5,99 €
Armin Daniel Hermann, Dr. rer. nat. habil., Dipl.-Ing. Kerntechnik, schildert als Aussenstehender seinen Lebensweg als Atomwissenschaftler, den des Aniel in diesem Buch. Er führt ihn von Bessarabien am Schwarzen Meer über Hitlers Westpreussen, die Deutsche Demokratische Republik, die Bundesrepublik Deutschland schliesslich in die Schweiz als Endstation. Dabei musste er mehrmals unter Gefahr für Leib und Leben fliehen, weil seine Lebensumstände dies erforderlich machten, und immer wieder von vorn anfangen. Neben den Umständen der Flucht werden in den jeweiligen Zwischenstationen die sozialen Randbedingungen anhand seiner eigenen Erlebnisse beleuchtet. Geschichtliche Daten der Veränderungen, die den Lebensweg Aniels bestimmten, werden ebenso berührt wie Vorkommnisse im privaten Leben, die gewissen allgemeinen Charakter haben. Insofern ist das Buch ein Spiegel seiner Zeit.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 98
Veröffentlichungsjahr: 2020
Für meinen Sohn Kay-Geert Armin Hermann und seine Familie
Der Anfang einer Epopöe
Die erste Flucht
Die zweite Flucht
In Ostdeutschland bis zum Ende der Grundschule
Die Oberschulzeit
Studium in Dresden
Die Zeit in Moskau
Als Doktor der Naturwissenschaften in der DDR
Die dritte Flucht
In der Bundesrepublik Deutschland
In der Schweiz
Aniel wurde in Saratan im Jahr 1937 geboren. Saratan war ein kleiner Ort im heutigen (2019) Moldawien, aber damals gehörte der Ort zum Landstrich Bessarabien im damaligen Rumänien.
Bild 1: Bessarabien (1940) am Schwarzen Meer
Der Name Bessarabien hat nichts mit Arabien oder Arabern zu tun, sondern er leitet sich von dem walachischen Fürstengeschlecht Basarab ab, das dort im 13. Und 14. Jahrhundert herrschte. Vor dem ersten Weltkrieg war Bessarabien ein Teil Südrusslands. Vorher war es lange Zeit der nördlichste Teil des osmanischen Reiches. Russland unter dem Zaren Alexander I. drängte die Türken ab nach Süden und eroberte den Landstrich Bessarabien, zwischen den Flüssen Dnjester und Pruth gelegen, was 1812 im Frieden von Bukarest besiegelt wurde. Zu jener Zeit bestand die Bevölkerung zu etwa 85% aus Rumänen, weshalb dieses Gebiet auch immer von Rumänien beansprucht wurde. Nach einer Zwischenperiode in den Wirren der Oktoberrevolution, in der sich der Landstrich als Sowjetrepublik Odessa für unabhängig erklärte, kam Bessarabien auf eigenen Entschluss zu Rumänien, was 1920 im Pariser Vertrag von den Großmächten anerkannt wurde.
Nach der Eroberung durch Russland 1812, was zur Folge hatte, dass die geschlagenen Osmanen und Sympathisanten nach Süden verschwanden, blieb der Landstrich Bessarabien äußerst dünn besiedelt zurück. Deshalb warb der russische Zar Alexander I. ab 1813 deutsche Auswanderer als Kolonisten nach Bessarabien, um die fruchtbare brachliegende Steppe zu besiedeln und zu bewirtschaften. Er lockte die Einwanderer mit der Vergabe etlicher Privilegien ins Land, darunter kostenlose Landzuteilung, Steuerfreiheit auf zehn Jahre, Eigenverwaltung, eigene Gerichtsbarkeit, Glaubensfreiheit und – was besonders wichtig war – Befreiung vom Militärdienst auf ewige Zeiten. Die ewigen Zeiten dauerten bis 1871, als die Privilegien der Kolonisten und ihr Sonderstatus aufgelöst wurden. Die Deutschen in Bessarabien wurden zum russischen Militärdienst eingezogen, so dass es kam, dass Aniels Großvater im ersten Weltkrieg in der russischen Armee gegen Deutschland kämpfen musste.
Aniels Ur-Ur-Urgroßvater war es, der 1833 aus dem Königreich Württemberg im Alter von 56 Jahren nach Bessarabien auswanderte. Er war Weingärtner und ist durch drei aufeinanderfolgende Missernten wirtschaftlich ruiniert worden. Obwohl er es zu Beginn sehr schwer hatte und drei Jahre nach der Ansiedlung verstarb, hat sich die Familie in der Folge gut entwickelt und hat es zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Aniels Großvater bewirtschaftete einen Bauernhof mit 400 ha Land und hatte zehn Kinder. Zwei seiner Söhne konnte er in der deutschen bessarabischen Lehrerbildungsanstalt ausbilden lassen, was als Zeichen seines Wohlstandes gewertet werden kann.
Einer dieser zwei Söhne war Aniels Vater. Als ausgebildeter Lehrer musste er zunächst in einer neu gegründeten deutschen Siedlung im Norden Bessarabiens seinen beruflichen Anfang machen. Dort wurde Aniel geboren. Aniels Mutter hatte der Vater im Ort der Lehrerbildungsanstalt kennengelernt. Sie war damals selbst auf dem Wege, Lehrerin zu werden, was dann aber für Frauen unmöglich gemacht wurde.
Aniel hatte eine glückliche Kleinkindheit. Der Vater hatte bald die Möglichkeit und nahm eine Lehrer-/Kantorstelle in einer größeren Stadt in Bessarabien an, wo Aniels Schwester geboren wurde und die Familie ein komfortables Haus bewohnte. Zu jener Zeit war der Lehrer gleichzeitig Kantor im Ort, das heißt, er musste in der Kirche den Gottesdienst mit Orgelspiel begleiten. Der Vater gestand Aniel später, dass ihn das Orgelspielen belastete und dass er mit seinem wenigen Talent Mühe hatte, die Anforderungen als Kantor zu befriedigen.
Aniel wuchs glücklich auf. Das Haus war von einem schönen Garten umgeben, in dem Aniel spielen konnte, die Mutter und ein Kindermädchen umsorgten ihn und seine zwei Jahre jüngere Schwester, und dann gab es noch eine 17-jährige Untermieterin, die ganz vernarrt war in den kleinen Aniel, ihn herzte und viel mit ihm spielte. Ein Ereignis, das wahrscheinlich zu den allerersten Erinnerungen Aniels gehörte, war ein Schlachtfest beim Großvater im Nachbarort. Das Schwein wurde im Freien in der Nähe vom Misthaufen geschlachtet, und das aus dem Schweinehals spritzende rote Blut vergrub sich für immer im Gedächtnis des zweijährigen Buben. Überhaupt verbrachte Aniel gern Besuchszeiten bei seinen Opas. Der eine betrieb eine große Möbeltischlerei mit etwa 25 Angestellten, der andere hatte eine große Landwirtschaft mit um die 400 ha Land.
Aniel war erst knapp drei Jahre alt, als sich sein Leben und das der Familie entscheidend und total veränderte. Die Umstände im Jahr 1940 führten dazu, dass das ruhige Leben in Bessarabien beendet wurde und die über mehrere Generationen dort ansässigen Deutschen Bessarabien verlassen mussten, zwar freiwillig, und das Ereignis nannte sich „Umsiedlung“, aber sie hatten praktisch keine andere Wahl als dem Ruf Adolf Hitlers zu folgen und „heim ins Reich“ zu kommen.
Wie schon erwähnt hatte Russland in den Wirren am Ende des 1. Weltkriegs und der Oktoberrevolution Bessarabien an Rumänien verloren. Als Hitlerdeutschland 1939 Polen eroberte, konnte es dies nicht bis zur polnischen Ostgrenze tun, denn die Rote Armee rückte im Osten Polens vor und besetzte einen etwa 100 km breiten Landstreifen, dazu Teile Finnlands, Estland, Lettland. Damit hatte sich Hitler abgefunden und zunächst zum Frieden aufgerufen und mit Sowjetrussland einen Nichtangriffspakt geschlossen.
Die Russen wollten auch Bessarabien wieder haben und stellten an Rumänien im Juni 1940 ein Ultimatum, Bessarabien an die Sowjetunion zu übergeben, andernfalls würden kriegerische Maßnahmen folgen. Rumänien wandte sich an Deutschland mit der Bitte um Unterstützung und Hilfe, bekam aber den Ratschlag, Bessarabien freizugeben, um einen Krieg zu vermeiden. Nur zwei Tage nach Verkündung des Ultimatums begannen russische Truppen, in Bessarabien einzumarschieren, und die rumänischen Truppen verließen fluchtartig das Land. Über Nacht waren die Deutschen in Bessarabien also unter sowjetrussische Herrschaft gekommen.
Hitler war an den „volksdeutschen“ Menschen in Bessarabien interessiert, denn er brauchte sowohl Arbeitskräfte als auch Soldaten, denn schon längst bereitete er im Geheimen den Feldzug gegen die Sowjetunion vor. Deshalb wurde eine riesige Propagandakampagne unter der Leitung der SS (Schutz-Staffel) durchgeführt mit dem Ziel, alle „Volksdeutschen“ zur Umsiedlung nach Deutschland zu gewinnen. Mit Sowjetrussland war vertraglich geregelt, dass die Deutschen ausreisen durften. Andererseits war ja nach 23 Jahren Sowjetunion bekannt, wie dort mit den Wohlhabenden und der Intelligenz umgesprungen wurde, und ein großer Teil der Bessarabiendeutschen fiel in die Rubrik der Kulaken und Ausbeuter, die die Kommunisten zur Enteignung und Vernichtung vorgesehen hatten. Außerdem war noch gut in Erinnerung, dass die Deutschen während des 1. Weltkriegs nach Sibirien deportiert werden sollten, was dann nur wegen total ungünstiger Witterungsverhältnisse und wegen der russischen Schwäche im Krieg nicht geschah. Das spielte natürlich den Nationalsozialisten Deutschlands in die Hände, so dass sich nur etwa 2% der Deutschen in Bessarabien nicht umsiedeln ließen. Mitgespielt hat auch das Versprechen Hitlerdeutschlands, dass der zurück gelassene Besitz nach der Umsiedlung in Deutschland ersetzt wird. Die Russen machten zwar Gegenpropaganda und versprachen allerlei, um das deutsche Menschenmaterial zu behalten, aber es nutzte ihnen wenig.
Wie schon gesagt handelte es sich offiziell um die Umsiedlung der Deutschen aus Bessarabien heim ins Reich, aber in Wirklichkeit war es die Flucht vor den Russen.
Die Umsiedlung wurde generalstabsmäßig von der deutschen SS durchgeführt, und das in kürzester Zeit. Man bedenke: im Juni 1040 besetzten die Russen Bessarabien, und von Mitte September bis Ende Oktober 1940 wurden alle Deutschen, abgesehen von den etwa 2%, die nicht wollten, ins Deutsche Reich umgesiedelt.
Es gab eine riesige Umsiedlungsorganisation, die entsprechende Stäbe bis in jeden Ort mit deutscher Bevölkerung umfasste. Wichtigste Aktivitäten waren: jede Familie musste ihre Deutschstämmigkeit nachweisen, was anhand persönlicher Dokumente und der Kirchenbücher geschah. Weiterhin wurde der Besitz jeder Familie listenmäßig erfasst, denn es gab ja das Versprechen, dass alles ersetzt wird. Die erste Etappe der Umsiedlung bestand im Transport zu den Flusshäfen im Mündungsgebiet der Donau ins Schwarze Meer. Besitzer von Pferd und Wagen durften je eine Fuhre zum Hafen bringen, Pferde und Wagen mussten sie dann dort abgeben. Die übrigen Landsleute wurden mit Lkws und mit der Bahn transportiert, wobei die Mitnahme von maximal 25 kg Gepäck pro Person erlaubt war. Daraus kann man ersehen, dass der Großteil von Hab und Gut zurückgelassen wurde.
Der Abschied vom Land der Väter seit mehreren Generationen fiel schwer. In den Kirchen wurden Abschiedsgottesdienste abgehalten und entsprechend wurde gottesdienstlich von den Gräbern der verstorbenen Angehörigen Abschied genommen.
Aniel fand sich mit Mutter und der erst sieben Monate alten Schwester auf einem Donaudampfer wieder. Sie saßen dort auf dem Deck, umgeben von ihrem Gepäck und dicht bei dicht mit anderen Umsiedlern. Die Schifffahrt dauerte mehrere Tage bis zu einem Hafen in der Nähe von Belgrad, wo die Umsiedler in riesigen Auffanglagern untergebracht wurden.
Bild 2: Treck der Bessarabiendeutschen zum Donauhafen
Bild 3: Donaudampfer mit Umsiedlern aus Bessarabien
Dem kleinen Aniel war das Sitzen beim Gepäck auf dem Schiff langweilig, und er entwischte der Mama, um seine Umgebung zu erkunden. Was er da seiner Mutter für Sorgen bereitete! Sie musste mit der kleinen Tochter auf dem ganzen Schiff nach ihm suchen und fragte andere Mitreisende aufgeregt und ängstlich, ob ihnen ein kleiner herumlaufender Junge aufgefallen wäre.
Bild 4: Die Routen zu den Donauhäfen Reni und Kilia. Per Schiff nach Prahovo und Semlin in die Lager
Bild 5: Im Aufnahmelager
Der Aufenthalt im Auffanglager bei Belgrad dauerte nicht lange, und weiter ging es mit der Bahn in ein Umsiedlerlager in Zwönitz im Erzgebirge. Dort fand nach medizinischer Untersuchung und „rassenmäßiger“ Einordnung die Einbürgerung ins Deutsche Reich statt. Das Lagerleben war eintönig und mühsam. Für die Kinder wurde eine Art Kindergarten organisiert.
Aniels Mutter konnte gut mit der Nähmaschine umgehen und nähte in einer diesbezüglich zusammengestellten Frauengruppe Kleider für die Lagerinsassen oder flickte sie. Aber auch dieser Lageraufenthalt dauerte nicht lange. Während Bauernfamilien zum Teil über ein Jahr, manche bis zu zwei Jahren, im Lager bleiben mussten bis ein geeignetes und ihrem verlassenen entsprechendes Bauerngehöft gefunden wurde, hatte es eine Lehrerfamilie leichter und einfacher, denn sie benötigte kein freiwerdendes Land. So wurde die Familie Aniels alsbald in Dirschau (polnisch: Zczew), südlich von Danzig, im Gau Danzig-Westpreußen im eroberten Polen angesiedelt. Der Vater wurde nicht zum Schuldienst bestellt, sondern er wurde in die deutsche Wehrmacht eingezogen.
Insgesamt war die Umsiedlungsaktion riesig, denn es wurden ja nicht nur die „Volksdeutschen“ aus Bessarabien ins Deutsche Reich geholt, sondern auch diejenigen aus der Dobrudscha (südlich von Bessarabien in Rumänien), aus der Bukowina (nördlich von Bessarabien), aus Galizien, Wolhynien, Estland und Lettland. Es gab auch Auswanderer nach Bessarabien aus der Schweiz, die vorwiegend in Schabo im Donaumündungsgebiet ansässig waren. Auch sie verließen Bessarabien nach dem Einmarsch der Roten Armee.
Bild 6: Per Bahn weiter nach Deutschland
Im Großen und Ganzen hielt Hitler sein Versprechen, dass der zurückgelassene Besitz ersetzt wird. Aniels Großvater, der in Bessarabien eine große Möbeltischlerei aufgeben musste, erhielt wieder eine etwa gleichgroße Tischlerei im Gau Wartheland, und der andere Großvater, der die Bauernwirtschaft zurückließ, erhielt einen entsprechenden Bauernhof zugewiesen. Diese Besitztümer wurden polnischen Eigentümern weggenommen, die zum Teil dann auf ihrem eigenen Hof als Knechte arbeiten mussten oder deportiert wurden. Insofern hatten Aniels unmittelbare Verwandte Glück, denn es gab auch viele Umsiedler, die mit ihrer Ansiedlung nicht zufrieden waren, und es gab sogar welche, deren bessarabischer Besitz gar nicht ersetzt wurde. Der Hintergrund war meist, dass im letzteren Fall eine rassenmäßig minderwertige Einstufung erfolgt war, denn alle Umsiedler wurden rassenmäßig bewertet. Die Nationalsozialisten wollten die „arische“ Rasse fördern und im Gegenzug Angehörige einer nichtarischen Rasse (Juden, Zigeuner und andere) zurückdrängen oder gar ausmerzen. Dazu mussten die Deutschen Ahnentafeln beibringen, die bis mindestens Anfang 1800 zurück reichten.
Bild 7: Karte: Lage des Reichsgaus Danzig-Westpreußen
