dilemma nicht ab. Wenn du Double-D vögeln kannst, nur um Spaß zu haben, kannst du mich ebenfalls vögeln.«
»Eins möchte ich klarstellen. Ich hatte Sex mit Frauen, ich habe sie verführt, und bei einigen wenigen Gelegenheiten habe ich Liebe mit ihnen gemacht … aber ich habe noch nie – und ich meine nie – eine Frau nur gevögelt.« Wortklauberei beiseite – Tyler konnte nicht leugnen, dass Ellie mit ihrer Schlussfolgerung grundsätzlich richtiglag.
Wenn sie heute Abend im Rawley’s aufgekreuzt wäre, eine schöne Fremde, wäre er der Erste gewesen, der sie auf einen Drink eingeladen, Small Talk gemacht und sich auf alles eingelassen hätte, wozu sie außerdem Lust gehabt hätte.
Doch unglücklicherweise war sie keine schöne Fremde. Sie war Ellie. Und er hatte schon immer eine Schwäche für sie gehabt. Sie waren beide von gefühllosen, abwesenden Vätern aufgezogen worden, die aus demselben kalten, harten Stein gemacht waren. Soweit er wusste, hatte Frank Swann seine einzige Tochter zwar nie geschlagen – im Gegensatz zu Big Joe Longfoot, der liebend gern für tatsächliche oder vermeintliche Vergehen Schläge ausgeteilt hatte –, doch mit Lob und Ermutigung hatte Swann Ellie auch nicht gerade überschüttet.
Er betrachtete ihre großen Augen, das weiche, vom Schlafen zerzauste Haar und den mehr als betörenden Mund, und ihm wurde klar, dass nicht nur sein Herz eine Schwäche für sie hatte, sondern sich auch zwischen seinen Lenden etwas regte, das alles andere als weich war.
Ersteres war einfacher zu akzeptieren.
»Na schön«, murmelte sie. »Lassen wir die Wortklaubereien, haben wir eine Abmachung oder nicht?«
Himmel, wie brachte er sich nur immer wieder in solche Situationen? Er drückte den Daumen gegen den wachsenden Schmerz zwischen seinen Augen und sagte: »Lass mich kurz überlegen. Über wie viele Nachhilfestunden reden wir hier genau?«
Sie dachte einen Moment lang über die Frage nach, und er hörte praktisch, wie sich die Rädchen in ihrem Kopf drehten, während sie Berechnungen anstellte. »Zehn?«
Sein Penis regte sich und rief Gekauft!, aber sein Selbsterhaltungstrieb befahl ihm, ein niedrigeres Gegenangebot zu machen. »Zwei.«
»Acht«, konterte sie, und insgeheim bewunderte er ihre nüchterne Verhandlungsführung.
»Vier.«
»Fünf. Das letzte Angebot. Falls ich weniger bekomme, lerne ich nicht genug und bin nicht bereit, ein Disziplinarverfahren vor der Zulassungsbehörde für Ärzte zu riskieren.«
»Na schön, einverstanden.«
Sie lächelte, und wie schon vor vielen Jahren wurden die Grübchen in ihren Wangen sichtbar. Als sie ihm die Hand hinstreckte, um ihren Deal zu besiegeln, kämpfte er gegen den mächtigen Drang an, sie auf eine der beiden bezaubernden kleinen Einbuchtungen zu küssen. Er hatte noch nie jemandem Nachhilfestunden gegeben, aber das hier würde wirklich einfach werden. Ein paarmal mit ihr ausgehen, zusammen eine aufregende Zeit verbringen.
»Großartig.« Sie griff in ihre schwarze Tasche, holte etwas heraus, von dem er fürchtete, dass es sich um Kondome handeln könnte, und stopfte es in ihren Morgenmantel. »Dann sollten wir loslegen …«
Sein Lachen unterbrach sie. »Ich meine es nicht böse, Doc. Aber ich glaube, heute Abend kriege ich es nicht mehr hin. Ich spüre meinen Hintern nicht mehr.«
Sie presste die vollen Lippen zu etwas zusammen, was vermutlich eine strenge Linie darstellen sollte. Er fragte sich, wie sie reagieren würde, wenn sie wüsste, dass sein Schwanz sich bei dieser Behauptung sofort geregt und ihn Lügen gestraft hatte.
»Ich bin nicht beleidigt«, erwiderte sie und ging zur Tür. »Ich wollte sagen, dass wir loslegen können, sobald die Fäden gezogen sind.«
»Ah.« Das lehrerhafte Körperteil in seiner Hose beruhigte sich wieder. Er folgte ihr in den Flur. »Das klingt nach einem guten Plan. Wie lange wird das wohl …?«
Sie griff in die Tasche ihres Morgenmantels und reichte ihm ein Paket mit Kompressen und Verbandsmaterial. »Wechsel den Verband täglich. Mach für Donnerstag einen Termin in meiner Praxis, dann sehen wir, wie die Wunde bis dahin aussieht.« Sie blieb an der Haustür stehen. »Wenn alles gut verheilt, tüfteln wir einen Zeitplan aus und überlegen uns den Lehrplan genauer.«
Er hätte beinahe das Verbandsmaterial fallen gelassen, das er gerade in die Vordertasche seiner Jeans hatten schieben wollen. Der Lehrplan? Das brachte wirklich nur die überehrgeizige Ellie fertig, etwas wie Sex in ein akademisches Vorhaben zu verwandeln. Auch wenn er nicht genau sagen konnte, warum – die Vorstellung eines spezifischen Lehrplans fand er zugleich aufregend und erschreckend.
»Wir sollten das Ganze nicht zu sehr verkomplizieren. Für mich ist es in Ordnung, auch mal spontan zu entscheiden.«
Sie zog die Augenbrauen auf eine Art und Weise zusammen, die er unerklärlicherweise ebenfalls äußerst sexy fand, und schüttelte dann den Kopf. »Ich aber nicht. Ich will keine unserer Sitzungen damit verschwenden, etwas zu tun, das ich schon kenne. Ich habe vor, mein Wissen zu erweitern.«
Er kämpfte gegen den Drang an, seine verschwitzten Handflächen an der Jeans abzuwischen. »Was genau hast du im Sinn?«
»Um ehrlich zu sein, weiß ich das noch nicht. Ich muss erst noch ein bisschen recherchieren.«
»Na schön, dann recherchiere von mir aus nach Herzenslust, Doc, aber ich nehme mir das Recht heraus, bei allem, was mir nicht behagt, mein Veto einzulegen.«
Das brachte sie aus dem Konzept. »Wieso?«
Er trat hinaus auf die Veranda und drehte sich dann zu ihr um. »Weil ich der Experte bin.« Das war die Wahrheit, auch wenn ihm diese Tatsache plötzlich armselig erschien. Es hatte sie weniger als eine halbe Stunde gekostet, um zu dem Schluss zu kommen, dass das Beste, was er zu bieten hatte, zwischen seinen Beinen baumelte. Und ihm schwante allmählich, dass die Hälfte der weiblichen Bevölkerung von Bluelick das vermutlich genauso sehen würde. Zugegebenermaßen hatte er sich keine besonders große Mühe gegeben, dieses Bild zu korrigieren – dabei hatte er mehr drauf als das. Auf die eine oder andere Art würde er ihr das beweisen, und wenn es nur aus Stolz war.
Vielleicht ging es ja wirklich um Stolz, oder vielleicht hatte es auch mit dem Anblick zu tun, wie sie dort auf der Türschwelle stand, ihn skeptisch musterte und auf der Lippe kaute. Jedenfalls beugte er sich so weit vor, dass er die verschiedenen Farbtöne ihrer faszinierenden braunen Iris inspizieren konnte. »Was hältst du davon, wenn wir erst mal mit einem grundsätzlichen Eignungstest beginnen?«
»Einem Test?
Er hörte gerade noch, wie sie nach Luft schnappte, ehe er seine Lippen auf ihre presste. Er hatte beabsichtigt, sie zu überrumpeln und vielleicht ein bisschen aus der Fassung zu bringen, aber dann war er derjenige, den es kalt erwischte. In der Sekunde, in der seine Lippen auf ihren weichen samtigen Mund trafen, hatten sich alle Gedanken an Eignungstests verabschiedet. Alle Gedanken außer dem, wie sie so schnell wie möglich ihre Klamotten loswerden, ins Bett kommen und die Welt gemeinsam aus den Angeln heben könnten. Das letzte Fünkchen Vorsicht und ein Gutteil seiner Durchblutung hatte sich ebenfalls aus seinem Kopf verabschiedet.
Ihre Gedanken schienen denselben Weg eingeschlagen zu haben, denn sie stellte sich auf die Zehenspitzen, schlang eine Hand um seinen Nacken und erwiderte seinen Kuss mit jeder Menge brachliegenden Talents. Sein Kopf fühlte sich genauso taub an wie sein Hinterteil. Bevor er wusste, was er tat, ballte er die Hand am Rücken ihres Morgenmantels zur Faust und presste sie an sich, während seine Zunge langsam und genüsslich mit der Erforschung ihres Mundes begann.
