An das Leid gewöhnt man sich nie - Pietro Bartolo - E-Book

An das Leid gewöhnt man sich nie E-Book

Pietro Bartolo

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Beschreibung

Lampedusa ist der Schauplatz einer der großen menschlichen Katastrophen unserer Zeit. Und Pietro Bartolo ist zum heldenhaften Symbol der Insel geworden. Dies ist die bewegende und aufrüttelnde Geschichte eines Arztes, dessen Menschlichkeit ein Vorbild ist – für uns alle.
Seit mehr als 25 Jahren ist er für sie da. Pietro Bartolo ist der Erste, der den Migranten auf europäischem Boden begegnet. Er versorgt sie, kümmert sich um sie, stärkt sie. Aber das Wichtigste: Er hört ihnen zu. Es sind Leidensgeschichten und Geschichten der Hoffnung, Erzählungen von Verlust und unendlichem Schmerz. Bartolo bekommt aber auch die unermessliche Erleichterung derer zu spüren, die es auf die sizilianische Insel geschafft haben und nun zögernd-hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. In seinem Memoir verwebt Bartolo all diese Geschichten mit seiner eigenen: Aufgewachsen als Sohn einer armen Fischerfamilie, musste auch er einen langen und harten Weg beschreiten. Heute kämpft er voller Wut und Verständnislosigkeit, aber auch mit Nächstenliebe und Solidarität dafür, dass es den Geflüchteten nach ihrer Ankunft besser geht. Ein großes Beispiel an Mut und Zivilcourage. Und ein Beispiel dafür, wie verflucht selbstverständlich Menschlichkeit sein kann.

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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Seit mehr als 25 Jahren ist er für sie da. Pietro Bartolo ist der Erste, der den Migranten auf europäischem Boden begegnet. Er versorgt sie, kümmert sich um sie, stärkt sie. Aber das Wichtigste: Er hört ihnen zu. Es sind Leidensgeschichten und Geschichten der Hoffnung, Erzählungen von Verlust und unendlichem Schmerz. Bartolo bekommt aber auch die unermessliche Erleichterung derer zu spüren, die es auf die italienische Insel geschafft haben und nun zögernd-hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. In seinem Memoir verwebt Bartolo all diese Geschichten mit seiner eigenen: Aufgewachsen als Sohn einer armen Fischerfamilie, musste auch er einen langen und harten Weg beschreiten. Heute kämpft er voller Wut und Fassungslosigkeit, aber auch mit Nächstenliebe und Solidarität dafür, dass es den Geflüchteten nach ihrer Ankunft besser geht. Ein großes Beispiel an Mut und Zivilcourage. Und ein Beispiel dafür, wie verflucht selbstverständlich Menschlichkeit sein kann.

Pietro Bartolo ist auf Lampedusa geboren. Seit 1991 leitet er die Poliklinik der Insel. Für seine Bemühungen im Rahmen der Migration ist er u.a. mit dem deutsch-französischen Menschenrechtspreis ausgezeichnet worden. Er ist eine der Hauptfiguren in dem Oscar-nominierten Dokumentarfilm Seefeuer von Gianfranco Rosi.

Lidia Tilotta ist Journalistin und arbeitet für den italienischen TV-Sender Rai. Sie hat zahlreiche Beiträge über die Lage der Geflüchteten in Lampedusa produziert. Zudem arbeitet sie für die Sendung »Mediterraneo«, für die sie aus verschiedenen Ländern berichtet. Tilotta lebt in Palermo.

Barbara Kleiner studierte Komparatistik und übersetzt aus dem Italienischen und Französischen. Sie übertrug u.a. Italo Calvino, Umberto Eco und Primo Levi ins Deutsche und erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter 2011 den Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis.

Pietro Bartolo · Lidia Tilotta

AN DAS LEIDGEWÖHNT MAN SICH NIE

Salztränen.Mein Leben als Arzt auf Lampedusa

In Zusammenarbeit mitGiacomo Bartolo

Aus dem Italienischen vonBarbara Kleiner

Suhrkamp

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel

Lacrime di sale. La mia storia quotidiana di medico di Lampedusafra dolore e speranza

bei Mondadori Libri S.p.A., Milano.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2017

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 4800.

© Suhrkamp Verlag Berlin 2017

© 2016 Mondadori Libri S.p.A., Milano.

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Umschlagabbildung: © Francesco Zizola / NOOR Images

Umschlag: Rothfos & Gabler, Hamburg

eISBN 978-3-518-75133-6

www.suhrkamp.de

Unseren Vätern

Giacomo und Gaspare.

Unseren Müttern

Grazia und Nuccia.

Den Müttern und Vätern, den Söhnen

und Töchtern, die nur

einen Platz suchen, wo sie

leben und wachsen können.

Inhalt

›Mare nostrum‹

Ein roter Schuh

Daran gewöhnt man sich nicht

Wunden der Seele

Die Weisheit des kleinen Anuar

Ein Los als Schicksal

Eine endgültige Wahl

Stolz auf das Erreichte

Rückkehr nach Lampedusa

Was ein Bürgermeister versteht, nicht aber die »Großen« dieser Erde

»Das hast du davon«

Omar, der nie stillhält

Die Grausamkeit des Menschen

Der Duft von Zuhause

Der Bootsfriedhof

Die Großzügigkeit der Wellen

Ein Tourist außerhalb der Saison

Das schönste Geschenk

Arme von Riesen

»Anständige« Leute

Das Problem ist der Mensch, nicht Gott

»Unkraut verdirbt nicht«

Favour mit den großen Augen

Frauen unterwegs

3. Oktober 2013

Kinder desselben Meeres

Danksagung

Zitatnachweis

›Mare nostrum‹

Das Wasser ist eiskalt. Die Kälte dringt bis auf die Knochen. Ich bekomme das Wasser nicht aus dem Beiboot. Ich haste von einer Stelle zur anderen, aber alle Versuche sind vergeblich. Ich setze meine ganze Kraft und Geschicklichkeit ein, das Boot jedoch bleibt voll. Und ich stürze.

Plötzlich. Ohne es zu merken. Ich habe Angst. Es ist mitten in der Nacht, und es ist kalt. Im Übermut meiner sechzehn Jahre habe ich die Gefahr nicht bedacht. Ich durfte nicht ins Wasser fallen. Ich habe das Gefühl, ich sterbe.

Auf dem Boot schlafen sie, und der am Steuerrad scheint gar nicht bemerkt zu haben, dass im Beiboot niemand mehr ist. Ich habe Angst. Wir sind vierzig Meilen von Lampedusa entfernt, wenn ich mich nicht gleich bemerkbar machen kann, lassen sie mich hier, und das ist das Ende. Sie werden erst merken, dass sie mich verloren haben, wenn sie im Hafen ankommen. Ich will so nicht sterben. Nicht mit sechzehn Jahren.

Panik überkommt mich, und ich fange an, aus Leibeskräften zu schreien, versuche, mich über Wasser zu halten und mich nicht von diesem Meer verschlingen zu lassen, das uns zu überleben erlaubt, aber sich auch in ein grausames, erbarmungsloses Ungeheuer verwandeln und uns für immer vernichten kann. »Papa«, rufe ich in wachsender Angst. »Papa«, schreie ich noch einmal. Der am Steuer hört mich nicht. Das Ende rückt näher, denke ich, aber ich schreie weiter. Dann geschieht etwas. Er sieht sich um und bemerkt mich, bemerkt meine ausgestreckten Arme, meine vom Weinen erstickte Stimme, und er wendet, um mich zu holen.

Er ruft und weckt die anderen. Zunehmende Aufregung an Bord der Kennedy. Es herrscht starker Seegang, und es ist nicht leicht, mich aus dem Wasser zu ziehen, doch schließlich gelingt es. Ich bin gerettet. Mir ist kalt, mir ist übel, ich erbreche Salzwasser. Ich weine wie ein verzweifeltes Kind. Mein Vater schließt mich fest in die Arme, wärmt mich, so gut er kann. Wir kehren mit einem leeren Boot nach Hause zurück, aus dem Fischfang wurde nichts, aber ein Leben wurde gerettet. Meines.

In unserer bescheidenen Fischerhütte bin ich tagelang stumm. Ich, der ich nie still war, der ich nie ruhig sitzen konnte, bin jetzt regungslos. Und aus meinem Mund kommt kein einziger Laut. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich verstanden, was es heißt, dem Tod ins Gesicht zu schauen. Nicht wissen konnte ich hingegen, dass diese Nacht sich nicht nur für immer meinem Bewusstsein einprägen würde, sondern dass mein ganzes Leben von einem Meer bestimmt sein würde, das Leichen und Leben ausspuckt, und dass es ausgerechnet an mir sein würde, diese Leben zu retten und diese leblosen Körper als Letzter zu berühren. Dass ich jedes Mal, wenn ich auf der Mole einen Mann untersuche, eine Frau oder ein bis auf die Knochen durchnässtes, verängstigtes Kind, an diese Momente zurückdenken würde.

Ab und zu wird der Albtraum jener Nacht wieder lebendig, doch seit über fünfundzwanzig Jahren treten zu diesem Albtraum, dieser fürchterlichen Erinnerung andere hinzu, noch verheerendere, und es werden, so fürchte ich, noch weitere hinzutreten.

Eine warme Mahlzeit zuzubereiten, bevor man die lange Überfahrt antrat. Das hatten Amina und die anderen Frauen versucht, indem sie die Gasflasche durch ein Wasserrohr mit einem improvisierten Kocher verbanden. Die Flammen hatten sofort um sich gegriffen. Verbrennungen auf neunzig Prozent der Haut. Eine entsetzliche Szene. Doch die libyschen Bootsführer kannten kein Erbarmen. Mit Gewalt verfrachteten sie sie auf ein Schlauchboot, und unter diesen Bedingungen, mit stechenden Schmerzen, drifteten sie auf dem Meer, bis die Finanzpolizei zu ihrer Rettung kam.

Die Helfer wussten gar nicht, wie sie die Frauen anfassen sollten, wie sie sie an Bord des Patrouillenbootes hieven sollten, ohne ihnen noch mehr Schmerzen zuzufügen. Doch von ihnen keine Klage, kein Schrei oder Weinen. Auch nicht, als die Militärs sie in diesem Zustand auf der Mole absetzten.

Es war unfasslich. Ich hatte eine schreckliche Szene vor Augen. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Noch eine Herausforderung. Denn bei jeder neuen Bootslandung weißt du nicht, was dich erwartet. Weißt du nicht, welche von den Fachausbildungen, die du nicht hast, du anwenden solltest.

Sie waren dreiundzwanzig an der Zahl. Eine, ein neunzehnjähriges Mädchen, hatte nicht überlebt. Die Kleinste war zwei und vollständig verbrannt. Ich habe versucht, ihnen so wenig Schmerz wie möglich zuzufügen. Die Haut löste sich in Fetzen ab, darunter war das nackte Fleisch. Sie brauchten umgehend fachkundige Behandlung, wir mussten sie nach Palermo oder Catania bringen. Hier in Lampedusa konnten wir nicht viel für sie tun. Ein Wettlauf mit der Zeit, die Hubschrauber flogen unablässig hin und her. Als endlich die Letzte einstieg, atmeten wir erleichtert auf. Auch diesmal hatten wir es geschafft, zum Teil wenigstens.

Ein paar Tage später ging ich durch die Via Roma, die Hauptstraße von Lampedusa, und dachte noch immer an das, was geschehen war. Eine Sozialarbeiterin hielt mich auf und erzählte mir von dem einzigen Mann, der mit den dreiundzwanzig Frauen an Land gegangen war, er hielt sich im Aufnahmezentrum auf. Ich erinnerte mich an ihn, ich hatte auch ihn untersucht, er war gesund und hatte einen kleinen Jungen bei sich. Ich hatte gedacht, das sei sein Sohn, die Sozialarbeiterin hingegen sagte mir, dass das nicht der Fall war. Der Kleine war der Sohn einer der verbrannten Frauen. Tage waren seit der Landung vergangen, und noch immer suchte man nach einem Weg, die Mutter ausfindig zu machen.

Ich stieg ins Auto und fuhr ins Aufnahmezentrum. Ich war wütend. Wir durften keine Zeit verlieren. Es bestand die Gefahr, dass man sie, war sie erst einmal aus dem behandelnden Krankenhaus entlassen, nicht mehr mit ihrem Kind zusammenführen konnte. Von dem man nicht einmal den Namen kannte. So nannten wir den Jungen Giulio.

Ich ging zu dem Mann, der ihn am Tag der Ankunft im Arm gehalten hatte, und versuchte, mir Giulios Mutter beschreiben zu lassen. Ich begriff, dass es eine der Frauen war, die nach Palermo gebracht worden waren. Wir schalteten sogleich die zuständigen Stellen für die Zusammenführung ein, und wenige Stunden später waren die beiden wieder beisammen, sie und Evan. Das war sein wirklicher Name.

Ein roter Schuh

Ein roter Schuh auf der Favaloro-Mole. Ein Schuh und dann viele andere, ausgestreut wie Kiesel auf einem Weg, der nirgendwohin führt. Der plötzlich abbricht wie die Hoffnung, in eine andere Welt zu gelangen. In meinen Albträumen kehren diese Schuhe immer wieder, genauso wie die Kettchen und Armreife der kleinen Leichen, die ich untersuchen muss, eine nach der anderen, ohne Unterlass. Eine nach der anderen, herausgezogen aus diesen schauderhaften grünen Säcken.

Als Kinder trugen meine Freunde und ich in Lampedusa keine Schuhe. Die Hornhaut an unseren Füßen war unsere Sohle. Barfuß gingen wir zur Schule, barfuß stiegen wir in die Boote zum Fischen, barfuß spielten wir auf den Straßen unserer Insel, die weit entfernt war von jedem Festland, ein Felsen inmitten eines immensen Meeres. Fern und wunderschön. Atemberaubend schön für jemanden, der hier zum ersten Mal ankommt, verursacht sie eine Art Mal d’Afrique. Sie zieht einen in ihren Bann wie ein großes Magnetfeld, sie behext und verführt einen wie eine Circe.

Keine Schuhe, außer bei offiziellen Anlässen.

Wichtige Anlässe gab es auf Lampedusa nicht viele, ja, keine. Einer jedoch sollte die Zukunft unserer Insel verändern: die Einweihung des Zivilflughafens. Das war so wichtig, dass wir alle aufgefordert waren, die verhassten Schuhe anzuziehen, um den Minister für den Mezzogiorno, Paolo Emilio Taviani, zu begrüßen, der sich für den Bau des Flughafens eingesetzt hatte, nachdem sich die Inselbewohner aus Protest massenweise der Wahl enthalten hatten. In Zweierreihen verließen wir in Begleitung der Lehrerinnen die Klassenräume, die Schulkittel frisch gestärkt. Alles sollte perfekt sein. Auf halbem Weg bemerkte ich jedoch, dass ich einen Schuh verloren hatte. Ich trat aus der Reihe und lief zurück, um ihn zu holen, gefolgt von der Lehrerin, die mir diesen Affront nie verzeihen würde. Aber ich konnte mir nicht erlauben, nur mit einem Schuh nach Hause zu kommen: Das war das einzige Paar, ein anderes würden wir uns nicht leisten können. Nach wenigen Minuten trat ich wieder in die Reihe, beide Schuhe an den Füßen, und wir kamen zum Flugplatz.

Es war eine feierliche Zeremonie, als handelte es sich für die Lampedusaner um die gewonnene Schlacht ihres Lebens. Und später sollte ich verstehen, dass es wirklich so war. Denn auf Lampedusa starben die Menschen auch an Komplikationen einer einfachen Grippe. Die Reise mit dem Schiff, um aufs Festland zu kommen, war lang, und im Winter blieb das Schiff häufig auch wochenlang im Hafen liegen. Gelegentlich sahen wir einen Grumman auf dem Wasser landen, das Wasserflugzeug, das für Hilfszwecke eingesetzt wurde. Aber das waren Ausnahmefälle. Als der Grumman ausrangiert wurde, brachte man andere Militärflugzeuge zum Einsatz, aber es dauerte Stunden, bis sie auf der Insel waren, und oft war es zu spät.

Als ich in den achtziger Jahren nach dem Studium der Medizin und mit der Spezialisierung auf Geburtshilfe und Gynäkologie zurück nach Lampedusa kam, setzte ich mich dafür ein, dass wir ein ständiges Rettungsflugzeug bekamen. Ich fuhr wiederholt nach Palermo, bis uns die Region die Luftverbindung mit 600 Millionen Lire finanzierte. Das schien mir eine außergewöhnliche Errungenschaft, denn so bekamen wir Lampedusaner erstmals die Möglichkeit, in kurzer Zeit ins Krankenhaus zu gelangen und uns dadurch weniger isoliert zu fühlen, als wir es tatsächlich waren. Anfangs war kein Arzt an Bord des Flugzeugs vorgesehen, also begleitete ich als Freiwilliger die Patienten. Das Flugzeug reichte aber nicht, weil es nicht in Linosa landen konnte, und das erschien uns eine unerträgliche Diskriminierung. So wurde es nach ein paar Jahren durch einen Hubschrauber ersetzt. Schritt für Schritt hatten wir unser Ziel erreicht.

Ich musste lächeln, als es zwanzig Jahre später an mir war, in den Hubschrauber zu steigen, um ins Krankenhaus gebracht zu werden. Eine Ischämie. Es bestand die Gefahr einer Lähmung, aber ich wurde gerettet, und der Impuls, der es mir ermöglichte, diesen Schlag zu überwinden, kam von ihnen: von den Männern und Frauen, den Kindern, die unsere offenen Arme suchten und suchen, die mit großer Kraft und Würde um Hilfe bitten. Auch wenn das bestimmt nicht der wünschenswerteste Weg ist.

Daran gewöhnt man sich nicht

Manchmal meine ich, ich schaffe es nicht. Dieses Tempo durchzuhalten, vor allem aber all das Leid, so viel Schmerz zu ertragen. Viele meiner Kollegen sind hingegen der Ansicht, ich hätte mich mittlerweile daran gewöhnt, die Leichenschau sei für mich zur Routine geworden. So ist es aber nicht. Man gewöhnt sich nie an die toten Kinder, an die Frauen, die während des Schiffbruchs niedergekommen sind, die Babys, die noch an der Nabelschnur hängen. Man gewöhnt sich nicht an die Zumutung, einen Finger oder ein Ohr abschneiden zu müssen, um die DNA zu bestimmen, damit man einem leblosen Körper einen Namen und eine Identität zuordnen kann und nicht zulässt, dass er eine bloße Nummer bleibt. Jedes Mal, wenn du einen der grünen Säcke aufmachst, ist es wie das erste Mal. Denn an jedem Körper findest du Zeichen, die von der Tragödie einer sehr langen Reise erzählen.

Oft meint man, die entscheidende Hürde für die Flüchtlinge sei die Fahrt übers Meer. Das ist aber nur die letzte Etappe. Ich habe ihren Erzählungen lange gelauscht. Am Anfang steht der Entschluss fortzugehen, die Heimat zu verlassen. Dann die Wüste. Die Wüste ist die Hölle, sagen sie, und das kann man nicht verstehen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Wenig Wasser, in einen Pick-up gepfercht, wenn du dich falsch hinsetzt, wirst du hinausgeschleudert und stirbst. Und wenn das Wasser ausgeht, bleibt dir zum Überleben nichts anderes übrig, als den eigenen Urin zu trinken. Du kommst nach Libyen, du glaubst, der Albtraum ist vorbei, doch da beginnt ein neuer Leidensweg: Gefängnis, Folter, Misshandlungen. Erst wenn du all das durchgestanden, wenn du alle Grausamkeiten ertragen hast, besteigst du ein Boot. Und wenn du nicht auf dem Meer stirbst, kommst du endlich an und hoffst, dass für dich ein neues Leben beginnt.

Ich habe hier in Lampedusa alles gesehen.

Eines Morgens fiel mir an der Mole eine Frau auf, die aus einem Patrouillenboot stieg, sie kam aus Gambia und war wunderschön. Sie trug bunte Kleider, und in einer Hand hatte sie einen Koffer, als ob sie an irgendeinem Bahnhof aus dem Zug gestiegen wäre. Sie besaß einen Stolz und eine Würde, die nicht unbemerkt blieben. Als ob sie alles Leiden abgestreift hätte. Ich sah sie in den Bus steigen, der sie zum Aufnahmelager bringen würde, und ich hätte auch einsteigen mögen, um mir während der Fahrt ihre Geschichte erzählen zu lassen, ihre Schmerzen und ihre wiedergefundene Hoffnung. Doch ich kehrte in die Wirklichkeit meiner Arbeit zurück, der Bus bog um eine Ecke und verschwand.

Dann sah ich palästinensische Familien, die geglaubt hatten, ihrem Krieg zu entrinnen und in Syrien Zuflucht zu finden, jedoch mitten in einem anderen Krieg gelandet waren und wieder von vorn anfangen mussten. Noch eine Reise, noch mehr Leid.

Die syrischen Familien waren vielleicht am schlechtesten dran. In ihrem Land waren sie an einen Lebensstil gewöhnt gewesen, auf den sie hatten verzichten müssen, in so kurzer Zeit, dass es eine Ewigkeit schien.

Vor zwanzig Jahren, als auf Lampedusa die ersten Flüchtlinge ankamen, nannten die Inselbewohner sie »die Türken«. Sie kamen auf eigene Faust, landeten mit kleinen Booten oder Schlauchbooten direkt am Strand. Es waren vor allem Nordafrikaner. Damals war es noch ein neues Phänomen, zahlenmäßig überschaubar. Dann änderte sich alles. Plötzlich waren es viele. Die Geschichten waren andere. Deshalb brauche ich heute, wenn ich unter diesen Bedingungen arbeite, die Unterstützung der Lampedusaner. Denn oft, wenn die Verzweiflung überhandnehmen will, sind sie es, die mir Antrieb und Energie geben.

Wie im Falle Jasmins. Sie war an Bord eines großen Schiffes mit achthundert Menschen angekommen, alle übereinandergeschichtet. Viele kauerten im Laderaum, und allen ging es schlecht. Als sie aus dem Boot stieg, hatte Jasmin schon das Fruchtwasser verloren. Ihr Kind würde es nicht schaffen, wenn wir sie nach Palermo brachten. Also versuchte ich sie zu beruhigen, während ich sie per Ultraschall untersuchte, ich zeigte ihr das Herz und das Köpfchen ihrer Kleinen, der Fötus zeigte Komplikationen, ich hatte keine Wahl. Ich nahm die Verantwortung für einen Dammschnitt auf mich, den man unmittelbar vor der Geburt durchführen kann. Das Risiko musste ich eingehen. Die Operation glückte tadellos, und Jasmin gebar ein wunderbares Mädchen, ein großes Geschenk. So, »Geschenk«, wollte die Mutter sie auch nennen.

Gleich darauf eine große Überraschung. Als ich aus dem Kreißsaal kam, blutverschmiert und erschöpft, stieß ich dort draußen auf viele andere Mütter, Frauen von Lampedusa, die alles Mögliche mitgebracht hatten, um Geschenk willkommen zu heißen: Windeln, Kleidung, kleine Gaben.

Bei der Gelegenheit begriff ich, dass in unserem Ambulatorium1 etwas fehlte. Oft kamen die schwangeren Frauen mit ihren Kindern, die verängstigt den Doktor im weißen Kittel anstarrten, der ihre Mama in einen Saal voller fremdartiger Geräte brachte. Die Idee war einfach: neben dem Untersuchungszimmer ein Spielzimmer einrichten, bunt und voller Ablenkungsmöglichkeiten für die Kleinen während der Wartezeit. Das Vorhaben ist geglückt, so sehr, dass die Kinder oft nicht mehr weggehen wollen. Doch meist genügt ein kleines Geschenk, um sie aus dem Spielzimmer wegzulocken.

Ein Kind zur Welt zu bringen und das Lächeln auf den Lippen der Mutter zu sehen, ist immer eine große Freude. Bei einer Bootslandung im Frühjahr 2016 untersuchte ich drei schwangere Frauen. Unter ihnen eine sehr schöne Nigerianerin namens Joi. Sie war erst im vierten Monat schwanger und allein, weil die Schlepper sie in der Wüste von ihrem Mann getrennt hatten, sie auf eine Seite zwangen, ihn auf eine andere. Eine gewaltsame Trennung, der sie sich nicht hatten widersetzen können. Sie war entführt worden und dann wieder freigelassen. Von ihrem Mann wusste man nichts mehr. »Hilf mir, ihn zu finden«, flehte sie mich an. »Ich bitte dich, ich will nicht, dass mein Kind ohne seinen Vater aufwächst, wir haben alles darangesetzt, dass es in einer besseren Welt geboren wird. Du weißt, wie man ihn suchen kann. Ich flehe dich an, hilf mir.«

Wenn sie da vor mir sitzen und ich ihnen als Freund begegne, bin ich nicht mehr nur der Arzt, der sie untersucht, sondern ein Rettungsanker, der ihnen die Hoffnung wiedergeben kann, ihre Lieben wiederzufinden, ihre Familie zusammenzuführen, auch wenn das wie in Jois Fall nicht möglich ist. Oder ich bin ganz einfach der einzige Mensch, dem sie ihr dramatisches Schicksal erzählen können. Häufig äußern daher viele dieser jungen Frauen, wenn ich sie per Ultraschall untersucht habe, den entsetzlichen Wunsch, auf das zu verzichten, was nicht Frucht der Liebe, sondern die schreckliche Folge einer Gewalttat ist.

Eine Tages kam Sara ins Ambulatorium, Nigerianerin, siebzehn Jahre alt. »Ich will sterben«, wiederholte sie unentwegt. Sie konnte nicht damit aufhören. Sie war mit weiteren hundertfünfzig Personen an Land gegangen, darunter fünf Frauen, alle schwanger und sehr jung. Ihre Reisegefährtinnen berichteten, Sara habe mehrfach versucht, sich das Leben zu nehmen, ohne Erfolg. Auf dem Krankenhausflur ließ sie sich aus Verzweiflung sogar von der Tragbahre fallen.

Ich untersuchte sie per Ultraschall. Sie war in der achtzehnten Woche schwanger. Ich versuchte, ihr den Monitor zu zeigen, aber sie weinte bloß. »Nun komm«, versuchte ich sie zu trösten, »du wirst sehen, es wird alles gut.« Aber wem wollte ich das weismachen?

Sie schaute mir direkt in die Augen. »Ich weiß nicht einmal, wer der Vater dieses Kindes ist. Sie waren zu fünft und haben mich vergewaltigt. Fünf Wildgewordene, die sich abwechselten und erst aufhörten, als ihnen die Kräfte ausgingen. Was meinen Sie, Herr Doktor, wie soll ich mich heute und in Zukunft zu dem verhalten, was ich im Bauch trage?« Es war entsetzlich, ihr zuzuhören. Verfluchte Mistkerle.

Ich konnte ihr nicht unrecht geben. Ich rief die Ärzte meiner lokalen Gesundheitseinheit in Palermo und die Sozialarbeiter an. Am nächsten Tag ließen wir sie mit dem Hubschrauber nach Palermo bringen. Sie hat abgetrieben, und nun wird sie betreut.

Sehr viele junge Frauen erzählen ähnliche Geschichten wie Sara, als wollten sie sich von einer Last befreien, die sie niemand anderem anvertrauen können. Und dann bitten sie mich abzutreiben, es aber niemandem zu sagen, denn das würde der Schande eine weitere, vielleicht noch schlimmere hinzufügen, die von ihren Familien, die sie in der Heimat zurückgelassen haben, niemals akzeptiert werden könnte.

Es sind wirklich viele schwangere Frauen, die in diesen Jahren nach Lampedusa gekommen sind. Eines Nachts stiegen an der Mole fünf von ihnen aus den Patrouillenbooten. Ich konnte nicht gleich mit ihnen ins Ambulatorium gehen, weil ich andere Flüchtlinge untersuchen musste. Ich rief Elena, eine Ärztin und interkulturelle Mediatorin, die immer bei mir ist, und bat sie, die Frauen zu begleiten, ich würde so bald wie möglich zu ihnen kommen. Eine von ihnen, im achten Monat, machte mich stutzig: Sie litt sehr. »Mach ihr sofort einen Ultraschall«, sagte Elena. »Es geht ihr wirklich schlecht.«

Als ich mit den Untersuchungen auf der Mole fertig war, ging ich ins Krankenhaus. Ich traf Elena mit roten Augen. Sie hatte geweint.

»Was ist los?«, fragte ich.

»Der jungen Frau geht es schlecht … Meiner Meinung nach ist das Kind tot.«

Ich ging in den Ultraschallraum und untersuchte sie. Elena hatte recht. Das Herz des Kindes schlug nicht mehr. Es hatte die Strapazen der Reise und den Stress, dem die Mutter ausgesetzt war, nicht überstanden. Die junge Frau begriff sofort. Keine Freude auf unseren Gesichtern, keine Einladung, auf den Monitor zu schauen, wo sie nur das Bild eines leblosen Körpers sehen würde. Wir eröffneten ihr das Ergebnis, und sie sagte kein Wort. Sie schloss die Augen, und Tränen liefen ihr übers Gesicht. Sie weinte im Stillen.

Wir beschlossen, sie mit dem Hubschrauber nach Palermo bringen zu lassen. Ich rief die Sozialarbeiterinnen an, dass sie ihr beistehen sollten, sie trösten sollten, damit sie sich nicht allein fühlte.

Sie wurde operiert. Sie hatte einen hübschen kleinen Jungen im Schoß getragen. Als man es mir mitteilte, verspürte ich ein großes Gefühl der Ohnmacht und der Niederlage. Ich hatte nicht einmal auf das Geschlecht geachtet, als ich sie untersuchte. Mir war nicht danach gewesen.

Nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen war, verlegte man sie in ein Heim für Frauen. Von ihrem weiteren Schicksal weiß ich nichts.

Wunden der Seele

Ich entstamme einer großen Familie. Sieben Kinder, fünf Mädchen und zwei Jungen. Mein Bruder Mimmo war anderthalb Jahre alt, als er Meningitis bekam. Damals war es nicht leicht, rechtzeitig die Diagnose zu stellen, um die Degenerationserscheinungen zu verhindern. Die Gehirnschäden waren so schlimm, dass meine Eltern gezwungen waren, ihn in eine psychiatrische Anstalt zu geben. In Lampedusa existierte nicht einmal der Begriff des Psychiatriepatienten. Und eine Familie konnte sich eine so große und schwer zu handhabende Last nicht aufbürden.