Verlag: Ulrike Helmer Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Vesna - Carolin Schairer

Elisa steht vor dem Nichts. Ihr sizilianischer Lebenspartner hat sich umgebracht – oder war gar die Mafia im Spiel? Hals über Kopf flieht Elisa aus ihrer Wahlheimat Italien zurück nach Wien. In der Stadt ihrer Kindheit will sie mit ihrer fünfjährigen Tochter Lilly ein neues Leben beginnen. Arbeit findet Elisa ausgerechnet in der Firma jener unfreund-lichen Dame, mit der sie schon im Flugzeug nach Wien in Streit geraten war: die Kroatin Vesna Katic, eine ruppige Selfmadefrau. Wider Erwarten entwickelt Elisa zu ihr sogar echte Zuneigung. Vesna allerdings pflegt lockere lesbische Affairen …

Meinungen über das E-Book Vesna - Carolin Schairer

E-Book-Leseprobe Vesna - Carolin Schairer

Carolin SchairerVESNA

Carolin Schairer

Vesna

Roman

Ulrike HELMER Verlag

eISBN 978-3-89741-982-7

© 2016 eBook nach der Originalausgabe © 2015 Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus Alle Rechte vorbehalten Covergestaltung: Atelier KatarinaS / NL unter Verwendung des Fotos »Ready to business trip«© gstockstudio – Fotolia.com

Ulrike Helmer Verlag Neugartenstraße 36c, D-65843 Sulzbach/Taunus E-Mail: info@ulrike-helmer-verlag.de

www.ulrike-helmer-verlag.de

Ankommen

»Ihr Kind soll mit den Füßen nicht immer gegen den Sessel treten! Das nervt!«

Elisa riss die Augen auf. Nur einen Moment lang hatte sie ihrer Müdigkeit nachgegeben, hier oben zwischen den Wolken, auf dem bereits über zwei Stunden dauernden Flug in eine ungewisse Zukunft. Die dunkle, etwas kratzig klingende Stimme kam aus der Sitzreihe vor ihr und gehörte jener elegant gekleideten Frau, die ihr schon beim Einsteigen negativ aufgefallen war: Mit Gewalt hatte die Dame ihren Trolley vor Elisas Handtasche und Lillys Teddybären-Rucksack ins Handgepäckfach gepresst. Jetzt schickte sie einen frostigen Blick über die Sessellehne.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte Elisa automatisch, obgleich sie die harsche Reaktion der Frau übertrieben fand. Soweit sie es trotz ihres kurzen Nickerchens beurteilen konnte, war Lilly nur einmal kurz gegen die Lehne gestoßen. Dass eine Fünfjährige nach mehr als siebenstündiger Reise nicht noch unruhiger war und quengelte, überraschte sie sowieso. Lilly hielt sich sehr tapfer in Anbetracht der Umstände.

»Stellen Sie das ab.«

Die Frau drehte sich wieder nach vorne. Selbst wenn sie sich ein höfliches Bitte abgerungen hätte, ihr leicht osteuropäischer Akzent ließ alles, was sie von sich gab, wie einen Befehl klingen.

»Mami, wann sind wir endlich da?«

Lilly wippte auf ihrem Sitzplatz vor und zurück, wobei sie die Füße wieder bedrohlich in Richtung Vorderlehne streckte. Elisa, die nicht noch mehr Ärger wollte, drückte ihr die Beine sanft nach unten.

»Lass das, Herz. Wir sind gleich da.«

»Wie lange denn noch?«

Sie sah auf ihre Armbanduhr. 21.50 Uhr. In dem Leben, das sie noch vor kurzem geführt hatten, läge Lilly schon längst im Bett, ihren Teddybären eng umklammert.

»Eine Stunde«, antwortete Elisa, obwohl sie wusste, dass die Kleine mit dieser Zeitangabe genauso wenig anfangen konnte wie mit jeder anderen. Stunden, Tage, Wochen – für Lilly dauerte alles, was ihr nicht gefiel, eine halbe Ewigkeit. So wie auch diese Reise, die vor über drei Wochen mit einem überstürzten Aufbruch aus San Lorenzo begonnen hatte und sie über die Zwischenstationen Brighton und London nun nach Wien führte.

»Mamiii. Ich habe Hunger!«

Elisa unterdrückte ein Seufzen. Nicht dass sie das Bedürfnis ihrer Tochter nicht hätte nachvollziehen können. Auch sie wäre unter gewöhnlichen Umständen von dem auf eine Tüte Erdnüsse oder einen Schokoriegel reduzierten Imbiss der Fluglinie nicht satt geworden. Doch das Sandwich, dass sie am Flughafen Heathrow vor dem Abflug noch für Lilly gekauft hatte, befand sich im Teddybären-Rucksack – jenem Stück, dass ihre Mitreisende so uncharmant gegen die Rückwand des Ablagefachs gequetscht hatte, als sie ihren kleinen Koffer hineinbugsierte.

Elisa wog kurz ab: Sollte sie riskieren, dass Lilly noch quengeliger wurde? Aus Erfahrung wusste sie, wie laut ihre Tochter werden konnte, wenn sie sich in etwas hineinsteigerte. Hunger, gepaart mit Langeweile und einer Portion Müdigkeit, bot durchaus das Potenzial, Lillys Unmut zu wecken. In einem Flugzeug, in dem großteils Geschäftsreisende saßen, würde dies zwangsläufig unangenehme Reaktionen nach sich ziehen.

Also stand sie auf und öffnete das Handgepäcksfach. Madames Trolley – das Luxusprodukt einer amerikanischen Kofferfirma – lag erwartungsgemäß an vorderster Stelle. Links dahinter lugte der Träger von Lillys Rucksack hervor. Elisa sah sich suchend um in der Hoffnung, dass ihr eine der Stewardessen zur Hilfe käme. Fehlanzeige. Hier war selbst anpacken gefragt, wie auch immer sie das bewältigen sollte. Wieder einmal empfand sie ihre Größe von knapp einem Meter sechzig als hinderlich.

Elisa musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um den Griff des Trolleys zu erreichen. Endlich bekam sie ihn zu fassen und zog energisch daran. Der Koffer war klein, aber schwerer als vermutet. Sein Gewicht brachte sie ins Taumeln und anschließend dazu, ihn schwungvoller als vorgesehen auf dem Mittelgang zwischen den Sitzreihen abzustellen. Mit einem unüberhörbaren Knall fiel er prompt zur Seite.

Die Köpfe der in der Nähe sitzenden Passagiere fuhren herum. Alle wandten sich jedoch wieder ab, als sie die Störquelle identifiziert hatten. Fast alle.

Die Frau mit dem osteuropäischen Akzent warf sich fast über ihren Zeitung lesenden Sitznachbarn, um im selben Moment auch schon neben Elisa auf dem engen Gang zu stehen. Hektisch griff sie nach ihrem Trolley, während Elisa auf den Sitz kletterte, um Lillys Rucksack nach vorn zu ziehen.

»Muss das sein!«, schimpfte die Frau jetzt aufgebracht neben ihr. »Können Sie nicht aufpassen!«

Tut mir leid, lag Elisa erneut auf der Zunge, während sie sich langsam umwandte. Dann sah sie den Hochmut im Gesicht der schicken Passagierin und ihr Bedürfnis, sich zu entschuldigen, verflog. Eine abgekämpfte, unfähige Mutter, die ihr Kind nicht unter Kontrolle hatte und tollpatschig einen teuren Koffer auf den Boden beförderte – mit einem Mal war ihr klar, dass sie so in den Augen der anderen wirken musste. Einer Person, die rein gar nichts über sie wusste. Nichts wissen konnte.

Die keine Ahnung davon hatte, dass dieser abgekämpften, unfähigen Mutter vor nicht einmal einem Monat der Boden unter den Füßen weggezogen worden war durch den Selbstmord ihres Mannes. Dass sie ihr Zuhause in einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatte verlassen müssen. Dass sie zwar in diesen Flieger nach Wien gestiegen war, weil ihre Wurzeln in Österreich lagen, aber keinerlei Vorstellung hatte, was sie hier eigentlich konkret machen sollte. Wie ihr Leben weitergehen sollte – ohne Simon, ohne ihr wunderschönes Haus in San Lorenzo, ohne finanzielle Sicherheit, aber mit einem fünfjährigen Kind, für das sie jetzt komplett allein die Verantwortung trug.

Ihre Wut, die bisher von Verzweiflung in Zaum gehalten worden war, suchte nach Entladung. Blöde Kuh! Elisas Lippen formten bereits die wenig galanten Worte, als sie in die Augen der Fremden sah. Grüne Augen, wie sie trotz der schummrigen Beleuchtung feststellte. Doch noch markanter als die Farbe war das, was sie darin las: Diese Frau rechnete damit, beschimpft zu werden – und war bestens gewappnet, darauf zu kontern. Zickenterror mitten im Flieger? Nein, danke. Elisa schluckte ihren Ärger hinunter. Zumal sie dieses Wortgefecht ganz sicher verlieren würde. Sie war nicht gut darin, zu streiten.

»Sie sind größer als ich«, sagte sie so ruhig, wie es ihr in diesem Moment möglich war. »Es wäre sehr nett, wenn Sie mir helfen könnten. Der Rucksack meiner Tochter liegt ganz hinten, ich kann ihn nicht erreichen.«

Die Kampfbereitschaft im Blick der Fremden verflog. Statt dessen blinzelte sie ungläubig, schien nicht fassen zu können, dass ihre Gegnerin sie auch noch um einen Gefallen bat. Wortlos drängte sie dann jedoch Elisa zur Seite und stieg trotz der hochhackigen Lederstiefel, die sie trug, auf den äußersten Rand des Sitzes. Elisa roch ihr Parfum, ein herber, schwerer Duft. Hätte sie ihn in der Parfümerie gerochen, wäre ihr nie in den Sinn gekommen, ihn einer Dame unter vierzig zuzuordnen. Doch in Kombination mit dem knielangen dunklen Rock, an dessen Seite ein modischer goldener Reißverschluss prangte, dem schwarz-weiß geblümten, taillierten Blazer sowie der markanten Goldkette passte er zu dieser Frau, die sie auf Mitte dreißig schätzte, wie das sogenannte Tüpfelchen auf dem i. Protzig und präsent. Nichts traf in Elisas Augen besser auf die Unbekannte, in deren perfekt geschminktem Gesicht lediglich ein großer dunkler Leberfleck oberhalb des rechten Mundwinkels die Ordnung störte.

»Danke schön.«

Elisa nahm den Rucksack entgegen, den ihr die Frau entgegenstreckte.

»Das war aber das letzte Mal«, zischte Madame, während sie ihren Koffer bereits wieder nach oben hievte.

Elisa verzichtete auf eine Erwiderung. Sie hatte keineswegs vor, noch einmal mit dieser Person in Dialog zu treten.

Es dauerte, bis sie Lillys Sandwich aus der Plastikfolie befreit hatte.

»Mami?« Lilly begann wieder mit den Beinen zu schaukeln. Elisa warf ihr einen scharfen Blick zu und hob den linken Zeigefinger, während sie ihr mit der rechten Hand das Sandwich reichte.

»Mami. Warum ist die Frau da vorne so böse?«

Lillys Stimme hallte klar und deutlich durch den Flieger.

Elisa blieb einen Moment lang das Herz stehen.

Instinktiv rechnete sie damit, dass die Dame, die Lillys Frage auf keinen Fall überhört haben konnte, sich über die Stuhllehne nach hinten und auf sie stürzen würde. Doch außer dem unterdrückten Kichern einiger Mitreisenden in der näheren Umgebung blieb es still.

»Mami. Warum ist …«

Lilly setzte erneut an, doch Elisa, die eigentlich nicht hatte antworten wollen, schnitt ihr nun das Wort ab.

»Ich weiß es nicht, Herz. Vermutlich hatte sie einen schlechten Tag.«

Erleichtert sah sie zu, wie Lilly in ihr Sandwich biss. Anscheinend hatte die Antwort sie zufriedengestellt.

»Nummer fünf, habe ich gesagt! Das ist Nummer sieben!«, fuhr Vesna den Taxifahrer an, der zu spät auf die Bremse getreten war. Wenige Meter trennten sie vom Eingang ihres Hauses in der Lagergasse im 3. Bezirk, einer kleinen Straße, in der sich ein herrschaftlicher Altbau an den nächsten reihte.

»Verzeihung … hab ich zu spät gesehen, dass Nummer schon da …«

Vesna erkannte an der Aussprache des Fahrers einen ehemaligen Landsmann. Sie straffte die Schultern. Einfacher würde sie es ihm darum nicht machen.

»Nun. Jetzt haben Sie es gesehen.«

Ein paar Sekunden verstrichen, bis der Taxifahrer begriff, dass sie nicht aussteigen würde.

»Ich … zurückfahren?«, fragte er unsicher. Im Hintergrund blitzten bereits die Scheinwerfer eines sich nähernden Autos auf.

»Ja, was denn sonst?« Vesna runzelte die Stirn. In Wien herrschten in diesem Februar tief winterliche Verhältnisse, was selten war. Wenn er glaubte, dass sie über die am Straßenrand aufgetürmten dreckigweißen Haufen klettern würde, um ihren Trolley anschließend über den vereisten Asphalt zur Haustüre zu ziehen, hatte er sich geirrt.

Seufzend legte der Mann den Rückwärtsgang ein.

Der Fahrer des herannahenden Autos hupte demonstrativ, blieb aber stehen.

Nummer fünf. Vesna drückte dem Mann einen Fünfziger in die Hand und ließ sich das Wechselgeld bis auf den letzten Cent zurückgeben.

Im Haus angekommen, fiel ihr Blick auf den Aushang neben dem Lift. Die neuen Eigentümer von Wohnung Nummer 9 renovierten und baten um Verständnis für eventuelle Lärmbelästigung und Verschmutzung. Datum: 9. Februar. In dem amtlichen Schreiben unmittelbar darunter, datiert auf den Folgetag, erinnerte die Hausverwaltung daran, dass im Aufzug keine Baumaterialien und Farbeimer transportiert werden durften.

Vesna verzog spöttisch das Gesicht. Wie dilettantisch.

Hätte sie dieses Haus verwaltet, wäre sie einen geschickteren Weg gegangen. Gemessen am hohen Standard des Gebäudes, war der Aufzug ohnehin sanierungsbedürftig. Was lag näher, als die Renovierung abzuwarten und den neuen Eigentümern von Nummer 9 am Ende die Rechnung für ihren unachtsamen Umgang mit Allgemeingut zu präsentieren?

Sie hatte diese Methode bereits dreimal angewandt. In zwei Fällen war sie verklagt worden, hatte aber beide Male gewonnen und sah ihre Vorgehensweise damit als rechtmäßig bestätigt. Aber gut, dies hier ging sie nichts an, so hatte sie es bewusst entschieden – nie in ein Haus ziehen, das von ihrem eigenen Unternehmen verwaltet wurde. Allein die Vorstellung, von den anderen Parteien möglicherweise auch nach Feierabend mit diversen Anliegen genervt zu werden, verursachte ihr Kopfschmerzen.

Ihre Wohnung lag im zweiten Stock. Von der Küche und dem Wohnzimmer aus blickte sie in einen begrünten Innenhof, von den anderen Räumen her auf die Straße.

Sie ließ das Licht aufflammen, zog die schweren, bodenlangen Vorhänge zu und schaltete den Fernseher ein. Egal, was lief, sie hatte nicht vor, hinzusehen. Ihr genügten das Flimmern und der Ton, irgendein Ton. Alles war besser als Stille.

Dann öffnete sie den Trolley und leerte den kleinen Sack mit der Schmutzwäsche in den Wäschekorb. Dana würde sich am Montag darum kümmern.

Vesna war gerade dabei, ihr Jackett in dem kleinen Kabinett, das sie als Schrankzimmer nutzte, auf einen Kleiderbügel zu hängen, als ihr Handy klingelte. Sie hielt kurz inne, fuhr dann aber mit dem Verstauen fort. Das Klingeln verstummte – um nach ein paar Sekunden von Neuem einzusetzen.

Das ließ keinen Zweifel mehr, wer sie hier zu erreichen suchte. Das Handy weiterhin ignorierend, ging sie in die Küche. Was sie jetzt brauchte, war etwas Erfrischendes zu trinken. Seit fünf Uhr früh war sie auf den Beinen, inzwischen war es kurz vor Mitternacht. Für Morgen früh, acht Uhr, hatte sie die erste Sitzung anberaumt.

Zumindest hatte sich die Reise nach London gelohnt. Die arabischen Geschäftsleute, die in Kürze einen neuen Büroturm im UNO-City-Viertel errichten würden, hatten nach harten Verhandlungen schließlich unterschrieben. Die Baugrube war kaum ausgehoben, schon stand die künftige Hausverwaltung des Towers fest: VK Immobilien. Noch ehe ihr ein Mitbewerber hätte zuvorkommen können, hatte sie bereits die Investoren ausfindig gemacht, Kontakt aufgenommen und ein Treffen arrangiert.

Das kalte Glas Cola, das sie sich gönnte, tat gut.

Piepsend meldete ihr Mobiltelefon den Eingang einer Sprachmitteilung. »Wir haben uns fünf Tage nicht gehört und zwei Wochen nicht gesehen«, meldete sich eine weinerliche Stimme zu Wort. »Ich will auf dieser Basis nicht mehr weitermachen. Unter einer Beziehung stelle ich mir was anderes vor als gelegentliche Treffen in irgendwelchen Hotelzimmern und ab und zu ein belangloses SMS.« Eine kurze Pause, gefolgt von einem deutlichen Schniefen. »Es tut mir leid, Vesna … ich wollte es dir persönlich sagen, aber du gehst ja nicht ans Telefon …« Nochmals ein Schniefen. »Es … es ist aus. Ich mache Schluss.«

Vesna drückte die rote Taste. Dass diese Weiber immer heulen mussten, hatte sie noch nie verstanden. Wie konnte eine Frau sich nur so gehen lassen?

Nun, die Treffen hatten sie sowieso nicht mehr recht gefreut. Ständig hatte Tatjana ihr damit in den Ohren gelegen, sie öfter sehen zu wollen, und zu viele Fragen gestellt.

Im Grunde war sie froh, dass sich dieses Thema auf so einfache Art löste.

Warum ist die Frau so böse?

Dieses nervige Kind im Flieger hatte vielleicht schon ein bisschen recht: Sie war nicht immer nett. Aber dieses Prädikat hatte sie auch nie für sich beansprucht. Besser böse als erfolglos.

Als sie wenig später zu Bett ging, kamen ihr die Worte des Mädchens nochmals in den Sinn. Andererseits verstand sie nicht, weshalb dieses Kind zu so einer Feststellung gekommen war. Schließlich hatte sie sich sogar ausgesprochen hilfsbereit gezeigt und diesen albernen Rucksack heruntergeholt.

Sie war im Nachhinein selbst überrascht, was sie dazu bewogen hatte. Diese abgekämpft wirkende Frau mit den dunklen Schatten unter den Augen war nicht einmal ihr Typ. Sie war eindeutig zu klein, um als attraktiv durchzugehen. Außerdem hatte sie nichts Schillerndes, Auffälliges an sich.

Die haselnussbraunen glatten Haare, die ihr bis zu den Schultern reichten, wirkten zudem ungepflegt – etwas, was Vesna absolut nicht leiden konnte. Und dennoch hatte sie ihr geholfen.

Wie auch immer. Vesna griff nach der Fernbedienung des TV-Geräts, das im Schlafzimmer als Flachbildmonitor von der Wand leuchtete, und senkte die Lautstärke, bis sie leise genug war, um darüber einzuschlafen.

Elisa nahm dankbar das Weinglas entgegen, das ihr Eveline entgegenstreckte. Sie war todmüde, hatte aber das Bedürfnis nach einem Schluck Alkohol. In den vergangenen Nächten hatte sich der Rotwein als Mittel der ersten Wahl bewährt, um trotz aller Verzweiflung und Trauer Schlaf zu finden.

»Ich hoffe, es ist warm genug«, sagte Robert und meinte die Temperatur im Kellerraum, der ihr als Gästezimmer zugewiesen worden war. »Wir hatten seit heute Nachmittag den Heizlüfter laufen. Die Heizkörper haben wir unten ja leider noch nicht eingebaut …«

»Wir hatten ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, so rasch Besuch zu bekommen«, meldete sich ihre Schwägerin zu Wort und stellte für Elisa damit auf indirekte Weise klar, was sie schon vermutet hatte: dass Eveline über das Pflichtgefühl von Robert, seiner Schwester in dieser verzweifelten Situation zumindest zu einer vorübergehenden Unterkunft zu verhelfen, keineswegs erfreut war. »Wir sind ja selbst erst im Herbst eingezogen, und wie du vielleicht bemerkt hast, ist das halbe Haus noch eine Baustelle.«

»Ich komme nicht wirklich oft dazu, Hand anzulegen.« Roberts Worte hörten sich in Elisas Ohren wie eine Rechtfertigung an. Offenbar war dies ein sensibles Thema in der Beziehung der beiden. »Die Schichtdienste im Krankenhaus machen mich ganz schön fertig, und wenn ich dann einmal frei habe, will ich mich ja auch um die Kinder kümmern.«

Elisa hatte Roberts Kinder bisher nur ein- bzw. zweimal gesehen: an ihren jeweiligen Taufen. Vor vier Jahren war sie gemeinsam mit Simon und Lilly zu Dominiks Taufe angereist, vor zwei Jahren nur mit Lilly zu der von Kathrin. Simon war zu diesem Zeitpunkt auf einer Geschäftsreise in den USA gewesen, wie leider viel zu oft in den vergangenen Jahren.

Beim letzten Mal hatte Robert ihr verkündet, dass Eveline und er ein Grundstück in Gramatneusiedl gekauft hätten. Mitten am Land, hatte er gesagt, und trotzdem ist man in dreizehn Minuten mit der Schnellbahn am Wiener Südbahnhof. Obwohl Elisa in Wien aufgewachsen war, hatte sie den Ort nur dem Namen nach gekannt.

Aber jetzt saß sie hier, in einem Haus aus Fertigbetonteilen, auf einer schlichten Couch im bunt gefliesten Wohnzimmer, und trank burgenländischen Rotwein, der nichts von der süßen Schwere seines italienischen Pendants in sich hatte.

»Ich nehme an, es war kein Problem, Lilly heute Abend zum Schlafen zu bewegen«, bemühte sich Eveline nun. »Ihr seid ja früh aufgestanden, habe ich gehört.«

»Ja, von Brighton nach London-Heathrow und dann hierher, das war eine ziemliche Reise«, erwiderte Elisa und umging damit, zu Lilly Stellung zu nehmen. Obwohl ihrer Tochter vor Müdigkeit bereits die Augen zugefallen waren, hatte es doch etwas gedauert, sie davon zu überzeugen, allein in dem fremden Zimmer zu bleiben.

»Ich verstehe noch immer nicht ganz, was du eigentlich in Brighton gemacht hast.«

Elisa starrte in ihr Weinglas. Eigentlich hatte sie in diesem Moment keine Lust, über alles zu reden, doch sie wusste, sie war den beiden eine Erklärung schuldig. Außer der knappen Mitteilung, dass Simon mit seinem Motorrad über die Klippen gerast war, besaßen sie schließlich noch kaum Informationen.

»Antonio hat mir dringend geraten, Italien schnellstmöglich zu verlassen. Simon hat … Simon war …« Sie schluckte, atmete tief durch. »Es gibt Hinweise darauf, dass Simon in gewisse Geschäfte verwickelt war … mit Leuten, die vor wenig zurückschrecken.«

Robert stellte mit Schwung sein Weinglas auf die Tischplatte.

»Wie bitte? Von was redest du? Hat Simon Geschäfte mit der Mafia gemacht oder was willst du uns damit sagen?«

Elisa hob hilflos die Schultern.

»Ich weiß nicht, was er gemacht hat. Ich … hatte keinen Einblick in seine Geschäfte. Aber Antonio sagt …«

»Welcher Antonio eigentlich? Wer ist das?« Eveline sah sie stirnrunzelnd an.

»Antonio di Salvia. Ein guter Freund von uns beiden und Simons Rechtsberater, Geschäftspartner … wie auch immer.« Elisa winkte müde ab. »Jedenfalls hat er mir nach Simons Selbstmord davon erzählt, dass Simon … nun, dass es geschäftlich wohl nicht mehr gut lief und sich Simon dadurch Feinde gemacht hätte. Mächtige Feinde. Und dass Lilly und ich in Gefahr seien, wenn wir blieben. Ich … ich war im ersten Anlauf so verwirrt, so fertig … ich wusste gar nicht, was ich tun sollte. Da hat Antonio mich und Lilly zunächst nach Brighton geschickt, zu seiner Schwester. Lucia ist eine gute Freundin von mir, wir haben in San Lorenzo viel Zeit miteinander verbracht, ehe sie zu Peter nach Brighton zog. Ich habe jemanden zum Reden gebraucht, musste nachdenken. Es war für mich wichtig, erst einmal bei ihr zu sein … Es ist alles ein Schock.«

Mit dem Ärmel ihres Sweatshirts wischte sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Sie hatte schon zu viele Tränen geweint. Vor ihrem Bruder und ihrer Schwägerin wollte sie keine weitere vergießen.

»Dieser Antonio sagte also, du sollst das Land verlassen, weil du in Gefahr bist, und da hast du Haus, Auto, Vermögen und Was-weiß-ich-alles so mir nichts, dir nichts hinter dir gelassen und bist geflüchtet?«

Evelines Stimme war deutlich anzumerken, was sie davon hielt. Elisa konnte das aus ihrer Sicht sogar nachvollziehen. Was wusste ihre Schwägerin schon von Süditalien und seinen ungeschriebenen Gesetzen?

»Rund um Neapel sterben regelmäßig Menschen grausame Tode, weil sie irgend jemandem im Wege sind oder sich mit Leuten einlassen, mit denen nicht zu spaßen ist«, rechtfertigte sie ihr Handeln. »Hierzulande berichtet keine einzige Zeitung darüber, weil das für diese Region einfach zu alltäglich ist. Und weil sich kein ausländischer Journalist die Hände schmutzig machen will in einem Krieg, der Außenstehende auch gar nichts angeht. Also bitte unterstellt mir nicht, hysterisch zu sein!«

»Keiner hält dich für hysterisch.« Robert legte ihr besänftigend die Hand auf die Schulter. »Wir machen uns Sorgen, das ist alles.«

»Aber was ist mit dem Haus? Eurem Vermögen?«, hakte Eveline dennoch nach.

Elisa schüttelte den Kopf. Begriff diese Frau denn gar nichts? »Es ist nichts mehr da«, erklärte sie leise. »Simon hat alles … verspekuliert. Nichts gehört uns mehr. Und mir sowieso nicht. Du weißt, wir waren nicht verheiratet …«

»Was ich sowieso nie verstanden habe. Ihr wart immerhin sechzehn Jahre zusammen!«

Robert klang ungehalten.

Wieder hob Elisa die Schultern.

»Das war uns eben nicht so wichtig«, sagte sie leise.

»Aber dass Simon Selbstmord beging, das ist bestätigt? Ich meine: Vielleicht wurde er ja …«

»Er hat einen Abschiedsbrief geschrieben«, fiel Elisa der Schwägerin ins Wort. »Es gibt keinen Zweifel, dass er selbst in den Tod gerast ist, absichtlich und bei vollem Bewusstsein.«

»Und was steht in diesem Abschiedsbrief? Ich meine, wie hat er dir seinen Entschluss begründet?«

Elisa presste die Lippen aufeinander. Es gab Dinge, die würde sie nicht teilen. Niemals, mit niemanden.

Robert schien ihren stillen Widerstand zu bemerken.

»Noch Wein?«, bot er mit einem Blick auf ihr leeres Glas an.

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich werde jetzt zu Bett gehen.«

»Wie hast du es Lilly denn erklärt?«

Eveline ließ nicht locker. Elisa fuhr sich nervös durchs Haar. Eine berechtigte, aber heikle Frage. Sie wusste selbst, auf welch dünnem Seil sie hier pädagogisch balancierte.

»Ich habe es ihr noch gar nicht gesagt.«

»Was?!«

Ihr Bruder und ihre Schwägerin starrten sie mit offenem Mund an.

»Ich habe ihr gesagt, wir machen eine Reise«, erklärte Elisa. »Das ist alles, was sie bisher weiß. Davon, dass Simon … dass ihr Papi … Ich weiß einfach nicht, wie ich es ihr beibringen soll, versteht doch! Sie ist ein Kind!«

»Du kannst ihr doch nicht ewig verheimlichen, dass ihr Vater nicht mehr lebt«, stellte Eveline klar. »Das ist jetzt immerhin schon einen Monat her! Wundert sie sich denn nicht, weshalb sie ihn so lange nicht mehr gesehen hat?«

»Simon war oft auf Geschäftsreisen, auch sehr lange. Es ist für sie nicht ungewöhnlich.«

»Ihr Haus und ihr ganzes Umfeld zu verlassen aber sicherlich schon!«, empörte sich Robert nun. »Elisa, du musst es ihr sagen. Du hebst gerade ihre Welt aus den Angeln und merkst es nicht einmal!«

»Meine Welt ist auch aus den Angeln gehoben worden«, erwiderte sie nüchtern und erhob sich. »Gute Nacht. Und ich danke euch für alles.«

Lilly schlief tief und fest auf der Matratze neben dem Einzelbett. Elisa verzichtete darauf, ihr einen Kuss zu geben, aus Angst, sie könnte das Kind wieder aufwecken. Als sie unter die Bettdecke geschlüpft war und das Brummen des Heizlüfters Lillys leise Atemzüge übertönte, wurde sie von blanker Verzweiflung überwältigt. Sie sah Simon vor sich, hörte in Gedanken seine Stimme, sein Lachen und vergoss bittere Tränen.

Warum nur hatte er sie auf so grausame Art verlassen?

Zu Gast

Während die anderen Familienmitglieder ihren gewohnten Abläufen nachgingen, versuchte Elisa ihr Leben neu zu ordnen.

Wenn sie gegen sieben Uhr aufstand, hatte Robert in der Regel schon das Haus verlassen. Um halb acht begann sein regulärer Dienst im Wiener Franz-Josef-Krankenhaus, wo er seine Facharzt-Ausbildung zum Internisten fortsetzte. Eveline, die den Turnus trotz Kinderpause bereits abgeschlossen hatte, unterstützte an drei Tagen pro Woche einen Hausarzt im rund dreißig Kilometer entfernten Eisenstadt.

Gewöhnlich trafen sie sich noch zum Frühstück, bei dem Eveline schon sichtlich unter Stress stand. Schließlich musste sie Dominik und Kathrin abfüttern und die beiden dann schleunigst anziehen, um sie auf dem Weg zur Arbeit im Kindergarten beziehungsweise bei der Tagesmutter abzuliefern. Anfangs hatte Elisa ihre Unterstützung angeboten, allerdings schnell einsehen müssen, dass Eveline lieber selbst vor Hektik rotierte, als Hilfe in Anspruch zu nehmen.

An den Tagen, an denen Eveline arbeitete, übernahm ab Mittag Regina das Zepter. Elisa war Evelines Mutter bisher nur von den Taufen der Kinder begegnet und hatte schon damals den Eindruck gewonnen, dass sie und die wenig diplomatisch auftretende Mittfünfzigerin nichts gemeinsam hatten. Reginas Wort war Gesetz. Sie war es, die die Kinder von Tagesmutter und Kindergarten abholte, nachmittags mit ihnen spielte, sie förderte und mit Essen – natürlich vitaminreicher Vollkornkost – versorgte. Dass Elisa und Lilly für sie Störfaktoren im Haus ihrer Tochter waren, stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.

Immerhin spielte Lilly mit Dominik und der kleinen Kathrin, und Elisa war froh darüber, dass sie dadurch zumindest etwas Zeit für sich gewann. Sie nutzte sie, um Stellenanzeigen zu sichten, Bewerbungen zu schreiben und den Wohnungsmarkt zu studieren – alles nur mit mäßigem Erfolg.

Sie begriff schnell, dass es schwerer war als vor sechzehn Jahren, an gut bezahlte und interessante Jobs zu kommen. Die Anforderungen waren mittlerweile gestiegen, was man auf den ersten Blick von der Entlohnung kaum behaupten konnte.

»Warum verdient man hier so wenig?«, fragte sie ihren Bruder völlig verzweifelt, als sie wieder einmal auf ein Stellenprofil stieß, das zu ihrer Ausbildung – HAK Matura, einem Schulabschluss mit kaufmännischer Ausrichtung – und Arbeitserfahrung passte, aber laut Angaben im Inserat nicht besser entlohnt war als ihr damaliges Durchschnittsgehalt. Inflationsbereinigt.

»Es gibt hier in Österreich seit ein paar Jahren ein Gesetz, nach dem Arbeitgeber zu jedem Jobangebot eine Gehaltsangabe veröffentlichen müssen«, klärte Robert sie auf. »Kein Arbeitgeber will sich in die Karten schauen lassen, daher geben die meisten das kollektivvertragliche Mindestgehalt an. Es sagt aber nichts aus. Du kannst davon ausgehen, dass weit besser bezahlt wird.«

Was für ein bürokratischer Unsinn, ging es Elisa durch den Kopf, während sie ihren Lebenslauf schrieb und am neuen Wiener Hauptbahnhof Automatenfotos anfertigen ließ. Sie sah entsetzlich darauf aus, doch es war im Moment die günstigste Methode, an Bilder zu kommen.

Innerhalb der ersten beiden Wochen bewarb sie sich auf dreißig Stellen, allesamt in Wien, ohnehin die einzige Stadt, die für sie von Gramatneusiedl aus ohne Auto erreichbar war. Sie bekam nur Absagen.

Elisas Zukunftsängste wuchsen von Tag zu Tag. Vor ihrer abrupten Abreise aus Italien hatte sie das Girokonto, das Simon für sie eingerichtet hatte, komplett abgeräumt. Antonio hatte ihr dazu geraten. Mit ein paar Tausend Euro Bargeld war sie nach Österreich gekommen; ewig würde das nicht reichen. Ohne Job kein Einkommen, ohne Einkommen keine Wohnung. Und hier biss sich die Katze in den Schwanz, denn ohne festen Wohnsitz an einen regulären Job mit Sozialversicherung zu kommen war wohl ebenso aussichtslos. Sie durfte froh sein, dass sie einstweilen die Adresse ihres Bruders angeben konnte.

Dann war da noch das Problem mit Lilly.

»Als alleinerziehende Mutter findest du nie einen Job«, platzte Regina irgendwann heraus, als sie sie nachmittags über ihren Bewerbungen brüten sah. »Das tut sich doch kein Arbeitgeber an!«

»Lilly kommt in den Kindergarten«, hielt ihr Elisa entgegen – ohne zu diesem Zeitpunkt zu ahnen, mit welchen Herausforderungen es verbunden war, mitten unter dem Jahr an einen freien Platz in einem der Wiener Kindergärten zu kommen.

Doch erst einmal brauchte sie eine Wohnung. Innerhalb ihres engen finanziellen Spielraumes würde es schwierig werden, etwas Passendes zu finden. Kaution, Provision und die erste Monatsrate an Miete würden fast die gesamten Ersparnisse auffressen.

Zu der Trauer um Simon und der Verzweiflung über ihre derzeitige Situation gesellte sich zunehmend das dumpfe Gefühl, dass Robert und Eveline ihr die Geschichte gar nicht glaubten.

»Du weißt, dass du mir anvertrauen könntest, wenn Simon dich verlassen hat«, sagte beispielsweise ihr Bruder. »Es ist keine Schande; das kann jedem passieren.«

Fassungslos sah sie ihn an.

»Robert – Simon ist tot!«

»Ja … aber du weißt, wenn es anders wäre, dann wäre das auch okay.«

»Du warst ja nicht einmal auf seiner Beerdigung«, warf ihr die Schwägerin vor. »Ich verstehe einfach nicht, wie du das aushältst, wenn du ihn doch angeblich so geliebt hast!«

»Ich habe Simon über alles geliebt«, erwiderte Elisa, um Fassung ringend. »Aber Simon hat verfügt, das sein Leichnam in den USA beigesetzt wird, im Familiengrab, und angesichts der Umstände war es unmöglich, mehr zu tun, als die Überstellung in die Wege zu leiten. Antonio meinte auch, es wäre besser …«

»Antonio, Antonio!«, rief Eveline aus. »Was ist der Typ? Dein Vormund?« Sie schüttelte den Kopf. »Herrgott, Elisa, ich kann das einfach nicht begreifen: Ihr hattet seit sechzehn Jahren eine Beziehung, ihr habt ein gemeinsames Kind und du kennst noch nicht einmal seine Verwandtschaft.«

»Weil seine Eltern längst tot sind und er sich mit dem Rest des Clans verkracht hat!«, entgegnete Elisa vehement. »Das habe ich euch doch schon erklärt! – Das mit Simon und mir … war nicht einfach.«

»Mit seinen Onkeln, Tanten und Cousins hat er sich verkracht, aber ins Familiengrab will er schon«, bemerkte Eveline süffisant. »Seltsam, findest du nicht auch?«

Elisa verließ die Kraft, zu argumentieren. Sie brach in Tränen aus und stürzte aus dem Zimmer.

Später entschuldigte sich Eveline für ihre Worte.

»Es fällt mir einfach nur schwer zu verstehen, weshalb dich der Tod dieses Mannes … deines Mannes … auch gleichzeitig um deine Existenzgrundlage bringt. Er sollte dich besser abgesichert haben, auch ohne Heirat.«

Elisa konnte ihr darauf nichts erwidern.

»Es ist gut, Bellissima, dass du nicht mehr in San Lorenzo bist«, versicherte ihr Antonio am Telefon. Es tat gut, seine Stimme zu hören – einen satten Bariton, der ihr vertraut war und sie an das erinnerte, was ihr so abrupt genommen worden war: ihr Leben in Italien, mit Simon, mit einem Haus, von dem aus sie aufs Meer schauen konnte, mit Nachbarn, die ihr ein freundliches »Buon Giorno« entgegenriefen, kaum dass sie und Lilly ihr Zuhause verließen – und eben auch Antonio, der hin und wieder vorbeischaute, vor allem dann, wenn Simon im Ausland war und sich nicht um sie kümmern konnte. »Die Leute reden nicht gut über Simon. Ich habe von Drohungen gehört; er hatte wirklich große Probleme mit einigen wichtigen Leuten.«

»Aus San Lorenzo?«

Elisa kannte fast das gesamte Dorf. Was Antonio ihr da erzählte, machte ihr Angst.

»Aus der Region. Ich will keine Namen nennen; ich möchte dich da nicht auch noch hineinziehen …«

Elisa schluckte und presste den Hörer automatisch dichter an ihr Ohr. Ihr Bruder und Eveline waren nebenan im Wohnzimmer und konnten kein Italienisch, dennoch senkte sie die Stimme, als sie fragte: »Was sind das für Leute? – Antonio, ich habe ein Recht, das zu erfahren!«

»Bitte, Cara, beruhige dich doch … vertrau mir. Es ist nur zu deinem Besten. Das sind keine Leute, mit denen zu spaßen ist.«

»Was passiert mit dem Haus? Wem gehört es jetzt offiziell?«, fragte sie nach, mühsam um Beherrschung bemüht, um sich ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen. Antonio hatte sie schon zu oft weinen hören.

Sein Seufzen drang über Hunderte von Kilometern an ihr Ohr.

»Ich weiß es noch nicht, Cara. Das muss ich alles noch prüfen. Ich möchte nichts Schlechtes über deinen Mann sagen; er war ja auch mein bester Freund … aber Simon hat einen Haufen Unrat hinterlassen. Viele dubiose Dokumente, auch Schulden. Es wird mich einen Haufen Arbeit kosten, bis ich hier Klarheit habe. Aber du kannst dir sicher sein, sobald ich weiß, ob noch irgendetwas von seinem Geld verfügbar ist, werde ich dich umgehend informieren.«

Sie schloss die Augen. Simon hatte in finanziellen Dingen immer so geordnet gewirkt, so überlegt. Sie konnte einfach nicht begreifen, weshalb sich die Dinge ganz anders entwickelt hatten.

Antonio am anderen Ende der Leitung schien ihre Gedanken zu erraten.

»Er hat sich verzettelt. Und hielt dabei mit den falschen Leuten Kontakt. Die haben ihn unter Druck gesetzt, da er hat aus Verzweiflung noch mehr falsche Entscheidungen getroffen. Deshalb hat er sich umgebracht. Er konnte mit dieser Schande, versagt zu haben, einfach nicht leben. So sind wir Italiener eben: Wenn die Ehre verloren ist, ist auch das Leben verloren.«

»Simon war aber kein Italiener, sondern US-Amerikaner«, rief sie ihm in Erinnerung. »Und er hätte doch mit mir über seine Probleme reden können!«

»Simon war Amerikaner mit italienischen Wurzeln. Das ist fast dasselbe. Das Ehrgefühl wird uns mit der Muttermilch eingeflößt, das kannst du als Austriaca nicht verstehen … und du hättest seine Probleme nicht lösen können, Bellissima.«

Vermutlich nicht. Trotzdem, der Schmerz, dass Simon ihr gegenüber kein Wort über das verloren hatte, was ihn bedrückte, saß tief. Sie hatte seit mehreren Wochen gefühlt, dass er etwas in sich hineinfraß, war aber nicht zu ihm durchgedrungen.

Es ist nichts, Prinzessin, hatte er ihr gesagt. Auch als er auf sein Motorrad gestiegen war, um, wie er es nannte, »noch eine kurze Spritztour« zu machen. Eine Spritztour, die an den Klippen endete.

»Aber sag, Bellissima, wie geht es dir inzwischen? Wenn ich irgendetwas für dich tun kann …«

Lautes Geschrei aus dem Wohnzimmer veranlasste Elisa, das Telefonat abrupt zu beenden. Kaum hatte sie aufgelegt, lief ihr Lilly auch schon tränenüberströmt entgegen.

»Eveline mi ha colpito«, schniefte die Kleine und versetzte Elisa sofort in Alarmbereitschaft.

»Wie kommst du dazu, meinte Tochter zu schlagen?«, fauchte sie die Schwägerin an, kaum dass sie mit der weinenden Lilly auf dem Arm das Wohnzimmer betreten hatte.

Eveline fuhr herum. In der Hand hielt sie ein rot gefärbtes Taschentuch. Erst jetzt bemerkte Elisa den kleinen Dominik – ebenso verheult wie Lilly, aber mit blutender Nase.

»Hast du ihn vorher auf die Nase geschlagen?«, fragte sie ihre Tochter und wählte automatisch die italienische Sprache, da sie ahnte, nur dann eine wahrheitsgemäße Antwort zu erhalten, wenn Eveline Lilly mit der Antwort nicht zuvorkommen konnte.

»Er hat mir das Auto weggenommen«, schluchzte Lilly, ebenfalls auf Italienisch, und deutete auf ein kleines rotes Spielzeugauto, das zwischen ein paar Bauklötzen auf den Fliesen lag.

Elisa stellte Lilly, die sich sofort an ihr Bein klammerte, auf den Boden.

»Ich will nach Hause!«, jammerte ihre Tochter, diesmal auf Deutsch. »Mami! Ich will nach Hause. Ich will nicht länger bleiben! Ich will zu Papi!«

Eveline schickte einen bitterbösen Blick in ihre Richtung.

»Du bist wirklich fabelhaft, Elisa«, zischte sie wütend. »Nicht nur, dass deine Tochter ihre unterdrückten Aggressionen an einem Kind auslebt, das schwächer ist als sie – nein, du hast ihr noch immer nicht die Wahrheit gesagt!« Ehe Elisa etwas darauf erwidern konnte, sagte sie in Lillys Richtung: »Lilly, dein Vater ist tot. Ihr habt kein Zuhause mehr.«

»Mami …« Lilly sah sie von unten mit Tränen in den Augen ungläubig an. Ihr Blick zerriss Elisa fast das Herz.

»Dazu hattest du kein Recht«, fuhr sie Eveline an. Ihre Stimme zitterte.

»Mami? Papi ist nicht tot, oder? Sie lügt, oder?«

Elisa fühlte einen Stich in der Brust, dann wurde ihr schwarz vor Augen. Sie ließ sich auf das Sofa sinken und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Mehrmals setzte sie an, um etwas zu sagen, aber ihre Stimme versagte.