Verlag: Ulrike Helmer Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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E-Book-Beschreibung Aprikose im Kopf - Carolin Schairer

Als die Fernsehjournalistin Katja Dannhausen aus den Krisengebieten Afrikas nach Europa zurückkehrt, hält sie sich für abgebrüht, was das Leben angeht. Doch dann begegnet ihr Irina. Nach Jahren als Korrespondentin in Simbabwe, Kongo, Nigeria und Somalia landet Katja zu Hause ausgerechnet beim Stadtfernsehen. Zum Lichtblick in ihrem neuen Leben wird eine Studentin, die bei Katjas Schwester Sophie arbeitet. Von der ersten Begegnung an fühlt sie sich zu der jungen Russin hingezogen, doch es braucht einiges, bis Katja ihr Dasein überdenkt und ihr Herz öffnet … Eingewoben in die Lebensgeschichten zweier ungleicher Schwestern, erzählt Carolin Schairer von der Liebe und von aufrüttelnden Erfahrungen, vom Willen zur Veränderung und dem Mut zum Weitergehen.

Meinungen über das E-Book Aprikose im Kopf - Carolin Schairer

E-Book-Leseprobe Aprikose im Kopf - Carolin Schairer

Inhalt

Kaltes Land ohne warmes Lächeln

Feiertage mit Familienanschluss

Alte Bekanntschaften und neue Perspektiven

Silvestergeplänkel mit klaren Worten

Ein unerwarteter Besuch

Kindergarten ohne Kinder

Die Welt hinter der Scheinwelt

Szenen im Szenelokal

Der Morgen nach der Nacht

Traumhafter Albtraum

Aprikose im Kopf

Bilanz des Lebens

Freudiges Erwachen und erwachende Freude

Aussprache mit Körper und Seele

Carolin SchairerAprikose

im Kopf

Roman

Ulrike HELMER Verlag

ISBN (eBook) 978-3-89741-948-3

ISBN (Print) 978-3-89741-330-6

© 2019 eBook nach der Originalausgabe

© 2011 Originalausgabe Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/TaunusAlle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Atelier KatarinaS / NLunter Verwendung des Fotos »woman outdoor shopping« © jeancliclac / fotolia

Ulrike Helmer Verlag

Blütenweg 29, D-64380 Roßdorf b. Darmstadt

E-Mail: info@ulrike-helmer-verlag.de

www.ulrike-helmer-verlag.de

Kaltes Land ohne warmes Lächeln

»Gehen Sie doch weg da!«

Die füllige Dame, die eben noch unauffällig am Gepäckband gestanden und versonnen die Anzeigetafel betrachtet hatte, drängte sich jählings an Katja vorbei und stieß ihr dabei resolut in die Rippen. Katja war überrascht, wie spitz der Ellbogen einer derart beleibten Frau sein konnte, zumal wenn sie obendrein noch einen Daunenmantel trug.

Die Dame kämpfte nun mit einem übergroßen roten Koffer. Verzweifelt versuchte sie das riesige Gepäckstück vom Band zu zerren, doch das Ungetüm bewegte sich trotz ihrer Versuche nur wenig. Stattdessen wurde sie allmählich vom Gepäckband mitgezogen, während sie ihr Hab und Gut eisern umklammerte und in unverkennbarer Panik rief: »Mein Koffer, mein Koffer!«

Die Leute um Katja herum betrachteten die Szene weitgehend unbeteiligt. Zwei junge Männer neben ihr – sie schätzte sie spontan auf Mitte zwanzig – kicherten amüsiert. Inzwischen verursachte die Daunenmantelfrau einen Stau übereinanderfallender Gepäckstücke, war aber noch immer nicht bereit, ihren Klammergriff zu lockern. Lieber stolperte sie über zwei Kleinkinder, die zu Füßen ihrer Eltern am Boden kauerten und gespannt das Gepäckband beobachtet hatten.

Rums! Ruckartig kam es zum Stillstand.

Die Dame zerrte weiterhin an ihrem Koffer. Die Leute um sie herum schimpften. Ganz besonders laut schimpften die Eltern, deren Kinder sie umgerannt hatte.

Ein Typ im grauen Anzug kämpfte sich jetzt an Katja vorbei. Seine Ellbogen waren glücklicherweise etwas weniger spitz als die der Dame, doch in Entschlossenheit stand er ihr in nichts nach.

Endlich hilft ihr jemand, dachte Katja, wurde aber bald eines Besseren belehrt: Statt der Dame den Koffer herabzuheben, baute sich der muskulöse Mittvierziger vor ihr auf und ließ eine Ode vulgärer Schimpfwörter auf sie herabprasseln.

Die Daunenmantelfrau starrte ihn mit großen Augen an. Sie war ganz bleich im Gesicht. Ihr Doppelkinn zitterte. Die ganze Zeit über hielt sie weiterhin den Griff ihres Koffers umklammert, als ginge es um ihr Leben.

Die Eltern, deren Kinder noch immer heulten, stimmten in die Tirade ein. Die beiden jungen Männer hörten auf zu kichern und begannen sich lautstark darüber aufzuregen, dass das Gepäckband noch immer still stand.

Katja wurde die Szene zu dumm. Entschlossen schob sie sich nach vorne zu der Frau und griff nach dem roten Riesenteil.

Die füllige Dame erwachte aus ihrer Erstarrung. »Das ist mein Koffer!« Sie funkelte Katja böse an. Ihr Doppelkinn zitterte wieder – diesmal aber eindeutig aus Empörung darüber, dass sich eine zweite Hand um den Koffergriff gelegt hatte und energisch daran zog.

Katja unterdrückte ein innerliches Seufzen. »Das weiß ich«, sagte sie und bemühte sich um einen beruhigenden Tonfall. »Ich will Ihnen ja nur helfen. Wenn wir gemeinsam anpacken, haben Sie Ihr Gepäck bald wieder ganz für sich.«

Die Dame sagte nichts mehr, doch die Skepsis in ihren Augen blieb. Gemeinsam gelang es ihnen, das rote Monster vom Band zu heben. Doch statt eines Dankes schenkte die Frau Katja einen Blick, der sie wahrscheinlich direkt in die Hölle hätte schicken sollen. Da Katja die Hölle gerade hinter sich gelassen hatte, verfehlte der Blick seine Wirkung und rief bei ihr nur Verwunderung hervor.

Sie würde nie verstehen, dass Leute, denen es auf den ersten Blick offensichtlich an nichts fehlte, derart aggressiv und asozial mit ihren Mitmenschen umgingen – zumal, wenn sie ihnen nur helfen wollten.

Die füllige Dame drehte sich ohne ein weiteres Wort um und verschwand, den Koffer hinter sich herzerrend, in der Menschenmenge. Das Fließband lief wieder an. Undank sei eben der Welten Lohn, sagte schräg hinter Katja eine Frau zu ihrer Freundin, aber das käme davon, wenn man »so einer« helfe.

Katja wollte nur weg von diesen Menschen, die ihr plötzlich so fremd waren, obgleich sie eben noch im selben Flugzeug gesessen hatten. Glücklicherweise fuhren ihr eigener Koffer und die große Reisetasche fast gleichzeitig an ihr vorbei und gaben ihr Gelegenheit, diesen Wunsch in die Tat umsetzen.

Zoll oder freier Durchgang.

Sie hatte nichts zu verzollen. Was denn auch? Also wählte sie den freien Durchgang. Dass sie trotzdem aufgehalten wurde, überraschte sie nicht besonders. Das »CPT« für Capetown, Kapstadt, ihren Abflugort, ließ bei den Zollbeamten der westlichen Welt die Alarmglocken schrillen.

Der Beamte, der sie abgefangen hatte, fragte sie auf Englisch der Ordnung halber, ob sie etwas zu verzollen hätte; sie antwortete sehr höflich auf Deutsch, dass sie nicht ohne Grund den freien Durchgang gewählt hätte, und bemühte sich, ihren aufkeimenden Sarkasmus zu unterdrücken.

Zollbeamte, gleich welcher Nationalität, hatten allgemein wenig Humor. Das wusste sie aus leidiger Erfahrung.

Gehorsam öffnete sie Tasche und Koffer, sah mit unbewegter Miene zu, wie ein weiterer Beamter ihre T-Shirts und Hosen auffaltete und freundlicherweise auch wieder zusammenlegte – so korrekt, als hätte er einen Kursus für angehende Hausmänner besucht –, ihre Spitzenunterwäsche durchwühlte und ihren Kulturbeutel genauestens unter die Lupe nahm.

»Make-up?«

Sein strenger Blick durchbohrte sie.

Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis sie begriff, was ihn eigentlich irritierte. Unschwer ließ in seinem ebenmäßigen, geradlinigen Gesicht ablesen, was in seiner Gedankenwelt vor sich ging: Frau. Einigermaßen attraktiv. Spitzenunterwäsche. Kosmetik. Make-up …? Was, kein Make-up? Verdächtig!

Möglicherweise wollte er sich aber auch nur vergewissern, dass sie im losen Puder kein Päckchen mit Heroin versenkt hatte.

»Habe ich nicht«, sagte sie wahrheitsgemäß, weil sie es schon immer gehasst hatte, sich braune Paste ins Gesicht zu schmieren und darüber eine Puderschicht zu kleistern. Auch mit Wimperntusche und Lidschatten stand sie seit jeher auf Kriegsfuß.

»Ihr Handgepäck bitte«, verlangte der Zollbeamte, und sein junger Kollege, der Katja zuvor abgefangen hatte, ergänzte zögernd: »Ihren Pass bräuchten wir auch noch.«

Katja übergab dem einen den Pass, dem anderen den abgewetzten Seesack, der ihr seit Jahren als Handtaschenersatz diente. Sie verkniff sich die Bemerkung, dass dieser Sack bereits mehrere Handgepäckskontrollen durchlaufen hatte, und zwar ohne Beanstandung.

Katja sah zu, wie der Beamte nacheinander ihre rote Geldbörse, einen Haargummi mit blauem Stoffüberzug, ein Buch mit dem Titel »Der Liebhaber des Vulkans« von Susan Sontag, ein Taschenbuch aus der Reihe »Freche Frauen« und schließlich eine Ausgabe des Playboy aus dem Seesack herausangelte.

Er hielt inne, schaute erst den Playboy an, dann Katja, und ließ die Augen über die beiden Bücher gleiten. Offensichtlich versuchte er sich einen Reim darauf zu machen, was das für eine war. Den Playboy hielt er noch immer in der Hand. Katja überlegte, ob sie ihm das Exemplar, das sie im Flugzeug gratis bekommen hatte, vielleicht schenken sollte – sie selbst hatte es bereits während des Fluges durchgeblättert. Doch sie verkniff sich jede Äußerung.

»Außergewöhnliche Reiseziele haben Sie da in Ihrem Pass.« Die skeptische Stimme des jüngeren Zollers, der sich ausgiebig mit dem Dokument beschäftigt hatte und dort der zahlreichen Ein- und Ausreisestempel gewahr geworden war, riss sie aus ihren Überlegungen über die Humorlosigkeit von Zollbeamten. »Simbabwe. Kongo. Nigeria. Somalia.« Er zählte die Ziele auf, die er trotz der teilweise verschwommenen Stempelfarbe erkennen konnte. »Da kommt nicht jeder hin.«

Katja sah keine Notwendigkeit, etwas darauf zu erwidern.

»Was haben Sie dort gemacht?« Der Argwohn leuchtete dem jungen Zollbeamten aus den stahlblauen Augen.

»Ich war dort beruflich unterwegs.«

»Beruflich, aha.« Der Argwohn war nicht geringer geworden. »Und in welcher Funktion?«

Katja wollte gerade antworten, als sich sein Kollege unwirsch zu Wort meldete. Er hatte aus den Tiefen ihres Seesacks die Spiegelreflex-Digitalkamera hervorgeholt.

»Und was ist das?«

Katja rang sich ein höfliches Lächeln ab und erwiderte süffisant: »Was glauben Sie denn, was es ist? Eine Taschenlampe?«

»Sparen Sie sich die Witze«, entgegnete der Beamte, und Katja sah ihre Vermutung bestätigt: Der Mann hatte tatsächlich keinen Humor. »Ich nehme an, Sie haben eine Rechnung dabei, mit der Sie uns bestätigen können, dass Sie die Kamera in Europa gekauft haben und somit nicht gegen das Zollgesetz verstoßen? – Schmuggel ist kein Kavaliersdelikt.«

Schmuggel, dachte Katja und fand die ganze Szenerie nur lächerlich. Als ob eine einzige Kamera, die von Südafrika nach Europa eingeführt wurde, als Schmuggel zu bezeichnen wäre! Bei dem Wort dachte sie an kiloweise Heroin, tausende Stangen von Zigaretten und vielleicht auch an mehrere hundert Packungen gefälschtes Viagra, aber ganz sicher nicht an eine Kamera.

Eine Rechnung konnte sie natürlich nicht vorweisen, zumal der Fotoapparat nebst den zwei Objektiven von einem ihrer Kollegen stammte, einem Berufsfotografen. Der Kauf war ziemlich spontan nach einer Flasche mittelmäßigem südafrikanischen Chardonnay in einem Restaurant in Pretoria erfolgt, nachdem John sich gerade eine komplett neue Fotoausrüstung zugelegt hatte.

Ein Blick in das unnahbare Gesicht des Zollers sagte Katja, dass es nichts bringen würde, ihm diese Geschichte zu erzählen, auch wenn sie der Wahrheit entsprach.

»Die Kamera ist nicht neu, sondern gebraucht«, erklärte sie sachlich. »Es gibt keine Rechnung mehr, aber wenn sie rechts am Gehäuse des Geräts den kleinen Sprung bemerken, werden Sie mir hoffentlich endlich glauben, dass ich hier keinen groß angelegten Schmuggel nagelneuer Elektrogeräte betreibe.«

Der Beamte beäugte den Sprung.

»Wie ist das passiert?«

Katja seufzte. Gerne hätte sie mit einer atemberaubenden, spektakulären Afrika-Geschichte gedient: Dass sie auf der Flucht vor einem wild gewordenen Flusspferd mit der Kamera gegen einen Felsen geprallt und in letzter Sekunde von einem smarten Ranger gerettet worden sei. Dass sie in Johannesburg knapp einem Raubüberfall entgangen sei, indem sie dem Räuber aus Verzweiflung die Kamera auf den Kopf schlug.

Der erste Raubüberfall, in den sie zu Beginn ihres Aufenthalts in Afrika verwickelt gewesen war, war relativ unspektakulär verlaufen: In Nigeria, kurz, nachdem sie den Flughafen verlassen hatte, war ihr Fahrer von zwei schwarzen Jugendlichen auf Mopeds gestoppt worden. Der eine hatte eine uralte Knarre durch das offene Fenster gesteckt und »Money, Money!« geschrien, während der andere bereits ihre Tasche an sich riss. Nachdem sie bekommen hatten, was sie wollten, waren sie wieder abgerauscht, und Katja konnte ihre Fahrt ohne weitere Zwischenfälle fortsetzen. Ihr Herz schlug noch eine ganze Weile wie rasend gegen ihre Brust.

Abgesehen von ihrem Herzklopfen und ihren schweißnassen Händen hatte der Überfall jedoch keine wirkliche Beeinträchtigung mit sich gebracht, denn sie war darauf vorbereitet gewesen. Kollegen hatten sie vor Nigeria gewarnt. Also hatte sie ihr Geld sorgsam am ganzen Körper verteilt getragen. Der Großteil davon steckte immer in ihrer Unterhose. Das war zwar gewöhnungsbedürftig, doch die sicherste Vorbeugung, um nicht irgendwann mittellos auf der Straße zu stehen.

Von da ab wurde sie noch vorsichtiger – sowohl, was die Wahl ihrer Fahrer anging, als auch die Routen, auf denen sie sich bewegte. Trotzdem war sie nach diesem ersten Schreckenserlebnis noch in zwei Überfälle verwickelt worden. Sie hatte sich nie auf Konfrontationen eingelassen, sondern stets einen Teil ihres Geldes als eine Art Tribut gezahlt und so das Aggressionspotenzial der Täter im Keim erstickt. Dennoch war sie sich nach jedem dieser Erlebnisse bewusst gewesen, welch enormes Glück sie gehabt hatte. Ein Menschenleben war in vielen Gebieten dieser Welt nichts wert.

Die Geschichte mit dem Flusspferd hätte den Zollbeamten möglicherweise erheitert. Wie so oft, war die Wahrheit weit weniger aufregend. »Ich bin über einen Hund gestolpert, als ich ein Kind fotografieren wollte«, gab sie Auskunft.

»Haben Sie vielleicht ältere Bilder auf dem Speicherchip, die beweisen, dass die Kamera keine Neuanschaffung ist?«

Nicht das. Bitte nicht.

»Ja.« Sie blickte dem Beamten geradewegs ins Gesicht. »Aber ich rate Ihnen dringend, sich die Bilder lieber nicht anzusehen.«

Schon in dem Moment, als sie den Satz aussprach, wusste sie, dass es der denkbar schlechteste war. Jetzt hatte sie ihn auch noch neugierig gemacht.

Okay, bitte. Ich habe dich gewarnt.

Sie nahm ihm die Kamera aus der Hand, schaltete sie ein und drückte einige Male auf das grüne Dreieck, bis das erste Foto auftauchte, dessen Datumsanzeige ihre Unschuld bewies.

Mit unbewegter Miene reichte sie dem Zollbeamten das Gerät.

Viel Spaß damit.

»Sie haben uns noch immer nicht gesagt, was Sie beruflich machen.«

Die Stimme des jungen Kollegen klang nun etwas quengelig. Katja fühlte sich unweigerlich an ein Kind erinnert, das nicht bekam, was es unbedingt haben wollte.

»Wo haben Sie diese Fotos aufgenommen?« Blankes Entsetzen stand in den Augen des Mannes.

»In einem Dorf im Westsudan.« Sie nahm die Kamera entgegen, die er ihr nun bereitwillig übergab. »Das Dorf ist zwei Tage zuvor von Rebellen überfallen worden. Wir waren die ersten vor Ort.«

Der Zollbeamte starrte sie nun an wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Er war kreidebleich.

»Ich bin Journalistin«, sagte sie erklärend, um auch die Frage seines Kollegen zu beantworten. »Hier ist mein Presseausweis.« Sie zog die Plastikkarte mit ihrem Foto und dem Logo des Deutschen Journalistenverbandes aus ihrer Jackentasche und hielt sie dem Beamten, der auch den Pass hatte, unter die Nase.

Dem Zoller schien nun ein Licht aufzugehen. »Sie sind die Katja Dannhausen aus dem Fernsehen? Die in die Nachrichten eingeblendet wird, live aus irgendeinem Krisengebiet?«

»Meistens ist es nicht live, sondern eine Aufzeichnung«, sagte sie knapp und nahm Pass und Seesack wieder in Empfang.

Fünf Minuten später konnte sie ungehindert passieren.

In der Menge der Wartenden entdeckte sie die Gesichter von Sophie und Ben. Ihre Schwester begann zu lächeln und zu winken, Katja lächelte dankbar zurück.

Sophie war der erste Mensch, der ihr in diesem Land, in dem sie geboren und aufgewachsen und das ihr jetzt so fremd war, ein Lächeln schenkte.

Katja bahnte sich einen Weg durch die Menschen und fiel ihr in die Arme.

Ihre Schwester! Wie lange hatten sie sich nicht mehr gesehen? Eineinhalb Jahre, oder waren es zwei?

Das letzte Mal war sie in Deutschland gewesen, als ihre Aussage bei einem heiklen Erbschaftsstreit von Nöten war. Das Gerichtsverfahren hatten sie und ihre Schwester gewonnen. Von dem Geld hatte sich Sophie, soweit Katja wusste, eine Eigentumswohnung gekauft; ihr eigener Anteil dagegen lagerte noch auf der Bank.

»Katja, wie schön!« Sophie küsste sie links und rechts auf die Wange. »Wie war dein Flug?«

»Alles okay.« Katja wollte sich nicht im Detail darüber ergehen, dass die Maschine in Kapstadt erst mit Verspätung abgeflogen war und sie daher beim Umsteigen in München wie eine Marathonläuferin von einem Terminal in den nächsten hatte hetzen müssen, um ihren Anschlussflug zu bekommen. Jetzt war sie hier, das war die Hauptsache.

Sophie sah gut aus, stellte sie mit einem kurzen Blick fest. Das hellbraune Haar war zu jenem Haarknoten aufgesteckt, der bereits zu Schulzeiten ihre Standard-Frisur gewesen war und wegen dem die Mitschüler sie oft geneckt hatten. Doch das hatte ihre Schwester nicht dazu verleitet, ihr Erscheinungsbild zu ändern. Der Haarknoten blieb und wurde eine Art Markenzeichen von zeitloser Eleganz.

Sophie wirkte ausgeruht und voller Energie. Ihre Augen glänzten. Katja sah, dass sie sich wirklich über ihr Wiedersehen freute. Ihre Freude war ansteckend. Katja fühlte sich willkommen, und dieses Gefühl war warm und angenehm.

»Gib mir deine Tasche und deinen Koffer, das musst du doch nicht selbst schleppen!« Ben, ihr Schwager, nahm in Gentleman-Manier beides an sich. Sie setzten sich in Richtung Tiefgarage in Bewegung. Katja fühlte Sophies freudigen Blick auf sich ruhen.

»Ich kann immer noch nicht glauben, dass du wieder hier bist«, sagte Sophie. »So plötzlich. So schnell. Mir kommt es vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass du mich angerufen und gesagt hast, du kämst für immer zurück!«

»Nun, es ist immerhin zehn Tage her«, sagte Katja. »Zeit genug, um alles zu organisieren.«

»Haben sie so schnell Ersatz für dich gefunden?«

Katja lächelte flüchtig. »Du ahnst gar nicht, wie leicht es im Grunde ist, jemanden zu finden, der meinen Job als Karrieresprungbrett sieht«, bemerkte sie mit leichtem Sarkasmus in der Stimme. »Oder als Abenteuer. Du kennst die Branche, Sophie. Es gibt tausende junger Journalistinnen und Journalisten, die nach einer derartigen Chance lechzen.«

»Vermutlich.«

Sie waren in der Tiefgarage angelangt. Ben öffnete den schwarzen Dreier-BMW per Fernsteuerung. Katja fiel auf, dass der Wagen ziemlich neu war. Der Lack hatte noch keinen Kratzer. Keine Frage, ihrer Schwester ging es gut – in jeder Hinsicht.

Sophie hatte Ben, der mit vollem Namen Benjamin Schmuck hieß, gegen Ende ihres Studiums auf der Party einer Freundin kennengelernt.

Diesen Mann werde ich heiraten, hatte sie Katja am nächsten Tag berichtet, und Katja hatte nur gedacht: Sie spinnt komplett. Nur ein halbes Jahr später stand sie bereits als Trauzeugin neben den beiden im Standesamt. Das war nun rund sieben Jahre her.

»Wir bringen dich auf direktem Weg in Marlenes Wohnung, wenn es dir recht ist«, schlug Sophie vor, als sie sich wenig später auf der Autobahn in Richtung Stadt befanden. »Oder möchtest du vorher noch etwas essen gehen?«

Katja war seit knapp vierundzwanzig Stunden unterwegs. Die Vorstellung, sich jetzt auch noch mit den beiden in ein Lokal zu setzen, zu essen und Konversation zu halten, hatte für sie den Charme eines regenfreien Jahres in der Sahelzone.

»Danke. Ich habe bereits im Flugzeug gegessen.«

Das war nicht einmal gelogen, sofern das pappige Schinken-Käse-Sandwich, das sie auf dem Kurzstreckenflug von München hierher vorgesetzt bekam, als Mahlzeit deklariert werden konnte.

»Es tut mir echt leid, dass wir dir die kleine Wohnung nicht zur Verfügung stellen können«, meinte Sophie nun entschuldigend. »Ein paar Wochen vorher, wenn du uns Bescheid gegeben hättest, dass du zurückkommst, und wir hätten alles anders organisiert …«

»Was aber schwierig gewesen wäre«, warf Ben ein, während er eine Kolonne von LKWs überholte.

So geordnet. Alles ist hier so übersichtlich, so strukturiert.

Katja merkte, dass es einige Zeit dauern würde, bis sie sich wieder daran gewöhnt hätte, dass die Leute hier bei stockendem Verkehr bereits von einem Horrorstau sprachen und eine durchschnittlich befahrene Hauptstraße bereits als Hauptverkehrsader galt.

»Ja, aber wir hätten es versuchen können«, meinte Sophie hartnäckig. »Mir wäre schon etwas eingefallen.«

»Das ist schon okay.« Katja fand, dass ihre Schwester ohnehin eine gute Lösung gefunden hatte – fürs Erste. Marlene war eine ehemalige Studienkollegin von Sophie, die vor rund einem Monat zu ihrem Freund nach Australien gezogen war. Probeweise, wie sie sagte. Das hieß, dass sie ihre Wohnung vorerst nicht aufgeben wollte und über Zwischenmieter, die ihre Fixkosten senkten, dankbar war.

»Was habt ihr eigentlich mit euren Kleinen gemacht?«

Erst jetzt wurde Katja die Abwesenheit ihrer zwei Nichten bewusst. Zwillinge. Als Katja die beiden das erste und bisher einzige Mal in ihrem Leben in natura gesehen hatte, waren sie ungefähr drei Jahre alt gewesen. Seitdem hatte Sophie gelegentlich Fotos geschickt. Die beiden Mädchen sahen Sophie ähnlich: sie hatten ihr schmales Gesicht und ihre markante, kantige Nase. Die braunen Augen hatten sie von Ben. Sie glichen wie ein Ei dem anderen. Katja konnte sie nicht unterscheiden.

»Zu Hause gelassen«, meinte Ben. »Ich wollte die Hände frei haben für dein Gepäck.«

»Wie zuvorkommend.« Katja schmunzelte, wurde dann aber ernst. »Ich hätte meine Koffer auch weiterhin selbst geschleppt. Wegen mir hättet ihr euch keinen Babysitter engagieren müssen.«

»Haben wir auch nicht«, entgegnete Sophie mit einer von Zufriedenheit gesättigten Stimme. »Wir haben jetzt etwas viel besseres!«

»Ach ja?«

Ein wirksames Schlafmittel, dass zwei lebendige Fünfjährige stundenlang ruhig stellt?

»Wir haben jetzt ein Au-Pair-Mädchen!«, platzte Sophie mit der Neuigkeit heraus, die sie ihr in den bisherigen Mails verschwiegen hatte. »Irina. Eine tolle Lösung: Sie ist fast den ganzen Tag verfügbar, kümmert sich um die Kinder, wann immer wir sie brauchen, und hilft auch noch im Haushalt.«

Für Katja klang das auf Anhieb wie modernes Sklaventum. Doch sie verkniff sich ihre Anmerkung und sagte stattdessen: »Und du hast keine Angst, so ein junges Mädchen mit deinen Kindern allein zu lassen?« In ihrer Erinnerung hatte Sophie in allen Angelegenheiten, die ihren Nachwuchs betrafen, immer etwas überbesorgt gewirkt.

»Nein, gar nicht«, antwortete sie zu Katjas Erstaunen. »Irina ist eine wahre Perle. Wir haben wirklich großes Glück mit ihr. Nicht nur, dass sie uns unerwartet schnell als Au-Pair angeboten wurde. Nein – sie ist auch wirklich äußerst zuverlässig und verantwortungsbewusst. Sie spricht sehr gut Deutsch, sie kann gut mit Kindern umgehen … Leonie und Lara lieben sie! – Deshalb können wir dir die kleine Wohnung ja nicht geben. Irina wohnt dort. Sie ist seit knapp drei Wochen da, und sie wird uns ein ganzes Jahr erhalten bleiben.«

»Das klingt ja ganz nett«, meinte Katja, ohne sich in diesen Umstand näher zu vertiefen.

»Ich werde ab Mitte Januar wieder arbeiten. Ganztags.«

»Oh.«

Mehr wusste Katja im Augenblick nicht darauf zu sagen. Es überraschte sie nicht sonderlich. Sophie hatte immer betont, dass sie sich nicht für den Rest ihres Lebens mit einem Dasein als Hausfrau und Mutter zufrieden geben würde.

»Man hat mir die Europa-Leitung der Öffentlichkeitsarbeit eines der weltweit größten Pharmaunternehmen angeboten«, sagte Sophie, und Katja hörte an ihrer Stimme, wie unglaublich begeistert ihre Schwester von dieser Tatsache war. »Ich konnte einfach nicht nein sagen! Ich habe mein Leben lang auf so ein Angebot gewartet.«

Katja konnte ihre Euphorie durchaus nachvollziehen. Vor ihrer Schwangerschaft hatte Sophie bei einer großen PR-Agentur in leitender Position gearbeitet. Sie, die drei Jahre ältere, hatte in der Familie immer als die »Karrierefrau« gegolten, während Katja die Rolle einer »realitätsfernen Aktivistin« zugekommen war. Zumindest hatte ihr Vater sie als solche bezeichnet und war zu diesem Urteil möglicherweise nur deshalb gekommen, weil er, seit Jahrzehnten eingefleischter CDU-Wähler, ihren Beteiligungen an Demonstrationen gegen Rassismus und für den Umweltschutz mit unverhohlener Skepsis begegnete.

Für Katja war sein Urteil damals längst nicht mehr wichtig gewesen. Für Sophie allerdings schon, wie Katja wusste. Sie war lange Zeit stolz darauf, dass ihr Vater so große Stücke auf sie hielt.

»Das freut mich für dich, Sophie«, meinte Katja. »Aber glaubst du nicht, dass du in deiner neuen Position sehr viel reisen wirst? Europa-Leitung, das klingt für mich nicht nach einem reinen Schreibtisch-Job.«

»Ja, ich weiß.« Die Begeisterung in Sophies Stimme kletterte die imaginäre Leiter von Ruhm und Erfolg noch ein paar Sprossen nach oben. »Ich werde das schon alles so einrichten. Es gibt ja, wie gesagt, Irina. Außerdem unterstützt mich Ben nach besten Kräften.«

Sie legte ihm die Hand auf den Oberschenkel, und er sah kurzzeitig nicht auf die Straße, sondern lächelte sie an. In seinem Blick lag eine Mischung aus Zärtlichkeit und Stolz.

Katja spürte zum ersten Mal seit langer, langer Zeit einen feinen Stich in ihrem Herz.

Oh Gott, ich bin neidisch …

Sie biss sich auf die Lippen. Sie hatte kein Recht darauf, ihrer Schwester das Glück zu missgönnen.

Jeder war seines eigenen Glückes Schmied.

In dieser Hinsicht war sie einfach eine zu schlechte Schmiedin.

Marlenes Wohnung befand sich in einer Siedlung in den westlichen Außenbezirken, in einem grauen Betonklotz aus den siebziger Jahren mit annähernd zwanzig Stockwerken. Die Wohnung lag im dritten Stock. Der Aufzug quietschte, als er sich in Bewegung setzte; die Gänge waren so eng, dass zwei Personen Mühe hatten, nebeneinander zu gehen. Es roch nach Kohl und gebratenem Fleisch. Noch ehe sie die Wohnung betrat, beschloss Katja, dass sie hier nicht lange bleiben würde.

Als sie schließlich die Türe aufgesperrt hatte, sah sie sich in ihrem Beschluss gestärkt. Das Mobiliar war dunkel und klobig; statt Parkett gab es in der ganzen Wohnung einen abgewetzten grauen Teppichboden. Das Badezimmer bestach mit beige-braunen Kacheln. Katja stellte seufzend die Koffer ab.

»Ich weiß – Marlene hat in Sachen Einrichtung keinen besonders tollen Geschmack«, warf Sophie ein, der ihr Blick nicht entgangen war. »Sie hat die Wohnung quasi unverändert von ihrer Mutter übernommen. Ihr Einkommen steckte sie fast vollständig in die Flugtickets zu ihrem Freund, da blieb nicht mehr viel übrig für neue Möbel.«

Katja hatte in Afrika manches Mal schlechter gewohnt, doch sie hatte immer gewusst, dass ihre jeweiligen Aufenthalte nur vorübergehend waren. Für eine Wohnung, die ein dauerhaftes Zuhause darstellen sollte, konnte selbst sie sich kein derartiges Mobiliar und schon gar kein beige-braunes Retrobad vorstellen.

Trotzdem nahm Katja rund eine Stunde später in eben diesem Badezimmer das erste Vollbad seit Jahren, und sie fühlte, wie die Müdigkeit, die sie so erfolgreich verdrängt hatte, mehr und mehr Besitz von ihr ergriff.

Ehe sie zu Bett ging, schaltete sie noch den Fernseher ein. In den Nachrichten wurde über die Klimakonferenz in Bali berichtet, die US-Regierung angeprangert und über die Explosion einer Autobombe im Gaza-Streifen berichtet. Den Abschluss bildete eine winzige Meldung über Zwischenfälle in Darfur, und Katja fragte sich resigniert, warum aus diesem Ereignis überhaupt noch eine Meldung für die Abendnachrichten geworden war. War das nicht eigentlich schon Alltag?

Sie dachte an die Fotos auf ihrer Kamera, an das bleiche Gesicht des Zollbeamten und an die Dame, die ihren Koffer nicht loslassen wollte.

Sie fühlte in sich eine dumpfe, schmerzhafte Leere.

Aus freier Entscheidung war sie in eine Welt zurückgekommen, in der sie sich im Moment so fremd fühlte wie eine Wüstenrennmaus. In eine Welt, in der die Menschen in der Regel schlecht gelaunt waren, ihren Mitmenschen spitze Ellbogen in die Seite rammten und sich an Paragraphen festklammerten.

Innerlich bebend vor Anspannung nahm Irina den Brief, den ihr Sophie mit den Worten »Post von zu Hause« entgegenstreckte. Es war das erste Mal seit ihrer Ankunft vor fünf Wochen, dass sie Post aus ihrer Heimat erhielt. An der krakeligen Handschrift erkannte sie sofort, von wem das Schreiben war, und sie hoffte inständig, dass Sophie das Zittern ihrer Hand entging.

Schnell steckte sie den Brief in ihren Hosenbund. Sie konnte ihn nicht lesen, nicht vor Sophies freundlichen, nichts ahnenden Augen und schon gar nicht, während die Zwillinge hinter ihr vergnügt spielten. Sie wusste, sie würde weinen, was auch immer in diesem Brief stehen mochte. Es genügte, dass er von Nadia war. Sie hatte nicht daran geglaubt, je wieder von ihr zu hören oder zu lesen. Wie in Trance half sie, das Mittagessen vorzubereiten. Sophie plauderte allerlei Belangloses, während sie an Nadia dachte und gleichzeitig auch daran, wie gut sie es doch erwischt hatte mit dieser Gastfamilie in Deutschland: Frau, Mann, zwei Kinder, ganz wie es sich gehörte, und allesamt nett und unkompliziert. So freundlich.

Von den anderen Mädchen aus dem internationalen Au-Pair-Programm, mit denen sie sich einmal die Woche regelmäßig zu Unternehmungen traf, wusste sie, dass es auch ganz anders hätte sein können. Eines der Mädchen, Mara, eine Italienerin, war beispielsweise bei einer alleinstehenden Rechtsanwältin untergekommen. Die Anwältin war fünfzig und hatte einen zehnjährigen Sohn, der alles durfte. Er bestimmte, was auf den Tisch kam, mäkelte am Essen herum und erteilte ihr Befehle. Er durfte das, weil seine Mutter anscheinend geistig dem 19. Jahrhundert verhaftet war und das italienische Au-Pair als seelenlose Dienstbotin sah, nicht als eine Mara aus Rom, die nach Deutschland gekommen war, um die Sprache zu erlernen.

Galina aus der Ukraine war in einer Familie mit sechs Kindern untergekommen. Die Eltern gehörten einer christlichen Sekte an und verlangten von ihr, sich an den religiösen Zeremonien – inklusive regelmäßigem Aufstehen um halb fünf Uhr morgens mit anschließendem halbstündigen gemeinsamen Gebet – zu beteiligen. Und das, obwohl Galina überzeugte Atheistin war.

Suzana aus Serbien wohnte bei einem Ehepaar mit einer schwerbehinderten Tochter. Es gehörte zu Suzanas Aufgaben, die Zwölfjährige zu füttern und auch zu wickeln. Für die zierliche Serbin war allein das schon körperliche Schwerstarbeit.

Insofern wusste Irina nur zu gut, wie wundervoll sie es mit der kommunikativen Sophie, dem smarten Familienvater Ben und den lebhaften Zwillingen getroffen hatte. Ein Ehepaar Mitte dreißig, beide aufgeschlossen und modern, angenehm im Umgang. Dann die Zwillinge, die in Irinas Augen zwar ziemlich verwöhnt, aber trotzdem sehr niedlich waren. Und eine eigene kleine Wohnung, in der sie leben konnte – mit separatem Eingang und Badezimmer. So schön hatte sie noch nie gewohnt! Zu Hause hatte sie viele Jahre mit ihrer Großmutter das Bett geteilt. Später hatte sie mit Nadia in einem Zimmer gewohnt, das kaum größer gewesen war als ihr jetziges Bad.

Während des Essens drückte das Briefkuvert im Hosenbund und kratzte gleichzeitig an ihrer nackten Haut. Sie dachte noch mehr an Nadia, vergaß das Kratzen und dann auch noch das Essen, bis Sophies besorgte Stimme an ihr Ohr drang: »Schmeckt es dir nicht, Irina? – Du kannst auch etwas anderes haben, wenn du den Sauerbraten nicht magst.«

Irina versicherte eilig, wie vorzüglich der Braten sei, und nahm, um ihre Worte zu unterstreichen, sogar noch ein zweites Stück. Es wäre unhöflich gewesen, Sophie zu kränken.

Nach dem Essen hoffte sie auf ein paar Minuten nur für sich, um in ihre Wohnung gehen und Nadias Brief, den Brief aller Briefe, lesen zu können. Doch Sophie zog sich bereits ihren Mantel an und sagte: Ich treffe mich jetzt für ein paar Stunden mit meiner Schwester. »Bitte beschäftige die Zwillinge. Wenn du magst, kannst du ja mit ihnen zur Eishalle gehen. Die Schlittschuhe der Kinder findest du im Garderobenkasten. Wenn du keine hast, kannst du dort Schuhe ausleihen, das ist kein Problem. Oder du gehst mit ihnen einfach nur spazieren. Es liegt zwar kein Schnee und der Park dürfte ziemlich trist sein, aber die beiden müssen an die frische Luft.«

Damit war sie auch schon verschwunden, und Lara und Leonie schrien: »Eislaufen! Eislaufen!«

Der Brief musste folglich warten.

»Und was wirst du jetzt beruflich tun?«

Katja fühlte Sophies Blick über dem Rand der Teetasse, an der diese gerade nippte, auf sich ruhen. Es war einer dieser besorgten Große-Schwester-Blicke, die deutlich zum Ausdruck brachten, dass sie erhebliche Zweifel daran hatte, ob Katjas übereilte Rückkehr nach Deutschland unter karrierepolitischen Aspekten als sinnvoll erachtet werden konnte.

Katja löffelte langsam den Milchschaum von ihrem Cappuccino, ehe sie antwortete.

»Ich bin nicht arbeitslos, Sophie. Ich bin immer noch beim Sender angestellt. Derzeit verbrauche ich erst einmal meinen Urlaub, der sich in den letzten Jahren angesammelt hat.«

»Das weiß ich.« Sophie lehnte sich in die ausladenden Polster des Stuhls, der für dieses Innenstadt-Café so charakteristisch war. Ihr Besorgte-Schwester-Blick blieb. »Aber wie soll es weitergehen? Willst du irgendeinen Redakteursposten in der Innen- oder Außenpolitik? Oder willst du wieder ins Ausland, vielleicht in eine andere Region dieser Erde?«

Katja zuckte mit den Schultern. »Ehrlich gesagt, ich weiß es noch nicht. Ich möchte mich einfach erst einmal selbst wieder finden.«

Sophie beugte sich vor. Der Besorgte-Schwester-Blick wurde noch um eine Spur intensiver. »Was ist denn da passiert, Katja? Warum dieser plötzliche Aufbruch, nach all den Jahren?«

Katja seufzte. Sie hatte mit dieser Frage gerechnet, allerdings wusste sie selbst keine konkrete Antwort darauf. »Es ist nichts Bestimmtes passiert. Ich hatte einfach genug. Es war so ein Gefühl, verstehst du?«

Sie sah in Sophies fragende Augen und merkte, dass ihre Schwester rein gar nichts verstand. Nichts verstehen konnte. Denn sie war nicht dort gewesen, hatte nicht fünf Jahre erlebt, was Katja erlebt hatte.

»Du verschwindest immer plötzlich, wenn du genug hast«, stellte Sophie nun gedankenverloren fest. »Du bist auch nach Afrika verschwunden, weil du genug hattest.«

Katja erwiderte nichts. Was hätte sie darauf sagen sollen?

Ja, es war damals so gewesen. Sie war abgehauen, weil sie genug hatte, genug von einer kaputten Beziehung, in der es nichts mehr zu sagen gab außer einem obligatorischen »Guten Morgen, Schatz«. Und einem »Gute Nacht, Schatz. Schlaf gut«. Und an manchen Tagen hatten sie nicht einmal das zueinander gesagt. Es war möglich, sich auf fünfzig Quadratmetern aus dem Weg zu gehen, wenn man es nur wollte.

»Und hast du in Afrika auch jemanden so zurückgelassen wie damals –«

»Nein, Sophie. Ganz sicher nicht.« Katja fiel ihr unwillig ins Wort. Es war nicht schön, an diese Dinge erinnert zu werden, auch wenn sie den Tatsachen entsprachen. Trotzdem hatte Sophie kein Recht, über ihre Beziehung und ihr daraus resultierendes Verhalten zu urteilen. »In Afrika war kein Platz für die Liebe. Nicht in meinem Job.«

»Das heißt, du bist seit fünf Jahren Single?«

»Ja.«

Sophie stellte ihre Teetasse ab, die sie bis jetzt in den Händen gehalten hatte. »Ich kann es kaum glauben«, sagte sie. »Früher warst du ständig in Beziehungen … mit irgendwelchen …« Sie schluckte das Wort, das ihr schon auf den Lippen gelegen hatte, in letzter Sekunde herunter und entschuldigte sich hastig.

»Ich habe mich geändert«, sagte Katja nach einer Weile und merkte, wie schal und unglaubwürdig sich die Aussage anhören musste. »Ich brauche das nicht mehr.«

»Was?« Sophie zog die Augenbrauen nach oben und lachte. »Willst du mir gerade erzählen, dass du sexuellen Abenteuern abgeschworen hast und nun ein keusches Nonnenleben führst?«

»Nein.« Katja nahm einen tiefen Schluck Kaffee. Sie verzog das Gesicht. Der Kaffee schmeckte dünn und wässrig, obgleich es sich laut Bestellung um einen original italienischen Cappuccino handelte. Möglicherweise war es nur der dicke Milchschaum, der diesem deutschen Durchschnittskaffee den klangvollen italienischen Namen gab. »Ich will nur keine Beziehung mehr, das ist alles.«

»Also nur noch körperliches Vergnügen und keine Gefühle?«

Katja spürte, wie Sophies Unverständnis wuchs. Es war im Grunde sinnlos, mit einer Frau darüber zu diskutieren, die, ehe sie mit ihrem jetzigen Lebenspartner in den sicheren Hafen der Ehe einlief, lediglich mit zwei Männern geschlafen und mit beiden auch noch jahrelange Beziehungen geführt hatte.

»Ich weiß, du verstehst mich nicht«, sagte Katja ruhig. »Das musst du auch nicht. Aber ich habe die Nase voll von dieser ganzen Gefühlsduselei. Das alles ist im ersten Moment schön und wunderbar, aber mit den Jahren verliert es an Reiz. Es ist ehrlicher, miteinander einfach nur ins Bett zu gehen, ein gewisses Verlangen zu stillen – und das war es. Dieses ganze Geplänkel von wegen ›Ich liebe dich‹, ›Oh, ich dich auch‹ geht mir auf die Nerven. – Du siehst doch, was bei unseren Eltern herausgekommen ist. Geheiratet haben sie aus Liebe, und am Schluss haben sie sich gehasst.«

»Aber Katja! Papa hat Mama nicht gehasst – zumindest nicht in der Weise, die der Begriff nahelegt. Er hat sich lediglich von ihr getrennt. Du weißt genau, was die Ursache dafür war«, stellte Sophie mit ruhiger Stimme klar. »Das Zusammenleben mit unserer Mutter war schwierig genug; eine Ehe oder Beziehung zu führen wahrscheinlich unmöglich. Angesichts der Umstände ist ihm wohl kaum zu verübeln, dass er es nicht auf ewig mit ihr ausgehalten hat. Du weißt doch selbst, wie es mit ihr war!«

Katja sagte nichts.

Bilder, die sie längst verdrängt hatte, tauchten unscharf vor ihrem inneren Auge auf. Ihre Mutter, die phasenweise am Rande des Nervenzusammenbruchs balancierte, wenn ihr Mann einmal etwas ohne sie unternehmen wollte. Ihre Mutter, die ihrem Mann vorwarf, zu wenig zu verdienen, und ihm die absurde Absicht unterstellte, er wolle sie wohl absichtlich verhungern lassen, um sich ihrer zu entledigen. Ihre Mutter, die theatralisch die Koffer packte und damit drohte, mit den Kindern das Weite zu suchen, wenn ihr wieder einmal dies oder das an ihrem Eheleben nicht gefiel.

Das Weite gesucht hatte schließlich der Vater, ganz plötzlich und unerwartet, und damit alle in einen doppelten Schockzustand versetzt. Er zog zu einer Frau, mit der er schon seit einer Weile ein Verhältnis gehabt hatte.

»Siehst du ihn noch?« In dem Augenblick, in dem sie Sophie die Frage stellte, konnte sie sie sich bereits selbst die Antwort geben: Trotz allem, was sie im Zuge ihrer Kindheit und Jugend aufgrund seines Rückzugs aus der Familie erlebt hatten – Sophie würde sich wohl niemals von ihm losreißen.

»Wir treffen uns zirka alle drei Monate«, bestätigte Sophie. »Ich weiß, du verstehst mich nicht. Aber Papa ist kein übler Mensch. Er war mit Mama einfach nur überfordert. Im Grunde hat er sie wahrscheinlich anfangs zu sehr geliebt und konnte daher nicht sehen, dass etwas nicht stimmte. Und als er es sah, ist er gegangen, weil er dachte, es hätte mit ihm zu tun. Es konnte doch zu diesem Zeitpunkt niemand wissen, was sich hinter ihrem Verhalten verbarg.«

»Ah ja?« Katja zog süffisant die Augenbrauen nach oben. »Es könnte aber auch sein, dass er gegangen ist, weil er sich inzwischen eine Geliebte zugelegt hatte. Da verspürte er einfach keine Lust mehr, nach den Ursachen von Mutters Verhalten zu suchen. Es ist sicher auch einfacher, die Ex-Frau als launenhaft abzustempeln und sie zu verlassen, als sich den Kopf zu zerbrechen, was tatsächlich dahinter steckt.«

»Niemand konnte damals ahnen, was wirklich mit ihr los war«, meinte Sophie. »Aus heutiger Sicht und mit dem Wissen von heute ist es leicht, zu urteilen und zu verurteilen. Wir haben es doch auch lange nicht begriffen …«

»Wir waren Kinder!«, begehrte Katja auf, hatte sich aber gleich wieder im Griff. Sie wollte nicht mit Sophie streiten. Sophie hatte in dieser Beziehung weit mehr durchgemacht als sie selbst. Als ältere Schwester hatte sie sich nicht nur für Katja verantwortlich gefühlt, sondern auch für das Wohlergehen der Mutter. Katja wusste das.

»Was ich ihm ankreide, ist, dass er uns mit ihr alleine zurückgelassen hat«, fuhr Katja fort. Die Erinnerung an die Jahre ihrer Jugend, die sie nach besten Kräften verdrängte, wann immer es ihr möglich war, flammte in ihr auf: ihre Mutter, antriebslos am Küchentisch sitzend, wenn sie von der Schule nach Hause kamen, mit einem Gesichtsausdruck, als würde keinerlei Gefühl sie erreichen – weder Freude noch Trauer, noch Schmerz, noch Glücksempfinden.

Ihre Mutter, die von Mal zu Mal einen Heulkrampf bekam, wenn sie abends ausgehen wollten – weil sie Angst vor den Nachbarn hatte, einem älteren Ehepaar, das ihr angeblich auflauerte und gegen ihre Tür schlug, sobald Katja und Sophie die Wohnung verlassen hatten und sie alleine war.

Ihre Mutter, die nach Katjas Auszug durch das gesamte Treppenhaus schrie: »Du bist nicht mehr meine Tochter! Du brauchst nie mehr heimkommen, wenn du jetzt gehst! Ich habe immer gewusst, dass du mich nicht liebst! Wenn du mich je geliebt hättest, würdest du mich jetzt nicht verlassen!«

Katja hatte zu diesem Zeitpunkt sowieso nicht mehr vorgehabt, die Wohnung jemals wieder zu betreten. Auch damit, dass sich ihre Mutter lange unversöhnlich zeigen würde, hatte sie gerechnet. Dass dies bis zu ihrem Tod so bleiben würde, hatte sie dennoch getroffen.

»Unser Vater hat uns mit einer Wahnsinnigen allein gelassen, weil ihm sein eigenes Leben wichtiger war als wir.«

Sophie seufzte. Auch sie schien nun ihren Erinnerungen nachzuhängen, denn eine Weile sprach keine von ihnen. Dann ergriff Sophie wieder das Wort: »Dafür bemüht sich unser Vater jetzt, zumindest ein guter Großvater zu sein.«

Katja schnaubte. »Er bemüht sich? Das klingt ja nett. – Bringt er den Kindern Schokolade mit? Kauft er ihnen teures Spielzeug? Staffiert er die beiden mit Markenkleidung aus?«

Sophie antwortete zunächst nicht, sondern rührte mit gesenktem Blick in ihrer Teetasse.

»Es ist eben seine Art, Liebe auszudrücken«, meinte sie dann. »Er kann es nicht anders.«

Katja schnaubte erneut.

»Mag sein. Ich wundere mich nur über dein Verständnis für sein gestörtes Sozialverhalten. Es wäre besser, den Kindern etwas anderes entgegenzubringen als nur materialistische Liebesbeweise. Aber das hat er bei uns nicht geschafft, und bei seinen Enkelkindern schafft er es wieder nicht.«

»Ich entschuldige ihn nicht«, erwiderte Sophie. »Aber ich finde, du urteilst zu hart, Katja! – Ja, er mag unfähig sein, zu kommunizieren, und ja, er hat uns mit Mama und all ihren Problemen allein gelassen. Aber er ist auch nur ein Mensch, und er kann nicht anders sein, als er ist. Er bemüht sich, das zählt für mich. Obendrein ist er der einzige Elternteil, den wir noch haben. Mir ist der Kontakt wichtig, egal, was in der Vergangenheit schiefgelaufen ist. Ich will eine Familie haben.«

… und ein kitschiges Trugbild aufrecht erhalten, dass real längst beim Teufel ist.

»Ich verstehe einfach nicht, wie du so tun kannst, als hätte es diese Auseinandersetzungen nicht gegeben. – Das Ganze ging immerhin vor das Gericht!«

»Das ist Jahre her. Und außerdem ist es ja zu einer Einigung gekommen.«

Katja seufzte. Es hatte wohl wenig Sinn, darüber zu diskutieren. Sophie und sie waren in diesem Punkt schon immer unterschiedlicher Meinung gewesen. Sophie hatte noch nach Katjas Auszug zu Hause gewohnt, vorwiegend aus Verantwortungsgefühl und Angst, dass ihre Mutter sich etwas antun könne oder generell mit dem Leben allein nicht fertig würde.

Katja hatte relativ rasch nach dem Abitur ihre Koffer gepackt und war in eine WG gezogen. Sie hatte sich mit diversen Nebenjobs über Wasser gehalten, weil sie das Geld, das ihr der Vater als Unterstützung anbot, nicht hatte annehmen wollen. Sie schrieb Texte für Agenturen und verfasste als Ghostwriter Ansprachen für runde Geburtstage und Hochzeiten, trat aber auch als Clown bei Kindergeburtstagen auf und saß an der Kassa eines Discounters. Alles war ihr recht gewesen, sofern sie damit dem, was sie als »familiären Wahnsinn« bezeichnete, entkommen konnte.

»Willst du nicht doch einen neuen Versuch machen und Papa zumindest einmal wieder treffen? – Er hat neulich sogar nach dir gefragt.«

»Tut mir leid, Sophie, das interessiert mich nun wirklich nicht.« Mit einem unverwandten Blick zu ihrer Schwester verlieh Katja der Entschiedenheit in ihrer Stimme Nachdruck.

Ein kurzes, betretenes Schweigen entstand. Katja musterte Sophie kritisch. Was mochte in ihr vorgehen? Ihr gefiel die Vorstellung nicht, dass sie hierin so verschiedene Ansichten hatten. Sie wollte von ihr verstanden werden. Doch das hätte mehr Erklärungen erfordert, als sie im Moment zu geben bereit war. Sie wollte die Diskussion über ihre kaputte Beziehung zu den Eltern nicht weiter vertiefen.

»Jedenfalls sind die meisten Beziehungen nur Lügengebilde, die irgendwann einstürzen«, kam Katja nüchtern zum eigentlichen Thema zurück. »Ich will weder so enden wie unsere Mutter, noch wie unser Vater.«

»Es gibt auch andere Beziehungen«, sagte Sophie. »Du musst nicht alles in den Dreck ziehen!«

»Freut mich, wenn es bei dir und Ben gut läuft.«

»Ja, es läuft gut. Ich bin glücklich.« Sophie hatte ihren Tee fast ausgetrunken. Sie griff erneut nach der umfangreichen Getränkekarte. Katja begriff, dass sie nicht so schnell vor hatte, das Café zu verlassen.

»Es tut mir wirklich leid, Katja, dass du noch nicht der Liebe deines Lebens über den Weg gelaufen bist.«

»Wie gesagt, ich strebe das absolut nicht an«, sagte Katja. »Die Liebe meines Lebens – so etwas gibt es nicht.«

»Man macht sich seine Welt selbst«, erwiderte Sophie ruhig. »Und auch seine gedanklichen Gefängnisse.«

Einen Moment schien es Katja, als sei diese philosophisch anmutende Rede noch nicht beendet. Doch dann griff sich Sophie plötzlich an den Kopf und machte ein gequältes Gesicht.

»Was hast du?«

»Nichts weiter.« Sophie ließ die Hand sinken. »Kopfschmerzen. Ich habe das in letzter Zeit öfters; ich bin wohl etwas wetterfühlig. Wenn es kühl und winterlich bliebe, wäre des wahrscheinlich besser. Diese Temperaturschwankungen bekommen mir nicht sonderlich.«

Sie kramte aus einer Handtasche eine Schachtel Aspirin hervor und schluckte mit dem restlichen Tee eine Tablette.

»Ich habe heute Abend schon den ersten Besichtigungstermin für eine Wohnung«, sagte Katja nun in der Absicht, für den weiteren Verlauf des Nachmittags von heiklen Themen Abstand zu nehmen. »Magst du mitkommen?«

»So schnell?« Sophie verstaute die Tabletten wieder in ihrer Handtasche. »Du bist noch keine vierundzwanzig Stunden in Marlenes Wohnung!«

»Glaube mir, die Zeit, die ich dort verbracht habe, reicht schon voll und ganz.« Katja bestellte bei dem Kellner, der vorbei kam, einen doppelten Espresso in der Hoffnung, diesmal wirklichen Kaffee und keine wässrige braune Flüssigkeit serviert zu bekommen. Sophie wählte nochmals Tee. »Ich halte es zwischen diesen Möbeln kaum noch aus. – Also, kommst du mit? Der Termin ist um achtzehn Uhr.«

»Oh, das geht nicht.« Sophie seufzte. »Ich würde dich gerne begleiten, aber ich will Irina nicht länger einspannen. Sie ist schon seit heute früh bei uns zugange; sie braucht ja auch einmal Pause.«

Doch kein modernes Sklaventum.

Katja musste unwillkürlich schmunzeln. Ihre Schwester als Sklaventreiberin zu sehen war ohnehin hochgradig abwegig.

»Schade. Dann werde ich wohl alleine gehen müssen.«

Endlich war sie allein. Mit zitternden Fingern zog sie das Kuvert aus ihrem Hosenbund. Sie hatte sich an das Kratzen des Papiers auf der nackten Haut so gewöhnt, dass sich die Stelle nun, da sie das Kuvert entfernt hatte, seltsam kahl anfühlte.

Die ganzen letzten Stunden hatte sie nur eines im Sinn gehabt: eiligst das Kuvert aufzureißen, endlich zu erfahren, was Nadia ihr geschrieben hatte. Nun war Gelegenheit dazu. Doch statt den Brief zu öffnen, legte sie ihn vor sich auf den Tisch und starrte auf die Schriftzüge. Sie hätte sie aus hundert anderen treffsicher als Nadias Schrift erkannt.

Was wollte Nadia ihr sagen? Dass es ihr leid tat? Dass sie alles bereute? Würde sie sie anflehen, zurückzukommen?

Irina gab sich einen Ruck. Es macht keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken, was Nadia möglicherweise zu Papier gebracht hatte, während das Corpus Delicti vor ihr lag und nur darauf wartete, endlich gelesen zu werden.

Sie riss mit dem Finger die Kuvertkante auf und angelte den Briefbogen heraus.

Ein rosarotes Blatt, beschrieben mit blauer Tinte. Der Text mitten auf dem Bogen umfasste nur wenige Zeilen.

Liebe Irina,

Wie geht es dir in Deutschland? Ich hoffe, gut. Es ist schade, dass du so überraschend abgereist bist. Ich hätte dich gerne noch getroffen. Hier ist es wieder sehr kalt; sicherlich ist es in Deutschland wärmer. Ich würde mich freuen, von dir zu lesen. Liebe Grüße, Nadia.

P.S.: Schade, dass du bei unserer Hochzeit nicht dabei sein konntest. Sergej hätte sich sehr gefreut, dich endlich besser kennen zu lernen. Ich hoffe, es ergibt sich irgendwann. Anbei ein Foto von unserer Hochzeit.

Tatsächlich, da war noch ein Foto im Kuvert.

Benommen starrte Irina auf das Brautpaar. Nadia im weißen Kleid, schlanker denn je und mit bezauberndem Lächeln. Daneben ein junger Mann, den sie nur von einem anderen Foto her kannte. Einem Foto, auf dem er genauso farblos und unscheinbar gewirkt hatte wie nun im schwarzen Anzug.

Irina kämpfte gegen eine jäh aufsteigende Übelkeit an. Je länger sie das Foto betrachtete, desto schlechter fühlte sie sich. Was fand Nadia nur an diesem blassen Typen?

Sie nahm erneut den Brief zur Hand, las ihn noch einmal, zweimal, ein drittes Mal.

Ein Brief ohne Inhalt – abgesehen vom Nachsatz. Alles so belanglos, als wären sie nie mehr gewesen als flüchtige Bekannte.

Einem plötzlichen Anflug von Wut gehorchend, zerknüllte sie den Briefbogen zu einer kleinen Kugel und warf ihn schwungvoll in den Papierkorb.

Fahr zur Hölle, Nadia Orlowa!

Sie warf sich auf ihr Bett und ließ ihren Tränen freien Lauf, wohl wissend, dass sie den Brief später wieder aus dem Papierkorb angeln würde, um ihn liebevoll glatt zu streichen und möglicherweise sogar unter ihr Kopfkissen zu legen.

Es war ein oberflächlicher Brief von Nadia, ein Brief, dessen Post Scriptum scharf war wie ein Messer. Aber immerhin war es ein Brief.

Feiertage mit Familienanschluss

Katja hörte die Kinder schon lärmen, als sie sich der Wohnungstüre näherte: fröhliches Kreischen, lautes Jauchzen, trippelnde Schritte auf Parkett. Sie unterdrückte ein Seufzen und drückte auf den Klingelknopf. Das konnte ja etwas werden! Heilig Abend im Kreis der Familie …

Sie hatte zu Familienfesten seit jeher ein gespaltenes Verhältnis. In ihrer Erinnerung waren sie meistens mit Streitigkeiten verbunden. An Feiertagen gerieten sich ihre Eltern besonders häufig in die Haare, meist später am Abend, wenn die Flasche Wein auf dem Tisch leer getrunken und die Kinder im Bett waren. Katja und Sophie schreckten dann meist von der schrillen, durchdringenden Stimme ihrer Mutter hoch, die wieder einmal lautstark verkündete, dass sie ihren Vater verlassen würde. Katja, obgleich drei Jahre jünger, hatte dann stets ihre Schwester trösten müssen, die angesichts der heftigen Streitereien in Tränen ausgebrochen war.

Sophie öffnete ihr die Türe. Noch ehe sie sich begrüßen konnten, sprang ihr ein lebhaftes Energiebündel mit hellbraunen Locken in die Arme und redete aufgeregt auf sie ein – was, konnte Katja in diesem Moment nicht genau verstehen, denn an ihrem Hosenbein zupfte bereits ein weiteres Energiebündel, ebenfalls mit hellbraunen Locken, und plapperte ebenfalls mit glockenheller Stimme los wie ein Wasserfall.

Katja war über die stürmische Begrüßung selbst überrascht. Sie hatte nicht erwartet, dass ihre Nichten, die sie seit ihrer Ankunft erst zweimal zu Gesicht bekommen hatte, so schnell ihre anfängliche Scheu ablegten und Zutrauen zu ihr fassten.

An jenem ersten Sonntagnachmittag, an dem sie Sophie und Ben in ihrer geräumigen Altbauwohnung nahe der Innenstadt aufgesucht hatte, waren ihr die beiden Mädchen zunächst mit Zurückhaltung begegnet. Misstrauisch hatten sie die Fremde, die sie bisher nur von Fotos als ihre Tante kannten, beäugt. Katja hatte sie bei ihrem letzten Aufenthalt in Deutschland bereits auf dem Arm getragen, aber daran konnten sie sich natürlich nicht mehr erinnern. Im Laufe des Nachmittags waren sie zunehmend mutiger geworden, und Katja hatte einen Vorgeschmack davon bekommen, was es bedeutete, mit zwei so lebendigen Wesen unter einem Dach zu wohnen. Lara und Leonie – Katja konnte die beiden noch immer nicht zielgerichtet unterscheiden – waren ständig um ihre Eltern und sie herumgeturnt, hatten durcheinander geplappert und ständig nach Aufmerksamkeit verlangt. Katja war froh gewesen, als sie wieder alleine war.

»Leonie, Lara! Lasst Tante Katja doch erst einmal ihren Mantel ablegen!«

Sophie warf Katja einen entschuldigenden Blick zu, den diese dankbar erwiderte. Noch dankbarer war sie, als es Sophie tatsächlich gelang, ihr Lara vom Arm und Leonie von ihrem Bein zu entfernen – oder war es umgekehrt?

»Die beiden haben sich schon den ganzen Tag auf dich gefreut«, versicherte Sophie, während sie Katjas Mantel im Garderobenkasten verstaute. »Ehrlich gesagt, ich habe gar nicht so früh mit dir gerechnet. Ich habe angenommen, dass du noch bis zum späten Nachmittag Möbel in deiner neuen Wohnung zusammenbaust.«

»Das hätte ich sicher, aber ich möchte mich nicht gleich bei den Nachbarn unbeliebt machen«, erwiderte Katja. »Das Hämmern macht doch ganz schön Lärm, und an Feiertagen sind die Ohren der Nachbarn erfahrungsgemäß besonders sensibel.«

Vor einer Woche hatte sie den Mietvertrag für eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem sanierten Altbau unterschrieben, fünfzehn Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt und mit Blick auf einen Park. Die Miete war nicht niedrig, denn die Wohnung lag im dritten von vier Stockwerken und hatte auch noch einen kleinen Balkon. Dennoch hatte Katja nicht lange gezögert. Es war die erste Wohnung nach sage und schreibe zwölf vorangegangenen Wohnungsbesichtigungen in den vergangenen zweieinhalb Wochen, die ihr spontan zugesagt hatte. Alle anderen Wohnungen waren entweder zu klein gewesen oder zu dunkel oder infrastrukturell ungünstig gelegen.

Sie hatte die wichtigsten Möbel bereits liefern lassen; seit zwei Tagen war sie – natürlich nicht durchgehend, sondern mit einigen Pausen – mit dem Zusammenbau beschäftigt.

Ihre Schwester begleitete sie ins Wohnzimmer. Der Christbaum – »Nordmann-Tanne«, wie Sophie beiläufig einstreute –, war bereits aufgestellt, aber noch nicht geschmückt. Katja begriff erst dann, als sich Sophie an ihre Töchter wandte, was es mit dem noch ungeschmückten Baum auf sich hatte.

»Jetzt geht ihr gleich mit Irina ins Kinderzimmer spielen und seid ganz, ganz brav, damit die Engelchen den Christbaum schmücken können.«

Protest von Seiten der Kinder war die Folge.

»Ich will auch mit den Engelchen den Christbaum schmücken!«, krähte Lara, und Leonie fügte empört hinzu: »Ich bin auch ein Engelchen!«

»Du bist ein Bengelchen, das ist etwas anderes«, erklärte Sophie liebevoll. Und dann, in etwas strengerem Tonfall: »Wenn ihr nicht brav seid und weiterhin im Wohnzimmer herumsteht, werden die Engelchen aber nicht kommen. Und wenn die Engelchen nicht kommen, wird der Christbaum nicht geschmückt, und ihr wisst ja: unter einen ungeschmückten Weihnachtsbaum legt das Christkind keine Geschenke!«