Verstoßene des Lichts - Lara Adrian - E-Book

Verstoßene des Lichts E-Book

Lara Adrian

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Beschreibung

Rune lebt für den Kampf. Als Cagefighter kennt der Vampir nichts anderes als Blut und Gewalt. Das hat ihn zu einem gefährlichen Einzelgänger gemacht, der keine Nähe zulässt - bis er Carys begegnet. Die Tagwandlerin reißt seine Schutzmauern eine nach der anderen ein, und doch kann Rune sich ihr nicht ganz öffnen. Denn die Wahrheit über seine Vergangenheit könnte sie nicht nur ihre Liebe, sondern auch das Leben kosten ... Band 13 der erfolgreichen Vampirsaga "Midnight Breed" von Bestseller-Autorin Lara Adrian

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Seitenzahl: 386

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

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Die Autorin

Die Romane von Lara Adrian bei LYX

Impressum

LARA ADRIAN

Verstoßene des Lichts

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Firouzeh Akhavan-Zandjani

Zu diesem Buch

Rune ist der ungeschlagene Champion im La Notte. In dem Nachtclub finden jeden Abend blutige Kämpfe zwischen Stammesvampiren statt. In all den Jahren war niemand Rune ebenbürtig. Er kennt nichts anderes als Blut und Gewalt, in seiner Welt kann nur der Stärkste bestehen. Dieses Leben macht ihn zu einem gefährlichen Einzelgänger – bis er Carys begegnet. Denn die Tagwandlerin kann in seine Seele blicken wie keine Frau zuvor. Die Leidenschaft, die zwischen Carys und Rune lodert, folgt ihren eigenen Regeln, und obwohl Carys’ Familie ihre Wahl nicht gutheißt, hält sie an ihrer Liebe fest. Doch Rune kann ihr nichts versprechen, denn er ist auf der Flucht vor seiner Vergangenheit, und niemand darf wissen, wer er wirklich ist. Als seine Feinde ihn aufspüren, wird er vor eine Entscheidung gestellt, die seine Liebe zu Carys in Gefahr bringt und sie beide das Leben kosten könnte.

1

Titaniumdornen schlitzten dem Kämpfer das Gesicht auf, sodass Blut auf den Boden des Stahlkäfigs spritzte und die fiebernde Menge, die sich in der Kampfarena im Keller drängte, vor Begeisterung raste.

Harte Industrial-Klänge dröhnten von der ein Stockwerk höherliegenden Tanzfläche nach unten und sorgten zusammen mit den brüllenden Zuschauern für einen ohrenbetäubenden Geräuschpegel, während sich der lange Kampf der beiden Stammesvampire seinem Höhepunkt und Ende näherte.

Carys Chase stand fast ganz vorn inmitten des begeisterten Pulks, als Runes Faust wieder das Gesicht seines Gegners traf. Noch mehr Beifallsrufe und Applaus schlugen dem unangefochtenen Champion von Bostons brutalster Arena aus dem Publikum entgegen.

Die Kämpfe waren eigentlich illegal, aber äußerst einträglich. Und seit ihre entsetzten menschlichen Mitbewohner vor zwanzig Jahren von der Existenz der Stammesvampire erfahren hatten, gab es nur wenige Sportereignisse, die beliebter waren als die verbotenen Zweikämpfe zwischen zwei Meter großen und hundertdreißig Kilo schweren Vampiren, die wie Gladiatoren in einem geschlossenen Stahlkäfig aufeinander losgingen.

Für Carys und die anderen Abkömmlinge ihrer Art war Blut überlebenswichtig, aber manchmal schien es so, als ob der Hunger danach bei den Menschen noch viel größer war. Vor allem wenn dabei nur das Blut von Stammesvampiren vergossen wurde.

Aber sogar Carys musste zugeben, dass es ein atemberaubend schöner Anblick war, einem Vampir wie Rune beim Kämpfen zuzuschauen. Er bestand nur aus gefährlicher Anmut und tödlicher Wildheit.

Und er gehörte ihr.

Seit sieben Wochen … seit dem Abend, als sie mit ein paar Freundinnen ins La Notte gekommen war und Rune das erste Mal im Käfig hatte kämpfen sehen, waren sie praktisch unzertrennlich. Sie hatte sich auf der Stelle bis über beide Ohren unsterblich verliebt und keinen anderen Mann mehr angeguckt.

Zum großen Kummer ihrer Eltern. Sie und ihr Zwillingsbruder Aric hätten ihr beinahe verboten, Rune weiterhin zu sehen, wobei sie nur danach urteilten, womit er sein Geld verdiente und in welchem Ruf er stand. Sie kannten ihn nicht. Sie wollten ihn auch nicht kennenlernen, und das tat weh. Das machte sie wütend.

Und war der Grund, warum Carys aufgebracht ihren Sturkopf – eine Eigenschaft, die ihr von beiden Elternteilen vererbt worden war – durchgesetzt hatte und sie vor Kurzem aus dem Dunklen Hafen der Chases ausgezogen und mit ihrer besten Freundin, Jordana Gates, zusammengezogen war.

Ihre Entscheidung, von zu Hause auszuziehen und sich eine eigene Wohnung zu suchen, war nicht gut aufgenommen worden. Insbesondere ihrem Vater, Sterling Chase, hatte das sehr missfallen. Als Leiter der Zweigstelle des Ordens in Boston war er zusammen mit dem Ordensgründer, Lucan Thorne, und den anderen Bezirksleitern im Grunde der Bewahrer des Friedens zwischen den Stammesvampiren und der Menschheit. Schon in guten Zeiten war das keine einfache Aufgabe, ganz zu schweigen von der Unsicherheit, die dieser Tage den gegenseitigen Umgang prägte.

Carys verstand die Sorge ihres Vaters bezüglich ihrer Sicherheit und ihres Wohlergehens. Sie wünschte nur, er würde endlich verstehen, dass sie eine erwachsene Frau war, die ihr Leben selbst in die Hand nahm.

Auch wenn zu diesem Leben ein Stammesvampir gehörte, der sich entschieden hatte, seinen Lebensunterhalt in der Kampfarena zu verdienen.

Um sie herum begannen jetzt alle Zuschauer, den Namen ihres Champions zu skandieren. »Rune! Rune! Rune!«

Carys fiel mit in die Rufe ein. Sie war überwältigt davon, wie er den Ring beherrschte, auch wenn die Frau in ihr jedes Mal zusammenzuckte, wenn Fäuste Fleisch und Knochen zerschmetterten. Und dabei war es egal, wer die Schläge einsteckte. Zumindest sich selber konnte sie eingestehen, dass ihre Liebe die Hoffnung nährte, er würde eines Tages beschließen, für immer aus dem Käfig zu steigen.

Keinem war es je gelungen, Rune zu besiegen – und mehr als nur ein paar waren bei dem Versuch umgekommen.

Mit fließenden Bewegungen strich er durch den Käfig. Er war nackt bis auf die Wettkampfkleidung, die aus braunen Lederhosen und fingerlosen Handschuhen bestand, welche mit Titaniumdornen besetzt waren. Die spitzen Stifte sorgten dafür, dass jeder Schlag zu einem Spektakel aus zerfetzendem Fleisch und brechenden Knochen wurde, das die Menge begeisterte.

Auch der U-förmige Halsring aus Stahl, den die Kämpfer trugen, war zur Unterhaltung der Besucher der Veranstaltung gedacht. Jeder Kämpfer hatte die Möglichkeit, sich einen Moment der Schonung zu erwirken, indem er innerhalb des Käfigs einen Knopf drückte, wodurch vom Halsring des Gegners ein lähmender Stromschlag abgegeben wurde, der den Fight unterbrach und dem schwächeren Kämpfer die Möglichkeit gab, sich etwas zu erholen, ehe der Kampf fortgeführt wurde.

Obwohl Rune unzählige Male selbst schwere Verletzungen im Ring zugefügt worden waren, hatte er sich nie dazu herabgelassen, den Knopf zu drücken, um sich einen Moment der Schonung zu gönnen.

Das Gleiche galt für seinen Gegner des heutigen Abends. Jagger, ein schwarzer Stammesvampir, war auch ein Liebling der Stammgäste des La Notte, und die Liste seiner Siege war fast genauso beeindruckend wie die von Rune. Die beiden Kämpfer begegneten einander außerhalb der Arena freundschaftlich, doch das war ihnen jetzt nicht anzusehen.

Wie bei jedem Stammesvampir heilten Jaggers Wunden innerhalb von Sekunden. Er stürzte sich wie ein wilder Stier mit einem markerschütternden Schrei auf Rune. Die Wucht des Aufpralls ließ Rune nach hinten gegen das Gitter krachen. Die Stäbe aus Stahl ächzten und bogen sich fast unter der Wucht von so viel Muskeln und Kraft. Die Zuschauer, die direkt davorstanden, schrien auf und wichen zurück, doch der Kampf ging bereits weiter.

Jetzt war es Rune, der zum Angriff überging und Jaggers massigen Körper quer durch den Käfig stieß.

Ob nun nur Wettkampf oder nicht, das Aufeinandertreffen von Fäusten und Fängen brachte die Wildheit eines jeden Stammesvampirs zum Vorschein. Jagger kam wieder hoch und zog die Lippen zurück, um die scharfen Zähne zu fletschen. Seine Dermaglyphen pulsierten in violetten Farbtönen auf seiner dunklen Haut. Seine Augen blitzten bernsteinfarben, als er den Oberkörper nach vorn beugte und leicht in die Hocke ging, um zum nächsten Angriff überzugehen.

Hoch aufgerichtet stand Rune ihm auf der anderen Seite des Käfigs gegenüber. Die kräftigen Arme hingen locker an den Seiten herunter, und er wirkte trügerisch entspannt, als er und Jagger sich umkreisten.

Auch die verschnörkelten Muster, die Runes Haut überzogen, loderten in unterschiedlichen Farben. Seine mitternachtsblauen Augen sprühten förmlich Funken, während er seinen Gegner musterte. Runes Reißzähne waren gewaltig. Die rasiermesserscharfen Spitzen schimmerten im trüben Schein der Arena. Doch unter dem verschwitzten dunklen Haar, das ihm in die Stirn fiel, strahlte das kantige, wie aus Stein gemeißelte Gesicht eine tödliche Ruhe aus.

In solchen Momenten war Rune am gefährlichsten.

Carys stockte der Atem, als Jagger zum Sprung ansetzte, durch die Luft flog, sich mit den Händen abstieß und wie ein Geschoss quer durch den Käfig fegte. Ein Fuß traf Runes Gesicht wie ein Vorschlaghammer, aber die Bewegung war so schnell, dass Carys ihr mit dem Blick kaum folgen konnte.

Doch nicht so Rune. Er packte Jaggers Knöchel und drehte ihn, sodass der Kämpfer zu Boden stürzte. Jagger steckte den Gegenschlag sofort weg, wirbelte auf dem Ellbogen herum und riss Rune mit einem schwingenden Hieb die Beine unterm Leib weg.

Es war eine fließende, elegante Bewegung, die jedoch Jaggers Niederlage einläutete.

Rune ging zu Boden, riss aber Jagger mit und nagelte ihn förmlich mit unbezwingbarem Klammergriff auf den Boden des Käfigs. Jagger wehrte sich heftig und versuchte sich zu befreien, aber Runes mit Dornen gespickte Knöchel bändigten den Kämpfer.

Donnernder Applaus dröhnte durch die Arena, als die Uhr den Kampf auszählte und Rune somit ein weiterer Sieg bevorstand.

Während Carys noch seinen sicheren Sieg bejubelte, spürte sie plötzlich ein Kribbeln im Nacken. Sie warf einen Blick über die Schulter in den vorderen Teil des Nachtclubs. Zwei Stammeskrieger ihres Vaters waren gerade hereingekommen.

Shit.

Jax und Eli, die mit der schwarzen Kampfmontur des Ordens ausgestattet waren, ließen den Blick über die Menge gleiten und ignorierten das Schauspiel, das sich im Käfig abspielte, während sie den Raum nach ihr absuchten. Sie hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, die Babysitter-Patrouille des Ordens jeden Abend zu sehen, aber das machte es nicht weniger ärgerlich.

Vielleicht war ihr Vater mit seiner Geduld am Ende. Sie kannte ihn gut und traute ihm durchaus zu, dass er seine Krieger losschickte, sie zu holen und nach Hause zu bringen. Mit Gewalt, wenn es sein musste.

Ha! Sollten sie es doch versuchen.

Carys – eine der wenigen Vampirkriegerinnen und noch dazu Tagwandlerin – war genauso stark wie die männlichen Abkömmlinge ihrer Art … oder sogar stärker, geschuldet der Tatsache, dass ihre Mutter, Tavia Chase, eine im Labor gezüchtete Kreuzung aus der DNA des Ältesten und einer Stammesgefährtin war.

Aber sie brauchte gar nicht auf ihre außergewöhnliche Körperkraft zurückzugreifen, um sich der beiden Stammeskrieger Jax und Eli zu entledigen. Carys stand noch eine andere Fähigkeit zur Verfügung, und die hatte sie von ihrem Vater geerbt.

Inmitten der Menge, die ganz vorn am Käfig stand, rief Carys ihren Geist zur Ruhe und konzentrierte sich auf ihre Umgebung. Sie zog die Schatten um sich zusammen und hüllte sich darin ein, sodass sie sich vor aller Augen verbarg. Keiner würde sie sehen, solange sie die Schatten um sich herum konzentrierte.

Abwartend beobachtete sie, wie die beiden Stammesvampire des Ordens weiter in den Nachtclub vordrangen, um die Menge aus Hunderten von Menschen und Stammesvampiren, die sich darin drängten, mit scharfem Blick zu mustern. Carys schob sich tiefer zwischen die Zuschauer, ohne dass jemand sie bemerkte. Jax und Eli gaben ihre Suche nach ein paar Minuten auf. Carys lächelte im Innern ihres magischen Kokons und sah, wie die beiden schließlich wieder gingen.

In der Zwischenzeit war der Kampf im Käfig vorbei. Rune und Jagger hatten die Metallreifen, die sie um den Hals getragen hatten, und die Handschuhe abgelegt. Sie klopften einander auf die Schulter und wischten sich Blut und Schweiß vom Gesicht, während der Ansager den Sieger ausrief.

Carys ließ den Schleier aus Schatten von sich abfallen. Die Tür des Käfigs wurde geöffnet, um die Kämpfer herauszulassen. Sie stürmte auf Rune zu, rief seinen Namen und bejubelte ihn wie alle anderen dafür, dass er einen weiteren Sieg davongetragen hatte.

Runes kantiges Gesicht leuchtete auf, und ein sinnliches Versprechen lag darin, als er sie sah. Der furchterregende, gefährliche Kämpfer trat aus dem Käfig, packte sie an der Taille und zog sie an seinen harten Körper.

In seinen dunklen Augen glitzerte ein Verlangen, das er noch nicht einmal zu verbergen suchte. Er ignorierte den jubelnden Beifall, der aufbrauste, und gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss.

Dann hob er sie auf seine Arme und trug sie aus dem Gebäude.

2

Hauptquartier des Ordens

Washington, D.C.

Lucan Thorne trennte genervt die Verbindung des Videoanrufs mit dem menschlichen Politiker, der sinnlos herumschwadroniert und ihm eine halbe Stunde seiner kostbaren Zeit gestohlen hatte. In Momenten wie diesem vermisste er es, wie unkompliziert es früher gewesen war. Damals hätte er so ein unangenehmes Gespräch einfach beenden können, indem er den Hörer aufknallte und damit der anderen Seite unmissverständlich klarmachte, was er wirklich von der Meinung hielt, die ihm da ungebeten aufgedrängt wurde.

Noch besser hatte es ihm gefallen, dass es damals möglich gewesen war, der Gerechtigkeit insgeheim in der schnellen, effektiven Art des Ordens Genüge zu tun, statt von Regierungsvertretern beider Seiten – sowohl Menschen als auch Stammesvampiren – scharf beobachtet zu werden, deren Wunsch, alles Verwaltungsausschüssen und Prüfungskommissionen zu überantworten, seine Bemühungen nur lähmte und kostbare Zeit verschwendete.

Mit einem unterdrückten Fluch schob Lucan seinen Schreibtischstuhl zurück und begann, in seinem Arbeitszimmer auf und ab zu gehen.

»So schlimm?« Gabrielle, seine Gefährtin, stand in der offenen Tür.

»Der Rat der Globalen Nationen verlangt einen Bericht über die Morde, die Anfang der Woche in Italien verübt worden sind. Offensichtlich fordern mehrere Ratsmitglieder meinen Ausschluss.« Lucan durchquerte den Raum, um zu seiner wunderschönen, rothaarigen Frau zu treten. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihr einen Kuss auf die besorgt gerunzelte Stirn zu hauchen. »Die Vorwürfe des Rates sind ja noch nicht einmal völlig ungerechtfertigt … schließlich war ich derjenige, der das Treffen zwischen dem Bruder des neuen italienischen Präsidenten und dem Ratsmitglied Byron Walsh insgeheim arrangiert hatte.«

»Du hast nur helfen wollen, ein wichtiges Bündnis zwischen zwei einflussreichen Persönlichkeiten der Menschen und der Stammesvampire zu schmieden. Erkennt der Rat denn nicht, dass der Orden genau wie alle anderen nach Frieden strebt?« Gabrielle sah ihn mit auf die Seite gelegtem Kopf an, als er ihre Hand nahm und sie aus dem Büro in den Flur führte. »Keiner hätte voraussehen können, dass ein Attentat auf dieses Treffen verübt werden würde … und dann auch noch durch Walshs eigenen Sohn.«

»Derek Walsh ist nur Teil eines größeren Problems«, brummte Lucan. »Ein Problem, das mit jedem Tag, den der Orden nichts dagegen unternimmt, größer wird.«

»Opus Nostrum«, meinte Gabrielle ruhig.

Den Namen der gefährlichen Geheimorganisation hatte bis vor wenigen Wochen noch nie jemand gehört, und man hatte von dieser Gruppierung erst erfahren, als UV-Technologie, die sich noch in der Versuchsphase befand, gestohlen worden war um als Massenvernichtungswaffe bei einem Friedensgipfel mit Vertretern der Menschen und der Stammesvampire eingesetzt zu werden. Dem Orden war es gelungen, diese Katastrophe im letzten Augenblick zu verhindern und den Anführer von Opus, Reginald Crowe, zu töten. Aber nachdem Opus Nostrum solcherart in die öffentliche Wahrnehmung gerückt war und man erfahren hatte, dass deren Anhängern chemische und andere Waffen zur Verfügung standen, war die Gruppe zur derzeit gefürchtetsten Terrororganisation der Welt avanciert.

Die Ermordung zweier hochrangiger Vertreter beider Rassen Anfang der Woche durch ein neues Mitglied von Opus – bei dem es sich zudem um den Sohn eines angesehenen Ratsvertreters handelte – hatte die Stimmung noch weiter angeheizt.

Aber so gegenwärtig die Bedrohung auch sein mochte, die von Opus Nostrum ausging, gab es noch einen anderen Feind, der im Dunkel lauerte. Einen Feind, dessen der Orden erst langsam gewahr wurde.

Tausende von Jahren hatten die Stammesvampire geglaubt, die einzigen übernatürlichen Wesen auf dem Planeten Erde zu sein. Doch jetzt gab es den unwiderlegbaren Beweis, dass es noch andere gab. Und diese andere außerirdische Rasse Unsterblicher, die sich selber Atlantiden nannten, planten offensichtlich einen Krieg, der die Bemühungen von Opus Nostrum wie Kinderkram aussehen lassen würde.

Zu behaupten, der Orden hätte alle Hände voll zu tun, war also alles andere als eine Untertreibung.

Sie mussten Opus Nostrum das Handwerk legen und der schwerwiegenderen, nicht ganz so offensichtlichen Bedrohung, die von den Atlantiden ausging, ein Ende bereiten. Lucan hatte nicht vor, sich dabei vom Rat der Globalen Nationen oder anderen, die sich einmischen wollten, behindern zu lassen.

Glücklicherweise hatte der Orden in den letzten Tagen ein paar nützliche Hinweise erhalten und von unerwarteter Seite Hilfe bekommen. Jeder Rückschlag und jede Katastrophe, die sie nur knapp abwenden konnten, schien durch einen Hoffnungsschimmer ausgeglichen zu werden. Und das war gut so. Denn Lucan hatte das Gefühl, sie würden alles Glück brauchen, das sie kriegen konnten.

Und wenn das Glück auch mal nicht auf ihrer Seite stehen mochte, hatte er auch kein Problem damit, jeden zu zerquetschen, der sich dem Orden in den Weg stellte.

Als er und Gabrielle den Weg zum Konferenzraum einschlugen und um eine Ecke bogen, hörte Lucan ihren Sohn, Darion, mit Gideon und dessen Gefährtin, Savannah, reden.

Dare gehörte zwar noch nicht offiziell dem Orden an, aber Lucan musste gestehen, dass der Einundzwanzigjährige sich sowohl intellektuell als auch kämpferisch als Bereicherung erwiesen hatte. Heute Abend waren er und Gideon einem Stammesvampir in Irland auf den Fersen, der offensichtlich mit Opus in Verbindung stand.

Lucan und Gabrielle blieben stehen und sahen, dass Gideon vor einer Wand saß, die sich aus lauter Bildschirmen zusammensetzte, während Dare und Savannah in Schaubilder und Berichte vertieft waren, die auf dem Konferenztisch lagen.

Das war eine vertraute Szene, die Erinnerungen weckte, doch dass Darion jetzt mit dazugehörte, ließ Lucan die Brust vor Stolz anschwellen. Gabrielle drückte liebevoll seine Hand, denn bestimmt hatte sie durch die Bindung, die zwischen ihnen bestand, seine aufwallenden Gefühle bemerkt.

Lucan räusperte sich, und Savannah lächelte ihn zur Begrüßung an. Dares Miene war angespannt. Als seine Eltern in den Raum traten, merkte man ihm an, dass er ganz und gar auf die vor ihm liegende Arbeit konzentriert war.

»Haben wir es geschafft, Riordan anzuzapfen?«, fragte Lucan.

Gideon stieß einen Fluch aus und warf seine allgegenwärtige silbern getönte Brille auf den Tisch vor sich. Er fuhr sich mit einer Hand über das blonde, stachelig nach oben stehende Haar. »Außer mehrere Stunden umfassendes, im Grunde nutzloses Videomaterial der Überwachungskameras, das zeigt, wer ein und aus geht, habe ich bisher noch keine Möglichkeit gefunden, mich in sein Netzwerk zu hacken. Verflucht noch mal … der Mistkerl lebt in einer Burg aus dem zwölften Jahrhundert. Irgendeine Art von Kommunikationsausrüstung hat er zwar, aber die Verbindungsprotokolle sind geschützt, sodass ich bisher an keiner Stelle ansetzen konnte.«

Lucan sah ihn an. »Und das heißt?«

Es war Darion, der ihm auf seine Frage antwortete. »Wenn wir keine Schwachstelle in Riordans Kommunikationsnetzwerk finden, haben wir keine Möglichkeit, in sein System einzudringen.«

Es hatte mal eine Zeit gegeben – und das war gerade mal ein paar Wochen her –, da wäre Lucan überrascht, ja fast schon schockiert darüber gewesen, wie gut Darion sich auskannte und wie weit sein Interesse ging. Zusammen mit seinen taktischen Fähigkeiten und seiner Erfahrung im Kämpfen, die er unter Anleitung von Tegan vervollkommnet hatte, würden nur wenige ihm das Wasser reichen können, wenn er sich erst einmal im Einsatz bewährt hatte. Zwar waren Lucan und sein Sohn häufiger aneinandergeraten, wenn es darum ging, ob er schon so weit war, ein richtiges Mitglied des Ordens zu sein, doch diese Bedenken gehörten mittlerweile der Vergangenheit an.

»Das sind wohl Zeichnungen, die Nova von Riordans Unterschlupf angefertigt hatte, nehme ich an.« Lucan deutete auf die Skizzen, die auf dem Konferenztisch ausgebreitet lagen.

Darion nickte. »So gut, wie sie sich eben erinnern konnte. Nova hat gesagt, dass sie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr im Dunklen Hafen ihrer Familie gewesen ist.«

Savannah sah Dare mit ihren dunkelbraunen Augen ernst an. »Dieses Nest als Dunklen Hafen zu bezeichnen ist viel zu freundlich ausgedrückt. Das Gleiche gilt, wenn man Riordan ihre Familie nennt. Nova brauchte uns gar nicht alles zu erzählen, was sie durch ihren Adoptivvater hat erleiden müssen, denn es ist offensichtlich, dass sie eine furchtbar brutale Behandlung erfahren hat.«

Nova war jetzt seit ein paar Wochen Mathias Rowans Stammesgefährtin. Das Paar hatte sich im Verlaufe von Ermittlungen kennengelernt, die vom Leiter des Londoner Stützpunktes des Ordens wegen einer Mordserie in seiner Stadt und wegen einer verschwundenen Ladung russischer Waffen durchgeführt worden waren.

Die tätowierte junge Frau mit den blauschwarzen Haaren – die eigentlich Catriona Riordan hieß – hatte dem Orden fast alles an Informationen zukommen lassen, die man zurzeit über den Stammesvampir hatte, der sie aufgezogen hatte. Nur durch Nova hatte man erfahren, dass die Helfershelfer von Fineas Riordan an dem schwarzen Tattoo, das einen Skarabäus darstellte, zu erkennen waren.

Und erst nach Derek Walshs Geständnis bezüglich des Anschlags in Italien hatte der Orden eine Verbindung zwischen Riordan und Opus Nostrum herstellen können. Denn bedeutsamer als die Tatsache, dass Derek mit seinen Plänen geprahlt hatte, um den harten Kern von Opus mit dem schockierenden Attentat zu beeindrucken, war der Umstand, dass er auch mit einem schwarzen Skarabäus tätowiert gewesen war.

Lucan warf einen Blick auf die Zeichnungen von Riordans Festung und schüttelte den Kopf. »Wir brauchen etwas Handfestes, woran wir ablesen können, was dieser Mistkerl jetzt plant oder was er wohl mit dem Container voller Waffen vorhatte, die seine Handlanger in London abholen wollten.« Lucan sah Gideon an. »Wann schicken wir unsere Drohne zu einem Erkundungsflug los?«

»Sie hat vor ein paar Stunden abgehoben.«

»Und wurde nur Sekunden, nachdem sie von seinen Überwachungskameras erfasst worden war, abgeschossen«, führte Darion den Satz mit grimmiger Miene zu Ende. »Wir haben keinerlei Informationen beschaffen können.«

»Um Gottes willen.« Lucan richtete seinen finsteren Blick auf Gideon. »Wie sieht’s mit Satellitenbildern aus?«

»Wir arbeiten daran.«

»Beeilt euch. In der Zwischenzeit werde ich den Mitgliedern des Rates und all den anderen jammernden Politikern im Kapitol, die zu Hause in ihren bequemen Sesseln hocken, verklickern, dass das Attentat in Italien ein Einzelfall war, der von Walshs geistig labilem Sohn durchgeführt worden ist. Gerüchte, dass Opus auch nur ansatzweise etwas mit dem Anschlag zu tun hat, können wir jetzt überhaupt nicht brauchen. Das würde nur die öffentliche Hysterie anheizen, und wir haben so schon genug damit zu tun, dass keine Panik ausbricht.«

Alle im Raum nickten zustimmend, doch Darion wirkte immer noch leicht besorgt. »Mit Abschaum wie Riordan werden wir fertig. Und das mit Opus Nostrum kriegen wir auch auf die Reihe, wenn es so weit ist. Aber dann sind da immer noch die Atlantiden.«

»In der Tat«, pflichtete Lucan ihm bei. »Auf den Kampf müssen wir uns auch vorbereiten. Das eine, was Reginald Crowe uns ganz deutlich klargemacht hat, ist, dass wir sie direkt vor uns haben können und es noch nicht einmal bemerken. Zum Beispiel wie der jetzt tote Besitzer des La Notte in Boston. Keiner wäre je auf die Idee gekommen zu vermuten, dass Cassian Gray kein Mensch sein könnte. Das kam erst heraus, als seine eigenen Leute – Atlantiden – ihn sich vornahmen.«

Gabrielle legte eine Hand auf Lucans Arm. »Ja, das stimmt, aber während Crowe durch und durch böse war, bestand Cass’ einziges Verbrechen darin, seine Atlantiden-Tochter seinen Leuten entziehen zu wollen, um ihr ein besseres Leben zu bieten. Jordana hat nichts Böses an sich. Und genauso wenig hatte ihr Vater etwas Böses an sich.«

»Es sind nicht die einzelnen Vertreter ihrer Art, mit denen wir fertigwerden müssen«, rief Lucan seiner Frau in Erinnerung. »Sondern es ist ihre Königin, die einen Krieg will. Cass verlor auf Befehl von Selene seinen Kopf, und Jordana wird sich bis an ihr Lebensende vor ihrer königlichen Großmutter verstecken müssen, wenn wir Selene nicht vorher finden.«

Darion nickte ernst. »Wenn es stimmt, was Crowe gesagt hat, und ihre Königin plant, alle anderen zu vernichten, bleibt uns nichts anderes übrig, als das Miststück zur Strecke zu bringen und sie zu vernichten … und alle ihre Anhänger auch.«

Lucan musterte den Mann, zu dem sein Sohn geworden war … den furchtlosen Recken. Er wollte sich nicht vorstellen, dass Darion in vorderster Front gegen eine feindliche Rasse kämpfte. Aber der Anführer in ihm konnte sich keinen besseren Kämpfer wünschen, der eines Tages das Kommando bei diesem Krieg übernähme.

»Informiert mich, sobald ihr etwas Neues über Riordan habt«, wies er sie an. »Jede Minute, die wir diesen Mistkerl weiter atmen lassen, geben wir Opus eine weitere Möglichkeit zuzuschlagen.«

3

Carys’ von Jeansstoff umhüllte Beine waren um ihn geschlungen, und ihr Mund presste sich auf seinen, seit sie die Arena verlassen hatten und Rune sie in seine Unterkunft im hinteren Teil des Nachtclubs trug.

Tiefe Bässe und donnernde Beats, zu denen die Besucher tanzten, dröhnten durch das ganze Gebäude, aber das Getöse des vollen Clubs und der Lärm Hunderter von Stimmen wurden immer leiser, je näher Rune und Carys den Unterkünften der Kämpfer kamen, die im Untergeschoss des La Notte lagen.

Allerdings hätte er wegen seines Bluts, das laut durch seine Adern rauschte, sowieso nicht viel gehört.

Er trat die Tür auf und trug Carys in den Raum. Er konnte es gar nicht erwarten, allein mit ihr zu sein … in ihr zu sein. Sobald sie die Schwelle überschritten hatten, wirbelte er herum und drückte Carys’ Rücken gegen die jetzt geschlossene Tür, ehe er leidenschaftlich und ungestüm Besitz von ihren Lippen und ihrer Zunge nahm.

Nach einem fünfundzwanzigminütigen Faustkampf im Käfig war er immer mit Adrenalin vollgepumpt und von dem Wunsch beseelt, Sex zu haben und seinen Blutdurst zu stillen. Nach den Kämpfen war es förmlich zu einem Ritual für ihn geworden, beides in den BDSM-Katakomben des La Notte zu befriedigen, doch diesen Bereich des Nachtclubs hatte er nun seit mehr als sieben Wochen nicht mehr betreten.

Carys Chase war jetzt das Einzige, wonach er sich sehnte.

Sie war seitdem die einzige Frau in seinem Bett … bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen sie tatsächlich so weit gekommen waren, ehe sie einander die Kleider vom Leib rissen. Der Sex mit Carys hatte ihn für jede andere Frau unbrauchbar gemacht. Sie brachte seine wilde Seite wie keine andere zum Vorschein und sorgte dafür, dass sein Blut anfing zu kochen, sodass er es kaum mehr ertragen konnte … insbesondere wenn sie sich mit ihrem starken, herrlichen Körper wie jetzt an ihn klammerte.

Wild und ungehemmt, war die wunderschöne Stammesvampirin wahrlich eine Naturgewalt.

Und was ihr Blut anging …

Verflucht noch mal. Er war nicht in der Lage, darüber nachzudenken, wie verführerisch ihr Blut war. Vor allem dann nicht, wenn er hart wie Stein war und sich danach sehnte, in ihr zu sein.

Eigentlich hätte er duschen und Blut und Schweiß von seinem Körper waschen müssen, doch Carys schien es nicht zu stören. Sie hätte weit Besseres verdient, hieß ihn aber willkommen, egal wie er zu ihr kam. Der Teufel sollte ihn holen, aber das machte ihn sogar noch härter.

Sie hatte einen Arm um seinen Hals geschlungen und zerrte mit der freien Hand an der Verschnürung seiner kurzen Lederhose, die kurz darauf an seinen nackten Schenkeln nach unten rutschte. Kaum befreit von dieser Umhüllung, wurde er von ihr gepackt, und Rune stöhnte, als sie ihre Finger über die gesamte Länge seiner Erektion gleiten ließ. Ihr Mund war feucht von seinem Schweiß, während sie ihn weiter mit festem Griff streichelte und dabei ihre fordernde kleine Zunge tiefer in seinen Mund schob.

Himmel, er war wirklich süchtig nach ihr.

Er stieß seine Hüften nach oben, um sich mit seiner Erregung an ihrem Schoß zu reiben. Der Stoff ihrer Hose schürfte seine Haut auf, doch es war die Hitze, die ihr Körper ausstrahlte und ihn zischend einatmen ließ.

»Merkst du, wie hart du mich machst?«, murmelte er an ihren Lippen. Seine Stimme klang belegt wegen seiner Reißzähne, die hervorgetreten waren. »Du musst dich ausziehen. Jetzt sofort.«

»Ich stimme zu.« Sie lächelte und enthüllte dabei die Spitzen ihrer eigenen Fänge, während er sie auf dem Boden absetzte.

Carys so zu sehen beunruhigte ihn gelegentlich. Wenn das Verlangen sie packte, sprühten ihre hellblauen Augen bernsteinfarbene Funken, wie sie in seinen dunklen Augen auch zu bemerken waren. Und genau wie bei ihm verengten sich auch bei ihr, wenn Begehren sie erfasste, ihre Pupillen zu schmalen Schlitzen wie bei einer Katze.

Ungeduldig zerrten beide an Carys’ schwarzer Bluse und der engen Jeans, ehe sie ihren seidenen BH und den Hauch eines Höschens abstreifte. Er hatte sie schon zig Mal unbekleidet gesehen, doch das hielt ihn nicht davon ab, fasziniert die Dermaglyphen zu betrachten, deren verschlungene Muster Schultern, Brust und Bauch überzogen.

Bei ihr waren die Hautmuster, die alle Stammesvampire besaßen, feiner gezeichnet als die, die seinen Körper bedeckten. Doch die zierlichen Schnörkel und zarten Ornamente leuchteten wie bei ihm in kräftigen Farben, was darauf hindeutete, wie erregt sie war.

Sie wies Dermaglyphen und Fänge auf, besaß aber gleichzeitig auch das Muttermal einer Stammesgefährtin. Das kleine scharlachrote Mal – eine Träne, die in die Wiege einer Mondsichel fällt – befand sich auf der linken Seite von Carys’ Hals. Das war der Teil von ihr, der es ihr ermöglichte, auch bei Tage das Haus zu verlassen, während Rune und die meisten Stammesvampire Geschöpfe der Nacht waren.

Rune streckte die Hand aus, um das winzige Mal zu berühren, und strich dann mit seinen schwieligen Fingern über ihre weiche Wange, ehe er sie über die verschnörkelten Glyphen gleiten ließ, die ihre Brüste bedeckten.

»Du bist so verdammt schön«, krächzte er und strich über ihre rosigen Brustspitzen. Er ließ seine große Hand über ihren flachen Bauch zu dem schmalen Streifen karamellbrauner Löckchen zwischen ihren Beinen gleiten. Sie war feucht, und er spürte ihre seidige Hitze. Sie war so herrlich verführerisch.

Er wollte es langsamer angehen, aber das Adrenalin aus der Arena strömte noch immer durch seinen Körper, genau wie sein Verlangen nach dieser Frau.

Rune schob seine Hände unter ihren Po und hob ihren schlanken Körper an, sodass sie die Beine um seine Hüften schlingen konnte und ihr feuchter Schoß sich ihm öffnete. Mit einem einzigen Stoß drang Rune kraftvoll in sie ein.

Carys stöhnte und drängte sich ihm schon entgegen, ehe er wieder Luft holen konnte. Ihre Augen loderten auf, während sie seinen Blick festhielt. Ihre Fänge traten noch weiter hervor, und das Verlangen, das sie erfüllte, ließ ihre Glyphen noch heller leuchten. Rune spannte den ganzen Körper an und suchte einen festen Stand, während er mit einer Hand Carys hielt und sich mit der anderen an der Wand hinter ihr abstützte, um ihr alles zu geben, was sie von ihm verlangte.

Bei ihr brauchte er sich nicht zurückzuhalten. Ihre Leidenschaft stand seiner in nichts nach, und trotz ihrer klassischen Schönheit und der Tatsache, dass sie sich so zerbrechlich in seinen Armen anfühlte, konnte es Carys mit jedem Stammesvampir an Kraft aufnehmen.

»Ja«, zischte sie an seinem Ohr, als er in sie hineinstieß. »Rune, ja … fester.«

Er knurrte und gehorchte ihr nur zu gern. Er drang noch tiefer in sie ein, sodass sie aufschrie. Ihre Fingernägel bohrten sich in seinen Rücken, rissen seine Haut auf und trieben ihn noch weiter an. Ihre Dermaglyphen pulsierten lebhaft an seiner nackten Brust, und von ihrem Körper ging eine wogende Hitze aus.

»Hey, Baby«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Willst du es so?«

»Oh ja«, keuchte sie. »Gib mir mehr, Rune. Hör nicht auf.«

Brüllend versenkte er sich immer schneller in ihr, während beide der Erlösung entgegenrasten. Er hätte es jetzt nicht mehr langsamer angehen können, auch wenn sie es sich von ihm gewünscht hätte. Er senkte den Blick und sah, wie Carys’ Körper sich anspannte. Ihre wunderschönen Glyphen funkelten in tiefem Blau, Weinrot und Gold. Sie war kurz davor.

Verflucht … genau wie er.

Carys’ Nägel bohrten sich in seine Schultern, als die erste Woge sie erfasste. Sie schrie vor Lust auf, und das war der verführerischste Laut, den Rune je gehört hatte. Sie bebte und zuckte bei seinen immer schnelleren Stößen, während auch er dem Höhepunkt entgegeneilte.

Mit einem erstickten Schrei warf er den Kopf nach hinten, tauchte in immer kürzeren Abständen in sie ein und spürte, wie ihr Inneres bei jedem Stoß an ihm sog. Als er kam, brüllte er laut auf und brach angesichts der Intensität seines Höhepunkts beinah zusammen.

»Himmel, du fühlst dich so gut an«, keuchte er mit heiserer Stimme und senkte den Kopf, um sie anzuschauen. »Wenn du weiter so leidenschaftlich bist, werde ich nicht in der Lage sein, dir irgendetwas zu verweigern, Frau.«

»Meinst du das ernst?« In ihren Augen war jetzt kein bisschen Blau mehr zu sehen, nur noch ein bernsteinfarbenes Leuchten. Ihr Blick war starr auf seine Kehle gerichtet. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schaute dann ganz unverhohlen blutrünstig zu ihm auf.

Auch wenn ihm klar war, dass sie ihn nur neckte, wurde er sofort ernst. Er legte eine Hand an ihr wunderschönes Gesicht. »Du kennst unsere Regel, Liebes.«

Sie stöhnte und zog eine schmale Braue hoch. »Wenn ich mich an alle Regeln halten würde, wären wir gar nicht zusammengekommen, oder?«

Ehe er wusste, wie ihm geschah, senkte sie den Kopf und fuhr mit der Zunge über seine Halsschlagader. Ganz weich … sie berührte ihn noch nicht einmal mit ihren Fängen. Es war nur eine schnelle, feuchte Liebkosung, die kräftiger als jeder Stromschlag durch seinen Körper zuckte, den er je im Käfig erhalten hatte.

Grundgütiger Himmel.

Rune knurrte, packte sie und warf sie sich wie einen Sack Kartoffeln über die Schulter. Sie kreischte und klatschte mit den Händen auf seinen Rücken. Ihr karamellbraunes Haar kitzelte seinen nackten Hintern, während er durch seine Räume ins Schlafzimmer ging. Er ließ sie auf die Matratze fallen und warf sich dann sofort auf sie.

Sie lachte und genoss die harmlose, kleine Rangelei, aber Rune war jetzt ganz ernst. »Die Blutsverbindung lässt sich nicht wieder lösen, Carys. Das weißt du genau.«

Ihr Lächeln wurde ein wenig blasser. »Ich weiß.«

»Das, was da zwischen uns läuft, ist toll, aber schau dich doch um. Schau mich an.« Er schüttelte den Kopf. »Ist das der Ort, an den du gehörst? In diesen Club? Zu all diesen Leuten, die jeden Abend um den Käfig herumstehen? Das ist ganz gewiss nicht das Leben, an das man dich bis an dein Lebensende gefesselt sehen möchte. Nicht einmal ich will das.«

»Vorsicht, ich höre eine schreckliche Ähnlichkeit zu dem, was meine Familie mir ständig erzählt.«

»Es ist richtig, dass sie mich missbilligen … unsere Beziehung, wie sie ist.«

»Es ist mir egal, was alle anderen denken.«

Ja, das war es tatsächlich. Das war ein Wesenszug von ihr, den er schätzte. Das war eines der vielen Dinge, die er an ihr liebte.

»Vom ersten Augenblick an, als ich dich sah, wusste ich, dass du mich in Schwierigkeiten bringen würdest.« Er schob seine Finger in ihr Haar und legte seine Hand um ihren warmen Nacken. »Du und deine kleine Schar aus kichernden Freundinnen. Weißt du eigentlich, dass ich dich in der Sekunde bemerkte, als du hereinkamst?«

Sie grinste. »Tja, wir waren wohl kaum zu übersehen. Wir hatten alle ziemlich einen in der Krone an dem Abend, denn wir waren schon durch mehrere Clubs gezogen, ehe wir hier aufschlugen.«

Rune schüttelte den Kopf. »Ich habe deine Freundinnen gesehen, aber wirklich bemerkt habe ich nur dich. Du bist vorweg marschiert und hast die ganze Horde angeführt.« Bei der Erinnerung daran regte sich sogar jetzt etwas in seinen unteren Körperregionen. Und auch sein Blut geriet in Wallung und pochte mit dem gleichen heftigen Verlangen, das er in dem Moment verspürt hatte, als Carys wie ein unaufhaltsamer Lichtstrahl in seine Welt eingedrungen war. »Jeder Mann hat dich an dem Abend bemerkt, aber ich wusste, dass ich derjenige wäre, der dich bekommen würde.«

Ihre Augenbrauen schossen nach oben. »Arrogant warst du.«

»Ja«, stimmte er ihr zu. »Und entschlossen.«

»Eine gefährliche Kombination.« Sie lächelte, als sie näher rückte und nur noch wenige Zentimeter ihre Lippen voneinander trennten. »Ich hatte überhaupt keine Chance.«

»Keine Sekunde lang«, erwiderte er. »Und als du am nächsten Abend alleine kamst, hatte ich auch keine mehr.«

Als er sie küsste und wieder in ihren heißen Schoß eintauchte, kam ihm unwillkürlich der Gedanke, dass – wären sie ein normales Paar – sie wahrscheinlich schon miteinander verbunden oder zumindest auf dem Weg dahin wären.

Wäre er ein anderer Mann …

Rune schüttelte den nutzlosen Gedanken ab.

Die Ewigkeit war etwas, was er Carys nicht geben konnte.

Himmel, er war ihr gegenüber ja noch nicht einmal völlig ehrlich gewesen. Durch die Blutsverbindung würden ihr seine widerliche Vergangenheit und seine schändlichen Geheimnisse offenbart werden. Er würde sie unwiderruflich an sich binden und damit auch an das Dunkel, vor dem er fast sein ganzes Leben lang davongelaufen war.

Er würde Carys an sich und die Gefahr binden, die ihn jederzeit einholen könnte … wie es schon mal geschehen war.

Dieses Risiko würde er niemals eingehen, auch wenn das bedeutete, dass er sie eines Tages für immer von sich stoßen müsste.

4

Sterling Chase saß neben seiner Frau Tavia auf dem Sofa im Wohnzimmer und plauderte mit ihren drei Besuchern, wobei er sich krampfhaft bemühte, nicht alle fünf Minuten auf die Uhr zu schauen, die an der gegenüberliegenden Wand hing.

Es waren wohl vergebliche Bemühungen, wenn er Tavias schiefen Blick richtig deutete.

Sobald er das leise Piepen des Sicherheitssystems vernahm, welches anzeigte, dass seine Patrouille ihren nächtlichen Streifzug beendet hatte, murmelte Chase eine leise Entschuldigung und verließ das Wohnzimmer.

Die beiden Krieger, die er hatte sehen wollen, erschienen am anderen Ende des Flurs, nachdem sie gerade von ihrem nächtlichen Rundgang durch die Stadt zurück waren. »Gibt’s was zu berichten?«

»Ein ganz normaler Freitagabend«, erwiderte Elijah mit seinem breiten texanischen Akzent. »Was eine Menge aussagt, wenn man bedenkt, was in letzter Zeit so alles abgegangen ist.«

»Und meine Tochter?«, presste Chase heraus.

Jax schüttelte den Kopf und sah ihn mit seinen mandelförmigen Augen ernst an. »Im La Notte war keine Spur von ihr.«

»War der Käfigkämpfer da?« Als die Krieger nickten, stieß Chase einen scharfen Fluch aus. »Dann war sie es auch. Carys hat sich wahrscheinlich sofort versteckt, als sie euch da gesehen hat.«

Chase musste es schließlich wissen, dass seine Tochter die Fähigkeit besaß, sich vor jedem zu verbergen. Dass sie Schatten nach ihrem Geheiß lenken konnte, war eine übersinnliche Gabe, die sie von ihm geerbt hatte. Verfluchter Mist.

Während er noch überlegte, ob er seine Männer ein weiteres Mal beim Club vorbeischicken sollte, wo die illegalen Kämpfe stattfanden, um sich davon zu überzeugen, dass sein Kind noch in der Stadt und gesund und munter war, spürte er einen Luftzug hinter sich.

Tavia war ebenfalls in den Flur getreten.

Sie lächelte die beiden Krieger freundlich an, die den Gruß der Gefährtin ihres Anführers mit einem ehrerbietigen Nicken erwiderten. »Da draußen alles in Ordnung?«

»Ja, Ma’am«, erwiderte Eli.

Jax nickte zustimmend.

»Sie haben mir gerade von ihrer Patrouille Bericht erstattet«, erklärte Chase.

»Du meinst, sie haben dir von der allnächtlichen Überwachung unserer Tochter berichtet.«

Er machte sich nicht die Mühe, es zu leugnen. Tavia wusste, wie besorgt er war, weil Carys sich entschieden hatte, nicht mehr im Dunklen Hafen der Familie zu leben. Er machte sich nicht nur deshalb Sorgen um sie, weil sie seine einzige Tochter war, sondern wegen der Gefahren, die nicht nur in Boston, sondern überall in letzter Zeit lauerten. Gefahren, derer sich nur der Orden voll bewusst war.

Tavia machte sich auch Sorgen, doch sie war wohl aus härterem Holz als er geschnitzt. In den Wochen nach Carys’ Auszug hatte sie sich allmählich damit abgefunden, dass ihre Tochter eine erwachsene Frau war, der man ihre eigenen Entscheidungen zugestehen musste.

So sehr Chase die eigene Ohnmacht auch hasste – er konnte nichts mehr tun. Carys war jetzt erwachsen, und er musste einfach hoffen, dass das, was er sie ein Leben lang gelehrt hatte, nicht nur hängen geblieben war, sondern auch Wurzeln geschlagen hatte.

Er sah die beiden Krieger an und fluchte. »Vielleicht sollte ich die zwei losschicken, damit sie sie holen und nach Hause zurückbringen, wo sie hingehört.«

Tavia verschränkte die Arme vor der Brust. »Und was dann? Willst du sie etwa ans Treppengeländer ketten? Sie würde es sich nie gefallen lassen, wollten wir ihr vorschreiben, wie sie ihr Leben zu führen hat, und das weißt du auch. Wir würden sie für immer verlieren.«

»Das kann so auch passieren, wenn sie dort bleibt, wo wir sie nicht beschützen können.«

»Nach dem, was ich über ihren Freund, Rune, gehört habe –«

»Freund?«, höhnte Chase. »Das ist doch nur ein kaltblütiger Mörder, der aus dem Rinnstein kommt, was man so hört. So ein Mistkerl wie dieser Ringkämpfer, der nur nach neuen Herausforderungen außerhalb des Käfigs sucht, kann ihr doch nicht das Wasser reichen.«

»Carys scheint mehr in ihm zu sehen, als sein Ruf über ihn aussagt«, rief Tavia ihm sanft in Erinnerung. »Nathan und Jordana haben sich mal mit Carys und Rune getroffen, und beide sagen, dass er ihr sehr zugetan zu sein scheint. Und auch sehr fürsorglich ihr gegenüber ist. Für mich klingt das so, als würde er sie lieben, Sterling.«

Bei der Vorstellung bekam Chase fast keine Luft mehr. »Da soll er nur schön hoffen, dass unserem kleinen Mädchen nichts passiert … weder durch ihn oder Leute, mit denen er etwas zu tun hat. Und was Carys angeht, sage ich immer noch, dass sie zu uns gehört. Vor allem jetzt. Du hast bestimmt nicht vergessen, was Cassian Gray letzte Woche passiert ist oder dass Carys beinahe mit in das hineingezogen worden wäre, was Jordana durchmachen musste.«

Nein, natürlich hatte seine Gefährtin das nicht vergessen. Denn abgesehen von der Tatsache, dass sie ein fotografisches Gedächtnis besaß, würde keiner aus dem Orden weder die Umstände der Ermordung des Besitzers des Nachtclubs La Notte durch Soldaten der Atlantiden vergessen, noch dass Jordana kurz danach entführt worden war.

Tavia legte ihre Hand auf Chase’ Unterarm. »Wir haben zwei sehr willensstarke, vernünftige Kinder großgezogen, Liebster. Wenn wir uns fragen, woher das kommt, brauchen wir nur in den Spiegel zu schauen.«

Als er ihr brummig zustimmte, beugte Tavia sich vor und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Wir haben Gäste nebenan. Komm wieder rein und versuch, dich etwas geselliger zu zeigen. Lass die grimmige Miene draußen, und verbring einen netten Abend mit unseren Freunden.« Sie lächelte den beiden Kriegern zum Abschied zu. »Eli, Jax.«

»Ma’am«, erwiderten die wie aus einem Munde.

Nachdem Tavia wieder ins Wohnzimmer gegangen war, fragte Chase: »Habt ihr Nathan und Jordana heute Abend gesehen?«

Jax nickte. »Sie waren mit Aric in der Einsatzzentrale, als wir vor einer Minute reingekommen sind.«

Chase hatte Carys’ Zwillingsbruder bewusst nicht für die nächtlichen Patrouillen eingeteilt, die ihn zu dem Club führen würden, wo Rune kämpfte. Aric war genau wie sein Vater der Meinung, dass Carys nur leiden würde, wenn sie die Beziehung zu Rune fortsetzte. Es war gar nicht lange her, dass er versucht hatte, ihr auszureden, Rune weiter zu sehen, was prompt dazu geführt hatte, dass seine Kinder kaum noch miteinander redeten.

Chase seufzte tief. »Sagt Jordana und Nathan, dass sie doch bitte in einer Stunde zu mir kommen sollen. Ich muss die beiden um einen Gefallen bitten.«

Nachdem die beiden Krieger gegangen waren, trat Chase wieder ins Wohnzimmer, wo Tavia sich gerade mit Mathias Rowan und seiner Gefährtin, Nova, unterhielt, die vor Kurzem aus London eingetroffen war.

Chase kannte Mathias noch aus seiner Zeit bei der Agentur in Boston. Das war jetzt mehr als zwanzig Jahre her, doch die beiden Männer waren enge Freunde geblieben, und beide dienten jetzt dem Orden als Bereichsleiter ihrer jeweiligen Bezirke.

Chase hatte seinen Kameraden noch nie zufriedener und glücklicher gesehen als jetzt, wo er neben Nova saß. Die beiden stellten ein wirklich gegensätzliches Paar dar. Auf der einen Seite der puritanische Mathias und auf der anderen der tätowierte Hitzkopf mit den blauschwarzen Haaren. Novas bunt tätowierte Arme waren heute Abend von einer schlichten schwarzen Bluse umhüllt, was der ungewöhnlichen Schönheit ein gleichzeitig elegantes und rebellisches Aussehen verlieh. Und Mathias war eindeutig völlig bezaubert von ihr. Er hielt Novas Hand schon den ganzen Abend und war kaum in der Lage, seinen Blick auch nur kurz von ihr zu nehmen.

Der dritte Gast im Hause Chase kam auch aus London und war schon seit ein paar Tagen bei Tavia und Chase zu Besuch. Die gut aussehende, schwarzhaarige Brynne Kirkland war eine Ermittlerin des Joint Urban Security Taskforce Initiative Squad. Das Verhältnis zwischen dem Orden und der Polizeitruppe der Regierung, die aus handverlesenen Vampiren und Menschen bestand, war, um es vorsichtig auszudrücken, gespannt, doch Brynnes Reise nach Boston war nicht in ihrer Funktion als Beamtin von JUSTIS erfolgt.

Sie war nach Boston gekommen, um Zeit mit ihrer Halbschwester Tavia zu verbringen.

Die Frauen hatten einander vor ungefähr zehn Jahren gefunden, und bei beiden handelte es sich um Stammesvampirinnen, die aus Experimenten eines Wahnsinnigen hervorgegangen waren, bei dem die DNA von einer Stammesgefährtin mit der DNA eines Gen-Eins-Vampirs gekreuzt worden war. Herausgekommen waren die ersten Stammesvampirinnen, die es überhaupt gab.

Aus diesem Experiment waren mehrere Tagwandlerinnen wie Tavia und Brynne hervorgegangen, die auch das Erwachsenenalter erreicht hatten, doch alle waren getrennt voneinander im Geheimen aufgezogen worden, und über den Verbleib der meisten war nichts bekannt. Tavia und Brynne hatten bei der Suche nach ihren Schwestern zusammengearbeitet und in deren Verlauf eine ganz besondere Beziehung zueinander aufgebaut.

Der heutige Abend war als ein angenehmes, geselliges Beisammensein geplant gewesen, aber Chase’ Miene ähnelte wohl doch mehr einer Gewitterwolke.

»Gibt’s Probleme in der Stadt?«, fragte Mathias.

Tavia zog eine Augenbraue hoch, und ein leichtes Grinsen zuckte um ihre Mundwinkel. »Manche von uns bemühen sich immer noch um den richtigen Umgang mit ihren Kindern – sogar nachdem sie es zwanzig Jahre lang geübt haben.«

Mathias und Nova wechselten einen Blick. Sein Grinsen wurde breiter. »In dem Fall sollten wir jetzt gleich damit anfangen, uns Tipps und Ratschläge zu holen.«

Chase’ Augen wurden groß.

Tavia atmete überrascht ein. »Heißt das …«

Novas Wangen wurden rot. Mathias strahlte wie eine Leuchtreklame und zog seine Gefährtin an sich. »Wir wissen es erst seit ein paar Tagen.«

»Oh mein Gott«, rief Tavia. »Wir freuen uns so für euch!«

Nova errötete noch stärker, als sie sich schüchtern bedankte.

Mathias sah Chase an. »Wir hätten dich und Tavia gern als Paten. Deshalb wollten wir auch bei euch vorbeischauen, ehe wir nach D.C. fahren, um uns mit Lucan zu treffen.«

»Es ist uns eine Ehre«, erklärte Chase, den diese Geste von Freundschaft und Vertrauen tief bewegte. Er stand auf, um Mathias die Hand zu reichen, doch dann entschied er, dass die Situation mehr als diese förmliche, seiner Herkunft geschuldete Geste verdiente. Er zog den anderen in einer kurzen Umarmung an sich. »Du ehrst uns damit, alter Freund.«

Tavia trat zu Nova und umarmte sie ebenfalls, während ihre Augen vor Freude leuchteten. »Eine schönere Neuigkeit, als dass ein Baby kommt, gibt es nicht.«

Brynnes Lächeln fiel zwar ein bisschen zurückhaltender aus, doch ihre dunkelgrünen Augen strahlten warmherzig, als sie Nova die tätowierte Hand schüttelte. »Herzlichen Glückwunsch euch beiden.«

Als alle wieder saßen, fragte Tavia: »Habt ihr es schon jemandem erzählt?«

»Nur Eddie«, erwiderte Nova. Eddie war der neunjährige Menschenjunge, der mit ihr in dem Tattoo-Shop gearbeitet hatte, als Mathias das erste Mal mit ihr zusammengetroffen war. Das Paar hatte Eddie bei sich aufgenommen, als sie zusammengezogen waren, und der Junge lebte jetzt mit ihnen gemeinsam in der Londoner Kommandozentrale.

Es hatte Zeiten gegeben, da wäre kein Mensch im Haus eines Stammesvampirs geduldet worden. Doch in den zwanzig Jahren, seit den Menschen nach der Ersten Morgendämmerung die Existenz der Vampire offenbart worden war, hatte sich viel geändert.