Tödliche Verstrickungen - Carolin Schairer - E-Book

Tödliche Verstrickungen E-Book

Carolin Schairer

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Beschreibung

Pünktlich zu Schulanfang wird in der niederbayrischen Marktgemeinde Aichendorf doch tatsächlich eine Bank überfallen. Durch ihre Freundschaft mit Kommissar Jörg Berger wird auch Landärztin Gesine Hofmann in den Fall verwickelt – obwohl sie schon genug am Hals hat: Eine besorgte Mutter stellt ihr den kleinen Jonathan vor, dessen Erkrankung Gesine immer mehr Rätsel aufgibt. Und auch privat läuft es mit Lebensgefährtin Holly nicht immer blendend, weil diese heftig erkrankt ist. Auf der Spur nach der richtigen Diagnose und Behandlung für ihren mysteriösen kleinen Patienten stößt Gesine auf eine eigenwillige Gemeinderätin und Anwältin für Ehe- und Familienrecht. Ein gemeinsames Abendessen soll gewisse Dinge klären helfen. Es kommt anders: Als die Ärztin am Morgen danach aufwacht, ist einer ihrer Kollegen erschlagen worden, der kleine Jonathan liegt auf der Intensivstation, die 16-jährige Tochter des örtlichen Notars ist verschwunden und Gesines Beziehung… tja, die steht plötzlich auf wackeligen Beinen. Hier begegnet uns erneut die sympatische Medizinerin aus "Todesursache: Ungeklärt" (2014), die einen wunderbar lakonischen Humor besitzt und doch eigentlich nur mit Lebensgefährtin Holly in Ruhe leben will…

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Seitenzahl: 415

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Carolin Schairer

TödlicheVerstrickungen

Kriminalroman

Ulrike HELMER Verlag

eISBN 978-3-89741-986-5

Gesetzt aus der Sabon

© 2016 eBook nach der Originalausgbe

CRiMiNA ist ein Imprint des Ulrike Helmer Verlags, Sulzbach/Taunus

© 2016 Copyright Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Atelier KatarinaS / NL unter Verwendung des Fotos »Zugeknöpft«

© Seleneos / photocase.de

Ulrike Helmer Verlag

Neugartenstraße 36c, D-65843 Sulzbach/Taunus

E-Mail: [email protected]

www.ulrike-helmer-verlag.de

Inhalt

Einige Wochen vorher …

Verkohlte Steaks und rote Beulen

Gartengespräche mit Überraschungseffekt

Zwei Haushalte und keine Lösung

Zum Schulanfang ein Überfall

Von der Kunst, sich unsichtbar zu machen

Wünsche, Träume und Visionen

Übertölpelt

Kamera ab, Film läuft

Weinende Frauen

Überraschungsbesuche

Spuren von Metall

Multikulti Mobil

Die Moschus-Wolke

Ein fataler Deal

Eva Kraus

Herbststurm

Verhängnisvolle Lust

Das Schicksal der Freiheitsstatue

N’oubliez jamais

Verdächtigungen und Verstecke

Brummschädel

Zweifelhafte Freundschaften

Grüne Augen

Geständnisse und Taten

Wenn Liebe Risse bekommt

Es gab Momente, da wünschte sich Rüdiger Gärtner, er könne die Zeit zurückdrehen – zurückdrehen auf jenen unseligen Sonntag Ende August, den er in geselliger Runde in seinem Garten verbracht hatte. Von dem guten österreichischen Welschriesling, den er sich extra aus der Steiermark liefern ließ, war reichlich geflossen. Die Zunge hatte locker gesessen. Eine einzige unbedachte Äußerung, und schon war die familiäre Talfahrt eingeleitet.

Seit Minuten schritt der schlanke Mittvierziger nun schon unruhig im gelb gestrichenen Zimmer seiner Tochter auf und ab. Während er sich durch das dunkle, von grauen Strähnen durchzogene Haar strich, schweifte sein Blick durch den Raum auf der verzweifelten Suche nach etwas, das ihm verraten würde, wo Anna steckte.

Ihr Handy war abgeschaltet.

Zunächst hatten sie in Annas engstem Freundeskreis herumtelefoniert. Niemand hatte etwas von ihr gehört. Sogar mit diesem unsäglichen Typen, mit dem ihre Tochter seit einiger Zeit zusammen war, hatten sie Kontakt aufgenommen. Fehlanzeige. Der Kerl wusste angeblich von nichts.

Irgendwann waren seine Frau und er zu der Übereinkunft gekommen, besser abzuwarten als das gesamte Dorf über Annas Verschwinden und dessen Hintergründe zu informieren.

Sie ist sicher bei irgendwelchen Bekannten untergekommen, hatte Rüdiger in der Nacht seine aufgelöste Frau zu beruhigen versucht. Die Sechzehnjährige kannte zahlreiche Leute, was kein Wunder war bei der Vielzahl ihrer Vereinsmitgliedschaften und ihres sozialen Engagements.

Allmählich wurde die Sorge aber übermächtig. Fast vierundzwanzig Stunden waren seit Annas Verschwinden vergangen. Sollte das Kind inzwischen nicht allmählich wieder zur Vernunft gekommen sein?

Vor dem weißlackierten Schreibtisch seiner Tochter blieb er stehen, hoffend, irgendeinen Hinweis auf ihren derzeitigen Aufenthaltsort zu entdecken. Doch wie immer herrschte darauf strukturierte Ordnung: links ein dünner Stapel mit Schulheften, dahinter die hölzerne Box mit Stiften. Rechts der Tischkalender, in den Anna in Schönschrift ihre Termine eintrug.

Den Kalender in der Hand, sank er auf Annas Bett. Die eingetragenen Termine bargen keine Überraschung. Nichts, von dem er nicht wusste. Seine Tochter hatte nie Geheimnisse vor ihnen gehabt. Bis vor kurzem zumindest.

Er stellte den Kalender an seinen angestammten Platz und öffnete die Schranktüren, immer noch auf der Suche nach einem möglichen Hinweis. Annas Kleidung hing ordentlich über den Bügeln oder schichtete sich sorgsam zusammengefaltet in Fächern.

Ein zusammengeknülltes Bündel Stoff am Schrankboden unterhalb der Kleiderstange zog Gärtners Aufmerksamkeit auf sich. Er bückte sich, hob es auf. Eine graue Jeans, zusammengerollt, in der Mitte ein hellblaues Etwas.

Von böser Vorahnung ergriffen, schüttelte er die Hose auseinander. Ein hellblaues Shirt fiel zu Boden. Ein hellblaues Shirt mit bräunlichen Flecken am rechten Ärmel und rotbraunen kleinen Spritzern an der Vorderseite. Ihm stockte der Atem, als er erkannte, um was es sich handelte.

»Tamara! Komm schnell!«

Sein Ruf schallte durch das ganze Haus. Augenblicke später stand seine Frau im Zimmer, außer Atem von ihrem Spurt über die Wendeltreppe ins obere Stockwerk. Ihre Wangen waren gerötet, die Haarspange, die ihr mittelbraunes Haar nach hinten hielt, verrutscht. Widerspenstige Locken fielen ihr wirr ins Gesicht.

Wortlos hielt er das befleckte Shirt in die Höhe. Tamara riss entsetzt die Augen auf, dann stieß sie einen leisen Schrei aus.

»Ruf die Polizei an«, sagte er. »Und Katharina.«

Einige Wochen vorher …

Verkohlte Steaks und rote Beulen

»Jonathan hat wieder einen dieser Fieberkrämpfe gehabt! Es war so schlimm, ich dachte, er stirbt!«

Die Frau, die an diesem Sonntagmittag an meiner Tür Sturm geläutet und mich vom Grill losgerissen hatte, war mir gänzlich unbekannt. Auf ihrem schmalen, blassen Gesicht, das von dunkelblonden Locken umrahmt wurde, zeichneten sich rote Flecken der Aufregung ab. Ihre blutleeren Lippen passten zu der leicht heiseren, gehetzt klingenden Stimme.

Gefangengenommen von den dunklen Schatten unter ihren graugrünen Augen und den eingefallenen Wangen, brauchte ich einige Sekunden, um das Kleinkind, das sie eng an ihren Körper gepresst trug, überhaupt wahrzunehmen: ein Junge, etwa zwei Jahre alt, mit fiebrig glänzender Haut. Trotz der sommerlichen Temperaturen mit einer langen Latzjeans und einer Strickjacke bekleidet. Er war wach, hatte aber die Augen geschlossen und wirkte völlig teilnahmslos. Sein Brustkorb hob und senkte sich wie nach einem Marathonlauf.

Wut baute sich in mir auf.

»Verdammt, weshalb kommen Sie damit zu mir?«, fuhr ich die Frau an. »Warum haben Sie nicht den ärztlichen Notdienst gerufen?«

Jetzt brach sie in Tränen aus. Das Kind in ihren Armen öffnete die Augen, starrte mich kurz an – und begann ebenfalls zu heulen.

Sofort bereute ich meinen Ausbruch.

Vor mir stand eine verzweifelte, besorgte Mutter mit einem kranken, fiebernden Sohn, die bei mir Rat und Hilfe suchte, und ich hatte nichts anderes zu tun, als sie rüde zu belehren, dass ihr Kind schon längst im Krankenhaus sein sollte. Dabei hatte Frau nur das getan, was gewiss jede besorgte Mutter an ihrer Stelle unternommen hätte: den nächsten verfügbaren Arzt in ihrer Nähe um Hilfe bitten. Und das war nun einmal ich, die nicht nur ihre Praxis in Aichendorf hatte, sondern auch dort wohnte – etwas, was mich von meinem niedergelassenen Kollegen Dr. Thomas Seyfried unterschied. Seyfried hatte nach dem Unfalltod von Dr. Bauer vor drei Jahren dessen Kassenstelle übernommen, wohnte aber nach wie vor im dreißig Kilometer entfernten Regensburg. Seine Frau hielt Aichendorf mit seinen knapp 7.000 Einwohnern als Wohnort für zu provinziell.

In den mittlerweile fast drei Jahren, die ich hier als niedergelassene Allgemeinmedizinerin residierte, war es ohnehin nicht das erste Mal, dass ich an einem Sonntag von an meiner Haustür läutenden Patienten gestört wurde.

So ist das Leben als Landärztin eben, hörte ich in Gedanken meine Mutter sagen. Du hast dir das selber ausgesucht, Gesine.

Ein Seufzen unterdrückend, wandte ich mich nun mit betont sanfter Stimme an die weinende Frau: »Jetzt, wo Sie schon einmal hier sind, werde ich mir Ihren Kleinen natürlich ansehen. Meine Praxis ist nebenan. Gehen wir hinüber, da habe ich bessere Möglichkeiten, ihn zu untersuchen. – Einen kleinen Moment noch, ich hole kurz den Schlüssel …«

Ich eilte zum Schlüsselbrett und dann in den kleinen Garten, wo Onkel Gustav, meine Freundin Holly, meine Schwester Tabea und zwei meiner Freunde kauend und kichernd an dem Biertisch saßen, den wir für Gelegenheiten wie diese vor einiger Zeit gekauft hatten. Eine Garnitur Würstchen lag auf dem Grill; der Duft zog verführerisch in meine Richtung.

»Ich bin kurz weg«, rief ich hinüber, das Knurren meines Magens tapfer ignorierend. »Patienten.«

»Ach nein!«, maulte Holly genervt. »Nicht schon wieder.

Es ist immer dasselbe …«

Ich wusste bereits, was sie dazu zu sagen hatte, und kehrte dem Grill rasch den Rücken, ehe sie weiter im Text fortfahren konnte. Unsere knappe gemeinsame Freizeit – verschuldet durch mein berufliches Arbeitspensum – war einer der Punkte, über die wir häufig stritten.

Zum Glück hatte sich die besorgte Mutter wieder beruhigt, und das Weinen des Kindes war in ein leises Quengeln übergegangen. Eilig sperrte ich im Nachbarhaus die Türe zu meiner Praxis auf bat sie in eines der beiden Behandlungszimmer.

»Ziehen Sie Ihren Sohn bitte schon einmal aus; ich bin gleich bei Ihnen.«

Ich fuhr den Computer hoch und zog mir meinen Arztkittel über.

Als ich ins Behandlungszimmer zurückkam, lag der kleine Bub nur mit einer Windel bekleidet am Wickeltisch. Ich trat an ihn heran – und riss erstaunt die Augen auf, als ich die drei knallroten Geschwülste sah, die sich mir am linken Oberarm, an der Schulter und im Brustbereich erbsengroß entgegenwölbten.

Was, um Himmels Willen, waren das für Furunkel?

»Seit wann hat er die?«, fragte ich die Mutter, bemüht, meine Stimme unter Kontrolle zu halten.

Offenbar nicht bemüht genug, denn die Unbekannte verzog das Gesicht bei meinen Worten so schmerzlich, dass ich einen erneuten Tränenausbruch fürchtete.

»Gestern waren es nur Pickel«, sagte die Frau mit brüchiger Stimme. »Ich dachte mir nichts dabei … so schlimm sieht es erst seit heute aus! – Frau Doktor, was kann das sein?«

Ich befühlte die Geschwulst am Oberarm vorsichtig mit dem Finger. Sie war warm und hart, ließ aber wenig Raum für Zweifel.

»Vermutlich ein Abszess. – Haben Sie zu Hause schon Fieber gemessen?«

»Vor einer Stunde. Als er den Fieberkrampf hatte. Also, danach 39,2 Grad.«

Das Kind glühte noch immer. Ich steckte ihm ein Fieberthermometer unter die Achsel. Schlaff und mit glasigem Blick lag der Kleine vor mir, offensichtlich zu erschöpft, um sich gegen irgendetwas zu wehren.

»Fieberkrämpfe können bei Kleinkindern durchaus vorkommen«, kramte ich mein Wissen aus ein paar Pflichtsemestern Pädiatrie hervor. »Ein schrecklicher Anblick, und ich kann natürlich voll und ganz verstehen, dass Ihnen das einen Riesenschrecken eingejagt hat, aber …«

… aber leider habe ich im Zusammenhang mit den Abszessen nicht die geringste Ahnung, welche Ursache diesen Symptomen zu Grunde liegt.

Laut sagte ich nach einer kurzen Pause: »… aber in der Regel ziehen diese Fieberkrämpfe keine Folgen nach sich. – Wie alt ist Ihr Sohn?«

Sie strich dem Kleinen sanft über den Kopf.

»Im Juli drei Jahre alt geworden.«

Drei? – Hoppla, da hatte ich mich offenbar saftig verschätzt. »Für sein Alter ist er sehr klein und schmächtig«, stellte ich fest.

Die Schultern der zierlichen Frau sackten nach unten.

»Ja, ich weiß. Jonathan ist sehr oft krank. Er war von Anfang an ein Sorgenkind.«

»Wie meinen Sie das?«

»Mein Sohn war eine Frühgeburt. Vierunddreißigste Schwangerschaftswoche. Er wog nur 2080 Gramm. Die Schwangerschaft verlief auch schon sehr problematisch, ich habe häufig unter Blutungen gelitten und …«

Das Piepsen des Fieberthermometers unterbrach ihren Redefluss. 38,5 Grad. Ich hörte den Herzschlag des Kleinen ab: kräftig, aber viel zu schnell.

»Haben Sie Ihre Karte dabei, Frau …«

Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich noch immer nicht den Namen kannte.

»Eva Kraus«, sagte sie und kramte aus ihrer kleinen rosa Handtasche auch schon die Plastikkarte hervor.

Während der Computer damit beschäftigt war, die Daten zu laden, beobachtete ich Frau Kraus dabei, wie sie sich wieder ihrem Söhnchen zuwandte. In ihrem Blick lag tiefe Sorge, als sie ihm vorsichtig T-Shirt, Latzhose und Jacke anzog.

Sie selbst trug, der sommerlichen Außentemperatur angemessen, ein luftiges beigefarbenes Sommerkleid mit kleinen blauen Punkten. Ihre Taille war schmal, Arme und Beine wirkten knochig. Der blassen Hautfarbe nach zu urteilen, war sie in diesem Sommer trotz der vielen Sonnentage nicht viel draußen gewesen. Auf mich machte die Frau einen müden, abgekämpften Eindruck.

»Sind Sie normalerweise Patientin von Doktor Seyfried?«

»Bitte?« Eva Kraus, die beruhigend auf ihr nun wieder leise quengelndes Kind eingeredet hatte, hob den Kopf.

»Doktor Seyfried. Mein Kollege hier am Ort. Sie haben doch sicher einen Hausarzt … oder bei wem ist Jonathan denn sonst in Behandlung? Bei einem Kinderarzt in Straubing vielleicht?«

Straubing war die nächstgelegene Kreisstadt. Ich gab ihr die Gesundheitskarte zurück.

»Nein … nein.« Eva Kraus fuhr sich durch ihre Locken. Einen Moment lang wirkte sie geistesabwesend. »Wir sind neu hierhergezogen. Ich wohne erst seit zwei Wochen hier. Larisa Ionescu, meine Nachbarin, hat mich zu Ihnen geschickt. Ihre Töchter seien bei Ihnen in Behandlung, sagte sie.«

Das waren sie tatsächlich. Liana und Luena Ionescu, Zwillinge, zwölf Jahre alt, Typ-1-Diabetikerinnen, die regelmäßig zu mir kamen. Vorzeigepatientinnen. Die Mädchen hatten die Krankheit gut im Griff, nicht zuletzt deshalb, weil ihre Mutter streng darauf achtete, dass die beiden alle meine Hinweise zum Thema Ernährung und Bewegung befolgten. Ich wusste, dass die Familie mich für eine großartige Ärztin hielt, denn Larisa Ionescu betonte genau das jedes Weihnachten und Ostern, wenn sie mir mit einer Schachtel Pralinen für meine Bemühungen dankte.

Zumindest konnte ich Eva Kraus dadurch nun geographisch einordnen. Wenn die Ionescus ihre Nachbarn waren, wohnte sie in einem der Reihenhäuser in der sogenannten »Bergsiedlung« – jenem Hügel, der sich hinter dem Marktplatz sanft ansteigend erhob.

Das Fieber war zwar gesunken, doch bei Kindern war Vorsicht angesagt. Außerdem gab es ja noch die drei seltsamen Abszesse. Also befüllte ich einen Überweisungsschein.

»Frau Kraus, ich werde jetzt einen Krankentransport organisieren. Die Kinderklinik in Landshut wird sich um die weitere Behandlung kümmern.«

»Oh mein Gott!« Eva Kraus verlor noch mehr an Farbe. Ihre Hände umfassten die seitliche Wand des Wickeltisches so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. »Krankenhaus? Muss das wirklich sein? Was fehlt ihm denn? Ist es etwas Schlimmes? Was bedeuten diese Beulen an seinem Körper?« In ihrer Stimme schwang nun leichte Hysterie mit.

»So, wie es aussieht, sind diese Beulen mit Eiter gefüllt; und das bedeutet: man muss sie öffnen. Hier in der Praxis ist das aus mehreren Gründen nicht möglich …«

… erstens, weil ich keine Lust auf diese hochinfektiöse Sauerei in meinen Räumlichkeiten habe. Zweitens weil ich mich außerstande sehe, einen derartigen, unweigerlich mit Schmerzen verbundenen Eingriff bei einem zappelnden und schreienden Kleinkind ohne fachkundiges Hilfspersonal durchzuführen.

»Das Fieber ist vermutlich eine Reaktion auf die Entzündung«, fuhr ich sachlich fort. »Im Krankenhaus werden sie mehrere Untersuchungen durchführen, dort gibt es die notwendigen Erfordernisse dafür, und die Kollegen sind zudem auf Kinderkrankheiten spezialisiert. Außerdem besteht bei Kindern in diesem Alter immer die Gefahr einer Dehydrierung; im Krankenhaus bekommt er Infusionen.«

Eva Kraus blinzelte verwirrt.

»Sie glauben also doch, es ist etwas Schlimmes?«

»Ich möchte, dass er untersucht wird, um etwas Ernsteres auszuschließen«, wiederholte ich stoisch. »Sie sollten Ihrem Mann Bescheid sagen, dass er Ihnen eine Zahnbürste und etwas zum Umziehen ins Krankenhaus nachbringt.«

»Mein Mann?« Wieder blinzelte sie, und wieder hatte sie diesen verwirrt erschrockenen Gesichtsausdruck wie schon ein paar Minuten zuvor, als ich mitgeteilt hatte, dass Jonathan ins Krankenhaus müsse.

Ich glaubte zu verstehen.

»Tut mir leid. Ich dachte automatisch, Sie seien … Sie sind also alleinerziehend?«

Ihre Augen wurden groß.

Zu meinem Erstaunen schüttelte sie nun heftig den Kopf.

»Nein. Nein! Mein Mann ist … er arbeitet auf einer Bohrinsel, als Ingenieur. Er ist nur alle drei Wochen bei uns. Dafür dann eine ganze Woche.« Das flüchtige Lächeln auf ihrem Gesicht wirkte unpassend und reichlich bemüht.

Ich sah mich in meiner ersten Annahme unweigerlich bestätigt: Diese Frau war alleinerziehend, wenngleich auch nicht im klassischen Sinne.

»Mami … will nach Hause.« Der kleine Jonathan, jetzt wieder auf dem Arm seiner Mutter, meldete sich erstmals weinerlich zu Wort. »Aua. Nach Hause. Aua.«

»Schätzchen, alles wird gut. Mami ist ja bei dir.«

Sie küsste ihn mehrmals auf das schweißnasse blonde Haar.

»Aua. Aua«, jammerte der Bub.

Ich sprach ihn nun direkt an.

»Wo genau tut es denn weh, Jonathan?«

Sofort drehte er den Kopf weg und verstummte.

»Jonathan ist sehr schüchtern«, entschuldigte sich seine Mutter. »Er redet nicht mit Fremden.«

Während wir gemeinsam auf den Krankenwagen warteten, war Eva Kraus hauptsächlich damit beschäftigt, den nun sehr unruhigen und weinerlichen Buben auf ihrem Schoß zu trösten. Es dauerte, bis die Sanitäter endlich vor der Tür standen, und fast bereute ich während der Zeit des Wartens schon, dass ich Mutter und Sohn nicht einfach mit einer Überweisung und der Anweisung, selbst ins Krankenhaus zu fahren, weggeschickt hatte.

Mein Hunger war inzwischen ebenso groß wie mein Frust, bei diesem spätsommerlichen Traumwetter in meiner Praxis herumzusitzen statt im Garten. Doch das Stichwort Fieberkrampf brannte wie ein Warnsignal in meinem Kopf, weshalb sich die Organisation eines Krankenwagens letztendlich doch als die einzige und beste Lösung präsentierte. Nicht auszudenken, wenn der kleine Jonathan auf der Rückbank im Kindersitz einen erneuten Anfall bekam, während seine Mutter am Steuer saß und sich nicht um ihn kümmern konnte! Zudem hätte Eva Kraus meiner Einschätzung nach gewiss nicht die Nerven, ihr Auto zielsicher in die nächste Parkbucht zu steuern, während ihr Kind auf der Rückbank vibrierte wie unter Starkstrom. Womöglich würde sie zu allem Überfluss noch einen Unfall bauen.

*

»Wir waren knapp davor, eine Vermisstenanzeige aufzugeben«, bemerkte meine Schwester Tabea trocken, als ich zurück in den Garten kam. Arco, Onkel Gustavs Schäferhund-Mix, lief mir entgegen und begrüßte mich so freudig, als wäre ich mehrere Wochen fort gewesen.

»Und ich hätte sie sogar entgegengenommen und eine Großfahndung eingeleitet, obwohl ich außer Dienst bin«, scherzte Jörg, der Kriminaloberkommissar, den ich einst im Zuge der Ermittlungen rund um meine tote Nachbarin Barbara Kerschitz kennengelernt hatte. Mittlerweile war er zu einem guten Freund geworden.

»Übertreibt mal bitte nicht«, erwiderte ich amüsiert, den Blick hungrig auf den Grill gerichtet. Der Geruch glühender Holzkohle stimmte mich optimistisch. Immerhin hatte ich noch die Chance, mir ein, zwei Bratwürste aufzulegen.

Sascha, Jörgs Freund, stand in enganliegenden Shorts und nacktem Oberkörper am Rost und fuchtelte mit der Grillzange hektisch in der Luft herum.

»Die Wespen sind dermaßen aggressiv dieses Jahr, das ist einfach ein Wahnsinn!«, kam es gespreizt aus seinem Mund, während er erneut eine heftige Bewegung mit dem länglichen Gerät vollführte. »Aber ich konnte dein Steak zumindest vor ihnen retten. Hier, liebe Gesine. Für dich. Senf oder Ketchup?«

Sprachlos starrte ich auf das verkohlte Etwas, das er mir nun gemeinsam mit einer Portion wässrigem Kartoffelsalat auf einem Teller präsentierte. Er machte dabei ein so hoffnungsvolles Gesicht, als erwarte er von mir nicht nur ein inniges Dankeschön, sondern auch den königlichen Ritterschlag.

»Trag es mit Fassung, Frau Doktor«, kommentierte Jörg, der mich besser kannte als sein jugendlicher Liebhaber, mit breitem Grinsen. »Der Patient ist tot. Da ist nichts mehr zu retten.«

»In anderen Worten: Iss das Steak, wie es ist, oder bleib hungrig«, sagte Tabea belustigt. »Die Würste haben Gustav und Jörg restlos vertilgt, und vom Fleisch ist auch nichts mehr übrig. Du hättest einfach nicht arbeiten sollen in deiner Freizeit. Selber schuld!«

»Oder mehr einkaufen müssen. Diesmal hast du ziemlich knapp kalkuliert.« Onkel Gustav kam aus dem Haus, zwei Bierflaschen in Händen. Eine davon stellte er vor mich auf den Tisch. »Hier. Ehe du dich jetzt sicher gleich aufregst, trink erst einmal ein kühles Pils. Und dann bestelle ich dir bei Da Luigi eine Pizza.«

Pizza aus dem Pappkarton als Trost für ein saftiges Stück Fleisch?!

»Jetzt seid doch nicht so gemein zu ihr!«

Zwei Arme schlangen sich um meinen Nacken. Holly hauchte mir einen zarten Kuss auf die Wange, und mein Ärger über die zerstobenen Grillfreuden wurde von einer Woge inniger Zuneigung überlagert.

»Liebling, meine Mutter ist schon unterwegs zum Metzger Lindner. Du weißt ja, sie ging mit Maria Lindner in die Schule und genießt das Privileg, dass sie auch am Sonn- und Feiertag privat dort klingeln kann. Sie müsste gleich wieder da sein, und dann wird der allerliebste Sascha sicher seine Aufgabe als Grillmeister wahrnehmen und dir ein Stück Fleisch ganz nach deinen Wünschen kredenzen. – Nicht wahr, allerliebster Sascha?«

»Selbstverständlich, allerliebste Holly«, flötete Sascha zurück und vollführte vor mir eine aberwitzige Verrenkung, die anscheinend eine Art Hofknicks darstellen sollte. Holly und er, die beide vierunddreißig Lenze zählten und damit wahrhaftig keine Teenager mehr, aber in unserer Runde die Jüngsten waren, pflegten seit Tag eins ihrer Bekanntschaft einen ganz eigenen Umgang miteinander. Letztendlich war es auch Holly zu verdanken, dass Jörg und der um rund zehn Jahre jüngere Sascha zusammengefunden hatten, denn sie hatte die beiden regelrecht miteinander verkuppelt. Holly hatte Sascha auf einer Reha im Rottal kennengelernt. Er war dort ihr Physiotherapeut gewesen.

»Aber du musst doch zugeben, Gesine, dass du ziemlich dumm aus der Wäsche geschaut hast angesichts meiner kleinen Fleischeinlage.«

»Ich habe mich wohl selber kaum sehen können, oder?« Leicht vergrätzt nahm ich einen kräftigen Schluck kühles Bier und fühlte mich gleich besser. »Außerdem, was heißt hier Wäsche?« Ich sah an mir herunter. »Noch trage ich kurze Jeans und ein straßentaugliches T-Shirt. Der Begriff Wäsche trifft heute eindeutig auf dich zu. Das Ding, das du als Shorts bezeichnest, sieht aus wie eine Unterhose!«

»Also bitte, bloß kein Neid!« Grinsend tänzelte Sascha in der Gegend herum. »Ich mit meinem Sixpack kann mir so was schließlich auch leisten!«

Wo er recht hatte, hatte er recht. Doch ich würde mir wohl eher die Zunge abbeißen, als ihn in seiner Eitelkeit auch noch zu bestätigen.

Wenig später erschien Christl Rauch, Hollys Mutter, tatsächlich mit Nachschub, und während mein Steak neben anderen auf dem Rost lag und Farbe annahm, dachte ich mit einem Blick auf die um mich versammelte Gesellschaft, wie gut ich es doch erwischt hatte: Ich wohnte recht idyllisch auf dem Land, noch dazu beinahe gratis im Haus meines Onkels. Mein Job als Landärztin war zeitweise zwar stressig, insgesamt aber zu bewältigen, ich hatte in Holly eine liebevolle Partnerin und in Jörg und Sascha unterhaltsame Freunde gefunden. Meine Quasi-Schwiegermutter Christl hatte sich inzwischen mit mir als Lebenspartnerin ihrer Tochter abgefunden, und mit Onkel Gustav ließ es sich gut auskommen. Unser gemeinsames Bier nach Feierabend war inzwischen zu einem liebgewonnenen Ritual geworden.

Während ich ein perfekt gegartes Stück Fleisch und das lockere Geplauder und Gelächter um mich herum genoss, wanderten meine Gedanken unweigerlich zu dem kranken Jonathan und seiner besorgten Mutter.

Der Kleine war inzwischen sicher schon im Kinderkrankenhaus in Landshut aufgenommen und vielleicht auch bereits von einem Oberarzt begutachtet worden. Ich war neugierig auf das, was das Blutbild und die weiteren Untersuchungen ergeben würden. Einen Befund bekäme ich auf jeden Fall …

Gewöhnlich war ich selbst eine gute Diagnostikerin – immer schon gewesen. Doch was die Ursache für die merkwürdigen Abszesse am Körper des Jungen betraf, fehlte mir diesmal jede Idee.

Gartengespräche mit Überraschungseffekt

»Noch ein Kotelett?« Rüdiger Gärtner wedelte mit dem eingeklemmten Fleisch vor Katharina Hablers Nase herum, als handle es sich bei der Grillzange um einen Fächer. Die attraktive Brünette mit dem Kurzhaarschnitt wich angewidert zurück.

»Lass das, Rüdiger. Du weißt, für Lamm konnte ich mich noch nie begeistern. Außerdem bin ich satt.«

Ja, satt war sie tatsächlich, und das nicht nur von der gegrillten Dorade mit Beilagen, eine halbe Stunde zuvor. Satt hatte sie auch die sie umgebende Gesellschaft.

Wie so oft in den vergangenen fünfzehn Jahren saß sie auf der mit hochwertigen Granitsteinen gepflasterten Terrasse ihrer langjährigen Freunde Rüdiger und Tamara, hinter sich das zweistöckige, in freundlichem Gelb gestrichene Einfamilienhaus, vor sich der gepflegte Garten mit Golfplatzrasen, Pool und üppigem Blumenschmuck. An der Kulisse hatte sich in all der Zeit wenig verändert, außer dass das ehemalige Plastikmobiliar vor einigen Jahren gegen eine edle Teakholz-Garnitur ausgetauscht worden war und die Personen, die um sie versammelt waren, an Alter und Gewicht zugelegt hatten; die Gesprächsthemen waren jedoch weitgehend dieselben geblieben.

Rüdiger Gärtner, abseits seiner freizeitlichen Grillmeistertätigkeit der Notar von Aichendorf, referierte wechselweise zum Garheitsgrad verschiedener Fleischsorten und den fatalen Auswirkungen einer anstehenden Änderung im Erbschaftsgesetz für den Mittelstand. Markus Kleiber, Chefarzt der Chirurgie an einem Straubinger Krankenhaus, hörte ihm jetzt höflich zu, nachdem er zuvor blutige Anekdoten aus dem Arbeitsalltag zum Besten gegeben hatte, stets gefolgt von seinem eigenen, dröhnenden Gelächter.

Tamara tauschte sich mit Kleibers Frau Susanna über die neuesten Erfolge ihrer Kinder aus. In Katharinas Ohren klang das Gespräch der Mütter wie ein Wettkampf: Anna Gärtner versus Peter Kleiber. Die beiden Sechzehnjährigen besuchten zwar ab September die elfte Klasse des Friedrich-Gottlieb-Klopstock-Gymnasiums am Ort, wiesen für Katharina aber ansonsten herzlich wenig Gemeinsamkeiten auf.

»Anna hatte ja im letzten Schuljahr die Hauptrolle in der Gute Mensch von Sezuan, die Shen Te. Ich bin schon sehr gespannt, was die Theater AG dieses Jahr auf die Beine stellt. Anna hat schon gesagt, dass sie wieder dabei ist.«

»Mein Peter konzentriert sich lieber aufs Abitur. Ich habe ihm schon gesagt, wie wichtig bereits die elfte Klasse ist. Ohne einem Notendurchschnitt unter eins Komma fünf kann er sein Medizinstudium vergessen!«

»Unsere Anna hat zum Glück ja keinerlei Probleme in der Schule.« Der Stolz triefte aus Tamara Gärtners Stimme wie das heiße Fett aus dem Lammkotelett, das Rüdiger nun mit den Worten »Du isst das schon noch, Kumpel« auf den Teller des entrüstet grunzenden Jochen Wassermann legte.

Während Tamara Gärtner blumig Annas Eins-Kommanull-Notendurchschnitt im Abschlusszeugnis schilderte und Katharina Susannas starren Gesichtszügen unschwer entnahm, dass ihr Peter da nicht mithalten konnte, säbelte Jochen Wassermann zu ihrer Linken bereits am Grillfleisch.

Zu Katharinas Bedauern hinderte ihn sein voller Mund nicht daran, den Gesprächsfaden von zuvor wieder aufzunehmen.

»… und dann teilt sie mir also schriftlich mit, sie könne nicht mehr arbeiten, weil sie Ulrich bei den Hausaufgaben betreuen müsse«, echauffierte er sich und schob ein neues Stück Fleisch nach. Kauend fuhr er fort: »Unsere Scheidung liegt inzwischen drei Jahre zurück, und jetzt will sie plötzlich mehr Unterhalt. Kannst du dir das vorstellen?«

Ja, Dr. Katharina Habler konnte sich so einiges vorstellen, wenn es darum ging, sich an Männern, die einen verletzt hatten, zu rächen. Und das nicht nur, weil sie selbst eine Frau war. Als Anwältin für Scheidungs- und Familienrecht hatte sie bereits so einige Gefechte für ihre Mandantinnen – meist wandten sich die Frauen an sie – durchgefochten. Sie kannte Geschichten wie jene von Jochen Wassermann zur Genüge. Der einfachste Weg der Rache einer verletzten Frau führte nach wie vor immer über den Geldbeutel. Und Irena Wassermann, pardon, jetzt wieder von Stratowitz, war definitiv verletzt, nachdem sie Jochen in flagranti mit seiner Arzthelferin im Bett erwischt hatte.

Aber war das wirklich ihr Problem? – Wohl kaum. Sie selbst hatte jedenfalls immer auf Diskretion geachtet, was ihre über die Jahre immer wieder einmal auflebende Affäre mit Wassermann betraf.

»Katharina!« Wassermanns Stimme nahm einen eindringlichen Klang an. »Das muss ich mir doch nicht gefallen lassen; es gibt doch sicher Gesetze, die mich als Mann schützen! Ich habe doch wohl auch noch Rechte!«

Während Rüdiger die leergetrunkenen Gläser zum wiederholten Male mit Wein füllte und Tamara Gärtner weiterhin Annas Talente in den Himmel hob, starrte das vermeintliche Scheidungsopfer sie an wie ein Ertrinkender, der auf Rettung in letzter Sekunde hoffte.

Katharina zündete sich eine Zigarette an, die vierte, seit sie das Besteck zur Seite gelegt hatte.

»Also, um etwas klarzustellen«, begann sie dann. »Als Mann im Jahre 2015 in Deutschland genießt du zwar rein statistisch gesehen immer noch gravierende Vorteile, was Einkommen, Karriereverlauf und ähnliches betrifft, aber im Falle einer Scheidung wie deiner hast du einfach die schlechteren Karten. Irena hat damals ihren Job als Marketingleiterin bei dieser Sportartikelfirma aufgegeben und ist mit dir hierher gezogen, weil du die Kassenstelle als Hautarzt in Aichendorf angenommen hast. Sie hat ihre eigene Karriere ad acta gelegt, um Vollzeit-Ehefrau und Mutter zu sein. Irgendwann hast du angefangen, sie zu betrügen, sie kommt dahinter, lässt sich scheiden – wumms! Und jetzt bist du überrascht, weil sie dir den letzten Cent aus der Tasche ziehen will?« Katharina bedachte ihn mit einem süffisanten Lächeln. »Verzeih, Jochen, aber deine Überraschung darüber erstaunt wiederum mich.«

Jochen griff nach seinem Weinglas, nahm einen tiefen Schluck. Einen Moment lang hatte sie den Eindruck, er würde sich tatsächlich einsichtig zeigen. Ein Irrtum.

»Irena war immer schon sehr anspruchsvoll«, maulte er. »Und durchtrieben. Ich konnte gar nicht anders, als mich nach anderen umzusehen.«

Jochen, das Opfer. Schon wieder.

»Jochen, wir hatten eine Abmachung, was deine Scheidung betrifft«, erinnerte ihn Katharina sachlich. »Ich werde dich dabei auch weiterhin nicht als Anwältin vertreten. Wende dich an diesen Doktor Müller oder Müllner, der dich vor drei Jahren vor dem Schlimmsten bewahrt hat. Der wird auch dein neuerliches Problem mit Irena irgendwie lösen.«

»Irgendwie, irgendwie!« Jochen Wassermann gestikulierte hilflos in der Luft herum. Sein kahlgeschorener Schädel glänzte. Katharina bemerkte, dass er schwitzte. Auch ihr war warm, was angesichts der Temperaturen nicht verwunderlich war, doch im Gegensatz zu Jochen in seiner langen Leinenhose und dem kurzärmeligen Hemd trug sie lediglich ein luftiges Trägerkleid.

Er rückte mit seinem Stuhl näher an sie heran.

»Ich will nicht nur irgendwie vertreten werden. Ich will die Beste. Und das bist du.«

Die Anwältin sandte ihm ein müdes Lächeln entgegen und blies ihm den Rauch ins Gesicht. Wider Erwarten wich er nicht zurück, sondern fuhr mit gesenkter Stimme fort: »Ich hätte da an einen kleinen Freundschaftsdienst gedacht. Du verstehst meine familiären Probleme schließlich am besten.«

»Freundschaftsdienst?« Katharina runzelte die Stirn. »Lieber Jochen, das, was uns beide verbindet, ist sicher keine klassische Freundschaft. Klär deine Probleme in dieser Causa bitte mit einem meiner Kollegen.«

»So hart kannst du dich nur zeigen, weil du selber keine Familie hast. Weil du eben nicht weißt, wie sich das anfühlt, wenn …«

»Richtig, ich habe keine Familie und daher auch keine Lust, mich mit deiner zu beschäftigen«, fuhr sie ihm hart ins Wort. Sie drückte den Zigarettenstummel im Aschenbecher aus und wollte sich zurücklehnen, überlegte es sich aber dann doch anders und zündete sich gleich die nächste Zigarette an. Nummer fünf in dieser Stunde.

»Du rauchst zu viel, Katharina«, kam es auch prompt von Wassermann. Sie bedachte ihn mit einem kalten Blick.

»Das mit der Familie, das könnte man noch immer ändern.« Sein Tonfall wurde anzüglich. »Ich meine, du bist erst vierundvierzig … da ist es noch nicht zu spät, eine Familie zu gründen. Mit einer Hormontherapie könntest du sicher noch schwanger werden.«

Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, ihm den Inhalt ihres Glases ins Gesicht zu schütten. Doch der Wein war dafür zu schade; außerdem zöge eine filmreife Aktion wie diese wohl einigen Erklärungsbedarf nach sich. Das Bedürfnis, irgendjemandem irgendetwas zu erklären, verspürte sie so gut wie nie. Also beließ sie es bei einem weiteren vernichtenden Blick, der bei Wassermann jedoch wirkungslos blieb.

Er setzte erneut an, um etwas zu sagen, doch im selben Augenblick betrat Anna die Bildfläche. Sie hatte den nassen Badeanzug, mit dem sie nach dem Essen trotz Warnung ihrer besorgten Mutter – »Schwimm doch nicht mit vollem Bauch, Kind!« – in den Pool gesprungen war, gegen eine kurze Hose und ein sportliches T-Shirt getauscht; ihr kinnlanges, feuchtes Haar war sorgsam nach hinten gekämmt.

»Peter und ich müssen jetzt los«, verkündete sie und erklärte damit ihren Part am familiären Grillnachmittag für beendet. Katharinas spürte intuitiv, dass Anna, das Musterkind, an diesem Nachmittag genug von elterlicher Fürsorge hatte und auch vor dem Aufgebot an elterlichem Bekanntenkreis die Flucht ergriff.

»Jetzt schon? – Ich dachte, der Deutschkurs für die Flüchtlinge beginnt erst um sechs Uhr!« Tamara wirkte gleichermaßen enttäuscht wie hilflos. »Ihr hattet ja noch nicht einmal Dessert!«

»Danke, ich bin sowieso nicht mehr hungrig.« Anna warf einen kurzen Blick über ihre Schulter. Peter Kleiber, ein schlaksiger Jüngling, der derzeit massiv von Akne geplagt wurde, stand zwei Schritte hinter ihr. »Vorher helfen wir noch Darias Geschwistern bei den Hausaufgaben. Deshalb müssen wir jetzt.«

»Aber ein Dessert …? Wir haben Mandeleiscreme …« Mutter Gärtner gab nicht auf. Hoffnungsvoll richtete sie ihren Blick auf Peter.

»Der ist auch nicht mehr hungrig.« Anna nahm dem braunhaarigen Burschen jegliche Entscheidung ab.

»Bis um zehn Uhr abends bist du aber wieder zu Hause«, wies Susanna Kleiber ihren Sprössling nun an. »Du weißt, ich mag nicht, wenn du dich so lange herumtreibst.«

»Aber Susanna, Anna ist doch mit ihm unterwegs.« Tamara bedachte ihre Freundin mit einem nachsichtigen Lächeln. »Und unsere Anna ist allerspätestens um halb elf wieder da. Nicht wahr, Mäuschen?«

»Ja, Mama, natürlich.« Das Mäuschen beugte sich mit lieblichem Lächeln zu seiner Mutter hinunter und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Jetzt müssen wir aber wirklich los. – Übrigens, kann sein, dass wir uns morgen nicht zum Frühstück sehen. Ich habe ja Tina Ballhaus versprochen, auf ihre Kinder aufzupassen, weil sie doch den Termin am Landratsamt hat … ja, und dann treffe ich mich mit diesem Herrn Sandner vom Bildungswerk, um über außerschulische Förderungen für junge Flüchtlinge zu sprechen, und hinterher gebe ich den Ionescu-Zwillingen Englisch-Nachhilfe … ach ja, und um vierzehn Uhr bin ich beim Schwimmtraining. So um halb fünf bin ich aber wieder zu Hause.«

»Da habe ich in Straubing eine Stadtführung mit den Franzosen«, erwiderte Tamara. Sie wirkte enttäuscht.

Seit ihrer Eheschließung mit Rüdiger, dem von Beginn an erfolgsverwöhnten Juristen, war sie zwar nicht mehr berufstätig, setzte ihre im Studium erworbenen, bereits etwas angestaubten Kunstgeschichte-Kenntnisse aber ehrenamtlich für kulturelle Zwecke ein. Bei den besagten Franzosen, das wusste Katharina aus der Lokalzeitung, handelte es sich um eine fünfzehnköpfige Besuchergruppe aus Aichendorfs Partnerstadt Chinon in der Tourraine, die seit zwei Tagen im Ort verweilte und die Schönheiten Niederbayerns kennenlernen sollte. »Aber die Stadtführung dauert nur bis sieben. Dann sehen wir uns wieder.«

Muss schon schlimm sein, seine vergötterte Tochter nicht pünktlich nach Schulschluss in die Arme zu schließen, dachte Katharina mit bitterer Ironie. Nein, sie konnte das nicht nachvollziehen.

Auch Rüdiger bekam nun einen Abschiedskuss auf die Wange. Der Gesellschaft sandte Anna ein langes »Tschüüüß« entgegen, begleitet von einem sonnigen Lächeln. Dann marschierten die beiden Teenager durch das Gartentor.

Katharina sah ihnen nach, wie sie auf ihren Rädern davonfuhren. Ein nicht allzu großes Mädchen mit ein paar Kilos zu viel auf den Rippen, Babyspeck, zweifelsohne, sie kannte das aus eigener Erfahrung. Gefolgt von einem dürren Jungen ohne Muskelmasse, der wohl auch von einem Hochhaus springen würde, wenn sie es von ihm verlangte.

»Wie schafft Anna das nur alles?«, wunderte sich Markus Kleiber, während er mit einer unwirschen Handbewegung eine Fliege vom lichten Haar verscheuchte. »Ich meine, sie ist so unglaublich engagiert, in ihrem Alter!«

»Sie ist bemerkenswert gut organisiert«, erwiderte Rüdiger Gärtner lapidar. Im Privatleben überließ der Notar das Reden gewöhnlich seiner Frau.

»Wirklich ein wunderbares Mädchen«, bestätigte Susanna Kleiber. »Toll, wie sie sich jetzt für die syrischen Flüchtlinge engagiert! Ich bin froh, dass unser Peter sich ihr so anschließt. Soziales Engagement macht sich immer gut im Lebenslauf.«

Katharina griff unwillkürlich wieder nach ihrer Zigarettenschachtel. Gleichzeitig dachte sie daran, dass ein Portwein oder Martini jetzt eine willkommene Abwechslung zum leichten Weißwein wäre. Beides hatte sie jedoch erst am Vortrag in rauer Menge zu sich genommen und spürte die Nachwehen noch jetzt latent.

»Danke. Wir sind wirklich stolz auf unsere Tochter.«

Tamara Gärtner lächelte glücklich in die Runde.

»Wenn unser Peter doch ein kleines bisschen mehr Eigeninitiative hätte. So wie Anna. Da wären wir wirklich froh«, packte Markus Kleiber nun aus. »Aber den Jungen muss man sprichwörtlich zu allem tragen. Ginge es nach ihm, säße er den ganzen Tag nur vor seinem Computer und würde im Internet surfen. Gut, dass er jetzt zumindest diesen Deutschkurs im Asylantenheim gibt! Da setzt er sich zumindest einmal für andere ein, hat Kontakt mit Menschen. – Er ist ja ein lieber Junge, aber ohne Nachhilfe wird er das Abi nur mit einem so verheerenden Schnitt schaffen, dass er dank Numerus Clausus von allen vernünftigen Studienfächern ausgeschlossen ist.«

»Das mit den Noten gibt sich schon noch«, sagte Rüdiger Gärtner mit wenig Überzeugungskraft. »Gute Noten sind außerdem nicht alles im Leben.«

»Ihr habt leicht reden.« Markus Kleiber nahm einen Schluck aus seinem Glas. »Ihr wisst, wie schwierig es ist, einen Studienplatz für Medizin oder Jura zu ergattern. – Eure Anna hat ja eine Klasse übersprungen und schreibt immer nur Einser. Nichts für ungut, aber manchmal frage ich mich wirklich, von wem sie das hat!«

Beinahe hätte Rüdiger Gärtner sich an seinem Wein verschluckt. Das Sonntagslächeln seiner Frau verwandelte sich für Sekunden in blanke Bestürzung.

»Also Markus!«, kicherte Susanna peinlich berührt.

Jochen Wassermann grinste amüsiert.

Katharina Habler rauchte und dachte sich ihren Teil.

»Na ja, ich halte dich und Tamara wahrhaftig nicht für dumm oder so«, versuchte Markus Kleiber die etwas aus dem sozialen Gleichgewicht geratene Situation zu retten. »Aber in Erinnerung an unsere gemeinsame Schulzeit, lieber Rüdiger, weiß ich noch sehr gut, dass du dir in Deutsch beispielsweise immer gleich die Sekundärliteratur besorgt hast, ehe du zum Werk selbst gegriffen hast. Anna ist da komplett anders.«

»Ja, das ist wirklich faszinierend!«, bestätigte nun auch Susanna Kleiber. »Sie ist so vollkommen anders als ihr … so engagiert … immer in Bewegung … Sitzt nicht eine Minute still! Sie ist so aktiv, ständig unterwegs … und dabei noch so reif für ihr Alter. Sie ist wirklich außergewöhnlich. Geht sie vielleicht nach deiner Mutter oder deinem Vater, Tamara?«

Tamara Gärtner tauschte einen kurzen Blick mit ihrem Mann. »Wisst ihr«, begann sie dann zögernd, »Ihr habt recht, Anna ist wirklich … außergewöhnlich. Das hat sie nicht von uns, das …«

Sie brach ab und wechselte nochmals einen kurzen Blick mit Rüdiger, der im Gegensatz zu seiner sonstigen Gewohnheit nun das Wort ergriff.

»Anna ist nicht unser leibliches Kind. Sie ist adoptiert. Aber sie weiß es nicht.«

Schlagartig wurde es still am Tisch. Alle starrten auf Rüdiger und Tamara. Katharina Habler war nicht minder fassungslos als die anderen.

Es war Jochen Wassermann, der die Stille durchbrach.

»Das ist ja ein Hammer!« posaunte er über den Tisch. »Wer hätte das gedacht! Ich kenne euch jetzt schon so lange, aber mir wäre niemals aufgefallen …«

»Es weiß bislang keiner«, beeilte sich Tamara Gärtner zu sagen. »Keiner, außer euch. Und wir bitten euch daher auch um Stillschweigen.«

»Ehrensache«, murmelte Markus Kleiber. Er wirkte noch immer, als stünde er unter Schock.

»Aber, aber …« Susanna Kleiber schnappte nach Luft. »Wann wollt ihr Anna das sagen? An ihrem achtzehnten Geburtstag, oder wann sonst? Das Kind wird aus allen Wolken fallen!«

»Wir werden es ihr gar nicht sagen«, erklärte Rüdiger. »Sie wird es wohl nie erfahren. Das ist nicht nötig.«

»Ja, und … und ihre leiblichen Eltern? Ich meine, sind das irgendwelche Asoziale? Drogenabhängige?« Susannas Neugierde war erwacht. »Habt ihr sie kennengelernt?«

Katharina Habler drückte ihre Zigarette am Tellerrand aus. Irgendjemand hatte den Aschenbecher während des Gesprächs ans andere Ende gestellt, obwohl sie die einzige Raucherin am Tisch war. Vielleicht ein Versuch von Jochen, sie dadurch vom Qualmen abzuhalten.

»Ich muss gehen.«

Sie verzichtete darauf, den Umweg durchs Haus zu nehmen, und schlug denselben Weg ein wie die Teenager zuvor: quer durch den Garten. Wie beiläufig ließ sie den Zigarettenstummel, den sie immer noch in der Hand hielt, auf den gepflegten Rasen fallen und spürte Rüdiger Gärtners mahnenden Blick im Rücken.

Am Zaun ließ sie das Gartentor geräuschvoll ins Schloss fallen und stieg in ihren von der Sonne aufgeheizten schwarzen BMW, den sie direkt davor geparkt hatte. Die Dreißiger-Zone ignorierend, brauste die Anwältin mit Tempo sechzig durch das Wohnviertel davon.

Zwei Haushalte und keine Lösung

»Ich gehe dann mal hinüber und zieh mich um«, sagte Holly, die noch das bunt gemusterte Sommerkleid trug, das sie auf der Grillfeier am Vortag an hatte, und griff nach ihrer an die Tischkante gelehnten Krücke. Dabei stieß sie gegen einen Stuhl, der bedrohlich ins Wanken geriet. Tabea schickte sich an, ihr zu helfen, doch ich hielt sie mit subtiler Handbewegung und strengem Blick davon ab. Nichts hasste meine Freundin mehr, als durch voreilige Hilfe an ihre Behinderung erinnert zu werden.

»Okay, Liebling.« Nun erhob auch ich mich vom Frühstückstisch und küsste sie auf die Lippen. »Das heißt wohl, wir sehen uns erst heute Abend wieder …«

»An mir liegt es nicht. Ich habe immer Zeit.« Die hübsche junge Frau, die vor knapp drei Jahren so unerwartet mein Herz erobert hatte, lächelte kokett, wenn auch ein wenig bitter. »Aber du hast ja heute Nachmittagssprechstunde, und wer weiß, wie viele Hausbesuche danach noch anstehen.«

»Vermutlich einige«, gab ich resigniert zu. »Dann wohl bis morgen … Aber wir telefonieren!«

»Klar. Es sei denn, du pennst nach deiner Hausbesuchsodyssee gleich wieder ein und hörst dein Telefon nicht.«

»So schlimm wird es nicht werden.« Noch war ich optimistisch. »Es sind immer noch Ferien, da dürften wohl einige Patienten auf Urlaub sein!«

»Besonders dein bettlägeriges Hausbesuchsklientel«, bemerkte Holly sarkastisch, ehe sie aus der Wohnküche verschwand. Augenblicke später hörten wir die Haustüre hinter ihr ins Schloss fallen.

»Erstaunlich, wie gelassen sie ihre Situation meistert«, kommentierte meine Schwester. »Die Gehbehinderung ist irreversibel, oder?«

»Ja«, erwiderte ich, während ich Marmelade, Butter und Schinken im Kühlschrank verstaute. »Seit ihrem letzten Schub sind die Nerven am rechten Fuß dauerhaft geschädigt, sie kann ihn nicht mehr abknicken oder abrollen.«

Holly litt seit ihrer Studienzeit unter Multipler Sklerose, einer entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems, die von Gefühls- und Sehstörungen bis hin zu Lähmungen mit einer breiten Palette von Symptomen aufwarten konnte. Für alle galt, dass sie die Lebensqualität erheblich beeinträchtigten. Multiple Sklerose trat laut Lehrbuch in mehreren Verlaufsformen auf; Hollys Variante bestand in Schüben, die leider in den vergangenen eineinhalb Jahren an Häufigkeit und Intensität zugenommen hatten.

Wenn Tabea glaubte, Holly meistere ihre Situation gelassen, so wollte ich sie in dem Glauben lassen. Was sich abspielte, wenn Holly sich in einem ihrer emotionalen Tiefs befand, ging schließlich nur sie selbst und mich etwas an.

Natürlich litt Holly unter Depressionen. In so jungen Jahren zu einem Leben mit absolut unsicherer Prognose verdammt zu sein, hätte wohl den stärksten Charakter niedergedrückt. Holly war dabei nicht nur in ihrer Mobilität eingeschränkt, sondern kämpfte auch mit diversen Gefühlsstörungen. Die zahlreichen Medikamente, mit denen sie ihre Probleme in den Begriff zu bekommen versuchte, zogen die ein oder andere Nebenwirkung nach sich, wie beispielsweise Müdigkeit, Appetitlosigkeit und sexuelle Unlust.

Ich redete mir täglich selber ein, dass dies alles unsere Beziehung nicht belastete, so wie Holly mir und unseren Freunden und Verwandten vorzuspielen versuchte, dass sie immer noch die fröhliche, positive junge Frau war, als die ich sie im Zuge der Ermittlungen um eine erhängte Nachbarin in der Scheune kennengelernt hatte. Auf dieser Basis lebten wir eine ziemlich harmonische Beziehung.

»Und wann wollt ihr eigentlich endlich zusammenziehen?« Meine Schwester hatte ein unglaubliches Talent dafür, sogenannte Aua-Themen auf dem Silbertablett zu servieren. »Ich meine, sicher, sie wohnt nur gegenüber, aber auf Dauer ist das doch keine Lösung!«

»Ich habe im Moment keine bessere auf Lager«, erwiderte ich wahrheitsgemäß, während ich den Kaffeefilter entleerte und dabei feststellen musste, dass Onkel Gustav den kleinen Bioabfalleimer wieder einmal mit dem Restmüll verwechselt hatte. Mit spitzen Fingern fischte ich ein Stück Plastikfolie aus dem wenig verlockend riechenden Potpourri von Obstresten und Kaffeesatz. Mit Holly eine Küche zu teilen, wäre im Vergleich zu Gustav sicherlich eine echte Verbesserung.

»Holly wohnt ja bei ihrer Mutter«, fuhr ich dennoch unbeirrt fort. »Und Christl hat drüben jetzt extra einen Treppenlift einbauen lassen, damit sie weiterhin problemlos in den ersten Stock hoch kommt. Du weißt ja, die Wohnung der beiden liegt direkt über dem Teeladen.«

»Trotzdem.« Tabea ließ nicht locker. »Das kann doch kein ewiger Zustand sein. Ihr seid jetzt fast drei Jahre zusammen, und sie lebt noch in ihrem Kinderzimmer!«

»Und ich lebe hier. Im Obergeschoss«, stellte ich klar, »erreichbar über enge, schmale Stiegen. In einem geräumigen Zimmer. Betonung auf einem! Die Küche teile ich mir obendrein mit Onkel Gustav. Ganz ehrlich, ich wüsste nicht, wo Holly da noch Platz fände oder auch nur die Treppen hinauf käme.«

Mit nie dagewesener Inbrunst begann ich, die Küchenplatte zu schrubben. Ich wollte dieses Gespräch beendet wissen. Gewöhnlich war ich bekannt für meine Direktheit, doch meiner Schwester ins Gesicht zu sagen, dass ich über unsere zwei Wohnsitze nicht länger diskutieren wollte, hätte bedeutet, ihr meine Verletzlichkeit in diesem Punkt zu offenbaren. Tabea kannte mich gut genug, um eine direkte Gesprächsverweigerung treffend zu interpretieren.

Meine jüngere Schwester und ich hatten ein gutes Verhältnis, auch wenn wir mittlerweile mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt wohnten und uns nur selten trafen. Berlin, wo sie seit einem Jahr wohnte, lag eben nicht um die nächste Straßenecke, und unsere beruflichen Tätigkeiten waren leider zu zeit- und energieraubend, um regelmäßige Besuchswochenenden einzuhalten.

Derzeit wollte ich Tabea mein Herz nicht ausschütten, weil ich mir selbst über das Chaos, das in seinem Inneren herrschte, noch nicht im Klaren war. Und auch, weil bei ihr dagegen momentan alles so blendend lief: die Unternehmensberatung, für die sie arbeitete, hatte sie zur Büroleiterin in der neueröffneten Hauptstadt-Filiale befördert, ihre schicke Eigentumswohnung in Ku‘damm-Nähe war bereits abbezahlt und Lars, seit einem halben Jahr ihr neuer Freund, strotzte vor Agilität und Gesundheit.

Irgendwie kam ich mir im Vergleich dazu vor, als stünde ich auf der Verliererseite des Lebens. Mit meiner Wohnsituation war ich selbst nicht wirklich zufrieden. Aber bei Onkel Gustav zu wohnen war letztlich ausreichend, bequem und vor allem billig, nachdem die Arztpraxis wahrhaftig kein Schnäppchen bedeutete. Mein Vorgänger hatte sich seinen aufgebauten Patientenstamm gegen entsprechendes Entgelt ablösen lassen – eine Abwicklung, die zwar von gesundheitspolitischen Instanzen umstritten, aber in der Realität nach wie vor Usus war.

»Gustav breitet sich im ersten Stock auf dreieinhalb Zimmern aus«, stellte Tabea nun stoisch fest. »So viel Platz braucht er gar nicht! Tauscht doch einfach. Den Treppenlift könnt ihr dann auch hier einbauen.«

Ich stoppte mitten in der Bewegung.

»Ich glaube, da hat Gustav auch noch ein Wörtchen mitzureden.«

»Aber es wäre doch …«

»Wobei habe ich ein Wörtchen mitzureden?«

Gustav betrat in khakigrünen Cargohosen und braunem Hemd die Küche, begleitet von dem hechelnden Arco, der seine Schnauze sogleich in einer Plastikschüssel mit Wasser versenkte, die in der Ecke neben dem Fressnapf stand. Tabea rümpfte die Nase, als sie das Gewehr entdeckte, dass über Gustavs Schulter baumelte. Sie konnte die Jagdleidenschaft unseres Onkels so wenig nachvollziehen wie ich. Im Gegensatz zu ihr war ich inzwischen schon an Jagdgewehre gewöhnt und ertrug den Anblick von Feldhasen und Rehböcken, die er in unserer Küche häutete, ausnahm und zerteilte.

»Bei unserem Abendessen«, sagte ich schnell. Eine Wohnungsdiskussion wollte ich mit Onkel Gustav jetzt ganz sicher nicht führen. »Tabea schlug Brathuhn vor.«

Meine Schwester kniff ungläubig die Augen zusammen.

»Tabea?« Gustav zwirbelte seinen grauen Schnurrbart und bedachte sie mit einem prüfenden Blick. »Ich dachte, du wolltest abreisen?«

»Das tue ich ja auch. Gepackt ist schon.«

»Und was kümmert dich dann unser Abendessen?«

»Also, ich sagte eigentlich vorher …«, begann Tabea, doch ich fuhr radikal dazwischen.

»War nur ein Vorschlag, sozusagen. Brathuhn hatten wir ja auch schon lange nicht mehr. – Und? Was gibt’s Neues?«

»Neues? Ich war im Wald.«

»Klar, aber nicht allein, sondern mit deinem Kumpel Franz. Und der weiß doch bekanntlich alles.«

»Ach so, ja, das tut er allerdings.« Gustav nahm Tabea gegenüber am Tisch Platz. »Im alten Bahnhofsgebäude wollen sie ab November auch Flüchtlinge unterbringen, fünfzig weitere. Heute beginnen die Umbauarbeiten. Die Liesl Brauninger lädt demnächst zu einer Infoveranstaltung ins Schattner Bräu, und die verrückte Veleda Maierhofer verteilt jetzt schon Flyer über Arabisch-Kurse, die sie auf ihrem Hof in Deggenbach abhalten will, damit auch die Verständigung mit den Neuankömmlingen klappt.«

»Pardon? Arabischkurse? Du meinst sicher Deutschkurse für Flüchtlinge?«

Meine Schwester kannte Veleda nicht, unsere »Gegenquasi-alles«-Aktivistin, die den Bauernhof ihrer Eltern in eine Kreuzung aus Politbüro und Esoteriktempel umfunktioniert hatte. Ich dagegen schon, seit dort im Frühling ein böser Magen-Darm-Virus umgegangen war und sämtliche Teilnehmerinnen ihres aktuellen Kurses niedergestreckt hatte.

Dankbar über das erfolgreiche Ablenkungsmanöver, erläuterte ich Tabea das facettenreiche Persönlichkeitsprofil des schrägsten menschlichen Vogels, den die Gegend hier aufbieten konnte, und gab ihr einen kleine Einführung zum Thema Dorfpolitik.

Im Grunde war ja alles sehr einfach erklärt: Liese Brauninger regierte als Aichendorfs Bürgermeisterin, seit ihr Vorgänger Lanzenhofer aufgrund gewisser Machenschaften rund um die ursprünglich geplante Umgehungsstraße hatte zurücktreten müssen. Der Gemeinderat bestand zum Großteil aus Angehörigen der einzigen Partei, die in Bayern den Ton angab, und wenn Themen auf der Agenda standen, die der christlich-konservativen Wählerschaft aufstießen, sorgten allenfalls ein paar selbsternannte Aktivisten dafür, dass diese überhaupt an die Öffentlichkeit gelangten. Das war ein immerwährender Kreislauf, an den ich mich im Laufe der vergangenen Jahre schon ziemlich gewöhnt hatte. Tabea, ganz die tolerante und – nach eigener Definition – mondäne Weltbürgerin, war mehr als entsetzt darüber, wie gleichgültig ich diesem christlich-sozialen Politsumpf gegenüberstand.

»Wofür haben wir als Studentinnen auf Demos gekämpft?«, schimpfte sie noch eine Stunde später, als sie den Samsonite-Koffer in ihrem Dienstwagen verstaute. »Gegen das Establishment! Gegen Politsumpf! Für die Armen und Benachteiligten! Gegen diesen bigotten, eingefahrenen Klüngel an politischen Sesselwärmern! Gegen Nepotismus und Privilegien! Und jetzt hör dir mal selbst zu, wenn du über all jene redest, die immer noch für das Gute in der Welt kämpfen: Du sprichst komplett despektierlich über diese engagierten Leute!«

Geräuschvoll schloss sie den Kofferraum des nagelneuen Audi A4, ehe sie auf ihren rot besohlten Louboutin-Designerschuhen um den Wagen herumstakste, um sich von mir zu verabschieden.

Zum ersten Mal seit unserer heiklen Diskussion rund um meine Wohnsituation lachte ich herzhaft.

»Was?«

Tabea sah mich irritiert an.

Mit Lachtränen in den Augen küsste ich sie zum Abschied auf die Wangen und wünschte ihr eine gute Fahrt. Ich winkte ihr nach, bis sie außer Sichtweite war, und schmunzelte noch immer, als ich schließlich ins Haus zurückging. Die Sozialgroteske, die sie mir soeben unfreiwillig geliefert hatte, war ihr bis zuletzt nicht aufgefallen.

Im Übrigen konnte ich mich an keine einzige Demonstration erinnern, an der Tabea als Studentin teilgenommen hatte – abgesehen von einem Sitzstreik, weil die Uni-Cafeteria die Öffnungszeiten verkürzen wollte.

Ja, Tabeas politisches Engagement konnte in der Tat mit dem meinen mithalten …

Zum Schulanfang ein Überfall

Schwere, dunkle Wolken hingen am Himmel, als Katharina Habler an diesem Dienstagmorgen das mehrstöckige alte Haus verließ, das sowohl ihre Wohnung als auch ihre Kanzlei beherbergte.

Jetzt ist der Sommer wohl endgültig vorbei, dachte sie, während sie ihren dünnen Mantel schloss.

Nicht dass ihr der nahende Herbst etwas ausgemacht hätte. Ganz im Gegenteil: Sie hasste Sommer, vor allem Sonne. Mit ihrer blassen Haut wurde sie schnell das Opfer von Sonnenbrand; selbst wenn sie großzügig Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor auftrug, bildeten sich auf ihrer Haut kleine rote Pickel. Mallorca-Akne, hatte Jochen Wassermann in seiner Funktion als Hautarzt diagnostiziert.

Sie ging die schmale Gasse entlang, vorbei an der Gärtnerei und rechts auf die Hauptstraße. Als sie am Marktplatz anlangte, fiel ihr sofort eine rege Betriebsamkeit auf, die den Ort beherrschte: Die wenigen Parkplätze waren allesamt besetzt, und es tummelten sich deutlich mehr Menschen auf der Straße als in den Wochen zuvor.

Kaum sah sie die ersten Kinder mit Schultüten in der Hand, dämmerte es ihr. Nach den Sommerferien begann für die Kleinen der sogenannte Ernst des Lebens, während für den Rest wohl mehr oder minder wieder Normalität einkehrte.