Bauernkind - Werner Sziegoleit - E-Book

Bauernkind E-Book

Werner Sziegoleit

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Beschreibung

Der Autor erlebte den Zweiten Weltkrieg in Ostpreußen, im östlichen Brandenburg und im heutigen Sachsen-Anhalt, danach die Besetzung durch Amerikaner und Sowjetrussen, die Deutsche Demokratische Republik von ihrer Gründung bis zu ihrem Zerfall und schließlich die Nachwendezeit in Ostdeutschland. Die Lebenserinnerungen sind größtenteils nach Themen geordnet und spiegeln Lebensverhältnisse in Ostdeutschland über einen langen Zeitraum wider. Der sozialistischen Ideologie zufolge waren Kinder von Arbeitern und Bauern in Ausbildung und Beruf zu fördern. Wie sich die bäuerliche Herkunft des Autors zur Zeit der Sowjetischen Besatzungszone und der Deutschen Demokratischen Republik auswirkte, wird dargelegt.

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Für Ursula

Inhalt

Die bäuerliche Herkunft

Der Abschied

Das Grundstück

Die Drogerie

Der Bauernhof

Die Zwischenstation

Das Kriegsende

Der Neubauer

Das Neubauerngehöft

Die Genossenschaft

Die Schulzeit

Das Medizinstudium

Der Mauerbau

Die Innere Medizin

Die Ehefrau

Die Klinische Pharmakologie

Die Wohnung

Die Elternvertretung

Der Auslandsaufenthalt

Der Betriebsarzt

Der Parteilose

Der Staatssicherheitsdienst

Die Nationale Volksarmee

Die Wende

Die Ethikkommission

Die Krankheit

Der Garten

Der Rügenurlaub

Der Auslandsurlaub

Das Wiedersehen

Die Rückschau

Der Anhang

1

Die bäuerliche Herkunft

Der Begriff Bauernkind ist schon alt. Man benutzt ihn vermutlich, seit es Bauern gibt. Die Kinder der Bauern waren von jeher willkommene Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Von klein auf halfen sie den Eltern bei der Arbeit im Stall, im Garten und auf dem Feld. Um die Bauernkinder davon abzuhalten, dem Landleben den Rücken zu kehren, soll Friedrich der Große verfügt haben, ihnen nur das Nötigste in Preußens Dorfschulen beizubringen. Sprösslinge des Landadels standen sozial höher und zählten in der Regel nicht zu den Bauernkindern. In der englischen Sprache bedeutet deshalb der Ausdruck peasant child, der dem deutschen Wort Bauernkind entspricht, genau genommen armes Bauernkind oder Kind armer Bauern.

Jahrzehntelang hat das Gesellschaftssystem, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Ostdeutschland entstand, die Bezeichnung Bauernkind weltanschaulich vereinnahmt. Wer in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und anschließend in der Deutschen Demokratischen Republik lebte, kennt die Begriffe Arbeiterkind und Bauernkind zur Genüge. Die sozialistische Doktrin sah in „der Arbeiterklasse und den mit ihr verbündeten Bauern“ die treibenden gesellschaftlichen Kräfte. Man sprach vom Arbeiter- und Bauernstaat. Da verwundert es schon ein wenig, dass die Worte Arbeiterkind und Bauernkind in der Duden-Ausgabe der Deutschen Demokratischen Republik nicht vorkamen. Das Wort Arbeiterkind steht im aktuellen gesamtdeutschen Duden, das Wort Bauernkind jedoch nicht.

Aus ideologischer Sicht mutete es folgerichtig an, die Kinder von Arbeitern und Bauern gezielt zu fördern. Möglichst viele Arbeiter- und Bauernkinder sollten Zugang zu höherer Bildung bekommen, damit sie später, ihrer gesellschaftlichen Rolle entsprechend, die maßgeblichen Leistungsträger stellen konnten. An einigen Hochschulen entstanden sogenannte Arbeiter- und Bauernfakultäten, an denen man das Abitur und damit die Hochschulreife nachholen konnte. Die Söhne und Töchter von Arbeitern und Bauern hatten einzig und allein aufgrund ihrer Herkunft erhöhte Bildungschancen. Bauernkinder profitierten zusätzlich davon, dass ihre Fraktion meistens schwach besetzt war. Zuweilen hatte man sogar den Eindruck, dass Verantwortliche in Bildungseinrichtungen froh waren, wenn sie überhaupt Bauernkinder vorweisen konnten.

Ich wurde 1936 in Ostpreußen geboren. Da war der nationalsozialistische Diktator Adolf Hitler bereits drei Jahre lang in Deutschland an der Macht. Der verhängnisvolle Zweite Weltkrieg, den Hitler und seine Gefolgsleute 1939 anzettelten, bestimmte ganz wesentlich meine Kindheit und bewirkte, dass ich im Alter von acht Jahren aus meiner Heimatregion fliehen musste. Ich landete im Westen des östlichen Teils Deutschlands, der bis Kriegsende noch erheblich an Fläche verlor. Im Unterschied zur Mehrzahl der Flüchtlinge, die aus den früheren deutschen Ostgebieten stammten, blieb meine Familie nach dem Krieg in Ostdeutschland. Nacheinander erlebte ich hier die Agonie des nationalsozialistischen Regimes, die vorübergehende amerikanische Militärverwaltung sowie, jeweils von Anfang bis Ende, die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands und die Deutsche Demokratische Republik. Auch nach dem Fall der Berliner Mauer und nach der deutschen Wiedervereinigung, die 1990 glücklicherweise gelang, zog ich nicht weg aus Ostdeutschland.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, also ab 1945, hatte ich dank Geburt den Vorteil, zu den vom Regime begünstigten Bauernkindern zu gehören. Mein Vater hatte in jungen Jahren eine qualifizierte Ausbildung zum Landwirt genossen und diesen Beruf lange Zeit ausgeübt. Im Zuge der Bodenreform, die in Ostdeutschland vonstattenging, übernahmen meine Eltern eine Neubauernstelle als neue Existenzgrundlage. Aus den Neubauern wurden letztlich Genossenschaftsbauern, als meine Eltern nach jahrelanger Weigerung doch einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft beitraten. Die Tätigkeit meiner Eltern in der Landwirtschaft nach dem Krieg festigte zweifellos meinen Status als Bauernkind. Ich gehe davon aus, dass es mir in Ausbildung und Beruf zugutekam, ein Bauernkind zu sein. Dabei ist anzumerken, dass meiner Wahrnehmung nach die Bauernkinder und Arbeiterkinder, die Bevorzugungen erfuhren, keineswegs geringere Leistungsanforderungen zu erfüllen hatten als diejenigen, die nicht zu diesen Personengruppen gehörten.

Meine Erinnerungen eines Bauernkindes beschreiben persönliche Lebensumstände und Erfahrungen in Ostdeutschland über einen Zeitraum von mehr als acht Jahrzehnten. In den Lebenserinnerungen, die überwiegend thematisch gegliedert sind, spiegelt sich zugleich ein beachtliches Stück deutscher Geschichte. Wer zu jener Zeit im Osten Deutschlands wohnte, mag auf Episoden stoßen, die er in gleicher oder ähnlicher Weise selbst erlebte. Wer Ostdeutschland ausschließlich vom Hörensagen kennt, hat Gelegenheit, mancherlei authentische Einblicke in ostdeutsche Lebensverhältnisse im Laufe verschiedener gesellschaftlicher Systeme zu gewinnen.

In die Lebenserinnerungen sind Informationen aus persönlichen Unterlagen und familiären Überlieferungen eingeflossen. Geschichtliche Angaben wurden zum Teil mit verlässlichen Daten aus dem Internet abgeglichen.

2

Der Abschied

Es war ein sonniger Tag im August 1944, als ich, acht Jahre alt, unser Haus in einer Kreisstadt in Ostpreußen verließ. Unsere kleine Reisegruppe machte sich auf, mit der Eisenbahn nach Westen zu fahren, „ins Reich“, wie man damals in Ostpreußen sagte. Das Ziel war ein Bauernhof in einem Dorf im östlichen Brandenburg, wo mein Großvater Georg herstammte. Meine Großeltern Georg und Berta hatte es schon im Ersten Weltkrieg dorthin verschlagen. Zu jener Zeit dauerte ihre Flucht nicht allzu lange. Sie konnten bald in ihr Zuhause zurückkehren, das sie im Grunde unbehelligt vorfanden. Nun hofften wir abermals, in naher Zukunft heimreisen zu können. Rückblickend ist es nicht nachzuvollziehen, dass wir seinerzeit, gewissermaßen „kurz vor Zwölf“, die militärische und politische Lage Ostpreußens so falsch einschätzten, übrigens wie der Großteil der Bevölkerung.

Zu unserer Reisegruppe gehörten außer mir meine Mutter Ella, mein Bruder Winfried, meine Tante Ruth und ihre Tochter Brigitte und meine Großmutter Berta. Ella war 36, Winfried 4, Ruth 30, Brigitte 2 und Berta 58 Jahre alt. Ella und Ruth, Bertas Töchter, waren beide schwanger. Ruth hielt sich erst seit kurzem wieder in ihrer ostpreußischen Heimatstadt auf. Sie wollte den Luftangriffen entgehen, die sich im Nordwesten Deutschlands, wo sie mittlerweile wohnte, bedrohlich häuften. Mein Großvater Georg, Vater meiner Mutter und 64 Jahre alt, blieb vorerst zu Hause. Mein Vater Walter, 44 Jahre alt, steckte irgendwo an der Ostfront als Soldat.

Wenn ich mich richtig erinnere, fand ich die Abreise etwas überstürzt. Vorher hatte niemand mit mir darüber gesprochen. Es war wohl so, dass man Kinder in jenen Tagen weniger als heute in familiäre Diskussionen einbezog. Ich fühlte mich ganz und gar nicht unsicher in meiner Heimatstadt. Dass wir uns im Krieg befanden, war mir schon klar. Ich bemerkte es daran, dass ich meinen Vater nur als Fronturlauber und nur in Militäruniform kannte, dass in der Stadt häufig Soldaten und militärische Fahrzeuge und Gerätschaften zu sehen waren und dass bei Sonnenuntergang eine Verdunkelung angesagt war. Die eigentlichen Kriegshandlungen schienen jedoch weit weg zu sein.

Es sind im Wesentlichen zwei mutmaßliche Gründe zu nennen, die zu der raschen Abreise führten. Erstrangig war, dass sich die Sicherheitslage wenige Tage zuvor quasi über Nacht außerordentlich verschlechtert hatte. Zum ersten Mal hatte die sowjetische Armee unsere Stadt aus der Luft angegriffen. In dieser Nacht gingen viele Gebäude zu Bruch. Viele Menschen verloren ihr Leben. Wir hatten großes Glück. Unser Haus und das Haus meiner Großeltern blieben verschont. Während des Bombardements harrten wir im Keller unseres Hauses aus, der unerfreulicherweise bis dahin nur eingeschränkt luftschutztauglich war. Vollkommen verängstigt konnten wir nur hoffen, keinen Bombeneinschlag abzubekommen. Erstmals und ganz unmittelbar lernten wir die Schrecken des Krieges kennen. Der zweite Grund für unsere eilige Abreise hing mit dem erstgenannten zusammen. Wegen der neuen Gefährdungslage war es meiner Mutter und meiner Tante nicht mehr zuzumuten, in der nun zerbombten Stadt zu entbinden.

Wie bei einer gewöhnlichen Bahnfahrt reisten wir lediglich mit Handgepäck. Wir hatten nur das Nötigste zum Anziehen mitgenommen, daneben auch wichtige Dokumente und andere persönliche Unterlagen. Großvater Georg, bis zuletzt zu Hause, schickte, wie verabredet, größere Mengen an Kleidung und Hausrat hinterher. Als Besitzer einer Drogerie verfügte er über genügend Material zum Verpacken. Während die Erwachsenen die Hoffnung nicht aufgaben, in absehbarer Zeit in unsere Heimatstadt zurückkehren zu können, war der Abschied in meinen kindlichen Vorstellungen endgültig. Ich weiß noch genau, wie ich mich beim Verlassen der Wohnung von charakteristischen Einrichtungsgegenständen verabschiedet hatte und wie ich ihnen nachtrauerte. Zum Beispiel waren da das Klavier, auf dem meine Mutter gekonnt spielte, oft auch abends für uns Kinder vor dem Schlafengehen, und der bildschöne Kachelofen, der im Winter wohlige Wärme ausstrahlte.

Unsere Reise verlief ohne Komplikationen, da die Infrastruktur der Eisenbahn noch funktionierte. Die Zugverspätungen hielten sich in Grenzen. Bis Oktober 1944 kam man mühelos mit der Bahn aus Ostpreußen heraus. Erst am 1. Dezember 1944 wurde in meiner Heimatstadt der öffentliche Dienst eingestellt.

Mein Wissen über Ostpreußen, das ich bis zum achten Lebensjahr erworben hatte, war nicht sehr umfangreich. Ich kannte nur das, was ich selbst gesehen, in der Familie mitbekommen oder von Bekannten erfahren hatte. In den Schuljahren eins und zwei, die ich in meiner Heimatstadt absolvierte, erfuhr ich auch nicht allzu viel über die Region Ostpreußen. Es vergingen noch viele Jahre, bis ich mich über das Land meiner Väter eingehend informieren konnte.

3

Das Grundstück

Mein Vater hatte 1934 ein bebautes Grundstück in meiner ostpreußischen Heimatstadt gekauft, das ungefähr 1.500 Quadratmeter groß war. Die Fläche des Anwesens hatte in etwa die Form eines rechtwinkligen Dreiecks, dessen zwei spitze Winkel ein wenig gestutzt waren. Das Grundstück stellte eine Verkehrsinsel dar, umzingelt von drei Straßen. Im rechten Winkel des Dreiecks stand das Wohnhaus, ein Mehrfamilienhaus, größtenteils mit wildem Wein berankt. Unsere Familie bewohnte das halbe Erdgeschoss. Die anderen Wohnungen waren vermietet. Ein etwa 15 Meter langer Laubengang, eine Rarität, führte quer durch das Grundstück zum Haupteingang des Wohnhauses. Auf der gewölbten Lattenkonstruktion wuchs wilder Wein wie an dem Wohnhaus. Der Laubengang trennte den Hof vom Garten. Auf der Seite des Hofes, die dem Laubengang gegenüber lag, befanden sich mehrere Wirtschaftsgebäude. Trotz Umbau erinnerten sie an die landwirtschaftliche Nutzung des Grundstücks durch den Vorbesitzer.

Der Garten nahm weniger als ein Viertel der Fläche des Grundstückes ein. Wir Kinder liebten ihn. Aus unserer Wohnung ging es über eine hölzerne Veranda, die an das Wohnhaus angebaut war, direkt in den Garten. Ein befestigter Weg führte zum Gartentor nahe der Haustür. Neben der Veranda lud ein großer Sandkasten zum Spielen ein. In Hausnähe wuchsen Blumen und ein Mandelbäumchen, das alljährlich prächtig blühte. Durch die Lücken im Lattenzaun, der den Garten zu zwei Straßen hin begrenzte, nahm man mit Einschränkungen am Straßenleben teil. Auf der größeren der beiden Straßen befand sich ein Kleinbahngleis. Ab und zu fuhr ein Zug der Kleinbahn vorbei, mal in der einen Richtung, mal in der anderen. Er bestand aus einer schnaufenden Dampflokomotive, mehreren Personenwaggons mit Reisenden, die man an den Waggonfenstern sah, und mehreren beladenen Güterwaggons. Ihn zu beobachten, war für uns Kinder immer ein besonderes Ereignis. Wenn sich ein Zug näherte, erkannten wir das an der typischen Bimmel. Die vorübergehende Belästigung durch den Dampf der Lokomotive und durch die Fahrgeräusche störte uns Kinder überhaupt nicht.

Nicht weit vom Zaun entfernt standen mehrere hohe Bäume und einige Ziersträucher, darunter Jasminsträucher, deren Blüten angenehm dufteten. Den Rest des Gartens füllte Rasen aus, der bewusst nicht übermäßig gepflegt war. Bei schönem Wetter trafen wir uns als Familie oder mit Gästen zum Kaffeetrinken im Garten. Die Gartentische und Gartenstühle, die man dafür brauchte, verwahrten wir griffbereit in der Veranda. Zum letzten Mal kamen wir nur wenige Tage vor unserer fluchtartigen Abreise im Garten zusammen.

Im Erdgeschoss unseres Wohnhauses befand sich ursprünglich nur eine einzige große Wohnung, die bereits 1935 in zwei kleinere Wohnungen geteilt wurde. Die Umbauarbeiten plante und erledigte Vaters Bruder Max, der ortsansässiger Bauunternehmer war. Nach dem Umbau verfügte unsere Wohnung über ein großes Wohnzimmer, ein großes Schlafzimmer, ein kleineres Arbeitszimmer, eine Kammer, eine Küche, einen Flur und ein Bad mit Toilette. Durch das Schlafzimmer erreichte man die Veranda und den Garten.

In dieser Wohnung kam ich im Mai 1936 zur Welt, bezogen auf den medizinisch geplanten Geburtstermin einen Monat zu früh. Wie damals üblich, handelte es sich um eine Hausgeburt, die von einer Hebamme geleitet wurde. Mein Vater war von Beruf Landwirt. Als ich geboren wurde, lebte er nicht mehr auf dem Land. Er betätigte sich als Fuhrunternehmer. Meine Mutter war von Beruf Gewerbelehrerin. Von 1935 bis 1942 ruhte Ihre pädagogische Tätigkeit auf eigenen Wunsch. Zur Zeit meiner Geburt interessierte es keinen Menschen, ob das Neugeborene ein Bauernkind war oder nicht. Niemand konnte voraussehen, dass es einmal von Bedeutung sein würde, ob der Vater oder die Mutter oder beide Elternteile der Bauernschaft angehörten.

Auskünfte über die ersten Lebensjahre eines Kindes geben in der Regel die älteren Verwandten. Ich erfuhr, dass man mich als Baby manchmal im Kinderwagen in den Garten schob, wenn ich mich etwas zu laut äußerte. Meine Eltern hatten womöglich beim Erstgeborenen noch zu wenig Erfahrung darin, Kleinkinder zu beruhigen. Alte Fotografien zeigen mich als Dreijährigen mit der Familie und anderen Verwandten am Strand der Ostsee, die von zu Hause gar nicht so weit entfernt war. Man kann es heute kaum glauben, dass diese Reise der einzige Familienurlaub blieb, den sich meine Eltern je leisten konnten. Bald darauf, im Oktober 1939, kam mein Bruder Winfried in derselben Wohnung wie ich zur Welt. Im Gegensatz zu mir hielt er sich ziemlich genau an den errechneten Geburtstermin. Nun waren wir schon zwei Bauernkinder.

Im September 1942 kam ich, mittlerweile sechs Jahre alt, in die Schule. An die ersten beiden Schuljahre, die ich in meiner ostpreußischen Heimatstadt durchlief, kann ich mich noch recht gut erinnern. Die Einschulung spielte sich vollkommen unaufgeregt ab, weil Zuckertüten mit vielen Geschenken und einschlägige familiäre Feiern noch nicht üblich waren. In der ersten Klasse ging ich in eine Schule, die in unmittelbarer Nachbarschaft unseres Hauses lag. Auf meinem Schulweg hatte ich nur eine wenig belebte Straße zu überqueren. In der zweiten Klasse war der Schulweg erheblich länger, aber noch gut zu Fuß zu schaffen. Wie alle meine Mitschüler wurde ich Pimpf, das heißt Mitglied des Deutschen Jungvolks, der nationalsozialistischen Kinderorganisation, die heute kaum noch jemand kennt und die in der Funktionsweise der Pionierorganisation in der späteren Deutschen Demokratischen Republik auffallend ähnelte. Ob die Eltern dem Beitritt zustimmen mussten, weiß ich nicht mehr genau. Da sich das Ende des Naziregimes bereits abzeichnete, war vielen Eltern die Zustimmung sicherlich auch egal. Der Begriff Pimpf, den man aus Österreich übernommen hatte, bedeutete soviel wie Junge.

4

Die Drogerie

Mein Großvater Georg, Vater meiner Mutter Ella, war 1880 im östlichen Brandenburg geboren worden. Als jüngstes von fünf Kindern blieb er nicht auf dem elterlichen Bauernhof, den traditionell der älteste Sohn übernahm. Georg erlernte den Beruf eines Drogisten, arbeitete in verschiedenen deutschen Städten und kam schließlich ins entlegene Ostpreußen. Dort begegnete er meiner Großmutter Berta, die Waise war und sich in Ausbildung zur Näherin befand. Georg und Berta heirateten 1907, als Berta 21 Jahre alt war.

In meiner Heimatstadt schuf sich Georg eine einträgliche Existenzgrundlage. Berta brachte ein stattliches Eckhaus in die Ehe ein, das eigentlich aus mehreren Häusern bestand. Darin eröffnete Georg eine größere Drogerie. Das Geschäft lief offenbar recht gut. Ein damals veröffentlichtes Geschäftsinserat besagt, dass auch „Farben, Parfümerien und Toilettenartikel“ im Angebot waren. Im Laufe der Jahre modernisierte Georg mehrmals die Inneneinrichtung der Drogerie. Noch vor meiner Zeit kam ein angrenzendes Fotogeschäft hinzu, das einen separaten Eingang hatte. In diesem „Spezial-Geschäft des Foto-Amateurs“, wie mein Großvater es nannte, gab es alles, was man damals zum Fotografieren brauchte. Als Dienstleistung bot mein Großvater an, fotografische Platten und Filme zu entwickeln und zu kopieren. Aus überlieferten Geschäftsunterlagen geht hervor, dass die fertigen Fotoarbeiten spätestens am nächsten Tag abholbereit waren.

Immer wenn ich die Drogerie aufsuchte, beeindruckten mich die dort befindlichen Regale, die aus der Perspektive eines Kindes sehr hoch erschienen. Sie enthielten sehr viele Flaschen und Gläser, die sorgfältig beschriftet waren, und auch allerlei buntbedruckte Packungen. Aufregend fand ich ebenso die zahlreichen Auslagen und Reklametafeln, die ich im Geschäft und in den Schaufenstern antraf. Mein Interesse dafür nahm noch zu, als ich dann lesen konnte. Bei meinen ersten Besuchen in der Drogerie benötigte ich mangels ausreichender Körpergröße ein Fußbänkchen, um über die Verkaufstische blicken zu können. Zum Fotogeschäft, das der Drogerie angegliedert war, gehörte natürlich auch eine Dunkelkammer, in der mir das rote Licht sehr imponierte. Ab und zu durfte ich dabei helfen, die weißen Ränder der Papierabzüge von Fotografien mit einem speziellen Gerät zu beschneiden.

Kindern war es nur in Begleitung Erwachsener gestattet, den Lagerraum hinter der Drogerie zu betreten. Dort führte eine gusseiserne Wendeltreppe in die Wohnung der Großeltern im ersten Obergeschoss. Kinder sollten diese enge Treppe nur im Beisein von Erwachsenen benutzen, da doch eine gewisse Absturzgefahr gegeben war. Oma Berta öffnete für gewöhnlich mittags die obere Tür zur Wendeltreppe und rief mit lauter Stimme hinunter: „Georg, das Essen ist fertig!“. In den Hof des Geschäfts- und Wohngrundstücks gelangte man über das Treppenhaus oder durch eine Toreinfahrt. Auf dem Hof beobachtete ich gern zwei gewerbliche Mieter. Der eine betrieb eine Korbflechterei und der andere eine Limonadenproduktion.