Marie anderswie - Carolin Schairer - E-Book
Beschreibung

Mal ist sie scheu und zickig, dann wieder fällt sie mit der Tür ins Haus. Diese Marie ist seltsam und nicht die Frau, mit der die Studentin Sarah Rosenberg freiwillig ganze Tage verbringt. Anfangs ist Sarah daher nur ungern bereit, Marie Felder, die neue Mitarbeiterin, durch Wien zu führen. Doch bald erfasst sie eine rätselhafte Zuneigung zu der verschlossenen Biologin und Sarah begegnet einer klugen jungen Frau, die mit ihrem Autismus leben und lieben muss … Sensibel verknüpft Carolin Schairer die Erkundung einer sozialen Behinderung mit dem erotischen Coming-out einer jungen Erwachsenen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:449


Carolin Schairer

Marieanderswie

Roman

ISBN eBook 978-3-89741-954-4

© 2018 eBook nach der Originalausgabe© 2010 Copyright Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/TaunusAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: Atelier KatarinaS | NLCoverfoto: © Jupiter Images 050404_5303_6448 | Fotosearch

Ulrike Helmer VerlagNeugartenstraße 36c, 65843 Sulzbach/TaunusE-Mail: info@ulrike-helmer-verlag.de

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Der Aufprall war vor allem laut gewesen. Blech an Blech. Sarah wusste, sie würde dieses Geräusch niemals mehr aus ihrem Gedächtnis löschen können. Die Tatsache, dass ihr Körper hart nach vorn gegen den Gurt gedrückt wurde und im selben Moment gegen einen Airbag prallte, war ihr im Vergleich zu jenem Geräusch aufeinandertreffender Bleche vergleichsweise unerheblich vorgekommen.

Es war ihr erster Autounfall, und obendrein trug sie auch noch die Schuld. Einen Lidschlag lang war sie unaufmerksam gewesen, und dieser kleine Moment hatte sich bitter gerächt. Das Auto ihres Vaters war erheblich beschädigt: die Kühlerhaube eingedrückt, der Motor defekt. Auch ihr Hintermann, ein 80-jähriger Rentner, hatte seine Gedanken offensichtlich nicht beim Verkehr, und so war das neue schwarze Mini-Cabrio nicht nur vorne deformiert, sondern auch hinten.

Es war niemand verletzt worden, doch der Schock saß tief. Vor der Polizei hatte sie sich noch völlig im Griff gehabt; hatte alle Angelegenheiten mit kühlem Kopf und souveränem Auftreten bewältigt. Die Polizisten schienen sogar ein wenig beeindruckt. Sie waren alle sehr freundlich zu ihr gewesen, selbst das Ehepaar, dessen VW Golf ebenfalls erheblich unter dem Aufprall gelitten hatte. Der Wagen wurde von einem Abschleppdienst, den die Polizei für sie gerufen hatte, zur nächsten Werkstatt gebracht. Dort hatte ein Mechaniker einen ersten flüchtigen Blick auf das Auto geworfen und ein bedenkliches Gesicht gezogen, das sie in diesem Moment lieber nicht hinterfragen wollte.

Als sie erst in der U-Bahn und dann im Bus zurück zu ihrem Elternhaus saß, war ihre Beherrschung in sich zusammengebrochen wie ein Kartenhaus. Sie begann zu zittern, malte sich aus, was alles hätte passieren können.

Als sie die Haustür aufsperrte, zitterte sie noch immer.

Im Arbeitszimmer ihres Vaters brannte Licht. Er war offensichtlich schon zu Hause. Zu dem Schock, den sie erlitten hatte, gesellte sich leise Furcht. Sie musste ihm jetzt wohl beibringen, dass sie seinen eben erst gekauften Mini-Cabrio zu Schrott gefahren hatte.

Mit einem tiefen Stoßseufzer trat sie über die Schwelle.

Ihr Vater, der an seinem Schreibtisch saß, sah von seinem Laptop auf. Es bedurfte keiner Worte. Ein Blick in Sarahs Gesicht sagte Adam Rosenberg, dass etwas nicht stimmte.

»Du lieber Himmel, was für ein Glück, dass dir nichts passiert ist! Das hätte wirklich ins Auge gehen können!«, rief er aus, als sie ihm von dem Unfall berichtet hatte, und sie war ihm dankbar für diese Reaktion. Aus Berichten von Freundinnen wusste sie nur zu gut, dass es Väter – und Mütter – gab, die auf eine Beichte dieser Art anders reagierten.

»Ich habe nur einen kleinen Schock.« Sie ließ sich auf den Besucherstuhl sinken und sah ihren Vater nachdenklich an. In seinen Gesichtszügen stand nichts als Besorgnis, und sie fühlte sich nun fast schuldig, dass sie vor diesem Geständnis solche Furcht gehabt hatte.

»Bist du dir klar, dass ich heute ein nagelneues, teures Auto zu Schrott gefahren habe?«, sagte sie leise und voller Schuldbewusstsein.

»Bin ich«, sagte er, stand auf und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Und ich bin sehr froh, dass du dir auch darüber im Klaren bist. Die meisten in deinem Alter kapieren wahrscheinlich gar nicht, wie lange ihre Eltern arbeiten müssen, um so einen Wagen zu finanzieren. Ich bin wirklich froh, dass du da anders bist, Sarah. Vor allem aber bin ich erleichtert, dass dir nichts passiert ist. Das mit dem Wagen ist ärgerlich, aber zum Glück gibt es die Vollkasko.«

Sarah fiel ein Stein vom Herzen. Dankbar legte sie ihre Hand auf die ihres Vaters und versuchte ein Lächeln.

»Und was hast du jetzt vor, zu meiner Bestrafung? Gibt es einen Monat lang kein Taschengeld, oder hab ich Fernsehverbot?«

Adam Rosenberg musste unwillkürlich grinsen. »Interessante Vorschläge. Aber du brauchst schließlich Geld, um dein Mensaessen zu zahlen! Und nachdem unser Zweitwagen jetzt erst einmal kaputt ist, wirst du wohl auch mit der U-Bahn fahren müssen. Zumindest eine Weile. Fernsehverbot könnte dich wohl kaum treffen, so wie ich das mitbekomme.«

Auch Sarah grinste. Sie fühlte, wie ihre Lebensgeister allmählich zurückkehrten und der Schock nachließ.

»Aber du kannst mir tatsächlich einen Gefallen tun, Mäuschen.« Er benutzte ihren ältesten Kosenamen, was sie jetzt nicht einmal störte, und sah sie ernst an. »Ich hätte da einen Spezialauftrag für dich. An meinem Institut hat vor ein paar Wochen eine wissenschaftliche Mitarbeiterin begonnen, Marie Felder. Sie ist Deutsche, hat aber die letzten Jahre in Boston geforscht, bei meinem Kollegen Bernard Summers. – Erinnerst du dich an Bernard? Er war vor drei Jahren hier in Wien zu Besuch.«

Sarah konnte sich dunkel daran erinnern, den Namen schon einmal gehört zu haben, doch ihr Vater fuhr bereits fort: »Marie Felder ist eine angehende Koryphäe in der Zellforschung. Sie hat für ihr Alter schon viel publiziert, arbeitet an ihrer Habilitation … es war nicht leicht, sie für das Projekt mit diesem Pharmakonzern, der uns derzeit so viele Studien finanziert, zu gewinnen. Sie hätte in den USA weiß Gott bessere Forschungsmöglichkeiten. Ich glaube, das einzige, was sie davon überzeugt hat, sich das Projekt hier in Wien zumindest einmal anzuschauen, war die Aussicht, mehr Zeit für ihre Habilitation zu haben.« Er seufzte. »Und da sind wir schon beim Punkt. Der Vertrag ist noch nicht unterschrieben. Sie macht die Zusage, ob sie für die nächsten zweieinhalb Jahre mitarbeitet, wohl auch davon abhängig, ob sie sich hier wohlfühlt.« Er sah Sarah, die sich nicht im Geringsten darüber im Klaren war, was ihr Part bei dieser Geschichte sein sollte, beschwörend an. »Sarah, ich brauche diese Frau. Sie ist brillant. Mehr noch: unentbehrlich für das Gelingen des Projekts. Für mein Institut hängt sehr viel dafür ab, ob wir dieses Projekt erfolgreich zu Ende führen. Ich brauche sie!«

»Ja, aber was habe ich damit zu tun?« Sarah sah ihren Vater mit großen Augen an. Für die Projekte eines Biochemikers hatte sie sich nie sonderlich interessiert. Naturwissenschaftliche Problemstellungen gehörten für Sarah zu jenen Rätseln des Lebens, die sie weder lösen konnte noch wollte. Sie bewunderte ihren Vater, der Professor am bekanntesten Molekulargenetik-Institut im deutschen Sprachraum war und das Haus inzwischen sogar leitete, aber sie selbst hatte nie Ambitionen gehegt, in seine Fußstapfen zu treten. Die Galerie ihrer verstorbenen Mutter, die nun von Sarahs Tante geleitet wurde, hatte sie stets mehr in ihren Bann gezogen. Für sie war klar gewesen, dass sie nach bestandener Matura Kunstgeschichte studieren würde, und ihr Vater hatte sie – nach einigen Einwänden und Diskussionen – in dieser Entscheidung unterstützt. Sarah wusste intuitiv, dass er jede ihrer Entscheidungen unterstützt hätte, sofern sie in seinen Augen nicht nur einer spontanen Laune entsprang.

»Du sollst dich einfach ein bisschen um sie kümmern«, erläuterte er nun sein Vorhaben. »Ich möchte, dass sie sich wohlfühlt in Wien. Seit sie hier ist, arbeitet diese Frau nur, tagsüber, am Abend, sogar am Wochenende … ich fürchte, ihr Arbeitseifer resultiert daraus, dass sie sich nicht besonders wohlfühlt. Sie hat noch nicht einmal den Stephansdom gesehen!«

Sarah zuckte mit den Schultern. »Vielleicht interessiert es sie nicht. Man kann Menschen nicht zwingen –«

»Ich zwinge niemanden«, stellte ihr Vater klar. »Aber es liegt auf der Hand, dass sie hier recht allein ist. Wien ist eine fremde Stadt für sie. Sie kennt hier niemanden, sie ist …«

Er fuhr sich mit der Hand durch sein volles Haar. Sarah spürte, dass er mit sich rang, noch etwas hinzuzusetzen, doch er behielt es schließlich für sich und sagte: »Bitte, Sarah. Triff dich am Sonntag mit ihr, zeig ihr die schönen Ecken dieser Stadt, gib ihr das Gefühl, hier willkommen zu sein. Ich spüre, dass sie das braucht.«

»Warum verabredet sie sich nicht mit ihren Kollegen? In deinem Team sind über zwanzig Leute, und die meisten kennt sie sicher schon. Das ist doch viel einfacher.«

»Du weißt doch, wie das ist in so einem Institut: Die Mitarbeiter treffen sich so gut wie nie privat. Marie Felder ist in einer schwierigen Situation. Sie ist den meisten am Institut fachlich um Längen voraus; sie ist eine erklärte Einzelgängerin, und sie ist sozusagen von einer anderen Uni abgeworben worden – in Zeiten, in denen Absolventen um eine Dissertantenstelle flehen und kämpfen müssen. Vielleicht kannst du dir vorstellen, dass sie von vornherein keine leichte Stellung im Team hat.« Ihr Vater machte eine Pause, schien wieder nachzugrübeln, was er ihr noch von Marie Felder erzählen sollte. »Obendrein ist sie nicht sehr kommunikativ. Sie ist ein sehr introvertierter Mensch und absolut nicht der gesellige Typ.«

Na toll, dachte Sarah. Sie verzog das Gesicht. »Ehrlich gesagt reiße ich mich nicht darum, den ganzen Tag mit einer faden Nuss verbringen zu müssen.«

Ihr Vater überging die fade Nuss. »Ich bitte dich nicht um einen ganzen Tag. Ein paar Stunden, nächsten Sonntag. Das ist alles.«

Sarah seufzte. Nachdem sie sein Auto auf dem Gewissen hatte, konnte sie ihm den Wunsch wohl schwer abschlagen.

»Okay, wenn es also sein muss«, willigte sie ein und zauberte damit prompt ein erleichtertes Lächeln auf sein Gesicht. »Aber sag mir ehrlich: Warum ausgerechnet ich?«

»Na, weil du meine Tochter bist und ich dich am leichtesten von allen Menschen um so etwas bitten kann«, erwiderte er prompt mit entwaffnendem Lächeln. »Und weil du eine so liebe und offene Art hast, dass sie deinem Charme sicher nicht widerstehen kann. Sie wird sich wohlfühlen mit dir, da bin ich mir sicher.«

Sarah seufzte nochmals und erhob sich. »Ich werde jetzt einen Salat machen. Magst du mitessen?«

Adam Rosenberg schüttelte den Kopf. »Ich hatte mittags ein Geschäftsessen; bin noch satt.«

Sie hatte ihm bereits den Rücken zugedreht, als er sie nochmals zurückrief.

»Mäuschen, wo waren bloß deine Gedanken, als du vergessen hast, rechtzeitig auf die Bremse zu treten? Bedrückt dich etwas? In den letzten Wochen hatte ich manchmal den Eindruck.«

Nicht das schon wieder, schoss es Sarah durch den Kopf. Sie hasste diese Kind-sag’s-mir-Gespräche, die ihr Vater seit Neuestem immer wieder inszenierte. Sie ahnte, dass er es tat, weil er ihr zugleich die Mutter ersetzen wollte, die vor sechs Jahren an Krebs gestorben war, und sie schätzte seine Fürsorge. Doch dass er seit rund einem Jahr immer wieder auf demselben Thema herumritt, ging ihr allmählich auf die Nerven.

»Nein, Papa, ich habe nicht an einen Jungen gedacht, der mir gefällt, und nein, ich habe noch immer keinen Freund und Liebhaber, und nein, ich habe auch niemanden in Aussicht, der dafür in Frage käme«, griff sie allen Fragen vor. Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme dabei leicht aggressiv klang.

Wie sie dieses Thema hasste!

»Werde doch nicht gleich giftig«, warf ihr Vater ein. »Ich will ja nur wissen, wenn …«

Sie schnitt ihm das Wort ab. »Glaube mir: Sollte sich in dieser Hinsicht etwas Nennenswertes tun, wirst du mit ziemlicher Sicherheit der erste sein, der es erfährt.« Etwas milder setzte sie hinzu: »Du siehst mir doch eh alles an der Nasenspitze an, sagst du immer.«

Minuten später schnitt Sarah in der Küche Tomaten, Gurken und Zwiebeln für einen Salat in kleine Stücke und tat dies mit einer Vehemenz, die Filmkenner unwillkürlich an eine Szene aus »Der Axtmörder« erinnern musste.

Der heutige Tag durfte mit Fug und Recht als rabenschwarz bezeichnet zu werden. Was sie jedoch weit mehr schmerzte, war die sichere Erkenntnis, dass sie sich mit fast zwanzig Jahren noch nie in jemanden verliebt hatte.

Sie traf Marie Felder vor einem Lokal hinter dem Stephansdom, etwas abseits vom Strom der Touristen, die wieder einmal in Horden die Stadt unsicher zu machen schienen. Es war ein Sommertag, allerdings bewölkt, und Sarah vermutete, dass unter ihnen viele Urlauber waren, die ihr Quartier am Neusiedler See oder andernorts in ländlicher Umgebung gewählt hatten und den Ausfall eines Badetags für die WienBesichtigung nutzten.

Sarah war einige Minuten vor der Zeit da, die ihr Vater vereinbart hatte. Marie Felder kam auf die Minute pünktlich. Sie erkannten sich sofort. Kein Wunder: Sarah wusste, dass ihr Vater Marie extra ein Foto von ihr gezeigt hatte. Sie fand das peinlich, doch ihr Vater hatte lapidar ergänzt: Warum soll man es kompliziert machen, wenn es auch einfach geht?

Ihr hatte er Marie Felder beschrieben: »Sie ist blond, halblange Haare, blaue Augen, normale Statur …«

Es waren zu wenig Details gewesen, um sich ein Gesicht vorzustellen, und Sarah hatte nachgefragt: »Ist sie also attraktiv?«

Ihr Vater hatte nach längerem Überlegen ergänzt: »Ich denke, sie könnte es sein, wenn sie es wollte. – So ist sie eher unauffällig.«

Als Sarah eine schlanke junge Frau um die Dreißig auf sich zukommen sah, wusste sie, was ihr Vater meinte: Obgleich Marie Jeans und eine lässige braune Lederjacke trug, wirkte sie insgesamt steif und wenig jugendlich. Förmlich streckte sie Sarah die Hand entgegen.

»Marie Felder«, sagte sie leise.

»Sarah Rosenberg«, stellte sich Sarah mit freundlichem Lächeln vor. Marie Felder nickte nur und steckte ihre Hände in die Hosentaschen.

Unschlüssig standen sie eine Weile voreinander, und Sarah fühlte bleiern, was sie dachte: kein besonders gelungener Start.

»Nett, Sie kennenzulernen«, sagte sie schließlich und lächelte unverdrossen weiter.

Marie Felders Gesicht blieb unbewegt.

»Was darf ich Ihnen zeigen?«, ging Sarah höflich in die Offensive.

»Was Sie wollen«, erwiderte Marie Felder, und ihr Tonfall klang in Sarahs Ohren gleichgültig. »Ich kenne nichts.«

Sie begannen die Stadtführung beim Stephansdom, weil er das Wahrzeichen Wiens und noch dazu die nächstgelegene Sehenswürdigkeit war. Als angehender Kunsthistorikerin fiel es Sarah leicht, etwas über das Gotteshaus zu erzählen. Marie Felder hatte die Hände noch immer in den Hosentaschen und sprach kein Wort, doch sie sah sich aufmerksam um.

»Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen jetzt die Hofburg«, bot Sarah an. Das Zusammensein mit dieser Frau war so anstrengend, wie sie vermutet hatte.

»Okay«, erwiderte Marie Felder, und sie zogen los. Das Schweigen zwischen ihnen wurde nur dann gebrochen, wenn Sarah stehenblieb, um etwas zu einem der Prunkgebäude zu erzählen. Marie Felder nahm alles, was sie sagte, wortlos zur Kenntnis, und stellte nicht einmal eine Frage.

Die ausgedehnte Tour durch die Anlagen der Hofburg verlief im gleichen Stil: Sarah erzählte, Marie Felder hörte zu. Irgendwann setzte leichter Nieselregen ein.

Mit einem Blick auf die Uhr beschloss Sarah, dass es nun reichte und die gemeinsame Zeit ein Ende haben sollte. Ein demoliertes Auto schien ihr inzwischen wie ein Klacks im Vergleich mit dieser Quälerei. Mehr aus Höflichkeit denn aus freiem Willen bot sie Marie Felder trotzdem an, den gemeinsamen Tag mit einem Kaffeebesuch zu beenden, und hoffte in Gedanken inständig, sie würde ablehnen.

Doch sie irrte sich. Marie Felder brachte es diesmal sogar fertig, eine klare Aussage zu tätigen.

»Gerne.«

Sarah lotste ihre wortkarge Begleiterin zum »Café Zentral«, einem der Wiener Prestige-Cafés. Sie ergatterten den letzten freien Zweiertisch. Da sich ihr Tischnachbar den zugehörigen Stuhl geliehen hatte, blieb Sarah nichts anderes übrig, als sich direkt neben Marie Felder auf die Sitzbank zu quetschen. Zwischen ihnen blieb eine knappe Handbreit Platz.

Sie konnte die Anspannung spüren, die Marie in sich trug. Wie verkrampft diese Frau die Getränkekarte umklammerte und wie nervös ihr Blick im Raum umherglitt!

»Möchten Sie lieber in ein ruhigeres Kaffeehaus gehen?«, schlug sie vor und gab sich Mühe, sich ihre Irritation über diese offenkundige Nervosität nicht anmerken zu lassen.

Marie warf einen raschen Blick aus dem Fenster. Es regnete noch stärker als zuvor.

»Es ist sehr hübsch hier«, sagte sie, und Sarah war angesichts des Regens froh über ihre Worte, auch wenn nichts an Marie Felders Körperhaltung darauf schließen ließ, dass sie das, was sie eben gesagt hatte, auch wirklich so meinte. Was sollte sie nur mit dieser Frau reden? Sie überließ sich ihrer Ratlosigkeit und erklärte in aller Ausführlichkeit, was sich hinter den Wiener Kaffeespezialitäten »Einspänner«, »Fiaker« und »Kleiner Brauner« verbarg. Marie hörte einfach nur schweigend zu. Am Ende bestellte sie einen Tee.

Während Sarah den Milchschaum von ihrer Melange löffelte und gleichzeitig verzweifelt nach einem neuen Gesprächsthema suchte, nippte Marie schweigend an ihrer Teetasse.

Als das Schweigen beklemmend wurde, war Sarah zu jeder Frage bereit: »Und, gefällt es Ihnen in Wien?«

»Ich habe noch nicht viel gesehen«, erwiderte Marie Felder, ohne sie anzuschauen. »Es war heute das erste Mal, dass ich in der Innenstadt war.«

Jetzt, da sie erstmals mehr als zwei Worte von sich gab, fiel Sarah auf, wie monoton ihre Sprachmelodie war. Ihre Aussage plätscherte dahin, ohne dass sie das ein oder andere Wort besonders betonte.

»Hat es Sie vorher nicht interessiert?«

Bereits drei Wochen in einer Stadt zu wohnen und noch keinen Fuß in die Innenstadt gesetzt zu haben schien Sarah unglaublich.

»Ich hatte zu tun«, bekam sie zur Antwort. »Es gibt viel Arbeit.«

Sarah erinnerte sich genau, was ihr Vater gesagt hatte, doch da sie ein Einschlafen des Gesprächs fürchtete, hakte sie nach.

»Haben Sie hier mehr zu tun als in Boston?«

Marie Felder zuckte mit den Schultern und sagte – nichts.

Sarah unterdrückte wiederum ein Seufzen und wünschte sich zu ihren Freunden, die sich um diese Zeit wohl gerade im »Q15«, ihrem Stammlokal, auf einen Drink trafen.

»Mein Vater sagte mir, Sie arbeiten an Ihrer Habilitation. Was ist Ihr Forschungsthema?«

Im Grunde wusste sie schon vorher, dass sie die Antwort nicht verstehen würde, weder sprachlich noch fachlich, und so war es dann auch. Immerhin war der Titel ihrer Arbeit der längste Satz, den Marie Felder seit Beginn ihres Zusammentreffens von sich gegeben hatte.

»Klingt sehr interessant«, sagte Sarah höflich.

»Sie müssen das nicht sagen«, erwiderte Marie Felder und sah ihr zum ersten Mal direkt in die Augen. Ihr Blick schien ein paar Sekunden lang selbstsicher, doch dann senkte sie den Blick.

Die knappe Bemerkung warf Sarah völlig aus der Bahn. Sie kam sich ertappt vor, fühlte sich nun auch unsicher. Nie zuvor hatte sie einen Menschen getroffen, mit dem eine höfliche Konversation weniger funktionierte als mit dieser verschlossenen Wissenschaftlerin.

»Es … es tut mir leid«, stammelte sie und stieß in ihrem Zustand der Verwirrung fast ihre Kaffeetasse um. »Ich wollte nur … wollte nur …«

Sie verstummte hilflos. Tja, was wollte sie eigentlich? Interesse und Verständnis heucheln, wo keines war? Nein, sie würde einfach nie verstehen, weshalb jemand das Innenleben von Zellen spannender fand als eine Innenstadt voller Kulturschätze und Cafés.

»Ich begreife einfach nicht, weshalb Sie sich in den ganzen drei Wochen, in denen Sie hier sind, nicht ein einziges Mal in die Innenstadt begeben haben«, platzte es schließlich aus ihr hervor. »Es muss doch sehr öde sein, wenn man keinen Ausgleich hat! Ich weiß, dass Forscher sehr konzentriert auf ihre Arbeit sind und darüber manchmal die Zeit vergessen, aber …«

Sie fühlte Marie Felders Blick auf sich ruhen und ihr fehlten plötzlich die Worte. Es schien, als hätten sie die Rollen getauscht: Auf einmal war sie diejenige, die auf den Boden schaute und sich angespannt und unsicher fühlte, und sie hatte nicht die geringste Ahnung, weshalb sie so empfand.

Eine federleichte Berührung flog über ihren Oberschenkel. Für eine Sekunde hatte eine Hand ihr Bein gestreift. Als Sarah den Blick hob, sah sie Marie Felder direkt in die Augen und versank in leuchtendem, tiefem Blau.

Diesmal war es Marie Felder, die den Blick abwandte. Sie nahm den kleinen Löffel und rührte eifrig in ihrer Teetasse. »Ich finde es sehr nett, dass Sie mir die Stadt zeigen«, sagte sie, ohne Sarah dabei anzusehen. »Es war ein sehr schöner Nachmittag.«

Als sie sich wenig später verabschiedeten, sann Sarah darüber nach, wie die vielen anderen Nachmittage in Marie Felders Leben wohl verlaufen waren. Wahrscheinlich wollte nicht nur ich höflich sein, sagte sie sich schließlich.

»Sarah, ich bitte dich doch nicht um viel … und letzten Sonntag hattet ihr doch auch eine nette Zeit!«

Fast beiläufig hatte ihr Vater beim Abendessen erwähnt, dass Marie Felder auch noch Schloss Schönbrunn sehen wollte.

»Papa! Ich habe schon einen ganzen Nachmittag mit ihr verbracht. Das reicht doch!«

»Ja, aber du hast ja selbst erzählt, dass du ihr im Regen nicht alles zeigen konntest.«

»Das geht sich an einem Nachmittag doch sowieso nicht aus, ob es nun regnet oder nicht«, erwiderte Sarah spontan, und merkte zu spät, dass sie sich in eine Falle manövriert hatte. »Wien ist zu groß.«

»Eben«, meinte ihr Vater triumphierend. »Also spricht doch nichts dagegen, noch eine zweite Runde mit ihr zu drehen.«

Sarah sah gequält von ihren Spaghetti Bolognese auf, die ihr plötzlich gar nicht mehr schmecken wollten.

»Es war furchtbar, Papa!«, erwiderte sie, obgleich sie wusste, dass dies wirklich eine Übertreibung war. Es war nicht furchtbar gewesen, aber anstrengend.

»Sie fand es anscheinend nett«, sagte er ruhig. »Sie hat sich jedenfalls sehr positiv geäußert.«

»Positiv geäußert? Hat sie sich wirklich geäußert?« Sarahs Stimme triefte vor Sarkasmus. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich überhaupt zu irgendetwas äußert. Sie hat während unseres Treffens ziemlich wenig gesagt.«

»Sie spricht wirklich nicht viel«, gab ihr Vater zu. »Aber fachlich ist sie brillant.«

»Ja, mag sein. Aber sozial ist sie gestört«, warf Sarah ein. »Die Frau ist echt komisch! Irgendetwas stimmt mit ihr nicht.«

»Du urteilst sehr hart. Das kenne ich gar nicht an dir.«

»Vielleicht wird man so, wenn man dazu verurteilt ist, einen ganzen Nachmittag mit der personifizierten Schweigsamkeit zu verbringen«, konterte Sarah und stocherte lustlos in ihren restlichen Spaghetti herum.

»Na ja, es ist ja nicht so, dass sie nichts gesprochen hätte, wenn ich mich recht an deinen Bericht von eurem Treffen erinnere …«

»Was in diesem Café stattgefunden hat, kann man wohl schwer als Gespräch bezeichnen«, bemerkte Sarah mit spöttischem Lächeln. Dann wurde sie ernst. »Bitte, Papa, tu mir das nicht an. Es macht mir wirklich keinen Spaß. Sie ist merkwürdig. Es ist mühsam mit ihr. Ich habe echt keine Lust!«

»Sarah, es ist wirklich nicht viel, was ich von dir verlange«, begann ihr Vater erneut. »Zeig ihr Schloss Schönbrunn oder was auch immer noch sehenswert ist. Ich habe dir doch gesagt, warum es so wichtig ist, dass sie sich hier wohlfühlt. Sie wird sonst nicht unterschreiben, und ich brauche sie für dieses Projekt. Es war schwer genug, einen Spezialisten auf diesem Gebiet zu finden.«

Sarah hatte das Gefühl, sich mit ihrem Vater im Kreis zu drehen. All das, was er ihr da sagte, hatte er ihr doch schon vor ein paar Tagen lang und breit erklärt …

»Ehrlich gesagt, ich frage mich, wie sich Marie Felder dabei fühlt, dass ihr die Tochter ihres Chefs als Freizeitbegleitung aufs Auge gedrückt wird«, warf sie ein.

Ihr Vater hob die Schultern. »Offensichtlich ganz gut, sonst würde sie ja nicht noch einen Tag mit dir verbringen wollen.«

Etwas an seinem Gesichtsausdruck machte Sarah misstrauisch. »Sag mal … war das wirklich ihr Vorschlag, noch einmal mit mir auf Tour zu gehen, oder hast du es ihr angeboten und sie hat lediglich zugestimmt?«

Ihr Vater antwortete nicht gleich.

Sarah war vormittags mit ihrer Freundin Simone reiten gewesen, hatte sich dann von ihr nach Hause fahren lassen und ihr in knappen Worten erklärt, dass sie jetzt nicht mit ins Freibad fahren konnte, da sie gewisse Verpflichtungen hatte. Sie hatte nicht ins Detail gehen wollen, doch gerade damit hatte sie Simones Neugierde geweckt, und so musste sie ihr die Hintergründe dessen, was sie ihre »Verpflichtung« nannte, ein wenig erläutern.

»Kurzum, ich werde noch einen Nachmittag mit dieser komischen Frau verbringen müssen«, hatte sie mit missmutiger Miene ihren Bericht geschlossen und zumindest von Simone einige Worte aufrichtiger Anteilnahme geerntet.

Sarah hatte noch versichert, dass sie sicher abends zum allsonntäglichen Treffen in ihrem Stammlokal kommen würde, und war schnell im Haus verschwunden.

Eilig hatte sie sich geduscht und umgezogen, war in einen geblümten Rock und ein dazu passendes Trägertop geschlüpft und hatte ihre Haare zu jenem lockeren Knoten zusammengesteckt, der ihre Lieblingsfrisur war.

Diesmal trafen sie sich auf Marie Felders Vorschlag hin bereits um 14 Uhr, was Sarah sehr entgegenkam. Wenn sie sich früher trafen, würde sie früher wieder nach Hause gehen können. Sie hatte dann noch Zeit, sich in Ruhe umzuziehen und zu stylen, ehe sie ins »Q15« fuhr.

An der Bushaltestelle musste sie diesmal lange warten. Mit zehn Minuten Verspätung und Schweißperlen auf der Stirn, weil es fast 30 Grad hatte und sie das letzte Stück Weg gehastet war, kam sie vor den Toren von Schloss Schönbrunn an.

Die andere erwartete sie bereits; ehe Sarah vor ihr stand, bemerkte sie schon, wie Marie Felder nervös von einem Bein auf das andere trat und unruhig ihren Blick durch die Gegend schweifen ließ. Sie trug Jeans und ein schlichtes blaues T-Shirt, und Sarah fragte sich, ob diese Frau keine andere Kleidung besaß – zum Beispiel ein luftiges Sommerkleid.

Eilig entschuldigte sie sich für die Verspätung und musste mit Marie Felders wenig verständnisvoller Antwort klarkommen, die da lautete: »Unpünktlichkeit ist eine Form der Machtausübung.«

Sarah schluckte trocken und wünschte zuerst sich selbst auf den Mond und dann, da es dort wahrscheinlich wenig attraktiv war, Marie Felder. Zunächst überspielte sie ihren Ärger und ihre Verletzung, indem sie im großen Vorhof des Schlosses die Historie der einzelnen Gebäude erläuterte, doch plötzlich, mitten in einem Satz, konnte sie sich nicht mehr beherrschen und sagte in Marie Felders angespanntes Gesicht: »Im Übrigen wollte ich keine Macht ausüben. Ich habe einfach nur unverhältnismäßig lange auf den Bus gewartet.«

Marie Felder wich rasch ihrem Blick aus.

»Ja«, sagte sie nur, und Sarah fühlte sich völlig hilflos. Was sollte das bedeuten? Was konnte sie darauf erwidern? Offenbar würde dieses Treffen noch weitaus unangenehmer als das letzte.

Marie Felders nächste Worte kamen unvermittelt. »Der Rock und das türkise Shirt … das sieht hübsch an dir aus.«

Sarah war erst zu verdutzt, darauf zu reagieren, so dass es eine Weile dauerte, bis sie ein Danke über die Lippen brachte.

Sie gingen auf die andere Seite des Schlosses und durchquerten den unteren Teil des Parks. Schweigend.

»Möchten Sie das Schloss von innen sehen?«

Sarah hatte im Grunde keine Lust, bei dem herrlichen Wetter durch Prunksäle zu laufen, doch andererseits stellte sich ihr die Frage, was sie sonst mit ihrer seltsamen Begleiterin tun sollte.

»Das möchte ich nicht«, erwiderte Marie – und schwieg.

»Möchten Sie hochwandern zur Gloriette?« Sarah deutete auf das kleine Gebäude an der Hügelkuppe des Schlossparks. »Von dort aus hat man einen großartigen Blick über die Stadt.«

Sie folgte Marie Felders Blick, der über den steil ansteigenden Serpentinenweg zur Gloriette glitt.

»Wie du willst«, sagte sie nur.

»Ich habe das schon oft gemacht«, erwiderte Sarah und gab sich Mühe, sich nicht anmerken zu lassen, wie Marie Felder schon wieder ihre Nerven strapazierte. »Es geht hier aber nicht um mich. Sie sind neu in dieser Stadt, und ich möchte Ihnen ein paar schöne Eindrücke vermitteln.«

»Danke«, sagte Marie Felder und sah sie dabei nicht an.

»Bitte«, erwiderte Sarah automatisch und wartete ab, ob noch eine klare Aussage käme. Es kam nichts.

Schweigend spazierten sie zur Vorderseite des Schlosses zurück und kamen dabei an dem Café vorbei, das für die Besucher der Anlage auch heute der Anziehungspunkt Nummer Eins zu sein schien.

»Möchten Sie einen Eiskaffee trinken?«, schlug Sarah vor.

Marie Felder warf einen kurzen Blick auf die Menschen, die bereits Schlange standen, um einen freien Tisch zu ergattern. Sie schüttelte den Kopf.

»Es sind so viele Leute hier«, bemerkte sie leise.

Oh Gott, was soll ich nur mit ihr machen?, überlegte Sarah angestrengt. Überall waren bei diesem herrlichen Wetter viele Leute, und obendrein schien es sowieso ein Ding der Unmöglichkeit, etwas zu finden, was Marie Felder begeisterte. Auf den Prater konnte sie mit ihr nicht gehen – da waren gewiss auch viele Leute, und außerdem hatte sie erhebliche Zweifel, dass ausgerechnet die Atmosphäre eines Rummelplatzes die introvertierte Wissenschaftlerin ansprechen würde. In der Innenstadt waren sie bereits das letzte Mal gewesen. Es blieb also nicht mehr viel übrig.

»Kann ich Ihnen die Donauinsel zeigen? – Wir könnten uns dort ein ruhiges Fleckchen suchen und …« Sie verstummte. Ja, was eigentlich? Was konnten sie dort tun, an einem ruhigen Fleckchen?

»Ja«, sagte Marie nun unerwartet. »Das hört sich gut an.«

Eine nicht enden wollende, schweigsam verbrachte U-Bahn-Fahrt später waren sie an der Donau. Sarah hatte sich kurzfristig umentschieden. Nicht auf die Donauinsel, sondern an die alte Donau würden sie fahren. Marie Felder konnte sich sicher nicht für übergewichtige Nacktbader, Kebab grillende türkische Großclans und lärmende Kinder begeistern. Auf der Donauinsel einen Ort zu finden, der all das nicht aufzuweisen hatte, war wohl unmöglich.

»Wir werden ein Boot mieten«, sagte Sarah und packte ihren Entschluss diesmal nicht mehr in eine Frage. Marie Felder sagte wie erwartet nichts, stieg aber bereitwillig in das Tretboot. Schweigend traten sie in die Pedale.

Da die Sonne vom Himmel brannte, lenkte Sarah das Boot in einen der schattigeren Seitenarme der weit verzweigten Donaualtwässer. Marie Felder hörte bald zu treten auf. Als sie Sarahs fragenden Blick auffing, fragte sie: »Könnten wir hier ein bisschen bleiben … wenn es dir nichts ausmacht?«

Sarah, erstaunt, erstmals einen direkten Wunsch von ihrer Begleiterin zu hören, nickte.

»Gerne.« Sie kletterte nach hinten auf die freie Fläche des Bootes, setzte sich vorsichtig an den Rand und ließ die Beine ins Wasser baumeln.

Marie Felder sah sich um.

Die Blätter an den Bäumen waren dicht und spendeten Schatten; die Sonnenstrahlen, die durch das Laub drangen, tauchten diesen Ort in ein sanftes, idyllisches Licht. Es war hier, abseits der Badestrände und Uferhäuser, angenehm still. Außer ihnen gab es nur ein weiteres Tretboot, das in einiger Entfernung auf dem Wasser trieb und dessen jugendliche Passagiere sich innig in den Armen lagen.

Sarah spürte einen leichten Stich im Herzen, wie so oft in letzter Zeit, wenn sie Liebespaare sah. Sie hatte sich bisher so gut wie nie verliebt, nicht einmal in der Schule, wo sie sich damit tröstete, dass sie die meisten Jungs in ihrer Klasse einfach schon zu lange kannte, um erotische Gefühle ihnen gegenüber zu entwickeln. Im Studium, sagte sie sich, würde es sich schlagartig ändern. Doch abgesehen davon, dass in den meisten Vorlesungen und Proseminaren, die sie besuchte, nur Mädchen waren, hatte sie sich bisher auch nicht in einen der wenigen Jungs verliebt, die ihre Wege kreuzten. Sie fand viele Männer nett, war mit ihnen befreundet – aber sobald ihr jemand zu erkennen gegeben hatte, dass er von ihr mehr wollte als nur Freundschaft, hatte sie sich zurückgezogen.

»Was ist?«

Eine Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie bemerkte, dass Marie Felders Blick dem ihren gefolgt war, und spürte, wie sie errötete. Zugleich war sie überrascht, dass diese Frau, die zuvor generell teilnahmslos schien, plötzlich persönliches Interesse an ihrem Gemütszustand zeigte.

»Nichts«, beeilte sie sich zu versichern. »Ich habe nur nachgedacht.«

»Über was?«

Sarah glaubte sich verhört zu haben. Eine solch direkte, persönliche Frage war gewiss das Letzte, womit sie gerechnet hätte.

»Über so einiges«, sagte sie ausweichend. Sie hatte nicht vor, mit jemandem, der nicht einmal einen Smalltalk führen konnte, über ihr Intimleben zu reden. Als sie Marie Felders Blick weiterhin auf sich ruhen fühlte, setzte sie mit einem Seufzer hinzu: »Ich habe überlegt, warum ich neulich einen Autounfall hatte.«

Das war eindeutig nicht gelogen. Sie war unaufmerksam gewesen, weil sie über Simones Worte nachgegrübelt hatte: Wie seltsam sie es doch fände, dass Sarah noch keinen Freund hatte (»Du bist schon neunzehn, fast zwanzig!«), dass sie zu wenig raffiniert war, um Männer in ihren Bann zu ziehen (»Die mögen keine Unschuldsengel!«) und dass sie an ihrem Auftreten arbeiten müsse. (»Du wirkst einfach zu schüchtern! Das schreckt ab.«)

Sarah hatte auf der Fahrt nach Hause gerätselt, ob ihre Freundin wohl recht haben konnte. Warum hatte sie bisher sämtliche Annäherungsversuche abgeblockt, wenn ein Mann sie ausnahmsweise interessant genug fand, um sie näher kennenlernen zu wollen? – Ihre Suche nach der Antwort auf diese Frage hatte im Kofferraum eines VW Golf geendet.

»Wann war das?«, wollte Marie Felder nun wissen, und Sarah wunderte sich immer mehr über das plötzliche Interesse an ihrem Leben.

»Vergangene Woche, am Mittwoch.«

Marie Felder schien nachzudenken. Nach einer Weile meinte sie jedoch nur: »Zum Glück ist dir nichts passiert.«

»Ja, zum Glück«, stimmte Sarah zu. Sie plantschte mit den Beinen im Wasser und betrachtete die Luftblasen. Dann sah sie ihre Begleiterin an, die immer noch reglos neben ihr kauerte, und meinte: »Wollen Sie nicht auch ein Fußbad nehmen, Frau Felder?«

»Frau Felder«, wiederholte Marie und ihre Lippen kräuselten sich leicht. Sarah schien es fast wie ein amüsiertes Lächeln.

»Ich wusste nicht, ob ich Sie … dich Marie nennen darf«, schob sie nach.

»Ja, wie denn sonst?« Marie hob verwundert die Augenbrauen. »Du musst mich nicht die ganze Zeit siezen, wenn ich dich duze.« Jetzt erst fiel Sarah auf, dass sie ihre Brauen zupfte. Der leichte Schwung und die geordneten Härchen waren eindeutig nicht auf Mutter Natur zurückzuführen. Offenbar war Marie ihr Aussehen doch nicht ganz so egal, wie es zunächst schien.

»Die Beine ins Wasser halten geht nicht. Ich habe Jeans an«, lautete die überraschende Antwort auf Sarahs Frage.

Sarah zuckte mit den Schultern. »Zieh sie aus. Hier ist sowieso niemand außer uns, und mich stört es nicht.«

Marie Felder schwieg zunächst. Dann meinte sie langsam: »Ich glaube, mich stört es.« Immerhin gab sie nun ihre sichtlich unbequeme Haltung auf und legte sich flach auf das Boot. Sie ließ ihre Arme ins Wasser gleiten und wirkte so entspannt, wie Sarah sie noch nie erlebt hatte. Plötzlich nahm sie ihre geschlossene Hand aus dem Wasser und setzte sich auf. Als sie die Hand vorsichtig öffnete, sah Sarah, dass ein winziges Insekt darauf herumkrabbelte. Marie betrachtete es aufmerksam, bis Sarah ihre Beine aus dem Wasser zog und sich das Insekt ebenfalls ansah.

»Was ist das?«

»Eine Wasserspinne«, erwiderte Marie, ohne den Blick von dem Insekt abzuwenden. »Das bedeutet, dass das Wasser hier relativ sauber ist. Eine Wasserspinne ist ein Indikator für Gewässer mit guter Wasserqualität. Und da sie selten zu finden ist, gehört diese Spinnenart zu den gefährdeten Arten.«

Sie ließ die Spinne wieder von ihrer Hand ins Wasser gleiten. Beide sahen ihr nach, wie sie davonschwamm.

Maries Redseligkeit ermutigte Sarah zu einer nächsten Frage. »Hast du Biologie studiert?«

Die Antwort kam prompt und war erschöpfend.

»Ja.«

»Warum?«

»Weil es mich interessiert hat.«

»Hat?« Sarah war nicht entgangen, dass Marie von der Vergangenheit sprach.

»Ich mache jetzt etwas vollkommen anderes«, erwiderte Marie knapp. Sie schien wenig daran interessiert, das Gespräch fortzusetzen, doch Sarah ließ nicht locker – sie fand es kaum verlockend, sich den Rest der Zeit, die sie auf diesem Tretboot verbringen würden, wieder gegenseitig anzuschweigen. Marie hatte in den letzten Minuten schließlich bewiesen, dass sie reden konnte, also sollte sie es auch tun.

»Zellforschung und Molekularbiologie sind auch Biologie«, sagte sie daher. »Also machst du doch das, was du studiert hast – in gewisser Weise.«

»Ich denke, du solltest das als Laiin nicht beurteilen«, erwiderte Marie. Für Sarah fühlten sich ihre Worte an wie eine verbale Ohrfeige.

»Mein Vater ist auch Biologe und hat mir immer viel erklärt, daher habe ich sehr wohl eine gewisse Ahnung von diesen Dingen«, entgegnete Sarah gekränkt.

»Ich sage auch nicht, dass ich eine Ahnung habe von Kunst, nur weil du mir ein paar klassizistische Bauten gezeigt hast«, konterte Marie.

Warum bist du so eine miesepetrige Kratzbürste, lag es Sarah auf der Zunge. Doch sie dachte an das Projekt ihres Vaters und rang sich ein nachsichtiges Lächeln ab.

»Du hast wahrscheinlich recht.«

Die nächste Stunde verbrachten sie damit, sich den Rücken zuzuwenden. Das wenige, worüber sie sprachen, ging über Belanglosigkeiten nicht hinaus. Irgendwann hatte Sarah genug. Sie beschloss, dass ihr Engagement für heute und damit für immer und ewig an seine Grenzen gestoßen war. Es wurde höchste Zeit, dieses Miteinander zu beenden.

»Wir sollten das Boot zurückgeben, ehe die Anlegestelle schließt«, leitete sie ihren Entschluss ein, als Marie keine Anstalten machte, zurückzufahren.

»Sie schließt doch erst um zwanzig Uhr«, erwiderte Marie gelassen, und Sarah wunderte sich im Stillen, ob dieser Frau wohl je irgendetwas entging.

»Ich denke, es ist genug«, sagte Sarah und bemühte sich, ihrer Stimme einen festen und bestimmten Klang zu verleihen. Es war normalerweise nicht ihre Art, über den Kopf anderer hinweg Entschlüsse zu fassen.

Da von Marie kein Einspruch kam, raffte sie sich auf und kletterte zurück auf den Steuersitz. Ihr Rock blieb dabei am Stuhl hängen, und als sie sich befreite, rutschte ihr Top nach oben.

Sie spürte, dass Marie sie fixierte. Schnell zog sie ihr Oberteil herunter. Maries durchdringender Blick auf ihren entblößten Bauch war ihr unangenehm.

»Du hast ein Piercing am Nabel«, bemerkte Marie nun prompt. Sie trat dicht an Sarah heran. Das Boot wackelte unter ihren Bewegungen. »Darf ich es noch mal sehen?«

Sarah blieb fast die Luft weg bei dieser Frage.

Nein, sicher nicht, schnauzte sie in Gedanken zurück. Doch dann dachte sie erneut daran, wie wichtig Marie Felder für die Arbeit ihres Vaters war. Unwirsch schob sie das Top wieder etwas nach oben.

Marie Felder streckte die Hand aus und berührte den Metallstecker. Dann fuhr sie mit der Fingerspitze zart über nackte Haut. Entsetzt zog Sarah ihren Bauch ein und zerrte eilig am Saum ihres Tops. Was sollte das?!

»Tut das nicht weh?«, fragte Marie Felder nun. Es klang ehrlich interessiert.

»Nein, natürlich nicht. Ich spüre es gar nicht.«

Sie traten beide in die Pedale, doch Marie ließ nicht locker.

»Bleibst du nie damit hängen? Reibt es nicht?«

»Nein, woran denn?«

Marie antwortete erst nicht, und Sarah dachte zunächst, das unliebsame Bauchnabel-Piercing-Thema hätte sich damit erledigt. Doch sie hatte sich getäuscht.

»An der Kleidung. Wenn du dich anziehst, zum Beispiel. Oder beim Sex.«

Sarahs Augen weiteten sich. Sie kann das nicht gesagt haben, durchfuhr es sie. Ich muss mich verhört haben. Diese nahezu fremde Frau, die in meiner Gegenwart nicht mal ihre Jeans in einem Tretboot ablegen wollte, fragt mich, ob mein Bauchnabel-Piercing beim Sex stört?

Maries Blick ruhte gelassen auf ihr. Sarah vergaß vor Entsetzen einen Moment lang, in die Pedale zu treten, fasste sich nach einer Weile jedoch wieder und sagte steif: »Nun also, es gab bisher noch keine Situation in meinem Leben, bei der das Piercing störend gewesen wäre.«

»Aha«, sagte Marie ohne jeden Hauch von Emotion. Schweigend traten sie weiter in die Pedale, die Anlegestelle des Bootsverleihs kam näher.

»Warum hast du einen Stecker gewählt, der die Form eines Delphins hat?«

Zumindest das war eine akzeptable Frage.

»Ich hab es mir vor drei Jahren stechen lassen, da war ich halt noch jünger, und ein Delphin war cool und süß. Heute würde ich mich wahrscheinlich für etwas anderes entscheiden.«

»Für was?«

»Für einen Ring oder eine Spirale, vielleicht mit KristallBesatz.«

»Warum hast du es bisher nicht ausgetauscht?«

Sarah zuckte mit den Achseln.

»Keine Ahnung. Es war mir nicht wichtig genug, außerdem ist es kostspielig, in meinem Fall. Ich vertrage nur echtes Silber oder Gold.«

»Es sollte für deinen Vater doch kein Problem sein, dir so etwas zu schenken.«

Sie geht zu weit, dachte Sarah und wunderte sich gleichzeitig über sich selbst, als sie sich antworten hörte: »Mein Vater weiß nichts von dem Piercing. Er würde ausrasten.«

Sie waren bei der Anlegestelle angelangt. Als Sarah ihren beim Bootsverleih hinterlegten Reisepass wieder in Empfang genommen hatte, suchte sie nach geeigneten Worten zur Verabschiedung.

Marie Felder kam ihr zuvor. »Gehen wir noch etwas trinken?«

Sarah warf einen demonstrativen Blick auf die Uhr. Um halb sieben Uhr pflegte sich ihre Clique im »Q15« zu treffen. Zudem hatte sie von ihrer Begleiterin allmählich genug.

»Nur kurz«, sagte sie und gegen ihren eigentlichen Willen. »Ich habe dann einen Termin.«

»Ja, okay. Danke.«

Sarah brachte sie in die »Crèperie«, ein französisches Lokal mit Bar und Blick aufs Wasser, weil es das nächstgelegene Restaurant war. Marie gefiel die Atmosphäre dort offensichtlich, denn sie wirkte nicht ganz so angespannt wie am Sonntag zuvor im »Café Zentral«. Sarah bestellte sich einen Orangensaft, Marie eine Cola und Fisch vom Grill, was Sarah ärgerte, weil damit abzusehen war, dass die Einkehr inklusive Essen länger als eine Stunde dauern würde. Marie, die heute anscheinend einen gesegneten Appetit hatte, orderte anschließend noch ein Dessert, und Sarah spielte nach einem nervösen Blick auf die Uhr mit dem Gedanken, sie einfach in diesem Lokal sitzen und ihr Mousse au Chocolat alleine löffeln zu lassen. Doch da sie dazu viel zu höflich war, blieb sie sitzen in dem Wissen, dass all ihre Freunde schon im »Q15« saßen und Spaß hatten.

Der Spaß mit Marie Felder hielt sich dagegen weiterhin in Grenzen. Ihre Gespräche verliefen ähnlich schleppend wie zuvor, doch Sarah war inzwischen schon dankbar darüber, dass Marie nicht wieder auf Sex, Väter und Bauchnabelpiercings zu sprechen kam. Träge Konversation und minutenlanges Schweigen schienen dagegen noch die geringeren Übel.

Es war halb neun, als sie sich in der U-Bahn voneinander verabschiedeten.

»Vielen Dank für den schönen Tag«, sagte Marie Felder und drückte zum Abschied ihre Hand.

»Ebenfalls«, erwiderte Sarah, obgleich sie es nicht so meinte.

Sie lächelte höflich, sogar noch beim Aussteigen, sogar noch, als die U-Bahn mit Marie weiterfuhr und sie selbst an der U-Bahn-Station zurückblieb. Dann aber sackte ihr Lächeln in sich zusammen, und sie war nur noch wütend – auf ihren Vater, der ihr diese Treffen antat, und natürlich auf diese seltsame Frau.

Als Sarah das »Q15« betrat, fühlte sie sich erst einmal überrollt vom Kneipenlärm. Nach der Stille, die sie den ganzen Nachmittag über umgeben hatte, war ihr das Stimmengewirr regelrecht unangenehm.

Wie immer war das Lokal am Sonntagabend voller Leute, die meisten davon in ihrem Alter. Es war derzeit eine der angesagtesten Kneipen der Stadt. Aus den Lautsprechern dröhnte »We like it loud« von Scooter. Auf dem Weg vorbei an der Bar zu jener Ecke, in der ihre Clique gewöhnlich ihren Platz bezog, wurde Sarah mehrmals angerempelt.

»Unglaublich, dass du auch noch kommst! Ich habe schon gar nicht mehr mit dir gerechnet.« Der Sarkasmus in Simones Worten war nicht zu überhören. Sie begrüßten sich mit Bussi links, Bussi rechts auf die Wange. Simone trug ein schwarzes Stretchkleid und stand auf Pfennigabsätzen. Normalerweise waren sie und Sarah ungefähr gleich groß, heute überragte sie sie um einen halben Kopf.

»Ich habe doch gesagt, dass ich komme«, meinte Sarah lahm. Sie fühlte sich plötzlich wie erschlagen. Die laute Musik, der beißende Zigarettengeruch – warum fiel ihr das heute so stark auf?

»Heeeelllooo!« Natascha, eine weitere Freundin aus der Clique, rutschte von ihrem Barhocker und begrüßte sie ebenfalls. Ihr Blick glitt über Sarahs Outfit, den Blümchen-Rock und das Shirt, und sie fragte mit unverhohlener Missbilligung: »Wie siehst du denn aus? Kommst du direkt aus dem Freibad?«

Natascha selbst trug eine eng anliegende, glänzende Lederhose und ein bauchfreies Shirt mit Glitzersteinen.

»Oh Gott!«, quietschte Simone nun entsetzt. »Jetzt sehe ich es: Du trägst nicht mal Make-up!«

Sarah verdrehte nur die Augen und ließ sich dankbar auf dem Barhocker nieder, den ihr Markus, einer aus ihrer Runde, nun vom Nachbartisch organisiert hatte.

»Warum kommst du so spät?«, fragte er. »Normalerweise bist du doch immer die Superpünktliche!«

Sie mussten sich anschreien, um gegen die laute Musik anzukommen.

»Ich hatte noch zu tun«, erklärte Sarah und fühlte sich irgendwie fehl am Platz. Ihr innerer Groll, den sie kurzzeitig verdrängt hatte, brach wieder auf. Da saß sie nun als graues Mäuschen inmitten modisch gestylter Menschen, verschwitzt von der Sonne, die sie tagsüber genossen hatte, mit unfrisiertem Haar, ziemlich müde und schlecht gelaunt. Alles nur wegen Marie Felder! Im Grunde war es doch eine Frechheit gewesen, dass Marie sich Essen bestellte, obgleich sie ihr zuvor gesagt hatte, sie hätte nur kurz Zeit.

»Warst du etwa bis jetzt mit dieser komischen Tussi unterwegs?«, erkundigte sich Simone und zündete sich eine Zigarette an. Sie blies den Rauch kunstvoll nach oben und warf dabei lässig den Kopf in den Nacken. Sarah nickte und sah den kleinen Rauchwölkchen nach. Einen Moment lang wünschte sie sich, Simone zu sein. Simone, die überall sofort Kontakte knüpfte, die immer einen coolen Spruch auf Lager hatte, die allein durch ihre Körperhaltung stets lässige Überlegenheit ausstrahlte und mindestens vier Verehrer gleichzeitig hatte.

Vor drei Jahren noch war ihr Verhältnis sehr innig gewesen. Sarah hatte sich keine bessere Freundin als Simone vorstellen können: Sie waren verbunden durch dieselben Hobbys, ähnliche Vorstellungen vom Leben und auch die gleichen Freunde, sie teilten alle Sorgen miteinander, wussten immer, was die andere bedrückte.

Jetzt, im »Q15«, während sie gleichzeitig eine Strawberry Margarita bei der Bedienung orderte, wurde Sarah erstmals bewusst, dass sie eigentlich schon lange nicht mehr wusste, was in Simone vorging. Simone jammerte gelegentlich über ihr BWL-Studium und klagte über ihre Mutter, die in ihren Augen ein Kontrollfreak war, aber was sie innerlich beschäftigte, hatte sie schon seit langem nicht mehr erwähnt. Sarah wusste beispielsweise nicht, ob Simone mit ihrem neuen Freund Daniel, einem Jura-Studenten, wirklich glücklich war, oder ob ihr die Gerüchte, die im Freundeskreis kursierten, nicht doch zusetzten. Es hieß, Daniel sei ein erklärter Schwerenöter und noch nie einer Frau treu gewesen.

Wie auf ein Stichwort tauchte nun Daniel prompt neben Simone auf und schlang seine Arme um ihre schlanke Figur. Die beiden versanken in einen demonstrativen Kuss.

Sarah sah zur Seite.

»Mit welcher Tussi hast du dich getroffen?«, wollte Natascha nun neugierig wissen.

Sarah sah Marie Felders verschlossenes Gesicht vor sich, hörte in Gedanken ihre Frage, ob ihr Piercing beim Sex störte, und der Groll, den sie in sich trug, wurde zur Wut. »Mein Vater hat mir eine seltsame Frau aufs Auge gedrückt, der ich die Stadt zeigen soll«, erklärte sie. »Sie redet nichts, und wenn sie etwas redet, dann irgendwelche Peinlichkeiten. Gott sei Dank war es jetzt das letzte Mal, das ich etwas mit ihr unternehmen musste.«

»Wie hast du sie heute unterhalten?«, schaltete sich Simone ein, die bereits Sarahs Bericht vom Vormittag kannte.

Sarah erzählte von ihrer Bootsfahrt, nippte an ihrem Cocktail und fühlte sich allmählich besser. Sie schilderte ausführlich den merkwürdigen Tag und Marie Felders Verhalten, amüsierte damit die ganze Tischrunde, fühlte sich dadurch noch besser und bestellte noch eine weitere Strawberry Margarita.

»Sie saß wirklich bei dieser Bruthitze die ganze Zeit mit Jeans und T-Shirt am Boot?«, fragte nun Natascha ungläubig. »Wir waren heute Nachmittag im Freibad und sind alle zehn Minuten ins Wasser gesprungen, weil wir es kaum ausgehalten haben!«

»Vielleicht hat sie Haare an den Beinen«, mutmaßte Simone amüsiert. »So richtig dichte, schwarze.«

»Behaarte Beine wie die Wasserspinne«, kicherte Markus, »was erklärt, warum sie die Viecher so toll findet.«

Alle lachten, und auch Sarah stimmte mit ein, obgleich sie seit heute wusste, dass Wasserspinnen keine behaarten Beine haben. Wie wohl Marie Felders Beine aussahen?

»Wahrscheinlich spricht sie sonst nur mit Zellkulturen«, grinste Daniel. »Da wird man halt zur … Marie anderswie.«

Auch er erntete schallendes Gelächter.

»Sarah war also mit einer Laborratte unterwegs«, stichelte Simone und legte Sarah den Arm um die Schulter. »Aber keine Sorge, Sarahchen, jetzt bist du wieder bei uns und alles wird gut. Der Horror ist vorbei!«

»Sarah und die Horrorbraut«, steuerte nun Markus, der derzeit ein Praktikum bei der Kronenzeitung machte und mächtig stolz darauf war, dass er einen der wenigen Plätze ergattert hatte, eine passende Schlagzeile bei. Wieder lachten alle, und Sarah mit ihnen.

Sechs Tage später kam Sarah braungebrannt und guter Laune vom Freibad zurück. Sie war gerade dabei, ihre Wäsche an der Wäschespinne im Garten aufzuhängen, um die letzten Sonnenstrahlen des Abends zum Trocknen zu nutzen, als ihr Vater um die Ecke bog.

»Na, einen netten Tag gehabt?«

»Ja, wir waren baden«, erwiderte Sarah. »Und jetzt treffen wir uns bei Simone zum Grillen.«

»Klingt nach einem tollen Programm«, meinte ihr Vater. »Aber schau, dass es heute nicht zu spät wird! Schließlich kannst du morgen ja nicht bis in alle Ewigkeiten ausschlafen.«

Sarah stutzte kurz. Hatte sie ihrem Vater denn vom geplanten Ausflug zum Neufelder See erzählt? – Anscheinend schon, denn woher sollte er sonst davon wissen?

»Wir fahren erst um elf Uhr los«, sagte sie unbekümmert. »Außerdem kann ich am See weiterschlafen.«

Ihr Vater, der bereits im Begriff gewesen war, ins Haus zu gehen, blieb stehen und schaute sie stirnrunzelnd an.

»Wieso um elf Uhr? Warum zum See fahren? – Ich dachte, ihr seid für halb zehn Uhr zum Frühstücken verabredet?«

Nun lag das Erstaunen ganz auf Sarahs Seite.

»Was?«

Sie starrten sich beide entgeistert an.

»Wovon sprichst du?«, fragte Sarah schließlich irritiert.

»Na, von deinem Treffen mit Marie Felder«, erwiderte ihr Vater, ebenfalls irritiert. »Ihr seid doch morgen im ›Bundys‹ verabredet.«

Sarah wusste: Ihr Gesicht würde niemals dümmer aussehen als in dieser Minute.

»Ich bin überhaupt nicht mit ihr verabredet!«

»Doch, natürlich.« Adam Rosenberg schüttelte verwundert den Kopf. »Ich habe dir doch davon erzählt, letzten Mittwochabend … ich habe dir doch gesagt, dass sie nach dir gefragt hat, und dass ich dieses Frühstückslokal empfohlen habe …«

»Nein, das hast du nicht, Papa!« Sarahs Stimme klang schriller als beabsichtigt. »Wir haben uns letzten Mittwoch am Abend nämlich gar nicht gesehen, weil ich beim Jazzdance war und du im Theater mit Tante Irene! Ich höre davon zum ersten Mal! Und ich werde auf gar keinen Fall mit deiner blöden Felder frühstücken gehen! Frühstücke doch selbst mit ihr, wenn sie dir so wichtig ist!«

»Möglich, dass ich vergessen habe, den Termin mit Marie zu erwähnen«, gab ihr Vater zu, wirkte aber kein bisschen reumütig. »Aber ich dachte, unsere Vereinbarung sei doch sowieso klar. Sonntags kümmerst du dich um sie!«

»Davon war nie die Rede!«, begehrte Sarah auf. »Einmal, ja. Vielleicht noch ein zweites Mal, okay. Aber jetzt reicht es! Ich will nicht. Du kannst nicht einfach über meine Zeit verfügen!«

»Aller guten Dinge sind drei«, entgegnete ihr Vater lakonisch. Dann setzte er seinen gefürchteten Weichspülerblick auf: »Schau, mein Schatz, sie scheint dich zu mögen. Jedenfalls hat sie nach dir gefragt, und ich habe dieses Sonntagsfrühstück vorgeschlagen. Sie war sofort begeistert.«

»Aber ich bin absolut nicht begeistert!« Sarah war wütend. Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah ihren Vater mit blitzenden Augen an. »Ich will nicht ständig Kindermädchen für irgendwelche gestörten Mitarbeiterinnen von dir sein!«

»Ständig bist du es nicht«, konterte ihr Vater. »Bisher habe ich dich auch nie um dergleichen gebeten. Und nenne Marie Felder nicht gestört, denn das ist sie nicht. Sie ist introvertiert, sie ist eine geniale Wissenschafterin. Allerdings ist sie keines dieser Luftikus-Geschöpfe wie deine Freundin Simone, und das ist auch gut so!«

Sarah ging auf den Seitenhieb bezüglich Simone, die ihr Vater noch nie sonderlich gemocht hatte, nicht ein und wollte sich wortlos an ihm vorbei ins Innere des Hauses drängen, doch er ergriff sie am Arm und hielt sie fest.

»Ich kann mich also auf dich verlassen?«

Sarah entriss ihm ihren Arm und funkelte ihn böse an. Es war selten, dass es jemand schaffte, sie zur Weißglut zu bringen.

»Du kannst dich darauf verlassen, dass ich mich nicht noch einmal mit ihr treffe!«, antwortete sie bissig. »Ich werde morgen mit meinen Freunden an den See fahren. Ich habe ein Recht auf meine Freizeit!«

»Jetzt ist es wohl an der Zeit, Tacheles zu reden.« Die Stimme ihres Vaters klang nun nicht mehr ruhig, und auch in seinen Augen stand unverhohlene Verärgerung. »Du hast Semesterferien. Du hast jeden Tag die Woche frei, bis auf Montag und Mittwoch, wo du deiner Tante in der Galerie zur Hand gehst. Anders als viele andere Studenten in deinem Alter hast du das Glück, dir in den Ferien nicht deinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Und du lebst in einem großen Haus am Stadtrand. Kurz gesagt, es geht dir ausgesprochen gut. Dann fährst du ein nagelneues Auto kaputt, und ich sage nichts! Ich bitte dich lediglich um einen Gefallen, und du weigerst dich, mir selbst bei dieser Kleinigkeit behilflich zu sein. – Danke, Sarah. Ich bin enttäuscht von dir.«

Er wandte sich ab und ließ sie vor der Terrassentüre einfach stehen.

Benommen verharrte Sarah auf der Schwelle.

Ich bin enttäuscht von dir. – Die Worte hallten in ihr wider und hinterließen einen dumpfen Schmerz. Sie sah sich auf einmal durch die Augen ihres Vaters, und was sie sah, ließ sie seine Reaktion verstehen. Sie wollte kein verwöhntes, undankbares Geschöpf sein, das egoistisch handelte und den Menschen, die es gern hatte, nicht behilflich war. Minutenlang rang sie mit sich. Dann betrat sie ebenfalls das Haus, fand ihren Vater in seinem Arbeitszimmer und sagte: »Es tut mir leid. Ich werde mich mit ihr zum Frühstücken treffen und Simone bitten, eine Stunde später an den See zu fahren.« Sie schenkte ihm einen tiefen Blick und setzte hinzu: »Aber es ist das allerletzte Mal, dass ich etwas mit ihr unternehme!«

Diesmal war es Sarah, die als erste am Treffpunkt angelangt war. Sie wartete direkt vor der Tür des »Bundys« auf Marie, die wieder auf die Minute pünktlich vor ihr stand. Marie trug einen unsäglichen marineblauen Baumwollrock und eine weiße Bluse, die sie bis oben zugeknöpft hatte. Ihre blonden Locken waren zu einem streng zurückfrisierten Zopf geflochten.

Sarah fand, dass sie noch nie langweiliger gekleidet war.

»Hallo«, sagte Marie Felder so steif, wie sie aussah, und Sarah streckte ihr mechanisch die Hand entgegen. Doch Marie missachtete die Hand, was Sarah schon wieder aufbrachte. Frau Marie anderswie fand es offenbar normal, Menschen mit ausgestreckter Hand verhungern zu lassen! Sarah wandte sich ab und wollte das Lokal betreten, als etwas Unerwartetes geschah: Marie machte ein paar unsichere Schritte auf sie zu, verharrte kurz und sah sie mit einem merkwürdigen Ausdruck an. Dann beugte sie sich rasch vor und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die rechte Wange.

»Hallo«, sagte sie noch einmal, diesmal weniger steif.

»Hallo«, gab Sarah verdutzt zurück. Die flüchtige Berührung von Maries Lippen brannte auf ihrer Haut. Es war jedoch kein unangenehmes Brennen.

Wenig später saßen sie sich im Garten des Lokals vor Tee und frischen Semmeln, Obst, Schinken und Käse gegenüber. Marie schmierte mit vollster Inbrunst Butter auf ihre Laugensemmel und Sarah überlegte sich, wann wohl der richtige Augenblick war, um ihrem schweigenden Gegenüber zu sagen, dass sie höchstens zwei Stunden Zeit hatte. Sollte sie es jetzt gleich kundtun oder lieber später? – Da sie Unangenehmes hasste und dies eindeutig in diese Kategorie fiel, entschied sie sich für einen späteren Zeitpunkt.

Sie biss herzhaft in ihre Schinkensemmel und dachte mit Vorfreude an den Badetag am Neufelder See, der sie erwartete.

»Du siehst so hübsch aus … heute.«

Sarah verschluckte sich fast an ihrer Schinkensemmel.

»Aubergine passt gut zu deinen dunklen Haaren«, schob Marie nach.

Um Sarahs Fassung war es geschehen. Sie hustete kurz, hielt sich die Hand vor den Mund und versteckte eine jäh aufwallende Gesichtsröte hinter der Stoffserviette.