Frischer Wind am Wolfgangsee - Carolin Schairer - E-Book
Beschreibung

Im Weißen Rössl ... spielt dieser Roman zwar nicht, aber Vanessa betreibt mit ihren Eltern den Auhof am Wolfgangsee. Und natürlich trägt sie Dirndl … Doch ihre Neigung gilt nicht nur der traditionellen Welt im Salzkammergut, sondern auch: Frauen. Als sie sich an ihrem 27. Geburtstag vor ihren engsten Freundinnen als lesbisch outet, reagieren sie offen, aber erstaunt. Ob Vanessa denn schon einmal eine kennengelernt habe, die ihr gefalle …? Unter fragwürdigen Umständen lernt Vanessa kurze Zeit später die dynamische Unternehmensberaterin Louise Stern kennen. Trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe – Louise hat ein Hochschulstudium und Kunden in ganz Europa, Vanessa die Kochlehre und ihr Zuhause am Wolfgangsee – funkt es zwischen den beiden. Eine Beziehung droht zunächst an den scheinbaren Unvereinbarkeiten zu scheitern. Zudem kann sich Vanessa nicht überwinden, ihren Eltern reinen Wein einzuschenken. Zu groß ist ihre Sorge, sie zu enttäuschen. Doch dann wird Louise krank und braucht Unterstützung. Vanessa zögert trotz aller Ängste keine Sekunde. Die Beziehung wird offiziell. Und die Reaktion der konservativ eingestellten Eltern übertrifft die schlimmsten Erwartungen. Doch Vanessa nimmt den Kampf um ihre Freiheit, so zu leben und zu lieben, wie es sie glücklich macht, und um ihre Beziehung zu Louise tapfer auf sich und wächst dabei über sich selbst hinaus…

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:315


Carolin Schairer

Frischer Wind amWolfgangsee

Roman

ISBN 978-3-89741-985-8

© 2016 eBook nach der Originalausgabe© 2016 Copyright Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/TaunusAlle Rechte vorbehaltenCovergestaltung: Atelier KatarinaS / NLunter Verwendung des Fotos »Windspielerei«© Tinvo / photocase.de

Ulrike Helmer VerlagNeugartenstraße 36c, D-65843 Sulzbach/TaunusE-Mail: info@ulrike-helmer-verlag.de

www.ulrike-helmer-verlag.de

Contents

Auf ein Geständnis …

… folgen Taten

Aus einem Abend …

… wird ein ganzes Wochenende

Wenn Leidenschaft …

… Leiden schafft

Eine Beziehung …

… mit Hindernissen

Ein Wiener …

… ist nicht das Schlimmste

Der Weg aus der Welt der Schatten …

… ist langwierig und voller spitzer Steine

Manches ändert sich …

… im Laufe der Zeit

Advent ist die Zeit der Besinnung …

… und Weihnachten ein Familienfest

Auf ein Geständnis …

Die Lindenbäume am Seeufer bogen sich an diesen letzten Apriltagen in einer sanften Brise, die draußen auf dem Wasser kleine Schaumkrönchen tanzen ließ. Im Gastgarten klappte Johann, der Kellner, ein paar Sonnenschirme zusammen, die sie am Mittag für die Sonnenempfindlichen unter ihren Gästen aufgestellt hatten. Inzwischen waren nur noch wenige Tische besetzt. Die kühle Abendluft trieb die Sonntagsausflügler zu ihren Autos und nach Hause.

In der kleinen Dachgeschosswohnung des im traditionellen Salzkammergutstil erbauten dreistöckigen Gasthauses schloss Vanessa das Fenster und ließ ihren Blick über den festlich gedeckten Tisch in der Mitte des Zimmers gleiten.

Sie sah auf die Uhr. Es blieben noch zehn Minuten. Um halb acht, hatte sie ihren Freundinnen gesagt, könnten sie kommen. Den Zusatz »wenn es schon unbedingt sein muss« hatte sie sich gerade noch verkniffen. Dass sie ihre Geburtstage von Jahr zu Jahr mit zunehmend weniger Elan feierte, verstand sowieso keine von ihnen.

Sie ging ins Badezimmer, legte die Perlenohrringe an und warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. Die Frau mit dem hochgesteckten blonden Haar, die ihr da entgegenblickte, sah ziemlich fertig aus – auch wenn sie an diesem Tag erst siebenundzwanzig Jahre alt wurde. Schnell pinselte sich Vanessa etwas Rouge ins Gesicht. Diskussionen über etwaige Blässe und müdes Aussehen galt es unbedingt zu vermeiden. Sie war nicht müde, sondern desillusioniert. Umschlossen von einem Leben, in dem sie sich wie eine Gefangene fühlte. Aber sie hatte nicht die geringste Lust, dies mit Nellie und Franziska zu diskutieren.

»Alles Gute zum Geburtstag!«

Die langjährigen Freundinnen, die beide im nahen St. Wolfgang wohnten, umarmten sie herzlich und begrüßten sie mit Wangenküssen. Vanessa nahm ihnen ihre Jacken ab.

»Hier riecht es ja schon phantastisch!« Nellie, die lebhaftere der beiden, drängte sich an ihr vorbei ins Esszimmer. »Wahnsinn! Und so schön hast du alles wieder einmal hergerichtet!«

»Es ist irgendwie schon etwas peinlich, dass du seit Jahren an deinem Geburtstag für die Gäste kochst«, stellte Franziska fest. »Eigentlich solltest du dich verwöhnen lassen. Oder unten in eurem Restaurant eine Party veranstalten.«

»Party?« Vanessa hob die Augenbrauen. »Das Restaurant schließt im April schon abends um acht, und wenn ich unseren Koch Überstunden machen lasse, nur damit er mir ein Abendessen zaubert, bekomme ich definitiv Ärger mit dem Chef.«

»Noch«, bemerkte Nellie spitz.

Vanessa überging die Anspielung absichtlich. Auch über ihren Vater, den gegenwärtigen Inhaber des Gasthauses Auhof, wollte sie jetzt nicht reden. »Ich koche gerne für euch«, sagte sie stattdessen wahrheitsgemäß. »Bitte, setzt euch doch! Gleich gibt es die Vorspeise: Spargelcremesuppe mit Garnelen. Und dazu einen Grünen Veltliner Steinfeder aus der Wachau – Terrassenlage.«

»Heute nur drei Gedecke?« Franziska nahm neben Nellie auf einem der weiß überzogenen Stühle Platz. »Was ist mit Christina?«

»Meine liebe Cousine muss heute leider Hochzeit planen. Sie hat keine Zeit.« Mit ruhiger Hand schöpfte Vanessa die Suppe aus der Porzellanterrine in die dazugehörigen Schüsseln.

»Ausgerechnet heute? An deinem Geburtstag? Sie heiratet doch erst Mitte Juli!«

»Ach, ihr ahnt ja gar nicht, was es da alles zu organisieren gibt.« Vanessa machte eine theatralische Geste. »Die Einladungen allein sind schon eine Sache für sich: Hochglanzpapier? Welche Kartonstärke? Und welches der gefühlten dreihundert Fotos, die Susanne von ihr und Anton geschossen hat, passt am Besten? – Glaubt mir, es ist unheimlich viel zu planen!«

»Klingt so, als hättet ihr erst vor kurzem zusammengesessen«, bemerkte Nellie trocken. »Vanessa, die Spargelcremesuppe ist ein Gedicht!«

»Danke.«

»Also ich glaube, der Anton ist auch schon voll genervt«, warf Franziska ein. »Wahrscheinlich bereut er längst, dass er ihr jemals einen Antrag gemacht hat.«

Nellie und Franziska lachten, und Vanessa stimmte höflich in das Gelächter ein. Tatsächlich hatte sie fast den gesamten vergangenen Tag mit Christina über der Gestaltung der Einladungskarten verbracht und gegen das Thema »Hochzeit«, mit dem sie ohnehin nicht besonders viel anfangen konnte, mehr und mehr Abwehr entwickelt. Ihre Cousine kam ihr plötzlich so aufgesetzt reif vor, dabei war sie nur zwei Monate älter als sie.

Sie waren zusammen aufgewachsen, standen sich nahe wie Schwestern. Selbst die Tatsache, dass Christina für ihr Medizin-Studium nach Innsbruck gegangen war, während Vanessa im Anschluss an eine Kochlehre im heimischen Betrieb die Matura gemacht und daraufhin in Salzburg eine Tourismusakademie besucht hatte, änderte nichts daran. In den vergangenen Jahren aber war Anton, Sohn eines erfolgreichen Busunternehmers, in Christinas Leben zunehmend wichtiger geworden – und damit ihr eigener Stellenwert gesunken. Vanessa hatte es still hingenommen. So lagen die Dinge nun einmal: Eine nach der anderen lernten die jungen Frauen ihrer Clique nette Männer kennen und verschwanden irgendwann aus dem Blickfeld, unter anderem deshalb, weil sie sich plötzlich nur noch mit anderen Pärchen treffen wollten. Von der großen Schar Freundinnen, die als Teenager ganze Sommerwochen in der Badebucht neben dem Gasthof verbracht hatten, waren nur noch Franziska und Nellie übrig geblieben.

Franziska, die als Physiotherapeutin und Masseurin in einem Reha-Zentrum in der Umgebung arbeitete, hatte sich erst vor ein paar Monaten von einem Kollegen getrennt. Die Bindung war aus Vanessas Sicht nie sehr eng gewesen; trotzdem hatte Franziska vorerst nach eigener Aussage »von Beziehungen die Nase voll«. Vanessa kam das nicht ungelegen. Franzi hatte ihr zwar nie so nahegestanden wie Nellie, mit der sie bereits die Schulbank gedrückt hatte. Dennoch, für gelegentliche Kinobesuche war sie eine gute Wahl.

Nellie führte seit zwei Jahren eine dubiose Fernbeziehung mit Mark, einem Australier. Als Grundschullehrerin nutzte sie ihre gesamten Ferien und Finanzen, um zu ihm zu fliegen und mit ihm down under auf den Kopf zu stellen. Umgekehrt verbrachte er vier Wochen bei ihr in St. Wolfgang. Das restliche Jahr über war Nellie für jede Ablenkung zu haben.

»Wie viele Leute haben sie und Anton eigentlich eingeladen?«, erkundigte sich Nellie nun, während sie die letzten Löffel Suppe in ihrem Teller zusammenkratzte.

»Knapp zweihundertfünfzig.« Vanessa sammelte die leeren Suppenteller ein.

»Und die kriegt ihr alle hier im Auhof unter?«

»Bei schönem Wetter gar kein Problem – im Gastgarten hätten sogar noch ein paar Gäste mehr Platz. Wenn es regnet, müssen im Saal alle eng zusammenrutschen. Personell wäre allerdings so oder so nicht mehr zu bewältigen.«

»Sag bloß, du musst auf der Hochzeit deiner Cousine auch noch bedienen!«

Vanessa hob die Schultern.

»Darauf wird es hinauslaufen. Aber schlimmer als Teller herumtragen ist wohl die Zeremonie in der Hofkapelle, und die wird mir nicht erspart bleiben.«

»Klingt so, als wärest du nicht wirklich scharf drauf.«

»Ich hole jetzt den Hauptgang – Saiblingsfilet auf Paprika-polenta! Dazu, meine Damen, reicht die Sommelière des Hauses einen Welschriesling aus der Südsteiermark!«

Vanessa zwinkerte bedeutungsvoll und verschwand in die Küche, um die Portionen anzurichten.

»Lass das Heiratsthema, sie hasst das«, hörte sie Nellie nebenan leise sagen. Franziska flüsterte etwas zurück, das für Vanessa nicht zu verstehen war. Die beiden beobachteten stumm, wie sie mit frischen Weingläsern zurückkam und den Welschriesling ausschenkte. Während sie sich den Fisch schmecken ließen, plätscherten die Gespräche dahin, und Vanessa entspannte sich allmählich wieder. Es war besser, Nellies bunte Geschichten aus dem Schulalltag zu verfolgen und Franzi zuzuhören, wie sie sich über diverse Patienten und ihre vermeintlichen Leiden amüsierte, als weiterhin über Christinas Hochzeit zu sprechen. Nellie hatte recht: Sie hasste es, darüber reden zu müssen. Allerdings bezweifelte sie, dass die Freundin wirklich eine Vorstellung hatte, weshalb sie dieses Thema so verabscheute.

Der einzig wahre Grund war Neid – doch das sprach wohl kaum für ihren Charakter. Während all ihre Jugendfreundinnen nach und nach im weißen Kleid vor den Altar traten oder auch nur im Standesamt standen und unter den tränenblinden Augen von Müttern und künftigen Schwiegermüttern Ringe tauschten, blieb ihr ein Lebensereignis dieser Art versagt.

Sie würde niemals heiraten. Sie würde niemals jemanden finden, den sie lieben konnte – und der in der Folge bereit war, das Leben mit ihr zu teilen. Ihr Schicksal war es, für immer alleine zu bleiben und sich der Führung des Gasthofs zu verschreiben, der seit drei Generationen im Besitz ihrer Familie war.

Einsam auf weiter Flur.

Die bitteren Gedanken verdrängend, räumte sie nach dem Hauptgang das Geschirr in die Spülmaschine und steckte den Kopf ins Zimmer, während Nellie drinnen am Tisch großzügig Wein nachschenkte.

»Na? Lust auf das Dessert?«

»Pause.« Franziska legte sich demonstrativ die Hand auf ihren flachen Bauch. »Ich muss erst verdauen.«

»Außerdem …« Nellie erhob sich. »Jetzt ist es allerhöchste Zeit für dein Geburtstagsgeschenk!«

Aus der Plastiktüte, die sie in der Garderobe abgestellt hatte, holte sie ein kunstvoll eingewickeltes Paket mit großzügiger Schleife.

»Es ist ein Gemeinschaftsgeschenk von Franziska, Christina und mir.«

Vanessa hatte keine besondere Erwartungen, was das betraf. Accessoires für ihre Wohnung, eine hübsche Bluse, ausgefallene Weingläser – das waren einige der Geschenke, die sie in den vergangenen Jahren von ihren Freundinnen erhalten hatte. Der Karton mit der Aufschrift eines teuren Schuhgeschäfts aus der Salzburger Innenstadt, der unter dem bunten Papier zum Vorschein kam, ließ sie kurz stutzen. Sie schwankte stets zwischen Größe 38 und 39 – für sie ohne Anprobe Schuhe zu kaufen, war keine gute Idee.

Als sie den Deckel öffnete, befand sich jedoch kein Schuhwerk im Inneren der Box, sondern lediglich ein Kuvert.

Neugierig geworden, öffnete sie den Umschlag und zog einen Hochglanzprospekt sowie einen an sie gerichteten Brief heraus.

»Sehr geehrte Frau Plank, den richtigen Partner zu finden ist keineswegs nur Glückssache. Mit GoldPartners® finden auch Sie Ihren Weg in eine Zukunft zu zweit …«

Vanessas Magen zog sich zusammen. Ihr Blick fiel auf die Titelseite des Prospektes. Ein Mann und eine Frau, die sich verliebt in die Augen schauten …

»Was soll das?« Ihre Stimme klang ungewohnt scharf.

Franziska zuckte zusammen. Nellie legte ihr besänftigend die Hand auf die Schulter und übernahm die Erläuterung.

»Das ist eine Mitgliedschaft bei der derzeit führenden Agentur in Sachen Partnervermittlung. Wir haben uns gedacht, wenn dir dein Traumprinz nicht so einfach über den Weg läuft, helfen wir ein bisschen nach. Und daher haben wir dir sechs Monate Zugang zur Datenbank von GoldPartners geschenkt!«

Aus Nellies Worten sprach die volle Begeisterung.

»Ich will das nicht.«

Ihre Freundinnen wechselten einen irritierten Blick.

»Aber … wieso denn nicht?«

»Weil ich nicht will.«

Vanessa verschränkte ihre Arme vor der Brust. Sie fühlte sich elend. Nicht nur, dass ihr die Eltern regelmäßig damit in den Ohren lagen, ob ihr nicht dieser oder jener Bursche aus der Nachbarschaft gefiel, jetzt fingen auch noch die Freundinnen damit an, Druck auf sie auszuüben!

»Du willst also ernsthaft niemanden kennenlernen?«, erkundigte sich Franziska stirnrunzelnd.

»Nein.«

»Aber … du bist seit der Trennung von Maximilian Single, und das war vor über sechs Jahren!« Nellie schüttelte fassungslos den Kopf.

»Ich brauche das nicht. Es stehen genug Schlange, die mit mir ausgehen wollen … leider.« Vanessa schob Prospekt und Brief von sich. »Mir reicht völlig, dass ich die interessierten Kandidaten aus der Umgebung abwehren muss, ich brauche nicht noch mehr Kerle.«

»Wir dachten … von denen gefällt dir einfach keiner«, wandte Franziska verwirrt ein. »Wir dachten, wenn du jemanden von außerhalb triffst …, einen, den wir hier noch nicht kennen …, dass es dann vielleicht Klick macht …«

Weg, einfach nur weg. Vanessa fixierte den kleinen Fleck auf der Tischdecke, den die Safransoße beim Abservieren der Teller hinterlassen hatte.

»Hat dich Max damals so tief gekränkt?« Nellie legte ihr mitfühlend den Arm um die Schultern. »Ich weiß, er hat dich betrogen … aber das ist doch jetzt schon Jahre her, Vani! Nicht jeder Mann ist wie Max! Es gibt da draußen sicher auch einen, der dich auf Händen trägt – ein Leben lang.«

»Mit deinem Aussehen könntest du an jedem Finger einen haben«, schaltete sich Franziska ein. »Und manchmal muss man eben mehrere Frösche küssen, bevor einer zum Prinzen wird.«

»Bei GoldPartners gibt es einen Fragebogen, mit dem sich ausloten lässt, ob du und der Typ auf einer Wellenlänge sind. Du kannst Fotos von ihm anschauen, ihr könnt Mails austauschen, telefonieren – und erst, wenn ihr euch wirklich sympathisch seid, trefft ihr euch. Völlig ohne Risiko.«

»Du solltest das mit Max endlich mal abschließen, Vanessa. Ich meine – ich weiß schon, wie weh das tut, ich bin ja auch betrogen worden.« Franziska seufzte. »Aber irgendwann ist der Schmerz doch mal vorbei …«

»Hört auf!« Vanessa sprang auf. Sie flüchtete ins Bad und warf die Türe hinter sich zu. Es war das Schlimmste … das Allerschlimmste, was die Freundinnen ihr antun konnten. Sie wollte keine Männer treffen. Wirklich nicht. Das Thema hatte sich spätestens seit der Trennung von Max erledigt. Sie war mit ihm zusammengekommen, weil er sich um sie bemüht hatte, weil er Humor besaß und über ihre Schüchternheit und Unfähigkeit zu flirten hinwegsah. Drei Jahre lang war Max eine Art Bruder gewesen – einer, mit dem sie in die Berge ging, nette Hüttenabende verbrachte und Skitouren unternahm. Wenn nur der Sex nicht gewesen wäre. Am Anfang dachte sie, es würde schon noch besser. Stattdessen wurden ihr seine Berührungen von Jahr zu Jahr unangenehmer. Sie mied es, mit ihm zu schlafen, überlegte sich immer wieder neue Ausreden, während sie an sich selbst verzweifelte. Was war nur mit ihr los?

Dann kam Denise, eine lässige Philosophiestudentin, die im Sommer aushilfsweise bei ihnen kellnerte – und Vanessa fiel es wie Schuppen von den Augen. Mit Denise konnte sie lachen, mit Denise wollte sie jede freie Minute verbringen, von Denise wollte sie berührt werden. Sie träumte von ihr.

Doch es blieb bei Phantasien, denn Vanessa wagte es nicht, Denise in irgendeiner Form zu signalisieren, was sie für sie empfand. Zu groß war die Angst vor Ablehnung. Außerdem gab es da ja noch Max, der zunehmend genervter wurde, weil sie sich ihm verweigerte, und ihre Eltern, die jedes Mal, wenn sie in der Zeitung etwas über die Homo-Ehe oder Regenbogenparaden lasen, lauthals verkündeten, was dieser Unsinn denn sollte. Zu ihrer Zeit hätte es das alles nicht gegeben.

Also behielt sie ihre Emotionen für sich. Als Max sie schließlich wegen Susanne verließ, die er im vergangenen Jahr sogar geheiratet hatte, war sie regelrecht erleichtert gewesen. Die Rolle der Verletzten zu spielen fiel ihr leicht, während sie heimlich eine Lesben-Romanze nach der anderen verschlang und die Bücher danach prompt in den Tiefen eines St. Wolfganger Altpapiercontainers entsorgte, um zu vermeiden, dass zufällig ihre Eltern darauf stießen.

Der Prozess, den sie seither durchlief, war schwierig und schmerzhaft gewesen. Aber sie hatte für sich damit abgeschlossen. Eine Frauenbeziehung zu leben schien ihr undenkbar. Hier in der Umgebung würde sie wohl kaum eine Partnerin finden, und in die Stadt konnte sie nicht gehen, weil sie das einzige Kind ihrer Eltern war. Ihre Zukunft war vorgezeichnet: Sie würde das Gasthaus übernehmen.

Was ihr blieb, waren Phantasien, und die lebte sie in ihren vier Wänden – manchmal so ausgiebig, dass sie sich vor sich selbst schämte.

»Vanessa?« Langsam bewegte sich die Türklinke nach unten und Nellies Gesicht erschien im Spalt. Als sie das tränenüberströmte Gesicht ihrer Freundin sah, blieb sie bestürzt stehen. »Was ist denn? Tut mir leid … Wir wollten dir doch nur helfen. Ehrlich.«

Vanessa schniefte. »Ich weiß«, presste sie hervor. »Aber ich will wirklich nicht.«

»Okay …« Unschlüssig blieb Nellie im Türrahmen stehen. »Komm wieder rüber. Wir quälen dich nicht weiter damit. Es war ein blödes Geschenk. Aber wir machen uns Sorgen um dich.«

Doch Vanessa schüttelte nur stumm den Kopf, riss Klopapier von der Rolle ab und schnäuzte sich kräftig. Dann ließ sie sich an Nellies Hand mitziehen.

Franziska, die vom Esstisch auf das Sofa hinübergewechselt hatte, streckte ihr ein volles Glas Wein entgegen. Dankbar nahm Vanessa es an und ließ sich damit am äußersten Rand der Couch nieder.

»Tut mir leid«, sagte sie leise. »Ich wollte euch nicht den Abend verderben.«

»Jetzt hör aber auf!« Franziska klatschte sich mit der Hand auf den Oberschenkel. Sie klang ehrlich aufgebracht. »Du spielst verkehrte Welt, Vanessa! Du hast heute Geburtstag. Du machst uns ein Wahnsinnsessen. Keine Ahnung, wie lange du dafür in der Küche gestanden bist. Du verwöhnst uns mit teuren Weinen – und zu guter Letzt entschuldigst du dich auch noch für ein dummes Geschenk, mit dem wir dich zum Weinen gebracht haben! – So sollte es wirklich nicht sein! Es sollte jemand für dich da sein, jemand dich verwöhnen – und genau dafür wollten wir sorgen. Weil du unsere Freundin bist. Weil du uns wichtig bist!«

»Weil wir einfach spüren, dass du immer trauriger wirst«, fuhr Nellie fort, während Vanessa ihr Weinglas zügig leerte. Prompt schenkte Franziska ihr nach. »Wir haben den Eindruck, dass du dich von uns zurückziehst – und dass du dir immer als drittes Rad am Wagen vorkommst, wenn unsere Freunde dabei sind. Wir wollen dich nicht verlieren, Vanessa. Wir nicht, und Christina sowieso nicht. Wir wünschen dir so sehr, dass du einen netten Kerl kennenlernst und wieder lachen kannst! Seit du die Tourismusschule abgeschlossen hast, vergräbst du dich in deiner Arbeit …«

»Das muss ich auch. Ich werde den Auhof schließlich einmal übernehmen.«

»Ja, aber Arbeit ist doch nicht alles!« Nellie schüttelte heftig den Kopf. »Deine Eltern haben wirklich hart gearbeitet, um euren Gasthof zu einem der besten Ausflugziele am See zu machen. Aber sie haben das gemeinsam geschafft – und dabei sogar ein Kind aufgezogen. Du musst doch keine Einzelkämpferin sein, Vanessa!«

»Vielleicht lernst du ja einen kennen, der auch aus der Gastronomie ist«, ergänzte Franziska. »Das wäre perfekt.«

Vanessa stellte ihr leeres Weinglas schwungvoll auf den Couchtisch. Der Alkohol trug dazu bei, dass sie allmählich wieder ruhiger wurde. Die Diskussion war ihr weiterhin lästig, doch sie fühlte sich nicht mehr den Tränen nahe. Sie hatte die Situation wieder im Griff. Dachte sie.

»Ich will trotzdem keinen Mann kennenlernen«, versuchte sie der Sache mit Nachdruck ein Ende zu setzen.

Ihrer Aussage folgte Schweigen. Franziska und Nellie wechselten wieder einen bedeutungsvollen Blick.

»Willst du … vielleicht eine Frau kennenlernen?«, fragte Nellie schließlich vorsichtig.

Vanessas Herzschlag setzte einige Takte aus. Schockiert starrte sie die Freundinnen an.

»Ich … ich, nein … also …«, stotterte sie, bemüht nach Worten suchend, um den Schaden zu begrenzen. Doch in ihrem Kopf war nichts als ein riesengroßes Vakuum.

»Hör mal.« Nellie rutschte näher an sie heran, während Franziska noch einmal nachschenkte. »Das würde so einiges erklären. Bist du lesbisch?«

Vanessa fühlte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg.

»Ich weiß nicht«, stammelte sie schließlich, in stiller Verzweiflung nach ihrem Glas greifend, als wäre es ein Rettungsanker.

»Aber das weiß man doch – oder?« Franziska runzelte die Stirn.

»Komm, spuck es schon aus!«, forderte sie Nellie auf. »Wir sind deine Freundinnen! Und wir finden es echt nicht schlimm, ehrlich!«

»Wir finden das sogar interessant. Niemand verurteilt dich deshalb.«

Der Wein entfaltete seine ganze Wirkung und lockerte Vanessas Zunge. Alles, was sie seit Jahren mit sich alleine ausgemacht hatte, floss nun aus ihr heraus: ihre mangelnden Gefühle für Max. Ihre Verzweiflung, als sie sich in Denise verliebt hatte und erkennen musste, was mit ihr los war. Die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage: festgenagelt an einem entlegenen Flecken der Welt, an dem sie die einzige Lesbe weit und breit war.

Als sie geendet hatte, herrschte zunächst betretenes Schweigen. Dann nahm Nellie sie in die Arme.

»Das tut mir so leid«, sagte sie leise. »Es muss furchtbar für dich gewesen sein. All die Jahre … nichts zu sagen, das alles für dich zu behalten.«

Vanessa starrte in ihr Weinglas.

»Dass ich es euch erzählt habe, ändert ja nichts an der Situation …«

»Oh doch!« Nellie richtete sich auf. »Denn jetzt suchen wir über GoldPartners eben einfach nach einer Frau!«

Vanessa schüttelte entschieden den Kopf.

»Nein! Nein. Das ist sowieso aussichtslos, und dann, meine Eltern …«

»Du bist erwachsen! Vergiss deine Eltern.« Nellie holte den Prospekt vom Esstisch. »Da … da steht es: Sie haben auch Lesben und Schwule in der Datenbank.«

»Aber bestimmt nicht aus unserer Region.«

»Ist doch völlig egal«, schaltete sich Franziska ein. »Wenn ich das richtig verstanden habe, hattest du noch nie lesbischen Sex. Korrekt?«

Dankbar um das gedämpfte Licht, das von der Stehlampe ausging, spürte Vanessa, wie ihr Gesicht tomatenrot anlief. Zögerlich nickte sie.

»Woher willst du dann wissen, dass es überhaupt das Richtige für dich ist?«

»Ich … weiß es eben.«

»Nur, weil es mit Max keinen Spaß gemacht hat und du dich ein bisschen in diese Denise verguckt hast, heißt das noch lange nichts«, pflichtete nun auch Nellie bei. »Du könntest auch asexuell sein – zum Beispiel. Dann müsstest du dir keine Gedanken mehr machen und könntest mit dem Thema abschließen.«

Was reden die da, ging es Vanessa durch den Kopf, doch der Wein hatte ihre Sinne schon so umnebelt, dass sie zu keinen Widerworten fähig war.

»Deshalb denke ich, es wäre das Sinnvollste, du suchst dir einfach eine willige Lesbe, verbringst ein Wochenende mit ihr und entscheidest danach, ob es prinzipiell wirklich das ist, was du willst. Und solltest du tatsächlich lesbisch sein, sehen wir weiter. Hast du noch einen Schluck Wein?«

Nicht mal im Traum kann ich mir das vorstellen, so ganz ohne Liebe, dachte Vanessa. Die Weinflasche war leer. Sie ging in die Küche und holte Nachschub. Als sie zurückkam, saß Nellie auf dem Sofa, das Notebook, das zuvor noch am Schreibtisch gestanden hatte, auf den Knien.

»Am besten, wir legen dir auf GoldPartners gleich ein Profil an.« Nellie fuhr sich durch die braunen Locken. Ihre Augen glänzten vor Aufregung. »Dein Passwort für die Kiste hier?«

»Also, ich weiß nicht …«, begann Vanessa zögernd, gab sich dann aber einen Ruck. »Das Passwort lautet LauraAshley.«

Franziska ließ sich tief ins Sofa fallen.

»Die mit den Blümchenkleidern im Landhausstil? Ich kenne mich zwar mit Lesben nicht wirklich gut aus«, sagte sie trocken. »Aber wenn ich das höre, sehe ich schwarz.«

Nellie warf ihr einen vernichtenden Blick zu.

Zwei Stunden später stand das Profil inklusive Matching-Test und Foto online und Vanessa war betrunken. Sie schaffte es gerade noch, das Mousse au Chocolat zu servieren, ehe sie sich wieder aufs Sofa fallen ließ. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie nahm Nellie und Franziska, die von ihrer Aktion noch immer hellauf begeistert wirkten, nur noch verschwommen wahr.

Als sich die beiden schließlich verabschiedeten, war es bereits weit nach Mitternacht.

Vanessa brachte sie noch zur Wohnungstüre, musste sich dort aber an der Wand abstützen, um nicht umzufallen.

»Ihr f… fin… findet’s selbst?«, lallte sie.

»Das ist das Praktische an langjährigen Freundinnen«, kommentierte Franziska. »Sie finden aus den Elternhäusern tatsächlich von ganz alleine wieder nach draußen. Sollen wir die Türe unten einfach ins Schloss fallen lassen?«

»Sch… Schloss?« Vanessa sah die beiden mit glasigem Blick an.

»Ja, wir machen das einfach«, kicherte Nellie. »Ich vermute, deine Eltern sind sowieso schon im Bett, so dass sie nicht hinter uns zusperren können. Die Kriminalitätsrate in Aichenau hält sich sicher in Grenzen.«

»Meine Eltern?« Vanessa riss die Augen auf. Lesbisch. Ihre Eltern. Sie legte den Finger auf den Mund. »Psst. Ihr dürft ihnen nichts … nicht sagen. Wegen Denise und soooo …«

»Ja ja, schon gut. Hatten wir ohnehin nicht vor.«

»Und … und Chris… Christina auch nicht. Die sagt’s ihren Eltern und die sagen es dann meinen, und dann ja… jagen sie mich aus dem Haus …«

»Deiner Cousine wirst du es wohl selber sagen müssen. Aber lass sie nicht ewig im Unklaren. Wir sind schließlich alle befreundet, und ich will nicht, dass drei von uns ein Geheimnis teilen, während eine außen vor steht.« Nellie schlüpfte in ihre Jacke. »Also, mach’s gut, schlaf deinen Rausch aus … Und ich finde es gut und mutig, dass du endlich mit uns darüber gesprochen hast.« Sie umarmte Vanessa, die sich mit ungewohnter Intensität an sie klammerte.

»Bitte zieh mir mein Kleid aus«, hauchte sie.

Nellie zuckte kurz zurück, dann erwiderte sie Vanessas Grinsen.

»Dreh dich um«, sagte sie. »Ich will dir nicht zumuten, im Etuikleid schlafen zu gehen. Und deine Mutter zu wecken, damit sie dir den Reißverschluss öffnet, ist in deinem Zustand wohl auch keine gute Idee.«

»Etuikleid. Laura Ashley«, stöhnte Franziska im Hintergrund. »Leute, ich sehe da einige Schwierigkeiten auf uns zukommen, was Vanis Vermittlung angeht …«

»Ach, halt doch die Klappe!«

Nellie zog entschlossen den Zipper nach unten.

… folgen Taten

»Ja, Grüß dich, Nellie! So eine Überraschung! Wir haben uns ja schon lange nicht mehr gesehen.«

Vanessa, die gerade dabei gewesen war, die Tische im Gastgarten für den Nachmittagsbetrieb einzudecken, drehte sich um. Ihre Mutter hatte die Ankunft der Freundin noch vor ihr selbst bemerkt. Eilig unterbrach sie die Arbeit und gesellte sich zu den beiden.

»Mitten unter der Woche kommst du um diese Zeit? Musst du nicht Berge von Hausaufgaben korrigieren?«, entfuhr es ihr unwillkürlich anstelle einer Begrüßung. Seit diesem gewissen Abend hatten sie sich weder gesehen noch voneinander gehört. Als Vanessa am Tag nach ihrer schwerwiegenden Offenbarung mit trockener Kehle und Brummschädel aufgewacht war, bereute sie bereits, dass sie sich den Freundinnen anvertraut hatte. Wer wusste schon, ob sie ihr Geheimnis wirklich so sorgsam hüteten? Außerdem: Was änderte es, dass sie mit ihnen darüber gesprochen hatte? Sie fühlte sich weder befreit noch erleichtert, obwohl sie schon oft gelesen hatte, dass es anderen nach einem Coming-out so ergangen war.

»Was ist denn das für eine Begrüßung?« Ihre Mutter schüttelte verwundert den Kopf. »Da kommt deine Freundin extra von St. Wolfgang nach Aichenau, und dann freust du dich gar nicht!«

Nellie grinste gelassen.

»Keine Sorge, Frau Plank. Ich werde es verkraften. – Sag, Vani, trägst du schon wieder ein neues Dirndl? Das kenne ich ja noch gar nicht!«

»Das hat sie von Eberhard und mir zum Geburtstag bekommen«, antwortete ihre Mutter, noch ehe Vanessa zu Wort kommen konnte. »Die frischen Grüntöne stehen ihr doch recht gut, findest du nicht?«

»Phantastisch!« Nellie ließ ihren Blick über Mutter und Tochter gleiten. »Und ihr beide seht darüber hinaus aus wie Schwestern!«

Vanessa verzog das Gesicht, während Veronika Plank herzhaft auflachte. »Jetzt übertreib mal nicht«, scherzte sie und fasste sich ans aufgesteckte Haar, das so blond war die das ihrer Tochter, nur dass sich zunehmend graue Strähnen einschlichen. »Meine Falten und das Hüftgold sind ja wirklich nicht zu übersehen. – Sag, Nellie, möchtest du einen Kaffee?«

»Äh, nein, danke.« Nellie trat von einem Bein auf das andere. »Eigentlich … müsste ich mit Vanessa kurz was besprechen.«

»Ja, dann!« Veronika Plank strahlte sie beide an, bewegte sich aber nicht von der Stelle. »Ich lasse euch Kaffee bringen. Und einen frischen Mohnstrudel hätten wir auch.«

»Danke«, wehrte Vanessa hastig ab. »Das ist nicht nötig. Nellie braucht nicht lange. Sie will mir oben am Computer was zeigen, stimmt’s?«

»Stimmt«, flötete Nellie mit zuckersüßem Lächeln. »Beim nächsten Mal gerne, Frau Plank!«

Sie ließen eine leicht enttäuschte Wirtsfrau zurück.

»Ich mag deine Mutter, aber manchmal geht sie mir auch auf den Wecker«, seufzte Nellie, kaum dass sich die Türe zu Vanessas Wohnung hinter ihnen geschlossen hatte. »Muss sie eigentlich überall dabei sein?«

»Willkommen in meinem Leben«, kommentierte die Tochter des Hauses resigniert. »Also, was willst du?«

»Mich nach den Fortschritten in Sachen Sexpartnerinnen-Suche erkundigen. Es ist schon knapp zwei Wochen her, seit wir dein Profil bei GoldPartners angelegt haben. Hat dich schon eine angeschrieben?«

»Hör bloß auf!« Vanessa verdrehte genervt die Augen. »Das bringt überhaupt nichts …«

»Warum?«

»Weil einfach keine passt!«

»Es geht doch nur darum, lesbischen Sex auszuprobieren! Da stand, sie haben hunderte homosexuelle Singles in ihrer Datenbank, also mach mir nicht weis, dass da keine Einzige für dich dabei ist!«

»Bei den Schwulen gibt es vielleicht hunderte. Aber bei den Lesben ist das Angebot äußerst übersichtlich.«

Nellie machte ein zweifelndes Gesicht.

»Du glaubst mir nicht? Sieh es dir selbst an!« Vanessa fuhr ihr Notebook hoch. Zusammen schauten sie auf den Bildschirm. »Hier … laut Matching-Test passen gerade mal diese fünf Frauen zu mir.«

»Dann erweitere die Kriterien! Wie gesagt, es geht nur um Sex und nicht um die Liebe deines Lebens!«

»Du wirst es nicht glauben, aber so dämlich bin ich auch nicht! Ich habe schon alles Mögliche an diesem komischen Test geändert und erweitert, aber es werden immer nur diese fünf angezeigt. Egal, was ich ausfülle! – Ehrlich gesagt, glaube ich, die linken ihre Kundschaft! Da sind nicht massenweise Lesben in der Datenbank, sondern – genau fünf. Mit mir sechs!«

Nellie seufzte.

»Und von diesen fünf …?«

»Sieh sie dir an. Bitte. Tu dir keinen Zwang an.«

Nellie klickte die Profile durch. Mit stiller Genugtuung verfolgte Vanessa, wie sich das Gesicht der Freundin immer mehr verfinsterte.

»Ich dachte, wenn man in so einer Datenbank auf Partnersuche geht, stellt man sein bestes Foto rein«, sagte Nellie schließlich. »Aber das, was ich hier sehe, erinnert mich eher an ein Gruselkabinett. Bis auf die mit den Pickeln sehen die ja alle aus wie ziemlich seltsame Männer!«

»Das ist noch nicht mal der Punkt.« Vanessa seufzte. »Sie wirken einfach stillos. Und ansonsten passt doch auch nichts, wenn du dir die Profile durchsiehst. Die eine bastelt gerne an ihrem Motorrad herum, die andere gibt auf die Frage nach ihrem Lieblingsessen Fast Food an … Was soll ich denn mit denen anfangen? Ich bin ganz anders!«

Nellie verzog das Gesicht.

»Vielleicht bist du ja gar nicht lesbisch«, gab sie zu bedenken. »Das würde erklären, weshalb …«

»Hör doch auf«, fiel ihr Vanessa ins Wort. »Muss ich denn nur aufgrund der Tatsache, dass ich mich in Frauen verliebe, meine gesamte Persönlichkeit in ein Klischee pressen? Seit Jahren interessiere ich mich für dieselben Dinge wie ihr … Ich gehe gerne shoppen, ich trage Make-up, ich mache mich gerne schön. Warum sollte ich das ändern, nur weil ich lesbisch bin? – Du und Franzi, ihr habt offensichtlich gedacht, ihr werdet die selbsternannten Retterinnen meines Liebeslebens. Aber glaub mir, so einfach ist das nicht. Damals, in den ersten Jahren, als mir meine sexuelle Orientierung klar wurde, da habe ich immer wieder in diversen Foren mitgelesen und die Profile der lesbischen Posterinnen durchgeklickt. Dabei bin ich zunehmend verzweifelter geworden, weil keine Einzige … ich schwöre dir, keine Einzige! – mich in irgendeiner Form angesprochen hätte. Nicht einmal für eine Nacht.«

Nellie starrte nachdenklich auf den Bildschirm.

»Du bist ein echt schwieriger Fall.«

Vanessa lachte bitter.

»Ja. Das wusste ich schon vorher. Und zusammen mit meinen Lebensumständen, die ich nicht ändern kann, macht das den Traum vom rosaroten lesbischen Liebesleben unmöglich. Ich habe mich damit abgefunden, Nellie, also lassen wir es. Es reißt nur Wunden auf, die sich schon geschlossen hatten.«

Sie fuhr das Notebook herunter und klappte es zusammen.

»Keine Einzige?«, hakte Nellie unvermittelt nach. »Du willst mir erzählen, dass da noch nie eine lesbische Frau war, die dir gefallen hat? Wirklich noch nie?«

Für einen Moment schloss Vanessa die Augen.

»Es gibt da eine«, sagte sie nach einer Weile. Dann erhob sie sich, holte eine Zeitschrift aus dem Regal und schlug sie zielsicher auf.

Die zwei Seiten hatten bereits Eselsohren, so oft hatte sie den Artikel gelesen, seit sie beim zufälligen Durchblättern des Wirtschaftsmagazins, das ihr Vater abonniert hatte, darauf gestoßen war. »Mehr als nur Empfehlungen« lautete der Titel. Der Text, der die rechte Seite füllte, handelte von den Herausforderungen der Consulting-Branche in der Gegenwart und Zukunft. Im Mittelpunkt des Berichts stand ein Unternehmen namens Auriga Consulting GmbH mit Sitz in Wien, das sich vor allem auf die Beratung von Medien- und Telekommunikationsbetrieben aller Art spezialisiert hatte. Vor Kurzem war ein mittelgroßer Zeitschriftenverlag in Polen von Auriga durch Übernahme vor dem Konkurs bewahrt worden. So stand es jedenfalls im Artikel. Maßgeblich geleitet hatte dieses Projekt eine gewisse Louise Stern, die das Beratungsunternehmen vor knapp zehn Jahren gegründet und ihm zu Rang und Namen verholfen hatte.

Vanessa interessierte sich nicht sonderlich für Wirtschaftsthemen und hätte diesen Artikel wohl genauso überblättert wie alle anderen, wäre ihr Blick nicht an dem Portrait der Firmengründerin, das sich über die gesamte linke Seite erstreckte, und dem zugehörigen Beitext hängen geblieben.

Louise Stern. Dunkle volle Haare, die knapp bis zu den Schultern reichten. Schwungvolle Augenbrauen. Braune Augen. Volle Lippen. Sie trug einen roten, eng anliegenden Pulli, der deutlich weibliche Formen erkennen ließ, und hatte auf jeglichen Schmuck verzichtet. Ihr Blick strahlte für Vanessa Selbstsicherheit und Zielstrebigkeit aus.

Auriga-Gründerin Louise Stern (38) ist in Boston (USA) geboren und in Wien, New York und L.A. aufgewachsen. Die erfolgreiche Consulterin, die sich in der Vergangenheit mit Partnerin zeigte, widmet sich derzeit vollständig ihrer Arbeit. Die Liebe zu einem Mann habe sie noch ebenso wenig entdeckt wie die zum Golfsport, verriet Stern dem Management-Magazin. Ihre private Leidenschaft gilt der Kulinarik: delikaten Köstlichkeiten aus aller Welt ist sie nicht abgeneigt.

»Die gefällt dir?« Nellie runzelte irritiert die Stirn. »Die sieht doch total herrisch und humorlos aus! Die lächelt auf diesem Foto ja nicht einmal!«

»Ich finde sie … sexy.«

»Du lieber Himmel.« Nellie schüttelte ihre braunen Locken. »Das ist also dein Frauengeschmack: Miss Bossy. Sicher zückt sie beim Sex ihre Lederpeitsche!«

»Nun, das werden wir nie erfahren.« Vanessa klappte die Zeitschrift zu und wollte sie wieder ins Regal legen, doch Nellie hielt sie zurück und schnappte sich das Blatt. »Bekennende Lesbe und Single … Hei, Vani! Worauf wartest du noch? Das ist deine Kandidatin für dein Erstes Mal mit einer Frau!«

Vanessa schnaubte.

»Du spinnst doch! – Komm, gib die Zeitschrift her … Ich muss jetzt auch wieder runter, die Kaffee- und Kuchenzeit beginnt.«

»Die paar Gäste, die bei dem trüben Wetter heute eintrudeln, kann wohl auch mal deine Mutter alleine bedienen.« Nellie schlug den Artikel erneut auf. »Also. Ich finde, du solltest ihr ein Mail schreiben, ein paar Fotos von dir mitschicken und sie um ein Date bitten.«

»Ja klar, natürlich, das werde ich machen. Eine gute Idee. Ich bin sicher, sie wird begeistert einwilligen.«

»Gut. Dann suchen wir jetzt im Internet nach ihrer Mailadresse. Über die Firmenwebsite wird das ja wohl ein leichtes Spiel sein.«

Erst als Nellie den Startknopf des Notebooks betätigte, begriff Vanessa, dass die Idee durchaus kein Scherz war.

»Du spinnst doch«, entfuhr es ihr. »Ich werde die Frau ganz sicher nicht anschreiben!«

»Wieso denn nicht? Sie gefällt dir doch, diese Lu-is Störn.« Sie sprach den Namen englisch aus. »Und wir wissen, sie ist lesbisch und hat keine Freundin …«

»Der Artikel ist drei Monate alt! Wer weiß, wie sie jetzt lebt!«

»Egal … Probier es einfach.« Nellie rief die Firmenwebsite auf. »Ha! Da haben wir es schon! – Komm, wir formulieren den Text an sie gemeinsam …!«

»Nein! Gar nichts werden wir tun! Ich will das nicht!«

»Aber warum denn nicht?«

Fassungslos schüttelte Vanessa den Kopf.

»Sie wohnt in Wien. Sie ist um einiges älter als ich. Ich wüsste überhaupt nicht, was ich mit der reden soll!«

»Du sollst ja nicht reden, Vani.« Nellie senkte die Stimme und bedachte sie mit einem bedeutungsschweren Blick. »Du willst sehen, ob du wirklich eine Lesbe bist, und sie soll dir bei dieser Selbstfindung helfen. Im Übrigen: Als du vorher gesagt hast, dass du sie fesch findest, hast du nichts von Falten und grauen Haaren erwähnt.«

Vanessa blinzelte irritiert.

»Hat sie ja auch gar nicht …«

»Du hast gerade ihr Alter ins Spiel gebracht. Komm schon, Vanessa, ich will dir doch nur helfen! Und es ist völlig egal, ob sie in Wien wohnt. Das ist nicht am Ende der Welt.«

Vanessa fuhr sich mit der Hand über die Augen. Das Thema wühlte sie auf. Erneut bereute sie, gegenüber Nellie und Franziska je ein Wort verloren zu haben. Sie wollte nichts ändern. Sie konnte nichts ändern. Ihre Situation war ausweglos. Schon allein die Vorstellung, mit einer Frau zu schlafen, nur um lesbischen Sex auszuprobieren, rief tiefen Widerwillen in ihr hervor. Dass es ihr mit einer Frau gefallen würde – davon war sie ohnehin felsenfest überzeugt. Sex war jedoch etwas für sie, was bedingungsloses Vertrauen voraussetzte. Etwas, das es mit einer Fremden nicht gab. Und falls es sich doch entwickelte … Warum sollte sie sich auf eine Erfahrung einlassen, nur um sie fortan noch schrecklicher zu vermissen als bisher?

Der Blick der Freundin ruhte abwartend auf ihr, doch Vanessa war nicht in der Lage, das Gewirr aus Zweifeln und Überzeugungen zu erläutern, in dem sie sich verloren fand.

»Bitte, Nellie«, bat sie daher leise. »Misch dich nicht mehr ein. Lassen wir das einfach. Ich habe mich damit abgefunden, alleine zu bleiben. Eine Nacht mit einer Wildfremden würde an meiner Situation wirklich nichts ändern.«

Der Vertrag für das Projekt in Bukarest. Louise setzte einen Haken hinter das Stichwort auf ihrer langen To-Do-Liste, die handgeschrieben rechts neben der Tastatur bereitlag. Sie hatte den Vertrag gesichtet, einige Passagen markiert, die sie noch mit Stefan durchsprechen musste. Als Jurist war ihr Geschäftspartner bei der Vertragsgestaltung versierter als sie selbst, die ihren Fokus auf wirtschaftliche Agenden gerichtet hatte. Dies aber war der einzige Punkt, in dem er ihr überlegen war.

Sie überflog die Liste. Das Konzept für das Corporate Branding der Filmproduktionsfirma musste dringend fertiggestellt werden. Dann die Analyse des Mitbewerbers für den deutschen Privatradiosender … Sie unterdrückte ein Seufzen und griff zum Hörer.

»Clemens? Kannst du bitte kurz in mein Büro kommen?«

Clemens Reuter war seit knapp einem halben Jahr ihr Assistent. Nach einem zügig absolvierten BWL-Studium inklusive Promotion hatte er unter mehreren hundert Bewerberinnen und Bewerbern hervorgestochen. Sie mochte seine Eigeninitiative, seinen Humor und seinen Charme, der nie in peinliche Lobhudelei abglitt. Clemens war gerade mal fünfundzwanzig und führte ihr jeden Tag aufs Neue vor Augen, dass sie sich zügig den vierzig näherte. Es war lange her, dass sie als eine der jüngsten Geschäftsführerinnen der Branche gegolten hatte. Jetzt drängten die Jungen nach – Leute wie Clemens, tadellos ausgebildet, fit, dynamisch und unverbraucht.

»Hast du das Finanzierungsmodell für Bukowski Entertainment eventuell schon fertig?«