Anne Frank - Ronald Leopold - E-Book

Anne Frank E-Book

Ronald Leopold

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Beschreibung

Anne Frank vertraute vom 12. Juni 1942, ihrem dreizehnten Geburtstag, bis zum 1. August 1944 ihrem Tagebuch an, wie sich ihre Familie zwei Jahre lang in einem Amsterdamer Hinterhaus vor den deutschen Besatzern versteckte. Sie erzählt von Ängsten, Hoffnungen und Plänen für die Zeit danach, vom spannungsreichen Alltag und der Not der Untergetauchten und beobachtet sich selbst, wie sie unter ganz besonderen Umständen erwachsen wird. Die anschauliche Einführung schildert auf dem neuesten Forschungsstand das kurze Leben der Anne Frank, die Umstände des Untertauchens und was wir über den Verrat, die Deportation und den Tod Anne Franks im Konzentrationslager Bergen-Belsen wissen. Nicht zuletzt erklärt das kleine Standardwerk die Bedeutung des Tagebuchs als historische Quelle, als ein Stück Weltliteratur und vor allem als ein Vermächtnis für uns alle.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ronald Leopold

ANNE FRANK

In Zusammenarbeit mit Bas von Benda-Beckmann, Gertjan Broek und Menno Metselaar

Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert

C.H.Beck

Zum Buch

«Ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein …» Anne Frank vertraute vom 12. Juni 1942, ihrem dreizehnten Geburtstag, bis zum 1. August 1944 ihrem Tagebuch an, wie sich ihre Familie zwei Jahre lang in einem Amsterdamer Hinterhaus vor den deutschen Besatzern versteckte. Die anschauliche Einführung schildert auf dem neuesten Forschungsstand das kurze Leben der Anne Frank, die Umstände des Untertauchens und was wir über den Verrat, die Deportation und den Tod Anne Franks im Konzentrationslager Bergen-Belsen wissen. Nicht zuletzt erklärt das kleine Standardwerk die Bedeutung des Tagebuchs als historische Quelle, als ein Stück Weltliteratur und vor allem als ein Vermächtnis für uns alle.

Über den Autor

Ronald Leopold, Historiker, ist Direktor des Anne Frank Hauses in Amsterdam. Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit drei weiteren ausgewiesenen Kennern am Anne Frank Haus.

Inhalt

Abbildung: Das Firmengebäude von Otto Frank

Abbildung: Der Querschnitt des Vorder- und Hinterhauses

Vorwort

1. Frankfurt am Main, 1929–​1933

Die Familie

Eine doppelte Krise

Der Entschluss, Deutschland zu verlassen

2. Kinderjahre in Amsterdam, 1934–​1940

Ein neues Leben

Die Firmen Opekta und Pectacon

Dunkle Wolken

3. Die Niederlande unter deutscher Besatzung, 1940–​1942

Die deutsche Invasion

Registrierung, Ausgrenzung und Verfolgung

Ein Versteck und zunehmende Sorgen

4. Untertauchen, 1942–​1944

Ins Hinterhaus

Untertauchen in den besetzten Niederlanden

Leben hinter einem Bücherschrank

Ein Tag im Hinterhaus

Bedrohungen, Sorgen, Ängste

Entdeckung und Verhaftung am 4. August 1944

5. Deportation und Tod, 1944–​1945

Vom Gefängnis ins Lager Westerbork

Deportation nach Auschwitz-Birkenau

Im Konzentrationslager Bergen-Belsen

6. Otto Franks Rückkehr, 1945–​1947

Von Auschwitz über Odessa nach Amsterdam

Die Mission eines Überlebenden

7. Das Rätsel um die Verhaftung

Auf der Suche nach einem Verräter

Eine andere Möglichkeit

8. Das Tagebuch der Anne Frank

Verschiedene Manuskripte

Anne Frank als Schriftstellerin

Der schwierige Weg zur Publikation

Erfolg durch Theater und Film

Die Frage nach der Echtheit

9. Das Anne Frank Haus

Ein langer Weg mit Hindernissen

Die Geschichte und was sie uns lehrt

10. Die vielen Gesichter der Anne Frank seit 1947

«Ich will fortleben, auch nach meinem Tod»

Symbolfigur des Holocaust: Niederlande, Deutschland, Japan und die USA

Universale Botschaft oder Zeitdokument?

Epilog

Zeittafel

Quellen und Literatur

Bildnachweis

Personenregister

Abbildung: Das Firmengebäude von Otto Frank

Das Firmengebäude von Otto Frank, Prinsengracht 263 (Mitte), um 1947

Abbildung: Der Querschnitt des Vorder- und Hinterhauses

Der Querschnitt des Vorder- und Hinterhauses vermittelt einen Eindruck von der Situation in den Jahren 1942–1944

Vorwort

Über Anne Frank und die Bedeutung, die ihrem kurzen Leben und ihren Tagebuchaufzeichnungen beigemessen wird, existieren sehr unterschiedliche Sichtweisen. Sie bekam im Laufe der Jahre einen ikonischen Status, der zwar auf ihrer Lebensgeschichte im Kontext des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust beruht, sich jedoch nicht darauf beschränkt. Auf der ganzen Welt eignet man sich ihren Namen, ihr Bild oder ihre Texte im Zusammenhang mit den eigenen Lebenserfahrungen an, die oft nur wenig mit der historischen Person Anne Frank zu tun haben. Auf diese Weise ist sie nicht nur ein Symbol für ihre eigene Zeit geworden, sondern auch eine Quelle für gegenwärtige Sinngebung. In verschiedenen Eigenschaften kann sie Menschen inspirieren: als Opfer von Verfolgung, als Schriftstellerin, als junge Frau, als Teenager oder als Geflüchtete. Gerade die Tatsache, dass jede dieser Rollen mehr oder weniger auf Anne Frank zutrifft, macht es leicht, sich mit ihr zu identifizieren.

Annes Vater Otto Frank, der einzige Überlebende der Familie Frank und der acht Untergetauchten aus dem Hinterhaus, spielte für die Erinnerung an Anne Frank eine zentrale Rolle. Er initiierte die Veröffentlichung von Annes Tagebuchaufzeichnungen und setzte sich erfolgreich dafür ein, dass sie durch Übersetzungen und Adaptionen weltweit bekannt wurden. Dass das Haus an der Prinsengracht 263 mit dem Hinterhausversteck, in dem Anne Frank den größten Teil ihres Tagebuchs geschrieben hat, 1960 der Öffentlichkeit zugänglich wurde, trug zu dieser Bekanntheit bei. Gleichzeitig versuchte Otto Frank, der Bedeutung, die ihr Leben und Werk in seiner Vorstellung haben sollten, eine Richtung zu geben. Bis zu seinem Tod im Jahr 1980 widmete er sein Leben der Erinnerung an seine Tochter.

Dieses Buch schildert auf dem neuesten Forschungsstand, was über Anne Franks Leben und Werk sowie ihr Andenken bekannt ist. Offene Fragen werfen bis heute die Umstände der Verhaftung auf. Diesem Thema widmet sich ein eigenes Kapitel. Anne Franks Tagebucheinträge und ihre anderen Texte stehen im Mittelpunkt der Erinnerung an sie. Zwei Kapitel beleuchten dieses kleine, komplexe Œuvre und zeichnen nach, wie die Veröffentlichung des Tagebuchs nach Otto Franks Rückkehr aus Auschwitz zustande kam. Das Schlusskapitel und der Epilog beschäftigen sich mit der Bedeutung ihres Lebens und Werks für die Erinnerung an den Holocaust sowie als Inspirationsquelle für eine individuelle Sinngebung.

Bas von Benda-Beckmann, Gertjan Broek und Menno Metselaar zeichnen für Teile des Textes verantwortlich und haben das gesamte Manuskript kritisch gelesen. Letzteres gilt auch für Eugenie Martens, die das Entstehen des Manuskripts koordiniert und redaktionell begleitet hat. Für ihre Beiträge zu diesem Buch bin ich ihnen sehr dankbar.

Amsterdam, im Mai 2022

Ronald Leopold

1. Frankfurt am Main, 1929–​1933

Die Familie

Das kurze Leben der Annelies Marie Frank begann am 12. Juni 1929 in Deutschland, in Frankfurt am Main. In den ersten Jahren lebte Anne mit ihren Eltern Otto und Edith und ihrer drei Jahre älteren Schwester Margot in einer geräumigen Wohnung am Marbachweg im Norden der Stadt. Beide Eltern kamen aus dem Milieu des liberalen Judentums. Annes Vater Otto Frank war 1889 geboren worden und in einer wohlhabenden Bankiersfamilie aufgewachsen. Seine Eltern wohnten im vornehmen Frankfurter Westend, einem Stadtteil, in dem etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung Juden waren. Frankfurt hatte nach Berlin die größte jüdische Gemeinde Deutschlands. 1930 lebten dort ungefähr 31.000 Juden, die rund sechs Prozent der 540.000 Einwohner ausmachten.

Religion und jüdische Traditionen waren im Leben der Familie Frank nicht besonders präsent. Die Familie, in der Otto zusammen mit seinen Brüdern Robert und Herbert und seiner Schwester Helene («Leni») aufwuchs, beging jüdische Feiertage, aber auch das christliche Weihnachtsfest. Die Jungen feierten keine Bar Mizwa, und Otto besuchte auch nicht das Philanthropin, eine angesehene liberale jüdische Schule in Frankfurt, sondern wie sein Bruder Robert das öffentliche Lessing-Gymnasium. Die Franks fühlten sich jedoch der jüdischen Gemeinschaft zugehörig, und ihr religiöser Hintergrund spielte sicherlich auch innerhalb der Familie eine Rolle. Im Lessing-Gymnasium erhielten alle Schüler Religionsunterricht in ihrer Konfession. Otto Frank nahm am jüdischen Religionsunterricht des führenden Reformrabbiners der Frankfurter Hauptsynagoge, Caesar Seligmann, teil, der auch ein guter Freund seines Vaters war. Ansonsten aber fühlte sich Otto Frank in erster Linie als Deutscher. Er identifizierte sich mit dem deutschen Bürgertum und legte großen Wert auf deutsche Musik und deutsche Literatur, auch später bei der Erziehung seiner Töchter. In Interviews nach dem Krieg betonte er, dass die deutsche Identität vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten wichtig für ihn gewesen sei: «Sonst wäre ich ja sicher nicht im Ersten Weltkrieg deutscher Offizier geworden und hätte für Deutschland gekämpft.»

Nach dem Abitur studierte Otto Frank ein Semester Kunstgeschichte in Heidelberg, darauf folgte eine Lehrzeit im Bankhaus Ferdinand Sander, und danach arbeitete er ein halbes Jahr lang als Volontär im Bankhaus L. M. Prince und im Warenhaus Macy’s in New York. Das Volontariat bei Macy’s hatte sich durch seine Freundschaft mit Nathan Straus Jr. ergeben, dem Sohn des Eigentümers von Macy’s, der wie er in Heidelberg studiert hatte und den er 1941 noch um Hilfe bitten würde bei seinem Versuch, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Im Mai 1925 heiratete Otto Frank Edith Holländer aus Aachen. Kennengelernt hatte sich das Paar drei Jahre zuvor auf der Verlobung von Ottos Bruder Herbert, der 1922 eine Freundin Ediths aus Aachen geheiratet hatte. Die Familie von Anne Franks Mutter Edith war nicht orthodox jüdisch, doch erheblich religiöser und traditioneller als Ottos Familie. Ediths Vater und ihre Brüder Walter und Julius gehörten dem Synagogenvorstand an, die Familie besuchte jede Woche das Gebetshaus. Sie begingen den Schabbat und die jüdischen Feiertage und hielten sich an die jüdischen Speisegesetze.

Bei der Trauung wurden die jüdischen Traditionen gewürdigt. Der achtundsiebzigjährige liberale Rabbiner Heinrich Jaulus aus Aachen, der auch Ediths Religionslehrer in der Oberschule gewesen war, segnete das Paar und hielt eine Ansprache. Edith gab nach der Hochzeit zwar einige jüdische Traditionen und Bräuche auf, darunter das koschere Essen, besuchte aber weiterhin jede Woche die Synagoge.

Nach der Hochzeitsfeier in Aachen und einer Hochzeitsreise nach San Remo zogen Otto und Edith in die große Villa von Alice Frank, Ottos Mutter, im Frankfurter Westend. In Frankfurt führten Otto und Edith Frank anfangs ein komfortables Leben und gehörten zur wohlhabenden Mittelschicht. Otto war seit 1919 in der Leitung des von seinem Vater gegründeten und nach ihm benannten Bankhauses Michael Frank tätig. Außerdem leitete er ab 1927 die Sodener Mineralprodukte Gesellschaft, ein Unternehmen, das die Mineralquellen von Bad Soden nutzte und mit Hustenpastillen handelte. Auch diese Firma war längere Zeit im Besitz seines Vaters gewesen.

1926 wurde ihre erste Tochter Margot Betti geboren. Ein Jahr später zog die junge Familie in eine Doppelhaushälfte am Marbachweg 307 im heutigen Stadtteil Dornbusch um. Das am Stadtrand gelegene Neubauviertel war wesentlich weniger nobel als das Westend. Zudem gab es hier keine nennenswerte jüdische Gemeinschaft und nur wenige Unternehmer. Das Viertel war heterogen: Hier wohnten Katholiken, Protestanten und einige Juden, oft Angehörige der unteren Mittelschicht wie Beamte und Lehrer.

Die Familie Frank lebte sich schnell in der neuen Umgebung ein und freundete sich mit den beiden katholischen Familien Naumann und Stab an. Die Familie Naumann war eine Lehrerfamilie, die im Nachbarhaus wohnte. Ihre Tochter Gertrud, die neun Jahre älter war als Margot Frank, hütete oft Margot und die 1929 geborene Anne. Gertrud korrespondierte später, nach der Emigration der Familie Frank in die Niederlande, regelmäßig mit Edith Frank und blieb ihr Leben lang eng mit Otto Frank befreundet. Auch zu den Nachbarn im Obergeschoss der anderen Haushälfte, der Familie Stab, hatten die Franks ein gutes Verhältnis. Margot spielte oft mit den älteren Nachbarstöchtern Hilde und Marianne. Hilde erinnerte sich, dass sie bei ihr zu Hause «Kirche» spielten und Margot dann als «Messdiener» auftrat. 1931 zog die Familie Frank in eine kleinere und günstigere Fünfzimmerwohnung im Erdgeschoss einer Villa an der Ganghoferstraße im sogenannten Dichterviertel um, doch die Freundschaft mit den alten Nachbarn blieb bestehen.

Otto mit Margot und Anne, August 1931

Anne und Margot wuchsen in einem warmherzigen familiären Klima auf. In Interviews nach dem Krieg erinnerten sich ihre Freundinnen an Edith als eine etwas zurückhaltende, aber sanfte und freundliche Frau. Otto war ein engagierter Vater, der gern mit seinen Kindern spielte, ihnen vorlas und Geschichten erzählte. Vor allem zu Anne, erklärte er später, hatte er von Anfang an eine sehr intensive Beziehung. Ihr Vater und andere Familienmitglieder beschreiben Anne als ein fröhliches, lebhaftes Mädchen, wesentlich quirliger und kecker als ihre ältere Schwester Margot. In einem Interview nach dem Krieg betonte auch Kati Steger, die ehemalige Haushaltshilfe der Franks, den Unterschied zwischen den beiden Schwestern: «Margot war die Prinzessin. Sie war akkurat und nahm sich in acht, und wenn es nicht wegen der Wäsche gewesen wäre, so hätte sie ihre Kleidchen gut und gerne eine Woche lang tragen können (…) Doch die Anne war das gerade Gegenteil von Margot. Man mußte sie jeden Tag umziehen, mitunter zweimal am Tage.» Kati erinnerte sich, dass Anne an einem regnerischen Tag fröhlich mitten in einer Pfütze auf dem Balkon saß. Auch als Kati mit ihr schimpfte, machte sie keine Anstalten, aufzustehen. Sie war erst dazu bereit, als Kati versprach, ihr eine Geschichte zu erzählen. Ihr Vater Otto Frank beschrieb Anne später als «einen kleinen, eigenwilligen Rebellen». Von den Problemen und Sorgen, mit denen ihre Eltern und Verwandten konfrontiert waren, bekam Anne als kleines Mädchen nichts mit.

Eine doppelte Krise