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"Das Leben ist wie eine Fahrt im Schnellzug. Vom Anfang bis zum Ende dauert es nicht ewig und es liegen nur ein paar Stationen dazwischen." (Stefan Della Valle) - Das vorliegende Buch ist weder ein reiner Roman noch ist es nur eine Biografie. Es ist eine Kombination von beidem und zeigt ein Leben von Zwang und Fremdbestimmung. Es wird offensichtlich, dass man im Leben nicht zwei Herren dienen kann.
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Seitenzahl: 640
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Das Buch:
Das vorliegende Buch ist weder ein reiner Roman noch ist es nur eine Biografie. Es ist eine Kombination von beidem und zeigt ein Leben von Zwang und Fremdbestimmung. Es wird offensichtlich, dass man im Leben nicht zwei Herren dienen kann.
Der Autor:
1. Edition, 2022
© Stefan Della Valle
Herausgeber: Stefan Della Valle; 18/7 Moo 2, Soi 3,
77000 Prachuap Khiri Khan, Thailand; [email protected]
All rights reserved.
Lektorat: Christine Rösch
Layout & Cover: Petra Weymar, lektorat-ps.com
Coverbild: Finia Della Valle, Steinbachweg 8, CH-4600 Olten
Inhalt
Ich erblicke das Licht der Welt und ein Teil der Hölle folgt mir
Verwandte und Bekannte
Großmutter Anna Hufschmid-Funk
Wer war mein Vater?
Mutter ist die Beste
Onkel Bernhard
Onkel Arnold
Gotte Lili
Der Ort heißt Kindergarten
Ferien an der Adria
Die Primarschule
Wir bauen und Großmutter stirbt
Die besseren Leute studieren und lernen Latein
Ich werde Physiklaborant
Birgit Andersen
Die Lehrabschlussprüfung
Meine Mutter kauft ein Haus und ich finde einen Freund
Karin
Es geht zum Militär
Novartis
Polizei im Haus
Minerva
Stefan muss sofort heiraten
Erster Kontakt mit Tierversuchen
Josias und Vreni
Platonaeum
DEVATRONIK – Eine eigene Firma muss her
Ab in die Psychi
Meine Mutter wird komisch
My home is my castle...
Das Ende einer Ehe
Dorothea oder ein Stück vom Himmel
Lina
Marlis
FOSSIL GALLERY
Die rote Zora
Der Scharlatan ... oder schlimmer geht’s nimmer
Glück gehabt
Mooki
Der große Umzug
Reise nach Ranong
Wir bauen uns ein Haus
Zurück in Thailand
Medizin auf Thai
Die Dummen sterben nicht aus
Meine Tochter will nichts mehr von mir wissen
Das Haus ist fast fertig
Die Kobra im Garten
Ein ganz normaler Tag in Prachuap
Wir werden Weinproduzenten
Dies und das
Unser Imperium wächst
Leo
Tutseli zwei
Auszug aus Ägypten
… braucht keine Feinde
Peppermint ... ein Kapitel für sich
Der Tod streckt seine Hände aus
Kein gutes Ende
Die weiße Frau
Nachtgebet
Das Auto
Das Konzert
Ich bin ein Mörder
Der Bahnhof
Reisen bildet
Auf den Hund gekommen
Ich habe in meinem Leben so viel erlebt, dass ich mich entschlossen habe, darüber ein Buch zu schreiben. Es gab schöne Erlebnisse, aber auch weniger schöne und ich versuche, alles möglichst wahrheitsgetreu, objektiv und nicht beschönigt aufzuschreiben. Wenn ich allerdings vor fast zwei Jahren, als ich mit dem Buch begonnen habe, gewusst hätte, was da auf mich zukommt, hätte ich mit dem Schreiben nie begonnen.
Das Buch stellt alles dar, so, wie ich es sehe. Ob richtig oder nicht richtig, bleibe dahingestellt.
Es ist ja nicht nur die Arbeit, die solch ein Buch mit sich bringt, sondern auch eine exakte Rekapitulation des gelebten und des eben nicht gelebten Lebens. Es tut schon sehr weh, wenn man im Nachhinein sieht, was man teilweise für furchtbare Fehler gemacht hat, diesich ohne große Anstrengung hätten vermeiden lassen, oder vermeintliche Differenzen, die mit ein paar netten Worten hätten geklärt werden können.
Wie dem auch sei, vielleicht sieht man hier, wie man es auch anders machen könnte, immer nach dem Motto: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Das Leben ist wie eine Fahrt im Schnellzug. Vom Anfang bis zum Ende dauert es nicht ewig und es liegen nur ein paar Stationen dazwischen.
Ich bin nun bald bei der letzten Station angekommen und es schmerzt, all die gemachten Fehler mit dem Schreiben dieses Buches noch einmal durchleben zu müssen, in der Gewissheit, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt und ich meinen Rucksack bis zum Ende mitschleppen muss.
Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich oftmals nicht wirklich gelebt habe. Andere Leute haben über mein Leben bestimmt und ich hatte selten den Mut, mit der Faust auf den Tisch zu hauen, um zu sagen: So nicht.
Einerseits war es die Angst, es nicht allen recht machen zu können, andererseits waren es Befürchtungen materieller Art, etwas zu verlieren, was man sich mühsam geschaffen oder erworben hat. Und am allerschlimmsten war es, dass man immer seine unüberlegten und überzogenen Versprechungen irgendwie einhalten musste, nur weil man zu feige und zu stolz war, sein Gesicht zu verlieren und zuzugeben, dass es Aufgaben gibt, die man eben nicht oder noch nicht lösen kann.
Ein weiteres düsteres Kapitel war der katholische Glaube, mit dessen Hilfe ich als Kind dermaßen eingeschüchtert wurde, dass ich fast immer ein schlechtes Gewissen mit mir herumtrug und die Drohungen der Kirche, besser gesagt des Pfarrers und die meiner Mutter, immer wie ein Damoklesschwert über mir schwebten und mir oft den Tag und so viele schöne Momente vermiesten.
Dazu kam noch, dass ich schon sehr früh unter Existenzangst litt, weil wir zu Hause eher zu den ärmeren Leuten zählten. Alles in allem war ich eine ungefestigte Mischung aus Angst, Selbstüberschätzung und Träumen, also eher ein unbrauchbares Gemisch.
Hätte man mich in eine Schachtel gepackt, hätte man draufschreiben müssen: VORSICHT! MENSCH.
Wir schreiben den 8. März 1944. Es ist mitten in der Nacht, genau genommen könnte man auch sagen, es sei früh am Morgen, denn die Uhr zeigt soeben zehnMinuten nach Mitternacht. Ich bin gerade dank der Mithilfe einer älteren Hebamme im Laufenburger Spital, am schönen Rhein, auf der Schweizer Seite zur Welt gekommen.
Meiner Mutter geht es den Umständen entsprechend gut, was man von mir eher nicht sagen kann. Meine Haut hat eine ziemlich gelbe Farbe und als Chinese würde man mich wohl akzeptieren. Heute würde man sagen, der Kleine hat Hepatitis, auch Gelbsucht genannt. Ich bekomme ja von der Umwelt noch nicht viel mit, aber zwei Tage später geht es mit dem Krankenwagen weiter ins Kinderspital nach Aarau, die Sache scheint mir doch ernster zu sein als gedacht. Ich lande in einem komischen kleinen Treibhäuschen, sie nennen es Brutkasten. Zweimal täglich kommt der Kinderarzt zu Besuch, er meint, ich sei reichlich gelb im Gesicht und hätte eine massive Gelbsucht, als wenn das nicht schon die Hebamme festgestellt hätte. Nun, die netten Schwestern und der Arzt kümmern sich fleißig um mich und tun ihr Bestes, um mir zu helfen und um mich wieder auf meine krummen Beinchen zu bringen. Auch mein Gedärm soll ein bisschen durcheinander sein. Das habe ich so am Rande mitbekommen.
Alles geht einmal zu Ende, so auch meine Gelbsucht und meine Darmprobleme. Dr. Nebel, so hieß der Kinderarzt, meint zu meiner Mutter, ich würde mein Leben lang Ärger mit meinem Gedärm haben. Wenn er damals nur gewusst hätte, wie recht er hatte! Da gab es doch früher wirklich Ärzte, die den Patienten sagen konnten, woran sie litten, und all dies ohne komplizierte Maschinen.
Die Zeit ist im Flug vergangen und ich bin inzwischen um ein Jahr älter geworden. Gelb im Gesicht bin ich immer noch, aber nicht von der Hepatitis, sondern von dem Karottenzeug, das man fast täglich kübelweise in mich hineinstopft.
Wir wohnen ja nun zu viert zusammen. Meine Großmutter, meine Mutter, mein Vater und ich. Zusammen in unserem alten Bauernhaus mit angegliederter Hufschmiede. Das ganze Anwesen ist uralt, ein bisschen vergammelt. Kein Wunder mit seinen fast dreihundert Jahren, die das Gehöft bereits auf dem Buckel hat. Der Unterhalt des riesigen Hauses ist halt ein Problem, vor allem ein finanzielles. Die beiden Brüder meiner Mutter helfen tatkräftig mit, der eine finanziell, der andere handwerklich. Das Haus liegt in Trimbach, einem Dorf am Fuße des Hauensteins. Nicht besonders schön, aber auch nicht besonders schlecht, eben ein Straßendorf, das sich von einem lang gezogenen Bauerndorf zu einem pseudomodernen Mischmasch von Wohnhäusern, kleinen Fabriken und Geschäften hochgemausert hat, aber im Grunde genommen nichts anderes als eine Trabantensiedlung der Stadt Olten ist.
Mein Vater hat sich zeitig aus dem Staub gemacht. Jung, unerfahren und ein bisschen ein „Hallodri“, wie man im Volksmund sagt, hatte er wohl keine Chance, in dieser Familie zu bestehen. Eine Familie, die man eher als Matriarchat bezeichnen muss,indem nur meine Großmutter das Sagen hatte und sonst niemand. Streng katholisch wurde hier gelebt. Außer beten und arbeiten war nichts erwünscht, eben wie es im Testament geschrieben steht: „ora et labora“.
Obwohl ich meine, kein außerordentliches Gedächtnis zu besitzen, so kann ich mich doch sehr weit in meine Kindheit zurückerinnern, wenn manchmal auch nur lückenhaft.
Wenn ich so am Abend in der Ecke der alten Bauernstube in meinem Kinderbettchen lag, hörte ich manchmal ein tiefes Grollen und Brummen, das durch das Stubenfenster hereindrang und meine Großmutter sagte dann immer: „Die Amis fliegen wieder über die Schweiz“, denn wir hatten nun das Jahr 1945. Wie gesagt, ich schlief und hauste in der Stubenecke. In meinem hölzernen Gitterbettchen gegenüber vom großen gemauerten Kachelofen und neben der Tür zu Mutters Schlafzimmer, bessergesagt, ich versuchte wenigstens, zu schlafen. Manchmal konnte ich auch eine Maus beobachten, die sich gegenüber meines Bettchens unter dem großen, auf Füßen aus Speckstein stehenden Kachelofen an den Kartons mit den Vorräten zu schaffen machte. Zuweilen hörte ich es in einer der Schachteln knabbern. Eines Nachts kam aus einer der großen Schachteln ein Rumpeln, und als ich am nächsten Tag in der Schachtel nachsah, musste ich feststellen, dass meine Maus von einem herabfallenden Zuckerpaket erschlagen worden war. Traurig, ich hatte ihr so gerne zugeschaut, wie sie unter dem Kachelofen herumkletterte.
Des Öfteren wurde ich aber auch von furchtbaren Albträumen geplagt und ich schrie mir die Seele aus dem Leib, bis meine Mutter aus dem angrenzenden Schlafzimmer erschien und mich oft stundenlang auf dem Arm herumtragen musste, um mich zu beruhigen. Das mit dem Schlaf war sowieso eine Angelegenheit für sich. Wie gesagt, mein Bettchen steht in der Stubenecke, da befindet sich auch eines der zwei Stubenfenster mit einem bunten, mit allerlei großen Blumen bedruckten Vorhang. Wir glauben ja alle nicht an Gespenster und Geister, aber ich sage euch, ich habe in dieser gottverdammten Stube mit ihnen zusammengelebt und es war die reine Hölle für mich; es war die Zeit, in der ich wirklich das Fürchten lernte. Heute, mit meinen fast achtzig Jahren macht mir nicht so schnell mehr etwas Angst, aber wenn ich an diese Zeiten zurückdenke, bekomme ich noch jetzt eine Gänsehaut.
Die Boten der Finsternis oder die Boten der Hölle (ich weiß den Unterschied heute noch nicht), haben mich des Abends oft stundenlang gequält und nicht schlafen lassen. Sie hingen direkt über mir am Fenstervorhang, eine Sammlung von bedrohlichen, abscheulichen Fratzen, die mich angrinsten und sich hemmungslos bewegten wie lebendige Lötschentalermasken. Ich fand ihre Anwesenheit bedrohlich und schrie wie am Spieß, und zwar so lange, bis meine Großmutter oder meine Mutter erschien, um nachzuschauen, was mir fehlte. Kaum betrat jedoch eine erwachsene Person die Stube, so war der Spuk vorbei und mein vermeintlich sichtbarer Beweis für meinen Stress und für mein Gezeter war verschwunden. Kaum waren Mutter oder Großmutter wieder durch den anschließenden Hausgang in die Küche zurückgekehrt, tauchten die Ausgeburten der Hölle wieder auf und bevölkerten den Vorhang oder, noch schlimmer, sie spazierten im Gänsemarsch als Gestalten von der Küche her quer durch das Wohnzimmer auf mein Bettchen zu.
Damit ich mich nicht mehr so fürchten sollte, ließ man im Hausgang mittlerweile das Licht brennen, sodass immer ein leichter heller Schein die Stube erleuchtete und somit auch meine Ecke mit dem Bettchen ein wenig beleuchtet war. Trotzdem kam es noch schlimmer. Durch das leicht erleuchtete Rechteck der Gangtür, die die Küche mit der Bauernstube verband, kamen nun von Zeit zu Zeit finstere Gestalten wie Fabelwesen herein und durchquerten die Stube in Richtung meines Kinderbettchens. Es war so, als bilde der Türrahmen das Tor zur Hölle. Alles Schreien und Jammern nützte leider nicht viel, denn kaum ließ sich eine erwachsene Person sehen, so verschwanden die Plagegeister auf der Stelle und damit auch der einzige Beweis meines Horrors. Dies alles ängstigte mich derart, dass ich eigentlich nie mehr ins Bett gehen wollte. Konnte ich dann endlich vor Erschöpfung einschlafen, plagten mich furchtbare Albträume, sodass ich wieder mitten in der Nacht schreiend erwachte.
Aufgrund dieser widrigen Umstände wurde ich zum permanenten Bettnässer, womit ich nun noch ein zusätzliches Problem am Hals hatte, denn meine Mutter schleppte mich von einem Doktor zum anderen. Erfolglos natürlich, jeder hielt meine Geschichten für Hirngespinste und das Produkt einer allzu regen Fantasie, also war an wirkliche Hilfe nicht zu denken. Wenn heute jemand behauptet, es gäbe keine Gespenster oder Geister oder wie man auch immer diese Wesen nennen will, so bin ich anderer Meinung und ich bin mir auch sicher, dass diese Wesen böse, hinterhältig, schlecht und gemein sind.
Ungefähr mit dem vierten Lebensjahr habe ich Gott sei Dank die Fähigkeit, diese Dinge zu sehen, vorübergehend verloren. Dafür entwickelte ich später eine andere Begabung, die nicht minder gruselig und unverständlich war und mir heute noch schwer zu schaffen macht.
Was mir auch nach dem vierten Lebensjahr blieb, war die ewige Bettnässerei. Meine Mutter nervte es und ich schämte mich dafür. Ich produzierte dreckige Wäsche im Überfluss und wurde das Übel bis zum Ende der dritten Primarklasse nicht los, trotz all der Pillen und Tröpfchen, die mir eingeworfen wurden. Auch diverse Gänge zum Doktor und zum Psychiater brachten nichts außer Unkosten für meine Mutter. Hätten die Leute meine Geschichten ernster genommen, hätten wir vielleicht gemeinsam das Problem lösen können, andererseits kann ich es den damals Verantwortlichen heute auch nicht mehr nachtragen, dass sie meine Gruselgeschichten nicht geglaubt haben. Aber ich habe die Geschichten nicht erfunden, um mich wichtig zu machen oder die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Aber dass sich alles nur in meiner Fantasie abgespielt haben soll, glaube ich nicht. Ich habe die Dinge real mit offenen Augen erlebt und nicht geschlafen und nicht geträumt.
Ein Freund von mir, ein exzellenter Psychologe, dem ich zum Teil meine wiedererlangte körperliche und psychische Gesundheit verdanke, hat mir den Sachverhalt wie folgt vermittelt: Viele kleine Kinder haben einen fünften Sinn. Sie sehen mit ihrem Geist durch eine Art offene Tür, die das Tor zu einer anderen Welt ist. Ob Himmel, Hölle, Totenreich..., wir wissen es nicht. Eines aber wissen wir. Im Alter von drei bis fünf Jahren geht die Tür Gott sei Dank wieder zu. Als erwachsener Mensch kann man mit Meditation die Tür wieder öffnen, ich habe es erlebt. Es fühlt sich aber dann noch viel schlimmer an, wenn man Dinge sieht, die zwar stimmen, aber die man eigentlich gar nicht wissen kann, weil alles erst in der Zukunft stattfindet.
Würde mir ein Kind heute etwas Ähnlicheserzählen, würde ich die Sache sehr ernst nehmen und der Angelegenheit auf den Grund gehen.
Ich glaube, da kann nur ein guter Psychiater oder Psychologe helfen. Ich habe so viele selbsternannte Heiler, Esoteriker, und was da sonst noch alles herumirrt, kennengelernt, die immer auf der Suche nach labilen Menschen sind, um sie von sich abhängig zumachen, nur um sie anschließend finanziell auszunehmen. Unter labil verstehe ich jemanden, der in Not oder krank ist, seien das nun Depressionen, eine fiktive Ausweglosigkeit oder sonst eine moderne Seuche. Es kann jeden von uns treffen, meine Geschichte beweist es.
Hier will ich gerne alle Personen kurz vorstellen, die im engeren oder weiteren Sinn zu meiner Familie gehören, soweit ich mich noch erinnern kann.
Vater Albert, nun, meinen Vater brauchen wir nicht unbedingt dazuzuzählen, da er sich ja kurz nach meiner Geburt schnellstens aus dem Staub gemacht hat, was ich ihm aus meiner heutigen Sicht und meiner Kenntnis der Geschichte nicht unbedingt verübeln kann.
Da wären dann noch die zwei Brüder meiner Mutter. Arnold und Bernhard, die beide verschiedener nicht hätten sein können.
Onkel Arnold, der Intellektuelle, der Studierte, der Gebildetste unseres Clans, das Genie, das Altgriechisch, Latein, Französisch und Englisch fließend spricht, das Genie mit den zwei linken Händen, das leider keine große Ahnung vom wirklichen Leben hat. Unverheiratet, spielt gerne den Landlord im Seidenanzug und übernimmt am Wochenende die Rolle meines Vaters, was mir überhaupt nicht passt, denn verschiedener könnten auch wir zwei nicht sein.
Onkel Bernhard, nicht studiert, aber dafür umso praktischer veranlagt. Ein typischer guter Handwerker und somit die praktische Stütze unserer Kleinfamilie. Denn unsere alte Hütte, das Bauernhaus mit angrenzender Schmiede ist schon über dreihundert Jahre alt. Es gibt immer etwas zu reparieren und somit war mein Onkel Bernhard ein allemal gern gesehener Gast und ich konnte ihn auch gut leiden, hatte er doch einen gewissen Humor, dermeinem nicht ganz unähnlich war.
Tante Erna, von mir Tante Erni gerufen, war die Frau von Onkel Bernhard. Mit ihrem Ostschweizerdialekt war sie eher ein Fremdkörper in unserer Verwandtschaft. Meine Mutter und meine Großmutter liebten sie nicht besonders, aber das beruhte ganz auf Gegenseitigkeit, denn meine Familie belegte den Bruder und Sohn mit Beschlag. Er hätte nach Meinung der beiden etwas Besseres verdient gehabt, wie das halt so ist mit Schwiegermüttern. Sie grüßten sich immer freundlich, gingen sich aber wenn immer möglich aus dem Weg.
Anna, meine Großmutter, war gebürtige Bayerin und das Urtier unserer Gemeinschaft. Sie war der eigentliche Chef unseres Clans und hatte das Sagen, auch wenn es niemand zugeben wollte. Da meine Mutter arbeiten musste, um Geld zu beschaffen, managte sie das große Bauernhaus und ebenso den riesigen Garten, der die Grundlage unseres Lebensunterhaltes darstellte. Dazu kam noch die große Küche, in der sie, jedenfalls meistens, Befehle austeilte und auch kochte.
Gotte Lili, von mir so genannt, war nicht wirklich verwandt mit uns, aber sie war meine Taufpatin und stets willkommen bei mir, da ich zu den üblichen Festtagen immer schöne Geschenke von ihr bekam. Sie litt keine Not, war sie doch die Sekretärin des Chefarztes vom Spital in Olten. Obendrein war sie total verknallt in Onkel Arnold, aber dieser wollte nichts von ihr wissen, weil sie, wie er mir später erklärte, krumme Haxen hätte. Ich finde, er war ein Idiot, denn sie war außerordentlich hübsch und intelligent und er wäre mit ihr besser gefahren als mit der blonden Kuh, die er später heiratete und die ihn nur ausnahm wie eine Weihnachtsgans, um ihn dann im Alter abzuservieren.
Aber jeder machteben seine eigenen Fehler. Wenn bei Männern die Hormone wüten, ist das Gehirn außer Funktion, ich mache da keine Ausnahme, wie ich zu meiner Schande gestehen muss.
Großvater habeich leider nur schwach in Erinnerung. Ich kenne ihn eigentlich nur noch vom Altersheim „Ruttigerhof“am Stadtrand von Olten, in das man ihn abgeschoben hat wie ein altes Pferd. Auch war es nicht gerade für ein gutes Ambiente und eine fürsorgliche Pflege bekannt. Außerdem kam es mir auch nicht wohnlich vormit seinen vergammelten Linoleumböden und den verblichenen Wänden. Ich habe ihn ein paarmal zusammen mit Onkel Bernhard besucht und er hat mir leidgetan, denn ich habe gespürt, dass dies der falsche Platz war für ihn. Er fühlte sich wohl sehr einsam und Geld hatte er auch keines, um sich ab und zu in der nahe gelegenen Gaststätte einen zu genehmigen, außer wenn ihm Onkel Bernhard hin und wieder mal ein bisschen Geld zuschob. Und das kam nicht allzu oft vor, da er auch nicht auf Rosen gebettet war und eine Familie mit zwei Kindern zu versorgen hatte.
So möchte ich nicht enden und wer sich im Alter auf seine Kinder verlässt, kann, wie dieses Beispiel zeigt, böse Überraschungen erleben. Darum kann es wohl nichts schaden, wenn man seine Wünsche für das Alter beizeiten beim Anwalt regelt.
Mein Großvater muss ein richtiges Dorforiginal gewesen sein, der weder Gott noch den Teufel fürchtete. Stämmig, wie eben ein Dorfschmied sein sollte, und mit einem riesigen Schnauzbart versehen. Um ihn ranken sich ein paar Geschichten, die meine Großmutter mir erzählt hat. Diese gebe ich aber später zum Besten.
Dann wären da nur noch ein paar ferne Verwandte meiner Großmutter zu nennen. Sie wohnten alle in München oder Umgebung. Ich lernte sie nur flüchtig kennen, als ich einmal mit meiner Mutter einen Ausflug nach München machen durfte.
In guter Erinnerung ist mir aber das Hofbräuhaus geblieben mit seinen großen Biertischen und den Maßkrügen mit dem feinen Münchner Bier, das ich als kleiner Bub schon gerne mochte und davon ab und zu auch ein bisschen trinken durfte.
Meine Großmutter war, wie man es heute wohl bezeichnen würde, ebenfalls so ein Original wie ihr Mann, mein Großvater mütterlicherseits also. Diesen Dorfschmied und Rucksäcklibauern, wie wir in der Schweiz oft bösartig einige Leute bezeichnen. Gemeint sind darob die Freizeitbauern, die jeden Tag mit ihrem Rucksack unterwegs sind, um aus finanzieller Not einer zweiten Arbeit nachzugehen.
Ebenso einen hatte sie in Bayern, genauer gesagt in Reichenzhofen in Deutschland noch vor dem Zweiten Weltkrieg aufgetrieben. Über diese „spezielle“ Ehe kann ich nicht viel erzählen, da ich meinen Großvater, wie bereits berichtet, nur einige Male im Altersheim Ruttigerhof gesehen habe. Ein Heim, in das ihn seine Kinder, also meine Mutter und ihre zwei Brüder, das heißt meine Onkel Bernhard und Arnold, und nicht zuletzt seine Frau Anna Hufschmied-Funk abgeschoben haben. Das Altenheim war eine überaus hässliche Einrichtung und außerhalb von Olten am Ufer der Aare recht abseits gelegen. Es machte einen düsteren und bedrohlichen Eindruck auf mich. Dort waren die Leute niemandem mehr im Weg und durften in Ruhe auf ihr Ende warten. Im Innern des Altenheims roch es nach abgestandener Luft undaltem Linoleum.So sah es auch aus, nicht viel besser als ein Gefängnis von damals und wohl um einiges schlechter als ein heutiges Gefängnis.
Nun aber zu meiner Großmutter, zu meinem Opa kommen wir später noch.
Wie gesagt, meine Oma mütterlicherseits stammt aus Reichenzhofen und kommt aus einer Bauernfamilie. Sie war eine resolute Person und hatte unseren Haushalt gut im Griff. Als kleiner Bub habe ich vor allem ihre Lebensweisheiten zu schätzen gewusst, die sie jeweils bei passenden und manchmal auch unpassenden Gelegenheiten zum Besten gegeben hat.
So zum Beispiel: „Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht“, wenn ich etwas Verbotenes so lange getan hatte, bis ich endlich ein paar hinter dieOhren bekam.
Wenn ich schwimmen gehen wollte mit meinen Freunden, meinte sie: „Das Wasser hat keine Balken“, was übersetzt auch hieß, dass man durchaus auch ertrinken könnte, und somit war das Thema des Schwimmenlernens vorläufig abgehakt.
Einmal beschwerte ich mich beim Nachtessen über das Brot auf dem Tisch. Meiner Meinung nach war es zu hart und ich tat dies auch lautstark kund. Dazu meinte meine Großmutter nur: „Hartes Brot ist nicht hart, aber kein Brot ist hart.“ Diesen Spruch habe ich mir bis heute gemerkt und mich seither selten mehr über ein Essen beklagt.
Auch den Spruch: „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ hat sie oft verwendet. Ich habe ihn an meine Bedürfnisse angepasst: „Spare in der Not, dann hast du Zeit dazu.“
Eine Sammlung deftiger bayrischer Flüche hat sie mir ebenso beigebracht. Das heißt, sie hat sie mir natürlich nicht explizit beigebracht, ich habe sie einfach so mitbekommen, aber ich möchte auf selbige hier nicht weiter eingehen.
Als Beispiel kann ich nur nennen: „Hundsfot elendiger“, die Bedeutung war mirlange ein Rätsel, hingegen konnte ich mir unter„am Oasch leckst mi“ als Kind schon eher bildlich etwas vorstellen.
Meine Großmutter war eine sehr fleißige Frau und ich liebte sie heiß, was aber nicht verwunderlich war, denn ich verbrachte fast den ganzen Tag bei ihr auf unserem Bauernhof. Meine Mutter musste arbeiten, damit ein bisschen Geld in die Haushaltskasse floss. Sie war bei der Telefonverwaltung in Olten angestellt.
Trotz ihrer derben Art verwöhnte mich meine Oma, so gut sie eben konnte, nicht materiell, aber in Form von Zuwendung, die ich nötiger hatte und mehr zu schätzen wusste. Ich saß viel auf ihren Knien und sie erzählte mir Geschichten, auch gruslige der Gebrüder Grimm.
Sie verbrachte fast den ganzen Tag in ihrem geliebten Garten, der das Ausmaß eines kleineren Fußballplatzes hatte. Dort gab es immer viel Arbeit wie jäten, sähen, pflanzen, ernten und Kaninchen einfangen, falls wieder mal einem die Flucht vor der Pfanne gelungen war.
Ich half meiner Oma viel im Garten, fütterte unsere nahezu zwanzig Kaninchen, ärgerte den Kater, indem ich ihm eine leere Blechbüchse an den Schwanz band und er darauf wie von einer Tarantel gestochen kreuz und quer durch die Scheune raste, bis er endlich die verdammte Büchse wieder los war.
Oder ich machte Feuer im Garten und verbrannte Unkraut und alte Äste, die von unseren vielen Obstbäumenimmer reichlich anfielen. Wenn Großmutter dann noch ein Stück Wurst beisteuerte, das ich braten und essen durfte, war der Tag für mich perfekt.
So ganz nebenbei und spielerisch erlernte ich das Handwerk des Gartenbaus, auch wenn ich mir dessen nicht bewusst war.
Meistum 5Uhr am Nachmittag verschwand die Oma Richtung Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Sie war eine ausgezeichnete Köchin, und obwohl wir nur wenig Geld zur Verfügung hatten, bin ich heute noch überzeugt davon, dass wir besser und reichlicher gegessen haben als die meisten anderen Leute in unserer Umgebung. Es kam an Wochenenden nicht selten vor, dass die Großmutter am Sonntagmorgen um 6Uhr mit Kochen anfing, damit um 12Uhr mittags nach dem Kirchgang auch ja alles bereit fürs Mittagessen war.
Ich will hier nicht aufzählen, was jeweils aufgetischt wurde, denn wenn ich nur an die Gerichte und an die verschiedenen Düfte zurückdenke, tropft mir heute noch beim Schreiben der Speichel auf die Tastatur.
Wenn ich so zurückdenke, glaube ich, dass unsere heutigen Ernährungsapostel gar keine Ahnung mehr davonhaben, was gutes Essen wirklich bedeutet und welche angenehmen psychischen Zustände und Glücksgefühle darob hervorgerufen wurden.
Nicht selten kam auch Onkel Arnold am Wochenende zu Besuch und ließ sich verwöhnen. Er war ja Single und hatte niemanden, der ihn bekochte. Er verdiente zwar gut, ließ ich mir sagen, aber heimische Küche kann man eben nicht kaufen.
An ein Rezept, das sie besonders liebte und ich natürlich auch, kann ich mich noch gut erinnern. Die Großmutter hat das immer so gemacht:
Dampfnudeln mit Vanillesauce (4 Portionen)
Zutaten:
350 g Mehl
1 Backpulver
1 Prise Salz
25 g Zucker
1 Vanillezucker
2 Eier
200 ml Milch
1 TL Öl
Milch für die Pfanne
Für die Vanillesauce:
1 Ei
2 EL Zucker
1 Vanillezucker
1 gestrichener EL Stärkemehl
½ Liter Milch
Herstellung:
Mehl und Backpulver in einer Schüssel mischen. Salz, Zucker, Vanillezucker, Eier mit etwas Milch verquirlen, zusammen mit der restlichen Milch dazugeben und alles verrühren.
Die heiße hochrandige Pfanne mit Fett ausstreichen und ca. 1 cm hoch Milch hineingeben. Aufkochen lassen und 6–7 Häufchen Teig hineinsetzen. Einen gewölbten Deckel auflegen und auf kleiner Flamme ca. 25 min garen.
Für die Vanillesauce das Ei und den Zucker schaumig rühren, Stärkemehl dazugeben und glattrühren, Milch zugeben und unter ständigem Rühren aufkochen lassen.
*
Nach dem Abendessen saßen wir oft in der schummrigenKüche und meine Großmutter, kaffeesüchtig, wie sie war, schlürfte ihren schon zum dritten Malaufgewärmten Milchkaffee, der eigentlich fast den ganzen Tag auf der alten Herdplatte vor sich hin köchelte.
Ja, unser alter, alter Holzherd mit Wasserschiff war eine echte Antiquität und vor allem im Winter saupraktisch. Er diente nicht nur zum Kochenund sorgte dafür, dass wir fast rund um die Uhr heißes Wasser für unsere nächtlichen Bettflaschen hatten, nein, er beheizte auch unseren riesigen Kachelofen in der Stube, denn der noch vorhandene kleine gusseiserne Kanonenofen mit den elfenbeinfarbigen Kacheln hätte bei kaltem Wetter zum Heizen nicht ausgereicht. Wenn aber draußen der Föhn tobte, das heißt unser berühmt- berüchtigter warmer Wind, dann war oft der Teufel los. Dann hatte der alte Kamin des Bauernhauses keinen Zug mehr,das Feuer im Ofen kokelte nur noch vor sich hin und das Pech, dasan der Innenwand des Kamins klebte, begann sich zu verflüssigen und lief in der Küche aus der Kaminreinigungsklappe in Form einer schwarzen übelriechenden Brühe und bildete einen See auf dem Boden. Es roch dann,als würde man eine Straße frisch teeren. Alles, was Hände hatte, musste antreten, um mithilfe von alten Zeitungen den Teer aufzuwischen. Es war jedes Mal eine höllische Putzerei. Gott sei Dank waren solche Episoden relativ selten.
Ich war als kleiner Bub schon kein Frühaufsteher, aber dafür ein Spät-ins-Bett-Geher. Dies hatte wiederum zur Folge, dass ich die Schauermärchen und Gespenstergeschichten mitbekam, die meine Großmutter zu später Stunde zu erzählen pflegte. Wir wissen ja alle, dass es keine Gespenster und Geister gibt. Ich war mir dessen aber damals nicht sicher und heute schon gar nicht mehr, habe ich doch am eigenen Leib erfahren müssen, was es heißt, von selbigen geplagt zu werden.
Und nun folgt eine der Gespenstergeschichten meiner Großmutter:
*
Mein Großvater hatte einen Bruder, der auch auf dem Hauenstein – dem kleinen Pass über den Jura von Trimbach ins Baselbiet – als Kleinbauer sein Leben fristete. Bauernhof konnte man zu dem Gehöftchen eigentlich nicht sagen, es war eher ein Kleinstbauernhof mit integrierter Schwarzbrennerei, in der mein Großvater der beste Kunde war. Amadeus hieß der Bruder, wurde aber nur Amade gerufen.
Im Hochsommer verdiente er sich ein Zubrot, indem er giftige Juravipern fing, diees damals noch reichlich gab. Dies bewerkstelligte er geschickt mit einem Haselstock, dervorne eine kleine Astgabel hatte. Sah er eines der Schlängelviecher, so klemmte er die Schlange hinter dem Kopf auf den Boden und hob sie gleichzeitig am Schwanz hoch. Da sich die Schlange aus eigener Kraft nicht hochziehen konnte, war sie gefangen und konnte auch nicht beißen, immer vorausgesetzt, man hielt sie weit genug vom Körper weg. Dann wanderte die Viper in einen Kartoffelsack, den er dann, sobald er genug der Tierchen beisammenhatte, in Olten bei der Sammelstelle gegen gutes Geld ablieferte. Die Schlangen kamen anschließend ins Basler Seruminstitut, in dem aus ihrem Gift Serum gegen Schlangenbisse und andere Medikamente fabriziert wurden. Man sieht, unsere Familie war schon früh in der pharmakologischen Industrie tätig, wenn auch nur am Rande.
Nach einer solchen Schlangenlieferung pflegte sich Amade, im Wirtshaus „Zum Ratskeller“ in Olten ein bisschen mit Speck und Wein zu stärken. Bald zog er, da es schon dunkelte und ein Gewitter im Anzug war, Richtung Hauenstein weiter.
Nach einer halben Stunde hatte er das Dorf Trimbach hinter sich gelassen, der Weg begann anzusteigen und ging als steiler Waldweg weiter hoch Richtung Pass.
Amade benutzte immer diese alte Römer-Straße, die zeitweise wie eine ganz schmale Schlucht aussah und an gewissen Stellen nicht breiter als vier Meter war. Man sieht heute noch an bestimmten Stellen links und rechts im Fels ausgeschlagene Vierecke, an denen früher die Römer Balken befestigt hatten, damit sie ihre schweren Ochsenkarren mithilfe von langen Seilen und eben diesen Balken die Schlucht hochwuchten konnten, wenn die Ochsen die Steigung nicht mehr alleine schafften.
Inzwischen hatte das Gewitter losgelegt und war nun voll im Gange.Blitz und Donner kamen fast gleichzeitig und Amade fühlte sich wie im Vorhof der Hölle. Er war nur noch wenige Meter vom Ausgang der Schlucht entfernt und sah schon im Licht der Blitze das freie Feld, an dessen Ende sein kleiner Bauernhof stand. Da knallte es fürchterlich und ein zischender Blitz, der mit Getöse nicht weit entfernt von Amade in eine Eiche schlug, blendete ihn so stark, dass er einen langen Moment nichts mehr sah.
Als sich seine Augen wieder an die herrschenden Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, sah er, nicht weit weg von seinem Standort eine Gestalt auf dem steilen Waldweg liegen. Zögerlich trat er darauf zu und erblickte einen sehr alten Mann. Dieser streckte ihm seine knochige Hand entgegen und sprach:
„Amade, hilf mir auf!“
Amade fühlte, wie eine eisige Kälte langsam seinen Rücken herunterkroch, und blieb abrupt stehen.
Wieder streckte die Gestalt ihre Hand aus und rief:
„Amade, um der Barmherzigkeit willen, hilf mir auf!“
Amade packte das Grauenund er sprach zu der Gestalt:
„Jener, welcher dich hier hingeworfen hat, soll dir auch wieder aufhelfen.“
Gleichzeitig schlug die Glocke des nahen Kirchleins Ifental 12Uhr Mitternacht und die Gestalt war so plötzlich verschwunden, wie sie aufgetaucht war.
Amade hatte es nun ausgesprochen eilig, nach Hause zu seiner Frau zu kommen, die immer noch mit dem Abendbrot wartete.
Eine Viertelstunde später trat er in seine Stube und wollte den Vorfall seiner Frau berichten. Diese aber sperrte nur das Maul auf und sah ihn an wie einen Geist.
„Was ist los, habe ich zwei Köpfe?“, wollte Amade wissen.
Seine Frau deutete nur auf den alten Wandspiegel, ohne dass sie auch nur ein Wort hätte sprechen können.
Amade ging hin und schaute hinein. Nun blieb ihm ebenfalls das Maul offenstehen. Sein Haar, am Morgen noch schön schwarz, war mit einem Schlag schlohweiß geworden und so blieb es auch in Zukunft.
*
Da soll man bei diesen Geschichten als Kind nachts noch schlafen können!
Das Schlafen ist die eine Sache, aber allein aufs Klo gehen eine andere. Und so konnte ich dies des Nachts auch nicht mehr, denn um selbiges zu erreichen, war ich gezwungen, von der Küche beginnend den Hausgang zu durchqueren, um dann durch eine alte Tür in die Scheune einzutreten. Die Scheune hatte zwar ein Totenlichtlein, voller Spinnweben, aber das Klo lag am Ende der Scheune und das war in der Nacht für mich eine Wanderung durch die Hölle. Mit Mutter oder Großmutter im Gefolge war das keine Sache, musste ich aber alleine gehen, war es eine Tortur für mich und ein Spießrutenlaufen.
Das erste Stück rannte ich meist, konnte es mir aber doch nicht verkneifen, mich in der finsteren Scheune umzusehen, und hol’s der Teufel, gab es da Gegenstände, die laufend ihre Form veränderten. Es waren meist fürchterliche Fratzen, diemich angrinsten. Zuerst dachte ich, das sei Illusion, also schaute ich weg. Als ich aber wieder hinsah, waren die Dinger immer noch da. Das war zu viel für mich. Schreiend raste ich wieder in die Küche zurück und wartete, bis sich jemand meiner erbarmte und mit mir aufs Klo ging, obwohl ich mit meinen Geschichten nur Kopfschütteln erntete.
Und so konnte meine Großmutter ihre Gruselgeschichten, eine nach der anderen, an den Mann und die Frau bringen. Obwohl streng katholisch erzogen, glaubte sie an Hexen und Flüche und hatte Unmengen Beispiele dafür.
So auch dieses aus früherer Zeit, als meine Mutter noch mit Großmutter in dem kleinen Bauerndorf in Deutschland lebte:
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Meine Mutter ging damals ins Lyceum, so eine Art höhere Töchterschule. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund wurde meine Mutter plötzlich krank, aber niemand fand den Grund der Krankheit heraus und es wollte sich auch keine Besserung einstellen. In ihrer Not besuchte die Großmutter eine Heilerin, die nach Aussage der Leute im Dorf mehr konnte als nur Kräuter verkaufen.
Sie berichtete der Frau über die Krankheit ihrer Tochter.
„Deine Tochter ist nicht krank“, sagte diese, „jemand hat deine Tochter mit einem bösen Fluch belegt.“
Sie trug meiner Großmutter auf, einen Laib Brot zu nehmen und ein Messer in den Laib zu stecken. Dann solle sie das Brot unter das Kopfkissen ihrer Tochter legen, bevor sie schlafe. Anderntags würde eine Nachbarin kommen und sie um Brot bitten, aber sie solle ihr ja nichts geben, denn das sei die Frau, die ihre Tochter verflucht habe.
Meine Großmutter schüttelte den Kopf, tat aber, was ihr aufgetragen wurde.
Am nächsten Tag gegen Mittag kam prompt eine Nachbarin und bat um Brot, da ihr selbiges im Moment ausgegangen sei.
Meine Großmutter schimpfte sie eine verdammte Hexe und jagte sie aus dem Haus.
Zwei Tage später war meine Mutter wieder gesund, als wäre nie etwas gewesen.
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Wahr oder nicht wahr – ich kann es nicht beurteilen.
Das gibt wohl das kürzeste Kapitel in diesem Buch. Ich kann nicht behaupten, dass ich meinen Vater je wirklich gekannt habe, ich meine gekannt im eigentlichen Sinn. Gefehlt hat er mir oft, vor allem wenn ich betrübt feststellen musste, dass die Väter meiner Schulkollegen voll und ganz hinter ihren Kindern standen, oder wenn ich, wie so oft, in der Schule geplagt, verprügelt oder gehänselt wurde. Ich konnte ja nicht gut sagen: „Ich sag’s zu Hause meiner Mutter“, damit hätte ich den Rest meines spärlichen Kredits, den ich überhaupt noch hatte bei meinen Schulkameraden, total verspielt.
Ganz besonders galt dies auch für Onkel Bernhard und meine beiden Cousins Erwin und Franz, die mich doch immer merken ließen, dass ich nur die zweite Wahl war in unserem Dreiergespann. Dass mein Onkel seine Kinder bevorzugte, war ja klar, wenn es ihm wahrscheinlich auch nicht bewusst war, aber es versetzte mir immer einen Stich in die Herzgegend, wenn man mich wieder einmal merken ließ, dass ich eben nur in der zweiten Liga spielen durfte.
Mein Vater hatte meine Mutter verlassen, als ich noch keine zwei Jahre alt war, aus welchem Grund auch immer. Aus meiner heutigen Sicht würde ich wohl sagen, dass beide Teile ihren Beitrag dazu geleistet haben. Allerdings hatte mein Vater ziemlich sicher schlechte Karten gezogen und einen schweren Stand neben meiner Großmutter und dem ganzen Clan auf unserer Seite, der wie Pech und Schwefel zusammengehalten hat. Und da dieser Clan auch erzkatholisch war, wurde über Sex nur hinter der vorgehaltenen Hand gesprochen…, wenn überhaupt. Wie dem auch sei, ich kann dazu nicht viel sagen.
Meine Großmutter hat mir erzählt, dass der Vater meines Vaters in Italien ein bekannter Baumeister sei, allerdings auch ein honoriges Mitglied der Mafia. Es begab sich, dass der Großvater in Varese eine ganze Häuserzeile bauen musste, allerdings „vergaß“ er, genügend Zement in den Mörtel zu mischen, woraufhin einige der Häuser zusammenfielen. Großvater musste bei Nacht und Nebel Italien fluchtartig verlassen. Er war kein armer Mann und kaufte sich ein kleines, schlossartiges Haus in Oftringen, in der Schweiz. Jedes Mal, wenn ich mit der Eisenbahn Richtung Zürich fuhr, sah ich das Haus mit den Türmchen, das in der Nähe der Bahngleise stand.
Der Großvater hatte auch zwei Frauen, die im gleichen Haushalt lebten. Nebst seiner Ehefrau lebte da noch eine Pianistin, die seine Mätresse war. Scheinbar kamen die beiden Frauen gut miteinander aus und es gab keine nennenswerten Probleme.
Mein Vater lernte den Beruf des Elektrikers und nach dem Tod seines Vaters zog er als Betriebselektriker nach Zurzach und arbeitete in der Sodafabrik.
An meinem dreißigsten Geburtstag hatte meine damalige Frau Erna meinen Vater und seine Frau ausfindig gemacht und die beiden zu meiner Geburtstagsparty eingeladen. Erna dachte wohl, sie würde mir mit dieser Überraschung eine Freude machen.
Eine Überraschung war es allerdings, eine Freude meinerseits eher weniger. Die Frau meines Vaters war langweiliger als jede Schlafpille. Ihr Rufname war Dorli und der Name war sicher abgeleitet vom französischen Wort „dormir“, das nichts anderes als „schlafen“ bedeutet. Jeder zweite Satz, der ihr über die Lippen kam, hatte den Inhalt: „Huuu, gibt das viel Arbeit“. Ob kochen, putzen, waschen, denken, alles war da eingeschlossen. Ich bin heute noch der Meinung, dass sie wahrscheinlich nicht einmal wusste, wie man „Arbeit“ schreibt, aber vielleicht tue ich ihr auch unrecht, lassen wir das also ...
Wie gesagt, wir feierten meinen dreißigsten Geburtstag. Es gab unter anderem Filet im Teig, eine meiner Leibspeisen, und noch viele andere Köstlichkeiten. Meine Frau Erna war eine hervorragende Köchin.
Es gab während des Essens ein kürzeres Geplänkel, mein Vater wollte unbedingt, dass ich ihn mit „Vater“ anreden sollte, aber das lehnte ich vehement ab. Ich blieb stur bei „Albert“, denn ich sah nicht ein, warum ich zu einem Mann, der sich nie um mich gekümmert hatte, plötzlich „Vater“ sagen sollte. Er hatte ja nicht einmal den Unterhaltsbeitrag für mich bezahlt. Gut, meine Mutter hatte einmal so nebenbei bemerkt, dass sie auf die Unterhaltszahlungen verzichtet habe, was ich zum heutigen Zeitpunkt auch nicht mehr richtig finde, denn es war eigentlich mein Geld, was sie ausgeschlagen hatte. Ich wurde nie nach meiner Meinung gefragt. Abgesehen davon hätte ich das Geld gut für meine Ausbildung verwenden können, denn wir waren nicht auf Rosen gebettet und mussten für meine Weiterbildung beim Kanton um ein Stipendium nachfragen.
Nach dem Essen wollten wir unserem „Besuch“ noch etwas Besonderes bieten. Da schönes Wetter herrschte, fuhren wir alle zusammen mit unserem Auto auf die Froburg. Durch Olten führte die Straße nach Trimbach, wo ich aufgewachsen bin. Eigentlich ein Provinzkaff, meiner Meinung nach. Von da aus ging es weiter auf den Hauenstein, das ist ein kleiner Pass, der ins Baselbiet führt und den – wie schon gesagt – die alten Römer ebenfalls benutzt haben.
Oben angekommen führt rechts eine steile Straße hoch, an deren Ende man die Ruine Froburg erreicht. Außer der Ruine gibt es noch ein Hotel und einen angeschlossenen Gutshof. Es ist eine außerordentlich schöne Gegend zum Spazieren, was wir dann auch umgehend in Angriff nahmen.
Keinen Steinwurf entfernt vom Gutshof befand sich ein großes Gehege mit schönen Pferden, die sich am herrlichen Wetter und am saftigen Gras erfreuten. Mein Vater entpuppte sich als versierter Pfeifenraucher und stopfte seinen Kübel mit Tabak. Dann blickte er auf die Pferde, die unsere Kinder mit langen Löwenzahnblätter zu füttern versuchten, und sprach zu den Kindern:
„Jetzt müsst ihr einmal schauen, was ich Lustiges mache!“ Daraufhin langte er nochmals in seinen Tabaksbeutel und reichte dem Pferd eine Priese Tabak, bevor ich intervenieren konnte.
Das Pferd versuchte zuerst, den Tabak zu fressen, als es aber merkte, was das für ein scheußliches Zeug war, versuchte es, den Tabak wieder loszuwerden. Es bog den Kopf auf alle Seiten und zog seine Lippen fast bis zu den Ohren zurück, was zugegebenermaßen ungewöhnlich komisch aussah und den Kindern Eindruck machte. Da das Pferd den Tabak in seinem Maul mangels Zahnbürste nicht so schnell loswurde, verzog es sein Pferdegesicht und machte die unglaublichsten Grimassen. Mein Vater war aber wohl der Einzige, der diesen Zirkus wirklich lustig fand. Wir, das heißt die ganze Familie, sind sehr tierliebend und haben für solch primitiven Scherze sehr wenig Verständnis.
Ich dachte für mich: Was für ein blödes Arschloch ist mein Vater. Im Nachhinein denke ich, dass ich es ihm eigentlich hätte sagen müssen.
Der Rest des Spaziergangs verlief relativ einsilbig, ebenso wie der Rest des ganzen Nachmittags und ich war froh, als mein Vater und seine Angetraute wieder im Zug von Olten nach wohin auch immer saßen. Ich war enttäuscht, frustriert und wütend, dass mein Vater nicht so war, wie ich ihn mir all die Jahre vorgestellt hatte: eine charakterstarke Respektsperson. Plötzlich schien mir, dass ich eigentlich ein Glückspilz war, ohne diesen Vater aufgewachsen zu sein.
Ich bin nun geheilt und vermisse meinen Vater nicht mehr, besser gesagt nicht DIESEN Vater, ein anderer Vater wäre mir stets sehr willkommen gewesen. Da man sich seine Eltern aber bekanntlich nicht aussuchen kann, lassen wir es damit bewenden.
Durch Zufall erfuhr ich, dass mein Vater in der gleichen Fabrik wie mein Schwager Peter, der Schindler AG, arbeitete. Ganz Zufall war es nicht, denn mein Schwager war in dieser Firma Vizedirektor und oberster Personalchef.
Vier Jahre nach meinem dreißigsten Geburtstag bekam ich Post von der Gemeinde Ebikon. Man teilte mir mit, dass mein Vater gestorben sei. Als Beilage erhielt ich eine Kopie der Testamentseröffnung. Die Gemeinde fragte mich, wohin sie die achttausend Franken senden sollen, die mir zustehen würden. Da klingelte bei mir ein Glöcklein, ein Alarmglöcklein. Ich wusste, dass mein Vater kein armer Mann gewesen war. Er hatte ein Haus und eine wertvolle Briefmarkensammlung, das zumindest wusste ich, da er dies selber an meinem Geburtstag erzählt hatte. Wenn ich schon keine Alimente bekommen hatte, wollte ich wenigstens jetzt für meinen gerechten Anteil kämpfen.
Ich suchte in Olten unseren Anwalt auf, der uns schon oft gute Dienste geleistet hatte, und klagte ihm mein Leid. Er fuhr daraufhin in meinem Auftrag nach Ebikon und intervenierte auf dem Erbschaftsamt. Siehe da, nach zwei Wochen bekam ich einen neuen Brief und mein Anteil hatte sich von achttausend auf sechsundachtzigtausend Franken wundersam vermehrt. Obwohl ich sicher war, dass mein Erbe sicher noch um einiges größer war, akzeptierte ich den unverhofften Geldsegen und freute mich mit meiner ganzen Familie darüber. Damit war für mich dieses Kapitel abgeschlossen.
Von seiner Frau habe ich nie wieder etwas gehört. Auf Umwegen habe ich aber vernommen, dass sie zu ihrer Schwester gezogen sei und von dieser total beherrscht werden würde. Somit war mir klar, wo der Rest der Erbschaft hinwanderte. Was solls… Geld kann man jederzeit selber verdienen. Wenigstens das habe ich gelernt.
Meine Mutter, Jahrgang 1918, sah gut aus. Man kann sagen, sie war, den alten Fotos nach zu urteilen, eine richtige Schönheit gewesen. Aufgewachsen natürlich auch auf dem Hauenstein, in dem alten windschiefen Bauernhäuschenmit angebauter Schmiede. Zusammen mit ihren zwei Brüdern Bernhard und Arnold ging sie in Ifental in die Primarschule.
Ifental ist ein schön gelegener Weiler, inmitten des Juras eingebettet. Das kleine Kirchlein von Ifental ist mittlerweile ein Wallfahrtsort für heiratswillige romantische Pärchen, weshalb es heutzutage eine sehr lange Warteliste gibt, wenn man im Kirchlein von Ifental heiraten will.
Bald darauf zog die ganze Familie nach Reichenzhofen in Bayern, weil sich mein Großvater erstens ein besseres Leben erhoffte und zweitens, weil meine Großmutter aus dieser Gegend stammte. Die Familie bewirtschaftete dort ein kleines Bauerngut oder versuchte es wenigstens. Aber als Kleinbauer wird man nicht reich, weder in Bayern noch in der Schweiz.
Meine Mutter besuchte inzwischen wie gesagt die höhere Töchterschule, dort Lyceum genannt und tat sich bald wegen ihrer großen Sprachbegabung hervor. Als sie später in Lausanne beim Arzt Dr. Nebel als Sekretärin arbeitete, sprach sie bereits fließend Deutsch und Französisch, und das so gut, dass selbst Franzosen meinten, sie sei eine der ihren. Englisch sprach sie ebenfalls fließend und die italienische Sprache war ihr auch nicht fremd. In der heutigen Zeit hätte sie wohl in einer Verwaltung eine steile Karriere gemacht. Aber damals war man halt noch der Auffassung, dass eine Frau in die Küche und an den Herd gehörte. Es soll selbst heute noch solchverbohrte Individuen geben, die das immer noch glauben.
Nun, der Zweite Weltkrieg stand vor der Tür und mein Großvater hatte weder mit Adolf noch mit Krieg etwas am Hut. Also verkauften sie das kleine Bauerngut und zogen wieder in die Schweiz. Durch einen glücklichen Zufall und dank der Hilfe von Freunden bot man ihnen ein altes Bauernhaus mit Schmiede und einem großen Umschwung in Trimbach bei Olten an. Das war das Haus, in dem ich aufwachsen sollte.
Onkel Bernhard hatte eben die Aufnahmeprüfung bei der Bundesbahn bestanden und Onkel Arnold hatte sein Studium beendet und bekam eine Stelle in Genf beim Gericht. Meine Mutter erhielt eine Stelle in Olten beim Telefonamt. Also pilgerte meine Mutter jeden Tag nach Olten auf das Telefonamt, um Verbindungen zu stöpseln und damit unsere kleine Familie über Wasser zu halten.
So richtete sich die Familie langsam ein und jeder schaute für jeden und so gut es ging alle zusammen für Großmutter und Großvater. Bei uns war der Familiensinn noch vorhanden und jeder kümmerte sich um den andern, auch wenn manchmal der Teufel los war und es dannund wann einen tüchtigen Streit gab. Am Ende saßen alle wieder friedlich in der Küche des alten Bauernhauses und tranken zusammen Kaffee.
Die Ehe meiner Mutter, die nur kurze Zeit hielt, hatte bei ihr Spuren hinterlassen. Die eine Spur war ich, die andere Spur zeigte sich in Form von schweren Depressionen, die sie von da an einLeben lang begleiteten und immer wieder Kuraufenthalte notwendig machten. Die Ärzte verschrieben ihr Pillen, die vor allem den Herstellern der Pillen Gewinn brachten, meiner Mutter jedoch kaum eine Verbesserung.
War sievorher schon sehrkatholisch, so flüchtete sie sich nun in eine religiöse Hyperaktivität, die schon an Fanatismus grenzte und dermit realen Argumenten nicht mehr beizukommen war. Ein Vergleich mit den heutigen konservativen Islamisten wäre wohl nicht ganz falsch. Gleichzeitig versuchte sie, mich nun dauernd mit ihren religiösen Thesen zu bekehren, ermahnte mich dauernd und hielt mir Predigten. Ein großes Problem war, dass sie die Bibel wörtlich auslegte.Ich dagegen war der Meinung, dass die Geschichten der Bibel nur Gleichnisse, also Beispiele, sozusagen Rezepte fürs Leben darstellten. Einerseits wollte ich meine Mutter weder beleidigen noch verletzen, aber ihre Aktionen bewirkten, dass ich mich immer weiter vom Katholizismus entfernte.
Ich sah fast täglich, dass sich letzten Endes bis auf wenige löbliche Ausnahmen alles nur ums Geld drehte, und diesauch in der vielgelobten katholischen Kirche. Wie konnte es sonst sein, dass es offensichtlich sehr arme Leute bei uns gab, der Pfarrer hingegen wohnte in einem riesigen Pfarrhaus und besaß einen gewaltigen Weinkeller. Eine Pfarrköchin sorgte für ihn und ein Vikar erledigte das Grobe. Es ist natürlich werbewirksamer, das sonntags in der Kirche eingesammelte Geld an den Bischof und von da aus direkt weiter an den Vatikan zu schicken, als es unter den Armen im eigenen Dorf zu verteilen. So sammelt jeder seine Bonuspunkte und der Vatikan wird noch reicher, als er es so schon ist. Schlussendlich dient das Geld nicht den Bedürftigen, sondern nur dem Erhalt der Macht, wie überall auf der Welt.
Aufgrundsolcher Themen hatte ich oft furchtbaren Streit mit meiner Mutter, denn wenn ich etwas nicht akzeptieren kann, sind es die kleinen und die großen Ungerechtigkeiten dieser Welt und das Vorschieben fadenscheiniger Argumente, um ein unlauteres Ziel zu erreichen, wie zum Beispiel im Namen der armen Leute Reichtümer anzuhäufen.
Wir lebten also nebeneinander her wie Hund und Katze und meine Mutter schien mir immer unnahbarer. Es fiel uns zum Beispiel sichtlich schwer, uns gegenseitig zu umarmen, deshalb ließen wir es meist bleiben. Die ganze Sache ging so weit, dass ich allen Ernstes als Kind oft dachte, meine Mutter sei gar nicht meine richtige Mutter und ich sei im Spital verwechselt worden. Dazu trugen auch meine Träume bei, besonders einer:
Ich befand mich in der Scheune auf der Heubühne. An deren Ende war eine uralte Holztür, durch die ich nun schritt. Hinter der Tür befand sich ein sehr großer Raum, vollgefüllt mit antiken Gegenständen. Besonders ein großer weißer Flügel mit antikem Blumenmuster im Jugendstilhatte es mir angetan und ebenfalls eine alte, mehrmanualige wunderschöne Orgel. Auch ein Spinett und andere Instrumente standen angestaubt herum. Ich wollte alles putzen und wiederherrichten,aber dann erwachte ich an dieser Stelle jedes Mal.
Nun, das Verrücktedaran war, dass ich diesen Traum immer wieder träumte, und zwar exakt gleich. Derselbe Raum, dieselbe Tür, dieselben Instrumente und ich wurde jedes Mal fast verrückt, wenn ich wieder erwachte und meinte, ich müsse alles nochmals kontrollieren im alten Bauernhaus.
Ebenso hatte ich manchmal noch einen zweiten Traum, der sich ebenfalls oft wiederholte:
Wir besaßen in meinem Traum noch zwei weitere Häuser, die ich immer wieder besuchte und die ich so gut kannte, dass ich sie noch heute zeichnen könnte. Das eine war ein sehr herrschaftliches Gebäude mit einem riesigen Wohnzimmer, durch dessen Tür ich einen riesigen Flügel erkannte und irgendwoim Hintergrund war meine Mutter zu sehen, die meinen Namen rief. Das andere war ein großes langgestrecktes Einfamilienhaus, das oberhalb eines kleinen grünen Hanges lag. Es hatte sehr große Räume, war relativ neu und hatte ein schönes Giebeldach.
Diesen Traum träumte ich immer und immer wieder und beim Aufwachen dachte ich: Ach, ich verkaufe das Haus, ich brauche es ja nicht – bis ich realisierte, dass ich ja nur geträumt hatte. Vielleicht war ich schon ein bisschen verrückt von der vielen Träumerei. Auch war mir klar, dass ich in meinen Träumen kein armer Wicht war, sondern aus reichem Haus kommen musste… Träume eben!
Onkel Bernhard oder auch Benni, wie er allgemein gerufen wurde, war ein typischer Ehemann und Handwerker, zuverlässig und fast immer freundlich zu allen Leuten. Seine Frau Erna, meine Tante, wurde Erni gerufen. Aufgewachsen in Landschlacht am Bodensee, als Tochter einer Bauern- und Berufsfischerfamilie, war sie von Gestalt hager, energisch und mit einer schrillen Stimme ausgerüstet.
Die beiden wohnten mit ihren beiden Söhnen Erwin und Franz ein paar Steinwürfe von uns entfernt. Da mein Vater nicht mehr bei uns wohnte, teilte sich der Rest der Verwandtschaft meine Erziehung und jeder wusste es besser, was jeweils zu tun war.
Onkel Bernhard war für die alltäglichen Belange wie den Unterhalt unseres alten Bauernhauses, Reparaturen und schwere Gartenarbeiten wie Bäume fällen und Holz spalten zuständig.
Tante Erni gefiel es gar nicht, dass Onkel Bernhard bei uns ein und aus ging, sie mochte weder meine Großmutter noch meine Mutter besonders, was, wie schon gesagt, auf Gegenseitigkeit beruhte und manchmal mit spitzen Bemerkungen unterstrichen wurde.So blieben dauernde Sticheleien und Gehässigkeiten auf beiden Seiten nicht aus. Ich selber litt allerdings darunter nicht sehr, denn ich ergriff natürlich immer Partei für meine Mutter und für Großmutter.
Ich wuchs mit meinen Cousins fast wie mit zwei Brüdern auf, außer dass wir eben nicht am selben Ort wohnten. Eines wurde mir aber zwischendurch immer wieder schmerzlich klar: Onkel Bernhard war nett zu mir, aber halt nicht mein Vater und diesen vermisste ich schon. Manchmal bewusst und manchmal wohl eher im Unterbewusstsein.
Onkel Bernhard arbeitete bei der Bahn und bekam deshalb Freikarten und konnte ganz umsonst Eisenbahn fahren. Ich durfte oft mit und dann ging es in die Heidelbeeren irgendwo in der Innerschweiz. Im Herbst in die Pilze oder auch manchmal ohne Bahn in die Walderdbeeren, die auch in unserer Region reichlich wuchsen. Es war immer ein Highlight, wenn ich mit meinen Cousins im Wald herumtoben konnte. Anschließend entfachten wir meist ein Feuer, brieten Würste und Kartoffeln, ließen es uns also gut gehen.
Onkel Bernhard ging auch oft ins Schwimmbad mit seinen Kindern. Ich dagegen war ein überaus ängstlicher Knabe und nahm an sportlichen Aktivitäten selten teil. Meine Mutter und meine Großmutter hatten immer Angst, es könnte mir etwas passieren und dank dieser negativen Grundhaltung lernte ich weder Schwimmen noch ordentlich Skifahren. Um es auf den Punkt zu bringen: Sport war bei mir zu Hause kein Thema.
Onkel Bernhard und sein Bruder Arnold mochten einander oder auch nicht, so genau wusste man das nie. Ich glaube, es war eher eine Art Hassliebe. Ich denke, auch Erni hatte Probleme mit Arnold, war er doch studiert und Bernhard eben nicht. Das verursachte eine gewisse Eifersucht.
Auf jeden Fall hörte ich meine Tante, wie sie oft giftete, wenn man auf Arnold zu sprechen kam und er nicht anwesend war. Kam Arnold zu Besuch, vergaß er nie, ein paar passende Bemerkungen zu machen, die seine geistige Überlegenheit deutlich hervorhoben. So standen die beiden Brüder in ständigem Kampf, wer wohl der Intelligentere war. Ich wusste auch nicht, wer der Intelligentere war. Aber ich wusste, wer der Schlauere war, und das war nicht mein Onkel Arnold. Man munkelte auch, Arnold hätte Bernhard bei derBewerbung und Aufnahmeprüfung bei der Eisenbahn tüchtig unter die Arme gegriffen und für ihn unter anderem das Bewerbungsschreibenverfasst. Aber geredet wird ja viel.
Ich denke heute, dass beide nicht besonders glücklich waren. Bernhard war bei seiner Frau unter der Knute und Arnold war ein Einzelgänger, der sich zu Höherem berufen fühlte, aber dazu reichte es halt doch nicht ganz. Auch wenn man mit einem Professor per Du ist, heißt das noch lange nicht, dass man auch in der gleichen Liga spielt.
Für mich spielte solches Geschwätz keine Rolle. Ich freute mich immer, wenn Onkel Bernhard auf unserem stillgelegten Bauernhöfchen mitten im Dorf Bäume fällte, Holz sägte und spaltete oder irgendetwasreparieren musste. Es kam auch schon mal vor, dass wir mit dem langen Schöpfer in der Jauchegrube Großmutters Brille suchen mussten, die ihr dummerweise ins Klo gefallen war. Wir fanden sie auch immer wieder in der stinkigen Grube. Bei allen Arbeiten war ich oft der Handlanger meines Onkels und ich lernte dabei viel, denn faul war ich meist nicht.
Er war der absolute Superstar in unserer Verwandtschaft. Man kann sagen, meine Mutter und meine zwei Onkels waren drei Geschwister, die wie Pech und Schwefel zusammenhielten.
Auch Onkel Arnold wuchs auf unserem kleinen Bauernhof auf dem Hauenstein auf. Leider war er schon in jungen Jahren zeitweise sehr krank, denn er hatte furchtbare Asthmaanfälle. Manchmal litt er dermaßen unter Atemnot, dass mein Großvater ein großes Brett neben den Misthaufen schleppte, wo sich Arnold dann darauflegte und nach Atem rang. Meine Großmutter erzählte mir später einmal, dass der Arzt gesagt hätte, als er vorbeikam, um zu helfen: „Ich wollte, er wäre ein Tier, dann könnte man ihn erschießen.“
Es gab aber Gott sei Dank auch gute Zeiten, in denen er auf dem Hof helfen oder für die Schule, dieer oft krankheitshalber nicht besuchte, lernen konnte. Dass er sehr intelligent war, stand außer Zweifel.
Arnold war der Einzige in unserer Verwandtschaft, der studieren konnte und, wie mir später erzählt wurde, fließend Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch, Latein und Altgriechisch sprechen konnte. Seine gute Schulbildung war aber auch immer, wie schon bemerkt, ein Grund für einen lebenslangen Konkurrenzkampf zwischen ihm und seinem Bruder Bernhard, der es nicht so mit der Schulbank hatte, aber dafür handwerklich umso geschickter war. Arnold studierte jedenfalls Jura in Bern, jedoch ohne je mit dem Doktortitel abzuschließen.
Ich vermute, dass wieder einmal Geldmangel die Ursache dafür war. Kaum gab es die Gelegenheit, etwas zu verdienen, mussten die drei Geschwister ihre Eltern finanziell unterstützen, denn der Bauernhof und die Hufschmiede gaben nicht viel her. Mein Opa trank auch ab und zu ein Gläschen, manchmal auch eines zu viel, was die finanzielle Lage nicht unbedingt verbesserte. Oft traf er sich mit seinem Bruder Amade in der Kneipe „Zur Sonne“ und meine Großmutter musste ihn spät abends heimdirigieren. Auch wenn ein Kunde in die Schmiede kam und seine Schmiedekunst dringend benötigte, musste sie ihn holen. Er trickste meine Großmutter regelmäßig aus, indem er den Wirt bat, er solle ihm ein bisschen Rotwein ins Schnapsglas mischen. Meine Großmutter meinte natürlich immer, ihr Alter würde Wein trinken…, aber es war eben ein Hochprozentiger.
Nun, Onkel Arnold leistete reichlich Militärdienst bei den Gebirgstruppen, was seinem Hobby, dem Bergsteigen und Klettern, sehr diente und ihm schlussendlich auch noch die Beförderung zum Fourier einbrachte. Der Fourier ist im Militär eine absolute Schlüsselposition, denn dieserkauft das Essen ein und verteilt den Sold, er ist sozusagen der Säckelmeister.
Ab und zu, wenn Onkel Arnold nach Hause kam, füllte er die Bestände unserer Speisekammer mit allem, das die Armee zu bieten hatte, auf. Biskuits, auch Bundesziegel genannt, weil sie so hart wie Dachziegel auf dem Berner Bundeshaus waren. Fleischdosen, Büchsen mit Käse, Seife, Schreibpapier, Bleistifte und noch vieles mehr. Auf gut Deutsch: Er klaute wie ein Rabe, und wäre ihm die Armee je auf die Schliche gekommen, so säße er wohl heute noch im Gefängnis. Viele dieser Schätze wurden in unserer Scheune auf dem Heuboden gelagert und von Zeit zu Zeit durchstöberte ich das „Warenhaus“. Ich bediente mich ein bisschen an dem Überfluss und verkaufte mein Raubgut in der Schule an meine Freunde.
Onkel Arnold, von mir nur Götti genannt, arbeitete nun als Jurist bei der Armee im Generalstab, zuerst in Genf, danach im Bundeshaus in Bern. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mich meine Mutter einmal mitgenommen hatte. Wir machten einen Ausflug nach Bern ins Militärdepartement, in dem Onkel Arnold arbeitete. In den heiligen Hallen und Gängen wimmelte es nur so von Divisionären, Majoren, Obersten und sonstigen hochrangigen Beamten. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und grüßte alle ganz höflich. Die hohen Beamten waren eigentlich ganz freundlich, wenn auch einige davon ein bisschen versoffen aussahen. Anschließend durfte ich mit meiner Mutter in Bern einkaufen gehen.
Zuvor jedoch zeigte mir meine Mutter den Bärengraben.
