Love Emergency – Und plötzlich ist es Liebe - Samanthe Beck - E-Book

Love Emergency – Und plötzlich ist es Liebe E-Book

Samanthe Beck

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Beschreibung

Kann er ihr Herz noch einmal erobern?

Zehn Jahre zuvor hat Shane Maguire sich für die Marines und gegen Sinclair Smith entschieden - und ihr damit das Herz gebrochen. Nun ist er zurück und hat nur ein Ziel: Sinclair zurückzugewinnen. Mit viel Charme versucht er, sie aufs Neue zu erobern. Doch Sinclair behandelt ihn wie Luft - naja meistens. Als sie seine Hilfe braucht, sieht er seine Chance gekommen und macht ihr einen Vorschlag, den sie nur schwer ablehnen kann ...

"Eine der heißesten Second-Chance-Liebesgeschichten, die ich je gelesen habe. Die Chemie zwischen Sinclair und Shane ist einfach unglaublich! Was für ein tolles Buch!" Beyond the Pages

Band 3 der Love-Emergency-Reihe von USA-Today-Bestseller-Autorin Samanthe Beck


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EPUB

Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

TitelZu diesem BuchWidmung123456789101112131415161718EpilogDanksagungDie AutorinDie Romane von Samanthe Beck bei LYX.digitalImpressum

SAMANTHE BECK

Love Emergency

Und plötzlich ist es Liebe

Roman

Ins Deutsche übertragen von Christine Heinzius

Zu diesem Buch

Zehn Jahre zuvor hat Shane Maguire sich gezwungenermaßen für die Marines und gegen Sinclair Smith entschieden – und ihr damit das Herz gebrochen. Nun ist er zurück und hat nur ein Ziel: Sinclair zurückzugewinnen. Mit viel Charme und Ausflügen in die Vergangenheit versucht er, sie aufs Neue zu erobern. Doch Sinclair wehrt sich vehement gegen seine Avancen. Aber als sie sich in einer Notlage befindet und seine Hilfe braucht, sieht er seine Chance gekommen und macht ihr einen Vorschlag, den sie nur schwer ablehnen kann …

Für alle, die schon mal eine zweite Chance benötigt haben.

1

»Mistkerl …«

Sinclair Smith verschluckte die restlichen Schimpfwörter und beobachtete, wie ihr schlimmster Fehler den Raum durchquerte. Er erwischte sie dabei. Die verlogenen Lippen, die früher einmal ihr Herz zum Rasen und ihre Kleider zum Fallen gebracht hatten, bogen sich auf einer Seite nach oben. Es war egal, dass sie Shane Maguire zehn Jahre nicht gesehen hatte. Sie würde dieses träge, unverbesserliche Lächeln überall wiedererkennen, sogar im Trubel der Hochzeitsfeier ihrer Schwester Savannah.

»Gibt’s ein Problem?«

Die Frage kam vom Mann neben ihr – Hunter Knox, Trauzeuge – und erinnerte sie daran, dass der restliche Raum gar nicht verschwunden war. Aus John Legends »All of Me« wurde »In My Life« von den Beatles, und der DJ forderte alle auf, sich dem glücklichen Paar auf der Tanzfläche anzuschließen. Shane kam ohne Eile näher, als hätte sie während der letzten zehn Jahre hier gesessen und geduldig darauf gewartet, dass er auftauchen und ihre Welt auf den Kopf stellen würde. Mal wieder.

»Kein Problem«, erwiderte sie. Ohne den Blick von Shane zu wenden, packte sie Hunters Hand. »Tanz mit mir.« Der große kräftige Sanitäter war ihr körperlich überlegen, aber das Überraschungsmoment arbeitete für sie. Sie zerrte ihn mitten auf die Tanzfläche, legte ihre Arme auf seine breiten Schultern und schmiegte sich an ihn, als gehöre sie dorthin. Als sie an ihm vorbeischaute, bot sich ihr der befriedigende Anblick von Shane, der abrupt stehen blieb. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, und dann … wow. Ihr wurde leicht schwindlig, als Hunter ihre Positionen vertauschte.

Anstatt ihren Hals zu verdrehen und Shane den falschen Eindruck zu vermitteln, dass es sie auch nur im Geringsten interessierte, was er tat, wandte sie ihre Aufmerksamkeit ihrem Tanzpartner zu. Hunter war ein echt heißer Typ, mit seinen strahlend blauen Augen und dem breiten Grinsen. Womöglich wäre sie daran interessiert gewesen herauszufinden, wie toll der Trauzeuge tatsächlich war, aber Savannah hatte ihr erzählt, dass er wahnsinnig verliebt in irgendein glückliches Mädchen war. Zum Glück war sie weder auf der Suche nach Wahnsinn noch nach Liebe. Sie brauchte nur einen fügsamen Tanzpartner – was er allerdings nicht war. Er widerstand all ihren Versuchen, die Führung zu übernehmen. »Hey, Fred Astaire, was machst du da?«

»Ich will mir den Typen anschauen, den du eifersüchtig machen willst.« Seine Stimme klang kein bisschen vorwurfsvoll, nur neugierig.

Sie lachte fast laut auf. »Ich will doch niemanden eifersüchtig machen. An so ein dummes Spiel würde ich keine Zeit verschwenden.«

Dunkelblonde Augenbrauen hoben sich. »Du spielst keine Spiele?«

»Oh, ich kann spielen«, gab sie zu, bevor sie den Kopf drehte und den Blick suchend über die Menge gleiten ließ. »Ich kann mit den Besten mithalten. Ich spiele nur im Moment nicht. Ich habe kein Interesse daran, mit jemandem zu sprechen, der eigentlich gar nicht hier sein sollte, geschweige denn mit ihm zu tanzen. Da dachte ich, die beste Art, beides zu vermeiden, ist, mit Leuten zu sprechen und zu tanzen, an denen ich interessiert bin.« Ihr war bewusst, dass ihre Erklärung ein bisschen barsch klang, daher wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder Hunter zu und legte ein Lächeln auf. »Wie du.«

Seine Mundwinkel zuckten, aber falls er gegen ein Lachen ankämpfte, gelang es ihm, es zu unterdrücken. »Ich fühle mich geehrt, dass ich ausgewählt wurde, und unter anderen Umständen würde ich sehr gern einen umwerfenden Tanz mit einer wunderschönen Frau riskieren, aber ich erwarte jeden Moment eine andere wunderschöne Frau auf dieser Türschwelle, und … na ja … mit ihr spiele ich keine Spielchen.«

Verdammt. Dieser Kerl könnte ihren Glauben an die Menschheit tatsächlich wiederherstellen. Unwillkürlich entspannte sie sich in seinen Armen. »Savannah hat erwähnt, dass du dich kürzlich heftig verliebt hast.«

»Beau quatscht zu viel«, beschwerte sich Hunter, aber das breite Grinsen erschien wieder auf seinem Gesicht.

»Das bezweifle ich.« Der frischgebackene Ehemann ihrer großen Schwester war der große, schweigsame Typ. »Aber Savannah hat einen sechsten Sinn für so …«

Eine Hand landete auf Hunters Schulter. »Kann ich abklatschen?«

Die Stimme klang tiefer und autoritärer, als sie sie in Erinnerung hatte, und sein Südstaaten-Akzent war inzwischen so abgeschliffen, dass er nur noch einem geschulten Ohr auffiel. All dieses Tiefe, Glatte und Autoritäre ließ seine Frage eher wie etwas Unausweichliches als wie eine Bitte klingen.

Hunter drehte sich um und opferte sie damit einem festen Blick aus grünen Augen. Ein Blick, der fähig war, sie auf eine unfreiwillige – und unkluge – Erinnerungsreise mitzunehmen. Ein Blick mit der Kraft, ihre Hormone selbst nach zehn Jahren in Wallung zu bringen und gleichzeitig ihr Temperament anzufeuern. Als sie sah, wie in diesen grünen Tiefen Zufriedenheit aufblitzte, wusste sie, dass das Schwein ihre Reaktion von der anderen Seite des Raumes aus beobachtet hatte.

»Das entscheidet allein die Dame«, entgegnete Hunter, der anscheinend der Meinung war, einer von ihnen beiden müsse antworten.

Verdammt nein. Shane mochte seinen beeindruckenden Körper vielleicht in einen Maßanzug gekleidet und seine dicken dunklen Haare auf eine zivilisierte Länge gekürzt haben – wodurch sie nicht mehr wie ein Rabenflügel über seine Stirn fielen –, aber sie wusste aus eigener Erfahrung, dass unter dieser respektablen Fassade ein gefährliches Herz pochte. Sie war der Böser-Junge-Phase schon lange entwachsen. Das kannte sie schon, hatte es schon erlebt, ihre Narben bezeugten es. »Nein, danke.«

Als sie ablehnte, bewegte Hunter sich ein bisschen, sodass sie hinter ihm stand. Sie dachte, dass sie wohl ihren Östrogenspiegel mal hätte checken lassen müssen, wenn sie beim Anblick dieser zwei männlichen Prachtexemplare, die sich in Angriffsposition brachten, keinen Kick empfunden hätte. Aber nach einem Augenblick wandte Shane einfach seine Aufmerksamkeit ihr zu und – verdammter Mistkerl – lächelte. »Was ist los, Sinclair? Traust du dich nicht in meine Arme?«

»Bilde dir bloß nichts ein.« Sie war kein verknalltes Schulmädchen, empfänglich für Augen so fesselnd wie Trapiche-Smaragde oder für Lippen, die verführerisch genug waren, um kompletten Mist wie die Heilige Schrift klingen zu lassen.

Diese Lippen verbogen sich nun zu einem herausfordernden Grinsen, das sie für die meisten ihrer bedauerlichen Fehler verantwortlich machte. Sie konnte seine unausgesprochene Herausforderung über den sie trennenden Raum hinweg förmlich hören. Über Meere hinweg. Durch die Zeit.

Fall nicht darauf herein …

»Na gut. Ein Tanz. Dann verschwindest du.« Sie fiel auf rein gar nichts herein, verdammt. Sie schlug ihn in seinem eigenen Spiel – sie investierte drei Minuten ihres Abends, um ihn für den Rest ihres Lebens loszuwerden. Doch als er ihre Hand nahm, wusste sie, dass sie sich verrechnet hatte. Diese eine Berührung führte zu winzigen Funken des Wiedererkennens in jeder Zelle ihres Körpers. Bevor sie die alle austreten konnte, legte sich sein Arm um ihre Taille und zog sie an ihn. Ganz an ihn, sodass ihr Busen sich an seine feste breite Brust drückte, während die große Hand, die dominant auf ihrer Lendenwirbelsäule lag, ihre Hüfte so kippte, dass sie sich an seine schmiegte. Feste Oberschenkel berührten ihre.

»Sinclair, ich kann einen Tanz den ganzen Abend andauern lassen.«

Sie spürte mehr, als sie sah, dass Hunter ging. Ein Teil von ihr, der für die Selbsterhaltung zuständig war, bettelte darum, dass sie dasselbe tat, aber ihr Stolz forderte, dass sie blieb. Dass sie Shane zeigte, dass er sie nicht mehr erschütterte. Nicht einmal, als er beide Hände tief auf ihre Hüften rutschen ließ – eine dieser dreisten, anmaßenden Gesten, die ihren Puls früher einmal in die Höhe getrieben hatten.

Andere Zeiten. Anderer Ort. Sie hatten sich seitdem beide verändert. Sie war klüger geworden. Er war etwas größer geworden und viel … männlicher. Sein einst dünner jugendlicher Körper hatte kräftige Muskeln bekommen, angespannt vor brodelnder Energie überall dort, wo sie sich gegen sie pressten. Sein früher einmal glattes Kinn schien heute täglich einen Rasierer zu spüren. Die Innenseiten ihrer Schenkel zuckten angesichts des leichten Bartschattens, und seine Lippen bogen sich leicht nach oben, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

In diesem Leben nicht mehr. Sie hob ihr Kinn und setzte den Starrwettstreit fort, während um sie herum Paare kreisten. Partyscheinwerfer irgendwo an den Dachsparren übergossen die Tanzfläche mit einem verwirrenden Lichtregen, während Paul McCartney einfache, eloquente Worte über Freunde und Geliebte und Erinnerungen sang.

Ihr peripheres Sichtfeld verschwamm und die Welt schrumpfte zusammen auf ihn. Nur ihn. Das Lied oder die Atmosphäre … oder irgendwas … stiegen ihr zu Kopf. Oder vielleicht hatte dieses Gefühl etwas damit zu tun, dass sie, während sie seinem Blick standhielt, auch ihren Atem anhielt? Sie holte Luft und schickte dringend benötigten Sauerstoff in ihr Gehirn, zusammen mit dem völlig unnötigen Duft eines raffinierten Eau de Cologne sowie einem Hauch von etwas, das sie seit zehn Jahren nicht mehr gerochen hatte und das ihr Gedächtnis sofort als Shane wiedererkannte.

Er lehnte sich vor, sodass sein Atem die empfindliche Haut an ihrem Hals kitzelte. »Du bist eine schreckliche Brieffreundin, Baby.«

Sie? Was für ein völlig unfairer Tiefschlag, besonders von ihm. Er war ein … ein … was auch immer. Sie ignorierte den Kommentar und den alten Kosenamen und konzentrierte sich darauf, tief einzuatmen. Sie würde schweigen, denn ihn auf der Hochzeitsfeier ihrer Schwester mitten auf der Tanzfläche einen Idioten zu nennen, wäre zwar eine klare Botschaft, die aber nicht lauten würde: Du kannst mich nicht erschüttern. Schlussendlich war die Vergangenheit egal. Die Gegenwart war wichtig. Genauer gesagt, wie schnell sie ihn wieder loswürde.

»Was tust du hier?« Die Frage klang schnippischer als beabsichtigt, aber sie konnte nicht anders. Er bedrängte sie mit seiner Größe und seinen Muskeln – dem Geruch seiner Haut, dem Klang seiner Stimme und vielen verdrängten Erinnerungen.

»Ich feiere die heilige Ehe. Genau wie du.«

»Ich meine nicht hier.« Sie deutete auf die Feier, obwohl sie auch rätselte, wie er hier als Begleitung von jemandem gelandet war. »Ich meine, was tust du in Magnolia Grove?« Ihrer Meinung nach eine gute Frage, denn obwohl er hier geboren und aufgewachsen war, hatte er den Ort jahrelang nicht betreten. Seine Eltern waren nach Illinois gezogen, kurz nachdem er ins Ausbildungslager gegangen war, und er hatte mit niemandem vor Ort Kontakt gehalten – am wenigsten mit ihr. Was sie betraf, gab es für ihn keinen Grund hier zu sein.

»Vielleicht habe ich meine Heimatstadt vermisst?«

»Netter Versuch. Du hast alles an Magnolia Grove gehasst.«

Er hielt sie einen Tick fester. »Nicht alles.«

Sie weigerte sich, in ein Gespräch über die Dinge, die er mochte oder vermisste, hineingezogen zu werden. Dass er zehn Jahre weg gewesen war, zeigte deutlich, wie tief seine Gefühle für die Stadt und jeden dort waren. »Gefühle haben dich nicht zurückgebracht, daher vermute ich mal, es war die Arbeit.«

»Würdest du mir glauben, wenn ich sage, es war beides?«

Sie verdrehte die Augen, aber sein Lächeln wurde nur breiter. »Die Stadt hat Dienstleistungen zur Notfallplanung ausgeschrieben, und die Firma, für die ich arbeite, Haggerty Consulting, hat den Zuschlag bekommen.«

Das sagte ihr was. Magnolia Grove war nicht mehr die Kleinstadt, die sie vor zehn oder selbst vor fünf Jahren gewesen war. Der Technologieboom im nahen Norcross hatte mehr Wohnungen und Geschäfte in der Umgebung entstehen lassen, und Magnolia Grove profitierte definitiv von diesem Wachstum. Jetzt plante eine Gruppe von Investoren, die Whitehall Plantation zu restaurieren und daraus eine Hotelanlage zu machen. Um das Projekt zu promoten, hatte der Stadtrat zugestimmt, einen koordinierten Notfallplan für die Stadt zu erstellen, der alles von Feuer über Cyberattacken bis hin zu Naturkatastrophen beinhaltete. »Du bist Berater für Notfallplanung?«

Sie kannte die Antwort bereits. Er hatte die Stadt verlassen, war aber nicht vom Planeten gefallen. Kleine Informationen über sein Leben hatten es immer noch bis nach Magnolia Grove geschafft, ob es sie nun interessierte oder nicht. Sie hatte über die Jahre mehr als einmal sein Bild und sein Profil gegoogelt, aber sie würde eher ihre Zunge verschlucken, als das ihm gegenüber zuzugeben.

»Und zwar einer der besten«, antwortete er, wobei er es irgendwie schaffte, beiläufig statt angeberisch zu klingen. »Und da ich mit dieser Gegend bereits vertraut bin, hat Haggerty mich geschickt.«

»Wir Glücklichen.« Es war offiziell. Das Schicksal hasste sie.

»Alle haben Glück«, entgegnete er und beugte sich wieder vor. »Die wohlerzogene Antwort wäre, mich zu Hause willkommen zu heißen, Sinclair.«

Die leisen, neckenden Worte verspotteten sie. »Willkommen zu Hause«, presste sie hervor. »Wann fährst du wieder?«

Sein Lachen streichelte ihr Ohr. »Wer hat gesagt, dass ich wieder wegfahre? Vielleicht bleibe ich. Das hier ist schließlich meine Heimat.«

Auf. Gar. Keinen. Fall. Magnolia Grove gehörte ihr, verdammt. Er hatte es vor zehn Jahren aufgegeben. »Es hat sich viel verändert, seit du weg bist. Ich bezweifle, dass du …«

»Ich sehe, dass es sich verändert hat.« Lange Finger überquerten die unsichtbare Grenze des Anstands an ihrer Lendenwirbelsäule und fuhren bedächtig ihre Hüfte nach. Die Berührung weckte jedes Nervenende in der Nähe auf, und sie hatte das merkwürdige Gefühl, dass er nicht bloß über die Stadt sprach. »Ich muss zugeben, dass diese Veränderungen einen Teil der Anziehung ausmachen. Führe mich herum.«

Mhm-mhm. Sie war nicht das Empfangskomitee, und er würde nicht bleiben. Wenn sie irgendwas zu sagen hätte, wäre er weg, bevor …

»Verdammt!«, ertönte eine Stimme von der gegenüberliegenden Seite des Raumes. »Auf dem Parkplatz wird gekämpft, mit Fäusten und allem.«

Sinclair wirbelte herum, um zu sehen, wer gerufen hatte, während überall um sie herum Leute auf den Ausgang zuliefen. Sie wurde ein paarmal geschubst und jemand trat ihr auf den Zeh, sodass sie lieber zur Seite trat. Sie ging an den Rand der Tanzfläche. Als sie sich umdrehte, war Shane verschwunden.

So viel zum Thema Bleiben. Und es war ziemlich paradox, dass er sich wegen irgendwelcher Schwierigkeiten aus dem Staub machte, denn früher einmal wäre er der Erste gewesen, der sich eingemischt und zugeschlagen hätte. Ohne seine extreme Impulsivität und seinen fehlgeleiteten Beschützerinstinkt hätten sie einander nur oberflächlich gekannt. Sie war in einem hübschen, gemütlichen Haus in einem der besten Viertel von Magnolia Grove aufgewachsen, während er in einem schäbigen Mietshaus im alten Stadtviertel gewohnt hatte. Er war in der Schule zwei Jahrgänge über ihr gewesen, obwohl das regelmäßige Erscheinen dort anscheinend nicht sehr hoch auf seiner Prioritätenliste gestanden hatte.

Aber er hatte immer etwas an sich gehabt …

Da sie keinerlei Interesse daran hatte, hinauszugehen und zuzusehen, wie sich ein paar besoffene Idioten im Dreck wälzten, betrat sie das kleine Zimmer, das der Veranstalter ihnen für Geschenke zur Verfügung gestellt hatte, und fragte beim Hochzeitsplaner nach, wann der Brautstrauß geworfen werden sollte. Als sie wieder hinausging, kehrten die Leute zur Feier zurück, was wohl bedeutete, dass das Drama auf dem Parkplatz – was auch immer dort los gewesen war – unter Kontrolle war. Sie sah ihre Mutter an einem runden Tisch mit Leintuch mit einer grauhaarigen Frau sprechen. Sie ging hin und erkannte zu spät, dass ihre Mutter mit der alten, klatschsüchtigen Claudia Pinkerton zusammensaß. Ihre Mutter warf ihr einen Blick zu, der ihr strikt verbot, abzudrehen.

Sie fügte sich in ihr Schicksal, küsste Mrs Pinkertons weiche Wange und setzte sich auf den leeren Stuhl neben ihrer Mutter.

»Sinclair, Liebes. In diesem Kleid siehst du bildschön aus. Die Farbe passt zu deinen Augen.«

Sie strich mit ihrer Hand über das Corsagenoberteil des trägerlosen, mitternachtsblauen Satins. »Danke schön. Der erste Preis für die Kleiderwahl gebührt allerdings Savannah, obwohl ich sie gewarnt hatte, dass es unschön enden würde, wenn sie mich in Meereswellen steckt. Was ist draußen passiert?«

»Das weißt du nicht?« Mrs Pinkerton rutschte mit ihrem Stuhl näher an den Tisch. »Meine Güte, ich bin vor Angst fast in Ohnmacht gefallen. Der Daddy des Babys der Freundin des Trauzeugen ist aufgetaucht, betrunken oder high oder irgend so was, und hat versucht, ihr das Baby aus den Armen zu reißen.«

»Hunters Freundin? Ach du Sch…ande«, improvisierte sie, als ihre Mom ihr ans Knie schlug. »Sind alle in Ordnung?«

Mrs Pinkerton nickte. »Hunter hat ihn auf seinen Du-weißt-Schon geboxt und ihn dann in den Teich geworfen. Dein Tanzpartner hat ihn herausgefischt und Sheriff Kenner übergeben. Beamte haben die ganze Sache dann aufs Revier verlegt, um Beau und Savannahs Tag nicht zu ruinieren.«

»Wo wir gerade von Tanzpartnern sprechen«, unterbrach ihre Mom, »wer war der Mann, mit dem du getanzt hast? Er kam mir so bekannt vor, aber ich komme einfach nicht drauf, wer er ist.«

»Das ist Shane Maguire«, informierte sie Mrs Pinkerton, ihr Gesichtsausdruck so erwartungsvoll wie ihre Antwort. »Erinnerst du dich an ihn?«

»Derselbe Shane Maguire, der deinem Enkel Ricky im letzten Highschool-Jahr die Nase gebrochen hat?«

Sinclair widerstand dem Drang, Shane zu verteidigen. Ricky hatte es definitiv verdient, aber die Pinkertons waren hier sehr einflussreich. Außerdem hatten Rickys Eltern einen sehr lauten, sehr öffentlichen Wutanfall bekommen, sodass nur wenige Leute über die tatsächlichen Hintergründe Bescheid wussten, oder es war ihnen einfach egal.

Mrs Pinkerton nickte. »Viele sahen in ihm einen Unruhestifter, genau wie in seinem Bruder, aber ich habe immer eine Schwäche für den Jungen gehabt. Du anscheinend auch, Sinclair, so wie ihr miteinander getanzt habt.«

Die neugierigen blauen Augen ihrer Mutter durchbohrten sie. »Ach was?«

»Nein, eigentlich nicht.« Sie wollte ihnen diese Idee schnell ausreden. »Er war so lange weg. Ich kenne ihn kaum. Ich habe einfach mit einem alten Schulfreund getanzt. Ende der Geschichte. Hey, Dad«, begrüßte sie ihren Vater, der an ihren Tisch geschlendert kam. »Ich habe gehört, du hast draußen Ärger gemacht.«

Er blieb hinter ihrem Stuhl stehen und legte seine Hände auf ihre Schultern. »Ich? Na hör mal. Ich habe es beendet, Mädchen.«

»Bill, bitte sag mir, dass du dich nicht eingemischt hast …«

»Nur die Ruhe, Schatz.« Er zwinkerte Sinclair zu und lächelte dann seine Frau an. »Kenner hatte schon alles unter Kontrolle, als ich hinkam. Es war beeindruckend, wie schnell er reagiert hat, muss ich sagen. Bürgermeister Campbell hat diese schnelle Reaktion dem neuen Berater der Stadt zugeschrieben. Anscheinend hat er vorgeschlagen, dass sie noch etwas vom Überstunden-Budget zur Verfügung stellen, damit Kenner die Streifen bei Feiern wie Hochzeiten erhöhen kann, da die Kombination von Familientreffen und Alkohol manchmal zu interessanten Ergebnissen führt.«

»Ein guter Plan, wie sich herausgestellt hat«, antwortete ihre Mutter. »Hast du das Geschenk für Beaus Eltern gleich mitgebracht?«

Das Lächeln ihres Dads wurde zu einem Stirnrunzeln. »Mist. Nein, ich war so mit Campbell ins Gespräch vertieft, dass ich völlig vergessen habe, warum ich überhaupt rausgegangen bin.« Er nahm die Schlüssel aus seiner Tasche. »Bin sofort wieder da, Ladys.«

»Ich kümmere mich darum.« Sinclair sprang auf und schnappte sich die Schlüssel. Sie holte lieber eine Flasche Champagner aus dem Auto ihres Dads, anstatt am Tisch zu sitzen und sich über ihren Tanz mit Shane ausquetschen zu lassen.

»Die Flasche steht hinter dem Fahrersitz«, rief ihr Vater ihr nach. »Vergiss nicht, hinter dir abzuschließen.«

Sinclair machte über ihre Schulter eine Okay-Geste und flüchtete. Der Oldtimer-Mercedes 230 war praktisch das dritte Kind ihres Vaters. Selbst in der Abenddämmerung hob sich der glänzende rote Lack vor den neueren Autos ab. Sie ging darauf zu. Niemand war mehr draußen, aber ihre silbernen Sandalen machten sie langsam. Die hohen dünnen Absätze versanken im Gras, das als Parkplatz diente. Schließlich erreichte sie den Wagen und schloss die Tür mit dem altmodischen Schlüssel auf. Ein Hebel unten am Sitz ließ den Sitz nach vorn kippen. Sie packte die Geschenktüte mit dem teuren Champagner und klappte den Sitz wieder hoch. Falls sie dabei etwas hektisch wurde, sodass der Sitz mit einem dumpfen Knall zurückfiel, dann war daran bloß eine Person schuld.

Shane.

Sie hatte ihn die Feier nicht verlassen sehen, es war also durchaus möglich, dass er irgendwo hier draußen war. Sie wollte ihn auf gar keinen Fall auf einem leeren Parkplatz treffen. Normalerweise war sie nicht der Typ, der einer Konfrontation aus dem Weg ging, aber er hatte seinen Tanz bekommen, und sie hatte keinerlei Interesse daran, das Wiedersehen auszudehnen. Wenn sie in Alarmbereitschaft blieb, ersparte sie sich die Mühe, ihm zu erklären, dass sie Besseres zu tun hatte, als für ihn die Reiseführerin zu spielen.

Es dauerte ungefähr drei Sekunden, aus dem Wagen zu steigen und den Riegel hinunterzudrücken. Der Wind frischte auf, als sie sich abwandte und die Tür zuknallte. Ihr versunkener Absatz verhinderte, dass sie, wie geplant, selbstbewusst auf das uralte Baumwolllager zuging, das man für Feiern mieten konnte. Bevor sie einen Schritt vollenden konnte, ließ sie ein heftiger Ruck abrupt innehalten.

Oh-oh, ihr schwante Böses. Sie drehte sich um und sah, dass ihr Kleid hinten in der Autotür eingeklemmt war. Verdammt. Reflexhaft zog sie verzweifelt daran, aber vergeblich. Keine Panik. Schließ einfach die Tür auf und … Verdammt, verdammt. Wo waren die Schlüssel?

Die Vorahnung wurde immer drückender und landete schließlich wie ein Stein in ihrem Magen. Die Schlüssel ihres Vaters glänzten genau an der Stelle, an der sie sie zurückgelassen hatte. Auf dem Autositz. Im verschlossenen Auto. Sie blickte sich automatisch auf dem Parkplatz nach Hilfe um, aber ohne Erfolg. Kurzes Update: Die Schlüssel waren auf dem Sitz im abgeschlossenen Wagen auf dem menschenleeren Parkplatz.

Scheiiiiiße. Sie lehnte sich an die Tür und schaute zu den ersten funkelnden Sternen auf. Du hast deinen Rock dem Benz zu futtern gegeben und jetzt hängst du hier mit freiem Hintern fest, bis jemand auftaucht. Lieber Gott, lass es nicht …

»Ich bin zwar darin geübt, Risiken zu erkennen, aber selbst ich habe das hier nicht kommen sehen. Brauchst du Hilfe, Sinclair?«

2

Vielleicht war er ja ein Masochist, aber die Art, wie Sinclair ihre langen Haare über die Schulter geworfen und »Nein danke« gesagt hatte, mit einer Stimme, die Satans Eier hätte abfrieren lassen können, weckte in ihm den Wunsch, ihre Zur-Hölle-mit-dir-Schmolllippen zu küssen. Andererseits kämpfte er schon gegen den Drang, sie zu küssen, seit er auf der Feier eingetroffen war und sie nach zehn Jahren das erste Mal wiedergesehen hatte.

Stattdessen verschränkte er die Arme und lehnte sich mit einer Hüfte an das technische Meisterwerk, das im Augenblick ihren Rock gefangen hielt. Ein schneller Blick durchs Fenster bestätigte, was er bereits vermutet hatte. »Haben wir die Schlüssel im Auto eingeschlossen?«

»Nicht wir. Das ist nicht dein Problem.« Sie nahm die Geschenktasche von ihrer Seite vor ihre Brust, wie einen Schild. Dann trat sie einen Schritt nach hinten, um den Abstand zwischen ihnen zu vergrößern. Das Reißen einer Naht ließ sie innehalten.

Worte wären jetzt zu viel gewesen. Er zog einfach nur eine Augenbraue hoch.

»Spar dir diesen Blick für jemand anderen.« Sie legte ihre Finger um die Goldfolie am Flaschenhals, zog die Flasche aus der Tüte und hielt sie wie einen Schläger. »Ich kann mich selbst befreien.«

»Eine Glasflasche ist ein lausiger Schlüssel. Du könntest dich verletzen.« Er nahm ihr den Champagner ab und ließ ihn zurück in die Tüte gleiten. »Lass mich dir helfen.«

Sie hob ihre kleine Nase. »Bei mir ist alles in Ordnung.«

Das stimmte. Sogar mehr als in Ordnung, besser noch als in seiner Erinnerung. Sein Körper kämpfte immer noch gegen die Folgen dieser Großartigkeit, die an ihn gepresst gewesen war. Natürlich erinnerte er sich an ein Mädchen, wunderschön, eigensinnig und nicht in seiner Liga – was er damals nicht verstanden hatte, weil er noch zu dumm dafür gewesen war –, aber schlussendlich immer noch ein Mädchen. Natürlich wusste er, dass sie sich in denselben zehn Jahren, in denen er sich von einem achtzehnjährigen Versager zu einem Vizepräsidenten im Notfall- und Krisenmanagement entwickelt hatte, von einer sechzehnjährigen Herzensbrecherin in eine erwachsene Frau verwandelt hatte. Aber dieses Wissen hatte ihn nicht auf die Kraft und Ausstrahlung dieser Frau vorbereitet. Nichts hätte das gekonnt.

Als er widerwillig den Job in seiner alten Heimatstadt angenommen hatte, hatte er erwartet, sie wiederzusehen. Es sich gewünscht. Aus Neugier, um der alten Zeiten willen, aber er hatte nicht erwartet, sie wieder zu begehren. Die Heftigkeit seiner Reaktion überrumpelte ihn – und das geschah nur noch selten. Er bewegte sich, bis sie zwischen seinem Körper und dem Auto eingeklemmt war, und beobachtete, wie ihre Pupillen zu runden schwarzen Inseln im stürmischen Meer ihrer Iris wurden. Diese kleine unwillkürliche Reaktion schickte ihn zurück in feuchtwarme Nächte, erfüllt vom Klang ihres keuchenden Atmens, dieselben dunklen Pupillen ganz weit wegen allem, was er mit ihr anstellte. Allem, was sie miteinander anstellten. Er griff hinter sie und packte eine Handvoll Rock. Ihm gefiel die Lust, die durch ihn hindurchschoss, als sie rasch nach Luft schnappte. Er zog probeweise an dem Rock.

»Ich weiß nicht, Baby. Ich würde sagen, du steckst richtig fest. Ich könnte dich in weniger als fünf Sekunden befreien, ohne dem Auto auch nur einen Kratzer zuzufügen, und das Einzige, worum ich als Gegenleistung bitte, ist, dass du meine Reiseführerin wirst.«

»Kein Deal. Ich mache das schon«, schoss sie zurück und legte ihre freie Hand mitten auf seine Brust.

Er rührte sich nicht vom Fleck, ließ die Spannung zwischen ihnen knistern. Trotz der übereinstimmenden Chemie wollte sie ganz offensichtlich nichts mit ihm zu tun haben. Auch diese Tatsache hatte ihn überrumpelt. Ihre kühle Verachtung weckte ein Überbleibsel seines früheren Ichs, das er schon vor Jahren begraben zu haben glaubte – den impulsiven Jungen, der zuerst handelte und danach über die Konsequenzen nachdachte. Ein typisches Beispiel? Er hätte nicht sagen sollen, dass er darüber nachdachte, in Magnolia Grove zu bleiben. Das tat er nicht. Haggerty hatte ihn für einen Job hierhergeschickt. Er hatte vor, ihn gut zu erledigen und dann seiner Wege zu gehen. Sollte er dabei den Gehässigen in seiner Heimatstadt beweisen, dass ein Maguire-Junge etwas aus sich gemacht hatte, umso besser. Eine dauerhafte Rückkehr gehörte jedoch nicht zum Plan. Doch weil sie es so eilig gehabt hatte, ihn loszuwerden, hatte er sie ärgern wollen.

Ihre aktuelle missliche Lage verstärkte den Drang nur noch. Wie hatte er nur ihre Sturheit vergessen können oder wie unterhaltsam ihre Neckereien waren? »Okay, na dann.« Er trat zurück und zuckte mit den Achseln. »Ich lasse dich in Ruhe. Ich will ja keinen Druck ausüben, aber ich glaube, bald kommt die ganze Gesellschaft raus, weil der Brautstrauß geworfen wird.« Er ließ diese Feststellung im Raum stehen, drehte sich um und ging im Takt zum Countdown in seinem Kopf … drei, zwei, eins …

»Okay. Warte.«

Er blieb stehen, drehte sich jedoch nicht um. Ein Mann, der eine Südstaatenfrau verärgerte, tat dies auf eigene Gefahr, und das siegreiche Lächeln auf seinem Gesicht würde sie auf jeden Fall verärgern. »Ja?«

»Ich nehme deine Hilfe an. Es wird mich sicher nicht umbringen, zwei Stunden die Reiseführerin zu spielen.«

Zwei Stunden? Scheiße, nein. Er wollte mehr Zeit mit ihr verbringen, und er war sich nicht zu schade, darum zu feilschen. Er drehte sich um, sah sie seelenruhig an und antwortete mit ihren eigenen Worten. »Kein Deal. Ich habe mich informiert und weiß von mindestens einem Dutzend neuer Bauprojekte, die ich persönlich überprüfen muss. Zwölf Touren, ich suche die Ziele aus.« Er verschränkte die Arme vor der Brust und wich nicht von der Stelle, bediente sich seiner Körpersprache, um ihr klarzumachen, dass er es ernst meinte.

»Zwölf …?« Sie verstummte, um seine Forderung zu verdauen, und er musste ein weiteres Lachen unterdrücken, als sie mit dem Fuß aufstampfte. »Auf gar keinen Fall.«

Er zuckte noch einmal mit den Schultern und begann, sich von ihr zu entfernen. Das Glück war mit den Mutigen, denn irgendwo in der Ferne schlug eine Tür zu.

»Zwei Touren«, konterte sie, aber ihre Stimme hatte einen leicht verzweifelten Unterton.

»Sechs Touren. Mein letztes Angebot.«

Die Stille dehnte sich so sehr aus, dass er sich Sorgen machte, er könnte es übertrieben und sie seinen Bluff durchschaut haben. Verdammt, er würde nachgeben und das Schloss für nichts als seinen Seelenfrieden knacken müssen. Aber dann hörte er ihren langen, genervten Seufzer.

»Gut. Sechs Touren. Keinen Kratzer am Auto.«

Er drehte sich um und ging zu ihr zurück. »Oder an dir?«

Sie hob das Kinn, als er sich näherte. »Das ist ja wohl selbstverständlich.«

»Ist es das?« Er senkte den Blick und ließ ihn langsam über ein Gebiet schweifen, das er mal sehr genau gekannt hatte, beginnend bei ihren nackten Schultern bis hin zu der Stelle, wo ihre seidige Haut unter dem blauen Satin verschwand. »Ich erinnere mich daran, dass ich einst ein paar extrem kreative Stellen für Knutschflecken ausfindig gemacht habe.« Er fuhr mit seinem Finger über den Ausschnitt ihres Kleids. »Damit du keinen Ärger bekommst. Bei mir brauchtest du nicht so vorsichtig zu sein.«

»Ich –«, sie hielt inne und schluckte, »ich erinnere mich nicht …«

Oh doch. Sie erinnerte sich. Er nahm ihr die Geschenktüte ab und stellte sie auf das Dach des Mercedes. »Ich verrate dir ein kleines Geheimnis, Sinclair.«

»Was?« Das Wort war kaum mehr als ein Flüstern.

»Ich bin immer noch extrem kreativ.« Damit kniete er sich hin und spähte hinter sie.

Ihre Hand schlug auf seine Schulter. »Was tust du?«

»Ich schaue nach, ob ich eine kreative Lösung für deine missliche Lage finden kann.« Diese Stellung bot ihm einen Blick auf das Wirrwarr ihres Rocks, das in der Autotür steckte, auf die gerissene Naht, die das Kleid untragbar machte – er drehte leicht den Kopf – uuund auf den winzigen schwarzen Spitzenslip, der appetitliche Teile ihres Hinterns blank ließ. Ohne seine Motivation zu überprüfen, ließ er seine Wange die zarte Haut berühren.

Daraufhin zitterten ihre Muskeln. Die Hand auf seiner Schulter rutschte auf seinen Kopf, aber sie drückte ihn nicht weg. Er ließ seine Lippen über ihren Oberschenkel gleiten, folgte automatisch dem Saum ihres Slips, der sich an ihre Hüfte schmiegte und nach vorne hin spitz zulief.

Ihr zittriges Ausatmen ließ ihn einatmen. Ihr Geruch attackierte seine Sinne, schmerzhaft vertraut und gefährlich erregend. Die Moleküle drangen in sein Gehirn, überzogen seine Kehle und machten ihn schwindlig vor Begehren. Er balancierte auf beiden Knien vor ihr, legte rechts und links eine Hand auf ihre Hüfte und näherte sich langsam dem transparenten Dreieck, das das Ziel bedeckte.

»Shane …«

Er atmete noch einmal gierig ein. Seine Nase berührte sanft die Spitze. »Ja?«

Diese schmalen Finger glitten nach unten, bis ihre Hand seinen Hinterkopf umschloss. Ihre Oberschenkel öffneten sich. »Ja …«

Ein Autoalarm durchbrach die Stille und den Zauber, den Lust und Erinnerungen um sie gewoben hatten. Sie riss sich los, strich ihren Rock glatt und starrte ihn düster an. »Das gehört nicht zu unserem Deal.«

Er stand auf und nahm bewusst den Raum ein, den sie für sich haben wollte. »Mach dir nichts vor, Sinclair. Das war immer Teil unseres Deals.« Schon richtig, aber der Konter war aus purer Frustration geboren. Seinetwegen, weil er seinen Schwanz die Kontrolle hatte übernehmen lassen, wo doch der Rest von ihm gerade einen kleinen Fortschritt erzielt hatte, und ihretwegen, weil sie sich weigerte, die Anziehung zwischen ihnen einzugestehen.

»In unserer Abmachung ging es darum, dass du mich befreist«, sie pikte ihn mit dem Finger in die Brust, »nicht, dass du meine Unterwäsche betrachtest. Kannst du das oder nicht?«

Er war sich ziemlich sicher, dass er beides könnte. »Hier.« Er zog seine Anzugjacke aus und legte sie ihr um die Schultern.

»Danke, aber ich … hey!«

Er fand den Reißverschluss zwischen ihren Schulterblättern und öffnete ihn, noch bevor sie ihren Protest beenden konnte. Das Kleid fiel zu ihren Füßen, woraufhin er sie an sich gedrückt hochhob und aus dem Stoff befreite.

»Das ist deine Vorstellung von Rettung?« Ihre Stimme wurde mit jedem Wort höher.

»Du bist frei. Das Auto ist unbeschädigt. Ich glaube, damit ist unsere Abmachung erfüllt.«

»Setz. Mich. Ab.«

»Ja, Ma’am.« Er ließ sie an seinem Körper hinabgleiten. Ihre Augen wurden größer, als sein Ständer ihren Bauch berührte. Sobald ihre Füße den Boden trafen, wich sie zurück, aber er sah, wie ihr Blick vorn auf seine Hose fiel. Sie biss sich auf die Lippe und richtete ihre Aufmerksamkeit auf einen Punkt über seiner Schulter.

»Das verbessert meine Situation nur geringfügig.«

Das kam auf die Perspektive an. Von seinem Blickwinkel aus betrachtet konnte es kaum besser werden. Er weidete sich an dem Hautstreifen, der zwischen den Rändern seiner Jacke zu sehen war. An der kleinen Rose aus schwarzer Seide genau in der Mitte ihres üppigen Dekolletés, an ihrem flachen Bauch, dem Stückchen Spitze, das er vor ein paar Sekunden um Haaresbreite geküsst hätte. Aber das Geräusch einer Tür und von Schritten auf den Holzbrettern der Veranda kündigte Gesellschaft an, und er wollte diesen Anblick mit niemandem teilen. Er nahm sie in die Arme. Ihr Schnauben sagte ihm, dass sie diese Bewegung nicht vorhergesehen hatte. »Hör auf, mich zu kritisieren. Das ist bloß die erste Phase des Plans.«

»Mich herumzuschubsen ist Phase zwei?«

»Deinen süßen Hintern zu retten ist Phase zwei.« Er ging zur Beifahrertür seines gemieteten Range Rovers, schloss auf und setzte sie hinein. »Warte hier.«

Nach einem kurzen Abstecher zum Kofferraum des SUV hatte er, was er suchte, und überreichte ihr ein paar Schritte später sein USMC-T-Shirt sowie seine abgeschnittene Jogginghose aus seiner Sporttasche. »Zieh das an. Ich bringe das Geschenk rein, hole deine Sachen und erzähle Savannah von deinem Garderobenproblem. Wenn ich mit deiner Tasche zurückkomme, kannst du nach Hause fahren und dich umziehen. Wenn du dich beeilst, könntest du es noch rechtzeitig schaffen, um das glückliche Paar zu verabschieden.«

Falls sie sich irgendwelche Argumente zurechtgelegt hatte, versagten alle angesichts seines umfassenden Plans – oder angesichts des Gedankens, Beaus und Savannahs Abreise zu verpassen. Sie nahm die Kleider, die er ihr hinhielt, und bedankte sich knapp.

»Ich helfe gern«, erwiderte er und ließ sie sich anziehen, während er sich um Phase zwei kümmerte. Es dauerte nicht lange, Savannah zu finden, eine vage Erklärung abzugeben und ihr die Geschenktüte zu übergeben sowie im Gegenzug die Tasche ihrer Schwester entgegenzunehmen.

Als er auf den Parkplatz zurückkehrte, stand Sinclair bereits neben seinem Wagen. Sie sah unheimlich sexy aus mit seinem T-Shirt, in dem ihr schmaler Körper praktisch versank, und seinen Shorts, die tief auf ihrer Hüfte saßen. Es würde nicht einmal drei Sekunden dauern, sie aus diesen Kleidern zu befreien. Er stellte sich vor, wie er seine Faust um das T-Shirt schloss und es herunterriss. Als Nächstes wäre der BH dran, auf den er vorhin einen flüchtigen Blick hatte werfen können. Das trägerlose Spitzending bat förmlich darum, weggerissen zu werden. Bilder brannten sich in sein Hirn. Seine Handflächen prickelten bei dem Gedanken daran, ihre nackten Brüste zu halten, anzuheben und seinen Kopf zu senken, um zu überprüfen, ob sie noch so empfänglich waren wie vor zehn Jahren, als er der Erste war, der sie berühren durfte … sie küssen … sie in den Mund nehmen, so tief wie nur möglich, um sie zu verschlingen, bis sie ihr Gesicht in seinen Haaren verbarg, um die Lustschreie zu dämpfen.

Sein Verstand schaltete sich ein. Nicht heute Abend. Wahrscheinlich nie, wenn du weiter hier stehen bleibst und ihre Titten anstarrst. Er räusperte sich und reichte ihr ihre Tasche. »Ich begleite dich zu deinem Wagen.«

»Das ist nicht nötig.« Sie öffnete die glatte blaue Seidentasche und nahm ihre Schlüssel heraus. »Ich habe sie hier … Mist. Ich habe die Autoschlüssel meines Vaters im Wagen eingeschlossen. Ich frage mich, ob ein Schlüsseldienst so spät an einem Samstag herkommt?«

»Womit ich bei der dritten Phase des Plans wäre.«

»Es gibt eine dritte Phase?«

Er nahm ihre Hand und führte sie durch ein Gewirr von parkenden Autos zu dem Mercedes. »Phase drei.« Sie sah zu, während er das kompakte Mehrzweckhandwerkszeug von seinem Schlüsselring nahm, das Gerät zum Schlossöffnen aufklappte und sich an die Arbeit machte. Einen Augenblick später hatte er es geschafft – eine Drehung und das Schloss war auf. Er öffnete die Tür, nahm die Schlüssel vom Vordersitz und reichte sie ihr, zusammen mit ihrem gerissenen Kleid. »Sonst noch was?«

Ihre Augen verengten sich. »Wenn du von Anfang an wusstest, wie sich die Tür öffnen lässt, warum zum Teufel hast du …?«

Zur Hölle damit, dass man eine Südstaatenfrau nicht verärgern durfte. Er versuchte gar nicht erst, sein Grinsen zu unterdrücken. »Du hast mit mir über deine Freiheit verhandelt. Du hast nichts davon gesagt, dass ich es auf die zweckmäßigste Art und Weise tun soll.«

Er hörte sie murmelnd fluchen, bevor sie auf dem Absatz kehrtmachte und davonstürmte.

»Hey, Sinclair?«

»Was?« Sie verlangsamte ihren Schritt, blieb aber nicht stehen.

»Ich buche meine erste Tour. Morgen Nachmittag. Ich hole dich ab.«

3

»So stellst du dir eine Sehenswürdigkeit vor?«

Shane ignorierte Sinclairs ungläubigen Tonfall und genoss stattdessen den Anblick ihrer langen Beine in hautengen Jeans und schwarzen Reitstiefeln, während sie aus einem silbernen Tahoe stieg. Ihr weiter roter Mantel bildete einen Kontrast zu dem grauen Februarhimmel. Er stieß sich von der Fahnenstange ab, an der er lehnte, als sie den leeren Parkplatz überquerte. Er hatte den Kampf darum, sie abzuholen, zwar verloren – sie hatte behauptet, viele Termine zu haben, und darauf bestanden, ihn zu treffen –, aber er hatte sie dort, wo er sie haben wollte, an einem Sonntagnachmittag, und das betrachtete er als Sieg.

»Ich habe nie von Sehenswürdigkeiten gesprochen.« Er führte sie an der Fassade des Gebäudes entlang. »Sondern von neuen Bauprojekten.«

Sie runzelte die Stirn und tippte auf die »1938«, die in den Granitstein an der Ecke des Backsteinbaus eingraviert war. »Die Highschool steht schon ewig hier, außerdem hast du an dieser Schule deinen Abschluss gemacht, deshalb nehme ich an, dass du dich hier auch ohne meine Hilfe sehr gut auskennst.«

»Ich sehe viele Veränderungen.« Er zeigte auf die Gebäude rechts und links des ursprünglichen Schulhauses. »Zwei neue Flügel, eine renovierte Turnhalle, ein neues Footballfeld und ein erweiterter Schulhof. Komm schon. Sehen wir es uns an.«

»Willst du für die Mannschaft ein Probespiel absolvieren? Es tut mir schrecklich leid, aber die Chance dazu hast du vor ungefähr zehn Jahren verpasst.«

»Ich würde nicht sagen, dass ich sie verpasst habe. Ich hatte kein Interesse daran, mich mit einer Gruppe verschwitzter Typen zu balgen.« Er streckte die Hand aus und berührte die bewegliche Libelle aus Silber und Kristall, die an ihrem Mantelkragen steckte, wodurch er einen schillernden Flügel zum Flattern brachte. »Ich hatte andere Interessen. Du auch, wenn ich mich recht entsinne.«

Sie trat einen Schritt zurück und kuschelte sich in ihren Mantel. »Man kann durchaus sagen, dass keiner von uns an glorreiche Zeiten zurückdenken kann. Was machen wir hier, Shane?«

Oh, sie hatten glorreiche Zeiten gehabt, und er war überglücklich, sich gewisse Aspekte noch einmal in Erinnerung zu rufen, aber die Verzweiflung in ihrer Stimme sagte ihm, dass es im Moment die bessere Taktik wäre, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. »Jeder städtische Notfallplan umfasst auch die Schulen. Nur wenn ich persönlich die optimalen Fluchtwege ermitteln kann, kann ich auch beurteilen, ob die bestehenden Abläufe adäquat sind.«

Das stimmte alles, aber die Chance, den Ort zu besuchen, an dem sie sich kennengelernt hatten, hatte er in seine Erwägung mit einbezogen. Sosehr sie auch versuchte, die Vergangenheit auszusperren, arbeitete die Nostalgie schlussendlich für ihn. Sie hatten damals viel geteilt, waren voneinander so eingenommen gewesen, in dieser allumfassenden Intensität, die jedes Risiko vernünftig und jede Hürde unbedeutend erscheinen ließ. Selbst wenn ihnen das Leben keinen Strich durch die Rechnung gemacht hätte, wäre der emotionale Flächenbrand bestimmt irgendwann erloschen, aber sie wiederzusehen entfachte die Glut erneut und ließ ihn erkennen, dass er seit sehr langer Zeit nichts Vergleichbares mehr empfunden hatte.

Und das wollte er. Zum einen wegen purer, schlichter Lust, zum anderen wegen der Herausforderung, die Mauer des Widerstands zu durchbrechen, gegen die er gestern kopfüber gedonnert war. Und ja, auch um sich mit der Vergangenheit auszusöhnen und dieses Mal alles ordentlich zu erledigen. Er hörte immer noch seinen früheren Ausbilder – und jetzigen Chef –, der ihm sagte: Junge, sieh sie als diejenige an, die davongekommen ist, und mach weiter.