Auf der Suche nach Erleuchtung fand ich das Licht - Tenzin Lahkpa - E-Book

Auf der Suche nach Erleuchtung fand ich das Licht E-Book

Tenzin Lahkpa

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Beschreibung

Die faszinierende Lebensgeschichte eines tibetischen Mönchs, der zu den Füßen des Dalai Lamas saß. Doch die gesuchte Erleuchtung fand er erst im Licht Jesu. Mit einzigartigen, bisher noch nie dokumentierten Einblicken in die Welt des tibetischen Buddhismus. Als ihn seine Eltern mit fünfzehn Jahren in einen Tempel in Tibet bringen, akzeptiert Tenzin Lahkpa sein Schicksal und folgt von nun ab voller Leidenschaft den Wegen Buddhas. Seine Suche nach Erleuchtung führt ihn schließlich in den berühmten Potala Palast in Lhasa, Tibet. Doch er hat noch einen größeren Lebenstraum: Zu den Füßen des Dalai Lamas zu lernen. Barfuß und ohne Geld begibt sich Tenzin auf eine anstrengende, über 3000 km lange Reise. Doch als er sein Ziel erreicht und den Dalai Lama kennenlernt, ist seine Sehnsucht nach Wahrheit noch immer nicht gestillt. Dann begegnet ihm eines Nachts Jesus im Traum. Tenzin ist fasziniert, doch er weiß: Wer einmal Mönch geworden ist, hat eigentlich einen lebenslangen Vertrag mit dem Buddhismus ...

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TENZIN LAHKPA

mit Eugene Bach

AUF DER SUCHEnach Erleuchtungfand ich

das Licht

Mein Weg von Buddha zu Jesus

Aus dem Englischenvon Philipp Scholtzen

Titel der Originalausgabe: Leaving Buddha:

A Tibetan Monk’s Encounter with the Living God

© 2019 by Back to Jerusalem, Inc.

and Tenzin Lahkpa with Eugene Bach

First published by Whitaker House,

1030 Hunt Valley Circle, New Kensington, PA 15068 USA

All rights reserved

Bibelzitate folgen dem Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung –

Neues Testament und Psalmen. © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.

Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung.

Alle Rechte vorbehalten.

© der deutschsprachigen Ausgabe:

2019 Brunnen Verlag GmbH Gießen

Umschlagfoto: Shutterstock

Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger

Satz: DTP Brunnen

Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

ISBN Buch 978-3-7655-0720-5

ISBN E-Book 978-3-7655-7546-4

www.brunnen-verlag.de

Inhalt

Prolog: Die große Debatte

Teil 1: In der Schule des Buddha

1 Eine Kindheit in den Bergen Tibets

2 Eine hingebungsvolle Mutter

3 Ein übermächtiger Vater

4 Das Allsehende Auge

5 Die Kindheit des Buddha

6 Heilige Feste

7 Buddha, der Krieger

8 Eine folgenreiche Begegnung

9 Ein Opfer für den Tempel

10 Der Tag des Abschieds

11 Die Feuerprobe

12 Der Alltag im Kloster

13 Gebetsfahnen

14 Dunkle Geheimnisse

15 Die erste öffentliche Debatte

16 Ein mütterlicher Ratschlag

17 Geistlicher Selbstmord

Teil 2: Auf der Suche nach Erleuchtung

18 Meine erste Reise

19 Die Auseinandersetzung mit dem Islam

20 Eingelullt

21 Lhasa

22 Der Mordanschlag

23 Widerstand

24 Sich der Tigerin zum Fraß vorwerfen

25 Abhidharma – der höchste Dharma

26 Die Suche nach Abhidharma

27 Abschied von Tibet

28 Am Ende

29 Indien

30 Dharamsala

31 Im Kloster Thiksey

Teil 3: Erleuchtet – durch Liebe und ein großes Opfer

32 Ein Christ in der Familie

33 „Tödlicher als Mara“

34 Der Besuch des Dalai Lama

35 Das Zeichen des Kreuzes

36 Sieben Jahre in Indien

37 Rückkehr nach Tibet

38 Eine tibetische Bestattung

39 Der kostbare Schatz der Dreieinigkeit

40 Eine tödliche Krankheit

41 Ein wertvolles Geschenk

42 Jesus

43 Ein Neuanfang

44 Das System wird herausgefordert

45 Tötet ihn!

46 Auf der Flucht

Epilog: Wo die Lotusblüte wächst

Über die Autoren

Bemerkung des Co-Autors

Dank

Anmerkungen

Prolog

Die große Debatte

Ich rannte hinter der versammelten Menschenmenge hin und her und versuchte einen Blick über die Schultern der Dorfältesten zu werfen, die ganz vorne saßen. Auf der Suche nach dem perfekten Ausblick sprang ich immer wieder in die Luft, doch sobald ich zwischen irgendwelchen Schultern oder Armen eine Lücke entdeckte, bewegte sich jemand nach links oder rechts und blockierte wieder meine Sicht.

Ich wollte aber unbedingt die Debatte verfolgen, die zwei der bekanntesten und angesehensten Lamas aus unserer Region abhalten wollten. Ihre Namen habe ich mittlerweile vergessen, aber an das Ereignis erinnere ich mich auch heute noch ganz genau. Ich war damals noch sehr jung und wusste, dass mein Vater sich schon lange auf diesen Tag gefreut hatte. Er sprach von nichts anderem.

Eine religiöse Debatte, das war so, als ob in unserem Dorf eine Weltmeisterschaft oder der Super Bowl ausgetragen würde. Es wurden hierbei nicht nur Streitfragen gelöst – die Debatte diente auch zu unserer Unterhaltung!

Mitten in unserem Dorf befand sich ein kleiner Platz, in dessen Mitte ein schattiger Baum stand und auf dem es hier und da kleine Grasflächen gab. Das war sozusagen der „Ring“, in dem Lamas, die sich auf der Durchreise befanden, ihre Debatten austrugen. Auf diese Weise erreichten die Lehren unserer Religion auch immer unser kleines Dorf.

Diese Debatten hinterließen einen tiefen Eindruck bei mir. Wenn ich allein in den Bergen war, tat ich manchmal so, als befände ich mich in einem solchen Streitgespräch mit einem anderen Mönch. Jede Gelegenheit der Stille und der Einsamkeit nutzte ich, um einen erleuchteten Debattierer zu spielen, der die Massen durch seinen Intellekt beeindrucken konnte.

In einer tibetischen Debatte trägt der herausfordernde Mönch seine Argumente im Stehen vor, während der Mönch mit der Gegenposition sitzen bleibt und sorgfältig zuhört. Während der Debatte in unserem Dorf konnte ich zwar nicht sehen, wie die beiden Lamas den Platz betraten, aber ich hörte es, als die Debatte begann. Ein Murmeln ging vorne durch die Menschenmenge. Ich spürte die Aufregung und wollte unbedingt einen Platz in der ersten Reihe ergattern.

Am anderen Ende des Platzes fand ich schließlich eine kleine Lücke zwischen zwei älteren Mönchen aus unserem Kloster. Es war der perfekte Ort. Nun konnte ich endlich alles sehen und hören, was da vorne vor sich ging.

Der herausfordernde Mönch, der zunächst einfach dagestanden hatte, ging nun mit langen Schritten von dem anderen Mönch weg, kehrte dann aber abrupt um wie ein Kung-Fu-Krieger und nahm eine Art Kampfstellung ein. An seinem rechten Handgelenk baumelte eine Perlenkette. Er beugte sich zu dem anderen Mönch hinunter, der absolut still und regungslos dasaß, und sprach ihm direkt ins Gesicht.

„Was ist nützlicher? Dem Erleuchteten selbst nachzufolgen oder seinen Schriften?“ Als er seine Frage beendet hatte, schlug er seine Arme wie eine Peitsche aneinander, sodass ein klatschendes Geräusch ertönte, das die Aufmerksamkeit der Zuhörer forderte.

Der Mönch, der sich verteidigen musste, saß weiterhin auf dem Boden, klopfte mit den Händen auf die Erde und antwortete: „Ich stimme zu. Beides wird durch den Buddha von uns verlangt und beides ist notwendig. Was wissen wir über den Buddha, das nicht aufgeschrieben wurde? Welche Schule des Buddhismus verlässt sich allein auf die Sangha?“ (Die Sangha bezeichnet diejenigen, die in einer klösterlichen Gemeinschaft leben.)

Das war keine typische Debatte. Tibetische Debatten folgen nämlich klar vorgegebenen Regeln: Der Herausforderer bringt eine These vor und der Verteidiger, der auf dem Boden sitzt, nimmt diese entweder als wahr an oder er lehnt sie ab. Ist Letzteres der Fall, fordert er den ersten Mönch auf, das Ganze mit logischen Argumenten oder mit Schriftbeweisen zu belegen. Doch bei dieser Debatte ging es um mehr. Der Verteidiger forderte den Herausforderer heraus. Es war eine Konfrontation zwischen zwei großen Denkern und das war spannend.

Der Verteidiger hatte zwar sein Stichwort nicht verpasst, aber es sah trotzdem so aus, als wäre er direkt in die Falle getappt, die der andere ihm aufgestellt hatte. Der Herausforderer fuhr fort: „Hat der Buddha nicht gesagt: ‚Meine Lehre ist keine Philosophie, sondern das Ergebnis einer unmittelbaren Erfahrung?‘ Hat er nicht gesagt: ‚Meine Lehre ist ein Mittel zur Praxis und nicht etwas, das man festhalten und verehren soll‘? Der Buddha hat seine Schüler gelehrt, damit sie uns lehren konnten. Unser Glaube wird uns am besten durch diejenigen überliefert, die selbst Erfahrungen damit gemacht haben. Nicht durch diejenigen, die ihn nur studiert haben. Wie kann man die Farbe Blau studieren und erklären, wenn man sie noch nie gesehen hat?“

Der immer noch auf dem Boden sitzende Verteidiger malte mit der Hand einen großen Kreis in die Luft. „Ich stimme dem nicht zu. Ein guter Schüler schreibt auf, was er gelernt hat, um es mit anderen teilen zu können. Seine Schriften stellen sicher, dass die Erfahrung lange Zeit für andere verfügbar ist. Es ist etwas Gutes und Edles, für sich selbst den Weg zu finden. Aber den Weg zu finden und ihn auf einer Karte festzuhalten, damit auch andere ihn finden können, ist noch besser. Ist es nicht besser, anderen Segen zu bringen als nur sich selbst?“

Der Mönch, der seine Position verteidigen musste, brauchte seine Frage nicht mit einem Klatschen zu beenden. Er hatte seinen Standpunkt laut und klar dargelegt. Die Zuhörer wandten ihre Aufmerksamkeit wieder dem stehenden Mönch zu. Wie würde er darauf reagieren?

Die Debatte wurde allmählich hitzig. Der Herausforderer erhob seine Stimme und wollte wissen: „Willst du damit sagen, dass wir gar keine Wahl haben? Dass wir nur dann Schätze finden, wenn wir der Karte folgen? Ist der Buddha etwa tot? Ist er nicht zu uns zurückgekehrt? Brauchen wir nur deshalb die Schriften, weil dir der Glaube an den wiedergeborenen Buddha fehlt?“

Mit diesen Worten klatschte er wieder und streckte dem Verteidiger seine linke Hand entgegen als Zeichen dafür, dass er antworten sollte. Doch bevor der sitzende Mönch etwas sagen konnte, unterbrach der andere ihn und fuhr fort: „Ich stimme dem nicht zu. Was nützen die Schriften eines Lehrers, wenn wir Zugang zum Lehrer selbst haben? Die Schriften sind nur ein vorübergehendes Transportmittel von einem Ufer zum anderen, wenn der Lehrer nicht da ist. Wie schon der Buddha gesagt hat: ‚Nur ein Narr würde ein Floß mit sich herumtragen, nachdem er schon das andere Ufer der Befreiung erreicht hat.‘“

Das wurde ja immer besser. Es war genau die lebhafte Diskussion, auf die mein Vater sich gefreut hatte. Die Stimmen der beiden Debattierer wurden laut, doch in ihrem Ton war nichts Bedrohliches oder Gewaltsames. Der hauptsächliche Zweck ihres Streitgespräches bestand ja darin, ihre Fähigkeiten zu schulen, um den buddhistischen Glauben und seinen Lebensstil durch Logik und Wahrheit verteidigen zu können. Die Themen wechselten immer, aber der Zweck blieb derselbe.

Der sitzende Mönch deutete mit einer ruhigen Geste auf seinen Kopf und sagte: „Ich muss mich allein auf das verlassen, was ich gelernt habe, und ich habe durch meine Erfahrungen gelernt, durch die Erfahrungen anderer und durch die Schulung meines Geistes. Buddha hat mir gesagt, dass ich denken soll, also denke ich. Buddha hat mir gesagt, dass ich lesen soll, also lese ich. Buddha hat mir gesagt, dass ich beten soll, also bete ich. Eines von diesen überzubetonen hieße, sie alle zu vernachlässigen. Buddha hat vier Dinge gelehrt, auf die wir uns verlassen sollen: Erstens sollen wir uns auf den Geist und die Bedeutung der Lehren verlassen, nicht auf die Worte. Zweitens sollen wir uns auf die Lehren verlassen, nicht auf die Persönlichkeit des Lehrers. Drittens sollen wir uns auf die echte Weisheit verlassen, nicht auf oberflächliche Auslegung. Und viertens sollen wir uns auf das Wesen eines reinen Geistes verlassen – nicht auf voreingenommene Wahrnehmungen.“

Daraufhin rief der Herausforderer: „Aber du missachtest Buddha, wenn er sagt: ‚Akzeptiere etwas nicht nur deshalb, weil dein Lehrer es gesagt hat oder weil es in euren heiligen Büchern steht oder weil viele es glauben oder weil es von deinen Vorfahren überliefert wurde. Akzeptiere etwas nur dann und lebe danach, wenn es dich befähigt, die Wahrheit von Angesicht zu Angesicht zu sehen.‘ Welchen besseren Weg gibt es, die Wahrheit zu finden, als sie direkt von denen zu lernen, die sie erfahren haben?“

Der Verteidiger sah auf und antwortete: „Das ist keine stabile Begründung. Was ist dein Beweis? Du wirst nicht wegen deiner Unwissenheit bestraft werden, sondern durch sie.“

Mehrere Stunden saß ich da und hörte zu, wie die beiden sich mit diesen Fragen auseinandersetzten. Diesen beiden weisen Lamas zuzuhören, wenn sie miteinander über die Säulen und Tugenden des Buddhismus diskutierten, war die beste Bildung, die ich je bekommen konnte. Ich weiß nicht, wer am Ende der Gewinner war, aber beide Mönche wurden von unserem Dorf mit einer kostenlosen Mahlzeit für ihre Mühen belohnt, uns beizubringen, wie wir unseren Glauben und unsere Lebensweise verteidigen konnten.

Nur wenige Jahre später würde ich mich selbst auf die Suche nach der Erleuchtung machen. Damals ahnte ich noch nicht, auf welche überraschenden Wege diese Reise mich führen würde, bis ich der Wahrheit von Angesicht zu Angesicht begegnete – und die weitreichenden Konsequenzen für die Entdeckung dieser Wahrheit zu tragen hatte.

Teil 1

In der Schule des Buddha

1

Eine Kindheit in den Bergen Tibets

Ich wurde in einem kleinen Bergdorf in der Gemeinde Jichu geboren, in derselben chinesischen Provinz, aus der auch der Dalai Lama stammt. Ich wurde ein buddhistischer Mönch, als meine Eltern mich im Alter von fünfzehn Jahren dem buddhistischen Tempel an unserem Ort übergaben. So weit ich zurückdenken kann, habe ich mich immer als einen Mönch bezeichnet. Ich wusste nicht, wie ich mich sonst nennen sollte. Ich hatte keine andere Identität. Mein ganzes Leben lang habe ich die göttlichen Lehren des Buddha befolgt.

Alle in meiner Familie waren seit jeher Anhänger des tibetischen Buddhismus. Es liegt mir sozusagen im Blut. Es ist mein Erbe. Seit Generationen haben Mitglieder meiner Familie hohe Ämter in den Klöstern innegehabt und haben andere gelehrt, den Wegen des Buddha zu folgen.

In Tibet dreht sich alles um den Buddhismus und keine wichtige Entscheidung wird ohne die Genehmigung des Lamas getroffen. Ein Lama ist ein geistlicher Führer, der von allen geehrt wird, aber er ist auch noch viel mehr. Viele Lamas werden als Reinkarnation großer weiser Männer und Lehrer früherer Generationen betrachtet. Lamas, deren Titel man mit „der Höchste“ übersetzen könnte, sind für das tibetische Volk von fundamentaler Bedeutung. Sie sind Dorfrichter und Familienberater, Lehrer in den Klöstern, ja, sie haben sogar höchste politische Ämter im Land inne oder übernehmen vergleichbare Aufgaben.

Lamas spielen im Alltag der Menschen eine wichtige Rolle. Für Familien wie meine zum Beispiel haben sie eine ähnliche Funktion wie der Pastor einer christlichen Gemeinde, aber sie sind noch viel mehr als das. Oft werden sie gebeten, Babys einen Namen zu geben, und lassen dabei auch ihren eigenen Namen mit einfließen. Je größer der Einfluss eines Lamas ist, desto mehr Kinder gibt es, die so heißen wie er. Ich wurde Tenzin genannt, nach einem älteren Lama, an dem meine Familie sich orientierte. Dessen Name wiederum geht auf den vierzehnten Dalai Lama zurück. Weil er so berühmt geworden ist, tragen viele Tibeter heute seinen Namen.

Ich war das sechste und letzte Kind meiner Mutter. Davor hatte sie drei Söhne und zwei Töchter zur Welt gebracht; eine meiner Schwestern starb jedoch bereits bei der Geburt. Ich war also das Nesthäkchen und hatte eine besondere Beziehung zu meiner Mutter. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber ich hatte das Gefühl, dass ich ihr Lieblingskind war. Meine älteren Geschwister warfen mir das immer vor und in gewisser Hinsicht hatten sie wahrscheinlich recht. Ich verbrachte mehr Zeit mit meiner Mutter als meine Brüder und Schwestern, weil sie viele Aufgaben erledigen mussten, die ich nicht hatte. Allerdings musste ich später auch auf dem Feld arbeiten.

Meine Mutter hatte immer irgendwo im Haus Süßigkeiten für mich versteckt. Wenn keiner hinsah, tippte sie mir auf die Schulter, deutete auf einen alten Topf oder eine Tasche und forderte mich auf, darunterzuschauen. Wenn ich das tat, fand ich dort eine Süßigkeit oder ein anderes kleines Geschenk. Sobald ich es mir geschnappt hatte, legte sie sich den Finger auf den Mund, um mir deutlich zu machen, dass ich niemandem davon erzählen sollte.

Da wir nur fünf Kinder waren, galt meine Familie eher als klein. Meine Mutter jedoch stammte aus einer typischen tibetischen Familie, denn sie hatte elf Geschwister. Sie gehörte zu den jüngeren und so bestand ein großer Altersunterschied zwischen meinen Großeltern und mir. Sie starben, noch bevor ich sie richtig kennenlernen konnte.

Außerhalb der Klöster, die über alles, was im Leben bekannter Lamas passiert, sorgfältige Aufzeichnungen führen, gibt es kaum Möglichkeiten, die eigene Familiengeschichte zurückzuverfolgen, wenn es sich um einfache Arbeiter handelt, wie meine Großeltern es waren. Ich weiß nicht, woher sie kamen oder wann sie geheiratet hatten, und besitze auch sonst keine Informationen über ihr Leben. In Tibet reden Eltern nur wenig über die Geschichte ihrer Familie oder über Stammbäume, es sei denn, unter den Vorfahren waren ein bekannter Mönch oder ein religiöser Führer.

Unser Dorf bestand aus etwa dreißig Familien, die am Hang eines Berges lebten. Auch heute noch ist es ein typisches tibetisches Bergdorf mit unwirtlichem Boden und einem trockenen Klima. In Tibet ist die Luft dünner als an anderen Orten in China. Das liegt an der Höhe. Mönche, die aus dem Tal zu unserem Dorf heraufkommen, leiden in den ersten Stunden aufgrund des Sauerstoffmangels unter Übelkeit.

Von unserem Dorf aus sieht man nichts als braune, sandige Berge, so weit das Auge reicht. Es gibt nur wenige Flüsse und fast keine Bäume. In den harten Wintermonaten wehen die Sandstürme von einer Seite zur anderen und es gibt fast nichts Grünes. Wir haben nicht viele Blumen oder Gras. Es gibt nur hier und da ein paar kleine, dünne Bäume, an denen wenige Blätter hängen, wenn im Frühling der Regen kommt – falls er kommt.

In meiner Kindheit wurden in unserem Dorf vor allem Weizen und Hochlandgerste angebaut. Manchmal hatten wir auch Rettiche oder Kartoffeln, wenn das Wetter es zuließ. Anders als in den großen Städten Chinas gab es in unserem Dorf keine Umweltverschmutzung. Wir betrieben unsere Landwirtschaft auf natürliche Weise und verschwendeten so gut wie nichts. Tagsüber konnte man kilometerweit in die Landschaft schauen und nachts schien es, als könnten wir jeden einzelnen Stern am Himmel sehen.

Unser Haus war aus braunem Lehm gebaut, so wie es die Tibeter schon seit Tausenden von Jahren tun. Seine helle Khakifarbe passte zu den umliegenden Bergen mit ihrem trockenen, sandigen Braun. Weil es nur so wenige Bäume gibt, mussten wir getrockneten Dung zum Verfeuern nehmen. Wir sammelten die Hinterlassenschaften unserer Tiere, solange sie noch warm und weich waren, fügten Stroh hinzu, verkneteten das Ganze mit den Händen und machten große, runde Stücke daraus, die wir vor unserem Haus ausbreiteten, damit sie trocknen konnten.

Auch das Innere unseres Hauses war typisch tibetisch: ein einziger Raum, in dem alle lebten. Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer – das alles befand sich in demselben Bereich. In der Mitte unseres Hauses gab es einen schwarzen, eisernen Kanonenofen, auf dem wir unsere Mahlzeiten kochten, Tee zubereiteten und den wir im Winter zum Heizen nutzten. Tagsüber saßen wir in der Nähe des Ofens auf einem erhöhten Holzgestell, das uns nachts als Bett diente. Wir schliefen alle auf dünnen, flachen Matratzen rund um den großen schwarzen Ofen.

Auf dem Holzgestell wurde ich auch geboren. Die Frauen in unserem Dorf gehen nicht ins Krankenhaus, um ihre Kinder zur Welt zu bringen. Es ist üblich, dass eine Hebamme aus der Gegend kommt und der Mutter bei der Geburt hilft. Alle beten, dass es keine ernsthaften Komplikationen gibt.

Meine Mutter verlor nur ein Kind, als sie auf die traditionelle tibetische Art gebar. Sie selbst überlebte und so konnte meine Familie sich glücklich schätzen. Denn wenn es bei der Geburt Komplikationen gibt, verliert eine Mutter normalerweise nicht nur ihr Kind, sondern auch ihr eigenes Leben. Meine Mutter war jedoch eine widerstandsfähige Frau. Jeder im Dorf kannte und respektierte sie. Sie strahlte eine ruhige Kraft aus, die von innen kam. Ihre starke Präsenz musste nicht groß verkündet werden, sie war einfach da.

Meine Mutter verrichtete alle schweren und anstrengenden Arbeiten, um unsere Familie zu ernähren. Sie versorgte die Tiere, sie pflügte die Felder und brachte die Ernte ein. Sie mahlte den Weizen von Hand und backte Brot. Sie schlachtete die Tiere und kochte das Fleisch. Sie putzte das Haus und kümmerte sich um uns Kinder.

Als ich neben dem schwarzen eisernen Ofen geboren wurde, schrieb man das Jahr 1969. Kurz zuvor hatte Mao Tsetung die Macht über Tibet übernommen. Der Dalai Lama befahl den Tibetern, die Besetzung zu akzeptieren, er selbst jedoch floh nach Indien, um sein eigenes Leben zu retten. Er verließ sein Volk, das von nun an unter den Folgen seiner Entscheidung zu leiden hatte.

Während dieser Zeit verhungerten im gesamten Land viele Menschen – wegen des „Großen Sprungs nach vorn“, einer missglückten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kampagne der Kommunistischen Partei Chinas (1958–1961). Das tibetische Volk konnte diese schwierige Situation bewältigen, denn es war auch zuvor nie reich gewesen und war es gewohnt, von seinem Land zu leben. Dem chinesischen Volk gelang das nicht so gut und so starben dort in diesem Zeitraum Zigmillionen Menschen.

In vielerlei Hinsicht war es eine schwere Zeit, sowohl für die Chinesen als auch für die Tibeter.

2

Eine hingebungsvolle Mutter

In meinen frühesten Erinnerungen sehe ich meine Mutter vor mir, wie sie betete und mich die buddhistischen Schriften lehrte. Sie verbrachte viel Zeit damit, mich zu ermutigen, damit ich die heiligen Schriften Buddhas auswendig lernte.

Ich weiß noch, wie ich als kleines Kind frühmorgens aufwachte und meine Mutter zu den verschiedenen Geistern in unserem Haus beten sah. Wir hatten immer nur wenig zu essen, aber meine Mutter wollte uns gern gut ernähren und so versuchte sie, die Götter zu beschwichtigen, in der Hoffnung, dass sie uns dann bessere Ernten und mehr Vieh schenkten.

Wenn ihre Gebete uns tatsächlich mehr zu essen verschafft hätten, dann wären wir wohl die dicksten Kinder im Dorf gewesen! Sie setzte all ihre Fähigkeit und Energie ein, um die Götter zu beschwichtigen, damit ihre Kinder heil und gesund blieben. Doch ganz gleich, wie sehr sie auch betete, es schien einfach nie zu reichen.

Meine Mutter war eine zierliche und zugleich sehr kräftige Person. Ihr langes schwarzes Haar hatte sie streng nach hinten gekämmt und zu einem Zopf geflochten. Es glänzte in der Sonne.

Meine Mutter hatte keinen Schrank voller Kleider. Sie besaß nur ein Kleid, das sie im Sommer jeden Tag trug, und eines aus dickerem Stoff für den Winter. Sie hatte eine schwarze chuba an, einen langen Mantel aus Schafspelz, den viele Tibeter tragen. Die chuba meiner Mutter hatte einen bunt gemusterten Saum von leuchtendem Blau, Orange und Hellbraun. Der Kragen, der sich vom Hals bis über die Schultern erstreckte, war himmelblau und die Ärmel waren in derselben Farbe gesäumt. Oft trug sie einen roten Stoffgürtel um die Hüften, der den Eindruck erweckte, als habe sie ein zweiteiliges Kleidungsstück an. Für mich war es immer, als wäre die Kleidung meiner Mutter ein Teil von ihr und umgekehrt. Die beiden erschienen mir unzertrennlich.

Wie alle in unserem Dorf hatten wir ein Bild des Dalai Lama an der Wand hängen – obwohl das in China verboten war. Es standen heilige Schriftzeichen in tibetischer Sprache darauf. Bild und Schrift waren hinter Glas mit einem goldenen, verzierten Rahmen. Über dem Rahmen hing ein weißer Schal, eine in unserer Kultur typische Ehrenbekundung für einen Gast. Das bedeutete, dass der Geist des heiligen Lama von Tibet in unserem Haus immer willkommen war.

Das Bild des Dalai Lama war da, wenn ich schlafen ging und wenn ich aufwachte. Er beobachtete mich immer. Wer wenig über den Dalai Lama weiß, meint vielleicht, dass sein Anblick in mir ein Gefühl des Friedens und der Ruhe auslöste, doch so war es nicht. Sein Bild bringt nur denen Frieden, die noch nicht ganz begriffen haben, wie dunkel der tibetische Buddhismus ist, denn er ist anders als alle anderen Formen des Buddhismus.

Der tibetische Buddhismus ist stark durch den Hinduismus beeinflusst. Das ist bei anderen Formen des Buddhismus, wie man sie in Japan, Thailand oder New York antreffen kann, nicht so sehr der Fall. Zum Beispiel befand sich an einer Holzsäule am Eingang unseres Hauses die Darstellung eines mannsgroßen Affen mit einem roten, wütenden, bösen Gesicht. Er hatte ein Schwert in der Hand. Vor ihm kniete eine Frau, der er den Hals aufgeschlitzt hatte. Das Blut strömte ihr aus dem Mund und lief über ihren Hals. Der Affe schaute ihr über die Schulter und zeigte dabei seine scharfen Zähne. Er hatte die Frau an den Haaren gepackt und in ihrem Gesicht spiegelte sich ihr Entsetzen, denn sie wusste, dass sie sterben musste.

Eine solche Darstellung mag für Außenstehende äußerst verstörend sein, für Tibeter aber ist sie etwas ganz Normales. In jedem Dorf in meiner Umgebung gab es solche Symbole oder Bilder des tibetischen Affengottes Pha Trelgen Chang-chup Sempa, die auf Wände und Häuser gemalt waren. Im tibetischen Buddhismus ist der Affengott die wichtigste Figur. Er wird genauso anerkannt und verehrt wie der Buddha, weil dort der Glaube herrscht, dass das tibetische Volk von ihm abstammt. Es wird gelehrt, dass die Erde am Anfang von einer großen Flut bedeckt war. Als das Wasser zu versickern begann, gab es eine Beziehung zwischen dem Affengott, der in den tibetischen Bergen meditierte, und einer Frau, die sich ihm näherte und mit ihm schlafen wollte.

Zunächst verweigerte sich der Affe ihr, doch die Frau drohte ihm, sie würde stattdessen mit einem Dämonen schlafen und viele Dämonen zur Welt bringen, die dann über die Erde streifen und alles verwüsten würden. Der meditierende Affe gab schließlich nach und bat Avalokiteshvara, die Reinkarnation des Dalai Lama, eine Hochzeitszeremonie durchzuführen.

Die Frau brachte Affenbabys zur Welt, die sich so stark vermehrten, dass der Wald sie nicht mehr ernähren konnte. Daraufhin zeigte Avalokiteshvara ihnen, wie sie Landwirtschaft betreiben und so ihr Essen selbst anbauen konnten, statt es im Wald zu suchen.

Bald schon verloren die Affen ihr Fell und ihre Schwänze. Sie setzten das um, was ihnen gezeigt worden war, und fingen an, Kleidung zu tragen und Häuser zu bauen. Sie bildeten eine Zivilisation von „weiterentwickelten“ Affen, aus denen später das tibetische Volk wurde.

Es ist wichtig, diesen Hintergrund zu kennen, wenn man den tibetischen Buddhismus verstehen will, denn an diesem Punkt kommt der Dalai Lama ins Spiel. Er ist mit Tibet auf eine besondere Weise verbunden, ganz anders als mit Indien oder Nepal – dem Entstehungsort des Buddhismus. Nach tibetischem Glauben ist der Dalai Lama die Reinkarnation der religiösen Führer, die vor ihm da gewesen sind. Diese Linie geht zurück bis auf Avalokiteshvara und den Affengott – denselben Affengott, der jener entsetzten Frau auf dem Bild, das ich jeden Tag vor Augen hatte, ein Messer an den Hals hielt.

Die Reinkarnation des Dalai Lama ist das Herzstück der tibetischen Religion. Der Dalai Lama ist ein tulku, ein reinkarnierter Wächter der Lehren und der Autorität des tibetischen Buddhismus. Tulkus sind ein Phänomen, das es nur in Tibet gibt. Von Geburt an sind sie als die Reinkarnation eines früheren Herrschers auserwählt. Bereits als Kinder werden sie von den Schülern ihres Vorgängers unterrichtet. Bevor ein Tulku stirbt, spricht er ausführlich über seinen Tod, seine Reinkarnation und Wiedergeburt.

So wird der Affengott als Vater des tibetischen Volkes verehrt und bewundert. Meine Mutter setzte ihr ganzes Vertrauen in diese Religion, die den Affengott anbetet und die Reinkarnation dessen verehrt, der die Ehe zwischen dem Affen und der bösen Frau geschlossen hat.

Wenn die Gebete meiner Mutter jemals von dem Affengott oder dem Buddha erhört wurden, so gab es zumindest keine Anzeichen dafür.

3

Ein übermächtiger Vater

Dass ich meine Kindheit als dunkel empfand, lag jedoch nicht an den Bildern hinduistischer Dämonen, die ich jeden Tag vor Augen hatte. Es war eher deshalb so, weil ich von klein auf mit ansehen musste, wie meine Mutter unter meinem Vater litt, der ein harter Mann war und sie um Längen überragte.

Mein Vater war als mittleres Kind seiner Familie zur Welt gekommen; er hatte zwei ältere Brüder und zwei jüngere Schwestern. Er wuchs in Armut auf, aber in einem tiefen Glauben an Buddha. Seine Hände waren rau und derb, denn er arbeitete Tag für Tag auf dem Feld und kümmerte sich um das Vieh. Die Arbeit hatte ihn abgehärtet und zu einem kräftigen Mann gemacht. Er hatte eine tiefe, heisere Stimme, was auf das tägliche laute Rufen zurückzuführen war. Die Tibeter benutzen nämlich keine Telefone, wenn sie mit jemandem in einem anderen Dorf Kontakt aufnehmen wollen. Sie klettern auf einen Berggipfel und geben einen lauten Ton in Richtung des nächsten Berges von sich. Wenn ihr Ruf beantwortet wird, schreien sie die Nachricht, die sie übermitteln wollen, hinüber. Diese wird dann von Berg zu Berg und von Dorf zu Dorf weitergegeben.

Bei dieser Methode gab es jedoch einen Trick. Es ging nicht nur darum, möglichst laut zu rufen in der Hoffnung, dass die Nachricht irgendwie ankam. Man musste schon ein bisschen Ahnung von Akustik haben. Die Stimme musste so eingesetzt werden, dass man die Form der Berge nutzte, damit der Klang von den Felsen in einer bestimmten Art und Weise abprallte und die Nachricht ans gewünschte Ziel gelangte. Mein Vater war bekannt dafür, dass seine Rufe mehrere Sekunden lang von den Bergen hin und her geworfen wurden.

Abgesehen von seiner Fähigkeit des Rufens war mein Vater für seine Liebe zum Reiswein bekannt. Der Reiswein wurde von den Leuten in unserem Dorf gewöhnlich selbst gemacht. Es war eine klare Flüssigkeit mit einem strohgelben Ton. Man schenkte sie aus einem Dieselkanister aus, weshalb sie den Beigeschmack von Petroleum hatte.

Ich kann nicht so genau sagen, was mein Vater den ganzen Tag machte, denn er war selten da. Wenn er sich in der Nähe des Hauses aufhielt, dann betete er meistens, rauchte seine Pfeife und betrank sich. Und sobald er betrunken war, fing er an, meine Mutter zu schlagen. Nachdem er den Tag draußen auf den Feldern verbracht und Reiswein getrunken hatte, torkelte er nach Hause und bekam Wutanfälle. Die Frau, die den ganzen Tag zu Buddha und einem halben Dutzend tibetischer Götter betete, deren Bilder unser ganzes Haus schmückten, wurde dann von ihrem Mann verprügelt.

Er schlug sie, weil sie angeblich ihre Arbeit nicht richtig erledigt oder das Essen nicht in der gewünschten Weise zubereitet hatte. Es waren immer andere Gründe und doch immer dieselben. Seine Begründungen, warum er sie schlug, waren immer lahm und nicht nachvollziehbar.

Für mich war es schrecklich mit anzusehen. Obwohl meine Mutter eine kräftige und mutige Frau war, gelang es ihr nicht, die Schläge ihres Mannes abzuwehren. Sie flehte ihn an aufzuhören, aber er machte einfach weiter.

Wir Kinder konnten uns dieser Situation nicht entziehen, denn wir lebten ja alle in demselben Raum. Wir schluchzten leise aus Mitleid mit unserer Mutter und baten die Götter insgeheim, meinen Vater aufzuhalten. Wir trauten uns jedoch nur zu flüstern, aus Furcht, der Zorn unseres Vaters könnte sich auch gegen uns wenden. Die Tränen liefen uns übers Gesicht und wir zuckten bei jedem Hieb zusammen, den er unserer Mutter verpasste. Es war, als würde seine Hand auch uns treffen. Wir litten bei jedem Schlag mit.

Und wir wussten ja genau, wie es sich anfühlte, von ihm verprügelt zu werden. Wenn unser Vater wütend auf uns war, nahm er seinen Gürtel ab und schlug damit um sich. Es war ihm ganz egal, wo seine Schläge uns trafen. Dann riefen wir nach unserer Mutter um Hilfe. Wenn sie merkte, dass eine Grenze erreicht war, versuchte sie, wann immer es ihr möglich war, dazwischenzugehen. Nicht selten schützte sie uns mit ihrem eigenen Körper und versuchte meinen Vater zu überreden, dass er mit den Schlägen aufhörte. Wir riefen sie, wenn wir geschlagen wurden, aber sie hatte niemanden, den sie um Hilfe bitten konnte.

Unsere Mutter bat unsere Götter um Hilfe, doch am Ende war es nur der „Gott der Erschöpfung“, der ihre Gebete eher zufällig beantwortete. Wenn mein Vater endlich müde wurde und aufhörte, sie zu schlagen, schlief er ein. Dann krochen wir zu unserer Mutter und schmiegten uns an sie. Dabei bewegten wir uns ganz langsam, um ja kein Geräusch zu machen und unseren Vater wieder aufzuwecken. Ich erinnere mich noch genau, wie sie am ganzen Leib zitterte durch dieses körperliche und seelische Trauma, das sie erleiden musste. Selbst wenn sie mit dem Weinen aufgehört hatte, zuckte ihr Körper noch eine ganze Weile und rang nach Luft. Wir sagten nichts und sie versuchte auch nicht, uns mit Worten zu trösten. Unsere Anwesenheit war alles, was wir einander geben konnten.

Ich habe meine Eltern nie sagen hören, dass sie einander liebten, und ich habe auch nie irgendwelche Zeichen der Zuneigung bei ihnen gesehen. In der tibetischen Kultur gelten liebevolle Worte oder Gesten als etwas Peinliches. Folglich habe ich in meiner ganzen Kindheit nie die drei Worte „Ich liebe dich“ gehört. Unsere Familie war darin nichts Besonderes. Ich glaube, in unserem ganzen Dorf gab es kein einziges Kind, das je das Wort „Liebe“ gehört hat. Irgendwie wusste ich zwar etwas von Liebe, ich ahnte ihre Bedeutung, aber ich hörte nie jemanden darüber sprechen.

Wer sich mit dem Buddhismus nicht auskennt, meint vielleicht, der tibetische Buddhismus lehre die Liebe als wichtige Grundlage des Glaubens; doch das stimmt nicht. Wer sagt, dass es beim Buddhismus um Liebe geht, kennt die wahre Geschichte von Buddhas Familie nicht.

Buddhas tatsächlicher Name war Prinz Siddhartha Gautama. Er wurde vor über 2500 Jahren im heutigen Nepal als einziger Sohn einer königlichen Familie geboren. Er heiratete seine Cousine Prinzessin Yasodhara, die Tochter der Schwester seines Vaters, und sie bekamen einen Sohn. In der Nacht, als Prinz Siddhartha sich aus dem Schloss davonstehlen wollte, um seinen Traum zu verwirklichen – die Erleuchtung zu finden –, erfuhr er von der Geburt seines Sohnes. Daraufhin antwortete er: „Nun ist ein Hindernis entstanden, eine Bindung ist entstanden.“1 Prinz Siddharthas Sohn erhielt den Namen Rahula, was so viel wie „Fessel“ oder „Hindernis“ bedeutet. Mit Fessel ist hier tatsächlich das gemeint, was einem Gefangenen um die Füße gebunden wird.

Schon in jungen Jahren wird den tibetischen Buddhisten beigebracht, dass Liebe oder Zuneigung gegenüber Familienmitgliedern zu zeigen, ein Hindernis für die Erleuchtung darstelle. Um zur Erleuchtung zu gelangen, was für jeden Tibeter das größte Ziel ist, muss man jedes Gefühl der Liebe und Zuneigung gegenüber nahestehenden Menschen ablegen.

Als Prinz Siddhartha das Schloss verließ, tat er das in der Dunkelheit der Nacht, weil er befürchtete, seine Frau könnte weinen und ihn anflehen zu bleiben. Er war gefühllos und brach jede Verbindung zu seiner Familie ab. Obwohl er der einzige Sohn seiner Eltern war und selbst eine Frau und ein Kind hatte, übernahm er keine Verantwortung für seine Familie, sondern suchte nur das, was für ihn selbst gut war.

Als Rahula älter wurde, weinte er nachts oft nach seinem Vater. Darum wurde überall im Königreich die Nachricht verbreitet, der Sohn wolle seinen Vater sehen. Als Rahula sechs oder sieben Jahre alt war, kehrte der Buddha zurück, aber er blieb nicht. Rahula war begeistert, dass er endlich seinen Vater sehen durfte. Er war darüber so glücklich, dass er gesagt haben soll: „[Vater], selbst dein Schatten ist für mich etwas Angenehmes.“2

Doch Siddhartha ließ sich von der Liebe seines Sohnes nicht beeindrucken und behandelte seine Frau und sein Kind extrem kühl. Er war heilig und sie waren es nicht. Er war der Buddha, und wenn er ihnen gegenüber ein Gefühl gezeigt hätte, hätte das seine Erleuchtung beeinträchtigt.

Für meinen Vater wäre es also ein Widerspruch zum tibetischen Buddhismus gewesen, wenn er meiner Mutter oder uns Kindern Liebe und Zuneigung gezeigt hätte. Eine selbstlose Liebe zu anderen Menschen gibt es in dieser Religion nicht.

Der Buddhismus lehrt, dass wir uns selbst opfern und von unserem Ego befreien sollen; doch bevor wir unsere inneren Bindungen loswerden und uns selbst aufgeben können, müssen wir erst unsere äußeren Bindungen loswerden und andere Menschen aufgeben.

Vielleicht war die Gewalttätigkeit unseres Vaters ja ein seltsamer, unerkennbarer Akt der Liebe. Indem er uns schlug und keine Emotionen uns gegenüber zeigte, half er uns dabei, uns in unserem Streben nach Erleuchtung von ihm loszulösen. Aber vielleicht versuche ich dadurch auch nur, in meinem übermächtigen und gewalttätigen Vater wenigstens einen Funken Liebe zu erkennen.

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Das Allsehende Auge

Es waren nicht nur die Bilder in unserem Haus, die mich anscheinend rund um die Uhr beobachteten. Auch die Augen des Buddha ruhten stets auf mir.

Im heutigen China gibt es überall Überwachungskameras – die Regierung beobachtet ihre Bürger unaufhörlich. Derzeit existieren 176 Millionen Kameras und weitere 500 Millionen sollen bis zum Jahr 2020 installiert werden. Das ist eine Kamera für fast jeden zweiten Bürger.3

Diese Geräte verleihen der chinesischen Regierung sozusagen ein Allsehendes Auge und ermöglichen es ihr, Fragen zu beantworten wie: „Wohin gehen die Leute?“, „Mit wem reden sie?“, „Was machen sie?“ und „Wo arbeiten sie?“. Wenn man weiß, dass die Regierung einen auf Schritt und Tritt beobachtet, dann tut man wahrscheinlich nichts Unrechtes.

In Tibet haben wir ein uraltes System, das große Ähnlichkeiten mit den modernen Überwachungskameras aufweist. Es wird das „Dritte Auge des Buddha“ genannt. Es ist ein Allsehendes Auge, das alles und jeden beobachtet. Wenn ich als Kind draußen spielte, war ich mir dieses Auges durchaus bewusst. Mir war klar: Wenn ich etwas Falsches tat – dem Dorflama nicht gehorchte oder nicht genug betete –, dann würde das Allsehende Auge dies mitbekommen und ich würde schlechtes karma auf mich laden.

Karma ist im tibetischen Buddhismus etwas ganz Zentrales. Diese Kraft umfasst alle Gedanken, Worte und Taten, die man hervorbringt. Das Karma selbst ist weder positiv noch negativ; es existiert einfach und das Allsehende Auge beobachtet alles und lässt die Menschen die Folgen ihres guten oder schlechten Handelns erfahren, und zwar bei ihrer nächsten Reinkarnation.

Es gibt schlechtes Karma – Dinge, die Leid oder die Reinkarnation in einem geringeren Status bewirken –, aber es gibt kein „böses Karma“. Im tibetischen Buddhismus existiert kein „Gut und Böse“ wie im christlichen Glauben. Es gibt nur positives und negatives Karma, also Dinge, die im nächsten Leben Leid oder Gutes bewirken. Etwas Böses im Sinne einer Sünde gibt es nicht.

Karma ist so etwas wie ein Punktesystem, eine Art „Bankkonto“. Darauf ist entweder ein Guthaben oder Schulden. Wenn mein Karma positiv ist, dann erfahre ich in meinem nächsten Leben Gutes und muss weniger leiden. Wenn es negativ ist, werde ich im nächsten Leben die entsprechenden Konsequenzen tragen müssen.

Durch das Karma haben wir alle weder Anfang noch Ende. Wir sind ausnahmslos Teil einer zyklischen Existenz, die immer wieder von vorne anfängt, es sei denn, wir werden erleuchtet.

Als ich noch ein Kind war, sammelten wir auf den Feldern das Stroh ein und breiteten es zum Trocknen auf dem Boden aus. Mein Vater malte mit weißer Farbe einen großen Kreis auf die Erde und das Stroh wurde dort hineingelegt. Eines Tages fragte ich ihn, was dieser Kreis bedeute, und er erklärte mir, das sei der Kreis des Lebens. Alle Dinge ernähren sich voneinander. Die Tiere ernähren sich vom Stroh und wir essen die Tiere. Wenn wir sterben, kehrt unser Körper zur Erde zurück, und aus dieser Erde wächst dann wieder das Stroh. Auf diese Weise ist unser Körper unendlich. Er wird niemals zerstört, sondern verändert nur seine Form.

Auch unsere Taten haben ewig Bestand. Was wir heute tun, bestimmt, was morgen geschieht – wobei das Morgen nicht auf unsere Lebenszeit beschränkt ist. Unsere Lebenszeit besteht aus unendlich vielen Lebenszeiten und jedes zukünftige Leben kann durch das bestimmt werden, was wir heute tun oder lassen.

Die Lehre vom Karma wurde mir als Kind beigebracht, um mich von den Dingen abzuhalten, die meine Mutter nicht wollte. Meine Mutter ermahnte mich, keine schlechten Gedanken zu haben, meine Gebete nicht zu vernachlässigen und auch nicht meine übrigen Pflichten als Buddhist. Denn der Buddha wisse alles. Seinem Allsehenden Auge entging nichts. Ich konnte mich nicht davor verstecken. Im tibetischen Buddhismus leben die Menschen in ständiger Angst, was ihre eigenen Taten betrifft, denn sie wissen, dass das Allsehende Auge niemals schläft. Es ist immer wach, es beobachtet uns und kennt selbst unsere tiefsten, dunkelsten Gedanken.

Die tibetischen Augen des Gerichts sind überall. Fast alle großen Tore, Mauern, Türme und Buddha-Statuen sind mit Augen verziert, die einen beim ersten Anblick schon beunruhigen. Buddha-Schreine, sogenannte stupas, sind oft hoch aufragende Bauwerke, in denen Reliquien oder die sterblichen Überreste eines buddhistischen Mönchs oder einer Nonne aufbewahrt werden. Sie dienen als Gebets- und Meditationsorte. Alle vier Seiten ihrer großen Türme sind mit riesigen Augen bemalt. Diese sollen auf die ständige Beobachtung hinweisen und die Menschen daran erinnern, dass sie es nicht vermeiden können, gesehen zu werden.

Die Stupa in unserem Dorf ist aus grauem Beton. Vier quaderförmige Fundamente sind übereinander aufgeschichtet so wie bei einer Hochzeitstorte. Ganz oben befindet sich eine runde Bronzestatue. Die gesamte Form der Stupa soll den Buddha darstellen, wie er mit einer Krone auf dem Kopf und in Meditationshaltung auf dem Thron sitzt. Seine Krone ist die Turmspitze, sein Kopf bildet das Fundament für den Turm und seine Augen blicken auf die Menschen und beobachten alles, was sie tun.

Die tibetische Kultur ist von einem Gefühl des Gefangenseins durchdrungen; die Menschen haben den Eindruck, dass sie der ständigen Beobachtung durch das Allsehende Auge nicht entrinnen können. Immer wenn ich draußen spielte, überkam mich hin und wieder dieses mulmige Gefühl – allerdings nur für kurze Zeit. Im Hinterkopf hatte ich stets den Gedanken, dass alles beobachtet wurde, was ich tat und dachte. Dieses Wissen wirkte sich auf mein Verhalten aus und so entfernte ich mich innerlich nie allzu weit vom Buddhismus.