Avicenna - Gotthard Strohmaier - E-Book

Avicenna E-Book

Gotthard Strohmaier

0,0
10,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Kaum ein anderer nicht-christlicher Denker des Mittelalters ist so sehr Teil der abendländischen Geistesgeschichte geworden wie der persische Muslim Avicenna (um 980–1037). Durch seine Vermittlung gelangten die Werke des Aristoteles wieder nach Westeuropa. Sein enzyklopädisches Hauptwerk „Buch der Genesung der Seele“ hatte prägenden Einfluß auf Albert den Großen und Thomas von Aquin. Gotthard Strohmaier schildert das abenteuerliche Leben Avicennas, gibt eine Einführung in sein Werk auf dem neuesten Stand der Forschung und skizziert Avicennas Bedeutung für das abendländische Denken.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Gotthard Strohmaier

Avicenna

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag C.H.Beck

 

Zum Buch

Kaum ein anderer nicht-christlicher Denker des Mittelalters ist so sehr Teil der abendländischen Geistesgeschichte geworden wie der persische Muslim Avicenna (um 980–1037). Durch seine Vermittlung gelangten die Werke des Aristoteles wieder nach Westeuropa. Sein enzyklopädisches Hauptwerk „Buch der Genesung der Seele“ hatte prägenden Einfluß auf Albert den Großen und Thomas von Aquin. Gotthard Strohmaier schildert das abenteuerliche Leben Avicennas, gibt eine Einführung in sein Werk auf dem neuesten Stand der Forschung und skizziert Avicennas Bedeutung für das abendländische Denken.

Über den Autor

Prof. Dr. phil. Gotthard Strohmaier ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am „Corpus Medicorum Graecorum“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und Professor am Seminar für Semitistik und Arabistik der Freien Universität Berlin.

Die Reihe „Denker“ wird herausgegeben von Otfried Höffe, Professor für Philosophie an der Universität Tübingen.

Inhalt

Stimmen über Avicenna

Vorwort

I.   Lebensabenteuer eines Philosophen

1.   „Die Bücher der Alten“

2.   „Die Notwendigkeit fortzuziehen“

3.   Der Hof in Isfahan

II.  Ein programmatischer Briefwechsel

III. Gott und die Sphären

1.   Die griechischen Voraussetzungen

2.   Die Theologie des Aristoteles

3.   Der oder das „notwendig Seiende“

4.   Die „Kaskade von Intellekten, Seelen und Körpern“

5.   Der „schlammige Quell“ der Materie

IV. „Erkenne deine Seele“

1.   Am Krankenbett des Emirs

2.   „Der fliegende Mensch“ und andere Beweise

3.   Eine fatale Konsequenz der Unsterblichkeit

4.   Die Garantien des „aktiven Intellekts“

5.   Die inneren Sinne

6.   Das Wesen der Prophetie

V.  Allegorie und Dichtung

1.   Der innere Sinn des Korans

2.   Mohammeds Himmelfahrt

3.   Salamān und Absāl – ein Roman der Leidenschaft

4.   Hayy ibn Yaqẓān – eine Allegorie eigener Erfindung

5.   Die Erzählung von den Vögeln und verschiedene Gedichte

VI.  Der Aufbruch nach dem „Osten“

VII. Die geordnete Fülle des Wissens

1.   Einteilung und System

2.   Die Stellung der Logik

3.   Mathematik und Astronomie

4.   Mechanik

5.   Die Welt der Farben und Töne

6.   Geologie, Mineralogie und die Unmöglichkeit der Alchemie

7.   Pflanzen und Tiere

8.   Geographie und Geodäsie

9.   Politik und Ökonomie

VIII. „Die Medizin gehört nicht zu den schweren Wissenschaften“

1.   … aber sie ist eine Wissenschaft

2.   Der Kampf mit dem Dracunculus

3.   Der Kanon in der Medizin

4.   Andere medizinische Schriften

5.   Bedenkliche Rückschritte

6.   Psychosomatische Ansätze

IX.  Die postume Karriere unter den Muslimen

1.   Die Zeugnisse der Volksliteratur

2.   Die Verbreitung des Kanons in der Medizin

3.   Die geteilte Reaktion der Philosophen

4.   Eine Inspiration für die Mystiker

5.   Das Votum der Orthodoxie

X.   Die Aufnahme bei den Juden

XI.  An den Universitäten des Westens

1.   Eine zurückgebliebene Region mit Standortvorteilen

2.   Die lateinischen Übersetzungen

3.   Algazel, der Doppelgänger Avicennas

4.   In den Disputationen der Hochscholastik

5.   In Dantes Commedia, der poetischen Welt eines Außenseiters

6.   Die letzten Anhänger an der medizinischen Fakultät

XII. Ein polemisch gefärbtes Nachwort

Anhang

1.   Karte der Wanderungen Avicennas

2.   Zeittafel

3.   Literaturhinweise

4.   Personenregister

5.   Sachregister

6.   Zur Aussprache des Arabischen

József Antall zum Gedenken,dem medizinhistorischen Kollegenund ersten Ministerpräsidenten des freien Ungarn

Stimmen über Avicenna

„… keinen großen Lehrer kennt noch außer mir die Wissenschaft.“

(Avicenna in einem Gedicht über sich selbst)

„Wer diesen beiden großen Männern (Aristoteles und Avicenna) Fehler vorwirft, der hat sich selbst von der Gemeinschaft der Weisen ausgeschlossen und unter die Wahnsinnigen eingeordnet.“

(Nizāmī ʿArūdī, persischer Schriftsteller, 1156)

„Wahr gesprochen hat Gott, der Allmächtige, und gelogen hat Avicenna.“

(Al-Ḥasan ibn Muḥammad ibn Nağä, Damaszener Philosoph, so 1262 angeblich auf dem Sterbebett bereuend)

„Dort steht Ibn Sīnā verspottet und verlacht, weil es nach seiner Meinung möglich war, daß vor langer Zeit ein Mensch nicht von einem Menschen geboren wurde, und weil er gesagt hat, daß die Entstehung der Berge auf natürliche, ja am liebsten auf blindwirkende Weise geschehen sei, und weil er dem Glauben an die Anfangslosigkeit der Welt anhing.“

(Höllenvision des hebräischen Dichters Immanuel ha-Romi, um 1300)

„Aber dieser große Unheilstifter wider Willen ist gleichzeitig doch eine ungemein interessante Persönlichkeit.“ (August Müller, deutscher Orientalist, 1887)

„… als geschickter und skrupelloser Staatsmann, als universal gebildeter Gelehrter und praktisch tätiger Arzt, daneben allen sinnlichen Genüssen hemmungslos frönend, hat er die erstaunliche Zahl seiner philosophischen und medizinischen Enzyklopädien, Kompendien, Lehrgedichte, mystischen Traktate geschaffen. Sein philosophisches System ist von einer bewundernswerten logischen Präzision und Differenziertheit. Aber mit lebendiger Wissenschaft, mit echter Bildung hat es nichts mehr zu tun.“ (Hans Heinrich Schaeder, deutscher Orientalist, 1928)

„… jedoch ist sein Einfluß derartig, daß niemand ermessen kann, wie das westliche Denken im Mittelalter beschaffen gewesen wäre, wenn es ihn nicht gekannt hätte.“

(A.-M. Goichon, französische Orientalistin, bedeutende Avicennaforscherin, 1940)

„Wenn Eure Exzellenz die Forschungen zu solchen Themen anleiten wollte, sollte Sie veranlassen, daß die Studierenden anstelle der Bücher der westlichen Philosophen die Schriften von al-Fārābī und Avicenna zu Rate ziehen.“

(Der Ayatollah Khomeini in einem Brief an Michail Gorbatschow)

„Avicennas Metaphysik bleibt eine beständige Quelle der Einsicht in die Logik von Notwendigkeit und Kontingenz und in die immerwährenden philosophischen Probleme von Freiheit und Unsterblichkeit, Zeitlichkeit und Zeitlosigkeit.“ (Lenn E. Goodman, Professor für Philosophie an der Universität Hawaii, 1991)

Vorwort

Abū ʿAlī al-Ḥusain ibn ʿAbdallāh ibn al-Ḥasan ibn ʿAlī ibn Sīnā, geboren 980 oder einige Jahre eher in der Nähe des mittelasiatischen Buchara, ist wie kein anderer außereuropäischer und nichtchristlicher Denker zu einem Teil der abendländischen Geistesgeschichte geworden, wovon auch seine lateinische Namensform Avicenna Zeugnis gibt. Bis zum Jahre 1987 sind ihm in aller Welt insgesamt dreißig Briefmarkeneditionen gewidmet worden, welcher Philosoph konnte je so viel auf sich vereinen? Anlaß waren zwei mit großem Aufwand begangene Tausendjahrfeiern seines Geburtstages, die eine 1952 nach dem muslimischen Mondkalender, die andere 1980 nach der christlichen Zeitrechnung. Neben viel oberflächlichen Lobsprüchen und hagiographischer Einfalt haben die beiden Jubiläen auch ernsthafte Forschung angeregt, die eine grundsätzliche Bedeutung für viele Probleme besitzt, die heute aktuell sind, so etwa die Frage, warum die islamische Welt nach einer Zeit geistiger und materieller Blüte in eine Periode der Stagnation hineingeraten ist, und es hat Stimmen gegeben, die gerade Avicenna eine Mitschuld zuweisen wollten. Derselbe Avicenna soll aber nach anderer Meinung in der europäischen Scholastik den hier beginnenden Aufschwung rationalen Denkens befördert haben. Warum tat er das nicht in seiner Heimat?

Der Verfall der islamischen Welt ging im vorigen Jahrhundert so weit, daß sie zum hilflosen Objekt der Kolonialpolitik europäischer Mächte wurde. Avicennas Vaterstadt Buchara geriet ab 1868 nach einer militärischen Niederlage in den Herrschaftsbereich des russischen Zarismus und danach der Sowjetunion. So konnte es nicht ausbleiben, daß man hier Avicenna als einen Vordenker des marxistischen Materialismus entdeckte und sein Bild in die eigene Ahnengalerie hängte, wobei es ohne kräftige Retuschen nicht abging. Im deutschen Sprachraum fand die weiteste Verbreitung eine kleine und schwungvoll geschriebene Monographie aus der Feder des marxistischen Philosophen Ernst Bloch. Sie erschien zuerst 1952 aus Anlaß des ersten Jubiläums, als er vor seiner Flucht in die westliche Freiheit in Leipzig lehrte. Unter dem Titel „Avicenna und die aristotelische Linke“ enthält sie Sätze wie diesen: „… die Aufhebung der göttlichen Potenz selber in der aktiven Potentialität der Materie: das vorzüglich ist der Weg der Aristotelischen Linken, mit Avicenna als nachantikem Merk- und Wendepunkt.“

Aber wenn man als Kriterien die Fragen nach der Unsterblichkeit der menschlichen Seele oder der Selbstmächtigkeit der Materie heranzieht, wird deutlich werden, daß Avicenna eher einer „aristotelischen Rechten“ zugehört. Trocken bemerkt dazu Elisabeth Buschmann, eine Münchner Doktorandin: „Hätte Ernst Bloch nicht eine Jubiläumsschrift verfassen wollen, so wäre ihm sicher aufgefallen, daß die Philosophie Ibn Sinas ihm als Negativfolie mehr zu bieten hat als bei der Suche nach geistigen Ahnen.“ Peinlich wirkt das Büchlein an den Stellen, wo Bloch den verdienten deutschen Arabisten Max Horten, von dessen Übersetzungen er abhängig war, als „reaktionär“ verunglimpft, weil dieser die Bemühungen Avicennas herausarbeitete, als Philosoph eine Übereinstimmung mit der Religion des Islam herzustellen. Wenn Bloch dagegen argumentiert, daß dies von der sunnitischen Orthodoxie, die ihn verketzerte, nicht honoriert wurde, so mag es erlaubt sein, an Blochs eigenes Schicksal zu erinnnern. In dem Scherbengericht, das seine parteitreuen Kollegen 1957 veranstalteten, klagte ihn der vulgärmarxistische Philosophiehistoriker Hermann Ley unter anderem auch deswegen an, weil er „den Materialisten Avicenna“ in logischen und erkenntnistheoretischen Fragen mit dem heiligen Thomas gleichgesetzt habe. Aber auch jetzt noch beim Aufkehren des Scherbenhaufens wird die „Traditionslinie revolutionärer Materiebestimmung … zu den eigenständigen Leistungen der Blochschen Philosophiegeschichtsschreibung“ gerechnet.

Heute hat sich unter Spezialisten das Urteil herausgebildet, daß Avicenna als Metaphysiker des menschlichen Selbstbewußtseins durchaus noch der Aufmerksamkeit wert ist. Daneben habe er als geschickter und systematischer Kompilator griechische Medizin und griechische Wissenschaft späteren dürftigeren Zeiten im Islam in faßlicher Form übereignet, wovon auch das christliche Abendland profitierte, als es von den griechischen Quellen weitgehend abgeschnitten war. Damit wird Avicenna zu einem kulturgeschichtlichen Phänomen ersten Ranges, an dem zum einen die Weltbedeutung der Griechen demonstriert werden kann und zum anderen der Umstand, daß wir mit den Griechen, die sich selber nie als Europäer verstanden haben, nur durch eine Reihe von Rezeptionen verbunden sind, unter denen die des hohen Mittelalters auch auf die arabische zurückgriff, deren vornehmster und wirkungsmächtigster Vertreter für uns neben Averroes, dem spanischen Araber, der Perser Avicenna gewesen ist.

Wohl kaum einem Philosophen war ein solch aufregendes und gefährdetes Leben beschieden wie ihm. Den Bericht von den Kinder- und Jugendjahren hat er selber seinem Schüler al-Ğūzğānī ins Schreibrohr diktiert. Er soll im folgenden vollständig und mit den notwendigen Erläuterungen zitiert werden.

I. Lebensabenteuer eines Philosophen

1. „Die Bücher der Alten“

Nicht nur der gesunde Menschenverstand, sondern auch die seltenen Hochbegabungen scheinen gleichmäßig über den Erdball verteilt zu sein. Freilich müssen zu ihrer Entfaltung günstige äußere Bedingungen hinzukommen. Sie waren es vor einem Jahrtausend im Hause eines hochgestellten Beamten im mittelasiatischen Buchara unter der glücklichen Regierung der Samaniden. Noch heute bieten Reste der Altstadt mit ihren staubigen Gassen zwischen fensterlosen Lehmmauern, mit ihren überkuppelten Markthallen, ihren Medresen und Moscheen und ihrer Zitadelle einen ähnlichen Anblick wie damals, als das Wunderkind Avicenna hier aufwuchs. Jedoch ist nur ein Gebäude, das zu seiner Zeit schon stand, erhalten geblieben, ein Mausoleum, das als Familiengruft der Dynastie der Samaniden diente, erbaut um das Jahr 900. Der quadratische Grundriß und die vier gleichen Wände mit ihren spitzbogigen Toröffnungen erinnern an vorislamische Kultbauten, darunter besonders die Häuser über den heiligen Feuern der altpersischen zoroastrischen Religion. Nicht zufällig haben sich in der Architektur überall in der islamischen Welt am stärksten die regionalen vorislamischen Traditionen erhalten. Andere Kulturgüter waren dank eines intensiven Handels und Austauschs entlang der Wege, den auch die Mekkapilger zogen, einer stärkeren Vereinheitlichung ausgesetzt.

Dazu gehören etwa die figürliche Miniaturmalerei oder die Musik samt ihren Instrumenten, was alles von der strengen Orthodoxie eher mißbilligt wurde, und dazu gehört auch die Pflege der Philosophie und der weltlichen Wissenschaften. Regionale Unterschiede lassen sich zwar hin und wieder ausmachen, das ändert aber nichts an dem einen Grundzug, daß überall eine sehr direkte Fortsetzung griechischer Traditionen stattgefunden hat, deren ursprüngliche Heimstatt das christliche Syrien und Mesopotamien war. In diesem einen Punkt ist Ernst Bloch unbedingt recht zu geben, wenn er gegenüber einem verbreiteten Vorurteil hervorhebt, daß die Philosophie „keineswegs eine exotische Treibhauspflanze auf islamischem Boden“ war.

Abb. 1: Samanidenmausoleum in Buchara

Die Ausbreitung des ganzen griechischen Wissens, über das die Syrer verfügten, wurde durch arabische Übersetzungen ermöglicht, die vor allem im neunten Jahrhundert in Bagdad angefertigt worden waren. Herausragend an Quantität und Qualität war die Leistung des christlichen Arabers Ḥunain ibn Ishāq (808–873), der sich besonders um die medizinische Literatur verdient machte, und seines Sohnes Ishāq ibn Ḥunain, der sich mehr die Philosophie und die exakten Wissenschaften vornahm. Ihre philologische Gewissenhaftigkeit, ihre Kenntnis des Griechischen und ihre Gewandtheit im arabischen Ausdruck stehen turmhoch über dem, was die lateinischen Übersetzer des europäischen Mittelalters mit ihren arabischen Vorlagen, darunter auch den Werken Avicennas, gemacht haben.

Die heutige deutsche Orientalistik bezeichnet das eigengeprägte und von den Nachbarn deutlich abgesetzte Kulturgebiet als „arabisch-islamisch“, manchmal auch verkürzt als „arabisch“ oder „islamisch“, je nachdem, wie es der Kontext nahelegt. Immer ist dabei im Auge zu behalten, daß nicht nur Muslime, sondern auch Christen, Juden und andere religiöse Gruppierungen und in ethnischer Hinsicht nicht nur Araber dazugehörten, sondern beispielsweise auch der Perser Avicenna. Zu seiner Zeit hatte die politische Zersplitterung des riesigen Territoriums schon große Fortschritte gemacht. Der Kalif in Bagdad, dem Namen nach immer noch geistliches und weltliches Oberhaupt in einer Person, hatte die Macht an die Hausmeier aus dem Geschlecht der Buyiden abgegeben, aus dem auch lokale Dynastien in Persien hervorgegangen waren; bei einigen von ihnen sollte Avicenna später ein Unterkommen finden. Die Expansion ging nicht weiter, weder im fernen Spanien noch an der kleinasiatischen Grenze zu Byzanz.

Buchara war ein Außenposten gegen die östlichen Turkstämme, die gerade dann gefährlich wurden, wenn sie den Islam annahmen und ihren Anteil an dem fruchtbaren Kulturland verlangten. Aber noch war die Stadt die blühende Residenz der Samaniden, die im Jahre 900 ein Gebiet übernommen hatten, das im Norden an Choresm, die Flußoase an der Mündung des Amudarja in den Aralsee, grenzte und im Süden bis ins östliche Persien und nördliche Afghanistan reichte. Dem Kalifen blieben sie nominell untertan und begnügten sich mit dem Titel eines Emirs, was soviel wie Gouverneur bedeutet. Weitreichende Handelsverbindungen und bedeutende Silbervorkommen begründeten den Wohlstand des Staatswesens. Auf dem Markt in Mainz las der jüdische Kaufmann Ibrāhīm ibn Yaʿqūb die Inschriften auf zwei arabischen Dirhams, sie waren Prägungen der Münze in Samarkand aus dem Jahre 942 unter dem Samaniden Naṣr ibn Aḥmad. Bis nach Island ist samanidisches Silbergeld gelangt, es hat auch den größten Anteil an den etwa 70 000 arabischen Münzen, die in schwedischen Hortfunden aufgetaucht sind.

Der Hof in Buchara war ein kulturelles Zentrum, bedeutende Geschichtsschreiber, Dichter und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen hatten hier gewirkt. Auch fand die neuerwachte Pflege der persischen Sprache eine Heimstatt. In dieses Milieu wurde Avicenna hineingeboren, und so beginnt er seinen autobiographischen Bericht:

„Mein Vater stammte aus Bal±, von dort übersiedelte er nach Buchara in den Tagen des Emirs Nūḥ ibn Manṣūr. Er war in der Regierung beschäftigt und übernahm unter dessen Regentschaft die Verwaltung in einem Dorf, das zu den Domänen von Buchara gehörte. Es heißt Harmaitan und ist eines der zentralen Dörfer in dieser Gegend. In seiner Nähe liegt ein Dorf mit Namen Afšana. Aus ihm heiratete mein Vater meine Mutter und ließ sich dort nieder und wohnte da. Hier wurde ich geboren, danach mein Bruder. Dann zogen wir nach Buchara. Ein Lehrer des Korans und ein Lehrer der schönen Literatur wurden für mich bestellt. Als ich das zehnte Lebensjahr vollendet hatte, beherrschte ich den Koran und viel von der schönen Literatur, so daß ich Verwunderung abnötigte.“

Bal, heute ein Dorf im nördlichen Afghanistan und damals eine der Hauptstädte der persischen Provinz Chorasan, war einst von Alexander dem Großen zur Hauptstadt seiner Provinz Baktrien bestimmt worden. Später wurde es zu einer Hochburg des nach Westen missionierenden Buddhismus, eines seiner Klöster bestand unter der Herrschaft der persischen Nationalreligion des Zoroastrismus bis zur Ankunft des Islam. 715 war die Stadt endgültig unterworfen. Daß sich, wie neuerdings behauptet, Spuren dieses alten buddhistischen Erbes im Denken Avicennas erhalten haben, ist nur als haltloser Einfall zu werten. Wie die prägenden Einflüsse des Elternhauses wirklich beschaffen waren, erzählt Avicenna selbst:

„Mein Vater gehörte zu denen, die dem Missionar der Ägypter gefolgt waren, und wurde zu den Ismailiten gerechnet. Er und ebenso mein Bruder hatten sie von der Seele und dem Intellekt vortragen hören, wie es ihrer Redeweise und Auffassung entspricht. Manchmal unterhielten sie sich darüber, während ich ihnen zuhörte und wohl verstand, was sie redeten, ohne es selber anzunehmen, obwohl sie anfingen, mich dafür zu werben. Sie führten auch die Philosophie, die Geometrie und das indische Rechnen im Munde, woraufhin er mich zu einem Gemüsehändler schickte, der im indischen Rechnen beschlagen war, und so lernte ich es von ihm.“

Die Ismailiten sind eine Abspaltung der Schia, der „Partei“ ʿAlis‚ des Vetters und Schwiegersohns Mohammeds. Nach schiitischer Doktrin waren er und seine beiden Söhne aus der Ehe mit der Prophetentochter Fatima um die legitime Erbfolge im Kalifat betrogen worden. Teils im Untergrund lebend, teils unter Hausarrest stehend, pflanzten sich die Imame, wie die legitimen Nachkommen genannt wurden, weiter fort, und dabei konnten Spaltungen nicht ausbleiben. Die heute im Iran regierende Richtung der sogenannten Zwölfer-Schia läßt die Reihe mit einem zwölften Imam enden, der 873 schon als Kind in die Verborgenheit entrückt wurde und dessen Wiederkunft im Artikel 5 der Verfassung von 1979 erwartet wird. Die Ismailiten haben mit der Zwölfer-Schia nur die Linie bis zum sechsten Imam gemeinsam, der 765 starb. Noch vor ihm starb sein Sohn Ismāʿīl, und dessen Sohn Muḥammad ibn Ismāʿīl soll dann auf geheimnisvolle Weise verschwunden sein, um dereinst wiederzukehren und der Welt die ersehnte Gerechtigkeit zu bringen.

Die Hoffnung untermauerten sie durch eine eigentümliche Geschichtsauffassung. Während der orthodoxe Islam die Zahl der Propheten vor Mohammed unbestimmt läßt, rechneten die Ismailiten mit insgesamt sieben, die für ihre Periode jeweils ein neues und verbessertes Religionsgesetz verkündeten, nämlich Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus, Mohammed und dem letzten, der noch kommen sollte. Hinter ihnen standen als eigentliche Autoritäten sogenannte „Schweigende“, welche die unveränderlichen göttlichen Geheimnisse hüteten, so verhielt sich Aaron zu Moses, Petrus zu Jesus und ʿAli zu Mohammed. Innerhalb jeder Periode gab es sieben Imame als Beauftragte des „Schweigenden“, und der letzte sei zugleich der Prophet der neuen Periode geworden. Nun aber war die durch Mohammed eingeleitete Ära mit dem siebenten Imam auch an ihr Ende gekommen. Die vorgefaßte Periodisierung der Weltgeschichte vermittelte, ähnlich wie der Marxismus im 19. und 20. Jahrhundert, dem Gläubigen das erregende Gefühl, an der Schwelle eines neuen Zeitalters zu stehen. Im abendländischen Mittelalter gab es übrigens eine ähnliche Ideologie in der Lehre des Abtes Joachim von Fiore (gest. 1202), der, von der christlichen Trinitätslehre ausgehend, auf die alttestamentliche Zeit des Vaters und die neutestamentliche des Sohnes eine bald anbrechende Herrschaft des Geistes ohne die Bindung an eine heilige Schrift folgen lassen wollte.

In Buchara nannte man die ismailitischen Agitatoren schlicht „die Ägypter“, denn in dem Land am Nil hatte das neue Zeitalter schon real existierende Gestalt angenommen. Dort hatten die Sektierer mit der Dynastie der Fatimiden ein Gegenkalifat aufgerichtet, das von 907 bis 1171 währte. Von da zogen ihre Sendboten in alle Winkel der islamischen Welt. Selbst am Hofe der Samaniden hatten sie für schwere Konflikte gesorgt. Der Emir Naṣr ibn Aḥmad, übrigens derselbe, dessen Münzen der Kaufmann Ibrāhīm ibn Yaʿqūb auf dem Markt in Mainz fand, war ihrer Lehre zugetan gewesen, aber sein Sohn und Nachfolger Nūḥ ibn Naṣr räumte mit ihnen nach einer blutigen Palastrevolution auf und träumte sogar davon, nach Ägypten zu ziehen und das Übel mit der Wurzel auszurotten. Heute sind die Ismailiten nur noch eine harmlose kleine Gemeinschaft mit etwa 20 Millionen Anhängern. Was machte sie damals so gefährlich? Avicenna betont nicht umsonst, daß er schon im unmündigen Alter Distanz wahrte.