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Fia ist gerade aus dem Kinderheim in eine eigene Wohnung gezogen und tief in magersüchtigen Gedanken gefangen. Im Laufe des Buches begleiten sie Fia durch ihre Erkenntnisse, wie sie in diese Situation gekommen ist und durch ihre Gedanken und Erlebnisse in dieser Zeit. "Am Ende bleibt das Leben" ist ein mitreißendes Werk durch die Abgründe einer geschundenen Seele und durch die Gedankenwelt einer Magersüchtigen.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Fia Payton
Am Ende bleibt das Leben
Ein Gedankentagebuch
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Träume
Stimmen im Kopf
Abschied
Leben
Verantwortung
Neubeginn
A hard way loving me
I only want you to know: It´s easier dying than living. But that not mean dying is easy
Reisevorbereitungen
Fliegen
Seegedanken und Partygeballer
Hasta luego
Organisatorisches "Ante mortem"
Memories
Liebe
Das Ende vom Ende
Ein Anfang
Flashback
Was habe ich getan?
An ending life and a never ending love story
Vergangenheit
Gegenwart
Zukunft
Epilog - How does someone so perfect
Nachwort der Autorin
Impressum neobooks
Es gibt Tage, da ist der Wunsch danach mich zu zerstören so groß, dass ich kaum atmen kann. Es gibt Tage, da ist Ana in all ihren Facetten so mächtig, dass ich vergesse, wie es ist zu leben. Und es gibt Tage, da bin ich so müde, dass ich nicht weiß, welchen Sinn es hat die Augen zu öffnen.
Das ist mein Leben. Seit vielen Jahren. Seit wie vielen? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht seit fünf Jahren, vielleicht auch schon länger, aber dann habe ich es vergessen. Aber diesen einen Tag vor fünf Jahren werde ich wohl nie vergessen. Im ganzen Leben nicht. Egal wie sehr ich es mir wünsche und egal wie viele andere Tage ich erlebe. Es wird mich immer begleiten und nie loslassen, egal wie tief ich ihn vergrabe.
Erinnerungen. Sie können uns zum Lachen bringen und zum Weinen und zum Zittern, zum Schluchzen, zum Weglaufen und zum Zusammenbrechen. Wenn wir zulassen, dass sie uns beherrschen. Wenn wir zulassen, dass es uns begleitet, wie eine zweite Gestalt. Und die Erinnerung hat viele Gestalten. Viele Namen. Meine - und auch die von vielen anderen - heißt Ana. Meine Beziehung zu ihr schwankt zwischen beste Freundin und schlimmster Alptraum. Denn sie hasst mich. Wenn ich esse. Wenn ich ich bin. Wenn ich mich erinnere. Wenn ich meine Klingen wegwerfe. Wenn ich um Hilfe suche. Und sie legt ihre knochigen Arme um mich und flüstert mir all die tröstenden Worte zu, die ich immer hören wollte, wenn ich mit blutenden Armen auf den Fliesen im Bad knie. Wenn mich die Erinnerungen übermannen. Wenn ich vor Hunger zusammenbreche, weil ich seit drei Tagen nichts gegessen habe. Wenn meine Waage Gewichte unter 50kg anzeigt. So ist das Leben mit Erinnerungen, mit Ana und mit mir.
Aber den Tag muss ich trotzdem bestehen. Müssen wir alle. Egal wo. Egal wer wir sind und was wir erlebt haben. Egal wie wir unseren Tag verbringen. Und wo. Sei es zu Hause, im Bett oder auf Arbeit, im Büro, in der Praxis oder sonst wo. Egal für was wir leben. Familie. Freunde. Arbeit. Liebe. Freiheit. Spaß. Uns. Andere. Durchhalten gilt die Devise. Denn was bleibt uns schon, wenn wir aufgeben? Und abspringen. Frei. Willig. Was bleibt der Welt und den Menschen von uns, wenn wir gehen? Nichts. Wir sind so klein. Ich bin so klein. So winzig in dieser Welt. Und ich bin nicht Mozart, Tschaikowsky oder Bach und auch nicht Kafka, Nitzsche oder Goethe. Ich bin nicht Napoleon, Henry Tudor oder Alexander der Große. Ich habe der Welt nichts zu geben, außer ein paar Worten, von denen ich nicht weiß ob sie Bestand haben.
Was bleibt, wenn nichts mehr bleibt?
Was bleibt, wenn sich alles an dir reibt?
Was bleibt, wenn du alles verlierst?
Was bleibt, wenn du nach dem Tode stierst?
Was bleibt, wenn du niemanden mehr hast?
Was bleibt, wenn du überall bist Gast?
Was bleibt, wenn du nirgendwo geliebt?
Was bleibt, wenn jeder dich schon ausgesiebt?
Was bleibt, wenn du am Rand der Gesellschaft?
Was bleibt, wenn du in Lebens Haft?
Was bleibt, wenn alles vorbei?
Was bleibt, wenn du schon lang nicht mehr dabei?
Was bleibt, das ist die Sehnsucht.
Was bleibt, das ist nach Freiheit sucht.
Was bleibt, ist einfach weiter machen.
Was bleibt, ist einfach trotzdem lachen.
Was bleibt ist meine große Liebe.
Was bleibt, sind meine Herzensdiebe.
Was bleibt, das ist die Welt für mich.
Was bleibt, das ist das Denken an dich.
Was bleibt, das ist was nie mehr geht.
Was bleibt, das ist es lebt was lebt.
Was bleibt, das ist die große Chance.
Was bleibt, das ist der Ausbruch aus Trance.
Denn all das ist jetzt meine Welt.
Denn all das ist es was mich hält.
Denn es ist mein einz´ges Leben.
Und dafür werd ich alles geben.
Ich habe nie gelernt, was es heißt glücklich zu sein. Manchmal vermute ich Glück zu empfinden, da ist es ein leichteres Gefühl im Herzen, da sehe ich Ana nach ein Stück Braten oder Kuchen greifen mit ihren knochigen Armen, da vergesse ich , wie viele Klingen ich neben dem Bett habe. Doch ist das Glück? Und wie lange bleibt es? Was kann ich ihm sagen und wie danke ich einem glücklichen Moment, obwohl ich ihn kaum erkenne.
Alle sagen: "Du hast nur ein Leben und es ist ein Geschenk!". Ja ja. Ist schon klar, Geschenke darf man nicht zerschneiden, verbrennen, versenken oder in den Müll werfen, aber es gibt Geschenke, die man gar nicht haben will. Die man nur angenommen hat, weil man sich der Last, die mit diesem Geschenk zu tragen ist, nicht bewusst war.
Und dann kommen da Menschen, die froh sind am Leben zu sein und sagen: "Wir lieben dich und du musst doch leben! Für uns!". Doch was wissen sie von mir? Nicht das geringste. Denn wie könnt ihr mich lieben, wenn ihr nicht versteht, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche als nach Hause zu können. - In meine Welt. In der man nicht weiß, warum man sich gegenseitig verletzt. In der man nicht weiß, was eine Atombombe ist und wofür man sie braucht. In der Geld nicht alles ist, sondern vielmehr Freiheit und Zuwendung und Liebe. - Wenn ihr nicht versteht, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche als zu sterben und nicht versteht warum. Warum es eine Last ist ich zu sein. Warum es so unerträglich ist zu leben, mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und wenn ihr nicht versteht, dass ihr mich nicht lieben könnt, wenn ich mich ja selbst nicht lieben kann. Dass ich nicht für euch leben kann, wenn ich es ja nicht mal für mich selbst kann.
Und ja, manchmal hab ich ein paar gute Tage, da kann ich alles schaffen. Vielleicht auch eine Woche oder zwei. Aber dann. Dann fängt es wieder an. Dann breche ich wieder auf der Waage zusammen, weil ich 3 Kilo zugenommen habe. Da ziehe ich wieder los, um mir Klingen zu kaufen und da vergesse ich wieder was es heißt zu leben. Glücklich zu sein. Ich sein zu dürfen. Ein Recht auf mich zu haben. Und frei zu sein.
Aber man gewöhnt sich daran. Viel zu leicht und viel zu schnell. Man gewöhnt sich viel zu schnell an den Schmerz und die Kälte, an den Hunger und daran anderen Versprechen zu geben, die man noch nicht mal sich selbst geben kann. Daran verloren zu gehen und wieder aufzutauchen ohne etwas verändert zu haben.
Mit der Zeit habe ich aufgehört den Hunger zu fühlen. Mit der Zeit lagen die Klingen so gewohnt in der Hand wie Stifte. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass ich immer verliere, egal welches Spiel. Mit der Zeit weiß ich, dass ich sterben muss, um lebendig zu sein.
Ich hatte schon begonnen, wieder zu essen. Eine Woche. Sieben Tage. Zehn Tage. Doch dann war das Hungern wieder so anmutig. So still und doch laut genug um zu mir vorzudringen. Ich hatte es geschafft mich nicht zu verletzen. Eine Woche. Sieben Tage. Zwölf Tage. Doch dann hat Ana mir wieder gewispert, dass mir nichts soviel Frieden schenken kann, wie eine scharfe Klinge. Und ich habe verloren. Wieder einmal. Gegen mich selbst. Denn gegen den Rest der Welt. Hatte ich von vorn herein keine Chance. Denn die Regeln des Lebens in dieser Welt, hatte ich sowieso nie verstanden. Mit anderen Zahlen als Gewicht, Kalorien und Kalorienverbrauch, konnte ich eh nie umgehen. Denn ich berechne mich nicht in Euro. Und meine Waage misst mich nicht in Dollar. Und Kalorienverbrauch. kalkulierst du nicht mit Zinsrechnung.
Und ja, das ganze Leben ist ein Spiel. Aber Mädchen wie ich haben ihren Einsatz schon lang verloren. Wann lernt man zu leben? Und wer vergibt das Recht an diesem Spiel teilzunehmen? Wenn nicht wir. Mit all unsern Fehlern. Und Macken. Mit unsrer Vergangenheit und unsrer Gegenwart. Wir allein. Wie alles in unserem Leben. Wir allein entscheiden. Wir allein leben.
Wer vergibt mein Recht zu leben?
Wer vergibt das Recht zu sterben?
Wer kann mir Vergessen geben?
Wer kann das Erinnern werben?
Wer vergibt mir meine Sünden?
Wer begleicht mir meine Fehler?
Wer streicht meine falschen Stunden?
Wer ist des Vergessens Wähler?
Wer heilt meine alten Wunden?
Wer deckt frische Narben ab?Wer gibt Halt in allen Stunden?
Wer hält mich vom Sterben ab?
Wer hält mir jetzt noch meine Hand?gestern, heute, immerdar?
Wer baut ab mein schützend´ Wand?
Wer legt Seelen offen gar?
Wem kann ich vertrauen jetzt,
wenn ich selber mich belüg?
Wem muss ich verzeihen jetzt,
ohne dass ich mich betrüg´?
Antworten auf alle Fragen,
hat kein Mensch auf dieser Welt.
Und doch woll´n wir an allen Tagen
eine Antwort, die uns hält.
Wir müssen sie uns selber geben,
damit wir selber uns versteh´n.
Wir müssen uns erst selbst vergeben,
dann kann es auch bei andern geh´n.
Und ich wünsche mir so sehr, vergeben zu können. Mir selbst allen voran. Und meiner Familie. und so vielen anderen. Aber vergeben mit Wut im Bauch. Kommt Verleugnung ziemlich nahe.
Und ich habe mich zu oft verleugnet. Mich selbst. Und hab doch nie verstanden mit welcher Begründung.
Ich sagte:" Ich weiß, dass er mich liebt, weil er mein Vater ist und das so sein muss." Das steht in der Bibel. Und der blöde Pfarrer in Eisenach hat doch immer gesagt, Gottes Wort ist Gesetz. Aber da steht ja auch du sollst nicht töten. Und ca. 0,8 Morde pro 100.000 Einwohner pro Jahr geschehen allein in Deutschland. Der Unterschied allein: Nicht liebende Eltern bestraft man nicht. Wie auch? Und wegen was? Und wie soll man es beweisen. "Hey, sie haben ihre Tochter jetzt seit 5 Jahren nicht mehr gelobt. Nach Paragraph XYZ des Gesetzbuches ABC steht darauf eine Freiheitsstrafe von 2 Jahren auf Bewährung wegen Unliebe von Kindern.“
Nein, so sind Menschen nicht. Dann bräuchten wir mehr Kinderheime als je gebaut werden könnten, da ich in meiner pessimistischen Weltanschauung jetzt mal behaupte, dass mindestens jede dritte Mutter und jeder zweite Vater seine Kinder nicht - zumindest für Außenstehende, wie zum Beispiel die Kinder erkennbar - liebt oder lieben kann oder lieben will oder was weiß ich. Väter. Konnte ich nie leiden. Also nicht, dass ich kinderlosen Männern mehr vertraue, aber ich komme bei Vätern einfach nie um den Gedanken drum herum mir vorzustellen wir er gerade seinen Sohn/ Tochter schlägt, misshandelt, vergewaltigt oder sonst was antut. Klingt vielleicht pessimistisch. Ist es wahrscheinlich auch. Aber wenn ich behaupte, dass jeder vierte Vater seinen Kindern Gewalt in irgendeiner erdenklichen Weise antut, bin ich wahrscheinlich noch um Meilen realistischer als die Bibel. Und vielleicht sogar optimistischer als die Realität.
Warum lieb ich
wer mich hasst?
Warum schütz ich
wer mein´ Ängste fasst?
Ich bin ein Teil von ihm
und kann’s nicht leugnen
muss daraus meine Schlüsse ziehn
lass mein Verhalten es nicht zeugnen.
Ihn zu hassen
heißt von Unchristlichkeit zu zeugen.
mich ihn lieben zu lassen
heißt meinen Willen ihm zu beugen.
Doch ich will ihm nicht zu Eigen sein
bin doch ein freier Mensch.
Doch ich will nicht dass mein Geist ist sein,
bin doch mein eigner Geist und Mensch.
Doch ich muss auch meiner Pflicht nachkommen,
will doch sein braves Mädchen sein.
Doch ich muss auch allein mit mir auskommen,
will doch für dich besonders sein.
Ich weiß dass ich nicht boshaft handle
wenn ich mich dir nicht überlass.
Ich weiß dass ich im Rechten wandle
wenn dich allein ich wandeln lass.
Denn du hast mir wehgetan,
sei es auch nicht deine Schuld.
Denn damit bin ich allein gefahrn,
und du sagst mir nur hab Geduld.
Ja ich will dein Kleines sein,
immer noch und immerfort.
Doch auch ja meine Haut ist mein,
denn dein Missbrauch war mein Mord.
Ich sage jedem du bist krank,
weil mein Daddy mich doch liebt.
Doch je weiter mein Vertrauen in andre sank,
desto mehr hab ich auch dich geliebt.
Du bist schuld
und ich bin rein.
Ich danke euch für eure Huld
doch dies kann nicht die Wahrheit sein.
Denn Opfer sind wir doch auch all´,
auch wenn viele das nicht sehen.
Betrachte ich den einzelnen Fall
muss ich auch Mitleid hier gestehen.
Er ist mein Daddy und wird’s immer bleiben,
doch auch meine Narben und kann in den Tod mich leiten.
Und ich seine Tochter daran gibt’s nix zu reiben.
doch hab meinen Stolz und meine starken Seiten.
Ich habe gegessen. McDonalds. Mit vielen Kalorien. Und Eis gekauft. Und Fruchtzwerge. Ana hasst mich. Abgrund. Tief. Beinahe kann ich die Bombe in ihren Händen sehen. Die sie mir gerne ins Wohnzimmer werfen möchte.
"Du solltest echt lernen, dir den Finger in den Hals zu stecken um zu kotzen. Dann könntest du wenigstens einen Hauch deiner Perfektion - die du ja sowieso nicht besitzt - wieder herstellen." wirft sie mir mit einem hasserfüllten Blick an den Kopf.
"Fick dich. Was weißt du schon von Perfektion."
"Mehr als du."
"Ach ja? Fangen wir mal mit einem perfekten Leben an. Oder perfektem Glück."
"Glück gibt’s nicht in Perfektion. Zumindest nicht für Menschen wie dich. Und ein perfektes Leben hast du nie geführt. Wirst du auch nie führen."
Und damit hat sie wahrscheinlich sogar Recht. Ich könnte ihr natürlich trotzdem wiedersprechen. Einfach nur aus Prinzip. Denn ich liebe Prinzipien. Aber Ana kennt mich zu gut. Meine Gedanken. Meine Schwächen. Meine Prinzipien. Sie kennt alles von mir. Aber auch sie kann einen starken Moment nicht ungeschehen machen, so gern sie das auch möchte.
Denn sie konnte mich noch nicht dazu bringen einmal gegessenes wieder zu erbrechen. Und ich hoffe sie wird es auch nie schaffen. Denn dann bin ich tiefer gesunken, als ich es jemals tun wollte.
Aber wer kennt schon die Zukunft. Vielleicht Gott, aber der ist meistens unpässlich, wenn ich ihn brauche. Außerdem hat er wahrscheinlich eine Schweigepflicht was Zukünfte angeht. Sonst wäre es ja sinnlos. Stellt euch vor, ihr würdet eure Zukunft kennen. Dann wäre es ja vielleicht gar nicht mehr eure Zukunft, weil ihr dann die Gegenwart so verändern würdet, dass die vorhergesagte Zukunft gar nicht erst entstehen würde.
Und stellt euch vor, alle hätten nur noch Zukünfte die ihnen gefallen. Was wäre das denn für eine Welt. Vermutlich wären wir alle tot, weil irgendwer irgendwas tun würde, was zu seiner Wunschzukunft führt - zum Beispiel eine Welt voller Salafisten oder ein zweiter Hitler an der Macht - und würde vielleicht alle, die ihm im Weg stehen töten und dann würde ein anderer die Zukunft so gestalten, dass die Salafisten oder Hitler oder > hier beliebige Menschengruppe/ Rasse/ Person einfügen < sterben und am Ende wären alle tot.
Ist jetzt nicht so, dass das jetzt irgendwie krank ist. In irgendeiner Weise. Oder psychopathisch. Nein! Natürlich nicht. Ok. Vielleicht bin ich ein bisschen krank. Und auch ein klein wenig psychopathisch. Wegen solchen Weltuntergangsszenariovorstellungen. Ist das ein anerkanntes Wort? Keine Ahnung. Aber was solls.
Ich glaube mich hat auch nie jemand anerkannt. Als Mensch. Aber ich existiere trotzdem. Und zum größten Teil bin ich auch ein Mensch. Behaupte ich jetzt mal. Der andere 1% - ige Teil ist irgendwas zwischen Monster, Alien, Elfe ( einfach nur weil ich Elfen mag ) und irgendwas undefinierbaren. Eben einfach ich. Unanerkannt.
Aber ich werde die Menschen dazu bringen mich anzuerkennen. Als Mensch. Als Respekts- und Autoritätsperson. Ich will, dass irgendwann einmal Menschen tun müssen, was ich sage. Nicht alle natürlich. Das mit dem zweiten Hitler war schließlich nicht auf mich bezogen. Nur ein kleiner Teil. Selbst eine Firma ist vielleicht etwas zu groß gedacht. Aber vielleicht wenigsten eine Abteilung. Oder ein Standort. Ich will irgendwann mal die beschissene Chefin sein, die alle hassen. 100% Hollywood Klischee. 100% Menschenverachtend und herrschsüchtig. 100% perfekt. Perfekt geschminkt, perfekt gekleidet, perfekte Frisur, perfekte Wortwahl und perfekte Figur. Natürlich. Sonst würde Ana ja ausflippen.
Aber nein! Halt! In meiner perfekten Welt hat Ana ja dann nichts mehr zu suchen. Denn wie schon bemerkt hat sie ja keine Ahnung von Perfektion. Dafür aber von Zweifeln, Verzweiflung und Zweifelhaftigkeit. Und dafür ist ja in meiner unzweifelhaften Perfektion dann kein Platz mehr. Genauso wie für alles andere imperfekte an mir. Keine Klingen mehr. Gesundes Essen (das ich dann aber natürlich auch zu mir nehme ). Nie mehr eine unaufgeräumte Wohnung. Nie mehr fettige Haare, verschmiertes Make Up oder nicht strahlend weiße Zähne. Keine Unsicherheiten, Stammler, Verhaspler oder sonst was mehr. Am besten, ich werd ein komplett anderer Mensch, denn wenn ich das alles bin, bin ich sowieso schon soweit von mir entfernt, dass mich wahrscheinlich nicht mal mehr meine Mutter erkennt. Und wo wir gerade dabei sind, wie wärs mit neuen Eltern? Oder halt, nein lieber gar keine Eltern. Und keine Freunde. Und keine Familie.
"Tut mir leid Schatz, ich mach Schluss! Du bist mir einfach zu imperfekt, das passt jetzt nicht mehr zu mir in meine vollkommen perfekte Perfektion."
Oh Gott, für diesen Satz würde ich mich so sehr selbst verabscheuen, dass ich allein dafür vor den Zug springen müsste.
Denn das ist meine neue Lieblingsselbstmordmethode. Denn ich brauche mich ja jetzt nicht mehr um das Seelenheil des Zugfahrers sorgen. Ich bin ja jetzt keine Altenpflegerin mehr. Ich bin ja jetzt nicht mehr sozial. Ich werde, ja jetzt genau so ein Arschlochmensch wie Miranda Priestly in der Teufel trägt Prada. Ohne Privatleben, Freunde und Familie, dafür aber mit mehr Geld, als ich jemals ausgeben kann und genug Macht um jeden zum Wurm zu machen, den ich grad nicht leiden kann. Oder nie leiden konnte. Das könnt ihr euch jetzt aussuchen. Aber bin das wirklich noch ich? Nicht wirklich. Nicht im Geringsten.... Aber egal!
Wer will schon freiwillig ich sein. Der möge mich jetzt bitte anrufen. Ich hab da ein Leben zu verschenken. Kommt schon, ich will nicht mal Geld dafür.... Aber selbst wenn ich noch eine Million Euro dazu bekommen würde, würde ich mein Leben nicht annehmen. Nie wieder. Wozu auch. Wenn Perfektion die andere Möglichkeit ist.
Wer würde schon Macht, Geld und Perfektion (Ja gut und einen Schuss Einsamkeit und den Verzicht auf Freizeit....pffff.... ) eintauschen gegen Ana, regelmäßige Blutbäder, ein Durchschnittsjob mit Durchschnittsgehalt und Durchschnittsfreizeitgestaltung (ist ja gut! Und eine Familie, Freunde und einen Mann an meiner Seite der mich wirklich liebt...tsss....)? Also ich jetzt nicht. Naja vielleicht ein bisschen. Oder nur einen Teil. Den in Klammern. Aber man kann sich eben nicht immer nur die Rosinchen raussuchen. Hat meine Mutter schon immer gesagt. Und das Leben ist kein Ponyhof. Hat sie auch gesagt. Sonst wär ich nämlich das Fillypferdchen mit der beschissenen Swarowskisteinchenkrone. Hab ich gesagt. Natürlich wortlos. Sonst hätte sie mich wahrscheinlich für total bekloppt gehalten. Also noch bekloppter als sie es sowieso schon immer getan hat. Glaube ich. Aber das sag ich jetzt mal einfach so.
Ich bin Pessimist! Ich darf das! Ich bin mir sowieso ziemlich sicher, dass Pessimisten definitiv näher an der Realität sind als Optimisten. Stellt euch doch mal vor, man setzt erst einen Realisten und einen Pessimisten zusammen an einen Tisch und dann einen Realisten und einen Optimisten. Realist und Optimist werden sich im besten Fall nach 15 Minuten ignorieren und mit ihren Blicken vernichten. Im schlimmsten Fall gegenseitig umbringen. Die Chance, dass der Optimist die Meinung des Realisten annimmt ist verschwindend gering, denn ihre Ansichten sind so grundverschieden, dass er es schaffen müsste in 15 Minuten seine komplette Weltanschauung umzukrempeln.
Da hat man beim Pessimisten schon bessere Chancen. Denn der muss sich eigentlich nur davon überzeugen lassen, dass die unausweichliche Zukunft, in der wir uns alle gegenseitig selbstzerstören werden, zwar auch morgen sein kann, aber genauso gut auch erst in 5, 10 oder 20 Jahren. Eigentlich sind sich nämlich beide einig, dass sie das Ende dieser Welt noch miterleben werden, vorausgesetzt dem Fall sie sterben nicht vorzeitig an irgendeiner Seuche, tödlichen Krankheit, Unfall, Mord oder sonst welchen Umwelteinflüssen.
Ja, meine Damen und Herren, das ist die Realität. Vielleicht habe ich Unrecht, aber davon werde ich erst überzeugt sein, wenn ich mit 90 Jahren auf dem Sterbebett liege und wir uns nicht im atomaren Krieg befinden (und ein Atombombenabwurf meinen Sterbeprozess etwas verkürzen könnte).
Ana hebt zweifelnd eine Braue. Das kann sie gut.
"Du wirst niemals perfekt sein, wenn du fett wie eine Tonne durch die Gegend watschelst. Und willst du wirklich 90 Jahre alt werden? Und alt, hässlich und verschrumpelt sein?"
"Also erstens: 49kg nenne ich ja jetzt mal nicht fett wie eine Tonne. Und zweitens: Ja, in meinem perfekten Leben kann ich ganz locker, entspannt und perfekt 90 Jahre alt werden."
"Schätzchen, du wirst niemals perfekt sein! NIEMALS! Und schon gar nicht mit 49kg. Das sind noch mindestens 9kg zu viel. Und du hast bei deinen ganzen Überlegungen auch nicht bedacht, dass du niemals wirst aufhören können dich bluten zu lassen. Und mit Armen und Beinen wie ein Zebra bist du ja wohl kaum perfekt, oder? Eine Miranda Priestley mit zerschnittenen Armen..... Sehr authentisch. Du. Wirst. Niemals. Perfekt. Sein!!!!! Kapier es doch endlich!"
"Und drittens: DU KANNST MICH MAL, DU EKLIGES FETTES VIEH!!!!"
"Sprach die 20kg schwerere von uns..." giftet Ana mit hasserfülltem Blick zurück.
"Ach halt doch den Mund. Ich bin wenigstens gesund!"
Ich hab noch nie in meinem ganzen Leben eine größere Lüge erzählt als diese. Ana schaut mich mit riesigen Augen an. Aller Hass ist verschwunden. Und im selben Moment fangen wir beide an lauthals zu lachen. Und zu lachen. Und zu lachen. Irgendwann hört sie auf. Und ich auch. Ana sieht mich immer noch an.
"Du hättest nichts essen dürfen."
"Ich weiß. Es tut mir leid!"
"Die nächsten drei Tage darfst du nicht essen. Dann wird es dir wieder besser gehen." sagt sie mit liebevoller Stimme.
"Ich weiß. Ich werde nichts essen."
"Dann werden wir beide wieder stolz auf dich sein. Und du musst spazieren gehen. Mindestens eine Stunde am Tag. Jeden Tag. Das tut dir gut."
"Mach ich. Auf jeden Fall. Ana? Hast du mich noch gern?"
"Solange du auf mich hörst und nicht isst und Sport machst."
"Dann hast du mich gern?"
"Ja. Klar!"
"Gut. Dann können wir ja jetzt wieder Freunde sein, oder?"
"Na klar. Wie sagen die Teenies von heute? BFF. Best friends forever. Ich lass dich nie mehr allein, Sophie. Das müsstest du doch mittlerweile verstanden haben."
"Hab ich. Das ist gut. Danke."
Ja! Danke Ana, dass du mein Leben versaust. Danke Ana, dass ich wegen dir niemals perfekt sein werde.
"Gerne. Ich hab dich lieb."
Und willkommen altes Leben. Willkommen Unperfektion. Und tschüss Träume. Aber vielleicht. Vielleicht kann ich ja Ana, perfekt und Miranda Priestley sein (ja ich weiß, die Frau hats mir angetan). Vielleicht kann ich auch mit Ana an meiner Seite meine Träume verwirklichen. Vielleicht ist der Satz: "Ich hasse diese Chefin. Die mit ihrer blöden Herrsch- und Magersucht." gar nicht so abwegig. Vielleicht ändere ich meinen Namen und heiße demnächst Ana Priestley. Dann wäre ich noch nah genug bei Ana um nicht einsam zu sein und trotzdem weit genug von mir entfernt um ich zu sein.
Ich könnte natürlich auch gesund werden und eine normale Karriere und ein normales Umfeld mit Freizeit und Familie haben und ein normales Leben führen. Aber das normale hat mir noch nie gelegen. Gut, mag sein, dass ich dann glücklich wäre, aber den Traum habe ich eh längst begraben. Glücklich zu werden. Und normal. Igitt. Normal. Ekelhaft.
Kennt irgendwer von euch den Moment, in dem man über das gesagte/ geschriebene nachdenkt und sich fragt wie krank/ bescheuert/ psychopatisch man eigentlich sein muss um das auch nur zu denken? Geschweige denn es laut auszusprechen. Das habe ich öfters. Jetzt gerade zum Beispiel. Aber dafür ist es ja mein Buch, nicht wahr. Und dafür ist es die Realität und kein Fantasyroman.
