Verlockung der Dunkelheit - Lara Adrian - E-Book

Verlockung der Dunkelheit E-Book

Lara Adrian

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Beschreibung

Seit seine geliebte Frau und seine gesamte Familie vor zwanzig Jahren kaltblütig ermordet wurden, hat sich der Vampirmeister Lazaro Archer emotional zurückgezogen. Denn wie soll er je wieder jemanden in sein Herz lassen, wenn er diese Person nicht beschützen kann? Als die hübsche Melena Walsh in sein Leben tritt und seiner Hilfe bedarf, ist er alles andere als bereit, diese Rolle einzunehmen. Doch schon bald entfacht Melena ein Verlangen in ihm, das stärker ist als alles, was er seit langer Zeit empfunden hat, und Lazaro muss sich nicht nur seinen Gefühlen, sondern auch seiner größten Angst stellen: noch einmal die Frau, die er über alles liebt, zu verlieren ... "Verlockung der Dunkelheit" erscheint im Rahmen der erfolgreichen "Midnight Breed"-Reihe von Bestseller-Autorin Lara Adrian. Die Novelle enthält zusätzlich eine Leseprobe aus "Masters of Seduction - Atemlose Nacht", der Romantic-Fantasy-Sensation von Lara Adrian, Alexandra Ivy, Donna Grant und Laura Wright!

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Seitenzahl: 165

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

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Die Autorin

Die Romane von Lara Adrian bei LYX

Impressum

LARA ADRIAN

Verlockung

der Dunkelheit

Ins Deutsche übertragen von

Firouzeh Akhavan-Zandjani

Zu diesem Buch

Seit seine geliebte Frau und seine gesamte Familie vor zwanzig Jahren kaltblütig ermordet wurden, hat sich der Vampirmeister Lazaro Archer emotional zurückgezogen. Denn wie soll er je wieder jemanden in sein Herz lassen, wenn er diese Person nicht beschützen kann? Als die hübsche Melena Walsh in sein Leben tritt und seiner Hilfe bedarf, ist er alles andere als bereit, diese Rolle einzunehmen. Doch schon bald entfacht Melena ein Verlangen in ihm, das stärker ist als alles, was er seit langer Zeit empfunden hat, und Lazaro muss sich nicht nur seinen Gefühlen, sondern auch seiner größten Angst stellen: noch einmal die Frau, die er über alles liebt, zu verlieren …

1

Er lebte schon seit mehr als tausend Jahren, also lange genug, dass es nur noch wenige Dinge gab, die ihn in Erstaunen zu versetzen vermochten. Das Meer bei Nacht war eine dieser seltenen Freuden von Lazaro Archer.

Lazaro stand auf dem erhöhten Vordeck der fünfundachtzig Meter langen, glänzenden privaten Riesenjacht, die vor der Westküste Italiens lag, und stützte sich mit den Händen auf der Reling aus poliertem Mahagoni ab, während er sich kurz mit allen Sinnen der in Mondlicht getauchten Umgebung hingab.

Die frische, salzige Mittelmeerluft stieg ihm in die Nase und zerzauste sein rabenschwarzes Haar. Die spätsommerliche Brise war heute Nacht kühl und wehte mit steter Kraft auf das italienische Festland zu. Der milchige Schein des von zarten Wolkenschleiern verhangenen Mondes und das millionenfache Licht der Sterne ergossen sich über die dunkle, gekräuselte Wasserfläche. Ganz weit unten klatschten Wellen sinnlich und leicht gegen die Seiten der Jacht, deren Motoren schwiegen, während das Schiff an der vereinbarten Position im Tyrrhenischen Meer vor Anker lag.

Lazaro ging davon aus, dass das luxuriöse Schiff, auf dem er stand, wohl jedem den Atem rauben würde – ob nun Mensch oder Stammesvampir. Da er Letzteres war und noch dazu ein Stammesvampir der Ersten Generation, also einer der ältesten seiner Art, von reinstem Blut, waren ihm Reichtum und Luxus eng vertraut.

Einst hatte er selbst all diese Dinge besessen … würde sie immer noch haben, hätte er sich die Mühe gemacht, sich darum zu kümmern.

Vor zwanzig Jahren hatte er alles, was er besaß, in Boston zurückgelassen, nachdem ihm das Kostbarste in seinem langen Leben genommen worden war. Seine ihm blutverbundene Gefährtin, seine Söhne und deren Frauen, ein Haus voller unschuldiger Kinder … alle fort. Der einzige, ihm gebliebene Nachkomme war sein Enkel, Kellan, der in der Nacht bei ihm gewesen war, als Archers Dunkler Hafen im Verlaufe eines abscheulichen, völlig grundlosen Angriffs von einem Wahnsinnigen namens Dragos dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Lazaro atmete lang aus. Er spürte nicht mehr diesen tief sitzenden Kummer, der jedes Mal über ihn gekommen war, wenn er an seine abgeschlachtete Familie dachte. Der Schmerz war mit der Zeit abgestumpft, doch das Schuldgefühl begleitete ihn auf Schritt und Tritt wie die Narbe einer tatsächlich erlittenen Wunde. Die stete, schreckliche Erinnerung an seinen Verlust.

An den größten Fehler seines Lebens.

Wenn sein Leben heute noch einen Sinn hatte, dann den seiner Zusammenarbeit mit Lucan Thorne und den anderen Stammeskriegern des Ordens. Als Anführer von Einsätzen des Ordens in Rom hatte Lazaro in diesen letzten zwanzig Jahren weder Zeit für Selbstmitleid gehabt, noch die Muße gefunden, sich gehen zu lassen. Und zu irgendwelchen Freuden war noch weniger Gelegenheit gewesen.

So wollte er es haben.

Er befasste sich jetzt mit Gerechtigkeit.

Gelegentlich befasste er sich mit dem Tod.

Heute Abend vertrat er den Orden in einem weniger offiziellen Rahmen in der Hoffnung, zwei Freunden, die sein unbedingtes Vertrauen besaßen, die Möglichkeit zu geben, sich im Geheimen zu treffen. Der eine war ein Stammesvampir, ein hochrangiges amerikanisches Mitglied des Rates der Globalen Nationen, der andere, der Besitzer der Riesenjacht, ein Mensch und einflussreicher italienischer Geschäftsmann, der zufälligerweise auch der Bruder des gerade neu gewählten italienischen Ministerpräsidenten war … ein Politiker, der sein Amt mit harten Worten gegen die Stammesvampire errungen hatte. Wenn das Treffen mit Paolo Turati heute Abend wie geplant stattfand und sich als erfolgreich erwies, wäre damit ein erster Schritt getan, mit einem der schärfsten Gegner des Volkes der Vampire eine Allianz zu schmieden.

Byron Walsh dagegen war ein Stammesvampir, mit dem Lazaro schon in den Staaten zusammengearbeitet hatte, ehe Walsh vom Rat der Globalen Nationen für diesen diplomatischen Posten ausgewählt worden war. Als Oberhaupt seines eigenen Dunklen Hafens in Maryland hatten sich seine Wege auf dem gesellschaftlichen Parkett gelegentlich mit Lazaros Kreisen in Boston gekreuzt. Und einmal – in einem besonders strengen Winter – war Walshs Familie sogar zu Besuch in Lazaros Wohnsitz in Back Bay gewesen.

Das aber war lange her; damals, als Lazaro noch einen Dunklen Hafen besessen hatte, damals, als er noch eine Familie gehabt und für ihren Schutz gesorgt hatte.

Noch länger her war es, dass Lazaro Archer für irgendetwas den Abgesandten gespielt hatte. Er hoffte inständig, dass dieser heimlich stattfindende erste Kontakt kein Fehler war.

Mehr als siebzig Meilen hinter ihm lag die Küstenstadt Anzio, wo Lazaro vor ein paar Stunden zu Turati an Bord seiner Jacht gekommen war. In noch größerer Entfernung lag vor ihnen Sardinien, das sich wie ein funkelndes Lichtermeer von der Dunkelheit abhob.

Ein paar andere große Jachten und Wasserfahrzeuge tanzten in der Weite des Meeres zwischen Turatis Boot und der Insel, doch es war das leise Brummen eines Motorboots, dem plötzlich Lazaros volle Aufmerksamkeit galt. Das Beiboot einer Jacht von der Größe eines kleinen Kajütbootes hatte sich vom träge im Wasser liegenden Hauptschiff gelöst und kam jetzt auf Lazaro zu. Er beobachtete, wie sich das Schnellboot wie angewiesen mit abgedunkelten Navigationslichtern, die dreimal aufblitzten, über das Wasser der Riesenjacht näherte.

Sein Kollege aus den Staaten, der Stammesvampir, enttäuschte ihn wie immer nicht. Byron Walsh kam wie versprochen und pünktlich auf die Minute.

Lazaro nickte ernst, Erleichterung machte sich in ihm breit.

Er wandte der Reling den Rücken zu und begab sich in den Salon auf dem Hauptdeck der Jacht, wo Turati wartete. Auf Lazaros Zusicherungen und Anweisungen hin hatte der grauhaarige Milliardär nur zwei Leibwächter von seinem normalerweise deutlich größeren Sicherheitsteam dabei. Die fünfzigköpfige Mannschaft der Jacht war auf kaum mehr als ein Dutzend reduziert worden, wodurch es gerade ausreichend Crewmitglieder waren, um an Bord alles reibungslos ablaufen zu lassen.

Als Lazaro den luxuriösen Salon betrat, schaute Turati auf und zog die buschigen Brauen fragend hoch. »Ist er unterwegs?«, fragte der alte Mann auf Italienisch.

Lazaro antwortete in derselben Sprache: »Das Boot kommt gerade.« Da der Gastgeber kein Englisch sprach, würde Lazaro während des Treffens persönlich als Dolmetscher zur Verfügung stehen – und sei es auch nur, um sicherzustellen, dass die Unterhaltung nicht versehentlich einen ungünstigen Verlauf nahm.

Paolo Turati war einer der wenigen Menschen, die Lazaro als Freund betrachtete. Er war auch einer der wenigen Menschen, die die Stammesvampire nicht als Monster betrachteten, die man im besten Fall festnehmen und im schlimmsten ganz und gar vernichten sollte.

Die Angst der Menschen entbehrte zugegebenermaßen nicht jeder Grundlage. Zwar hatten die Stammesvampire eine Art Schattendasein neben ihren Homo-sapiens-Nachbarn geführt, doch in den zwanzig Jahren, die vergangen waren, seitdem die Menschen von der Gegenwart der Wesen von Lazaros Art erfahren hatten, war das Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Rassen auf dem Planeten gelinde gesagt wackelig gewesen.

Und genau dieses Vertrauensverhältnis war vor ein paar Wochen noch angespannter geworden, als eine gewalttätige Geheimorganisation, die sich selbst Opus Nostrum nannte, eine Bombe in ein sehr wichtiges Gipfeltreffen zwischen Stammesvampiren und menschlichen Würdenträgern eingeschleust hatte.

Wenn das heutige Treffen gut verlief, würden die Stammesvampire einen Fürsprecher und dringend benötigten Verbündeten für ihr Bestreben gewinnen, den Frieden zwischen den Menschen und den Vampiren auf der ganzen Welt zu erhalten. Wenn es schlecht lief, würden die Bemühungen des Ordens als Friedensvermittler möglicherweise den gärenden Krieg entfachen, nach dem es Opus Nostrum anscheinend so dringend verlangte.

»Ich hoffe, dein Freund aus Maryland kommt mit denselben Absichten zu diesem Treffen wie ich«, meinte Turati mit vor Sorge ganz schmalen Lippen. Doch seine alten Menschenaugen waren mit vertrauensvollem Blick auf Lazaro gerichtet. »Wenn mir gefällt, was ich heute Abend höre, werde ich tun, was ich kann, um meinen Bruder dazu zu bringen, zumindest über Gespräche mit dem Rat der Globalen Nationen und Lucan Thorne nachzudenken. Denn schließlich wollen alle den Frieden … nicht nur für uns selbst, sondern auch für die nachfolgenden Generationen.«

»Stimmt genau«, erwiderte Lazaro. Mit den scharfen Sinnen des Stammesvampirs hörte er das leise Brummen des Bootes, auf dem Byron Walsh sich näherte. »Er kommt gerade an. Warte hier, Paolo. Ich gehe nach unten, um ihn in Empfang zu nehmen, und bringe ihn dann rauf.«

Turati schüttelte den Kopf. »Ich begleite dich, Lazaro. Es erscheint mir doch nur angemessen, Ratsmitglied Walsh persönlich zu begrüßen und ihn zusammen mit dir an Bord willkommen zu heißen. Das halte ich mit jedem Gast so.«

Lazaro nickte zustimmend. »Eine gute Idee.«

Er wartete geduldig, bis der alte Mann aufgestanden war und den maßgeschneiderten, marineblauen Anzug und das cremefarbene Seidenhemd glatt gestrichen hatte. Im Gegensatz zu ihm trug Lazaro Kleidung, die für ihn mittlerweile der ›informelle Ordens-Dress‹ war: schwarze Hosen, Schnürstiefel und ein eng anliegendes, schwarzes Uniformhemd.

Und obwohl er ein Stammesvampir der Ersten Generation und selbst mit bloßen Händen mehr als nur gefährlich war, hatte er in jedem Stiefel ein Messer versteckt und eine halb automatische Neunmillimeter um den rechten Knöchel geschnallt. Er rechnete nicht damit, dass es von Seiten der beiden Männer oder der paar wenigen Crew-Mitglieder, die während des heutigen Treffens anwesend waren, Ärger geben würde, aber er wollte verdammt sein, wäre er nicht auf alles vorbereitet.

Gemeinsam verließen er und Turati den großen Salon auf Deck zwei der Jacht und stiegen eine Treppe mit glänzend poliertem Messinggeländer hinunter, die mit elegantem Schwung auf das untere Deck führte. Das Boot, auf dem Walsh sich befand, fuhr gerade ums Heck der Jacht, als Lazaro und Turati auf dem Achterdeck ankamen, um ihn zu begrüßen.

Ein dem Anlass entsprechend gekleideter Leibwächter stand in Habachtstellung gleich neben der Einstiegsluke zur Kajüte des Schnellboots. Es handelte sich um einen Stammesvampir, der genauso groß war und so bedrohlich wirkte wie alle von Lazaros Art. Turati wurde beim Anblick des grimmig dreinschauenden Wächters langsamer. Die beiden Männer, die das Sicherheitsteam des Italieners bildeten, standen jetzt hinter ihrem Arbeitgeber, und Lazaro nahm ihren beschleunigten Pulsschlag als spürbare Vibrationen in der Luft wahr.

Er nickte Walshs Leibwächter kurz zu und gab ihm damit auch ohne Worte zu verstehen, dass Walsh sich heute Abend unter Freunden wähnen durfte. Der Leibwächter drehte sich um, öffnete die Luke und rief den Insassen des Bootes ein leises »Alles klar« zu.

Gleich darauf erschien Byron Walsh. Der Diplomat und Stammesvampir war nicht ganz so förmlich gekleidet wie Turati, sondern trug ein strahlend weißes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und eine hellbraune Hose. Walsh bot mit seinen fast ein Meter neunzig und der muskulösen Gestalt zwar eine Respekt einflößende Erscheinung, doch sein entspanntes Auftreten milderte den Eindruck.

Genau wie das Lächeln, das auf seinen Lippen lag, als er vom Boot auf Turatis Jacht kam. Walshs Freundlichkeit schien nicht gespielt, auch wenn sein Lächeln nicht ganz bis zu den Augen reichte. Er strahlte unterschwellig ein leichtes Unbehagen aus, als wüsste er noch nicht recht, ob er sich nun auf sicherem Grund bewegte oder in eine Schlangengrube getreten war.

»Lazaro, alter Freund. Es ist viel zu lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben«, begrüßte er Lazaro, ehe er die Hand seinem Gastgeber entgegenstreckte. »Signor Turati, buona sera.«

»Paolo, bitte«, kam Turati ihm freundlich entgegen, und die beiden Männer schüttelten einander die Hände.

»Danke, dass Sie auf dieses Treffen eingegangen sind, Paolo«, fuhr Walsh in seiner eigenen Sprache fort. »Und bitte verzeihen Sie die Nacht-und-Nebel-Aktion, unter der wir uns kennenlernen. Leider gibt es Leute, die es lieber sähen, wenn Menschen und Stammesvampire weiter zerstritten blieben, statt die Gelegenheit zum Friedensschluss zu ergreifen, den wir beide anstreben.«

Lazaro übersetzte das Gesagte schnell, und Turati lächelte, um dann ebenso freundlich zu antworten. »Paolo sagt, es sei ihm eine Ehre, sich mit dir zu unterhalten und auszutauschen, Byron. Er lädt dich und deine Männer ein, jetzt mit ihm nach drinnen zu gehen und es sich bequem zu machen.«

Walsh bat mit erhobener Hand darum, kurz zu warten. »Einen Moment, bitte. Es sind noch nicht alle da.« Er drehte sich zu seinen Leibwächtern um, die hinter ihm standen. »Wo ist Mel?«

»War eben noch direkt hinter mir«, antwortete einer der Männer.

Lazaro verzog verwirrt das Gesicht und war nicht wenig beunruhigt, dass Walsh offensichtlich noch jemanden mitgebracht hatte, obwohl man sich doch ausdrücklich darauf geeinigt hatte, in gleicher Stärke bei diesem informellen Treffen zu erscheinen. Er warf seinem Freund einen fragenden Blick zu, als von unten aus der Kajüte ein Kopf erschien.

Ein Kopf, der mit langem, üppig wallendem feuerrotem Haar bedeckt war.

»Es tut mir leid«, stieß die Frau atemlos hervor, während sie herauskam. »Ich hatte mich einen Moment setzen müssen. Ich fürchte, ich bin noch nicht so richtig seefest.«

Dann trat sie ganz durch die Luke hindurch, und die Blicke aller an Deck klebten an ihr wie die Gezeiten, die vom Mond angezogen werden. Nicht einmal Lazaro war dagegen gefeit.

Himmel, nicht einmal ansatzweise.

»Ah. Da bist du ja, mein Liebling.« Walsh drehte sich um, damit er ihr beim Ausstieg vom Boot helfen konnte.

Liebling? Lazaro erinnerte sich schwach daran, gehört zu haben, dass Byron Walsh seine Gefährtin vor drei oder vier Jahren durch einen Autounfall verloren hatte. Hatte er sich etwa schon so bald danach eine neue Geliebte genommen? Ob es sich bei ihr um eine Stammesgefährtin oder eine Menschenfrau handelte, konnte Lazaro nicht mit Sicherheit sagen.

Wichtiger noch war aber die Frage, was zur Hölle Walsh sich dabei gedacht hatte, so unerwartet mit ihr bei einem Treffen zu erscheinen, das von solch hoher Wichtigkeit war? Lazaro hatte Paolo Turati monatelang bearbeitet, bis der Mann schließlich eingewilligt und sich bereit erklärt hatte, mit einem Mitglied des Rates der Globalen Nationen zu sprechen. Und auch Walsh hatte seinerseits gezögert, dem Verwandten eines Regierungschefs zu vertrauen, der keinen Hehl aus seinem Misstrauen und seinem Abscheu gegenüber allen Stammesvampiren machte. Lazaro hatte keinen blassen Schimmer, welcher Teufel Walsh geritten haben mochte, so zu tun, als würde es sich bei diesem inoffiziellen Gipfeltreffen um einen Vergnügungsausflug handeln.

Aber dem Stammesvampir an die Kehle zu gehen und eine Antwort auf genau diese Frage zu verlangen, hätte eine ohnehin bereits unangenehme Situation ein unter Umständen völlig katastrophales Ende nehmen lassen, und so blieb Lazaro zwar mit locker herabhängenden Armen, aber geballten Fäusten einfach da, wo er war und sah ihn nur schweigend, wenn auch vor Wut schäumend an. Er würde sich später mit dem offensichtlichen Fehlverhalten seines Freundes befassen.

»Ganz vorsichtig jetzt«, mahnte Walsh seine ungeladene Begleiterin. »Pass auf, wo du hintrittst, mein Schatz.«

Himmel, jeder einzelne Mann an Bord passte auf, wo sie hintrat. Sie war groß, elegant und besaß üppige Rundungen, die den eng anliegenden, konservativen – aber verdammt verführerischen – dunkelgrauen Rock ausfüllten, der ihr bis zu den Knien reichte und ihre langen, wohlgeformten Beine wundervoll zur Geltung brachte. Dazu trug sie eine granatrote Seidenbluse, die gerade so weit aufgeknöpft war, dass man ihren vollen Busen erahnen konnte.

Am Halsansatz hatte sie ein kleines, rotes Muttermal in Form einer Träne, die in die Wiege einer Mondsichel fiel. Die sinnliche Schönheit war also eine Stammesgefährtin, stellte Lazaro unwillig fest. Wäre sie nur eine hübsche menschliche Begleiterin des Ratsmitglieds gewesen, hätte Lazaro keine Skrupel gehabt, ihren sündig geformten Hintern gleich wieder aufs Schnellboot zu verfrachten und sie wegzuschicken.

Doch eine Frau mit dem Mal einer Stammesgefährtin verlangte mehr Respekt von Männern von Lazaros Art. Und obwohl er heutzutage mehr Krieger denn Gentleman war, hatte er sich die Achtung vor diesen besonderen Frauen bewahrt. Überhaupt … sollte sie tatsächlich Byron Walshs Gefährtin sein, hatte Lazaro ganz gewiss nicht das Recht, sie mit diesem kribbelnden Interesse anzustarren, das plötzlich sein Blut erhitzte.

Nachdem sie ihre schmalen Absätze schließlich anmutig aufs Deck gesetzt hatte, hob sie den Kopf und schaute ihn und die anderen Männer an. Ihr volles, flammend rotes Haar umrahmte ein zartes, schmal geschnittenes Gesicht, das von großen, grünen Augen und weichen, sinnlichen Lippen beherrscht wurde.

Mit einem Wort – sie war atemberaubend.

Das Gesicht eines Engels gepaart mit einem Körper, der einen Heiligen in Versuchung hätte führen können.

Und angesichts der plötzlich völlig gebannten Blicke aller Männer an Bord von Turatis Jacht befand sich offensichtlich kein einziger Heiliger unter ihnen.

Lazaro unterdrückte sein eigenes Interesse mit aller Macht.

Walsh griff nach der Hand der Frau und trat mit ihr vor. »Lazaro, du wirst dich bestimmt an meine Tochter Mel erinnern.«

In Lazaros Erinnerung blitzten Bilder von einem hoch aufgeschossenen siebenjährigen Wildfang auf, der mit seinen Adoptiveltern in einem Winter zu Besuch in den Dunklen Hafen der Archers gekommen war. Das sommersprossige, dürre Ding hatte damals mehr Mut als Vernunft besessen, wenn er sich recht erinnerte.

Und es hatte nichts mit der kurvigen, selbstsicheren Frau gemein, die jetzt vor ihm stand.

»Melena«, verbesserte sie ihren Vater sanft, wobei sich ihre vollen Lippen zu einem freundlichen Lächeln verzogen, als sie erst Turati und dann Lazaro zur Begrüßung die Hand reichte. »Ich bin die persönliche Assistentin meines Vaters. Heute Abend werde ich für ihn dolmetschen.« Sie wandte sich nun mit einem strahlenden Lächeln Turati zu und sprach in fehlerfreiem Italienisch weiter. »Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus. Unter uns … das Italienisch meines Vaters ist nur geringfügig besser als sein Französisch, was aber nicht viel zu sagen hat.«

Turati lachte daraufhin leise, und seine alten Augen funkelten, während er den Anblick von Melena Walsh in sich aufsog. Die beiden fingen sofort an, sich im leichten Plauderton über Italien zu unterhalten und darüber, auf welchen Gebieten es allem, was mit Frankreich zu tun hatte, überlegen war. Lazaro wollte sich von der jungen Frau nicht beeindrucken lassen, doch er konnte nicht leugnen, dass sie sprachlich sehr gewandt war – und viel Charme besaß. Turati war kein leicht zu beeindruckender Mann, und doch hatte es keine Minute gedauert, bis der alte Bock ihr aus der zarten, weißen Hand fraß.

Trotzdem war das hier keine gesellschaftliche Veranstaltung.

Heute Abend ging es um hochgradig wichtige Dinge.

Lazaro räusperte sich, um den Bann zu brechen, mit dem die ungeladene Dame von dieser Sache ablenkte. »Ihr Angebot zu dolmetschen, wissen wir zu schätzen, Miss Walsh …«

»Melena, bitte«, unterbrach sie ihn.

»… aber Ihre Dienste werden heute Abend nicht benötigt«, brachte Lazaro seinen Satz zu Ende. »Da es sich hier um ein vertrauliches Treffen handelt und es außerdem eine Angelegenheit von globaler Sicherheit ist, werde ich das Übersetzen persönlich übernehmen. Ich bin mir sicher, dass Sie das verstehen.«

Sie warf ihrem Vater einen besorgten Blick zu.

»Ich fühle mich wohler, wenn Mel in der Nähe ist«, erwiderte Walsh an ihrer Stelle. »Wie du schon sagtest, Lazaro, es steht viel auf dem Spiel, und es wäre mir zuwider, wenn ich mit einer ungeschickten Wortwahl etwas anderes vermitteln würde, als ich wirklich meine. Ebenso viel liegt mir daran, sicher zu sein, alles richtig verstanden zu haben, was Paolo mich wissen lassen möchte, ehe ich wieder gehe.«

»Du glaubst nicht, dass ich in der Lage bin, diese beiden Dinge sicherzustellen?«

»Melena hat bereits den ganzen Weg auf sich genommen, um mich zu unterstützen, Lazaro.«

»Und sie kann gern in einem anderen Salon an Bord der Jacht warten, bis das Treffen zu Ende ist.« Lazaro sah seinen alten Freund fest an und versuchte, die Besorgnis zu entschlüsseln, die er in den Augen des Stammesvampirs zu erkennen meinte. »Wenn dir meine Entscheidung nicht gefällt, kläre das mit Lucan Thorne, nachdem du wieder in den Staaten bist.«