Berührung der Nacht - Lara Adrian - E-Book

Berührung der Nacht E-Book

Lara Adrian

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Beschreibung

Die Ermittlungen zu einer Reihe von brutalen Morden führen den Vampirkrieger Mathias Rowan zur Tattoo-Künstlerin Nova. Auch wenn diese bestreitet, das letzte Opfer näher gekannt zu haben, ahnt Mathias, dass sie etwas vor ihm verbirgt. Zugleich entfacht die geheimnisvolle junge Frau eine unerwartete Leidenschaft in ihm, der er sich nicht entziehen kann. Doch Nova hat eine dunkle Vergangenheit, die bald nicht nur ihre Herzen, sondern auch ihr Leben in Gefahr bringt ... Die Novelle "Berührung der Nacht" ist Teil der erfolgreichen Vampirsaga "Midnight Breed" von Bestseller-Autorin Lara Adrian. Inklusive einer Leseprobe aus der Midnight-Breed-Novelle "Verlockung der Dunkelheit".

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Seitenzahl: 139

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

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Die Autorin

Lara Adrian bei LYX

Impressum

LARA ADRIAN

Berührung

der Nacht

Ins Deutsche übertragen von

Firouzeh Akhavan-Zandjani

Zu diesem Buch

Die Ermittlungen zu einer Reihe von brutalen Morden führen den Vampirkrieger Mathias Rowan zur Tattoo-Künstlerin Nova. Auch wenn diese bestreitet, das letzte Opfer näher gekannt zu haben, ahnt Mathias, dass sie etwas vor ihm verbirgt. Zugleich entfacht die geheimnisvolle junge Frau eine unerwartete Leidenschaft in ihm, der er sich nicht entziehen kann. Doch Nova hat eine dunkle Vergangenheit, die bald nicht nur ihre Herzen, sondern auch ihr Leben in Gefahr bringt …

1

Schwer und unheilvoll hing der Himmel über dem nächtlichen London, und hie und da sah man noch die schwarzen Wolken des sintflutartigen Regens, der am Abend über der Stadt niedergegangen war. Der Guss hatte stundenlang angedauert, weshalb sich die meisten Bewohner der Stadt in ihre Wohnungen geflüchtet hatten.

Diesen Umstand hatten sich Mathias Rowan und die drei anderen Stammeskrieger, die ihn bei der nächtlichen Patrouille begleiteten, zunutze gemacht, denn sie wussten, dass der Schlupfwinkel der Vampire, den sie in der vergangenen Woche ausfindig gemacht hatten, während des Unwetters höchstwahrscheinlich nicht leer sein würde.

Mathias war es zwar nie leichtgefallen, die Abkömmlinge seiner eigenen Art zu töten, doch die Horde der dem Blut verfallenen Rogues, welche sich in dem abbruchreifen Backsteingebäude zusammengescharrt hatte, musste ausgelöscht werden. Die menschlichen Knochen, die achtlos hingeworfen im Hinterzimmer des übel riechenden Unterschlupfs einen Haufen bildeten, waren eine mehr als hinreichende Rechtfertigung, den Rogues den Garaus zu machen.

Rory Callahan, der hinter Mathias im schwarzen Range Rover des Ordens saß, ließ einen lauten Schrei hören. »Verdammt, was für kranke, blutrünstige Mistkerle waren das denn!« Er war immer noch ganz grün im Gesicht und wirkte benommen, beugte sich dann grinsend nach vorn. Die ausgefahrenen Fänge waren hinter seinen Lippen nach wie vor deutlich zu erkennen und zeugten von dem Kampfrausch, der alle während des Überfalls erfasst hatte. Er war der Jüngste des Trupps und hatte demzufolge noch nicht genug Tod und Gewalt gesehen, um zu begreifen, wie nah jeder Stammesvampir dem Wahnsinn kam, dem sie heute Nacht begegnet waren.

Deacon, der Dritte im Team, der neben Callahan auf der Rückbank saß, stieß einen leisen Fluch aus und meinte mit ernster Stimme: »Die hatten schon eine ganze Weile gemordet. Gut, dass wir sie in Asche verwandelt haben, ehe sie die Lust daran verloren haben, Obdachlosen das Blut auszusaugen, und in die Wohngebiete weitergezogen sind, wo die Leute natürlich gemerkt hätten, wenn von ihnen welche verschwinden.«

Mathias gab ein zustimmendes, grimmiges Brummen von sich.

Nur Liam Thane, der Stammeskrieger, der hinter dem Steuer des dahinrasenden Wagens saß, hatte, seitdem die Aufgabe erledigt worden war und sie den Unterschlupf wieder verlassen hatten, noch nichts gesagt.

Mathias kannte den Mann seit mehr als zwanzig Jahren. Damals hatten sie beide einer anderen Wachorganisation des Stammes angehört, die es heute nicht mehr gab. Mathias hatte zu jener Zeit als Leiter in Boston gearbeitet, während Thane meist als verdeckter Ermittler in Europa und Großbritannien tätig gewesen war.

Zwar wäre wohl keiner jemals auf die Idee gekommen, den ungeschlachten schwarzhaarigen Vampir als fröhlichen Zeitgenossen zu bezeichnen, doch heute Nacht wirkte Thane noch nachdenklicher als sonst. Mathias warf ihm vom Beifahrersitz aus einen Blick zu. Thanes langes Haar war im Nacken zu einem Zopf gebunden, was den strengen Schnitt seiner Wangenknochen und das eckige Kinn betonte. Er sah unverwandt nach vorn, und sein Blick war fest auf die regennasse Fahrbahn gerichtet, die am Ufer der Themse entlang verlief.

»Ich habe einen von ihnen gekannt«, sagte er leise, während sein unverwandter Blick weiter starr an der Straße hing. »Er war einmal gut gewesen … mein Cousin, Jacob.«

Im Wagen wurde es nach Thanes Geständnis ganz still. Nur das Brummen des Motors war zu hören und der Nachtwind, der vom Fluss kommend gegen die Fenster schlug.

Mathias versuchte gar nicht erst, ihm mit Entschuldigungen oder Worten des Mitgefühls zu kommen. Thane war darauf genauso wenig aus, wie Mathias es an seiner Stelle gewesen wäre. Sie waren Krieger. Sie hatten eine Aufgabe zu erledigen, und dieser Verpflichtung kamen sie nach … wie unangenehm das auch manchmal sein mochte.

Oder wie nahe es einem manchmal ging.

Selbst unter gewöhnlichen Umständen waren die Richtlinien des Ordens eindeutig und wurden, ohne zu zögern, umgesetzt, wenn es darum ging, wie mit den an Blutgier erkrankten Killern in den eigenen Reihen zu verfahren war. Schließlich war es erst zwanzig Jahre her, dass die Menschheit im Verlaufe schwerster und geballter Übergriffe durch Rogues von der Gegenwart des Stammes erfahren hatte.

Zu behaupten, das Verhältnis zwischen den Menschen und dem Stamm sei angespannt, wäre milde ausgedrückt.

Und jetzt war es vor ein paar Tagen in Washington, D. C. zu einem Vorfall gekommen, der die Sorge des Stammes in dieser Hinsicht noch verstärkte. Lucan Thorne, der Ordensgründer, hatte buchstäblich in letzter Sekunde einen geplanten Bombenanschlag auf einen globalen Friedensgipfel vereitelt. Die Waffe, die dabei hatte zum Einsatz kommen sollen, war mit ultraviolettem Licht geladen gewesen, welches für alle Angehörigen des Stammes tödlich war.

Der Anschlag – und der Krieg, den er zwischen Vampiren und Menschen hatte entfachen sollen – war abgewendet und der Hauptdrahtzieher getötet worden, aber die Bedrohung blieb sehr real.

Der Orden hatte mächtige, im Verborgenen agierende Feinde. Einen hatten sie in D. C. eliminiert, waren jedoch mit der Erkenntnis aus dem Kampf zurückgekehrt, dass es noch unzählige andere gab, die im Geheimen operierten, Vernichtungspläne schmiedeten und nur auf eine Gelegenheit warteten, erneut zuzuschlagen.

Dagegen hatte London das Glück, dass der einzige Krieg, der sich in der Stadt – abgesehen von einem Problem mit Rogues, die gerade ausgeschaltet worden waren – abspielte, eine Welle von Gewalt unter rivalisierenden Gangs war, welche den trüben Wassern der Themse letzte Woche ein halbes Dutzend Leichen beschert hatte.

Als der Wagen durch Southwarks Bankside fuhr, bemerkte Mathias mehrere Polizeiautos, die am Rande des Flusses standen. »Sieht so aus, als würde JUSTIS mal wieder eine Wasserleiche aus der Brühe fischen.«

»Willst du runter und es dir ansehen?«, fragte Thane.

Als Mathias nickte, verließ der hünenhafte Krieger die Straße und fuhr auf die Gruppe von Beamten zu, die sich aus Menschen und Stammesvampiren zusammensetzte, die im Joint Urban Security Taskforce Initiative Squad dienten.

Sie stellten den Wagen am Rande des Schauplatzes ab und begaben sich zum Tatort. Dreieckige Scheinwerferlichter durchschnitten die Dunkelheit am Uferrand und strahlten über die Wasseroberfläche bis hin zu einem kleinen Rennboot, das sich näherte. Zwei Beamte in Tauchermontur saßen im Heck, und zu ihren Füßen lag eine helle Plane, die um etwas gewickelt war.

Selbst aus mehreren Metern Entfernung war Mathias mit seinen scharf ausgebildeten Sinnen des Stammesvampirs in der Lage zu sehen – und zu riechen –, dass es sich um eine Leiche handelte, die sie aus dem Wasser gezogen hatten.

»Ich dachte eigentlich, der Orden hätte Besseres zu tun, als in Southwark rumzulungern.«

Mathias drehte den Kopf in Richtung der laut dröhnenden Männerstimme mit britischem Akzent, die dem diensthabenden JUSTIS-Beamten gehörte.

Gavin Sloane war ein hünenhafter, breitschultriger Stammesvampir mit sandfarbenem Haar und durchdringenden blauen Augen. Er trat mit einem Nicken zur Begrüßung und einem Lächeln in den Augen zu Mathias und seinen Männern. »Wären wir nicht schon seit Ewigkeiten miteinander befreundet, müsste ich dich daran erinnern, dass wir als Erste da waren … und du weißt ja, wer zuerst kommt, mahlt zuerst.«

Während man das Verhältnis zwischen dem Orden und JUSTIS bestenfalls als zurückhaltend bezeichnen konnte, schien sich Sloane genau wie Mathias darüber im Klaren zu sein, wie wertvoll es war, auch im anderen Lager Verbündete zu haben. Sie hatten im Verlauf der letzten zehn Jahre oder mehr von Zeit zu Zeit geheimdienstliche Informationen ausgetauscht und dabei einen gegenseitigen Respekt füreinander entwickelt, der über die Arbeit hinausging.

Als Sloane sich letztes Jahr entschieden hatte, zu heiraten und eine Familie zu gründen, war Mathias von ihm zur Hochzeitsfeier in den Dunklen Hafen der Familie eingeladen worden. Mathias hatte nicht recht gewusst, wer durch die Anwesenheit eines Angehörigen des Ordens bei dem Fest mehr verunsichert war … Sloanes aus einer vornehmen Familie stammende Stammesgefährtin Katherine oder seine Kollegen von JUSTIS.

Sloanes breites Lächeln verschwand auch nicht, als er Mathias zur Begrüßung auf die Schulter klopfte und einen Blick auf all die Titanklingen und halb automatischen Feuerwaffen warf, die nach dem nächtlichen Einsatz noch in den Waffengurten der Krieger steckten. »Gibt’s was, worüber JUSTIS sich Sorgen machen müsste?«

»Nicht mehr«, erwiderte Mathias. Er deutete auf die Wasserleiche, die gerade ans Ufer geschafft wurde. »Gibt’s was, worüber der Orden sich Sorgen machen müsste?«

Sloane schüttelte den Kopf. »Nein, nur ein weiterer toter Käfer.«

Die Bemerkung bezog sich auf die Tätowierung, die alle Opfer der letzten Bandenkriege gemeinsam hatten. Mit dieser Leiche war die Zahl der Toten auf sieben angestiegen. Es war zwar nichts Ungewöhnliches, eine Leiche in dem knapp 215 Meilen langen Fluss zu finden, die dieser mit beeindruckender Regelmäßigkeit fast wöchentlich ausspie, doch plötzlich hatte die Themse angefangen, sich geradezu an den Angehörigen einer unbekannten, aber offensichtlich tödlichen neuen Bande zu verschlucken.

Mathias und seine Männer folgten Sloane zu der Stelle, wo der Leichnam gerade an Land gezogen wurde. Drei JUSTIS-Beamte hoben den in eine Plane gewickelten Toten auf die betonierte Uferbefestigung. Als die Leiche abgelegt wurde, verrutschte die Plane und gab den Blick auf einen großen Mann frei.

»Hat keine Ausweispapiere bei sich«, erklärte Sloane. »Wir werden versuchen, ihn anhand seiner Fingerabdrücke zu identifizieren, aber wenn es wie bei den anderen sechs laufen sollte, wird es über diesen Typen wahrscheinlich auch keine polizeiliche Akte geben. Abgesehen von der bei allen Opfern gleichen Tätowierung haben wir nicht viel in der Hand, dem wir nachgehen können.«

Der Tote hatte dunkle, durchweichte Kleidung an. Die brutale Visage war totenbleich und bildete einen scharfen Kontrast zu dem rostbraunen Bart und dem struppigen roten Haar. Unter den kurzen Ärmeln des blutigen T-Shirts waren die muskulösen und von oben bis unten tätowierten Arme zu sehen. Der Käfer befand sich wie bei den anderen sechs ermordeten Männern auf seinem rechten Handrücken und wies auch die gleiche Form auf.

Sloane schickte seine Mitarbeiter von JUSTIS mit einem kurzen Nicken weg, als Mathias näher an die Leiche trat, um sich die Verletzungen genauer anzuschauen. Tiefe Wunden bedeckten den kräftigen Hals und die breite Brust, manche lagen ganz dicht beieinander.

Er runzelte die Stirn. »Die anderen Opfer, die aus dem Fluss gezogen wurden, hatten alle Kugeln im Kopf. Auf diesen Typen hier ist mit irgendetwas eingestochen worden. Immer wieder und mit sehr viel Kraft … oder Wut.«

»Tot ist tot«, meinte Callahan, der neben Mathias und den anderen stand, leise. »Vielleicht sollte sein Tod eine deutlichere Botschaft übermitteln als bei den anderen.«

Sloane zuckte mit den Achseln. »Könnte sein.«

»Die letzte Leiche wurde vor zwei Tagen geborgen«, erinnerte Mathias sich. Trotz der offensichtlichen Verbindung, die zu den anderen bestand, war bei diesem letzten Opfer irgendetwas anders. Er schaute hinaus auf das dunkle Wasser der Themse, die vom Unwetter immer noch aufgewühlt war. Im schwachen Schein des Mondes, der kaum die dichten Wolken zu durchdringen vermochte, war die starke Strömung des Flusses zu erkennen. »Haben wir Ebbe oder Flut?«

»Ebbe«, erwiderte Deacon.

Dann strömte der Fluss also von London weg, Richtung Nordsee.

Thanes nachdenklicher Blick zeigte, dass seine Überlegungen in die gleiche Richtung gingen wie die von Mathias. »Über kurz oder lang hätte die Strömung die Leiche ins offene Meer gespült. Er hat nicht so lange wie die anderen im Fluss gelegen.«

»Wenn man vom Zustand der Leiche ausgeht«, warf Sloane ein, »dann kann man wohl annehmen, dass der arme Kerl noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden lang tot ist.« Er sah Mathias besorgt an. »Spürst du etwas Ungewöhnliches?«

Sein Freund sprach nicht von Ermittlungstheorien oder forensischen Hinweisen. Sloane wusste um Mathias’ übersinnliche Fähigkeiten.

Jeder Stammesvampir und jede halb menschliche Stammesgefährtin wurde mit einer einzigartigen übersinnlichen oder telekinetischen Gabe geboren, die mehr oder minder nützlich war. Manchmal erwies sie sich aber auch als eine sehr düstere Gabe, die eher einem Fluch ähnelte.

Bei Mathias lag die Wahrheit irgendwo dazwischen, doch im Hinblick auf die von ihm gewählte Tätigkeit verschaffte ihm die Fähigkeit, die am Tatort zurückgebliebenen Spuren von Gewalt zu erspüren, einen Vorteil gegenüber den meisten anderen Gesetzesvertretern.

Trotzdem wusste er nicht, was er von der heutigen Wasserleiche halten sollte. »Ich spüre nichts Ungewöhnliches, aber das bedeutet nur, dass der Tatort nicht hier in der Nähe war.«

»Du wüsstest es also, wenn das der Fall wäre«, hakte Sloane nach.

Mathias nickte. »Gewalt hinterlässt Spuren, genau wie ein Schlag eine Prellung hinterlässt. Die Schwierigkeit ist nur, diese Spur zu finden, ehe sie sich verflüchtigt.«

Einer von Sloanes Männern rief ihm über die Straße hinweg etwas zu. Dieser hob zwar die Hand, um ihm zu zeigen, dass er ihn gehört hatte, sah aber weiter Mathias an. Er schüttelte den Kopf und lachte dabei leise. »Ich sag dir was, Rowan. Das Leben ist einfach ungerecht. Der einzige Taschenspielertrick, den ich beherrsche, besteht im Knüpfen eines einfachen Schifferknotens, ohne dabei meine Hände zu Hilfe zu nehmen. Mit einer solchen Gabe, wie du sie hast, wäre ich längst Kommissar bei JUSTIS. Aber nein, ich sammle immer noch den Abschaum im tiefsten London ein, um den dann zu identifizieren.«

Ein weiteres Auto näherte sich dem Schauplatz des Verbrechens, und Sloane wurde wieder von seinem Kollegen gerufen. »Wurde aber auch Zeit, dass der Gerichtsmediziner endlich aufkreuzt«, brummte er. »Ich muss mich darum kümmern. Was dich und deine Leute angeht, brauche ich dir ja nicht zu sagen, dass die Anwesenheit des Ordens hier unten einigen nicht gefällt und sie sich unwohl und nervös dabei fühlen.«

Die Beamten, die sich aus Menschen und Stammesvampiren zusammensetzten, und der gerade dazugekommene Gerichtsmediziner warfen immer wieder unruhige Blicke in ihre Richtung. »Ich dachte, das ist der Normalzustand bei JUSTIS … dass man sich unwohl fühlt und nervös ist«, brummte Mathias.

Sloane grinste. »Wenn du irgendetwas herausfindest, lass es mich wissen, ja?«

»Klar«, erwiderte Mathias. »Du brauchst wirklich alle Hilfe, die du kriegen kannst.«

Sloane lachte leise und salutierte mit einem Finger an der Stirn, ehe er auf dem Absatz kehrtmachte und sich entfernte, um zu seinen Kollegen zu gehen.

»Siehst du, wie viel Tinte der Typ am Leib hat?«, meinte Deacon, als die Krieger mit der Leiche allein waren. »Der hat ein paar ganz schön spezielle Tattoos.«

Mathias betrachtete die komplizierten Muster, Schriftzüge und geheimnisvollen Symbole. Die Bedeutung von einigen erschloss sich einem sofort … die grausige Zählung von Morden und Blutbädern, verherrlichende, blutige Darstellungen von Tod und Gewalt.

Er griff nach seinem Handy und machte schnell ein paar Fotos von dem Toten und seiner Sammlung von Körperkunst.

Als Mathias ein bisschen näher trat, bemerkte er etwas Interessantes bei einem der Tattoos.

»Schau dir mal das Keltische Kreuz auf seinem linken Unterarm an. Der sechszackige Stern dahinter ist frisch.«

»Und erst halb fertig«, fügte Thane hinzu, als er die gerötete Haut und die schwarze Tinte betrachtete.

Aber auch unfertig war deutlich zu erkennen, dass das komplizierte Muster von einem sehr erfahrenen Tätowierer mit dem Auge eines Künstlers fürs Detail ausgeführt worden war.

»Na, hoffentlich hat der Blödmann nicht schon den vollen Preis bezahlt«, scherzte Callahan etwas halbherzig.

Keiner der Krieger fiel in sein Lachen ein. Thane und Deacon sahen Mathias an, und ihnen schienen die gleichen Gedanken durch den Kopf zu gehen.

»Irgendetwas an der ganzen Sache ist falsch«, dachte Mathias laut. »Sechs Tote einer Gang, von der nie einer etwas gehört hat, und jetzt taucht Tage später eine siebte Leiche auf. Warum?«

Callahan zuckte mit den Achseln. »Banden bringen sich ständig gegenseitig um. Wenn ihr mich fragt, sollten wir sie dabei nicht stören und dankbar sein, dass sie uns viel Ärger ersparen.«

Die Gedanken des Jungen hatten etwas für sich, gingen aber in die falsche Richtung. Noch dazu in eine gefährliche Richtung. Wenn eine Gang vorhatte, ihren Krieg jetzt in Mathias’ Stadt zu führen, unter den Augen des Ordens, sollten sich ihre Mitglieder das lieber noch ein zweites Mal überlegen.

Und irgendetwas an den Morden ließ Mathias keine Ruhe … schon ehe die letzte Leiche aus der Themse gezogen worden war. Was das war, konnte er jedoch noch nicht genau benennen. Dafür brauchte er noch mehr Informationen. Um die zu erhalten, war es wohl am besten, dort mit der Suche zu beginnen, wo der Tote von heute unter Umständen seine letzten Stunden verbracht hatte.

»Da, wo er diese Tätowierung hat machen lassen, ist wahrscheinlich auch der Ort, wo man ihn das letzte Mal lebend gesehen hat«, meinte Mathias. »Ich will diesen Tattoo-Laden ausfindig machen. Und zwar heute Nacht.«

Deacon bedachte ihn mit einem skeptischen Blick. »London ist voller Tattoo-Läden. Das wird die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen.«