August Haussleiter - Klaus-Dieter Grün - E-Book

August Haussleiter E-Book

Klaus-Dieter Grün

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Beschreibung

August Haussleiter (1905-1989), ein erfolgreicher CSU-Politiker der Nachkriegszeit, schließt sich 1950 aus Protest gegen die Politik Konrad Adenauers einer neugegründeten Flüchtlingspartei an und zieht für diese auch in den bayrischen Landtag. Und obgleich diese Partei dann 1954 an der 5%-Klausel scheitert, führt er diese unverdrossen weiter ,um durch eine pazifistische Neutralitätspolitik beide Teile Deutschlands wieder zu vereinigen. Bei Wahlen absolut unerfolgreich, gelingt es ihm dennoch eine kleine Mitgliederbasis zu erhalten , mit der er sich schließlich einer weiterer Parteigründung im Jahre 1965 anschließt. Diese zunächst ebenfalls resonanzlose Gründung verändert sich durch die Annäherung an die APO rasant, sieht sich als radikaldemokratische, sozialistische Speerspitze und integriert den Umweltschutz in ihr Programm. Bei der Gründung der "Grünen" 1980 wird Haussleiter dann auch gleich einer ihrer Sprecher, und das Programm der "Grünen" entspricht in wesentlichen Teilen Haussleiters Partei. 1986 zieht Haussleiter für die "Grünen" in den bayrischen Landtag ein.

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Kapitel : Das Geheimnis

Kapitel : Die Deutsche Gemeinschaft – neuer Versuch

Kapitel : Die Parallelwelt

Kapitel : Größenwahn und Parteitage der Sachlichkeit

Kapitel :Wenn schon, denn schon

Kapitel : Die Programmpartei

Kapitel : Der Meister

Kapitel : Schlussakkorde

Nachwort

1. Kapitel : Das Geheimnis

Oben auf der Kanzel steht ein mittelgroßer Mann, der Pastor. Die recht vollständig versammelte Gemeinde ist ruhig geworden. Noch hört man da und dort ein Räuspern. Durch die Kirchenfenster scheint eine helle Frühlingssonne. Ab und an taucht sie den Kopf des Pastors in ein gebrochenes Licht. Er beginnt zu predigen.

Fast ganz vorne sitzt ein neunjähriger Junge neben seiner Mutter. Er trägt einen Matrosenanzug. Und auch die Mutter hat ihren Sonntagsstaat angelegt. Gespannt blicken beide auf den Vater, den Ehemann, den Pastor.

Seine wohltönende Stimme, mit leicht fränkischem Einschlag, wird leise, wenn die Gemeinde sich innerlich sammeln soll, nimmt an Lautstärke zu, wenn es gilt die Gebote Gottes zu verkünden. Und dann - wieder umströmt das Licht der Frühlingssonne den Kopf des Pastors - verkündet er die Nummer des nächsten Liedes, das gesungen werden soll.

Und wie immer blickt der kleine August voller Stolz und Bewunderung hinauf zu seinem Pastorenvater, in diesem Frühjahr

1914…

Auch der Vater von Friedrich Nietzsche war Pastor, ebenso der Vater von Gudrun Ensslin. Wodurch aber zeichnet sich ein Pastor aus? Er ist in seiner Gemeinde angesehen, hat ein dauerndes Ein-und Auskommen. Das, was er, der Pastor, sagt, wird unterstrichen durch die Autorität seines Amtes, ja für die Gläubigen, sogar durch die Autorität Gottes.

Offensichtlich warst Du von Deinem Pastorenvater beeindruckt, denn Du studiertest protestantische Theologie und Philosophie und verdientest Deinen Lebensunterhalt als Werkstudent. Als Student gehörtest Du einer Burschenschaft an, auf den Bildern

von Dir sieht man noch im hohen Alter den Schmiss. Doch Du wirst nicht Pfarrer, sondern Journalist.

Politisch schloss sich August H., dessen beide Eltern früh starben, der Deutschen Volkspartei (DVP), einer nationalliberalen Partei, an - eine von wenigen, die dann unter Gustav Stresemann die Weimarer Republik mittrug, und die gleichzeitig den Kaiser wieder herbeiwünschte.

Unser „Held“ soll dann in der Endphase der Weimarer Republik dem „Tat-Kreis“ nahegestan den haben – damit ist sowohl die Leserschaft als auch die Zeitschrift „Die Tat“ selbst gemeint, die Thesen vertrat, die man der „Konservativen Revolution“ zurechnet. Aber was ist das - „Konservative Revolution“? Am einfachsten ausgedrückt, ist es die Verbindung von vollkommenen Gegensätzen zu einer politischen Weltanschauung : die moderne Zeit der industriegeprägten Massendemokratie, die, so fühlt es der konservative Revolutionär ( und nicht nur der ), alle traditionellen Werte vernichtet, wird als fremd gedeutet, und in ihrer Massenkultur sieht er geradezu eine Beleidigung für den „Gebildeten“. Die Arbeiterorganisationen, mit ihrem fehlenden Nationalgefühl, streben ein unbekanntes Morgen an – sicherlich ohne wirkliche Moral, ohne Bewahrung des Bewährten, ohne Rückkehr zur „eigentlichen Ordnung“. Und so wie die Arbeiterorganisationen die Gesellschaft auflösen, ja vernichten werden – man sieht es ja an Stalins UdSSR -, so vernichtet der Industriekapitalismus nicht nur die Landwirtschaft, den Familienbetrieb, den Mittelstand und schließlich mit seinem Kohlenruß der Dampfmaschinen die gesamte Natur, sondern auch die Gesellschaft selbst.

Der konservative Revolutionär hat er erkannt: Kapitalismus nennt sich die moderne Sklaverei von Mensch und Natur!

Und daraus folgt: er, der konservative Revolutionär kann, ja darf den Massen nicht mehr ausweichen- wie er es bislang als Konservativer getan hat -, er muss die Furcht, ja die Verachtung, die er für sie hegt, ablegen, denn, und das ist das eigentlich revolutionäre – jedenfalls für einen Teil dieser politischen Richtung -, er muss versuchen, sie für seine Sache, die ja von ihm aus betrachtet auch ihre Sache ist, zu gewinnen. Überwindung des Industriekapitalismus mit und durch die Massen und Schaffung einer Nation, einer Welt der Nationen, voll der griechischen Bildung, der wirklichen Werte, der Moral, dem Stolz auf das eigene Volk, auf dessen Vergangenheit und eine Natur bewahrend, die den Menschen erst zum Menschen werden lässt, weil sie endlich wieder seiner eigentlichen Natur entspricht. Da regt sich eine Religiosität ohne eigentliche Religion, wobei das Christentum doch noch durchschimmert. Eine ganze Reihe von konservativen Revolutionären blicken in den 1920iger Jahren wie gebannt auf den italienischen Faschismus: die „Bändigung“ der Massen scheint durch einen nationalen Führer zu gelingen, dessen politische Bewegung sich auf eben diese Massen stützt.

Konservative Revolutionäre sind also nicht nur die Gebildeten, sondern auch die Mittelschicht, die Bauern und eben auch die Arbeiter, wenn sie dazu bekehrt werden können und davon, dass dies gelingt, ist man überzeugt! Hand in Hand sollen sie gemeinsam für eine endgültig neue und wirkliche konservative Welt kämpfen, in der sich, ich darf dies an dieser Stelle einflechten, hoffentlich alle wohlfühlen werden - für den Ideologen ist dies keine Frage! Der Industriekapitalismus entfremdet also - der konservative Revolutionär hat keinerlei Angst vor Marx – den Menschen von der Natur, aber auch von der Nation. Und sobald diese Entfremdung beendet worden ist, nämlich dann und nur dann, wenn die Mittelschicht, die Bauern sowie die Arbeiter zusammen und gemeinsam als konservative Revolutionäre den Industriekapitalismus überwinden, beginnt die neue Zeit, ohne Liberalismus, ohne Parlamentarismus: ein preußischer, wirtschaftlich autarker Sozialismus, zumindest in Deutschland, in der jeder seinen Platz hat und alle zusammen die Ziele bestimmen - eine echte Volksdemokratie, eine echte Volksgemeinschaft – doch darunter kann man im Detail dann allerlei verstehen, auch z.B. einen neuen Caesar an der Spitze der Nation.

Diese Überlegungen gab es in allen Schattierungen, von Ernst Niekisch, dem Nationalbolschewisten, über Ernst Jünger, der die „Stahlgewitter“, das Morden des modernen Krieges, romantisierend beschrieb, bis hin zu Oswald Spengler, der den „Untergang des Abendlandes“ heraufdämmern sah. Ob man nun wirklich diese zum Teil sich vollkommen ideologisch voneinander unterscheidenden und auch sich wiedersprechenden Denkansätze mittels der Kategorie „Konservative Revolution“ einordnen kann – was mittlerweile von Politologen bezweifelt wird -, lassen wir einmal dahingestellt sein. „Konservative Revolution“, das klingt einfach interessant, paradox.

Wenn es also stimmt, dass August dem „Tat-Kreis“ nahestand, dann ist es nicht uninteressant, dass es der Chefredakteur der „Tat“, Hans Zehrer, gewesen ist, der (vergebens) versuchte, zusammen mit dem General von Schleicher, dem letzten von Hindenburg ernannten Kanzler vor Hitler, die NSDAP zu spalten und der dann die Hitler-Papen-Hugenberg-Absprache - Hitler an die Macht zu bringen - vorzeitig publik machte, sowie von Papen aufforderte, um Hitler zu verhindern, zusammen mit der Reichswehr eine autoritäre Regierung zu bilden.

Du trittst nicht der NSDAP bei, auch nicht als Journalist beim „Fränkischen Kurier“, dem eher bürgerlichem Konkurrenzblatt der nationalsozialistischen Nürnberger Tageszeitung. Schon vor 1933 ist die Zeitung republikfeindlich und zuweilen antisemitisch. Aber es handelt sich eben nicht um eine Zeitung der Nationalsozialisten.

Und wenn es nicht die markante Barbarei, die Gesetzlosigkeit kurze Zeit nach der Machtübergabe gewesen sein sollte, nicht der staatliche Massenmord am 30.Juni 1934, den sogar der greise Reichspräsident von Hindenburg begrüßte – für all dies gab es Beschönigungen -, so wirst Du, der gebildete konservative Revolutionär mit christlichen Wurzeln, den eigentlichen Charakter des neuen Systems sofort erkannt haben, als der Reichspropagandaminister Goebbels öffentlich Bücher verbrennen ließ.

Da steht dieser eher kleine Mann mit dem etwas zu groß geratenen Kopf, überdies behindert durch einen Klumpfuß und wirft Bücher ins knisternde Feuer. Welcher Hass auf die Welt muss in ihm stecken, dass er, immerhin universitätsgebildet und einen Doktorgrad besitzend, sich zu so einem Schauspiel hingibt? Und irgendwo in der Menge steht ein Erich Kästner und beobachtet, wie seine eigenen Bücher auflodern.

Ein psychisch zerrissener Mensch, dieser Goebbels, selbst für seine Ehefrau nur die zweite Wahl darstellend – ihre eigentliche Liebe ist Adolf. Und dieser Goebbels, als heimlicher Romantiker, ist bereit, sich für eine Liaison mit einer Schauspielerin scheiden zu lassen und wenn es sein soll, sein Ministeramt aufzugeben. „ Kommt nicht in Frage!“ befiehlt sein Herr und Gebieter - und… er gehorcht.

Für Dich als konservativen Revolutionär kann es angesichts einer solchen gespenstischen Szene, der Verbrennung literarischer Hexen, keinen Zweifel mehr gegeben haben: die Nationalsozialisten sind ein kulturloser Haufen, ein Nichts. Und ihr Antisemitismus? Den erlebst Du in Nürnberg, im Gau des Stürmer-Herausgebers Streichers hautnah als dass, was er ist: ein bis zum Sexualneid gehender psychopathischer Verfolgungswahn von Totschlägern.

Sogar die Nationalsozialisten halten Streicher für einen Pornographen, der Frauen belästigt und trauen ihm sogar zu, weibliche Gefangene vergewaltigt zu haben. Und selbst für die Nationalsozialisten gehen seine Exzesse, seine Korruptheit, schließlich zu weit, so dass er zwar seinen Titel als Gauleiter offiziell behält, aber im Grunde unter Hausarrest gestellt wird. Weitergehenden Maßnahmen unterbleiben nur deshalb, weil Adolf seine schützende Hand über ihn, den alten treuen Mitkämpfer, hält, einen der wenigen, mit dem er sich duzt. Denn für Hitler ist Streicher ein Bruder im Geiste, der in seiner Zeitschrift „Der Stürmer“ die „Wahrheit“ veröffentlicht, eine Wahrheit, die auch er kundtut, z.B. in seinem Buch „Mein Kampf“ : „Der schwarzhaarige Judenjunge lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blute schändet und damit seinem, des Mädchens Volke raubt“. Und wenn wir schon beim Sexualneid sind, darf bei Adolf auch folgende Assoziation nicht fehlen:“ So wie er (gem. ist: der Jude) selbst planmäßig die Frauen und Mädchen verdirbt, so schreckt er auch nicht davor zurück, selbst im größeren Umfang die Blutschranken für andere einzureißen. Juden waren es und sind es, die den Neger an den Rhein bringen…“

Die Nationalsozialisten in den Augen eines Konservativen Revolutionärs: psychisch zutiefst Gestörte, sofortiger Behandlung bedürftig!

Du bist kein Widerstandskämpfer, dass wirst Du nie behaupten. Du bist ein kleiner, junger Journalist, zuständig für „Vermischtes“.

In der Endphase der Weimarer Republik beklagst Du „ die dunkle Rumpelkammer der Demokratie“, oder Du verdammst die literarische „Zersetzung“ und sprichst Dich aus für eine „fruchtbare erdgebundene Dichtung“ –, all das von Dir schon vor 1933 geschrieben, wenn man dem Spiegel-Artikel (Nr.27/1980; „Warm und herzlich“), dem ich das entnehme, glauben darf. Also: konservatives Revolutionsgedankengut für eine bürgerliche Zeitung, in verdünnter Form. Gleichfalls vor 1933 begrüßt Du „ die klare und autoritäre Führung des Staates“ – der Spiegel bleibt dann aber die Antwort auf die Frage schuldig, wen Du denn damit überhaupt meinst? General Schleicher – den letzten Kanzler vor Hitler, den ja der Tat-Chefredakteur Zehrer, wie oben beschrieben, beraten hat? Nach der Machtübergabe findet der Spiegel unter Deinem Kürzel (A.H) im fränkischen Kurier noch weitere Stellungnahmen, so im Oktober 1933 zum Schriftleitergesetz, das jüdischen Redakteuren Berufsverbot auferlegte: es ergebe sich daraus eine „Ordnung“, die Schluss mache mit der „Unterhöhlung aller lebendigen Volkskräfte“. Aber, das soll nicht vergessen werden: durch eben dieses Schriftleitergesetz ist jeder Schriftleiter quasi ein „Staatsbeamter“, dem bei der Ausübung seiner Tätigkeit Loyalität zum Staat abverlangt wird - bei Androhung von Strafe und Berufsverbot . Deswegen wundert es nicht, dass Du irgendwo die „Überwindung“ des Systems von Weimar, sowie des Versailler Vertrages feierst – etwas anderes durftest Du auch gar nicht schreiben! Bei der Einschätzung eines Nürnberger Parteitages der NSDAP (so ganz genau lässt sich der Zeitpunkt nicht ermitteln, der Spiegel bleibt da sehr im Unklaren), meinst Du zu verspüren, wie „ die Liebe…warm und ehrlich und unmittelbar1 Adolf Hitler entgegenschlug.“

August, Du bist und bleibst auch ein Romantiker, aber eine entgegenschlagende, unmittelbare, ehrliche und warme Liebe? - Woran denkst Du da eigentlich? Grässlich! Setzen! Sechs!

Oder: Ist alles ganz anders gewesen? Denn dem Adjektiv „warm“ fehlt ja eigentlich nur noch das Wort Bruder, also soll das Ganze möglicherweise eine versteckte Anspielung auf die (falschen) Gerüchte über Hitlers angebliche Homosexualität gewesen sein?

Die nationalsozialistische Sprache ist dermaßen voller Pathos, da fallen solche Stilfehler gar nicht weiter auf.

Das ist aber auch alles, was der Spiegel an Zitaten aus Deiner Zeit beim „Fränkischen Kurier“ auffährt, in einem Artikel, der einen ausgesprochen tendenziösen Charakter hat. Denn in dem Jahr, in dem er veröffentlicht wird, soll gewählt werden, und es gibt bei der CDU/CSU einen Spitzenkandidaten, der dem Spiegel 1963 fast den Garaus gemacht hätte. Aber dazu später…

Es ist natürlich Unsinn anzunehmen, selbst wenn Du ein getarnter Widerstandskämpfer gewesen wärst, dass ein von Dir verlangter Bericht über den Nürnberger Parteitag anders als auf den ersten Blick positiv hätte ausfallen könnte, oder dass Du die Möglichkeit besessen hättest, das Schriftleitergesetz kritisieren zu können, selbst wenn dies Deine tiefe, innere, warme Gesinnung gewesen sein sollte. Hey Leute - ab Frühjahr 1933 leben die Deutschen in einer Diktatur, mit Konzentrationslagern und stattlichem Massenmord! Was machen denn z.B. ein Erich Kästner oder ein Hans Fallada, zwei wirkliche Gegner des Nationalsozialismus, die nicht emigrieren und in Deutschland bleiben? Erich Kästner schreibt unter Pseudonym (Gottfried Bürger) Drehbücher, u.a. für den UFA-Jubiläums - und Farbfilm „Münchhausen“, und Hans Fallada veröffentlicht Unterhaltungsliteratur („Bei uns zu Hause“).

Das Leben unter einer Diktatur bedeutet eben auch: leben zu müssen, zurechtzukommen. Bei genauer Betrachtung findet man zweifellos bei Kästners Drehbüchern und Falladas Unterhaltungsliteratur sehr wohl zwischen den Zeilen Spitzen und versteckte Andeutungen, etwas anderes war kaum oder nur unter größter Gefahr machbar.

Aber möglicherweise, auch wenn der Spiegel davon nichts berichtet - sieht man mal von Deinem Streit mit Streicher ab - ich komme gleich darauf-, den der Spiegel auch nur so eben erwähnt, und dies noch höchst polemisch, indem er vom „Kollegen Streicher“ spricht,- bist Du doch nicht bereit, Dich so ganz sang-und klanglos mit allen Erscheinungen des nationalsozialistischen Chaos abzufinden. Ist Dein Vorbild in dieser Zeit der nationalsozialistische Bürgermeister von Nürnberg, der letztendlich sogar mit gewissem Erfolg gegen Streicher opponierte? Die folgenden biographischen Informationen, den Angaben des Archiv-Dienstes der In terpress- Hamburg vom 28.9.1949 folgend, geben diesen Vermutungen Nahrung:

„ Unfreiwilliger Erheber des Verbotes der Kunstkritik durch den damaligen Reichsminister Goebbels, das nach einem von ihm unternommenen Angriff auf einen Günstling Julius Streichers ausgesprochen wurde. Einleitung eines Berufsgerichtsverfahrens gegen ihn .“

Darauf, in meinem Interview mit Dir, angesprochen, beschreibst Du Dein Handeln als „Sticheln“. Du hast also im Rahmen der Diktatur in Deinen Artikeln „ gestichelt“…„Seine christlichen Artikel und Polemiken gegen die politische Geistesrichtung Alfred Rosenbergs…“

Halt, wer kennt heute noch Alfred Rosenberg, einen der wenigen, allerdings sehr verschrobenen, Intellektuellen der NSDAP - aus dem Baltikum stammend. Sein Buch, „Mythus des 20.Jahrhunderts“, sollte die Basis der neuen Ideologie bilden: antisemitisch, antikommunistisch, antichristlich. Statt auf das „jüdische Christentum“ setzte er auf eine nordische Religion des Blutes, was immer das auch sein mag. Rosenberg war im Dritten Reich demzufolge auch für „weltanschauliche Fragen“ zuständig – und insbesondere katholische Priester protestierten, vor und auch zur Zeit der Diktatur, gegen Rosenbergs Christenfeindlichkeit.

( Anmerkung: Völlig überraschend wird Rosenberg, von dem Adolf gar nicht so viel hält (…den Mythus kann man nicht lesen, viel zu kompliziert geschrieben…), dann plötzlich im zweiten Weltkrieg zum Minister für die besetzten Ostgebiete ernannt, eine Aufgabe ohne wirkliche Kompetenzen, aber dafür versehen mit dem Billet für den Nürnberger Prozess und damit für den Galgen. Ende der Anmerkung.)

Die Priester haben im Grunde zunächst auch nur gestichelt, denn Grundlage ihres Mutes war die Annahme, dass der Nationalsozialismus, der ja mit dem Vatikan ein Konkordat geschlossen hatte, letztendlich nicht so christenfeindlich wäre. Ein Irrtum…

An diesem Irrtum hält kurioserweise auch Richard Dawkins in seinem Buch „Gotteswahn“ fest. Wie kann der Nationalsozialismus atheistisch sein, so seine Argumentation, wenn dieser Staat einen Vertrag mit der katholischen Kirche schließt (=Konkordat), nunmehr sogar die Steuern für die Kirchen einzieht und wenn Adolf selbst sein Leben lang Katholik bleibt?

Doch der „brave“ Katholik Adolf, will doch wohl tatsächlich, kurz bevor die Amerikaner Rom einnehmen, den Papst - einen deutschfreundlichen Papst immerhin, der es in der Hand gehabt hätte, die Welt auf den stattfindenden Völkermord aufmerksam zu machen und der dies unterließ - verhaften lassen, um dadurch die Bibliotheken des Vatikans plündern zu können. Sein Propagandaminister mit dem großen Kopf und selbst sein schwer gestörter Außenminister können ihm dies Ansinnen gerade noch ausreden.

Weitsichtiger waren da die „Zeugen Jehovas“ : nachdem ein freundliches Grußtelegramm zur Kanzlerschaft unbeachtet blieb, die Religionsgemeinschaft in Deutschland verboten wurde, sowie praktizierende Zeugen ins KZ wanderten, wurde Adolf für sie zum Antichristen der Apokalypse des Johannes, und sie hatten damit ihrer Meinung nach den leibhaftigen Beweis dafür, dass mit Hitlers Amtsantritt eben diese Apokalypse die nächste, akute Phase erreicht habe, und so ganz falsch, so ganz daneben, lagen sie ja damit nun wirklich nicht…

Die Artikel gegen Rosenberg also „…führten während des zweiten Weltkrieges zur Einberufung zum Wehrdienst…“

Diese Aussage bestätigt der Beschluss der Spruchkammer Kulmbach, die auf Deinen kritisch-christlichen Karfreitagsartikel von 1940 hinweist. Das Ergebnis: einen solchen Journalisten wie Dich, benötigte man nicht, so einer konnte, wenn auch mit 35 Jahren, obgleich verheiratet und Vater von vier (fünf?) Kindern, Soldat werden. Und jetzt August, kommt die Interpress- Biographie zu Deinem Buch, das Dir noch viel Ärger einbringen wird:

„…an der Ostfront als Major schwer verwundet .Seine Kriegserlebnisse legte er 1942 in einem Buch (`An der mittleren Ostfront`) nieder, das vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda wegen `geschickt getarnter Zersetzung der Wehrkraft` scharf verurteilt wurde, daraufhin strafversetzt…“ (Interpress-Hamburg vom 28.9.1949)

Du hast Dich niemals als Widerstandskämpfer ausgegeben, obwohl Du es, wenn die Angaben der Interpress von 1949 auch nur einigermaßen zutreffen sollten und diese Angabe wird indirekt im Beschluss der Spruchkammer in Kulmbach bestätigt, hättest tun können. Aber, und das ehrt Dich, Du hast es eben nicht getan – weil es wahrscheinlich auch „übertrieben“ gewesen wäre. Denn im Grunde „stichelst“ Du „nur“ (und dieses „nur“ gehört natürlich in Anführungszeichen): gegen Streicher und seine Günstlinge, die wohl der Meinung waren, endgültige Kunstkritik üben zu können oder gegen Rosenbergs Aversion gegen das Christentum.

Ich stelle mir Dich als selbstbewussten, intelligenten jungen Mann vor, der zwar die Nationalsozialisten und somit auch Adolf, ganz im Sinne eines konservativen Revolutionärs, als ungebildet, grobschlächtig und pöbelhaft empfindet, der aber gleichzeitig von ihren außenpolitischen/innenpolitischen Erfolgen beeindruckt ist. Du tust also das Deine, quasi zwischen den Zeilen, um die Sache auf den richtigen Weg zu bringen, wahrscheinlich sogar mit Blick auf die Zeit danach, auf die eigentliche „Revolution“. Denn privat, so wiederum die Spruchkammer in Kulmbach, kritisierst Du die Nationalsozialisten, warst möglicherweise sogar Verbindungsmann der bekennenden Kirche (lt. Interpress). Nennen wir Deine Haltung einfach „kritisch distanziert-interessiert“.

Also: jetzt schiebt man Dich ab in den Militärdienst, aber das Militär wähnt sich noch weitgehend frei von nationalsozialistischer Ideologie und viele dort, selbst führende Generäle, zumeist stockkonservativ, stehen dem System skeptisch und in Hinsicht auf die Gefahren, die es mit seiner aggressiven Politik nunmehr heraufbeschwört, sogar ablehnend gegenüber. (Der große Siegestaumel, der den meisten zeitweise den Verstand rauben wird, verfliegt dann auch wieder rasch bei vielen, während andere sich von Adolf mit Geschenken bestechen lassen.) Du bist also im gewissen Sinne unter Gesinnungsgenossen, der etwas konservativeren Art und deswegen … alsbald Major. Und wenn dann Dein Vorgesetzter kommt und etwa sinngemäß sagt: „ Haussleiter, Sie als Journalist, hat der General für die Abfassung des Kriegstagebuches unserer Division vorgesehen.“ - dann schlägst Du die Hacken zusammen – ohne Deutschen Gruß, den besitzt die Wehrmacht noch nicht – nickst begleitet von einem knappen „ Jawohl!“ …und machst Dich an die Arbeit.

Und danach gehst Du zum General:

„ Mein General, wie hat Ihnen das Kriegstagebuch gefallen?“

Der General, seine Tasse Kaffee abstellend, : „ Großartig, Haussleiter, die Stelle, wo wir die Dörfer von den Bolschewisten freigefegt haben…eindrucksvoll.“

Und nun wieder Du:“Hätten Herr General Einwände, wenn ich daraus ein Buch machen würde, damit die Heimatfront weiß, was hier im Osten abläuft.“

General:“ Sensationelle Idee, Haussleiter, ich schreibe Ihnen auch das Vorwort! Und schreiben Sie was Positives über den Führer, seine Strategie bislang … einfach knorke, das muss man ihm lassen!“

Es kann natürlich auch umgekehrt gewesen sein, und der General hat Dich aufgesucht, und gebeten, das schöne Kriegstagebuch zu veröffentlichen - wer weiß?

Jetzt wird aus dem Kriegstagebuch ein für die breite Öffentlichkeit gedachter, anschaulicher Bericht. Der Literat in Dir hat sich ins Zeug gelegt und zwar mit Erfolg: es soll sich mehr als 100 000 fach verkauft haben, bis plötzlich dem Propagandaministerium auffällt, gerade als Du eine Fortsetzung schreiben willst, dass es „geschickt getarnte Zersetzung der Wehrkraft“ wäre. War es an einigen Stellen zu drastisch, zu nachdenklich, zu - im weitesten Sinne - christlich? Hast Du wieder gestichelt? Und da Du schon zweimal aufgefallen bist, sieht man bei Dir möglicherweise jetzt erst recht ganz genau hin! Du wurdest also auf Grund Deines Kriegstagebuches sogar strafversetzt, so die Spruchkammer Kulmbach, aber trotzdem geht dann alsbald Deine militärische Karriere weiter, denn Im Jahre 1944, das entnehme ich der Wahlsonderausgabe Deiner Parteizeitung „ Deutsche Gemeinschaft“ aus dem Jahre 1962, bist Du schon Leutnant, die Strafversetzung hat also Deinem Aufstieg nicht geschadet, und dieser Wahlsonderausgabe entnehme ich weiterhin, dass es Dir gelungen ist, die Landung der Alliierten in der Normandie durch eine strategische Analyse vorherzusagen, nur hat keiner im Führerhauptquartier Deine Analyse je gesehen, denn sie verschwand in irgendeinem Aktenschrank…( Im Interview wirst Du diese Aussagen gleichfalls etwas relativieren).

Bei einer solchen Führung kann es niemanden verwundern, dass der Krieg verlorenging - trotz Deiner „genialen“ Analyse.

Nach kurzer Gefangenschaft bei den Amerikanern, wirst Du zunächst einmal Hilfslehrer und gründest dann in Kulmbach eine Arbeiter-Bauern und Bürgerliste, die sich alsbald der im Oktober 1945 gegründeten CSU anschließt.

Es scheint, als hättest Du die ganze Zeit darauf gewartet, politisch tätig zu werden. Nicht unter den Nationalsozialisten, Gott bewahre, aber nach deren Ende gibt es kein Halten mehr für Dich! Schon bist Du in der CSU und wenig später, nämlich 1946, ziehst Du als CSU-Abgeordneter in den neugewählten bayrischen Landtag. Deine politischen Fähigkeiten, wahrscheinlich auch Deine Künste als Redner, die Du jetzt entfaltest, fallen auf und werden honoriert. Man ordnet Dich dem linken Flügel der CSU zu, Du bist nach eigenen Angaben maßgeblich am Ausarbeiten des Programms beteiligt, eines Programms, welches man in wesentlichen Teilen, quasi immer mal etwas abgewandelt, bei jeder Deiner Parteien wiederfinden wird.

Als Landtagsabgeordneter gehörst Du automatisch der verfassungsgebenden Versammlung in Bayern an. Und das darf gesagt werden: Bayern gibt sich eine viel demokratischere Verfassung als manches andere Bundesland.

Und schon beginnt der Schlamassel: irgendwer, wer genau lässt sich nicht mehr sagen, gräbt Dein Kriegstagebuch wieder aus, und jetzt wenige Jahre nach dem Krieg, wirft man Dir „Militarismus“ vor.

Der Landtag stimmt ab und entzieht Dir Dein Mandat. Und was nun geschieht, hätte jener Volker Happe, seinerzeit Redakteur des Monitor-Magazins der ARD, und wohl der FDP nahe stehend, etwas mehr als dreißig Jahre später, nicht verschweigen dürfen: Du stellst Dich einem Spruchkammerverfahren(=Entnazifizierungsverfahren) und begibst Dich danach zu den Besatzern, also den Amerikanern, die Dir für Deine Zeit während des 3. Reiches eine unbedenkliche Haltung bescheinigen.

Mit diesem Freibrief klagst Du nicht nur Dein Landtagsmandat beim bayrischen Verfassungsgerichtshof wieder ein, nein, Du wirst sogar knapp vier Wochen später einer der stellvertretenden Vorsitzenden der CSU. Dein Name ist jetzt bekannt, nicht nur in Bayern, wo Du wenig später in den Rundfunkrat berufen wirst, nein, für politisch Interessierte in ganz Westdeutschland. Einen Sitz im parlamentarischen Rat, lehnst Du ab: Bayern stimmt dem neuen Grundgesetz nicht zu, denn noch will man einer deutschen Teilung in zwei Staaten nicht vorschnell den Weg ebnen.

Du bist also ein aufstrebender Politiker, dem man noch einiges zutraut…

An dieser Stelle versuche ich einige Schlüsse zu ziehen, denn was alsbald folgt, scheint ansonsten mehr oder weniger unerklärlich: die Sache mit dem Militarismus - Vorwurf bedeutete eine erhebliche Delle in Deiner Karriere, denn von heute auf morgen stehst Du plötzlich im Abseits. Doch Du bist kämpferisch und gehst dagegen an, mit Erfolg. Ein solcher Tiefschlag kann Dein Selbstbewusstsein nicht erschüttern, im Gegenteil, nach dem Zusammenfallen der Vorwürfe, steigst Du weiter auf. Dein Selbstbewusstsein wurde also nicht nur nicht erschüttert, sondern es dürfte sogar noch gewachsen sein, gewaltig gewachsen. „Ich kann das“, wirst Du Dir gesagt haben, „das und noch viel mehr!“

Rückschläge, so möglicherweise Dein Resümee, besitzen, wenn man richtig damit umgeht, einen Trampolineffekt. Und Bayern? Ist Bayern für einen begabten Politiker wie Dich nicht sowieso zu klein, gilt es nicht alsbald eine bundespolitische Rolle zu spielen, denn irgendwann wird es mit Allmacht der Besatzer in Hinsicht auf die Zulassung von Parteigründungen ( „Lizenzparteien“ ), also Parteien, die ein Zulassungsverfahren durch die Besatzungsmächte durchlaufen müssen, vorbei sein, und dann werden sich wieder die „richtigen“ politischen Vertretungen bilden, deren oberstes Ziel es sein muss, die Teilung des Landes, die Zerrissenheit der Bevölkerung und die soziale Not zu überwinden.

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Es gibt noch eine andere Form von Not in Deutschland. Ebenso wie die Westalliierten hat auch die UDSSR kein richtiges Konzept für ihre Besatzungszone. Während sich einerseits SPD und KPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zusammenschließen und somit die Ulbricht- Fraktion, während des zweiten Weltkrieges in Moskau auf diese Aufgabe vorbereitet, nach und nach die Führung der Besatzungszone übernimmt, untergräbt die UDSSR gleichzeitig durch z.T. rigoroses Vorgehen gegen politisch Andersdenkende das sowieso nur geringe Vertrauen der Bevölkerung in diese Besatzungsmacht und ihre Stellvertreter. Reparationsleistungen in großem Stil stören zudem die schon daniederliegende Wirtschaft.

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1948 verlassen meine – in Hinsicht auf dieses Jahr gesehen- zukünftigen Großeltern ihre Heimatstadt Erfurt in Thüringen und gehen in den Westen. Dort erweitern sie das Heer von Abermillionen Flüchtlingen, die ohne jeden nennenswerten Besitz und dem Missmut der Einheimischen ausgesetzt, denen es ja auch nicht gut geht, nur in Notquartieren unterkommen können.

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Eine dieser Vertretungen, die auch die Not der Flüchtlinge überwinden will, aber noch nicht Partei sein möchte, weil sie es nach den Vorstellungen der Besatzungsmächten, nicht sein darf, nennt sich „Deutsche Union“, die überparteilich, d.h. mit Mitgliedern aus anderen Parteien, versucht Wege zur inneren Einheit zu finden … und schon bist Du dabei. Bei der „Deutschen Union“ sitzen beispielsweise an einem Tisch: ein entfernter Verwandter des Hitler-Attentäters Stauffenberg und jener Major Remer, der als Führer eines Bataillons am 20. Juli 1944 befehlsgemäß Goebbels verhaften soll, dies auch fast tut, sich dann allerdings von Goebbels mit Hitler, seinem obersten Vorgesetzten in der militärischen Hierarchie, telefonisch verbinden lässt und nun dessen Befehl folgend, den zusammenbrechenden Aufstand niederschlagen hilft.

Eine andere Runde von Neupolitikern bildet den Nauheimer Kreis um Professor Noack. Noack strebt ein wiedervereintes, neutrales und militärloses Deutschland an, welches einerseits auf die Gebiete östlich der Oder und der Neiße verzichten, als auch die UDSSR wirtschaftlich stützen soll.

Das ist ganz in Deinem Sinne!

Denn darum geht es: um die alsbaldige Wiedervereinigung Deutschlands, und die erscheint durch die Einbeziehung der beiden deutschen Teile in die geostrategischen Planungen der beiden Supermächte, USA und UDSSR, höchst gefährdet. Professor Noack, der sich für sein Engagement für den Neutralismus in den Folgejahren viele Probleme einhandeln wird - ausgestattet mit einer recht komplexen Persönlichkeit voller Widersprüche, z.B. teilt er hart aus, aber kann weit weniger gut einstecken -, hat sehr deutlich erkannt, dass es vor allem darauf ankommt, der UDSSR die Wiedervereinigung schmackhaft zu machen. Wenn dieser gordische Knoten erst einmal durchschlagen ist, dann kann - so hofft man - der Westen gegen den Willen des deutschen Volkes protestieren, wie und wodurch er will, der Wiedervereinigungsprozess wird unaufhaltbar sein. Und besteht nicht in der zukünftigen Neutralität eines geeinten Deutschlands, welches überdies auf eigenes Militär verzichtet, die beste Rückversicherung für die UDSSR. Soweit die Theorie…

Währenddessen steckt die CSU 1948/49 in einer tiefen politischen und finanziellen Krise. Der honorige CSU –Gründer Joseph Müller, genannt der Ochsensepp, scheint mit dieser Krise überfordert zu sein, ja, verschärft sie noch, in dem er eine Parteizeitung (“Der gerade Weg“ ) ins Leben ruft. Der Ochsensepp und Du - eigentlich sind ihr gute Freunde - geraten in Streit.

Was machen, wenn Gehälter nicht mehr gezahlt werden können, wenn selbst Telefonrechnungen liegen bleiben? Franz Josef Strauß, dessen politisches Talent allen bekannt ist, als Generalsekretär bestellen? Sicher keine schlechte Idee, doch kämpft nicht Strauß schon jetzt an viel zu vielen Fronten?

Und was nutzen alle diese Überlegungen, wenn der Parteivorsitzende die Not der Stunde nicht erkennen will? Es entsteht Unruhe, es entsteht Zwist in der Partei und dann am 14.8.1949 kommt der Schock: die CSU, bei der ersten Landtagswahl in Bayern 1946 mit 53,3 % sensationell gestartet, stürzt bei der Wahl zum Bundesstag auf 29,2 % herab! Die CSU eine Eintagsfliege?

August nimmt eine Analyse vor: einerseits gleicht die CSU einem Trümmerhaufen, andererseits stehen überall Leute in den Startlöchern, um, sobald der Lizenzzwang bei Parteineugründungen fällt, politisch aktiv zu werden. Bislang hatten die Besatzungsmächte es strikt abgelehnt, dass sich z.B. Flüchtlingsparteien bilden konnten, weswegen es der Wirtschaftlichen Aufbauvereinigung (WAV), einem bisherigen CSU - Koalitionspartner, geführt vom „blonden Hitler“, dem Rechtsanwalt Alfred Loritz, durch die Aufnahme von Kandidaten von Flüchtlingsverbänden auf die WAV-Liste zur Bundestagswahl 1949, gelingt, in Bayern ihren Stimmenanteil von 7,4, % im Jahre 1946 auf 14,4% fast zu verdoppeln und da es damals ausreicht in einem Bundesland über 5 % zu kommen, zieht somit eine recht anschauliche Fraktion der WAV in den ersten deutschen Bundestag.

August, Du kennst Loritz, das ist ein Wirrkopf, seine Partei im Grunde noch mehr zerstritten, als die CSU und dann dieser Erfolg! Gut, Loritz als Redner begeistert die Leute, bis zu 30 000 Personen hören ihm zu. Aber ansonsten: unfähig mit anderen auszukommen, führt er, der Herr Rechtsanwalt, Prozess auf Prozess, und macht sich lächerlich…

Du analysierst weiter: 1.Die Flüchtlingsfrage brennt unter den Nägeln, Millionen sind überall in Deutschland einquartiert worden, ca. 1,7 Millionen davon allein in Bayern, und das bei einer kriegsbedingten Wohnungsnot ohnegleichen!

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Meine zukünftigen Großeltern von väterlicher Seite werden zunächst in einem kleinen Dorf, hinter der Grenze untergebracht, um dann, nach eigener Wohnungssuche, eine kleine Wohnung im Dachgeschoss eines Hauses zu beziehen: meine Großmutter, mein Großvater und ihre zwei Söhne leben fortan in einer 2,5 – Zimmer Wohnung und damit, verglichen mit vielen anderen Flüchtlingen, leben sie geradezu komfortabel! (Wer Interesse an der Wohnungslage von Flüchtlingen in den 1950iger Jahren in Westdeutschland hat, der lese Henry Jägers Buch: „Die Festung“.)

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Zurück zu Deiner Analyse…

2. Die notwendigen Schritte zur Einheit Deutschlands müssen sofort eingeleitet werden, ehe die deutsche Teilung zum Dauerzustand wird. Den Weg dahin habt ihr im Nauheimer Kreis diskutiert.

3. Wer ist am stärksten interessiert an der Lösung der Deutschen Frage? Antwort: die Flüchtlinge, die zurück in ihre Heimat wollen!

Kurzum: Die Gründung einer neuen bundesweiten Partei, die insbesondere die Belange der Flüchtlinge vertritt, ist das Gebot der Stunde.

Und August steht nicht alleine: andere sind ebenfalls aus der CSU ausgetreten, und man hat Verbindungen zu Flüchtlingsvereinigungen geknüpft, wie z.B. zu einer resoluten Ärztin, die schon in Pegnitz bei den Kommunalwahlen mit ihrer „Notgemeinschaft Deutschlands“ gut 20 % der abgegebenen Stimmen erhalten hatte: Dr. Renate Malluche.

Alle führen Gespräche mit allen, doch manche zögern, manche drängen. Aber insbesondere die Mitglieder der „Deutsche Union“ wagen noch nicht den Schritt einer Parteigründung.

Kaum aber können politische Parteien ohne Lizensierung durch die jeweilige alliierte Besatzungsmacht gegründet werden - im Dezember 1949 -, da entsteht in Bayern schon die „Deutsche Gemeinschaft“.

Und Ihr habt noch eine weitere Gruppe im Visier, neben den Flüchtlingen und den heimkehrenden Soldaten: die kleinen Parteigenossen, für die am 8.Mai 1945 (oder am 30.April, durch Hitlers Selbstmord im Bunker), eine Welt zusammengebrochen war. Alle hatten sich plötzlich einem Entnazifizierungsverfahren zu stellen und wurden gleichzeitig nicht nur dadurch oftmals stigmatisiert, sondern stießen auf Häme und Ablehnung bei nicht wenigen ihrer Mitbürger…

Man täusche sich nicht: die Besatzungsmächte der Westzonen meinten es zunächst wirklich ernst mit der Umerziehung der Deutschen. Genauso wie nationalsozialistische Profiteure ihr zusammengeraubtes Vermögen verloren, verloren Professoren ihre Professur, verloren auch kleine und mittlere, und höhere Beamte sowieso, ihre Posten, ihre Pensionen. Und viele von ihnen, keineswegs unbedingt „die“ Nazis, sondern im Dritten Reich einfach diejenigen, die die Karrierechancen ergriffen, die ihnen geboten wurden, waren verbittert und konnten die Welt nicht mehr verstehen. Wer von diesen in den ersten Jahren der Entnazifizierung in die Mühlen alliierter Untersuchungen geriet, hatte aber tatsächlich nur Pech gehabt, denn je mehr die Spannungen zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion zunahmen, umso großzügiger wurden erstere, wenn es darum ging, dringend für den Aufbau des neuen, westlichen Deutschlands benötigte Fachleute und Beamte, als einfache Mitläufer der Nationalsozialisten oder sogar als vollkommen „unbelastet“ einzustufen.

Und jetzt kommt der Clou Eurer Wählermarktanalyse: besonders hoch ist der Anteil kleiner Parteigenossen bei den Flüchtlingen selbst: denn wer von Adolf, sei es vor 1939 ohne Krieg oder nach 1939 mit Krieg „heim ins Reich“ geholt worden war, sah natürlich im Nationalsozialismus die Kraft, die die Zeit der Unterdrückung als unbeliebte oder sogar verhasste Minderheit im Gefolge der Gebietsabtretungen nach dem ersten Weltkrieg, endlich aufgehoben hatte, und war demzufolge den Nationalsozialisten überaus dankbar gewesen . Ein Parteieintritt war von daher für viele geradezu selbstverständlich gewesen.

Auf einer großen Gründungsversammlung wird dann die Deutsche Gemeinschaft als Bundesorganisation gegründet – es stoßen Vertriebenenorganisationen und vorhandene „Notgemeinschaften“ aus den unterschiedlichsten Bundesländern, hinzu.

Scheinbar läuft alles wie am Schnürchen. Doch der Schein täuscht. Ein erster Wahlantritt der Deutschen Gemeinschaft in Nordrhein-Westfahlen wird zum Reinfall und im Juli 1950, während die Deutsche Gemeinschaft sich noch darum bemüht in weiteren Bundesländern Landesverbände ins Leben zu rufen, geht über Schleswig-Holstein ein neuer politischer Stern auf: der BHE, der Bund der Heimatvertrieben und Entrechteten, erreicht 23,4 % aller abgegebenen Stimmen. Gründer und erster Vorsitzender des BHE ist Waldemar Kraft, von 1920-1939 gezwungener Maßen polnischer Staatsbürger, 1940 -1945 Geschäftsführer der „Reichsgesellschaft für Landbewirtschaftung „ in Berlin, ab 1943 NSDAP-Mitglied und Ehren-Hauptstammführer der allgemeinen SS.

Der BHE verdient es, etwas näher betrachtet zu werden: keine andere Partei von Bedeutung hatte so viele ehemalige Nationalsozialisten auf der Führungsebene wie diese Partei. Das war auch kaum ein Wunder, bezog sich der im Partienamen verwendete Begriff Entrechtete genau auf diese Gruppe. Auch programmatisch war der BHE recht eindeutig festgelegt, er strebte ein Deutschland in den Grenzen von 1945, also dem Kriegsende, an, sofern die Grenzen völkerrechtlich einwandfrei seien. Im Laufe der Zeit wurde diese Forderung auf die Grenzen von 1940 oder von 1937 korrigiert. Die Ursache der Vertreibung, so der BHE, läge in einer „Kreml-Verschwörung“!

Trotz all dieser Eigenarten wurde der BHE sogleich in Schleswig-Holstein als Regierungspartner aufgenommen, Kraft wurde Finanzminister und stellvertretender Ministerpräsident und schaffte es sogar 1953, Minister für besondere Aufgaben im Kabinett Adenauer zu werden.

Der BHE war nun das politische Markenzeichen für eine erfolgreiche Flüchtlingspartei: die Deutsche Gemeinschaft in Hessen schloss sich ihm sogleich an.

August, Du stehst jetzt an einem Wendepunkt Deines politischen Lebens. Schon der Austritt aus der CSU war unter existenziellen Gesichtspunkten ein erhebliches Risiko, denn jeder muss Geld verdienen, für sich, und wie in Deinem Fall, auch für Deine Familie. Die einfachste Alternative wäre es gewesen, auch die bayrische Deutsche Gemeinschaft in den BHE zu überführen. Gut, man müsste sich mit Kraft und seinen Leuten arrangieren, man müsste es schlucken, dass es Kraft ganz offensichtlich darum ging, sofort Regierungsverantwortung zu übernehmen, was natürlich den Flüchtlingsinteressen dienlich sein konnte, aber eben auch der eigenen Karriere. Und Dir fällt der Grundwiderspruch des BHE auf: auf der einen Seite kräftige Sprüche in Hinsicht auf all die Gebiete, die man zurückhaben will, auf der anderen Seite aktive Integration der Flüchtlinge in die westdeutsche Teilrepublik. Und ein Programm für die Wiedervereinigung beim BHE? Fehlanzeige.

Da seid Ihr bei der Deutschen Gemeinschaft doch schon viel weiter: ihr strebt ein neutrales, wiedervereinigtes Deutschland an, das ist Euer Weg.

Und dennoch bleibt die Frage, was tun?

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Knapp dreißig Jahre später: eine Landesversammlung der Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher in einem separaten Raum des hannoverschen Bahnhofsrestaurants. Die wesentlichen Punkte sind abgehakt, und obwohl August nicht zu viel sprechen soll, weil er heiser ist - seine Frau ermahnt ihn des Öfteren deswegen -, kommt er plötzlich und fast ohne ersichtlichen Anlass auf den Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten zu sprechen: „ Da kamen die führenden Leute des BHE zu mir ins Nebenzimmer und klappten eine Aktentasche voller funkelnagelneuer Dollars auf. `Die Kosten des Wahlkampfes`, so wurde mir begeistert mitgeteilt, `sind kein Problem. Wir haben Unterstützer...`“

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Was wäre, wenn der BHE überhaupt keine Rückkehr der Flüchtlinge im Sinn hat? Wenn es ihm einzig darum geht, die Flüchtlinge ruhig zu stellen und alles daran zu setzen, sie durch Lastenausgleichsverfahren und viele andere Maßnahmen zu integrieren?

Wie kann es sein, dass ein Mann wie Kraft sofort Minister und stellvertretender Ministerpräsident wird, was spricht für seine politische Zuverlässigkeit? Wie kann eine Partei, die so sich so stark revisionistisch gibt, überhaupt im Jahre 1950 Koalitionspartner bürgerlicher Parteien, ja selbst der SPD, werden?

Fragen über Fragen, wachsendes Unbehagen auf Deiner Seite.

Was nutzt es aber, wenn die Analyse in Hinsicht auf die Wahlchancen einer Flüchtlings- und “Entrechteten“-Partei, richtig ist, aber der BHE erfolgreich an einem vorbeizieht?

Also vielleicht doch und wenn auch mit Magenschmerzen dem BHE beitreten?

Nein, das kommt für Dich nicht in Frage und außerdem, so fragst Du zurück, warum denn? Gibt es nicht in Bayern und Baden-Württemberg (so heißt das Bundesland zu dieser Zeit noch) - in beiden Ländern stehen 1950 ebenfalls Wahlen an - einen anderen gangbaren Weg, einen Mittelweg sozusagen?