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Schlafe niemals mit dem Feind!
Virginia Boca hat nur ein Ziel: Sie will Bürgermeisterin von Bluelick, Kentucky, werden. Dafür stellt sie alles zurück: keine Dates! Keine Männer! Keinen Sex! Doch als ein geheimnisvoller Fremder ihren Salon betritt und ein simpler Haarschnitt zu etwas viel Heißerem wird, ist es um ihre guten Vorsätze geschehen. Allerdings ahnt sie nicht, dass es sich bei dem attraktiven Unbekannten um einen ihrer Gegner in der bevorstehenden Wahl handelt!
"Heiß, sexy, humorvoll - ein absoluter Lesegenuss!" RAMBLINGS FROM THIS CHICK
Band 3 der neuen romantischen Serie von Bestseller-Autorin Samanthe Beck
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2020
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
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Epilog
Danksagung
Leseprobe
Die Autorin
Die Romane von Samanthe Beck bei LYX
Impressum
Samanthe Beck
Love You for Now
Roman
Ins Deutsche übertragen von Frauke Lengermann
Virginia Boca hat nur ein Ziel: Sie will Bürgermeisterin von Bluelick, Kentucky, werden. Dafür stellt sie alles zurück: keine Dates! Keine Männer! Keinen Sex! Doch als ein geheimnisvoller Fremder ihren Salon betritt und ein simpler Haarschnitt zu etwas viel Heißerem wird, ist es um ihre guten Vorsätze geschehen. Allerdings ahnt sie nicht, dass es sich bei dem attraktiven Unbekannten um den Sohn ihres Gegners in der bevorstehenden Wahl handelt!
Für Mom. Als du gesagt hast, dass dich bislang nichts wirklich schockiert hätte, war das sicher nicht als Herausforderung gemeint – aber trotzdem …
Heilige Scheiße, ich werde sterben wie eine Mücke, zermatscht auf einer Windschutzscheibe.
Dieser Gedanke schoss Virginia Boca durch den Kopf, während vor ihrem geistigen Auge eine erbärmlich nichtssagende Bildmontage ihres bisherigen Lebens vorbeizog. Achtundzwanzig Jahre, in denen sie Bluelicks Landluft in die Lunge gesogen hatte, fanden ein grausiges Ende – dank des rücksichtslosen kleinen Scheißkerls Justin Buchanan und des bescheuerten roten Mustangs, den sein Vater ihm im vergangenen Jahr zum sechzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Und was noch schlimmer war – nachdem Justin sie wie einen Straßenköter überfahren hatte, kam er wahrscheinlich mit einem Klaps aufs Handgelenk davon, weil sein idiotischer Vater zufällig Bluelicks Bürgermeister war. Und wenn sie nicht mehr da war, um Anspruch auf das Amt zu erheben, würde Tom Buchanan im kommenden Monat in seinem Amt bestätigt werden – ohne dafür einen Finger rühren zu müssen.
Die stählerne Todesmaschine raste auf sie zu und war jetzt so nah, dass sie Justin durch die Windschutzscheibe sehen konnte – er tippte eine SMS in sein Handy –, während er die Main Street hinunterraste. Ein Schrei steckte zwischen ihren gelähmten Stimmbändern fest, und sie brachte den Laut genauso wenig heraus, wie sie es schaffte, mitten in der Bewegung die Richtung zu ändern. Sie hatte den Punkt der Umkehr in dem Moment hinter sich gelassen, als sie vom Bürgersteig auf die Straße getreten war, und jetzt war sie eine Gefangene der Schwungkraft.
Die Zeit schien langsamer zu werden und sich immer weiter auszudehnen, während der Mustang näher kam. Justin sah auf. Ihre Blicke trafen sich. Seine Augen wurden groß und bekamen den angsterfüllten Ausdruck eines Menschen, der mit einem mathematischen Problem konfrontiert ist: »Wie viele Meter Bremsweg hat ein Auto, das zwei Tonnen wiegt und mit mehr als neunzig Stundenkilometern unterwegs ist?« Ein Mensch, der feststellen musste, dass es mehr Meter waren, als ihm zur Verfügung standen.
Ginny kniff die Augen zu – nicht weil sie ihr Schicksal akzeptierte, sondern weil es ihr lieber gewesen wäre, ihm zu entgehen. Innerlich wappnete sie sich für den brutalen Stoß, der sie ins Jenseits befördern würde.
Plötzlich schloss sich ein Arm um ihre Mitte und riss sie so schnell nach hinten, dass ihr das, was sie für ihren letzten Atemzug gehalten hatte, aus der Lunge gepresst wurde. Der Luftzug des vorbeirasenden Wagens traf sie, doch das war alles. Sie öffnete die Augen. Obwohl an den Rändern ihres Blickfelds schwarze Punkte tanzten, konnte sie sehen, dass der Mustang die Main hinunter verschwand, ohne dass die Bremslichter ein einziges Mal aufgeleuchtet hätten.
Scheißkerl.
Sie hätte sich einer längeren, kreativeren Schimpftirade hingegeben, wenn die schwarzen Punkte vor ihren Augen nicht bewirkt hätten, dass ihr schwindlig und leicht übel war. Sie blinzelte, um wieder klar zu sehen, aber die sturen Pünktchen verschmolzen zu zwei Tunneln, während ihr Körper das Gewicht eines Heliumballons zu haben schien. Vielleicht hatte Justin sie doch erwischt, und so fühlte sich der Tod an? Falls es so war, bereiteten ihr die dunklen Tunnel am meisten Sorgen. War nicht immer von einem Licht die Rede, in das man hinüberglitt? Der Allmächtige wusste, dass sie keine Heilige war. Keuschheit war nicht unbedingt ihr Ding, und ja, sie hatte mehr getratscht, als sie sollte. Aber sie hatte erst vor Kurzem Besserung gelobt und sich vorgenommen, ihrem Leben mehr Sinn zu geben. Wo zum Teufel … äh, streichen Sie das, wo in Gottes Namen war also das Licht geblieben?
Starke Arme hielten sie fest, und eine leise Stimme sagte: »Alles in Ordnung.«
Die Worte vibrierten in ihrem Ohr, hallten in ihrem verwirrten Gehirn wider und wanderten dann an ihrer Wirbelsäule nach unten, wo sie ihr Nervensystem zu einem zittrigen und stotternden Re-Boot anregten. Ihr Gehirn nahm eine Inventur ihres Körpers vor und registrierte ein paar beunruhigende stimulierende Reize. Oberschenkel fest wie Peitschenschnüre sorgten dafür, dass sie aufrecht stehen blieb, während ihre zitternden Beine versagten. Außerdem war da eine steile Wand aus harten Bauchmuskeln in ihrem Rücken, und eine warme, breite Brust, die sich wie ein Schutzschild gegen sie presste.
Ihre Nackenmuskeln verweigerten die Mitarbeit, und ihr Hinterkopf sank gegen eine gut entwickelte Brustmuskulatur und fiel dann zur Seite, sodass sich ihre Wange gegen ein Kissen aus Muskeln presste. Kräftiger, schneller Herzschlag pochte an ihrem Ohr, und sein Atem strich über ihre Schläfe. Herzschlag und Atemfrequenz teilten ihr mit, dass sie und Justin nicht die Einzigen waren, die bei diesem beinah tödlichen Zusammentreffen zwischen Auto und Fußgängerin einen Adrenalinstoß bekommen hatten. Sie stand einfach nur zitternd da, während er die ganze Arbeit machte – sie davon abhielt, auf den Bürgersteig zu sinken, und es gleichzeitig schaffte, Atmung und Herzschlag zu verlangsamen.
Ihre Atmung und ihr Herzschlag passten sich an, bis sie beide im Gleichklang waren, und sie nahm jede Fläche und jede Kante des unzweifelhaft männlichen Körpers in ihrem Rücken noch stärker wahr. Sie hatte noch nie in ihrem Leben eine Vorahnung gehabt und glaubte auch nicht an solche Dinge, aber offenbar rief die Nahtoderfahrung zusammen mit dem monatelangen Zölibat ungeahnte Kräfte auf den Plan, denn plötzlich erfüllte eine sehr anschauliche Fantasie ihren Kopf. Sie, wie sie sich nackt gegen ihren Schutzengel presste, während seine großen, erfahrenen Hände über ihre Seiten nach unten glitten und ihre Hüften umfassten. Sie drückte den Hintern nach hinten und …
Er stöhnte auf und holte sie damit ins Hier und Jetzt zurück – wobei sie eindeutig seinen Ständer spürte, der sich am Saum ihrer Jeans entlang in ihren Hintern brannte. Reiß dich zusammen, Ginny. Man bedankt sich nicht bei seinem Retter, indem man seinen Körper an ihm – einem völlig fremden Mann – reibt. Sie richtete den Blick nach unten und stellte fest, dass ihre Hände seine kräftigen gebräunten Unterarme umklammerten. Ihre Fingernägel gruben sich in seine Haut, als hinge immer noch ihr Leben davon ab.
Lass ihn los. Sofort. Während sie ihren Griff lockerte, umfasste er sie vorsichtig immer fester, sodass sie sich nicht von der Stelle rühren konnte. Sein Kiefer streifte ihr Ohr. Er atmete langsam aus, ließ sie dann los und machte einen Schritt zur Seite. Obwohl es ein warmer Juniabend war, fröstelte sie kurz, als seine Körperwärme sie ganz plötzlich nicht mehr umfing.
Sie drehte sich um, um ihrem Retter in die Augen zu sehen, und spürte, wie es sie durchfuhr … die Unvermeidbarkeit. Sie kannte ihn zwar nicht, erkannte ihn aber wieder. Erkannte das viel zu lange Haar, das mit Bartstoppeln bedeckte Kinn, die dunkelbraunen, undurchdringlichen Augen. Sie hatte ihn in den vergangenen Wochen mehrere Male in der Stadt gesehen. Er war immer allein unterwegs gewesen und hatte mit niemandem gesprochen, aber irgendwas an der Art, wie sich seine große, durchtrainierte Gestalt bewegte, deutete auf die geballte Energie unter der beherrschten entspannten Oberfläche hin. Einzelgängerisch und verschwiegen war zwar das Gegenteil des Typs Mann, von dem sie sich normalerweise angezogen fühlte, andererseits brachte der Unbekannte ihre erogenen Zonen in Fahrt – mit nichts weiter als seinem grüblerischen Blick.
Es gab ziemlich viel Gerede über seine Identität, und als Besitzerin des kleinsten Friseursalons der Stadt hatte sie jedes einzelne Wort gehört. Sie hatte keine Ahnung, ob an den Gerüchten was dran war, aber sein gefährliches, nein, raubtierhaftes Aussehen hatte ihre Freundin Melody dazu inspiriert, ihn »Wolverine« zu taufen.
Aber bevor sie ihn nach seinem Namen fragen konnte, drehte er sich um und … Herrgott noch mal … marschierte einfach davon.
»Warte!«, rief sie seinem sich entfernenden Rücken hinterher. Da er nicht langsamer wurde, brüllte sie: »Danke!«
Er zuckte mit den breiten Schultern, die allseits bekannte Kein-Problem-Geste.
»Hey!« Sie wartete, bis er sich zu ihr umdrehte und sie ansah, dann deutete sie auf den Eingang ihres Friseursalons. »Ich schulde dir einen Haarschnitt.«
Er salutierte beiläufig und machte sich wieder auf den Weg. Am Ende der Straße bog er rechts ab und verschwand um die Ecke.
Nun ja, verdammt sollte er sein. Sie kämpfte gegen den Impuls an, hinter ihm herzurennen, und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Sie war zu spät dran für ihre Verabredung mit Melody in Rawley’s Pub. Es war nicht zu ändern, ihr blieb nichts anderes übrig, als das abendliche Zusammentreffen unbefriedigt zu verlassen – und zwar nicht nur in Hinsicht auf ihre Neugier.
Shaun Buchanan setzte sich hinter das Steuer seines einfach ausgestatteten Wranglers, startete den Motor und kämpfte gegen den Drang an, die Stadt auf direktem Weg zu verlassen und so lange weiterzufahren, bis er den Kontinent hinter sich gelassen hatte. Der zierliche, heiße Rotschopf mochte den Umstand, dass er sich an diesem Abend vor dem Friseursalon herumgetrieben hatte, für einen glücklichen Zufall halten, aber er wusste es besser. Seit Wochen fand er Vorwände, dort abends vorbeizugehen, wie ein Phantom mit den Schatten zu verschmelzen und sie dabei zu beobachten, wie sie sich mit ihren letzten Kunden unterhielt und mit ihnen scherzte.
Eine beunruhigende Angewohnheit, insbesondere wenn man bedachte, dass »Phantom« derzeit eine passende Beschreibung für ihn war und dass er es auch nicht anders wollte. Er hatte vor, sich als unbeteiligter Beobachter abseits zu halten. Sie hingegen … sie übte eine magische Anziehung auf andere Menschen aus. In ihrem Salon herrschte den größten Teil des Tages über reger Betrieb. Ein beständiger Strom von Kunden überlappte sich, die Besucher hingen dort herum und plauderten, während die rothaarige Schönheit wahre Wunder an ihren Köpfen vollbrachte. Ihre Energie und Persönlichkeit passten gut zu ihrem Geschäft. Sie redete gern und mochte körperlichen Kontakt, und andere Menschen fühlten sich wohl in ihrer Gegenwart … wohlfühlen war allerdings nicht das richtige Wort für das, was er empfunden hatte, als ihre schlanken Kurven während des kurzen, aber intensiven Kontakts gegen ihn gepresst waren. Er hatte immer noch ihre sinnliche, leicht rauchige Stimme im Ohr, und in seiner Fantasie rief sie ihm aus völlig anderen Gründen ein tief empfundenes »Danke« hinterher.
Wenn es nur seine übereifrige Libido gewesen wäre, die ihn zu ihr hingezogen hätte, wäre das nicht so problematisch gewesen. Aber das Gefühl ging tiefer. Sie strahlte Zielstrebigkeit und Lebendigkeit aus – zwei Dinge, die seinem Leben momentan leider fehlten und die ihn anzogen, während er sich gleichzeitig sagte, dass es besser wäre, sich von ihr fernzuhalten.
Er legte den ersten Gang ein und nahm die vertraute Route Richtung Riverview Road, wo sich die großen, imposanten Häuser der reichsten Familien von Bluelick befanden. Er hatte derzeit keine Kapazitäten für emotionale Verstrickungen. Weder mit der Einwohnerschaft noch mit seiner schwierigen Familie, und ganz sicher nicht mit einem sexy Rotschopf mit funkelnden grünen Augen und schnellem Mundwerk.
Dank Justin blieb ihm heute Abend jedoch nichts anderes übrig, als sich mit seiner Familie herumzuschlagen, aber der Rest? Auf keinen Fall. Er steuerte den Jeep in die geschwungene Kopfsteinpflaster-Einfahrt des größten Anwesens in einer Straße voller Villen und parkte hinter einem roten Mustang, der wie selbstverständlich ganz oben abgestellt worden war. Mit wenigen Schritten hatte er die weißen Türen des im Kolonialstil erbauten Hauses erreicht, das er in den ersten zwölf Jahren seines Lebens als Zuhause betrachtet hatte. In den darauffolgenden siebzehn Jahren hatte er kaum je einen Fuß in sein Elternhaus gesetzt, dennoch marschierte er nun hinein, als gehöre es ihm.
Justin stand in der Eingangshalle und spielte auf seinem Handy herum. Er warf Shaun einen Blick zu, als dieser auf ihn zukam.
»Was?«
Das Wort triefte nur so vor Arroganz. Shaun ignorierte den Tonfall. »Wo ist Dad?«
Justin zuckte mit den Achseln und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Handy. »Ist mit Vögel-mich-den-ganzen-Tag-durch-Barbie essen gegangen.«
Mit dieser liebevollen Bezeichnung bezog er sich auf die dritte und vorerst letzte Mrs Tom Buchanan – die dreiundzwanzigjährige frühere Barkellnerin Brandi Soundso, die die unvermeidliche Trennung zwischen ihrem Vater und Justins Mom noch beschleunigt hatte. Treue gehörte nicht zu Toms Stärken, seine zwei Exfrauen waren der Beweis. Ebenfalls offensichtlich war, dass Justin und Brandi nichts füreinander übrighatten.
»Pass besser auf, was du sagst, falls du nicht dein letztes Highschool-Jahr auf der Militärakademie in Savannah verbringen möchtest.«
Sein Bruder blickte auf und grinste. »Drauf geschissen. Dann ziehe ich eben zu meiner Mutter.«
Was nicht besonders wahrscheinlich war, zumindest nach dem zu urteilen, was Shaun über Justins Mutter wusste. Und ihr einziger Sohn wusste das wohl auch. Dennoch machte er sich nicht die Mühe, seinen Bruder darauf hinzuweisen. Das Sorgerecht für Justin war nicht sein Problem. Er streckte Justin die Hand entgegen, damit dieser ihm sein Telefon gab. »Darf ich mir das mal kurz ansehen?«
Der Teenager musterte ihn gereizt, reichte ihm jedoch das Telefon. »Das ist ein iPhone, du Idiot. Gibt es die nicht bei den Seals?«
Shaun ließ das flache Gerät auf den Boden fallen und trat darauf. Das Display zerbrach.
»Hey, du Freak, was zum Teufel …?«
»Jetzt ist es reif für den Müll. Wenn ich dich noch einmal so durch die Stadt rasen sehe, dann nehme ich mir als Nächstes dein Auto vor. Hast du das verstanden, Idiot?«
»Du bist so was von durchgeknallt. Das erzähle ich Dad.«
»Nur zu. Und vergiss nicht den Teil zu erwähnen, als du beinahe jemanden überfahren hättest, weil du beim Fahren eine SMS schreiben musstest. Jede Wette, dass dein neues Handy warten muss, bis die Hölle zufriert.«
Dunkle Augen, die seinen eigenen verstörend ähnlich waren, funkelten ihn voll unverhohlenen Hasses an, und der Teenie ballte die Fäuste. Ein Teil von Shaun hoffte, dass sein Bruder versuchen würde, ihm eine zu verpassen, denn soweit er das beurteilen konnte, brauchte Justin dringend jemanden, der ihm einen ordentlichen Arschtritt verpasste. Sich darauf einzulassen würde jedoch bedeuten, dass er eine Weile bleiben müsste, damit der Junge sich nicht nur körperlich, sondern auch verbal einmal so richtig auskotzen konnte – etwas, das er lieber vermied.
»Du willst mir eine verpassen? Denk lieber noch mal drüber nach. Ich bin größer und schwerer und dazu ausgebildet, jemanden kampfunfähig zu machen, der doppelt so viel wiegt wie du. Ich würde dich unter meinem Stiefel zerquetschen wie das hier.« Er trat gegen das kaputte Handy, sodass es Justin vor die Zweihundert-Dollar-Turnschuhe rutschte, »ohne auch nur stehen zu bleiben.«
Die Wut brauchte irgendein Ziel, deshalb holte Justin aus und kickte das Handy gegen die Fußleiste, wo es mit einem kleinen Knall landete und in seine Einzelteile zerbrach. »Du nervst.« Er drehte sich um und lief die Haupttreppe hinauf. »Geh zurück nach Afghanistan oder Pakistan oder aus welchem Rattenloch du sonst gekrochen bist – und bleib dieses Mal am besten gleich da.«
»Autsch, du verletzt meine Gefühle.« Kindisch, aber aus irgendeinem Grund musste er unbedingt das letzte Wort haben. Er war todmüde und supergenervt, und wenn man ehrlich sein wollte, hatten Justin und er sich noch nie wirklich nahegestanden. Shaun war zehn Jahre alt gewesen, als sich seine Eltern getrennt hatten. Die Tinte auf den Scheidungspapieren war kaum trocken gewesen, da hatte Tom sich auch schon umgedreht und Monica geheiratet. Sie war ein solches Scheusal gewesen, dass Shaun ein paar Jahre später, als Justin geboren wurde, froh gewesen war, auf die Militärakademie flüchten zu können.
Eine Kombination aus eigener Entscheidung und Umständen – vier Jahre in Annapolis und sechs Jahre bei den Seals – hatte dafür gesorgt, dass er praktisch nie zu Hause gewesen war. Aber auch wenn ihn keine geschwisterlichen Gefühle mit dem Jungen verbanden, empfand er doch so etwas wie Sympathie für ihn. Oder wenigstens war er ihm nicht völlig egal, korrigierte er sich im Stillen, als er zum Auto zurückging. Monica war nach Atlanta gezogen, ohne einmal zurückzuschauen. Laut seinem und Justins Vater konnte man nicht mehr von ihr erwarten, als dass sie ihrem Sohn hin und wieder eine SMS schickte.
Er fuhr den Weg zurück, den er gekommen war, und dachte über die andere Hälfte des Elternpaares nach – ihren Vater. Tom Buchanan liebte seine Söhne … auf seine eigene unaufmerksame und ungesunde Art. Seine Erziehungsmethoden schwankten zwischen liebevoller Vernachlässigung und den Versuchen, den Mangel an Aufmerksamkeit wieder auszugleichen, indem er sie verwöhnte und sich ihre Zuneigung mit Geschenken erkaufte. Da war es kein Wunder, dass sich Justin in einen verwöhnten und selbstbezogenen Jugendlichen verwandelt hatte. Das Zusammenleben mit Mommy und Daddy hatte ihn gelehrt, die eigenen Bedürfnisse an erste Stelle zu setzen, weil es sonst niemand tat. Nicht dein Problem, warf eine erschöpfte Stimme in seinem Kopf ein. Du hast genug eigene Sorgen.
Als er nach links abbog, kam zum zweiten Mal an diesem Tag der Friseursalon in Sicht, und persönliche Bedürfnisse und Wünsche drängten sich in den Vordergrund. Sie drehten sich um eine Frau, die er vor weniger als einer Stunde in den Armen gehalten hatte, ihr Körper so fest gegen seinen gepresst, dass er immer noch den Abdruck ihrer festen, straffen Kurven an den entscheidenden Stellen seines Körpers spürte. Der zitrusartige Duft ihres Parfüms oder Shampoos betörte immer noch seine Sinne – so einzigartig und aufregend sexy wie der Rest von ihr. Ihr leises, zitterndes Aufstöhnen hallte in seiner Erinnerung wider und befeuerte alle möglichen extrem unterhaltsamen und nicht zu empfehlenden Gedanken.
Er dachte noch einmal an ihre Worte, während er an dem Salon vorbeifuhr. Ich schulde dir einen Haarschnitt.
Ohne es zu wollen, warf er einen Blick auf sich selbst im Rückspiegel. Dunkles Haar fiel über seine Stirn, fast bis in die Augen. Sein Puls schlug schneller, als er darüber nachdachte, ihr Angebot anzunehmen.
Wenn er klug war, dann fuhr er nach Lexington, um sich die Haare schneiden zu lassen. Oder nach Darfur. Oder gleich zum Mars. Jeder dieser Ort wäre weniger riskant. Zum Teufel, er konnte sie sich auch einfach selbst schneiden. Schließlich kümmerte er sich derzeit auch allein um seine übrigen körperlichen Bedürfnisse. Warum der Tradition untreu werden? Insbesondere mit einer heißblütigen Friseursalonbesitzerin, bei der er sich nur zu gut vorstellen konnte, wie sie ihm mehr als nur einen Haarschnitt verpasste.
Ginny drehte das Ladenschild um, sodass es GESCHLOSSEN anzeigte, und zog an der Schnur, um das Bambusrollo herunterzulassen, das sich vor dem großen, zur Straße gerichteten Salonfenster befand. Beim Blick durch die Scheibe begannen ihre nackten Arme zu prickeln, und die kleinen Härchen richteten sich auf. Dort stand Wolverine am Bordstein, er wollte gerade den Zebrastreifen überqueren. In der Zeit, die es gebraucht hatte, die dunkelhaarige Dilly Hill in eine Blondine zu verwandeln, war die Dämmerung hereingebrochen, doch das nachlassende Licht spielte keine Rolle. Genauso wenig wie die Tatsache, dass er nicht in ihre Richtung sah. Sie erkannte ihn an seiner Größe, Gestalt und der antrainierten Gelassenheit wieder, mit der er sich aufrecht hielt.
Seit er ihr vor ein paar Wochen wahrscheinlich das Leben gerettet hatte, stahl er sich jeden Abend in ihre Träume, eine Abwechslung zu den üblichen »Ich-knacke-den-Jackpot« – und »Ich-hab-vergessen-für-die-Abschlussarbeit-in-Geometrie-zu-lernen«-Träumen. Stattdessen erlebte sie nun erotische Abenteuer ohne einen Fetzen Kleidung am Leib. Die Art von Abenteuern, nach denen man mit kribbelnder Haut und vor Verlangen schmerzenden erogenen Zonen erwachte … und sich allein fühlte. Sie und ihr Kopfkissen waren sich ungewöhnlich nahegekommen, denn eine Frau, die in freiwilliger Keuschheit lebte, musste die Dinge in die eigene Hand nehmen. Aber so talentiert ihre Hände auch waren, sie konnten weder die Wärme noch die Spannung heraufbeschwören, mit der sich sein Körper gegen sie gepresst hatte. Sie konnten weder das Klopfen seines Herzens noch das Gewicht seiner starken Arme ersetzen, die sich um sie schlangen. Weiter waren ihre Fantasien nicht gegangen, und sie stellte fest, dass das bei bestimmten Dingen einfach nicht ausreichte.
Ohne darüber nachzudenken, klopfte sie mit den Fingerknöcheln gegen die Scheibe. Falls ihn das plötzliche Geräusch erschreckte, war es ihm zumindest nicht anzumerken. Er zuckte nicht zusammen. Er drehte sich nicht um, um zu sehen, woher das Geräusch kam. Er wandte einfach nur den Kopf und richtete den Blick auf sie, als wäre er sich ihrer Gegenwart schon die ganze Zeit bewusst gewesen. Eilig ging sie zur Tür und öffnete sie. »Was machen Sie gerade?«
Seine Kleidung war nicht schick. Verwaschene Jeans, die sich an die langen, muskulösen Beine und einen verboten perfekten Hintern schmiegte, und ein schlichtes schwarzes T-Shirt, das sich über die Oberarmmuskeln spannte, in die sie am liebsten sofort ihre Zähne geschlagen hätte. Es war offensichtlich, dass er nicht unterwegs war, um einen netten Abend in der Stadt zu verbringen, dennoch schwieg er lange genug, dass sie sich fragte, ob er überhaupt vorhatte, ihr zu antworten. Sie hob eine Augenbraue und lehnte sich gegen den Türrahmen, wie um zu sagen: »Ich kann hier noch stundenlang stehen, kein Problem.« In den Chucks mit den offenen Schnürsenkeln wackelte sie mit den Zehen und wünschte kurz, dass sie hohe Absätze anhätte, um ihr Größe und Autorität zu verleihen. Aber den ganzen Tag auf den Beinen zu sein hatte sie gelehrt, dass es besser war, bei der Arbeit bequeme Schuhe zu tragen. Ihre innere Größe würde ihr dabei helfen, die nötige Autorität auszustrahlen.
Vielleicht funktionierte es, oder er war einfach der langsamste Gesprächspartner aller Zeiten, auf jeden Fall antwortete er: »Nichts.«
Seine verschlossene Miene verriet nichts über seinen Gemütszustand. Genauso wenig wie seine Körpersprache – nicht mal ein Kopfschütteln. Schön und gut. Sollte er doch weiter auf mürrisch und wortkarg machen – um sie einzuschüchtern, musste er sich schon etwas mehr einfallen lassen. »Sie haben mir das Leben gerettet. Das Mindeste, das ich Ihnen anbieten kann, ist eine Rasur und ein Haarschnitt.«
Einen Moment lang hatte er seine Miene nicht unter Kontrolle, und es spiegelten sich widersprüchliche Gefühle in seinen Augen wider. Verlangen (ihre Keuschheit währte noch nicht so lange, als dass sie diesen speziellen Blick nicht erkannt hätte), Widerwille und etwas sehr schwer Definierbares, das sie bei jedem anderen als Panik bezeichnet hätte. Er wandte das Gesicht ab und fuhr sich mit der Hand über das stoppelige Kinn, und als sein Blick erneut zu ihr wanderte, hatte er sich wieder vollständig im Griff. »Okay. Vielen Dank.«
Er hatte ganze drei Worte gesprochen. Ein neuer Rekord. »Ich bin diejenige, die sich bedanken muss«, erwiderte sie schnell, während sie ihm die Tür aufhielt und einen Schritt beiseitetrat, um ihn hereinzulassen. Beim Hereinkommen streifte seine Schulter ihren Oberkörper. Die unschuldige Berührung ließ nicht ganz so unschuldige Leidenschaft in ihr aufflackern, und Hitze schoss durch ihre Nervenbahnen, bis sogar ihre Zehen kribbelten. Einen verwirrenden Moment lang stieg die Erinnerung in ihr hoch, wie sein hochgewachsener, muskelbepackter Körper sie festgehalten hatte. Er wandte sich zu ihr um und zog eine Braue hoch, als warte er auf ihre Anweisungen, aber in seinen Augen lag ein wissender Blick. Die Hitze, die sie durchströmte, machte sich auf den Weg nach oben und ließ sie erröten.
Reiß dich gefälligst zusammen, Ginny, normalerweise bist du diejenige, die andere zum Erröten bringt – nicht umgekehrt.
»Haben Sie …« Himmel, fing sie jetzt auch noch an zu stottern? Sie räusperte sich und versuchte es noch einmal. »Nehmen Sie bitte Platz.« Im engen Eingangsbereich stehend, deutete sie auf den höhenverstellbaren Friseurstuhl vor ihrer Workstation. »Ich bin sofort bei Ihnen.«
Er nickte und ging zu dem Stuhl. Sie schaltete weitere Lampen an, ließ jedoch auch die übrigen Rollos herunter. Vielleicht wäre es klüger gewesen, sie oben zu lassen, doch ihr kleiner Salon erschien ihr plötzlich noch winziger als ohnehin schon, und sie arbeitete nicht gern in einem Goldfischglas, wenn es draußen schon dunkel war.
Damit die Atmosphäre nicht zu intim wurde, machte sie einen kleinen Umweg zur Empfangstheke und stellte das Radio an. Bruno Mars füllte die Stille und sang irgendwas Schmalziges über Sex und das Paradies. Nicht unbedingt besser. Sie drehte das Radio leiser und ging zu dem Waschbecken im hinteren Teil des Salons. Dort angekommen, drehte sie den Heißwasserhahn auf und nahm eins der kleinen Handtücher vom Stapel auf dem Regal neben dem Becken. Aus den Augenwinkeln registrierte sie, dass er sein Spiegelbild musterte. Nein. Das stimmte nicht. Genau genommen verfolgte er im Spiegel ihre Bewegungen. Beim Überprüfen der Temperatur war sie sich der nackten Haut zwischen dem Saum ihres roten Tanktops und des tief auf der Hüfte sitzenden Jeansrocks allzu bewusst. Blitzte dort etwa der obere Teil ihres Tangas auf? Na toll. Sie warf das Handtuch ins Wasser. Nichts hatte so viel Klasse wie ein Stück Tanga, das aus einem kurzen Rock herausschaute. Sie drehte das Wasser wieder ab, zog ihr Top nach unten und wrang das Handtuch aus. »Ich glaube, wir haben uns noch nicht offiziell kennengelernt. Ich bin Ginny.«
»Kurzform von Jennifer?«
Ginny faltete das heiße Handtuch zusammen, damit es warm blieb, ging zum Drehstuhl und erwiderte im Spiegel seinen Blick. »Kurzform von Virginia, aber so nennt mich niemand.«
Schweigen. Sie zog das dampfende Handtuch auseinander und hielt es mit den Fingerspitzen an den Ecken fest, damit es sich abkühlte. »An dieser Stelle kommt normalerweise ein: ›Schön, dich kennenzulernen, Ginny, ich bin …‹ Hier bitte den entsprechenden Namen einsetzen.«
Sein Mundwinkel hob sich zur Andeutung eines Lächelns. »Shaun.«
»Freut mich sehr, dich kennenzulernen, Shaun. Hast du auch einen Nachnamen?« Sie bediente das Fußpedal, um die Sitzfläche des Stuhls ein paar Zentimeter nach unten zu fahren, und ließ die Rückenlehne ein wenig nach hinten sinken.
»Zu viele Buchstaben – wie ein etwas zu groß geratener Bissen.« Ihr Blick wanderte zu seinem Mund, und sie konnte förmlich hören, wie er im Kopf hinzufügte: »Ganz wie der Rest von mir.« Laut sagte er: »Nenn mich einfach Shaun.«
Sie stieß den Atem aus und presste die Lippen zusammen, um ihre plötzlich überaktiven Nervenenden an dieser Stelle wieder zu beruhigen. »Na schön. Bitte den Kopf nach hinten legen und … perfekt«, sagte sie, als er getan hatte, worum sie ihn gebeten hatte. Sie drapierte das Handtuch über sein Gesicht. »Sag mir Bescheid, wenn es zu heiß ist.«
Es war nur ein unverständliches Murmeln zu hören. Sie interpretierte es als ein Nein, zog einen sauberen Umhang aus der unteren Schublade und breitete ihn mit einer geübten Bewegung des Handgelenks über ihm aus. Nachdem sie ihn in seinem Nacken befestigt hatte, begann sie mit einem Pinsel Rasiercreme zu einem dicken Seifenschaum aufzuschlagen. Als sie fertig war, drückte sie das Handtuch noch einmal gegen seine Wangen, nahm es dann weg und warf es in den Eimer unter dem Rollwagen, der neben ihrem Arbeitsplatz stand. Sie betrachtete ihn im Spiegel und fuhr über seinen Backenbart, um zu prüfen, wie lang er war. Wahrscheinlich mehrere Tage alt, aber nicht so lang, dass sie eine Schere benötigte. Schaum und eine gute, scharfe Rasierklinge würden genügen.
Mithilfe des breiten Dachshaarpinsels verteilte sie den Schaum auf Kehle, Kiefer, Kinn und Wangen, während sie über verschiedene Gesprächsthemen nachdachte. Bluelicks geheimnisvollster Neuzugang saß auf ihrem Friseurstuhl. Sie hatte nicht vor, die goldene Gelegenheit zu verpassen, diese Nuss zu knacken. »Bist du geschäftlich oder zum Vergnügen in der Stadt?«
»Etwas von beidem.«
Sie stellte Pinsel und Schüssel auf die Ablagefläche und öffnete eine Schublade. »Was für eine Art von Geschäft ist das?« Die glänzende silberne Fläche des geraden Rasiermessers blitzte aus der ordentlich arrangierten Reihe von Rasierzubehör hervor. Sie holte sie raus und schob die Schublade mit der Hüfte wieder zu, dann trat sie erneut hinter ihn. Sein Blick war an der Klinge hängen geblieben und verweilte dort, während sie sie öffnete. Er sah nicht direkt nervös aus, aber irgendwie … skeptisch.
»Scharfe Klinge.«
»Vierzehneinhalb Zentimeter, Formguss, Karbonstahl, gerade Klinge. Das wird eine sehr gründliche Rasur.«
»Ich seh’s«, brummte er leise und sagte dann zu ihr: »Das machst du doch nicht zum ersten Mal, oder?«
Sie widerstand der Versuchung zu grinsen. »Bitte. Ich bin staatlich geprüfte Friseurmeisterin. Lehn dich zurück. Entspann dich. Du bist in guten Händen.«
Sie beugte sich vor, legte einen Finger unter sein Kinn und drückte die Klinge leicht gegen seine Kehle. Da ihr Mund auf diese Weise nahe an seinem Ohr war, atmete sie tief durch und wiederholte die Frage: »Was für eine Art von Geschäft hat dich nach Bluelick geführt?«
Im Spiegel suchte sie seinen Blick. Er wartete, bis sie die Klinge von seinem Adamsapfel bis hinauf zu seinem Kinn gezogen hatte, ehe er antwortete. »Die langweilige Art. Nichts, worüber es sich zu reden lohnt.«
Himmel, dieser Kerl war wirklich eine harte Nuss. Sie machte die Klinge sauber und setzte an für die nächste Runde. »Du solltest dich nicht unter Wert verkaufen, Shaun. Bluelick ist eine kleine Stadt. Ein neues Gesicht ruft hier viel Aufmerksamkeit hervor.« Als sie die Rasierklinge erneut über die Haut zog, enthüllte sie einen weiteren Streifen weicher, sonnengebräunter Haut. Ganz offensichtlich war der Dreitagebart nicht sein üblicher Look.
Wieder verzogen sich seine Mundwinkel zur Andeutung eines Lächelns. »Brodelt die Gerüchteküche schon?«
Ginny erwiderte unwillkürlich sein Lächeln. Er schien das ein und andere über Kleinstädte zu wissen. »Definitiv. Du bist das größte Mysterium, das diese Stadt umtreibt, seit jemand eine Tüte mit Hundekacke in Brand gesetzt und sie auf Mr Cranstons Veranda gelegt hat. Es gibt mehrere Theorien«, fügte sie hinzu, während sie einen weiteren Streifen seiner Haut von Bartstoppeln befreite.
»Freut mich zu hören, dass ich genauso viel Interesse hervorrufe wie eine Tüte mit Hundekacke. Erzähl mal.«
»Nun ja, ich kenne nicht jede einzelne Theorie.«
»Verkauf du dich nicht unter Wert, Virginia«, konterte er. »Ich gehe jede Wette ein, dass du genau Bescheid weißt. Irgendwas sagt mir, dass sich die Leute dir gegenüber öffnen.«
»Ginny«, korrigierte sie automatisch, doch abgesehen von ihrem Namen hatte er recht. Die Menschen öffneten ihr wirklich ihr Herz. Aber derselbe Impuls der Selbstoptimierung, der sie dazu getrieben hatte, eine sexuelle Zwangspause einzulegen, hatte sie dazu gebracht, sich vorzunehmen, keine Gerüchte mehr zu verbreiten. Auch wenn sie es nicht vermeiden konnte, den Klatsch zu hören – immerhin gehörte ihr ein Friseursalon –, so konnte sie doch der Versuchung widerstehen, die Gerüchte weiterzutragen. Kein Getratsche mehr hinter dem Rücken anderer Leute. Andererseits, war es auch Tratschen, wenn man ein Gerücht der Person erzählte, die es betraf? Dieser spezielle Fall konnte als Ausnahme gelten. Außerdem interessierte sie sich wirklich für seine wahre Geschichte.
»Ich erzähl dir die drei beliebtesten Theorien«, sagte sie und fuhr weiter mit der Rasierklinge über sein Kinn. Ein markantes maskulines Kinn. Sie kämpfte gegen den irritierenden Drang an, die gemeißelte Linie mit den Lippen zu verwöhnen. »Aber nur, wenn du mir sagst, ob eine davon der Wahrheit entspricht.«
Er wartete, bis sie die Klinge von seinem Gesicht genommen hatte, und nickte langsam, wobei er den Augenkontakt nicht eine Sekunde unterbrach. Einen beunruhigenden Moment lang glaubte sie, dass er ihre schmutzigen Gedanken gelesen und ihr die Erlaubnis gegeben hatte, ihn zu küssen, aber dann meldete sich ihr Verstand.
»In Ordnung. Also …« Sie ging den imaginären Aktenordner in ihrem Kopf durch und wählte die drei überzeugendsten Geschichten aus, während sie mit der Klinge über seine Wange fuhr. »Du läufst vor einer bewegten Vergangenheit davon und bist auf der Suche nach Erlösung in unserer Kleinstadt untergetaucht.«
Ein tiefes, kehliges Lachen löste sich rumpelnd aus seiner Brust.
»Nicht zutreffend?«, riet sie.
»Was hast du noch?«
»Mal sehen.« Sie rasierte die andere Wange fertig und widmete sich dann der Haut über seiner Oberlippe. »Manche glauben, dass du ein untergetauchter Einzelgänger vom Typ einsamer Wolf bist, der sich in einer Hütte am Stadtrand versteckt.«
Es folgten mehrere kurze vorsichtige Bewegungen mit der Rasierklinge, und die Rasur war vollendet. Sie straffte den Rücken.
»Himmel, ein bisschen Gesichtsbehaarung reicht, damit die Fantasie mit den Menschen hier durchgeht. Klingt alles ziemlich düster.«
Angesichts seines beinahe verletzten Tonfalls konnte sie sich das Lachen nicht verkneifen. Mit einem trockenen Handtuch wischte sie den verbliebenen Rasierschaum weg und begutachtete ihr Werk … und das der Natur. Was für ein Gesicht – der Herr möge Erbarmen mit ihr haben. Hohe, leicht abfallende Stirn, gerade Nase, Wangenknochen, die nur der Allmächtige selbst erschaffen haben konnte, und darunter ein Mund, der so einladend war, dass es ein gesetzliches Verbot für das Wachsen von Gesichtsbehaarung hätte geben müssen. Seine Lippen teilten sich, als sie mit dem Finger sein Oberlippengrübchen inspizierte. Zu spät erkannte sie, dass sie vom Überprüfen der Rasur zu etwas ganz anderem übergegangen war.
Schnell zog sie die Hand weg und räusperte sich. »Jetzt sieht es schon viel weniger düster aus, was meinst du?«
Sein Blick bohrte sich in ihren, während er sich mit der Hand über die untere Gesichtshälfte fuhr. »Dazu kann ich nichts sagen, aber es fühlt sich auf jeden Fall glatter an. Danke.«
Glatter, aber nicht weniger tödlich, auch wenn sie ohne die Bartstoppeln die Müdigkeit registrierte, die seine Mundwinkel nach unten zog. Die Schatten unter seinen Augen waren jetzt ebenfalls deutlicher zu sehen … sie wirkten nun weniger geheimnisvoll als schlichtweg todmüde. Irgendwas an seinen Augen ließ sie nicht los. Sie waren ihr vertraut. Sie konnte es nicht genau einordnen und schaffte es nicht, den Blick abzuwenden.
»Und wie lautet die dritte Theorie?«, hakte er nach.
»Mh? Oh, äh, die ist auch eher düster, glaube ich. Du bist das lange verlorene schwarze Schaf aus einer der prominenten Familien der Stadt.«
Seine Kiefermuskeln zuckten kurz, ehe er zu grinsen begann und den Kopf schüttelte. »Klingt sehr dramatisch.«
Trotz des beiläufigen Kommentars spürte sie, dass seine Anspannung gewachsen war. »Und jetzt zu deinem Teil der Abmachung.« Sie nahm einen Kamm und eine Schere aus der zweiten Schublade und trat hinter ihn. »Entspricht eine der Theorien der Wahrheit?«
Er zögerte einen Moment und zuckte schließlich mit den Achseln. »Ja.«
»Im Ernst?« Vor Überraschung ließ sie den Kamm sinken. »Und welche?«
»Tut mir leid, aber diese Information gehört nicht zu unserer Abmachung. Ich habe zugestimmt, dir zu sagen, ob eine von ihnen der Wahrheit nahekommt. Das habe ich getan.«
»Oh bitte, verdreh mir nicht die Worte im Mund. Du weißt genau, was ich gemeint habe.«
»Ja«, gab er zu, sagte allerdings nicht mehr.
Sie hob die Schere und ließ sie in der Luft zusammenschnappen. »Bist du sicher, dass du nicht besser mir die Haare schneiden solltest? Was Haarspalterei angeht, kannst du keinem was vormachen.«
»So sind wir halt, wir einzelgängerischen schwarzen Schafe auf der Suche nach Erlösung.«
Sie warf ihm einen langen geduldigen Blick zu … jenen Blick, den die meisten Leute als Aufforderung betrachteten, ihre Probleme, Klagen und ihren Frust bei ihr abzuladen, aber von ihm prallte er einfach ab. Frustrierend, in der Tat. »Na, wie auch immer. Was möchtest du für einen Haarschnitt? Je genauer du ihn beschreibst, desto besser, denn im Gegensatz zu dir würde ich es nicht wagen, dir weniger zu geben, als du erwartest.«
Er lachte über die Stichelei. »Offen gestanden ist es mir total egal, was du mit meinem Kopf anstellst. Du kannst ihn auch kahl rasieren, wenn es dich glücklich macht.«
»Führ mich nicht in Versuchung.« Sie gab sich keine Mühe, den Ärger in ihrer Stimme zu unterdrücken – er provozierte sie und wusste das auch. Verdammt sollte sie sein, dass sie sich so leicht provozieren ließ. Aber ganz gleich, ob er sie nervte oder nicht, sie würde ihm nicht den Schädel rasieren. Jeder, wirklich jeder, der jemals in ihrem Friseurstuhl gesessen hatte, hatte einen Haarschnitt bekommen, mit dem er oder sie Werbung auf zwei Beinen für ihren Laden war, und Ginny nahm ihren Beruf sehr ernst. Außerdem startete sie am nächsten Tag ihre Kampagne für die Wahl zur Bürgermeisterin. Warum sollte sie ausgerechnet jetzt den Leuten einen Grund geben, an ihrem Urteilsvermögen zu zweifeln?
Sie verengte die Augen zu Schlitzen und fuhr mit gespreizten Fingern durch sein Haar, während sie überlegte, was genau sie mit ihm … ähm, seinem Haar anstellen würde.
Dichte dunkelbraune Haare, in die sich einzelne, von der Sonne gebleichte Strähnen mischten, glitten durch ihre Finger. Gute Struktur. Schöne Welle. Die Art natürlicher Üppigkeit, die der Herr manchmal an Männer verschwendete, denen ihr Haar völlig schnuppe war, während Frauen alle sechs bis acht Wochen ein paar Hundert Dollar dafür ausgaben, exakt denselben Effekt zu erreichen.
»Sprichst du jetzt nicht mehr mit mir, Virginia?« Seine Stimme klang leicht undeutlich, was kein Wunder war, schließlich hatte er bereits beim Hereinkommen müde gewirkt. Und jetzt spielte sie mit seinem Haar herum, sodass er sich noch mehr entspannte.
»Ginny«, korrigierte sie ihn ein weiteres Mal. »Niemand nennt mich Virginia. Es klingt einfach zu …«, sie zog die Nase kraus, während sie nach dem richtigen Wort suchte, »… jungfräulich.«
»Er passt zu dir.«
»Ha. Ich kann dir versichern, dass ich schon sehr lange keine Jungfrau mehr bin.«
»Doch, das bist du, wenn man eine sehr wichtige Voraussetzung bedenkt.«
»Ach ja?« Sie fuhr ihm noch einmal mit den Fingern durch die Haare. »Wie meinst du das?«
»Du hattest noch nie Sex mit mir.«
»Oh.« Oh? Mehr fällt dir dazu nicht ein? Dank des Spiegels spürte sie nicht nur, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg, sondern sie konnte die rosa Flecken auf ihren Wangen auch noch sehen. Wie eine verschämte Jungfrau, Himmel noch mal. Bei Rothaarigen sah es nicht gut aus, wenn sie erröteten, und das war schon das zweite Mal an diesem Abend. Ein befriedigendes Lächeln bestätigte, dass er wusste, dass er sie aus der Bahn geworfen hatte. Sie presste die Lippen aufeinander und konzentrierte sich auf sein Haar.
»Noch mehr Schweigen?«
Sie hörte auf, an seinem Haar herumzufingern, und starrte ihn im Spiegel nieder. »Ich hatte den Eindruck, dass du dich nicht besonders gern unterhältst, Süßer.«
»Süßer?«
»Verzeihung, magst du es nicht, wenn man dich so anspricht? Wie unhöflich von mir.«
Er ignorierte die Provokation. »Du bist diejenige, die gern redet.« Und als Antwort auf ihre unausgesprochene Frage fügte er hinzu: »Ich bin ein-, zweimal an deinem Geschäft vorbeigelaufen. Du unterhältst dich bei der Arbeit immer mit deinen Kunden. Du musst das nicht lassen, nur weil ich es bin. Ich höre dir gern zu. Deine Stimme entspannt mich.«
Das Geständnis stimmte sie milder. Vorsichtig fuhr sie mit den Fingernägeln über seine Kopfhaut und dachte über ein Thema nach. Monologe waren nicht ihre Spezialität. Normalerweise stellte sie sich in den Gesprächen auf ihre Kunden ein. Sie hörte ihnen zu und reagierte interessiert auf die Dinge, die sie zur Sprache brachten. Sie betrachtete es als Teil ihrer Arbeit, dass sich die Person auf ihrem Friseurstuhl wohlfühlte. Sie nahm die Sprühflasche zur Hand, befeuchtete sein Haar und begann es zu kämmen. »Worüber soll ich denn reden?«
»Irgendwas … Worüber hast du dich mit deinem letzten Kunden unterhalten?«
