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Wie lange kann er ihr widerstehen?
Eigentlich hat der Ex Navy SEAL West Donovan schon so ziemlich alles gesehen - dachte er zumindest, denn er hat die Rechnung ohne Roxy Goodhart gemacht! Als die aufbrausende Musikerin plötzlich durchnässt am Fahrweg steht und per Anhalter mitgenommen werden möchte, kann der Cop nicht anders, als ihr zu helfen - und bereut es prompt. Denn Roxy ist nicht nur wunderschön, humorvoll und lebensbejahend, sondern sie lässt Wests Herz auch schneller schlagen. Er tut alles, um dem Rotschopf mit der einzigartigen Stimme zu widerstehen, doch auf einmal taucht Roxy überall auf und Wests Widerstand beginnt zu bröckeln ...
"Eine Small-Town-Romance mit tollen Charakteren und einer prickelnden Liebesgeschichte." GOODREADS
Band 4 der romantischen Serie von Bestseller-Autorin Samanthe Beck
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Seitenzahl: 500
Veröffentlichungsjahr: 2022
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
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Epilog
Danksagung
Die Autorin
Die Romane von Samanthe Beck bei LYX
Leseprobe
Impressum
SAMANTHE BECK
Love You Never Ever
Roman
Ins Deutsche übertragen von Hans Link
Eigentlich hat der Ex-Navy-SEAL West Donovan schon so ziemlich alles gesehen – dachte er zumindest, denn er hat die Rechnung ohne Roxy Goodhart gemacht! Als die aufbrausende Musikerin plötzlich durchnässt am Fahrweg steht und per Anhalter mitgenommen werden möchte, kann der Cop nicht anders, als ihr zu helfen – und bereut es prompt. Denn Roxy ist nicht nur wunderschön, humorvoll und lebensbejahend, sondern sie lässt Wests Herz auch schneller schlagen. Er tut alles, um dem Rotschopf mit der einzigartigen Stimme zu widerstehen, doch auf einmal taucht Roxy überall auf, und Wests Widerstand beginnt zu bröckeln …
Für die Fans von Bluelick, KY. Willkommen zurück!
Hey, Hübscher, vielleicht lässt du mich das nächste Mal mit deinem Schlagstock spielen?
Die Frage, vorgebracht mit einem Lächeln und einem Augenzwinkern, ging West Donovan immer wieder durch den Kopf, während er seinen Streifenwagen über die Route 9 lenkte. Über den Baumwipfeln im Süden sammelten sich Gewitterwolken, aber der bevorstehende Sommersturm konnte seine gute Laune nicht beeinträchtigen. Null Verkehr, nur eine Handvoll Meilen und bloße fünfzig Minuten trennten ihn noch vom Ende der Schicht.
Genau in einer Stunde konnte er in Rawley’s Pub sitzen, eine warme Mahlzeit und ein kaltes Bier genießen und, wenn es nach ihm ging, danach eine Cocktailkellnerin mit einer kleinen Schwäche für Polizisten vernaschen. Sie war am vergangenen Freitag ausgesprochen freundlich gewesen, als er zur Happy Hour mit einigen anderen Cops des neu gegründeten Polizeireviers von Bluelick dort gewesen war.
Als er seine Rechnung beglich, hatte die Frau sich vorgebeugt und ihm ihre alles andere als unschuldige Einladung ins Ohr geflüstert. Er vermutete, dass sie ihn »Hübscher« genannt hatte, weil sie sich seinen Namen nicht merken konnte. Kein Problem. Sie mochte Schwierigkeiten mit Namen haben, aber das war für ihn kein Ausschlusskriterium. Er hatte einen beachtlichen Teil seines Erwachsenenlebens damit verbracht, zur Zufriedenstellung aller Interessenten zu beweisen, dass man sich nicht beim Vornamen zu nennen brauchte, um gemeinsam ein paar unterhaltsame Stunden zu verbringen.
Er schaute auf die Uhr auf dem Armaturenbrett. Er und Callie mit »C« konnten sich die ganze Nacht vergnügen, und sie konnte ihn nennen, wie auch immer sie wollte. Mit den Fingern klopfte er einen Rhythmus auf das Lenkrad, während er die verschiedenen Möglichkeiten durchging.
Über ihm grollte der erste Donner. Er fuhr gerade durch eine Kurve, als der erste dicke Regentropfen auf seine Windschutzscheibe klatschte und die Scheinwerfer des Streifenwagens eine Gestalt am Straßenrand erfassten. Man brauchte keine Polizeiausbildung, um zu wissen, dass alles an dieser Gestalt nach Katastrophe schrie – angefangen von dem dürftigen Top, das von schmalen Schultern rutschte, bis hin zu dem winzigen Röckchen, das einen kaum nennenswerten Teil ihrer fohlenhaften Beine bedeckte. Und als Krönung dieses lebenden, atmenden Verstoßes gegen den Kleiderkodex: der ausgestreckte Arm mit dem hochgereckten Daumen in klassischer Anhalter-Pose.
Er bremste ab, und die Anhalterin vollführte einen hüftschwingenden Freudentanz, der auch andere Teile ihrer Anatomie in Schwingungen versetzte.
Er teilte ihre Begeisterung nicht. Seine Pläne für eine warme Mahlzeit, ein kaltes Bier und eine entgegenkommende Kellnerin sanken in seinem Terminkalender rapide nach unten. Er fuhr an den Straßenrand und schaltete den Motor aus. Dann zählte er im Stillen die Sekunden, bis sie begriff, dass sie eine Fahrt mit den Bullen ergattert hatte. Drei … zwei … eins.
Der Tanz fand ein so abruptes Ende, dass er beinahe gelacht hätte. Dann traf sie die am wenigsten logische, aber vorhersehbarste Entscheidung überhaupt. Sie sammelte ihre Sachen ein und verschwand in die entgegengesetzte Richtung. Jedenfalls mehr oder weniger. Das Gewicht ihrer Taschen verhinderte ein schnelles Entkommen.
»Gute Idee, Schlaukopf«, brummte er. »Wir befinden uns mitten im Nirgendwo. Was zur Hölle denkst du, wo du hingehst?« Er stülpte sich seine Mütze auf den Kopf und stieg aus dem Wagen. Ein Donnerschlag wie ein Kanonenschuss zerriss den Himmel. Sekunden später drosch Regen auf den Asphalt ein. Der zornige Rhythmus übertönte seinen leidgeprüften Seufzer.
Es würde kein Problem sein, sie einzuholen, aber ehrlich gesagt war er nicht in der Stimmung für ein Wettrennen zu Fuß. Er holte tief Luft und brüllte: »Halt«, und zwar in dem Versuch-es-nicht-mal-Ton, den er im Laufe seiner zwei Jahre beim NYPD perfektioniert hatte.
Sie kam schlitternd zum Stehen, ließ ihre Sachen fallen und hob vorsichtig beide Hände an die Seiten ihres Kopfes – nette Geste –, bevor sie sich langsam umdrehte.
Er näherte sich ihr. Nicht schnell, nicht langsam, sondern in einem bedächtigen Tempo, das sie daran hindern sollte, erneut dem Fluchttrieb nachzugeben. Vielleicht wirkte er ein wenig zu Furcht einflößend, denn als er einen Meter entfernt war, taumelte sie.
Scheiße. Er legte einen Zahn zu und schaffte es, sie aufzufangen, bevor sie auf den Asphalt fiel. Selbst bewusstlos war nicht viel dran an ihr. Wann hatte sie das letzte Mal eine anständige Mahlzeit zu sich genommen?
Seine Sorge um ihr Wohlergehen verstärkte sich, als er sie auf die Arme nahm und ihr Kopf in seine Richtung rollte. Eine bleiche Wange legte sich auf seinen Bizeps, und zur gleichen Zeit schmiegte sich eine weiche Brust an seinen Oberkörper und hob und senkte sich schwach mit jedem ruhigen, entspannten Atemzug. Diese Feststellung lieferte ihm zwei wichtige Informationen. Normale Atmung, was einen winzigen Teil seiner ursprünglichen Sorge linderte, und wenngleich jung, war sie kein Teenager mehr. Ebenso eine Erleichterung. Nicht nötig, das Sozialamt einzuschalten. Er trug die erschlaffte Frau zu seinem Streifenwagen und legte sie auf die Rückbank.
Ihr zarter Körperbau war der Grund, warum er sie irrtümlich für eine Minderjährige gehalten hatte. Außerdem bettelte ihr Outfit praktisch um eine Woche Hausarrest. Ein jahrzehntealtes schwarz-rotes T-Shirt von einer Tournee von Tom Petty & the Heartbreakers, von dem jemand beschlossen hatte, es würde als Tanktop besser aussehen, hing an ihr herab wie die schludrige Umarmung eines betrunkenen Ex-Freundes, und gab hier und da den Blick auf einen roten Spitzen-BH frei. Der Jeansrock war einfach nur megakurz. Fäden aus dem ausgefransten Saum stachen deutlich ab von sonnengeküssten Oberschenkeln. Abgetragene schwarze Motorradstiefel waren das i-Tüpfelchen eines Ensembles, das sämtlichen Eltern mit einem Hauch Selbstachtung einen Schlaganfall beschert hätte.
Aber ihrem Gesicht, das zwar glatt und in ihrer Bewusstlosigkeit entwaffnend unschuldig wirkte, fehlte die Weichheit einer Heranwachsenden, und vom Hals abwärts gehörte alles definitiv einer erwachsenen Frau. Die Erkenntnis trug wenig dazu bei, die unausweichliche Welle des Beschützerinstinkts zu verringern, eines Beschützerinstinkts, der mit ihrer Bewusstlosigkeit zusammenhing und mit der Tatsache, dass er jetzt für sie verantwortlich war. Und das Ganze trug absolut gar nichts dazu bei, das sofortige und unbehagliche Aufflackern eines Lustgefühls zu beschwichtigen, das daher rührte, dass eine atemberaubende, regendurchnässte Frau ausgestreckt auf seiner Rückbank lag.
Ihr Kopf fiel zur Seite. Zwei scharlachrote Cornrows zogen pfeilgerade von ihren Schläfen weg und betonten feine Wangenknochen, während sie ihm gleichzeitig vor Augen führten, dass Kultiviertheit keine Lebensweise war, die sie besonders schätzte. Die beiden roten Zöpfe wirkten wie bunte Nebenflüsse in dem Wasser hellblonden Haares, das sich über die Sitzbank ergoss.
Mit den Motorradstiefeln und dem restlichen Rock-Girlie-Outfit sah sie aus wie das Ergebnis eines One-Night-Stands zwischen Harley Davidson und Harley Quinn aus Batman Returns. Das Gewirr von Ohrringen, die von ihrem Ohr hinabbaumelten, verstärkte den Eindruck nur noch, genau wie die Tonleiter, die auf die Innenseite ihres linken Arms tätowiert war. Die Noten verschwanden unter einem Bündel dünner Metallarmbänder. Ein silbernes Gitarrenplektrum mit dem eingravierten Namen Roxy darauf baumelte an einer Kette um ihren Hals. Kleine matte Engelsflügel hingen von einem Nabelpiercing herab, das der hochgerutschte Saum ihres Tops entblößte. Etwas an der Verletzlichkeit dieses Bildes ging ihm zu Herzen. Aus einem Instinkt heraus, der nichts mit Ausbildung oder Erfahrung zu tun hatte, zupfte er vorsichtig ihr Top zurecht und schlug sich den Gedanken an befleckte Engel aus dem Kopf.
Obwohl ihre Körpergröße gewiss nicht einschüchternd war, war sie doch bewusstlos, eine nicht identifizierte Person und ein bisher noch nicht abschätzbares Risiko. Ausreißer gab es in jedem Alter und aus allen möglichen Familien. Sie liefen vor Verpflichtungen davon, vor falschen Entscheidungen, toxischen Beziehungen oder einer Mischung aus all dem. Es war noch zu früh, um zu erkennen, unter welche Kategorie seine Anhalterin fiel, aber sie fiel zweifelsohne in eine Kategorie namens »Ärger«. Die Art Ärger, den abzuwenden er als Teil des Projekts »Klare Grenzen« in Bluelick, Kentucky, gegen das Abrutschen der Gesellschaft in gewalttätiges Chaos bezahlt wurde. Das machte sie für ein kleines Weilchen zu seinem Ärger.
Seine ursprünglichen Pläne für das Ende der Schicht rückten in weite Ferne. Nicht einmal die entgegenkommendste Cocktailkellnerin würde die ganze Nacht auf ihn warten. Ein anderes Mal war wahrscheinlich das Höchste, worauf er hoffen konnte. Er wartete darauf, dass die Enttäuschung richtig zu ihm durchdrang, aber das passierte nicht. Sie verflog schnell. Zu schnell. Okay, also kein anderes Mal.
Er fühlte ihren Puls. Ein regelmäßiger Rhythmus hämmerte unter seinen Fingern, was ihn hinreichend beruhigte, um ihn von der Idee abzubringen, die Sanitäter zu rufen. Sie würde ihm nicht zusammenbrechen. Aber sie würde ihm auch Antworten liefern. Um diese zu erlangen, ließ er sich aus dem Streifenwagen gleiten und ging zu ihrer Tasche hinüber und zu etwas, das sich als Gitarrenkoffer entpuppte. Die Tasche lieferte nur geringfügige Informationen – alt, aus Armeebeständen und mit dem Wort »Goodhart« versehen, das jemand mit einer Schablone in schwarzen Großbuchstaben auf die Seite geschrieben hatte. Ein zerknittertes Etikett – Überbleibsel einer Fahrt mit einem Greyhound Bus – baumelte am Griff. Er drehte es um. In der ersten Zeile stand der Name Roxy Goodhart. Ein Geschmier aus blauer Tinte machte die Adresse und die Telefonnummer unkenntlich. Bei der Stadt hätte es sich um Nashville handeln können, aber er war sich nicht sicher. Wenn ja, hatte sie einen weiten Weg hinter sich, um als Anhalterin auf einem wenig befahrenen Abschnitt der Route 9 zu enden. Er trug die Tasche und den Gitarrenkoffer zu seinem Wagen.
Ihr Gepäck passte problemlos in den Kofferraum. Nachdem er beide Teile verstaut hatte, kehrte er zu der offenen Beifahrertür zurück und beugte sich in den Wagen, um nach ihr zu sehen. Regentropfen kullerten vom Schirm seiner Polizeimütze. Einer landete auf ihrer Oberlippe, ein weiterer auf ihrer Unterlippe und ein dritter auf ihrem Kinn.
Der reflexartige Stich des Verlangens kehrte mit voller Wucht zurück.
Wütend auf sich selbst riss er sich die Mütze vom Kopf. Dann strich er sich das Haar aus der Stirn und holte tief Luft. Ihr Duft – eine verwirrende Mischung aus Geißblatt und Regen – erfüllte den Streifenwagen, neckte Wests Nase und weckte Gelüste, denen er lieber nicht allzu genau auf den Grund gehen wollte. Aber da war noch etwas, das er lieber vermieden hätte, nämlich herauszufinden, ob sie etwas unter ihrem gerade noch gesetzlich erlaubten Rock verbarg. Doch Ausbildung und Erfahrung erlaubten ihm leider nicht, einfach jemanden auf die Rückbank seines Wagens zu verfrachten, ohne die Person nach Waffen zu durchsuchen. Ihr nasses T-Shirt verbarg rein gar nichts. Die einzigen Waffen darunter verdankte sie Mutter Natur. Auch der Rock versteckte nicht viel, aber er konnte unmöglich ausschließen, dass sie darunter eventuell ein Messer oder eine Dose Pfefferspray verbarg, wenn er sie nicht abtastete. Er schluckte mit trockener Kehle, befühlte vordere und hintere Taschen und schob dann die Hände über den abgetragenen Jeansstoff, der sich um die Wölbung ihres Hinterns schmiegte. Seine Hand erbot sich freiwillig, eine ausschließlich der Erquickung dienende zweite Runde über die Stelle zu drehen, aber sein Gehirn unterdrückte den Impuls im selben Moment, in dem eine heisere Stimme murmelte: »Gibson?«
Er schob die Hände in ihre Stiefel, um sich davon zu überzeugen, dass sie nichts Gefährliches enthielten, dann zog er sich zurück und beobachtete, wie lange Wimpern sich flatternd hoben und ihn in einen Urlaub zurückversetzten, den er in den Florida Keys unternommen hatte, wo das Wasser von genau dem gleichen klaren Türkis gewesen war wie ihre Augen. Sie hatte sie mit irgendwelchem schimmernden Zeug umrahmt, das ihn an Pfauenfedern erinnerte und das dem Wetter nicht besonders gut standgehalten hatte, aber etwas an dem verschmierten Make-up ließ sie auf faszinierende Weise verrucht aussehen.
Spar dir die Faszination dafür auf, was zum Teufel sie hier macht und wer zum Teufel Gibson ist.
Ihre Pupillen waren riesig, aber sie reagierten, und das Weiß in ihren Augen war klar, was seine Sorge um ihren körperlichen Zustand abermals abschwächte. Das bedeutete nicht, dass sie nicht irgendetwas eingenommen hatte, aber der Ausdruck ihrer Augen ließ Alkohol oder andere Rauschmittel auf seiner mentalen Checkliste der Gründe für ihre Ohnmacht einige Reihen nach unten rutschen.
»Gibson?«, wiederholte er. Er konnte es geradeso gut erfahren, wenn sich irgendein Arschloch im Gras versteckte.
Sie sah ihn lange an, dann schaute sie sich im Inneren des Streifenwagens um. Dass sie dabei weder erschrocken noch desorientiert wirkte, vermittelte ihm den Eindruck, dass sie wusste, wo sie war und wie sie dorthin gelangt war.
»Meine Gitarre.« Ihre Stimme strich mit einem warmen Vibrato über ihn hinweg und sorgte dafür, dass sich die Härchen auf seinen Unterarmen so wirkungsvoll aufrichteten, als hätte sie ihm die Worte ins Ohr geflüstert. Mehr sagte sie nicht, aber ihre Wangen wurden von zarter Farbe überzogen. Anscheinend war sie nicht daran gewöhnt, auf der Rückbank eines Polizeiwagens das Bewusstsein wiederzuerlangen, während ein Gesetzeshüter über ihr aufragte.
Ob sie daran gewöhnt war oder nicht, sie richtete sich auf. Er ließ es zu und zog sich zurück, damit sie die Beine von der Bank schwingen konnte, und er biss die Zähne zusammen bei dem Anblick von Spitze, als ihr T-Shirt auseinanderklaffte. Als ihre Stiefel auf der Fußmatte landeten, setzte er sich neben sie. »Ihre Gitarre liegt im Kofferraum, zusammen mit Ihrer Tasche.«
Mit schnellen zerstreuten Bewegungen arrangierte sie die Kette um ihren Hals neu, bis das Gitarrenplektrum sich zwischen ihre Brüste schmiegte, dann wedelte sie mit dem Arm, sodass ihre Armbänder auf ihr Handgelenk hinabrutschten. Unter halb gesenkten Wimpern sah sie ihn von der Seite an. »Nehmen Sie mich in Gewahrsam, Officer …?«
»Donovan. Das kommt drauf an. Haben Sie etwas Illegales getan?«
»Natürlich nicht.« Die Worte kamen schnell, aber ihr Blick huschte an ihm vorbei wie der eines Gefangenen, der nach einer Fluchtmöglichkeit sucht.
»Abgesehen vom Fahren per Anhalter«, fügte er hinzu, »was, nur um das mal festzuhalten, im gesamten Staat Kentucky verboten ist.«
Mit großen ängstlichen Augen warf sie ihm einen schnellen Blick zu. »Das wusste ich nicht, aber ich bin hier gestrandet, und irgendwie sind mir die Optionen ausgegangen. Gibt es einen gewissen Spielraum im Gesetz für besondere Umstände?«
Er widerstand dem Sog dieser riesigen flehenden Augen. »Ich kann zwar nur raten, Ms Goodhart, aber irgendetwas sagt mir, dass sie ein wandelndes, sprechendes Bündel besonderer Umstände sind.«
Sie atmete schnaubend aus und starrte wieder in das Halbdunkel, scheinbar gefesselt von dem Kampf der Sonne, durch die dünner werdenden Ränder der Wolken zu brechen. Nach einigen Sekunden fragte sie: »Woher kennen Sie meinen Namen?«
»Von dem Fahndungsaufruf.«
Die Worte lenkten ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihn, und sie schluckte so hart, dass er förmlich hörte, wie sich ihre Kehle zusammenzog. »Nach mir wird gefahndet? Ist das Ihr Ernst?«
Ein echtes Pokerface, diese Frau. »Nein. Ich habe Ihren Namen von Ihrer Tasche.«
»Oh.«
Der Wortwechsel machte sie nicht direkt verdächtig, aber er festigte Wests Entschluss, herauszufinden, ob sie zur Fahndung ausgeschrieben war. Schließlich setzte er seine Mütze wieder auf und sagte: »Ich nehme nicht an, dass Sie irgendeinen Ausweis bei sich haben, der das bestätigt?«
»Mein Portemonnaie ist in meiner Tasche.«
Sie klang definitiv zögerlich, was seinen Verdacht bestätigte, dass sie etwas zu verbergen hatte. »Es hat aufgehört zu regnen. Lassen Sie uns zum Kofferraum gehen und nachsehen.«
Er stieg aus, bevor sie antworten konnte, und hielt ihr die Hand hin, und zwar auf eine Weise, die ihr nicht wirklich eine Wahl ließ. Trotzdem gelang es ihr, dem ausgestreckten Arm auszuweichen und den Wagen aus eigener Kraft zu verlassen. Er legte die Finger um ihren Ellbogen als sie zum Kofferraum gingen. Ja, die Farbe war in ihr Gesicht zurückkehrt, und sie wirkte stabil, aber ein Schwindelanfall konnte ihren Zustand schnell verändern. Er wollte nicht, dass ihr in seiner Schicht etwas zustieß. Noch mehr, als ihr ohnehin schon zugestoßen war, korrigierte er sich, als er bemerkte, dass sie bei jedem Schritt ihr Gewicht auf das rechte Bein verlagerte.
»Ms Goodhart, haben Sie sich verletzt, als Sie ohnmächtig wurden?«
Sie warf ihm einen Seitenblick zu, ging jedoch weiter. Oder humpelte vielmehr. »Alle nennen mich Roxy. Und es geht mir gut. Es sind nur diese Stiefel. Ich habe eine Blase an der Ferse.«
Er betrachtete ihre Stiefel. Nicht neu, aber nicht für lange Märsche im Regen geeignet. Er würde den Schaden in Augenschein nehmen, nachdem er ihren Ausweis überprüft hatte.
Sie erreichten die Rückseite des Streifenwagens, und West öffnete den Kofferraum. Sie nahm sich einen Moment Zeit, um ihr Haar zu einem Knoten zu zwirbeln und gewährte ihm einen weiteren Blick auf rote Spitze durch die Löcher in ihrem T-Shirt. Nachdem sie ihr Haar unter Kontrolle gebracht hatte, zog sie den Reißverschluss der Tasche auf und wühlte darin herum. Armbänder klimperten, während sie das Portemonnaie suchte.
Ein Gewirr von Kleidern und Unterwäsche – es war schwer, den Unterschied zu erkennen – ergoss sich aus der Tasche. Binnen Sekunden sah es aus, als sei in seinem Kofferraum ein Damenunterwäsche-Shop explodiert. Er rettete einen roten Cowboystiefel, bevor dieser aufs Pflaster fiel, aber nicht rechtzeitig, um das zusammengeknüllte Zigarettenpäckchen aufzufangen, das herausgerutscht war. Entzückend. Er hob die Zigaretten auf und schob sie sich in seine Hemdtasche.
»Bingo!« Sie riss den Klettverschluss von einem roten Nylonportemonnaie auf, das mit grinsenden silbernen Totenschädeln bedruckt war, und verwandte einige weitere Sekunden darauf, die übermäßig vollgestopften Fächer zu durchstöbern, die dazu gedacht waren, Ordnung in Kreditkarten, Fotos und anderen Krimskrams zu bringen. Schließlich hielt sie einen Lichtbildausweis hoch, als hätte sie eine Karte des Universums geborgen.
Er warf den Stiefel in die Reisetasche. Sie streckte die Hand nach den Zigaretten aus, aber er schüttelte den Kopf. »Sehen wir uns den Ausweis an«, entschied er und pflückte die Karte aus ihren Fingern. Roxy starrte ihm von einem Führerschein aus Texas entgegen, auf dem er sie sofort wiedererkannte, trotz ihres stachligen Ponys aus platinfarbenen Fransen, die ihre unverkennbaren Augen verdeckten.
Aus den Angaben ging hervor, dass Roxanne Belle Goodhart zum Zeitpunkt der Ausstellung des Führerscheins in Austin ansässig gewesen war. Laut den Angaben war sie einen Meter sechzig groß – er hielt das für Bullshit –, außerdem stand da, dass sie einhundertzehn Pfund wiege und jüngst den zweiundzwanzigsten Jahrestag gefeiert hatte, seit sie den Planeten mit ihrer Anwesenheit zierte.
»Einen Meter sechzig?«
Sie zog den Reißverschluss ihrer Reisetasche wieder hoch und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. »Das sieht man doch, oder?«
Vielleicht mit diesen Tretern. Er prägte sich die Details ihres Führerscheins ein. »Sie sind weit weg von Austin.«
Sie zuckte die Achseln, aber die lässige Geste vertrieb die Nervosität nicht, die sie wie Elektrizität von einer Hochspannungsleitung verströmte. »Ich bin eine Weile auf Reisen. Dorthin, wohin der Wind mich treibt.«
Er gab ihr den Ausweis zurück. »Sie wissen, dass dieser Führerschein abgelaufen ist, oder?«
»Ich hatte vor, ihn erneuern zu lassen, wenn ich nach Hause komme. Es ist nur …« Ihre Stimme verlor sich und sie zuckte abermals die Achseln. Jetzt wirkte sie ein wenig verloren. »Ich habe noch nicht herausgefunden, wo das ist. Aber ich habe auch einen Pass. Irgendwo.« Sie deutete auf die Reisetasche.
»Später. Im Moment, Roxy, will ich, dass Sie im Streifenwagen Platz nehmen.«
Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht und sie machte einen unsicheren Schritt zurück. Er griff nach ihrem Arm, um ihr Halt zu geben, und bemerkte das Zucken von Muskeln unter seinem Griff.
»Bin ich verhaftet?«
»Sie haben Schmerzen«, antwortete Officer Donovan mit einer tiefen Stimme, der es gelang, autoritär zu klingen, selbst wenn er ein klein wenig verärgert war. Er nahm seine Mütze ab und benutzte sie, um damit auf ihren Fuß zu zeigen, bevor er hinzufügte: »Der Wagen scheint mir der beste Platz für Sie zu sein, während ich versuche, diesbezüglich etwas zu unternehmen.«
Anscheinend fest davon überzeugt, dass sie sich fügen würde, drehte er sich um, legte seine Mütze in den Kofferraum und holte etwas aus einem der wohlgeordneten Seitenfächer. Roxy beobachtete das Spiel der Muskeln unter seiner vom Regen feuchten Uniform. Sicher, er konnte sie für eine Woche einsperren, aber sie konnte nicht umhin, die mühelose Anmut dieses hochgewachsenen, athletischen Mannes zu bewundern.
Als er sich zu ihr umdrehte, hielt er einen Erste-Hilfe-Kasten in der Hand und zeigte einen Gesichtsausdruck, der nichts verriet. Sie fragte sich, ob er seine stoische Miene üben musste oder ob sie ihm im Blut lag. Letzteres, befand sie, als er sie behutsam in Richtung Rückbank schob. Der kühle, verschlossene Officer Donovan verschwendete keine Worte oder Bewegungen. Kurz bevor sie die Tür erreichte, drehte sie sich um und unternahm einen allerletzten verzweifelten Versuch, nicht wieder in den engen Streifenwagen steigen zu müssen. »Es geht mir gut.«
Eine glatte Lüge. Ihre Ferse schmerzte, und der Hauch von Zitrone in seiner Seife oder seinem Aftershave erinnerte sie daran, dass sie keinen Happen zu essen mehr gehabt hatte, seit den getrockneten Aprikosen, die sie vor Stunden ihr Frühstück genannt hatte. Aber lieber wäre sie den Rest nach Bluelick gekrochen, als freiwillig in den Streifenwagen zu steigen. Behörden neigten dazu, sie sofort als Streunerin abzustempeln. Jemand, der verdammt noch mal so ziemlich überall gewesen war, aber nirgendwohin gehörte. Sie neigten außerdem dazu, diesen Status mit großem Missfallen und Argwohn zu beäugen. Bisher hatte sie beides von diesem speziellen Vertreter der blauen Jungs von Bluelick in ausreichendem Maß zu spüren bekommen.
»Wir werden sehen.« Er drängte sie, bis sie zwischen dem Wagen und seinem Körper gefangen war. »Setzen Sie sich.«
Dann brachte er es, ohne sie auch nur zu berühren, irgendwie fertig, dass sein Befehl befolgt wurde. Sie stolperte und landete auf dem Hintern im Wagen, auf dem Rücksitz, wo der Officer sie haben wollte. Bei dem Aufprall lockerte sich der Knoten in ihrem Haar. Sie hob die Hände, um es sich aus dem Gesicht zu streichen, und ihre Armbänder rutschten klimpernd in einer melodischen Kaskade an ihrem Arm hinab.
Ein Trio hässlicher rotblau verfärbter Prellungen zierte ihr Handgelenk und erinnerte sie an ein paar bittere Wahrheiten. Nämlich, dass eine Frau in ihrer Position es sich nicht leisten konnte, in ihrer Wachsamkeit nachzulassen, und dass sie nicht immer die beste Menschenkennerin war. So lässig wie möglich ließ sie die Arme sinken. Die Armreifen rutschten herunter und verbargen die Prellungen. Sie riskierte einen Blick auf Officer Donovan. Er füllte ihr Gesichtsfeld total aus, versperrte die Tür und bildete eine riesige unüberwindliche Barriere. Plötzlich war nicht genug Luft im Wagen. Druck baute sich in ihren Lungen auf, und ihr Puls raste. Sie war allein hier draußen. Er hatte alle Macht. Alles Mögliche konnte passieren, und niemand würde sie vermissen.
»Entspannen Sie sich«, sagte er, als spüre er ihre wachsende Paranoia. Weitere Worte des Trostes bot er ihr nicht an, sondern hockte sich nur mit gesenktem Kopf vor sie hin und konzentrierte sich darauf, ihr den Stiefel auszuziehen. Sie starrte auf seinen Kopf hinab und biss sich dann auf die Lippen, um nicht zu stöhnen, als er den Stiefel über ihre aufgeschürfte Ferse zog.
»Ich bin entspannt.« Wieder eine Lüge. »Warum sollte ich verkrampft sein?«
»Keine Ahnung.« Er schaute nicht auf. Sein langes feuchtes Haar stand ihm an manchen Stellen vom Kopf ab und sah aus, als sei es so weich wie Zobel. »Warum sollten Sie?«
Weil sie beim Fahren per Anhalter erwischt worden war? Weil gegenwärtig ihre gesamte irdische Habe im Kofferraum eines Streifenwagens lag? Weil sie im Prinzip Ladendiebstahl begangen hatte, um die Gibson aus einem Pfandhaus zu holen, das einem der berüchtigtsten Kredithaie in Nashville gehörte, bevor sie in einen Bus nach Kentucky gestiegen war? Doch statt irgendwelche Antworten zu geben, mit denen sie sich selbst belastete, sagte sie: »Sie könnten ein perverser Cop sein, der gestrandete Frauen aufliest und sie in seinen Kofferraum stopft, und niemand sieht sie je wieder. Ich habe davon in den Nachrichten gehört. So was passiert.« Noch während sie den irrationalen Gedanken in Worte fasste, kämpfte sie gegen den Impuls, mit den Fingern über das kurz geschnittene Haar an seiner Schläfe zu streichen und herauszufinden, ob es sich so samtig anfühlte, wie es aussah.
»Mein Kofferraum ist gegenwärtig voll von Ihrem Zeug, somit können Sie sich also in Sicherheit wiegen, aber für jemanden, der sich in die Hände von Fremden begibt, indem er per Anhalter fährt, haben Sie einige ziemlich düstere Ansichten über die menschliche Natu… Allmächtiger, Roxy.«
Die letzten Worte lenkten ihre Aufmerksamkeit auf ihren Fuß, der gegenwärtig in seiner Hand lag. Ihre Schuhgröße sechsunddreißig sah verglichen mit seiner Hand absolut zierlich aus. Zierlich und zerbrechlich. Anlass zu ausreichend Beunruhigung, um ihm den Fuß zu entziehen, und das war der Moment, als ihr die Ursache für seinen Ausbruch klar wurde. Blut verdunkelte die Ferse ihrer Socke.
Die abgetretenen ledernen Motorradstiefel, die sie gestern im Pfandhaus Music City gekauft hatte, waren wahrscheinlich nicht die klügste Investition von fünfzig Dollar gewesen. Fünfundvierzig plus Steuern, um genau zu sein, aber sie war nicht lange genug geblieben, um sich ihr Wechselgeld zurückgeben zu lassen, denn der Kauf war ein Ablenkungsmanöver gewesen – ein Mittel, den Angestellten zu beschäftigen, während sie die Gibson befreite und die Beine in die Hand nahm. Sie hätte etwas Billigeres aussuchen können, aber die coolen schwarzen Stiefel hatten zu ihr gesprochen. Sie hatten gesagt: »Wir lassen uns keinen Scheiß gefallen.« Sie musste definitiv anfangen, sich weniger Scheiße gefallen zu lassen, daher hatte sie die verflixten Dinger gekauft. Zu der Zeit konnte sie nicht ahnen, dass sie sie am Ende tragen würde, um die letzte Etappe ihrer Reise nach Bluelick zu Fuß zu marschieren. »Das sieht schlimmer aus, als es ist.«
Augen so grau und turbulent wie Gewitterwolken in Kentucky hielten ihren Blick fest. »Wir werden sehen.«
Das war alles, was sie an Vorwarnung bekam, bevor er ihr die Socke auszog. Sie schnappte nach Luft und zwang sich stillzuhalten.
Er sah ihr forschend ins Gesicht. »Alles okay?«
»Ja.« Sie streckte eine Hand nach der Socke aus und versuchte, so zu tun, als wolle sie sich nicht zu einer Kugel zusammenrollen und wimmern.
Er legte die Socke in ihre Handfläche, und für einen Moment berührten sich ihre Finger. Der Schmerz in ihrer Ferse verebbte ein wenig, weil ihr bei dem winzigen Kontakt zahlreiche Beben durch den Körper liefen. Fantasien füllten ihren Kopf – wie dieselben, verlockend schwieligen Hände ihr die Kleider vom Leib zerrten. Wie sie ihr mit einem einzigen kräftigen Ruck ihren Schlüpfer herunterrissen.
Sie schaute gerade rechtzeitig in sein Gesicht, um zu sehen, wie seine Augen sich vor widerstrebendem Hunger verdunkelten. In seinem Kinn zuckte ein Muskel.
Nein. Äh-äh. Auf gar keinen Fall, Roxy. Sich mit einem Mann einzulassen, erst recht mit einem mürrischen Gesetzeshüter, der sie abwechselnd mit Misstrauen und Missbilligung ansah, stand ganz unten auf ihrer To-do-Liste. Ihr Körper verzehrte sich nach der Chemie, das war alles. Und Chemie hatte so eine Neigung, ihr um die Ohren zu fliegen.
Officer Donovan räusperte sich. »Hübsches Tattoo.« Mit einer Fingerkuppe zeichnete er den kleinen Schwarm schwarzer Vögel nach, die an ihrem Knöchel emporflatterten. Selbst seine Finger sahen seriös aus. Lang, kantig und mit sauberen, adrett geschnittenen Nägeln.
»Danke«, brachte sie heraus, während Nervenenden überall in ihrem Körper so reagierten, als hätte er weitaus intimere Stellen berührt. Ein unheimlich lebendiges Szenario schoss ihr durch den Kopf. Sie, wie sie auf der Rückbank ebendieses Streifenwagens lag und gerade eben unterhalb ihres Bewusstseins dahintrieb, während diese seriösen Polizeifinger vorsichtig, aber gründlich über ihren Körper wanderten. Keine Fantasie, versicherten ihr ihre aufgepeitschten Nervenenden. Eine Erinnerung. Er hatte sie abgetastet. Die Erkenntnis trieb ihr schlagartig die Hitze in die Wangen. Sie hätte die Reaktion gern als ein Gefühl der Demütigung bezeichnet, aber die traurige Wahrheit war, dass der Gedanke, Officer Donovan habe sie so intim berührt, sie aus lauter falschen Gründen verstörte und heiß machte.
Vielleicht begriff er, dass er mit seiner beiläufigen Berührung eine erotische Kettenreaktion ausgelöst hatte, denn er ließ sie los, als hätte er sich verbrannt. »Heben Sie den Fuß, damit ich Ihnen die Ferse verbinden kann.«
»Verstanden, Officer.« Wenn sie auch nur annähernd erwachsen war, würde sie ihm sagen, er solle ihr den Erste-Hilfe-Kasten geben, und sich selbst darum kümmern, aber ihr war heute bereits einmal schwummrig geworden, daher hob sie den Fuß zu seiner Begutachtung ein wenig höher. »Gut?«
Er neigte den Kopf, um den Fuß aus einem besseren Winkel betrachten zu können, dann erstarrte er, stieß ein ersticktes Stöhnen aus und wandte den Blick ab. »Ah … nein. Nicht gut.«
Das war der Moment, in dem ihr klar wurde, dass ihre Position ihm einen ungehinderten Blick unter ihren Rock gewährte. Sofort ließ sie das Bein sinken, während ein gekränkter Teil von ihr beharrte: Hey, manche Männer finden es ziemlich gut.
»Ich mache das.« Sie streckte die Hand nach dem Erste-Hilfe-Kasten aus.
»Lassen Sie es uns stattdessen so versuchen.« Seine Stimme kehrte zu dem gelassenen, selbstsicheren Ton zurück, den sie bereits für normal hielt. »Drehen Sie sich um und knien Sie sich auf die Sitzbank.« Bevor sie die Anweisungen ganz verarbeiten konnte, umfasste er sie und positionierte sie so, wie er sie haben wollte.
Sie hielt sich an der Kopfstütze fest, damit sie nicht auf allen vieren auf der Bank landete. Die Vorstellung erfüllte ihre überhitzte Fantasie mit einer ganz neuen Montage unwillkommener Bilder. Er, wie er ihr den Rock hochschob und ihren Slip herunterriss, um sie auf seine ganz persönliche Weise für das Fahren per Anhalter zu bestrafen. Bei der Aussicht darauf spielten ihre Hormone verrückt.
Tatsächlich legte er die Hand um ihren Knöchel und schob ihren Fuß an den Rand des Sitzes. Ihr Magen krampfte sich zusammen, als sie mit dem Rücken zu ihm kniete und ihm unkontrollierten Zugang zu ihrer geschundenen Ferse gewährte. Sie hätte nicht verletzbarer sein können, wenn er sie aufgefordert hätte, die Augen zu schließen und sich mit grenzenlosem Vertrauen in seine Arme fallen zu lassen. Andererseits hatte sie das mehr oder weniger bereits getan, als sie ohnmächtig geworden war, und anscheinend hatte er sie aufgefangen, also sollte sie ihm vielleicht auch in dieser Sache vertrauen?
Sie balancierte auf den Knien und zählte die durchbrochenen weißen Linien, die die leere Strecke des Highways durchzogen und durch das Rückfenster zu sehen waren. Der Officer machte sich hinter ihr ans Werk. Er hatte überraschend sanfte Hände für jemanden, der ansonsten so schroff war. Sanft und effizient. Er brauchte keine Minute, um antibakterielle Creme auf ihre Ferse zu geben und ein riesiges Pflaster daraufzukleben. Doch irgendwie gelang es ihm während dieser Zeit, jedes noch so kleine bisschen Widerstand, das sie besaß, in Nichts aufzulösen.
Immer wenn er sich vorbeugte, streifte sein Haar die Rückseite ihres Schenkels. Das leichte Kitzeln führte dazu, dass sie trotz der Augusthitze gegen ein Schaudern ankämpfen musste und Mühe hatte, ihre Atmung unter Kontrolle zu halten. Wusste er, was er mit ihr anstellte? Spürte er es ebenfalls?
Ein Ziehen an ihrem Fuß lenkte ihre Gedanken von ihren kitzligen erogenen Zonen ab. Sie drehte sich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie sein erhitzter Blick an ihr emporwanderte, bis er auf ihrem Gesicht landete.
»Ich möchte mir Ihren anderen Fuß ansehen«, bemerkte er mit einer Stimme, die belegt genug war, um ihr zu verraten, dass sie nicht die Einzige war, die von diesem Doktorspiel einen Bonus erhielt.
Die Luft zwischen ihnen zischelte wie von einem Blitz aufgeladenes Ozon. Obwohl er seine Worte nicht als Frage, sondern mehr als Manifestation seiner Absicht formuliert hatte, hielt er inne, eine Hand um ihren Fuß gelegt, während er auf ihre Antwort wartete.
»Der andere tut nicht weh.« Trotzdem entspannte sie ihren Fuß, damit der Officer den Stiefel ausziehen konnte.
»Er ist unverletzt«, sagte er schroff, sobald er ihre Socke abgestreift hatte, aber seine Hände waren genauso schnell und vorsichtig wie in dem Moment, als er ihr ein schützendes Pflaster auf die andere Ferse geklebt hatte. Eine Sekunde später sagte er leise: »Geschafft.« Sein Haar streifte einmal mehr ihren Schenkel, als er den Kopf hob.
Sie drehte sich um, um etwas Abstand zwischen sie beide zu bringen, bewegte sich aber zu schnell für ihren benommenen Kopf und taumelte, bevor sie auf die Sitzfläche fiel. Er fasste sie an den Schultern und gab ihr Halt. Graue Punkte tanzten vor ihren Augen, aber sie blinzelte sie weg und konzentrierte sich auf sein Gesicht.
Er legte die Stirn in Falten. Einer seiner Mundwinkel verkrampfte sich. »Immer mit der Ruhe.« Langsam ließ er ihre Schultern los und hielt die Hände für einen Moment dort, für den Fall, dass sie umkippte. »Sie werden mir doch nicht noch mal ohnmächtig, oder, Roxy?«
Würde sie? Ihre Hände zitterten, daher verschränkte sie diese und stieß sie zwischen ihre Knie. Die Position führte dazu, dass ihr Kopf tiefer hing, was half. »Nein«, beharrte sie, ebenso zu ihrer eigenen Beruhigung wie zu seiner. »Es geht mir gut.«
Er zögerte mehrere Herzschläge lang, und sie spürte das Gewicht seines Blicks. »Bleiben Sie hier«, sagte er schließlich und stand auf.
Setzen Sie sich. Bleiben Sie hier. Die Drei-Wort-Befehle wurden schnell langweilig. Bevor sie ihre Missbilligung darüber kundtun konnte, herumkommandiert zu werden wie ein Polizeihund, beugte er sich über den Vordersitz und öffnete das Handschuhfach.
Suchte er nach seinem Notizblock, damit er ihr einen Strafzettel ausstellen konnte? Na toll. Sie besaß genau 813 Dollar. Was immer die Geldbuße für Fahren per Anhalter war, ihre begrenzten Mittel konnten diesen Schlag nicht verkraften. Sie schloss die Augen und bettete die Stirn auf die Knie.
»Unter den gegebenen Umständen, denke ich, können wir das Tischgebet überspringen.«
»Hm?« Sie hob den Kopf und sah in ihrem Gesichtsfeld einen Energieriegel und eine Wasserflasche auftauchen. Überrascht nahm sie beides entgegen und brachte ein jämmerliches »Danke« zustande. Schon lange hatte sich niemand mehr um sie gekümmert. Sie war nicht daran gewöhnt. Vielleicht war das der Grund, warum ein paar Pflaster und ein Snack in ihr plötzlich den Wunsch weckten zu weinen?
»Essen Sie«, befahl er und stieg vom Beifahrersitz.
Und schon war es vorbei mit den sentimentalen Tränen. Sie klemmte sich die Wasserflasche zwischen die Knie, schälte das Einwickelpapier von dem Energieriegel und beäugte die maschinell gefertigte Proteinbombe. Normalerweise nicht ihr Lieblingssnack, aber sie konnte nicht wählerisch sein. Ihr Magen nahm Habachtstellung an wie ein ausgehungerter Wolf, als sie in den Riegel biss.
Als sie das erste Bröckchen geschluckt hatte, stand er wieder vor ihr und stützte sich mit dem rechten Arm gegen die geöffnete Tür, um ihr einen taxierenden Blick zuzuwerfen. Sie musste ihn zufriedengestellt haben, weil er sich aufrichtete.
»Haben Sie ein Paar Schuhe in Ihrer Tasche, die keine weiteren Schäden anrichten werden?«
Sie nahm einige Schlucke Wasser, nickte und machte dann Anstalten aufzustehen. Er bremste sie mit einem Kopfschütteln.
»Bleiben Sie sitzen. Ich werde Ihnen die Tasche bringen.«
Mit einem weiteren Bissen von dem Energieriegel im Mund rief sie seinem entschwindenden Rücken ein »Dankeschön« hinterher.
Als er zurückkam, schluckte sie gerade den letzten Rest des Riegels hinunter und leckte sich ihre klebrigen Finger ab, bevor sie in der Tasche nach ihren Wonder Woman Flipflops wühlte. Sie schlüpfte hinein und betrachtete voller Bewunderung den Kontrast zwischen dem roten, weißen und blauen Gummi und ihrem glänzenden purpurfarbenen Zehennagellack.
»Besitzen Sie irgendein Kleidungsstück, das nicht eine Störung der öffentlichen Ordnung darstellt?«
Sie wackelte mit den Zehen, um den Lack in dem spärlichen Licht schimmern zu sehen, und tat ihr Bestes, sich ein Grinsen zu verkneifen. Er klang so mürrisch. »Mom hat gesagt, ich solle niemals in der Menge untergehen.«
»Glauben Sie mir, Roxy, Sie könnten nicht in der Menge untergehen, selbst wenn Sie es wollten.«
Das war die Wahrheit, und sie wusste es. Sie hatte sich auf links von der Mitte spezialisiert und fühlte sich die meiste Zeit wohl dort, aber seine Worte trafen trotzdem einen wunden Punkt. Nicht mit der Menge zu verschmelzen bedeutete auch, nicht dazuzugehören. Sie war eine geborene Außenseiterin, aber in Bluelick, hatte sie sich eingeredet, würden die Dinge anders sein. Schließlich hatte sie in dem Ort Familie. War es unvorstellbar, dass sie tatsächlich dazugehören könnte? Es deprimierte sie, dass der ortsansässige Gesetzeshüter diese Hoffnung zunichtegemacht hatte, bevor sie auch nur einen Fuß in die Stadt gesetzt hatte.
Es deprimierte sie und trieb sie in die Defensive.
Sie kam gut allein zurecht. Dass ihre Eltern Musiker gewesen waren, bedeutete, dass sie quasi auf der Straße aufgewachsen war. Diese Art Leben brachte einem Mädchen bei, schnell Freundschaften zu schließen – denn die Straße konnte einsam sein – und sie genauso schnell wieder zu vergessen, weil immer ein weiterer Gig lockte. Sie hatte Spaß, solange der Spaß dauerte, und wanderte dann weiter über die nächste, manchmal einsame Straße. Mit Einsamkeit kam sie klar. Als gefährlicher hatte es sich erwiesen, sich an jemanden zu binden.
Doch es war nie eins ihrer Talente gewesen, ihre Gefühle zu verbergen, daher hielt sie den Kopf gesenkt und konzentrierte sich darauf, ihre Stiefel in die Tasche zu stopfen und den Reißverschluss zu schließen. Als sie sich sicher war, dass ihr Gesicht eine gleichgültige Maske zeigte, stieg sie aus dem Wagen. Der Mann wich keinen Zentimeter zurück, daher schulterte sie ihre Reisetasche und richtete sich ein wenig höher auf. »Officer Donovan, danke für die Erste Hilfe. Wenn wir hier fertig sind, werde ich meine Gitarre nehmen und mich auf den Weg machen.«
Er streckte lediglich eine Hand aus, nahm ihr die Tasche von der Schulter, als wöge sie nichts, und ging zum Kofferraum. »Steigen Sie in den Wagen. Sie können auf dem Beifahrersitz Platz nehmen, oder Sie können auf der Rückbank sitzen bleiben. Wie Sie mögen.«
»Ich soll einsteigen? Warum?« Die Frage kam unnormal schrill heraus. »Ich dachte, Sie hätten gesagt, ich sei nicht verhaftet?«
»Sind Sie auch nicht. Noch nicht«, fügte er sehr leise hinzu, als sie sich nicht von der Stelle rührte.
»Hören sie. Ich gehe gern zu Fuß. Ich ziehe es vor, zu Fuß zu gehen. Es gibt kein Gesetz dagegen, zu Fuß an einer Landstraße entlangzugehen.«
Er schloss den Kofferraum. »Es gibt ein Gesetz gegen das Fahren per Anhalter.«
»Ich werde nicht mehr per Anhalter fahren«, versprach sie, als er näher kam.
»Das stimmt.« Er öffnete die Tür auf der Beifahrerseite und wartete ab. Geduldig. Wie ein Mann, der nicht die geringsten Zweifel am Ausgang einer Sache hegte.
Sosehr es ihr gefallen hätte, weiter mit ihm zu streiten, ließ der Ausdruck auf seinem Gesicht vermuten, dass alle weiteren Worte eine Verschwendung von Atemluft gewesen wären. Solange er die Gibson hatte, hatte er das bessere Argument. Sie ging auf die Beifahrerseite und stieg ein.
»Schnallen Sie sich an.«
Mit diesem Befehl schloss er die Tür. Der Knall, der folgte, klang beunruhigend endgültig.
West setzte sich hinters Lenkrad und betrachtete seine widerstrebende Beifahrerin. Roxy starrte aus dem Fenster. Ihr Haar, das jetzt etwas trockener war, wellte sich ungehemmt. Wunderschön, ungezähmt und in einem Zustand von natürlichem Chaos, genau wie die Frau selbst. Chaos beunruhigte ihn. Nachdem er seine prägenden Jahre in einem der schlimmsten Viertel Baltimores verbracht hatte, war sein Bedarf an Chaos für alle Zeit gedeckt.
Dienstzeiten als SEAL und im NYPD hatten ihn gelehrt, dass man Chaos mit Informationen bekämpfte. In seinen im Streifenwagen eingebauten Computer tippte er ihren Führerschein ein und wartete, während das System Haftbefehle checkte. Er überflog die Ergebnisse – so gut wie gar nichts –, während er ihre Aufmerksamkeit bemerkte.
Sie rutschte näher heran, um einen Blick auf den Monitor werfen zu können. »Was sehen Sie sich da an?«
Herr im Himmel, selbst reizbar vor Nervosität, ließ ihre kehlige Stimme ihm das Blut gerinnen. »Sie«, antwortete er ein wenig barscher als notwendig und tippte auf den Bildschirm, um zur letzten Seite des Berichts hinunterzuscrollen.
»Sie haben mich überprüft?«
Da war wieder dieser Argwohn. Er schaute auf und ertappte sie dabei, wie sie sich mit der Zunge über die Unterlippe strich. »Sie sind sauber.«
Ihre Lippen glänzten, und er stellte sich vor, mit seiner Zunge das Gleiche zu tun, was sie soeben getan hatte. Stattdessen ließ er den Motor an und bog auf die Straße ein. »Das Ergebnis scheint Sie zu überraschen. Möchten Sie mir irgendetwas erzählen, Roxy?«
Stille breitete sich aus, während er fuhr, und sie knibbelte mit dem Zeigefinger an der Nagelhaut ihres Daumens. Er fragte sich, ob sie mit der Wahrheit rausrücken würde, aber nein, sie wandte sich ab und fuhr fort, durch das Fenster auf die faszinierende Wildnis entlang der Route 9 zu starren. »Könnte ich bitte meine Zigaretten haben?«
Er fuhr an dem Schild mit der Aufschrift Willkommen in Bluelick vorbei, mit seinem Rand aus Magnolienblüten, der ein buntes Gemälde der historischen Ziegelsteingebäude entlang der Hauptstraße umrahmte. »Nein. Es ist eine schlechte Angewohnheit. Potenziell tödlich, genau wie Ihre andere schlechte Angewohnheit.«
Sie warf ihm einen kampflustigen Blick zu. »Welche andere schlechte Angewohnheit?«
»Das Fahren per Anhalter.«
»Oh.« Sie wischte die Bemerkung mit einem Kopfschütteln weg. »Sparen Sie sich den Vortrag. Ich versuche, es mir abzugewöhnen.«
Und ihn von seinen Fragen abzulenken. »Geben Sie sich mehr Mühe. Statt darüber nachzudenken, Ihre Lungen zu vergiften, warum erzählen Sie mir nicht, was Sie veranlasst hat, auf der Route 9 per Anhalter unterwegs zu sein?«
»Ich bin nicht per Anhalter gefahren. Jedenfalls nicht ursprünglich«, korrigierte sie sich, als er sie mit einer hochgezogenen Braue musterte. »Ich bin mit dem Greyhound gefahren, aber in Lexington habe ich meinen Anschluss verpasst. Stattdessen bin ich mit dem Bus nach Millersville gefahren und hatte vor, von dort aus einen Bus nach Bluelick zu nehmen.« Sie klappte die Sonnenblende herunter, betrachtete sich im Spiegel und wischte über die Make-Up-Flecken unter ihren Augen. »Aber von dort fahren keine Busse, also …« Sie zog ihre schmale Schulter hoch und ließ sie wieder sinken. »Musste ich Plan B durchziehen.«
Uber? Lyft? Davon gab es hierzulande wenig. »Wenn Sie in Millersville eine Fahrgelegenheit hatten, wie sind Sie dann am Straßenrand gelandet?« Es gab keine Haltestellen zwischen den beiden Städten. Keine Highwayabfahrten. Keine Tankstellen. Nicht einmal einen lausigen Schnellimbiss. Nur bewirtschaftete Felder. Ihm krampfte sich der Magen zusammen bei dem Gedanken an ihre Bemerkung über den Kofferraum. »Hat Ihnen jemand etwas angetan?«
»Niemand hat mir etwas angetan.« Sie antwortete, ohne in ihren Bemühungen, ihr Make-Up zu retten, innezuhalten.
Er griff nach ihrem Arm und rieb mit dem Daumen über die Prellungen an ihrem Handgelenk. »Irgendjemand hat Ihnen etwas angetan.« Die Worte kamen leise heraus, obwohl die Zeichen der Verletzung ihn in Rage brachten. Doch eine Zurschaustellung von Ärger würde sie wohl kaum dazu ermutigen, sich ihm anzuvertrauen.
Sie entzog ihm die Hand. »Die sind alt.« Er ließ los und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie sie die Armbänder so drapierte, dass sie den Beweis für den aggressiven Griff einer anderen Person verbargen.
So viel zum Thema Vertrauen.
Sie kehrte zu seiner ursprünglichen Anschuldigung zurück, was ein ziemlich guter Hinweis darauf war, dass sie nicht über die Prellungen sprechen wollte. »Ich fahre normalerweise nicht per Anhalter. Und ich habe von Millersville aus keine Mitfahrgelegenheit bekommen.« Sie klappte die Sonnenblende hoch und drehte sich zu ihm um. »Ich bin zu Fuß gegangen. Ich dachte, ich könnte den Marsch in ein paar wenigen Stunden bewältigen.«
»Sieben Meilen mit einer fünfzig Pfund schweren Reisetasche, einer Gitarre und Regenwolken am Himmel? Das war Plan B?«
»Ich wusste nicht, dass es sieben Meilen waren, und ein wenig Regen an einem heißen Tag hat mir noch nie etwas ausgemacht.« Sie straffte sich und reckte defensiv das Kinn. »Der alte Mann im Minimarkt in Millersville hat gesagt, es sei ein Katzensprung die Straße hinunter.«
»Ja, hm, ich schätze, er hat seit langer Zeit keinen Katzensprung mehr irgendwohin unternommen.« Ein Blick auf das Armaturenbrett verriet ihm, dass seine Schicht noch dreißig Minuten dauerte. Fragen reihten sich in seinem Kopf auf wie nebeneinander aufgestellte Verdächtige. Was führte sie nach Bluelick? Wie lange wollte sie bleiben? Und das Wichtigste, was konnte er tun, um ihre Weiterreise zu beschleunigen? So faszinierend Roxy sein mochte, brauchte Bluelick eine vagabundierende Musikerin ungefähr so dringend wie einen Penner auf dem Stadtplatz – und er war sich nicht sicher, ob die beiden unterm Strich nicht das Gleiche waren. Er wollte mehr Informationen über ihre Pläne, um festzustellen, ob er dieses wandelnde Bündel an Problemen unter Kontrolle hatte. Sie brauchte eine ordentliche Mahlzeit. Es gab keinen Grund, warum er nicht beides auf einmal bewerkstelligen sollte. Er setzte den Blinker und parkte in einer Lücke am Straßenrand vor dem DeSchay’s Diner.
Seine Beifahrerin richtete sich in ihrem Sitz auf. »Wohin gehen Sie?«
»Ich habe Hunger. Sie haben Hunger.« Er legte die Parkstellung ein und schaltete den Motor aus. »Wir werden etwas essen.«
»Wissen Sie was? Ich bin satt. Der Energieriegel hat seinen Zweck voll und ganz erfüllt, also, wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich einfach meine Sachen nehmen und meiner Wege gehen.«
»Ein Energieriegel ist kein Ersatz für eine anständige Mahlzeit, vor allem dann nicht, wenn Sie wegen eines Mangels an Nahrung bereits einmal ohnmächtig geworden sind.«
Sie schüttelte den Kopf. »Das lag an meiner Nervosität. Polizisten machen mich nervös.«
»Mich machen Anhalter nervös. Beruhigen wir unsere Nerven beim Abendessen. Ich lade Sie ein.« Er murmelte diesen besonderen Anreiz über seine Schulter, als er aus dem Wagen stieg. Sie blieb auf dem Beifahrersitz und erwog ihre nicht existenten Optionen, bis er um den Wagen herumging und ihre Tür öffnete.
Das brachte sie in Bewegung. Sie stieg aus, drehte sich zu ihm um und verschränkte die Arme, wodurch sie unbeabsichtigt – oder vielleicht sehr wohl beabsichtigt – ihre Brüste über den tiefen Ausschnitt ihres Shirts drückte. »Kann ich wenigstens meine Sachen aus dem Kofferraum haben?«
»Später.« Solange er ihr Gepäck hatte, hatte er die Frau.
Ihr übertriebener Seufzer verriet ihm, was sie von seiner Taktik hielt, genau wie die Art und Weise, wie sie herumwirbelte und auf das Diner zuging und ihre Flipflops bei jedem ungeduldigen Schritt auf den Boden klatschten. Er holte sie mühelos ein. Kurze Zeit später streckte er die Hand nach der Tür aus und berührte sie dabei versehentlich. Nichts Ungehöriges, nur die Innenseite seines Arms auf der Wölbung ihrer Schulter, aber der unschuldige Kontakt ließ sie beide wie angewurzelt stehen bleiben. Sie schaute auf, und für einen Moment kreuzten sich ihre Blicke – lange genug für ihn, um ein Auflodern von etwas Heißem, Leidenschaftlichem in ihren Augen zu sehen, bevor sie wegschaute und murmelte: »Danke.«
»Gern geschehen«, antwortete er und wusste verdammt gut, dass sie das gleiche Verlangen in seinem Blick gesehen hatte. Die Art Verlangen, die von viel zu viel Sexualhormonen genährt und paradoxerweise von dem Wissen angefacht wurde, dass es ohne jeden Zweifel völlig hirnrissig wäre, es auszuleben.
Luft, zum Schneiden dick von den Gerüchen nach gebratenem Huhn und Maisbrot, schlug ihm entgegen, eine Sekunde bevor Adelaide DeShay am Eingangstresen von einem Notizblock aufblickte, auf den sie etwas gekritzelt hatte. Sie schenkte ihm ein herzliches Lächeln. »Hi, West. Willst du deine übliche Bestellung zum Mitnehmen?« Ihre Aufmerksamkeit wanderte zu Roxy, und sie blinzelte. »Oder kann ich euch zu einem Tisch führen?«
Das war es, was ihm daran gefiel, in einer Kleinstadt zu leben. Nachdem er den Globus als nahezu Unsichtbarer mit den SEALs bereist und dann als Rädchen in der großen, oft unpersönlichen Maschinerie des NYPD gedient hatte, wusste er es zu schätzen, im örtlichen Diner mit Namen begrüßt zu werden und eine »übliche« Bestellung zu haben. Das Gefühl von Zugehörigkeit verband ihn auf eine Weise mit dieser Kleinstadt, von dem ihm nicht ganz klar gewesen war, dass er genau das brauchte, als er den Job in Bluelick angenommen hatte.
»Ein Tisch für zwei, Addy.«
»Geht klar.« Sie griff nach zwei Speisekarten und trat hinter dem Tresen hervor. »Folgt mir.«
Das glatte rotgoldene Haar fiel über ihre Schultern, als sie sie an einigen Tischen mit frühen Essensgästen vorbeiführte. Er nickte dem alten Mr Cranston und der buchstäblich uralten Ms Van Hendler zu, die sich gegenübersaßen und sich durch Kaffee und Pastete arbeiteten. Grady Landry von der Genossenschaftsbank und Ed Pinkerton aus dem Baumarkt schauten auf, als sie vorbeigingen. Die Reaktion war überall die gleiche. Sie lächelten ihn an, und dieses Lächeln wich unverhohlener Neugier, als Roxy ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Mit dem gesträhnten Haar, den Tattoos und dem Ich-gehöre-zur-Band-Look gab es mehr als einen Gast im Raum, der erst einmal stutzte. An diesen Aspekt des Lebens in einer Kleinstadt – dass jeder die Angelegenheiten eines jeden anderen kannte –, musste er sich immer noch gewöhnen.
Addy blieb an einem Fenstertisch stehen. »Wie wäre es damit?«
»Soll mir recht sein.« Er bedeutete Roxy, Platz zu nehmen, dann ließ er sich auf die Bank ihr gegenüber gleiten.
»Ich werde dir einen Eistee bringen, du bist ja noch im Dienst.« Addy richtete ihr freundliches Lächeln auf Roxy. »Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen?«
»Nur Wasser, bitte.«
»Bring ihr einen Orangensaft.«
Türkisfarbene Augen wurden schmal und musterten ihn. »Ich mag keinen Orangensaft.«
»Ich mag keine Ohnmachten.«
»Ich habe den Proteinriegel gegessen …«
»Wissen Sie was«, warf Addy ein, »wir haben eine frische Ladung unserer weltberühmten Limonade. Es ist das Geheimrezept meiner Grandma DeShay, und ich kann Ihnen sagen, dass an einem heißen Sommerabend nichts besser ist.«
»Klingt toll.« Roxy hielt ihr Blickduell mit West noch eine Sekunde länger aufrecht, bevor sie Addy ein entschlossenes Lächeln schenkte. »Beinhaltet Grandma DeShays Geheimrezept auch einen ordentlichen Schuss Wodka?«
Addy lachte. »Nicht unsere Version, bei uns gibt es nur Bier und Wein. Ich kann mich allerdings nicht dafür verbürgen, auf welche Weise Granny die Limonade am liebsten getrunken hat.«
Bevor er sie von der Idee abbringen konnte, irgendwelchen Alkohol in ihren fast leeren Magen zu kippen, schaute Roxy zu ihm hinüber und verdrehte die Augen. »Entspannen Sie sich, Officer. Es war ein Scherz. Ich trinke keinen Alkohol.«
»Sie beschränken Ihre Laster auf Rauchen und das Fahren per Anhalter?«
Addy schritt ein, indem sie die Speisekarte öffnete und auf die untere Hälfte einer Seite zeigte. »Hier ist alles gut, aber da ich Grandma DeShays Rezepte so mag, weise ich gern auf die Spezialgerichte des Hauses hin. Werfen Sie einen Blick darauf und lassen Sie es mich wissen, wenn Sie irgendwelche Fragen haben. Ich werde im Handumdrehen mit euren Getränken wieder da sein.« Ein weiteres freundliches Lächeln, dann ging sie.
Er wartete, während Roxy die Speisekarte studierte. Doch das stimmte nicht ganz. Er beobachtete sie. Zuerst griff sie sich mit einer Hand um den Nacken und neigte den Kopf erst zu einer Seite, dann zur anderen, bevor sie die Finger an dem silbernen Kettchen hinabgleiten ließ, um mit dem Gitarrenplektrum zu spielen, das zwischen ihren Brüsten baumelte – einer Stelle, auf die er sich nicht konzentrieren sollte. Er riss seine Aufmerksamkeit von ihr los und sah sich im Diner um. Alle anderen im Raum starrten seine Tischgefährtin an. Die klappte ahnungslos ihre Speisekarte zu und blickte aus dem Fenster.
»Also, Roxy, was führt Sie nach Bluelick?«
Mit seiner Frage zog er ihren Blick erneut auf sich. »Familie.«
Was für eine Überraschung. Er hätte sie nicht für eine Einheimische gehalten, vor allem da sie es nicht besser gewusst hatte, als den ganzen Weg von Millersville zu Fuß hierher zurückzulegen, aber ihm gefiel die Vorstellung, dass sie sein kleines Eckchen der Welt aus einem speziellen Grund besuchte – und vorzugsweise mit einem nahen Abreisedatum. »Sie stammen aus der Gegend?«
»Nein. Ich bin zum ersten Mal hier, aber meine Mom ist in Bluelick aufgewachsen, und meine Großmutter lebt noch immer hier.« Unsicherheit zog ihre Mundwinkel nach unten. »Zumindest denke ich, dass sie noch lebt.« Sie sah ihn an. »Lillian Belle?«
»Keinen Schimmer, aber ich bin noch ziemlich neu hier. Ich kenne nicht jeden. Addy tut das«, fügte er hinzu, als diese mit ihren Getränken zurückkehrte.
»Ich tue was?«
»Du kennst jeden in der Stadt. Roxy sucht nach ihrer Großmutter.«
Addy beäugte sie, und er konnte erkennen, dass sie versuchte, die Gene einzuordnen. Anscheinend fiel ihr niemand ein. »Wer ist Ihre Grandma denn?«
»Lillian Belle. Ihre Adresse ist … was ist los?«
Kopfschüttelnd schlüpfte Addy neben West in die Nische und betrachtete Roxy mit sanftem Blick. »Ich bedauere zutiefst, diejenige zu sein, die Ihnen das mitteilt, aber Mrs Lillian ist von uns gegangen. Das war … meine Güte, vor ungefähr sechs Monaten.«
»Oh.«
Roxy wirkte niedergeschmettert und West suchte nach einer angemessenen Beileidsbekundung.
Addys Umgangsformen waren weniger eingerostet. »Es tut mir so leid. Ich nehme an, Sie beide hatten eine Weile keinen Kontakt mehr?« Sie beugte sich über den Tisch und tätschelte Roxy die Hand.
»Wir haben nie miteinander gesprochen. Wir sind uns noch nicht einmal begegnet«, fügte Roxy hinzu. »So wie meine Eltern die Geschichte erzählt haben, hat Lillian meine Mom verstoßen, als sie mit meinem Dad durchgebrannt ist, und meine Großmutter ist bei ihrer Entscheidung geblieben, obwohl sie sonst keine Familie hatte.«
Addy nickte. »So habe ich es auch verstanden. Ihre Mama hätte eine Benachrichtigung bekommen sollen, als Lillian starb. Eine Kanzlei hier am Ort hat sich um den Nachlass gekümmert. Ich kann nicht glauben, dass sie das versäumt haben.«
»Ich bin mir sicher, dass sie das nicht versäumt haben. Es wäre wahrscheinlich fairer zu sagen, dass sie in eine Sackgasse geraten sind.«
Es gefiel ihm nicht, wie sich das anhörte. Noch gefiel es ihm, wie sie hektisch blinzelte, bevor sie den Blick auf die Speisekarte vor ihr auf den Tisch senkte. Oder wie schmal und allein sie aussah, wie sie da auf der anderen Seite der Nische saß. »Was verstehen Sie unter ›Sackgasse‹?«
»Meine Eltern sind vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.«
Verwaist mit neunzehn. Allmächtiger. Ein sehr harter Schlag in einem sehr zarten Alter. Hatte es andere Familienmitglieder gegeben, an die sie sich wenden konnte, abgesehen von einer Großmutter, die ihr fremd war und der sie nie begegnet war?
»Oh, Roxy. Das tut mir wirklich leid.« Addy drückte ihre Hand und zeigte eine weitere der für Kleinstadtbewohner typischen Eigenschaften, die West immer mehr zu schätzen lernte. Natürliches Mitgefühl. Selbst für Fremde.
Roxy schenkte ihr ein kleines trauriges Lächeln. »Danke. Mir tut es auch leid. Ich habe Lillian geschrieben, als es passiert war, damit sie Bescheid wusste. Ich habe nie eine Antwort bekommen, aber ich bin oft umgezogen, daher …«
Er wertete das als eine Antwort auf seine unausgesprochene Frage. Es hatte sich niemand gemeldet, der ihr durch diese Krise hindurchgeholfen hätte.
»Ich dachte, dass ihr Brief mich vielleicht einfach nie erreicht hat. Ich konnte keine Telefonnummer für sie ausfindig machen. Auch nicht bei der Auskunft. Ich habe gehofft, dass sie, wenn ich nach all dieser Zeit einfach auftauchen würde, mich vielleicht hätte kennenlernen wollen.«
»Ich bin mir sicher, dass sie Sie liebend gern kennengelernt hätte.« Addys gütiges Herz war stärker als ihre Ehrlichkeit, aber ihr Gesichtsausdruck strafte ihre Worte Lügen. Lillian Belle hätte ihrer Enkelin die Tür vor der Nase zugeschlagen.
Alter Groll und verkorkste Familienbeziehungen spielten kaum mehr eine Rolle, aber die praktische Seite an ihm konzentrierte sich auf etwas, das zu Buche schlagen könnte. »Weißt du, welche Kanzlei den Nachlass geregelt hat? Roxy wird als nächste Verwandte vielleicht erben.«
»Ihr solltet mit Roger reden. Er wird die Details kennen.«
In ihren Worten schwang ein unausgesprochenes Aber mit und er beschloss, sie darauf anzusprechen. Details hatten so ihre eigene Art, in einer Kleinstadt die Runde zu machen. »Aber?«
»Ich glaube, sie hat ihren gesamten Besitz den Baptisten von Bluelick vermacht. Sie haben ihre neuen Kirchenbänke Lillians Andenken gewidmet.«
Verdammt. Roger Reynolds, der jüngere Partner von Reynolds & Reynolds, Rechtsanwälte, würde zweifellos die Einzelheiten kennen, aber unglücklicherweise befand sich das Erbe in keinem Nachlassverfahren.
»Das ist okay«, beteuerte Roxy. »Ich bin nicht des Geldes wegen hergekommen. Ich wollte sie einfach nur kennenlernen. Sie ist alles an Familie, was ich noch habe.«
»Ich schätze, das bedeutet, dass Ihr Aufenthalt in Bluelick nicht von langer Dauer sein wird? Zu schade!«
Addy warf ihm einen funkelnden Blick zu, der zu dem Tritt gegen sein Schienbein unter dem Tisch passte, und wandte sich dann an Roxy. »Sie sollten ein wenig Zeit hier verbringen und den Ort kennenlernen, aus dem Ihre Familie stammte. Ich bin mir sicher, dass meine Eltern mit Ihren Eltern zur Schule gegangen sind. Ich wette, dass meine Mutter noch ihre alten Klassenfotos und Jahrbücher hat, falls Sie Interesse daran hätten, einmal einen Blick darauf zu werfen?«
Roxys Augen leuchteten ein wenig auf. »Das würde ich schrecklich gern, wenn es keine Unannehmlichkeiten bereitet.«
Während die beiden Frauen miteinander plauderten, führte West im Geiste eine Strichliste. Ein Tag, um den Anwalt aufzusuchen, ein Tag, um Mrs DeShays Fotoalben durchzugehen, und dann würde er sie großzügig zu der Bushaltestelle in Lexington fahren und sie in einen Greyhound nach Austin oder Nashville setzen oder, verflucht noch mal, nach Alaska – je weiter weg, umso besser. Irgendwohin jenseits aller Versuchung. Plötzlich knisterte sein Funkgerät, das er in einem Halter an seinem Polizeigürtel trug. Die Zentrale bat alle verfügbaren Einheiten, auf einen gemeldeten Alarm zu reagieren, und ein kalter Knöchel glitt an seiner Wirbelsäule hinunter, als eine Meilenmarkierung an der Route 9 heruntergerasselt wurde, fast genau an der Stelle, wo er Roxy aufgelesen hatte. Dass ein Leichenfund dahintersteckte, war zwar in jederlei Hinsicht eher ungewöhnlich, aber in der zugegebenermaßen kurzen Geschichte der Polizei von Bluelick noch nie da gewesen. Er warf einen Blick auf Roxy.
»Ich muss gehen. Ich werde Ihnen Ihre Sachen hereinbringen.«
Sie sprang von ihrem Platz in der Nische auf. »Ich werde sie mir holen. Das erspart es Ihnen, noch einmal herkommen zu müssen.«
Nein. Er wollte, dass sie blieb und aß. »Eine Reisetasche und eine Gitarre. Ich denke, das schaffe ich.«
Addy schlüpfte ebenfalls aus der Nische und trat beiseite, damit er das Gleiche tun konnte.
»Setz das Abendessen auf meine Rechnung?«
»Na klar. Ich werde dir dein übliches Sandwich einpacken.« Sie eilte in die Küche.
Als er mit Roxys Sachen zurückkam, hatte sie sich wieder an den Tisch gesetzt. Er stellte die Reisetasche zu ihren Füßen. Sie griff nach der Gitarre, ihre Armbänder glitten herab, und ihr T-Shirt rutschte so tief, dass ein Aufblitzen roter Spitze Teilen seines Körpers weit unterhalb seines Gehirns eine vorhersehbare Reaktion entlockte. Er reichte ihr das Instrument und betete, dass sein Ständer verebbte, bevor er an der Einsatzstelle auftauchte.
Sobald sie das Instrument neben sich auf die Bank gelegt hatte, schaute sie auf und warf ihn schier um mit diesen irritierend arglosen Augen. »Danke für die Fahrt und für das Abendessen.« Sie streckte die Hand aus. »Meine Zigaretten?«
Roxy Belle Goodhart entlockte ihm Dinge, die er nicht geben wollte, und ließ ihn abweisend reagieren. Er schüttelte den Kopf. »Sie wollen aufhören, erinnern Sie sich? Und es wird auch nicht mehr per Anhalter gefahren. Ich meine es ernst. Betrachten Sie dies als erste und letzte Warnung.«
Roxy stocherte in ihrem Salat herum und beobachtete, wie das Diner sich mit Gästen füllte. Eine junge Familie – Mom, Dad und drei flachsblonde Töchter – übernahm die halbrunde Nische in der Ecke. Während das älteste Kind dem Daddy ein Ohr abkaute und die Jüngste ihr Bestes tat, in selbstmörderischer Absicht aus ihrem Hochstuhl zu springen, richtete das mittlere Mädchen seine Kulleraugen auf Roxy. Roxy zwinkerte ihr zu. Das süße kleine Ding errötete, lächelte und versteckte das Gesicht am Arm ihrer Mom. Zu niedlich.
Eine Gruppe von Highschoolgirls nippte an Milchshakes und sandte einem Quartett von jungen Männern an dem Tisch auf der anderen Seite des Gangs zweideutige Signale. Ab und zu warf ihr einer der Männer aus dem Quartett einen hoffnungsvollen Blick zu. Ebenfalls zu niedlich. Und viel zu jung. War sie jemals so jung gewesen?
Vier Frauen kamen mit einer Welle aus Gelächter und Parfum hereingerauscht. Sie schwatzten mit Addy, dann blieben sie stehen, um Umarmungen und Küsse mit der Familie auszutauschen, bevor sie sich einen Tisch am anderen Ende des Restaurants aussuchten. Nicht zum ersten Mal an diesem Abend trafen sie fragende Blicke.
Eine natürliche Reaktion. Sie stocherte weiter in der noch verbliebenen Hälfte ihres Salates herum. Bluelick war eine eingeschworene Gemeinschaft. Jeder kannte jeden. Sie alle hatten ihren Platz. Roxy hatte keinen, und ohne einen Einheimischen, mit dem sie ihren Tisch teilen und einen Grund für ihre Gegenwart liefern könnte, hätte ihr genauso gut
