AM ENDE Frieden - Margit Thürauf - E-Book

AM ENDE Frieden E-Book

Margit Thürauf

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Beschreibung

AM ENDE Frieden Fünf Frauen erzählen über das Leben und das Sterben ihrer Mütter In dieser Anthologie beschreiben verschiedene Autorinnen einfühlsam das Leben und das Sterben der eigenen Mutter und wie sie Frieden mit ihr gefunden haben. Das Buch würdigt auf respektvolle und vielfältige Weise die einzigartigen Persönlichkeiten der Mütter, zeigt aber auch den großen Wandel im Lebensverständnis zweier Generationen auf. Das Thema ist universell und emotional berührend und von daher für eine breite Leserschaft von Interesse. Frauen, die ihre eigene Mutter verloren haben, können ihre Erinnerungen und Gefühle reflektieren. Menschen, die sich mit der Mutter-Tochter-Beziehung im Alter auseinandersetzen oder Angehörige, die verstehen möchten, was in Betroffenen vor sich geht, werden hier fündig. Letztendlich ist dieses Buch für jeden gedacht, der an tiefgründigen und authentischen Geschichten interessiert ist, die den Einfluss einer Mutter auf das Leben um sie herum widerspiegeln. Auch über den Tod hinaus.

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Seitenzahl: 97

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über das Buch

In dieser Anthologie beschreiben verschiedene Autorinnen einfühlsam das Leben und das Sterben der eigenen Mutter und wie sie Frieden mit ihr gefunden haben. Das Buch würdigt auf respektvolle und vielfältige Weise die einzigartigen Persönlichkeiten der Mütter, zeigt aber auch den großen Wandel im Lebensverständnis zweier Generationen auf.

Die Autorinnen

Unter den fünf Autorinnen sind erfahrene Schriftstellerinnen und Frauen, die normalerweise nur für sich schreiben. Was sie alle vereint, sind die klaren Worte, mit denen sie ihre Empfindungen mitteilen können und ihre Bereitschaft, auch diese sehr persönlichen Momente mit anderen zu teilen.

Weitere Informationen über sie und ihre Werke befinden sich am Ende dieses Buches.

AM ENDE

Frieden

Fünf Frauen erzählen über das Leben und das Sterben ihrer Mütter

Anthologie

Impressum

1. Auflage 09/2023

Umschlagfoto von Kien Do auf Unsplash

Umschlaggestaltung: Alle Rechte vorbehalten

© Copyright für Texte und Umschlag:

Liegt bei der Herausgeberin sowie den einzelnen Autorinnen

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Herausgeberin und der Autorinnen

Herausgeberin:

Margit Thürauf

Innere Löwenstraße 6, 96047 Bamberg

[email protected]

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Inhaltsverzeichnis

Ein ehrliches Vorwort

Anne Michel

Sterben ist ein aktiver Akt

Am Abend des Lebens

Irene Hülsermann

Das Vergessen

Hommage an meine Mutter

Ulrike Nikolai

Der Riss

Ein schweres Leben

Die Träne der Liebe

Anneliese Naser

Über Geschmack lässt sich streiten

Die Todesstunde

Margit Thürauf

Eine kleine Frau gibt nicht klein bei

Zwiespältig

Das leere Haus

Anhang

Ich bin nicht tot,

ich tausche nur die Räume,

ich leb' in euch und geh'

durch eure Träume.

Michelangelo

Ein ehrliches Vorwort

Wenn es unvermeidlich ist, sich mit dem Thema Sterben auseinanderzusetzen, einfach weil es im Leben ansteht, dann muss das sehr mitfühlend und einfühlsam geschehen. Manche Menschen meinen ja, darüber sollte man nicht sprechen und diejenigen, die es betrifft, am besten in Ruhe lassen. Doch Aussprechen heilt und hilft.

Jede und jeder geht mit dieser Situation anders um. Bei keinem Thema stimmt dieser Satz mehr als beim Thema Sterben. Es gibt kein Richtig oder Falsch für die Betroffenen, Angehörigen und Freunde. Jeder Mensch handhabt es in seiner Art, tut sein Bestes und gäbe es im Nachhinein etwas zu bedauern, so sollte man sich das verzeihen. In der Situation geschah genau das, was möglich war.

Wer wird dieses Buch lesen? Wohl in den meisten Fällen Betroffene. Allerdings wünschen wir Autorinnen uns auch Interessierte, die es lesen, solange Mütter und Töchter noch leben. Und Söhne und Väter, Ehemänner und Ehefrauen, Geschwister, Freunde, die sich hineinfühlen wollen in die Seelen von Angehörigen. Möge dieses Buch dazu verhelfen, offen auszusprechen, wie man selbst zum Sterben steht. Wissend: Wenn man es dann erlebt, wird es wieder anders sein. Das Sterben ist wie das Geborenwerden: Ein Ereignis, dessen Kraft sich niemand entziehen kann.

Man merkt es den folgenden Texten an, dass die meisten ursprünglich nicht geschrieben worden sind, um veröffentlicht zu werden. Sie sind eine Hommage an die Liebe zur Mutter, beschönigen aber nicht die Probleme, die zwischen Müttern und Töchtern im Alter noch einmal neu aufflackern können.

Gerade Ehrlichkeit kann erschüttern. In dem einen oder anderen Fall mag die persönliche Grenze einer Leserin oder eines Lesers überschritten werden. „Darüber sollte man nicht sprechen!“ Jeder hat da eine andere Grenze, worüber man spricht oder nicht spricht und wie man über das, worüber man nicht sprechen sollte, doch sprechen kann. Oder es sein lässt. Jede Autorin hat das für sich ausgelotet. Alle eint ihre Ehrlichkeit. Aus dieser Ehrlichkeit resultiert die Intensität dieses Buches.

Im Anhang erzählen alle Autorinnen davon, wie ihnen das Schreiben bei der Verarbeitung des Todes ihrer Mutter geholfen hat.

Mögen Sie, liebe Leserin und lieber Leser, sich durch dieses Buch verstanden und darin bestätigt fühlen: Wenn es um entscheidende Dinge im Leben geht, dann sind wir Menschen uns alle sehr ähnlich.

Anne Michel

Nein, ich werde nicht weinen! Nicht jetzt und schon gar nicht vor ihr.

Anne Michel

Anne Michel schaute für diese Anthologie die fünfzehn Jahre früher entstandenen Texte zum Tod ihrer Mutter noch einmal genauer an und bemerkte, dass manche Dinge noch immer nicht ganz abgeschlossen waren.

Sterben ist einaktiver Akt

28. Juli 2007 - ich bin im Urlaub in Spanien

Mein Handy klingelt gegen halb acht Uhr in der Frühe. Ich erkenne die Telefonnummer und fange an zu frösteln, obwohl es doch um diese Uhrzeit schon sehr warm ist.

„Ihr Bruder ist nicht zu erreichen“, tönt es aus dem Hörer. „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Mutter soeben verstorben ist.“

Nun ist es also passiert. Meine schlimmste Befürchtung hat sich bestätigt. Meine Mutter ist verstorben und ich war nicht an ihrer Seite. Ein Gefühlschaos aus Trauer, Schuld, Wut stürzt auf mich ein und ich schwanke wie ein Blatt im Wind. Wieder einmal war ich keine gute Tochter! Immer treffe ich die falschen Entscheidungen!

„Sterben ist ein aktiver Akt.“ Diese Aussage tätigte eine Professorin für Palliativmedizin in einer TV-Sendung. „Menschen sterben, wann und wie sie wollen, nachdem sie dazu bereit sind. Wenn sie all die wichtigen Dinge erledigt und bereinigt haben, was noch zu bereinigen war“, erläuterte sie.

„Sterben ist ein aktiver Akt!“ Diese Aussage lässt mich nicht mehr los. Bilder von früher schießen mir in den Kopf.

Meine Mutter war sehr hart, unbeugsam und ungerecht zu mir. Die Forderungen, die sie an mich stellte, waren hoch und für mich oft nicht nachvollziehbar. Sie erwartete Dinge von mir, die nicht mehr zeitgemäß waren und die ich nicht zu erfüllen vermochte.

„Frauen arbeiten im Haus und die Männer verdienen das Geld“, war ihr Weltbild. Ihr antiquiertes Frauenbild spiegelte sich in ihren Aussagen deutlich wider.

Ich war zu lebhaft, zu wissbegierig, zu sportlich, um das Mädchen nach ihren Vorstellungen zu sein. Und ich interessierte mich für all die Dinge, die der damaligen vorherrschenden Meinung nach ausschließlich den männlichen Mitgliedern der Familie vorbehalten waren.

In die stockkatholische Familienseite meiner Mutter passte ich ohnehin nicht hinein und war dort auch nicht willkommen. Dass ich eine sehr gute Schülerin war, wurde nicht anerkannt, denn gute Noten wurden in Betragen, Schrift und Handarbeit erwartet. Aber damit konnte ich leider nicht dienen.

Ich erinnere mich an eine Szene: Voller Freude mein Zeugnis schwenkend, renne ich in die Küche. „Schau mal Mama, welch ein gutes Zeugnis ich bekommen habe.“

Vom Tisch her tönt es:

„Du dumme Göre, kannst du nicht zuerst guten Tag sagen, wie jeder andere normale Mensch auch?“

Mist, der Alte ist da, denke ich. Der hat mir gerade noch gefehlt!

„Guten Tag Opa“, presse ich hervor.

Meine Mutter putzt die Hände an der Schürze ab. „Gib schon her, damit ich lesen kann, was in dem Zeugnis steht.“

„Du sollst bitte morgen zur Sprechstunde in die Schule kommen“, plappere ich stolz drauf los. „Die Lehrerin möchte mit dir darüber reden, dass ich ab dem nächsten Schuljahr aufs Gymnasium …“ Ich kann den Satz nicht beenden, denn meine Mutter schlägt mir mit voller Wucht rechts und links ins Gesicht und schreit:

„Schämst du dich denn gar nicht? Wie kann sich ein Mädchen mit einer Drei in Schrift und einer Zwei in Betragen nach Hause trauen?“

Ich bin völlig verdattert, reibe mir die Wangen und antworte trotzig: „Ja, ich habe eine Drei in Schrift und ja, meine Betragensnote könnte besser sein. Das ist doch nicht sooo wichtig. Wichtig sind gute Noten in all den anderen Fächern und die sind ausschlaggebend.“

Der Alte steht auf, reißt meiner Mutter das Zeugnis aus der Hand, wirft es auf den Boden und schreit:

„Versündige dich nicht. Lerne erst einmal, wie man Strümpfe stopft und einen Haushalt führt, damit man sich vor deinem zukünftigen Ehemann nicht zu schämen braucht, du dummes Gör.“

Meine Mutter steht daneben. Sagt keinen Ton, unternimmt nichts, um ihm Einhalt zu gebieten, mich zu verteidigen, zu beschützen. So ist es immer, wenn ihr Vater mich beschimpft, bedroht, beleidigt. Sie steht untätig daneben. Tut nichts.

Eine Mutter sollte ihr Kind vor solch einem Ungeheuer beschützen, denke ich nicht zum ersten Mal. Nein, ich werde nicht weinen. Nicht jetzt, nicht vor ihr und schon dreimal nicht vor dem Alten. Manchmal kommt mir in den Sinn, dass sie mich für all ihre Schicksalsschläge und ihre Lebenssituation verantwortlich macht. Kein Laut kommt über meine Lippen. Keine Träne fließt. Stattdessen baue ich weiter an der schützenden Mauer, die ich um mich herum errichtet habe. Sie ist mein Bollwerk, sie gibt mir Halt. Ich kann mich hinter ihr verstecken.

Resignierend habe ich schon lange erkannt, dass ich ihrer Idealvorstellung von einem braven und zurückhaltenden Mädchen niemals gerecht werden kann. Meine Schulhefte sind behaftet mit Eselsohren und Tintenklecksen. Ein paar fliegende Blätter finden sich in meinem Ranzen auch. Aber der Inhalt der Hefte ist ausgezeichnet. Das Letztere zählt bei der Mutter leider nicht, bei mir schon.

„Schäme dich“, schreit sie mich an. „Kein anständiges Mädchen hat solch abscheuliche Schulhefte!“ Immer weiter stochert sie in meinen tiefen Wunden herum und fügt hinzu:

„Meine Schulhefte hättest du sehen sollen. Darin fanden sich keine Eselsohren und keine Tintenkleckse. Obwohl ich nicht so einen teuren, modernen Füllfederhalter hatte wie du. Solch ein Schnickschnack gab es nämlich zu meiner Zeit nicht. Ich hatte in Schönschreiben immer die Note Sehr gut. - Und Fräulein, lasse dir gesagt sein, aufs Gymnasium gehst du nicht! Du nicht! Da kann mich deine Lehrerin noch hundertmal einbestellen und der Rektor noch tausendmal mit einem Stipendiumswisch bei uns aufkreuzen. Ich werde doch wegen dir nicht auf die Gemeinde gehen und um Geld betteln.“

„Das wäre ja auch nochmal schöner, wenn die aufs Gymnasium gehen würde.“ Der Alte klopft meiner Mutter zustimmend auf die Schulter. „Recht hast du! Und lass dich ja nicht von deinem Mann umbabbeln, hörst du?“

Die Mauer um mich herum wird wieder ein großes Stück höher.

Ein Besuch bei ihr im betreuten Wohnen lange Zeit später fällt mir ein. Die Verwaltung ihrer Finanzen und alle Behördendinge hatte sie damals schon an mich abgegeben.

„Weißt du Anne“, spricht sie mich plötzlich und unvermittelt an, „dass es für eine Mutter schwierig und äußerst schmerzhaft ist, ein Kind zu haben, das so war und ist wie du?“

Ich bin schockiert. Mein erster Impuls ist, zu verschwinden. Jetzt reicht es! Soll sie doch ihren Krempel allein regeln oder einen von meinen Brüdern beauftragen, schießt es mir durch den Kopf. Aber wie gelähmt bleibe ich sitzen. Der Automatismus aus der Kindheit funktioniert immer noch. Nein, ich werde nicht weinen! Nicht jetzt und schon gar nicht vor ihr.

„Du warst bereits so früh selbstständig“, dringt ihre Stimme nun wieder zu mir durch. „Seit der Kindergartenzeit wusstest du, wo es lang geht. deine Brüder wissen es manchmal heute noch nicht. Stets gabst du mir das Gefühl, dass du mich nicht brauchst. Und das war sehr bitter für mich.“

„Mama“, bricht es aus mir heraus. „Ich hätte dich gebraucht. Weiß Gott! Und wie ich dich gebraucht hätte. All die Jahre habe ich mir gewünscht, dass du mich in den Arm nimmst, dass du mir sagst, dass du mich liebhast oder dass du stolz auf mich bist. Dass du mir zuhörst, dass du mich verstehst. Aber ich habe nicht gewagt, dich anzusprechen.“

„Ach Kind“, antwortet sie, „warum haben wir nie früher darüber gesprochen? Wieviel Leid wäre uns beiden erspart geblieben. Und Anne, glaube mir, wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, ich hätte völlig anders entschieden. Das musst du mir glauben.“

Die Mauer, die ich um mich herum errichtet habe und die immer noch vorhanden ist, bekam damals die ersten leichten Risse.

Eine neue Szene geht mir durch den Kopf. Es war am 23. Juli 2007. Vor meiner Abreise sitze ich am Krankenbett meiner Mutter und halte ihre Hand. Meine Schwägerin und ich diskutieren darüber, ob ich morgen in Urlaub fahren soll.