NÄHE DURCH WORTE - Margit Thürauf - E-Book

NÄHE DURCH WORTE E-Book

Margit Thürauf

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Beschreibung

In diesem Buch geht es um den unbewussten Einfluss der Väter auf das Leben ihrer Töchter. Es geht um alte Väter, liebevolle Väter, auch um abwesende oder gewalttätige Väter und darüber, wie Töchter in ihren reiferen Jahren dazu stehen. Es geht um den Mut, sich auf die eigene Geschichte einzulassen und und sich dabei selbst neu kennen zu lernen und väterliche Eigenschaften neu in sich zu entdecken und sie anzunehmen. Davon erzählen Anneliese Naser, Margit Thürauf, Heike Pajurek, Dagmar Schulze, Ilona Weinrich, Leonore Michaelis, Helga Thalmeier, Christine Hagelkrüys, Irene Hülsermann, Jörg Hülsermann und Chiara Hülsermann Diese Anthologie mit 176 Seiten und 17 unterschiedlichen Geschichten von zwölf Autoren ist als Taschenbuch als gebundenes Buch und als E-Book erschienen.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2024

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17 Geschichten über Frauen und ihre Väter

NÄHE DURCH WORTE

Anthologie

NÄHE DURCH WORTE

17 Geschichten über Frauen und ihre Väter

Über den unbewussten Einfluss der Väter auf die Partnerwahl oder auf das Berufsleben; über alte, liebevolle, auch über abwesende Väter und darüber, wie Töchter heute dazu stehen. Über den Mut, sich auf die eigene Geschichte einzulassen und sich dabei selbst neu kennenzulernen und neue väterliche Eigenschaften in sich zu entdecken und sie anzunehmen - davon erzählen Anneliese Naser, Margit Thürauf, Heike Pajurek, Dagmar Schulze, Ilona Weinrich, Leonore Michaelis, Helga Thalmeier, Christine Hagelkrüys, Irene Hülsermann, Jörg Hülsermann und Chiara Hülsermann

EPubli, 176 Seiten, 12 Euro

Nähe

durch Worte

17 Geschichten über Frauen und ihre Väter

Anthologie

Impressum

Texte: © 2024 Copyright bei den Autoren

Umschlagfoto: Danke an die Künstlerin Hanna Eigner

Verantwortlich für den Inhalt:

Margit Thürauf, Innere Löwenstraße 6, 96047 Bamberg

E-Mail: [email protected]

Druck: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

Nachdruck – auch auszugsweise – nur mit schriftlicher Genehmigung der Autoren erlaubt.

Eine Anthologie vereint verschiedene Sichtweisen auf ein Thema in einem Buch. Das bedeutet nicht, dass jede Autorin und jeder Autor diese Sichtweise teilt. Gerade im gleichberechtigten Miteinander unterschiedlicher Standpunkte liegt eine Stärke von Anthologien. Ein unkommentiertes nebeneinander Bestehen lassen unterschiedlicher Meinungen ist gerade in der heutigen Zeit bedeutsam geworden. 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

DR und ihr Vater Jean

Unfassbar

Anneliese und ihr Vater Willy

Eine komplizierte Beziehung

Mein Berufsweg

Margit und ihr Vater Kilian

Ein Löwenrudel

Mein Vater hat sich umgebracht

Heike und ihr Vater Kilian

Außergewöhnlich lebensmutig

Zwei Mal die Unendlichkeit

Dagmar und ihr Vater Helmut

Der schöne Helmut

Ilona und ihr Vater Ernst-Ludwig

Niedere Schwingungen

Leonore und ihr Vater Arwed

Der Nachlass

Die Tochter ihres Vaters

Helga und ihr Vater Florian

Papa-Opa

Christine und ihr Vater Stefan

Ein Mann wie ein Baum

Irene und ihr Vater Andreas

Kriegsgefangenschaft in Italien

Familie Hülsermann und der abwesende Vater

Es gibt ihn doch!

Der Vater schreibt

Die Tochter schreibt

Schlusswort

Danke

Mitwirkende

Hinter jeder starken Frau steht ein Vater. Er muss nicht stark gewesen sein.

Vorwort

Welchen Einfluss hatte mein Vater auf mein Leben? Dieser Frage spürten elf Frauen nach. Sie berichten von prägenden Momenten und reflektieren, wie die Beziehung zum Vater ihr Leben beeinflusst hat.

Die vielfältigen Perspektiven der Erzählungen machen dieses Buch zu etwas Besonderem. Die Ehrlichkeit, das ungeschminkte Erzählen, die Liebe, die spürbar ist, trotz zuweilen schwierigster Verhältnisse – all dies lässt manchmal den Atem stocken. In seiner Dichte zeigt diese Anthologie ein umfassendes Porträt der Vätergeneration des 20. Jahrhunderts. Sie war von den Erlebnissen der Männer in den Kriegen geprägt. Erst als in mehreren Erzählungen immer wieder vergleichbare väterliche Verhaltensweisen auftauchten, wurde für die Autorinnen erkennbar, wie die Kriegserfahrung der Väter ihr eigenes Leben beeinflusst hat. Trotzdem ging jede Familie anders damit um.

In den folgenden Kurzgeschichten werden Eigenschaften und Verhaltensweisen aus verschiedenen Kulturen und Gesellschaftsschichten beleuchtet. Bei aller Verschiedenheit drängen sich gemeinsame Nenner auf. Umgekehrt gibt es dann innerhalb einer Familie unterschiedliche Sichtweisen auf den Vater. Dies wird durch die Erzählung von zwei Schwestern deutlich.

Zum Abschluss erzählt eine Familie der nachfolgenden Generation: Mutter, Vater und erwachsene Tochter berichten darüber, welchen ungeahnten Einfluss die häufige Abwesenheit des Vaters auf ihre Familie hatte und wie sie damit umgegangen sind.

Gerade wenn es um zwischenmenschliche Themen geht, kann man durch authentische Geschichten in kurzer Zeit mehr erfahren als mit theoretischen Abhandlungen.

Es ist wohl unvermeidlich, dass sich auch Menschen, die sich lieben, Verletzungen zufügen. Durch das Erzählen wird das, was war, immer unwichtiger und wichtiger wird, was man daraus gemacht hat.

Denn es geht beim Reflektieren nie um Schuldzuweisungen. Vielmehr geht es um wachsendes liebevolles Verständnis füreinander. Wir dürfen unsere Eltern nicht mit dem Wissen von heute kritisieren. Auch Väter können schwach sein. Auch Töchter dürfen stark sein. Und es darf im Leben Zeiten geben, in denen man sich stark fühlt und andere, in denen man schwach ist. Das ist eine natürliche Lebensbewegung. Eines geht aus allen Erzählungen in diesem Buch hervor. Unabhängig, ob die Kindheit schwer oder leicht war, entscheidend ist, ob man seinen Frieden damit findet.

Und ist man dann mit ererbten und ungeliebten Eigenschaften im Frieden, geschieht etwas Besonderes: Es öffnen sich neue Türen zu vorher ungelebten Lebensmöglichkeiten. Vieles liegt in unseren Genen, damit es nie vergessen werden kann.

Solche Zusammenhänge werden oft erst in späteren Jahren in vollem Umfang bewusst. Vielleicht meldet sich der Wunsch, sich mit den geliebten und auch ungeliebten Eigenschaften des eigenen Vaters auseinanderzusetzen gerade deshalb, weil manche Talente bisher keinen Ausdruck im eigenen Leben finden konnten?

Dies mag ein unbewusstes Motiv für die Autorinnen gewesen sein, sich auch in reiferen Jahren noch einmal mit dem Vater-Thema zu beschäftigen. Sie kommen aus unterschiedlichen Regionen und gesellschaftlichen Gruppen, das macht die Vielfalt der Betrachtungen zu einem großen Schatz. Einige kennen sich von einem Schreibforum und tauschen ihre Texte untereinander aus. So entstand die Idee, diese Anthologie über Väter-Töchter-Beziehungen herauszubringen. Weitere schreibbegeisterte Frauen gesellten sich hinzu.

Alle Beiträge sind authentisch und von Herzen mitempfunden und teilweise mit einem zwinkernden Auge verfasst. Die Texte lassen ein Bild entstehen von den Menschen in den Geschichten, ihren Gedanken, Gefühlen und ihrer Einstellung. Sie lassen auch ein Bild entstehen von dem Menschen, der schreibt. All dies vermittelt sich zwischen den Zeilen. Es sind nicht die geglätteten Ausdrucksweisen der Schulaufsätze, die Betroffenheit auslösen. Vielmehr ist es eine Erzählweise, als würde ein Autor wie bei einer zufälligen Begegnung neben mir sitzen und ich höre zu. In solchen Situationen tritt das kritische Auge zurück; das freundliche Ohr interessiert sich für Verwandlungen und was wir in dem Erzählten für uns selbst entdecken. Solche Lesemomente entführen uns in eine andere Welt und lassen uns zugleich unser eigenes Leben neu betrachten. Magische Momente, in denen die Zeit stillsteht, entstehen.

Mögen diese Geschichten innige Nähe zum eigenen Vater ermöglichen – ob persönlich oder wenigstens auf geistiger Ebene. Wie drückt es eine der Autorinnen am Ende ihrer Betrachtung aus: „Eine seltene Nähe – auf Papier, aus Worten.“

Nähe und Distanz sind zwei Emotionen, die immer wieder zur Sprache kommen. Genauso wie der Satz „Ich bin stolz auf dich“. Ausgesprochen ist dieser Satz in zwei Richtungen heilsam:

„Ich bin stolz auf dich, meine liebe Tochter!“

„Ich bin stolz auf dich, mein lieber Vater!“

Margit Thürauf, Herausgeberin, Januar 2024

DR und ihr Vater Jean

Geb. 1934

DR ist Ärztin und lebt in der Schweiz. Mit Mitte Fünfzig möchte sie sich den langgehegten Lebenstraum erfüllen und eine Praxis eröffnen, um Schul- und Komplementärmedizin miteinander zu verbinden. Kurz vor der Entscheidung hält sie etwas massiv zurück. Da fällt ihr ein, dass ihr selbstständiger Vater mit sechzig Jahren Konkurs anmelden musste. Über die Beziehung zu ihrem Vater hatte sie sich bis dahin nie Gedanken gemacht. Nun war es an der Zeit, das nachzuholen.

Unfassbar

Ich denke an meinen Vater und empfinde viel Ruhe. Stilles Leiden? Kann sich nicht mitteilen. Ist zufrieden, klagt nie. Empfindet er Trauer? Ich weiss1 es nicht. Er ist nicht fassbar. Ist in sich gekehrt. Seine Witze überspielen seine Tiefgründigkeit, die er wohl selbst nicht erkennt. Ich weiss nicht, wer er ist. Er ist klein in der Statur. Innerlich erscheint er stark, weil er negative Erfahrungen ohne Emotionen «erträgt» oder besser gesagt «trägt». Ich möchte ihm Gutes tun. Das schaffe ich aber nicht. Ich kann ihn auch mit meinen Leistungen nicht beeindrucken. Er bleibt einfach. Zeigt keine Emotionen. Ich dringe nicht zu ihm durch. Er ist wie in seiner eigenen Welt. Meine Mutter regelt für ihn die Familie. Er macht mit. Ich weiss nicht, ob er mich sieht. Er kümmert sich nicht aktiv. Er ist. Ich bin seine Tochter, aber das spüre ich nicht. Ich vermisse seine Anteilnahme an meinem Leben. Er getraut sich nicht, sich in Gegenwart der Mutter mir zuzuwenden, wenn die Mutter gegen mich ist. Er nimmt für mich keine Position ein. Er ist. Ich kann ihn nicht um einen Rat fragen – er hat keine Meinung. Es ist wie es ist, scheint sein Lebensmotto zu sein. Ein stiller Arbeiter. Im Dienste der Familie – einer Familie, die er aber gar nicht wirklich wahrnimmt. Was nimmt er wahr?

Er sagt öfters zu mir, wenn ich abwasche: Kannst du das? Eher im Sinne von: Du bist Ärztin und kannst auch abwaschen? Vielleicht seine Art, mir zu zeigen, dass er stolz auf mich ist? Ich weiss es nicht. Es ist ihm nicht egal, ob ich glücklich oder traurig bin – aber er zeigt kein Mitgefühl. Er nimmt wahr. Ohne Emotion. Es ist, wie es ist. Sein Glas ist halb voll. Er ist ein Optimist. Das kommt schon. Er liebt Routine. Geht immer die gleichen Wege. Er wirkt nie gelangweilt. Kann auch einfach dasitzen. Lesen tut er nicht. Musik mag er. Ist talentiert, kauft sich eine Panflöte, die er dann aber nicht spielt. Bildnerische Kunst sagt ihm nicht viel. Gefällt oder gefällt nicht. Er mag es, auswärts essen zu gehen. Er gönnt sich gerne was. Zum Beispiel kauft er sich einen Lacoste (Marke!) Pullover. Die Mutter findet das unnötig, zu teuer. Es kümmert ihn nicht: Kauft ihn und legt den Pullover im Schrank ganz nach hinten, bis er ihn anzieht. Er kauft sich einen Mercedes als Zweitauto – ein Auto für Samstag/Sonntag. Meine Mutter ist dagegen – unnötig. Sie meckert rum. Er nimmt ihr die Autoschlüssel weg vom Mercedes, damit sie ihn nicht fahren kann. Es lässt ihn kalt.

Er neckt gerne mich und auch die Enkelin. Ein liebes Necken. Die Reaktionen, die er dabei bei den anderen auslöst, amüsieren ihn.

Wenn wir von der Schule nach Hause kamen, warfen wir den Schulthek im Wohnraum auf einen grossen Stuhl. Wenn er danach nach Hause kam, nahm er die Theke und warf sie uns ins Zimmer aufs Bett. Ohne Aggression. Einfach, um Ordnung zu schaffen. Er mag Ordnung. Ist selbst sehr ordentlich, sehr gepflegt. Mag es gar nicht, wenn man ihm seine Haare berührt. Berührungen vermeidet er. Schön zu sein ist ihm wichtig. Ruht er in sich? Eigentlich schon.

Nach dem Konkurs hat er gelitten. Wenn er darüber erzählt, ist das sehr sachlich. Ich spüre weder Wut noch Trauer. Es ist wie es ist. Er lebt sein Leben – ohne emotional erkennbare Höhen und Tiefen. Er lebt. Es ist wie es ist.

Wirkt er männlich? Nicht bezüglich Körpergrösse, nicht bezüglich Verhalten. Oder doch? Er mag Prestige-Objekte: Mercedes, Uhren, Markenpullover. Diskutieren tut er nicht. Er macht nur Sprüche. Er fragt, hört aber nicht wirklich zu. Er macht banale Aussagen. Ein längeres Gespräch kann er nicht aktiv mitmachen. Er liebt die Natur. Hat das Auge für Kleinigkeiten: findet immer wieder schöne Steine (Versteinerungen), Wurzeln oder anderes. In der Natur und im Gehen ist er bei sich. Schweigend. Er könnte ein Mönch sein.

Nach dem Konkurs meinte er: Wenn er nichts mehr hat, geht er ins Kloster und schnitzt Holzfiguren. Er ist genügsam. Beklagt sich nie. Habe ihn nie wütend, verärgert gesehen; auch nicht glücklich-frohlockend. Ist er ein Autist/Asperger?

Was ist das Männliche in ihm? Die Ruhe. Gelassenheit. Was vermisse ich: seine Anteilnahme. Sein Gefühl. Er liebt auf seine Weise … (ich muss weinen). Er ist hilfsbereit. Er klagt nie. Ich bin angenommen, ich bin seine Tochter, ich spüre ihn, aber er spürt mich nicht. Er kann nicht anders. Er ist gefangen in sich. Er liebt mich, aber er weiss nicht, wer ich bin. Wer ist er? Ein Schatten. Ein Geist. Ein Mensch, dessen Seele sich nicht exprimieren kann. Gefangen. Gefangen. Geduldig wartet er auf Befreiung. Ohne zu klagen. Zeit spielt keine Rolle. Es wird werden. Keine Intentionen. Einfach vorwegnehmen. Die Seele ist in seinem Körper wie eingesperrt – er kann nicht aus sich raus; sie (die Seele) kann/will nicht in Erscheinung treten. Kann er fühlen? Was hält ihn zurück? Wollte ich ihn stützen? Ich schaue ihn an und ich erkenne das Besondere in ihm. Eine Fülle von Güte. Ob er sich selbst spürt? Ich spüre sein inneres Wesen, kann es aber nicht befreien. Es ist unfassbar.

Tränen der Erleichterung fließen nach dem Schreiben.

Danach frage ich mich: Was hat mir dieses Reflektieren über meinen Vater gebracht? Es wurde für mich erst später in einem Gespräch darüber erkennbar: Ich habe gelernt, Menschen zu fühlen und in einem Gespräch die Zwischentöne zu erkennen. Seine Unnahbarkeit und Unerfahrbarkeit haben meine Sinne geschärft, weil ich seine Reaktionen einordnen, verstehen und fühlen wollte/musste.

Ich versuche noch heute in der Begegnung mit meinem Vater seinen Wesenskern zu erfassen. Ich möchte ihn emotional deutlicher wahrnehmen können. Und ich wünschte mir, dass er mich emotional wahrnehmen könnte. Ich möchte von ihm gesehen werden. Nicht in der Rolle als Tochter, Frau oder als Ärztin, sondern als seelisches Wesen.

Er liebt mich, irgendwie. Aber den Kontakt zu seiner Seele kriege ich nicht. Und weil ich das immer so gesucht habe, habe ich mich wohl mit dem „Es“, der Seele, so auseinandergesetzt. Das hat mich dazu gebracht, dass ich „es“ bei Menschen finde. Mein Blick wurde in der Kindheit dafür geschult und geschärft.

Beim Vater wünschte ich mir, dass er seine Seele mit mir teilt. Das hätte mich als Kind genährt. Materiell hat es nie an etwas gefehlt. Von der Grossmutter durfte ich bedingungslose Annahme erfahren. Ein Geschenk von unschätzbarem Wert. Heute wird mir klar: Man nährt sich geistig-seelisch gegenseitig. Als soziale Wesen brauchen wir die lebendige Interaktion miteinander, um uns selbst erfahren und erleben zu können.

In diesem Sinne bedeutet der Schritt in die Selbstständigkeit keineswegs, sich zu isolieren und den Kontakt zu anderen Menschen zu verlieren. Vielmehr geht es darum, neue Begegnungen zu schaffen, zu reflektieren und sich weiterzuentwickeln. Die Angst vor der Selbstständigkeit war nicht die Angst vor dem Scheitern, sondern die Angst, in der Selbstständigkeit wie mein Vater isoliert leben zu müssen.

© Nov. 2023

Diese Geschichte hat sich genau so zugetragen. Der Name der Autorin wurde aus Gründen des Respekts vor der Familie anonymisiert.

Anneliese und ihr Vater Willy

1918 – 1994

Ihr Vater hatte zu ihr gesagt: „Du wirst einmal Klofrau. Und auch da wirst du die Kloschüssel kaputtschlagen.“

Sie ist Medizinische Fachangestellte geworden, Heilpraktikerin, Familientherapeutin, Gesundheitsberaterin, Homöopathin.

An ihrem 70. Geburtstag schaut sie zurück und entdeckt: Ihr Vater hat ihr auch viel Gutes mitgegeben.

Eine komplizierte Beziehung

Die Geschichte meines Vaters und mir begann damit, dass er einen anderen Namen für mich am Standesamt eintragen ließ, als mit seiner Frau ausgemacht war. Während meine Mutter und ich uns von den Strapazen der Geburt erholten, entschied mein Vater willkürlich, dass ich „Anneliese“ heißen soll, nicht Doris oder Annette, wie es meiner Mutter gefallen hätte. Dass diese eigenmächtige Namensgebung eine fatale Wirkung auf mein Leben haben würde, konnte ich damals nicht wissen. Meine Mutter konnte meinen Namen nie richtig aussprechen, sie nannte mich „Kind“ oder „Annalieas“. Den Grund dafür erfuhr ich erst, als ich 33 Jahre alt war. Mein Vater hatte während des Krieges ein Verhältnis mit einer anderen Frau und aus dieser Verbindung gab es ebenfalls eine Tochter namens Anneliese. Meine Mutter wusste das. Was er damit bezweckte, mich genauso zu nennen, ist mir bis heute nicht verständlich. Er lud mir damit eine Bürde auf, an der ich heute noch trage. Sie ist inzwischen leichter geworden.

Das Verhältnis zu meinem Vater war lebenslänglich ambivalent. Als Kind war er mein Held: Nur er konnte mich trösten, nur er durfte mich verarzten, wenn ich mich verletzt hatte. Als ich älter wurde, merkte ich, dass er nicht nur der liebenswerte Vater war, für den ich ihn bis dahin gehalten hatte. Er konnte unglaublich wütend werden, was ich nie verstehen konnte.

Wenn er sich seiner Wut hingab, war es besser, unsichtbar zu sein. Sein Zorn machte vor niemandem halt. Wer ihm gerade über den Weg lief oder seiner Meinung nach etwas falsch gemacht hatte, bekam die volle Wucht ab. Er war nicht zimperlich und konnte massive verbale und körperliche Verletzungen zufügen. Das Schlimmste für mich war, wenn ich zusehen musste, wie meine ältere Schwester von ihm verprügelt wurde. „Damit du weißt, was auf dich zukommt, wenn du dich falsch verhältst.“ Was seinen Jähzorn auslöste, weiß ich bis heute nicht.

Dabei war er ein einfühlsamer und talentierter Musiker. Er verstärkte den Posaunenchor mit seiner Trompete und war Bandleader einer kleinen Combo mit Sängerin, die am Wochenende Tanzmusik spielte. Außerdem leitete er die Musikkapelle einer international bekannten Firma.

Stets war er auf der Suche nach Nachwuchsmusikern. Deshalb bildete er mit sehr viel Geduld Jugendliche in Klarinette und Trompete aus. Ein krasser Gegensatz zu meiner Musikerziehung. Mit ungefähr sechs Jahren lehrte er mich das Notenlesen und Flöte spielen. Das war für uns beide nicht schön. Für meinen Vater, weil er seine „unmusikalische“ Tochter unterrichtete und für mich, weil ich pro Fehler eine Ohrfeige bekam. Noch heute merke ich, dass ich die Schultern hochziehe, wenn ich mich beim Klavierüben verspiele.