Gejagte der Dämmerung - Lara Adrian - E-Book

Gejagte der Dämmerung E-Book

Lara Adrian

4,8
8,99 €

Beschreibung

In ihrer Jugend führte Corinne Bishop ein sorgenfreies Leben als Adoptivtochter einer reichen Familie. Ihre Welt wird schlagartig auf den Kopf gestellt, als sie von dem bösartigen Vampir Dragos verschleppt wird. Nach Jahren der Gefangenschaft wird Corinne von einem Orden mächtiger Vampirkrieger gerettet - doch die schrecklichen Qualen, die sie erdulden musste, haben tiefe Spuren in ihrer Seele hinterlassen. Der einzige Hoffnungsschimmer in ihrem Leben ist der goldäugige Vampir Hunter, der sie auf ihrer Heimreise beschützen soll. Einst arbeitete Hunter als Auftragsmörder für Dragos, doch nun hat er geschworen, seinen ehemaligen Boss zu Fall zu bringen. Aber wie weit kann er gehen, ohne Corinne erneut in Gefahr zu bringen? Der neunte Band der erfolgreichen Vampirsaga "Midnight Breed" von Bestseller-Autorin Lara Adrian!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 502




Inhalt

Titel

Widmung

Danksagungen

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Impressum

LARA ADRIAN

GEJAGTE DERDÄMMERUNG

Roman

Ins Deutsche übertragen von Katrin Kremmler

 

 

Für alle Leser, die mich um Hunters Geschichte gebetenhaben, seit er vor vier Büchern seinen ersten Auftritt hatte.Ich hoffe, ihr kommt voll auf eure Kosten!

 

Danksagungen

An erster Stelle sei meiner wunderbaren Lektorin Shauna Summers für ihre Geduld und Führung gedankt. Sie hat sich seit den ersten Anfängen für meine Bücher einsetzt (und zwar vom ersten Tag an, als sie mich im Haufen der unverlangt eingesandten Manuskripte entdeckte!), und mich seither durch unsere Gespräche kontinuierlich zu einer besseren Autorin geformt.

Dann danke ich meiner fantastischen Agentin Karen Solem, die mich berät und aufmuntert und all die vielen Details, die mich ansonsten in den Wahnsinn treiben würden, so geschickt managt. Sie hat zu einer Zeit an mich und meine Karriere geglaubt, als ich es am allermeisten gebraucht habe.

Ich danke auch all meinen anderen Verlagskollegen in den Vereinigten Staaten und anderswo für die Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Unterstützung, die ihr meinen Büchern angedeihen lasst. Es ist ein Privileg für mich, euch alle in meinem Team zu haben.

Ich danke meiner Assistentin und Freundin Heather Rogers, die mir mein Leben organisiert und gleichzeitig dafür sorgt, dass auf meiner Internetpräsenz und meiner Facebook-Seite immer etwas Tolles und Kreatives los ist.

Und wie sehr ich meinem Mann John danke, kann ich auch nicht annähernd in Worte fassen oder auf Buchseiten ausdrücken: Alles, wie immer, nur wegen dir.

 

1

Der Privatclub lag sehr weit abseits der üblichen Amüsiermeile, und das aus verdammt gutem Grund. In Bostons Chinatown ganz am Ende einer schmalen, vereisten Sackgasse gelegen, war er einer exklusiven, äußerst anspruchsvollen Klientel vorbehalten. Die einzigen Menschen, die Zutritt zu dem alten Backsteinbau erhielten, war die Truppe attraktiver junger Frauen – und einige wenige schöne Männer –, die immer bereitgehalten wurden, um den späten Gästen für all ihre Gelüste zur Verfügung zu stehen.

Die mächtige unbeschriftete Stahltür im Erdgeschoss, im Schatten eines gewölbten Vorraums verborgen, gab keinerlei Hinweis darauf, was hinter ihr lag – aber ohnehin wäre kein Anwohner oder Tourist so dumm, dort stehen zu bleiben und sich darüber Gedanken zu machen. Denn sie wurde von einem hohen Eisengitter geschützt, und davor war ein hünenhafter Wächter in schwarzer Ledermontur mit schwarzer Strickmütze postiert.

Er war ein Stammesvampir, wie auch die beiden Krieger, die jetzt in der düsteren Gasse auftauchten. Beim Knirschen ihrer Kampfstiefel auf dem Schnee und dem festgefrorenen Straßendreck hob der Wächter den Kopf und starrte die uneingeladenen Neuankömmlinge mit schmalen Augen an. Er bleckte die Lippen und enthüllte schiefe Zähne und die scharfen Spitzen seiner Fänge. Dann stieß er ein tiefes Knurren aus, und aus seiner fleischigen Nase stieg eine warme Atemwolke in die kalte Dezembernacht auf.

Hunter registrierte die Anspannung seines Partners, als sie sich dem am Clubeingang postierten Vampir näherten. Sterling Chase war schon gereizt gewesen, als sie im Hauptquartier des Ordens zu ihrer Mission der heutigen Nacht aufgebrochen waren. Jetzt ging er mit aggressivem Schritt voran, die unruhigen Finger demonstrativ am Holster der großkalibrigen halbautomatischen Pistole in seinem Waffengürtel.

Auch der Wächter tat einen Schritt nach vorn und stellte sich ihnen direkt in den Weg. Er ging in Angriffsstellung, die mächtigen Schenkel gespreizt, die Stiefel warnend auf den rissigen Asphalt gerammt, und senkte den riesigen Kopf. Er hatte sie fragend angesehen, aber jetzt erkannte er Chase, und seine Augen wurden noch schmaler. »Ich glaub’s nicht. Was zur Hölle hast du hier im Revier der Agentur verloren, Krieger?«

»Taggart«, knurrte Chase statt einer Begrüßung. »Wie ich sehe, geht’s mit deiner Karriere steil bergab, seit ich die Agentur verlassen habe. Machst hier nur noch den Türsteher für euren Stripschuppen, was? Was kommt als Nächstes – Wachmann im Einkaufszentrum?«

Der Agent stieß einen deftigen Fluch aus. »Du hast vielleicht Nerven, dich hier blicken zu lassen.«

Das Kichern, mit dem Chase ihm antwortete, klang weder eingeschüchtert noch amüsiert. »Schau ab und zu in den Spiegel, dann reden wir darüber, wer hier Nerven hat, seine Fresse in der Öffentlichkeit zu zeigen.«

»Hier kommen nur Agenturmitglieder rein«, sagte der Wächter und verschränkte die muskulösen Arme über seinem mächtigen Brustkorb. Ein Brustkorb, auf dem der breite Lederriemen eines Holsters zu sehen war, und er trug noch jede Menge Hardware um die Hüften. »Der Orden hat hier nichts zu suchen.«

»Ach ja?«, knurrte Chase. »Erzähl das mal Lucan Thorne. Der ist es nämlich, der dir die Hölle heißmacht, wenn du uns nicht reinlässt. Vorausgesetzt, wir beide, die wir uns hier ohne guten Grund den Arsch abfrieren, räumen dich nicht selber aus dem Weg.«

Als Lucans Name fiel – er war der Anführer des Ordens und einer der gefürchtetsten Ältesten des Vampirvolkes –, presste Agent Taggart grimmig die Lippen zusammen. Nun wanderte sein Blick argwöhnisch von Chase zu Hunter, der in abwartendem Schweigen hinter seinem Partner stand. Hunter hatte keinen persönlichen Konflikt mit Taggart, aber in Gedanken hatte er bereits fünf unterschiedliche Arten durchgespielt, ihn außer Gefecht zu setzen – ihn schnell und effizient zu eliminieren, falls es nötig würde.

Dafür war Hunter ausgebildet. Als einer, den man eigens dafür gezüchtet und abgerichtet hatte, eine Waffe in der gnadenlosen Hand des großen Gegenspielers des Ordens zu sein, war er seit Langem daran gewöhnt, die Welt logisch und emotionslos zu betrachten.

Heute diente er dem Schurken Dragos nicht mehr, aber seine tödlichen Fähigkeiten bestimmten nach wie vor, wer und was er war. Hunter war unfehlbar und tödlich, und als er und Taggart sich in die Augen sahen, ging dem Mann endlich auf, dass er keine Chance hatte.

Agent Taggart blinzelte, dann wich er einen Schritt zurück und gab ihnen den Weg zur Tür des Clubs frei.

»Dachte ich mir doch, dass du’s dir anders überlegst«, sagte Chase, schlenderte mit Hunter zu dem Eisengitter und betrat das Stammlokal der Agentur.

Die Tür musste schalldicht sein. Im Innern des dunklen Clubs wummerte laute Musik. Bunte Scheinwerfer, die auf eine verspiegelte Bühne in der Raummitte gerichtet waren, rotierten im Takt. Die einzigen Tanzenden dort waren drei halb nackte Menschen, die sich zusammen vor einem Publikum lüstern glotzender Vampire räkelten, die in Nischen und an den Tischen vor der Bühne saßen.

Hunter beobachtete, wie die langhaarige Blonde in der Mitte sich um eine Stange aus Plexiglas schlang, die vom Boden der Bühne zur Decke reichte. Mit kreisenden Hüften hob sie eine ihrer riesigen, unnatürlich prallen Brüste an und züngelte an der gepiercten Brustwarze herum. Jetzt gingen die anderen Tänzer, eine tätowierte Frau mit kurzem violettem Haarschopf und ein dunkeläugiger junger Mann, der fast seinen Tanga aus glänzendem roten Lackleder sprengte, zu entgegengesetzten Ecken der verspiegelten Bühne und begannen dort ebenfalls mit ihrem Soloprogramm.

Es stank nach altem Parfüm und Schweiß, aber die muffige Luft konnte den charakteristischen Duft von frischem Menschenblut nicht überdecken. Hunter folgte der Duftspur mit den Augen zu einer Sitznische in der hinteren Ecke, wo ein Vampir in dem dunklen Standardanzug und weißen Hemd der Agentur bedächtig vom blassen Hals einer stöhnenden, nackten Frau trank, die auf seinem Schoß ausgestreckt lag. Auch etliche andere Stammesvampire tranken von diversen menschlichen Blutwirten, während einige Gäste dieses Vampiretablissements offenbar entschlossen waren, Gelüste sexueller Natur zu befriedigen.

Neben ihm an der Tür war Chase zur Salzsäule erstarrt, und aus seiner Kehle drang ein tiefes, grollendes Knurren. Hunter hatte für die Nahrungsaufnahme und das Spektakel auf der Bühne lediglich einen kurzen Seitenblick übrig, aber Chase starrte hungrig hin, so offensichtlich gebannt wie die anderen Stammesvampire im Raum. Vielleicht sogar noch gebannter.

Hunter hingegen interessierte sich für das Publikum. In der Menge drehten sich einige Köpfe zu ihnen um – ihre Ankunft war von den Agenten bemerkt worden, und die wütenden Blicke, die sie jetzt ernteten, besagten, dass die Situation sehr schnell unangenehm werden konnte.

Kaum war Hunter das klar geworden, als einer der starrenden Vampire von einem Sofa in der Nähe aufstand. Er war riesig, wie auch seine beiden Begleiter, die ihm folgten, als er sich einen Weg durch die Menge bahnte und direkt auf sie zukam. Unter ihren edlen dunklen Maßanzügen waren alle drei sichtbar bewaffnet.

»Schau einer an, wen haben wir denn da?«, meinte der erste Agent – seiner gedehnten Sprechweise und den edlen, fast zarten Gesichtszügen nach stammte er aus dem Süden. »Da hast du jahrzehntelang mit uns bei der Agentur Dienst geschoben und dich nie dazu herabgelassen, mit uns hierherzukommen.«

Chase verzog den Mund und verbarg nur knapp seine ausgefahrenen Fänge. »Du klingst enttäuscht, Murdock. Aus solchem Kram hab ich mir nie was gemacht.«

»Nein, du warst immer über jede Versuchung erhaben«, antwortete der Vampir, sein Blick war so arglistig wie sein Lächeln. »Du warst ja immer so vorsichtig, so steif und diszipliniert, sogar in deinen Gelüsten. Aber die Dinge ändern sich ja. Leute können sich ändern, was, Chase? Wenn du hier etwas siehst, das dir gefällt, brauchst du’s nur zu sagen. Um der alten Zeiten willen, hm?«

»Wir suchen Informationen über einen Agenten namens Freyne«, warf Hunter ein, als Chases Antwort zu lange auf sich warten ließ. »Sobald wir haben, was wir brauchen, gehen wir.«

»Ach ja?« Murdock betrachtete ihn mit neugierig zur Seite gelegtem Kopf. Hunter sah, wie der Blick des Vampirs subtil von seinem Gesicht zu den Dermaglyphen seitlich an seinem Hals und in seinem Nacken wanderte. Der Mann brauchte nur einen Augenblick, um festzustellen, dass Hunters kunstvolles Hautmuster ihn als Gen Eins auswies, eine Seltenheit im Stamm.

Hunter war nicht annähernd so alt wie die anderen Gen-Eins-Krieger des Ordens, Lucan und Tegan. Aber auch er war von einem Ältesten seiner Spezies gezeugt worden, sein Blut war genauso rein wie ihres, und wie auch seine Gen-Eins-Brüder konnte er es an Stärke und übernatürlichen Kräften mit etwa zehn Vampiren späterer Generationen aufnehmen. Es war aber vor allem seine Ausbildung als Soldat von Dragos’ Killerarmee – ein Geheimnis, von dem nur der Orden wusste –, die ihn tödlicher machte als Murdock und alle Agenten in diesem Club zusammen.

Endlich schien Chase seine Zerstreutheit abzuschütteln. »Was kannst du uns über Freyne sagen?«

Murdock zuckte die Schultern. »Er ist tot. Aber ich schätze, das wisst ihr schon. Freyne und seine ganze Einheit wurden letzte Woche auf einer Mission getötet. Sie hatten versucht, einen Jungen zu befreien, der aus einem Dunklen Hafen gekidnappt worden war.« Er schüttelte langsam den Kopf. »Wirklich ein Jammer. Die Agentur hat mehrere gute Männer verloren, und leider ist auch die Mission alles andere als befriedigend verlaufen.«

»Alles andere als befriedigend«, knurrte Chase höhnisch. »Könnte man so sagen. Soweit wir vom Orden wissen, war die Rettungsmission von Kellan Archer von Anfang bis Ende eine einzige Katastrophe. Der Junge, sein Vater und sein Großvater – verdammt, die ganze Familie Archer – wurden ausgelöscht – in einer einzigen Nacht.«

Hunter schwieg dazu, ließ Chase den Köder auswerfen, wie er es für richtig hielt. Das meiste von dem, was er Murdock vorwarf, stimmte. In der Nacht des Rettungsversuchs hatte es ein Blutbad mit unzähligen Todesopfern gegeben, und die Angehörigen von Kellan Archer hatte es am schwersten getroffen.

Aber im Gegensatz zu Chases Behauptung hatte es Überlebende gegeben. Genau gesagt, zwei. Beide waren heimlich vom Schauplatz des Gemetzels evakuiert worden, sie standen unter dem Schutz des Ordens und waren sicher im Hauptquartier untergebracht.

»Die Sache hätte besser ausgehen können, da sind wir uns einig. Sowohl für die Agentur als auch die Zivilisten, die ums Leben kamen. Fehler passieren nun einmal, so bedauerlich das ist. Leider werden wir wohl nie mit Sicherheit wissen, wer für die Tragödie der letzten Woche verantwortlich war.«

Chase kicherte leise. »Sei dir da nicht so sicher. Ich weiß doch, dass du und Freyne alte Kumpels wart. Verdammt, ich weiß doch, dass die Hälfte von allen hier in diesem Schuppen ihm regelmäßig Gefallen getan haben. Freyne war ein Arschloch, aber er wusste, wie man sich Freunde macht. Nur konnte er sein großes Maul nicht halten, das war sein größtes Problem. Wenn er in irgendwas dringesteckt hat, das mit der Entführung von Kellan Archer zu tun hatte oder mit dem Angriff, der den Dunklen Hafen der Archers in Schutt und Asche gelegt hat – und nur dass das klar ist, ich bin verdammt sicher, dass Freyne da mit drinhing –, dann dürfte er jemandem davon erzählt haben. Jede Wette, dass er vor mindestens einem von euch Losern hier in diesem beschissenen Schuppen damit aufgeschnitten hat.«

Murdocks Miene hatte sich bei Chases Worten immer weiter verkrampft, seine Augen hatten begonnen, sich vor Wut zu transformieren, und in den dunklen Iriskreisen blitzten bernsteinfarbene Lichtfunken auf, als Chases Stimme immer lauter in die Menge schallte.

Inzwischen hatte der halbe Raum innegehalten und starrte in ihre Richtung. Mehrere Männer sprangen von ihren Stühlen auf, stießen grob menschliche Blutwirte und drogenbetäubte Stripteasetänzerinnen beiseite, und dann sammelte sich eine Horde erboster Agenten um Chase und Hunter und wurde zusehends größer.

Chase wartete den Angriff des Mobs nicht ab.

Mit einem wilden Fauchen stürzte er sich in die Menge, ein Wirbel von dreschenden Fäusten und knirschenden Zähnen und Fängen.

Hunter blieb nichts anderes übrig, als sich ebenfalls ins Kampfgetümmel zu stürzen. Er stapfte mitten ins dickste Gewühl, warf jeden Angreifer mühelos beiseite und konzentrierte sich nur darauf, seinen Partner herauszuhauen. Chase kämpfte wie ein Tier, und das beunruhigte ihn. Mit wild verzerrtem Gesicht prügelte er auf die Menge ein, die ihn von allen Seiten bedrängte, seine riesigen Fänge füllten seinen Mund aus, und seine Augen brannten wie glühende Kohlen.

»Chase!«, schrie Hunter und fluchte, als er eine Fontäne Vampirblut hochspritzen sah – ob das seines Partners oder eines anderen, konnte er nicht sagen.

Noch blieb ihm eine Chance, es herauszufinden.

Aus dem Augenwinkel nahm er auf der anderen Seite des Clubs eine schnelle Bewegung wahr. Er warf den Kopf herum und fand sich Auge in Auge mit Murdock, der zu ihm herüberstarrte, ein Handy ans Ohr gepresst.

In Murdocks Gesicht stand unverkennbare Panik, als ihre Blicke sich über der kämpfenden Menge trafen. Und es war nur zu offensichtlich, dass er Dreck am Stecken hatte – Hunter sah es an der Anspannung um seinen Mund und den Schweißperlen auf seiner Stirn, in denen sich die wirbelnden Scheinwerfer der verwaisten Bühne reflektierten. Der Agent sprach hastig und nervös in sein Telefon und eilte dabei auf den hinteren Teil des Gebäudes zu.

In dem Sekundenbruchteil, den Hunter brauchte, um einen angreifenden Agenten abzuschütteln, war Murdock schon aus seinem Blickfeld verschwunden.

»Verdammter Mistkerl.« Hunter sprang mit einem Satz an dem Tumult vorbei. Jetzt musste er Chase sich selbst überlassen und die Verfolgung aufnehmen. Denn er wusste jetzt, dass sie die Spur gefunden hatten, wegen der sie heute Nacht hierhergekommen waren.

Er rannte los, seine übernatürliche Geschwindigkeit als Gen Eins trug ihn in den hinteren Teil des Clubs und durch eine angelehnte Tür auf die schmale Gasse zwischen den Backsteingebäuden hinaus, auf die Murdock geflohen war. Von ihm war keine Spur mehr zu sehen, aber die kalte Brise brachte aus einer Seitenstraße das laute Echo rennender Füße mit.

Hunter stürzte ihm nach und kam eben um die Ecke, als eine große schwarze Limousine mit quietschenden Reifen am Bordstein hielt. Die hintere Tür wurde aufgestoßen, Murdock sprang hinein und schlug sie hinter sich zu, während der Motor des Wagens wieder aufbrüllte.

Hunter rannte bereits auf ihn zu, als die Reifen auf dem Eis und Asphalt rauchten, und dann schoss der Wagen mit aufheulendem Motor auf die Straße und raste wie ein Dämon in die Nacht hinaus.

Hunter verschwendete keine Sekunde. Er sprang an der Wand des nächstgelegenen Backsteingebäudes hoch, packte eine rostige Feuerleiter und katapultierte sich aufs Dach. Seine Kampfstiefel dröhnten über die geteerten Dachplatten, als er von einem Flachdach zum nächsten raste, immer den fliehenden Wagen im Blick, der sich unten auf der Straße durch den späten Verkehr schlängelte.

Als er um eine Ecke auf einen dunklen, leeren Straßenabschnitt zuraste, warf Hunter sich in die Luft und landete mit einem markerschütternden Krachen auf dem Dach der Limousine. Den Schmerz beim Aufprall registrierte er kaum, er klammerte sich fest und spürte nur ruhige Entschlossenheit, als der Fahrer versuchte, ihn mit hektischen Slalomkurven abzuschütteln.

Der Wagen ruckte und scherte aus, aber Hunter hielt sich fest. Auf dem Dach ausgebreitet, eine Hand um den oberen Rand der Windschutzscheibe gekrallt, griff er mit der anderen nach seiner 9mm und zog sie aus dem Holster in seinem Kreuz. Wieder fuhr der Fahrer eine Runde Zickzackkurs auf der Straße und verfehlte bei seinem Versuch, den ungewollten Passagier loszuwerden, nur knapp einen geparkten Lieferwagen.

Mit der halbautomatischen Waffe in der Faust sprang Hunter in einem katzenartigen Salto vom Dach der rasenden Limousine und landete bäuchlings auf der Kühlerhaube. Er zielte auf den Fahrer, den Finger kühl auf dem Abzug, bereit, dem Fahrer das Hirn herauszupusten und sich Murdock zu schnappen, um dem verräterischen Bastard seine Geheimnisse zu entlocken.

Der Augenblick schien sich zu verlangsamen und wie in Zeitlupe abzulaufen. Einen Sekundenbruchteil war Hunter überrascht.

Der Fahrer trug ein dickes, schwarzes Halsband, sein Kopf war kahl rasiert und fast vollständig von einem verschlungenen Netz von Dermaglyphen bedeckt.

Das war einer von Dragos’ Killern.

Einer seiner Jäger, genau wie er selbst.

Ein Gen Eins, zum Töten gezüchtet und abgerichtet, genau wie er.

Hunters Überraschung wich schnell seinem Pflichtgefühl. Er war entschlossen, den Mann auszumerzen. Das hatte er dem Orden geschworen, als er ihm beigetreten war – es war seine persönliche Mission, alle Tötungsmaschinen aus Dragos’ Züchtung auszulöschen bis hin zur letzten.

Bevor es Dragos gelang, alle Produkte seines Wahnsinns auf die Welt loszulassen.

Hunter zielte mit dem Lauf seiner Beretta wieder auf die Stirn des Killers und wollte gerade abdrücken, da trat der Fahrer abrupt das Bremspedal durch.

Gummi und Metall rauchten protestierend, als die Limousine eine Vollbremsung hinlegte.

Hunter schlidderte von der Kühlerhaube, segelte durch die Luft und landete fünfzig Meter vor dem Wagen auf dem kalten Asphalt. Er rollte sich ab und war sofort wieder auf den Beinen, riss die Pistole hoch und feuerte Salve auf Salve in den stehenden Wagen.

Er sah, wie Murdock vom Rücksitz schlüpfte und sich mit einem Sprint in eine dunkle Seitengasse rettete. Aber er hatte keine Zeit, sich um ihn zu kümmern, denn nun war auch der andere Gen Eins aus dem Wagen gestiegen und hatte den Lauf einer großkalibrigen Pistole auf ihn gerichtet. Sie sahen einander an, die Waffe des Killers schussbereit, seine Augen kalt und von derselben emotionslosen Entschlossenheit, die auch Hunter auf dem eisigen Asphalt Halt gab.

Beide schossen gleichzeitig.

Hunter wich der Kugel mit einer Bewegung aus, die ihm wie kalkulierte Zeitlupe vorkam. Er wusste, dass sein Gegner dasselbe getan hatte, als Hunters Kugel auf ihn zugeflogen kam. Wieder schossen sie, und dieses Mal ging ein Kugelregen nieder, beide Vampire feuerten ihre Magazine aufeinander leer. Keiner von ihnen bekam mehr als einen harmlosen Streifschuss ab.

Sie waren absolut ebenbürtige Gegner, ausgebildet in denselben Methoden – beide praktisch unbesiegbar und bereit zu kämpfen bis zum letzten Atemzug.

In einem Wirbel übernatürlicher Geschwindigkeit warfen sie ihre leeren Waffen fort und gingen zum Nahkampf über.

Hunter wich den schnellen Schlägen gegen den Oberkörper aus, die der Killer ihm versetzte, als er sich brüllend auf ihn stürzte. Er hätte fast einen Tritt gegen den Kiefer bekommen, wenn er nicht abrupt den Kopf zur Seite gerissen hätte, dann einen weiteren Tritt in die Rippen, dem er aber zuvorkam, indem er den Killer am Stiefel packte, ihn herumriss und ihn in der Luft zum Rotieren brachte.

Fast mühelos fand der Killer sein Gleichgewicht wieder und stürzte sich erneut auf Hunter. Er schlug nach ihm, und Hunter packte seine Faust, drückte zu und zermalmte ihm die Knochen. Dann kam er um ihn herum, setzte seinen Körper als Hebel ein und riss gleichzeitig den ausgestreckten Arm des Killers am Ellbogen nach hinten. Das Gelenk brach mit einem scharfen Knacken, und doch stieß der Killer nur einen Grunzlaut aus, der einzige Hinweis auf die höllischen Schmerzen, die er haben musste. Sein verletzter Arm hing schlaff und nutzlos herab, als er herumwirbelte und Hunter einen weiteren Schlag ins Gesicht versetzte. Es war ein Volltreffer, der Hunter die Haut direkt über dem rechten Auge aufriss. Hunter sah Sterne, aber er schüttelte seine vorübergehende Benommenheit ab, gerade noch rechtzeitig, um eine zweite Attacke abzuwehren – jetzt kamen Faust und Fuß im selben Moment auf ihn zugeschossen.

So ging es hin und her, beide Männer keuchten heftig vor Anstrengung, beide bluteten, wo der andere einen Treffer gelandet hatte. Keiner würde um Gnade bitten, egal, wie lang ihr Zweikampf dauern oder wie blutig er noch werden würde.

Gnade war ein Konzept, das ihnen fremd war, genauso wie Mitleid. Zwei Begriffe, die man von Kindheit an aus ihrem Wortschatz herausgeprügelt hatte.

Das Einzige, was schlimmer war als Gnade oder Mitleid, war Versagen, und als Hunter den gebrochenen Arm seines Gegners in die Hand bekam, den riesigen Mann zu Boden riss und ihm das Knie in den Rücken rammte, flackerte in den kalten Augen des Gen Eins die düstere Erkenntnis auf, dass er versagt hatte.

Diese Schlacht hatte er verloren. Er wusste es, genau wie auch Hunter es wusste, der im nächsten Augenblick das dicke schwarze Halsband des Killers zu fassen bekam.

Mit der freien Hand tastete Hunter nach einer der fortgeworfenen Pistolen auf dem Asphalt und bekam sie in die Hand. Er wirbelte sie herum, holte aus und ließ den metallenen Kolben wie einen Hammer auf das Halsband des Killers hinabsausen.

Wieder schlug er zu, dieses Mal fester. Sein Schlag trieb eine Delle in das undurchdringliche Material, in dem ein diabolischer Mechanismus verborgen war – von Dragos und seinem Labor zu dem einzigen Zweck geschaffen, die Loyalität und den Gehorsam seiner tödlichen Armee zu gewährleisten.

Hunter hörte ein leises Summen. Dragos’ Killer griff mit seiner unverletzten Hand nach seinem Halsband – ob er sich der Gefahr vergewissern wollte oder vergeblich versuchte, sie aufzuhalten, würde Hunter nie erfahren.

Er rollte in Deckung … gerade, als die beschädigte Hülle die Detonation auslöste und aus dem Inneren des Halsbandes ultraviolette Strahlen hervorschossen.

Es gab einen sengenden, tödlichen Lichtblitz, der dem Killer mit einem sauberen Schnitt den Kopf abtrennte.

Als die Straße wieder in Dunkelheit fiel, starrte Hunter auf die rauchende Leiche des Mannes hinunter, der ihm in so vieler Hinsicht so ähnlich gewesen war. Sein Bruder, obwohl es bei den Killern von Dragos’ Privatarmee keine verwandtschaftlichen Gefühle gab.

Er spürte keine Gewissensbisse wegen des toten Killers, der da vor ihm lag, lediglich ein vages Gefühl der Befriedigung, dass es nun einen weniger gab, der Dragos’ wahnsinnige Pläne ausführen konnte.

Er würde nicht rasten noch ruhen, bevor er sie nicht alle ausgelöscht hatte.

 

2

Als Gründer und Anführer des Ordens – Hölle noch mal, als Stammesvampir der Ersten Generation, der über neunhundert Jahre auf dem Buckel hatte – war Lucan Thorne nicht gewohnt, sich von anderen Vampiren Standpauken anzuhören.

Und doch lauschte er in wütendem Schweigen, als der ranghohe Agent namens Mathias Rowan ihm schilderte, was vor einigen Stunden in einem Nachtlokal der Agentur in Chinatown geschehen war. Genau dort, wo er heute Nacht zwei seiner Ordenskrieger, Chase und Hunter, auf Patrouille hingeschickt hatte. Eigentlich war er nicht sonderlich überrascht, dass die Lage eskaliert war und es dort einen regelrechten Tsunami der Gewalt gegeben hatte, und Chase mittendrin.

Laut Rowan hatte er das Ganze angefangen.

Unter normalen Umständen war es Lucan und den anderen Ordenskriegern herzlich egal, wenn die Agentur sich über sie beschwerte. Der Orden und die Agentur operierten seit ihrer Gründung nach ihren eigenen Gesetzen. Lucans Prämisse für den Orden waren Gerechtigkeit und Tatkraft gewesen; die Agentur war seit ihren Anfängen in dubiose politische Machenschaften verwickelt und in erster Linie am Ausbau ihrer Machtstrukturen interessiert.

Aber das bedeutete nicht, dass es bei ihnen keine guten, vertrauenswürdigen Männer gab, und Mathias Rowan war eine dieser bemerkenswerten Ausnahmen. Sterling Chase war eine weitere gewesen. Es war gerade mal ein Jahr her, dass Chase noch der Agenturelite angehört hatte, ein kultivierter junger Aufsteigertyp aus guter Familie mit guten Manieren und guten Verbindungen, der wahrscheinlich eine kometenhafte Karriere vor sich gehabt hatte.

Und jetzt?

Lucan presste grimmig die Lippen zusammen, während er allein im Wohnzimmer seiner Privatwohnung im unterirdischen Hauptquartier des Ordens auf und ab ging, wo er mit seiner Stammesgefährtin Gabrielle lebte. Chase war eine absolute Bereicherung für den Orden gewesen, seit er seine gestärkten weißen Hemden und schicken Maßanzüge der Agentur an den Nagel gehängt und die schlichte schwarze Kampfmontur und kompromisslosen Methoden der Krieger übernommen hatte. Er war an Bord gekommen, weil er sich mit den Zielen und Missionen des Ordens identifizierte. Auf Patrouille hatte er schnelle Auffassungsgabe bewiesen und den anderen Kriegern im Kampf unzählige Male Rückendeckung gegeben.

Aber Lucan musste auch zugeben, dass sich Chase in den letzten Monaten auf verdammt dünnem Eis bewegte. Manchmal waren ihm die Nerven durchgegangen, und dann hatte er seine Prioritäten aus den Augen verloren. Und nun stieg Lucans Ärger fast ins Unermessliche, als er Mathias Rowans Bericht von der wüsten Kneipenschlägerei lauschte, die Chase in der Innenstadt veranstaltet hatte.

»Laut meinen Berichten wurden drei Agenten fast totgeschlagen, und ein weiterer sieht aus, als hätte man ihn durch den Fleischwolf gedreht«, sagte Rowan ihm am Telefon. »Nicht mitgerechnet die Verletzten, die noch selbst gehen können, und auch die nicht, die seither verschwunden sind. Alle sagen einhellig, dass Ihre Krieger in den Club kamen und Streit suchten. Vor allem Chase.«

Lucan zischte einen leisen Fluch. Er hatte ein ungutes Gefühl gehabt, Chase heute Nacht nach Chinatown auf Patrouille zu schicken. Darum hatte er ihm auch Hunter als Partner zugeteilt – der kühlste Kopf des Ordens sollte das wandelnde Pulverfass begleiten. Dass keiner von ihnen sich in der letzten Stunde zurückgemeldet hatte, ließ nichts Gutes vermuten.

»Hören Sie«, sagte Rowan und stieß einen tiefen Seufzer aus. »Chase ist mein Freund, und das seit langer Zeit. Darum habe ich zugestimmt, als er mit der Bitte zu mir kam, V-Mann des Ordens in der Agentur zu sein. Was seine persönlichen Probleme angeht, kann ich nicht sagen, woher diese Veränderungen kommen, aber in seinem ureigenen Interesse sollte er besser anfangen, das herauszufinden. Es liegt mir weiß Gott fern, Ihnen zu sagen, wie Sie Ihre Operationen führen sollen, Lucan …«

»Ja«, unterbrach der ihn knapp. »Das will ich auch hoffen, Agent Rowan.«

Am anderen Ende herrschte einen Augenblick Schweigen. Lucan spürte einen Luftzug und sah auf. Eben trat Gabrielle in den Raum.

Praktisch ohne Vorwarnung legte er Rowan in die Warteschleife, einfach nur, weil er zusehen wollte, wie sich seine atemberaubende Gefährtin bewegte. Sie kam mit einem Teetablett aus der Bibliothek und stellte es leise in der Küche ab. Es war für zwei Personen gedeckt gewesen, für Gabrielle und eine weitere Frau, die vorhin im Hauptquartier angekommen war. Nur eine der eleganten Teetassen war benutzt worden, und nur eines der winzigen Schokoladentörtchen und diversen anderen Leckereien war von ihrem Porzellanteller verschwunden.

Lucan brauchte nicht zu raten, welche der beiden Frauen das gewesen war. Seine Gefährtin mit dem kastanienbraunen Haar hatte immer noch einen Hauch Schokoladenpulver auf ihrem sinnlichen, perfekten Mund. Er leckte sich die Lippen, als er Gabrielle beobachtete, wie immer ausgehungert nach ihr. Wenn diese beunruhigende Angelegenheit nicht wäre – ganz zu schweigen von dem anderen, kleineren Problem, das im Nebenraum auf seine Entscheidung wartete –, hätte Lucan vielleicht alle seine Verpflichtungen abgesagt und sich schleunigst mit seiner Frau ins Bett verzogen.

Der schnelle Blick, den sie ihm zuwarf, besagte, dass sie genau wusste, was ihm eben durch den Kopf ging. Aber es stand ihm vermutlich auch ins Gesicht geschrieben. Mit der Zunge spürte er die scharfen Spitzen seiner Fänge, die sich ausgefahren hatten, und so, wie sich sein Sehvermögen jetzt schärfte, mussten seine Augen eher bernsteingelb als grau sein. Sein Begehren transformierte ihn zu seiner wahren Natur, so wie auch der Durst nach Blut es tat.

Auf Gabrielles Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, als sie auf ihn zukam. Ihre großen braunen Augen waren sanft und tief, ihre Finger einladend, als sie die Hand hob und ihm über die angespannte Wange strich. Ihre Berührung beruhigte ihn wie immer, und sein Knurren klang eher wie ein Schnurren, als sie ihm mit den Fingern durch sein dunkles Haar fuhr.

Mit Mathias Rowan in der Warteschleife hielt Lucan das Telefon von sich fort und senkte den Kopf zu Gabrielle. Er streifte ihren Mund und leckte ihr sachte das Kakaopulver von den Lippen.

»Lecker«, flüsterte er und sah, wie der Hunger in seinen Augen sich in den unergründlichen Tiefen ihrer Augen spiegelte.

Gabrielle schlang die Arme um ihn, aber sie sah ihn mit einem Stirnrunzeln an. Sie sprach absichtlich leise, formte die Worte unhörbar mit den Lippen. »Alles okay mit Hunter und Chase?«

Er nickte und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Es fühlte sich nicht gut an, ihre Besorgnis so abzutun. In den anderthalb Jahren, die er mit Gabrielle in einer Blutsverbindung lebte, hatten sie immer alles miteinander geteilt, und in seinem ganzen jahrhundertelangen Leben hatte er noch nie jemandem so vertraut wie ihr.

Sie war seine Gefährtin, seine Partnerin, seine Liebste. Als seine engste und wichtigste Vertraute hatte sie ein Recht darauf zu wissen, was er fühlte, all seine Ängste und Sorgen zu kennen als Leiter dieses Hauptquartiers, das irgendwann begonnen hatte, sich eher wie ein Zuhause anzufühlen als die strategische Kriegszentrale, wo der Orden seine Missionen plante.

Während seine Krieger sich täglich mit ihren persönlichen Dämonen herumschlugen, während der Orden einige Tiefschläge hatte einstecken müssen und einige vernichtende Verluste, aber auch viele wichtige Triumphe zu verzeichnen hatte – während die Belegschaft des Hauptquartiers sich fast verdoppelt hatte in den knapp zwei Jahren, seit einige der Krieger sich verliebt und ihre Gefährtinnen gefunden hatten –, blieb eine beunruhigende Tatsache unverändert.

Es war ihnen noch nicht gelungen, Dragos und seinen Wahnsinn zu stoppen.

Dass Dragos immer noch lebte, immer noch Blutvergießen und Zerstörung von solchen Ausmaßen anrichten konnte – wie letzte Woche die Entführung eines Jungen aus einer mächtigen Stammesfamilie und die anschließende Vernichtung ihres Dunklen Hafens, bei der alle seine Bewohner umgekommen waren –, war eine Schlappe, die Lucan äußerst persönlich nahm.

Das war eine Realität, die ihm schon viel zu naheging.

Aber das wollte er Gabrielle jetzt nicht anvertrauen. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie dieselben Ängste quälten wie ihn. Er hatte immer versucht, seine Last möglichst alleine zu tragen. Bis er nicht alle Antworten hatte, bis seine Pläne nicht fertig waren und praktisch umgesetzt werden konnten, musste er alleine damit fertig werden.

»Mach dir keine Sorgen, Liebste. Ist alles unter Kontrolle.« Er drückte ihr einen weiteren zärtlichen Kuss auf die Stirn. »Wie ist die Lage nebenan?«

Gabrielle zuckte leicht mit den Schultern und schüttelte den Kopf. »Sie redet nicht viel, aber ist ja kein Wunder, wenn man bedenkt, was sie alles durchgemacht hat. Sie will jetzt einfach nur nach Hause zu ihrer Familie. Ist natürlich auch nur zu verständlich.«

Lucan knurrte seine völlige Zustimmung. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als ihren Gast nach Hause schicken zu können. So viel Mitgefühl er für die Frau auch aufbringen konnte, das Letzte, was er derzeit brauchte, war noch eine lästige Zivilistin im Hauptquartier. »Wir haben noch nichts von ihrer Mitfahrgelegenheit gehört, oder?«

»Nicht in der letzten Stunde. Brock hat gesagt, er oder Jenna rufen sofort an, wenn das Wetter in Fairbanks so weit aufklart, dass sie aufbrechen können.«

Lucan fluchte. »Selbst wenn sich der Schneesturm sofort legt, sind sie frühestens in einem Tag da. Ich werde jemand anderen dafür einteilen müssen. Vielleicht ist das eine gute Gelegenheit, Chase eine Weile loszuwerden. Verdammt, nach dem, was ich eben gehört habe, ist das womöglich das Einzige, was mir übrig bleibt, damit ich dem Kerl nicht eigenhändig den Hals umdrehe.«

Gabrielle sah ihn aus schmalen Augen an, schlagartig ernüchtert. »Kommt überhaupt nicht infrage, dass du diese arme Frau mit Chase als Begleitung nach Detroit schickst. Auf gar keinen Fall, Lucan. Bevor ich das zulasse, bringe ich sie lieber selbst hin.«

Er hatte es eigentlich gar nicht ernst gemeint, aber er würde nicht mit ihr streiten. Nicht, wenn sie ihr Kinn so störrisch reckte, was hieß, dass sie absolut null Absicht hatte nachzugeben. »Na gut, vergiss, dass ich das gesagt habe. Du hast gewonnen.« Mit einem Arm zog er sie an sich und ließ seine Hand über ihren Po wandern. »Wie kommt das bloß, dass immer du das letzte Wort hast?«

»Weil du weißt, dass ich recht habe.« Sie schmiegte sich enger an ihn und stellte sich auf die Zehenspitzen, bis ihr Mund seinen streifte. »Und weil – gib’s zu, Vampir – du mich gar nicht anders haben willst.«

Sie hob eine schmale Augenbraue und biss ihm leicht in die Unterlippe, dann schlüpfte sie aus seiner Umarmung, bevor er reagieren konnte. Dafür reagierte sein Körper umso deutlicher. Gabrielle lächelte, sie wusste ganz genau, wie es um ihn stand. Sie drehte sich schwungvoll um und ging in die Bibliothek zurück, wo ihr Gast auf sie wartete.

Lucan wartete, bis sie aus dem Zimmer gegangen war, und sortierte mühevoll seine Gedanken. Dann räusperte er sich, nahm Rowan aus der Warteschleife und hob wieder den Hörer ans Ohr. Er hatte den Agenten jetzt lange genug schmoren lassen.

»Mathias«, sagte er, »ich will, dass Sie wissen, dass der Orden zu schätzen weiß, was Sie bisher für uns getan haben. Was die Geschehnisse von heute Nacht angeht, versichere ich Ihnen, dass das alles ohne meine Anweisung oder Zustimmung geschehen ist. Mir ist klar, dass wir Sie als regionalen Agenturdirektor in eine unangenehme Position gebracht haben.«

Das war so ziemlich das Äußerste an Entschuldigung, was er aufbringen konnte. Obwohl die alte, wenn auch ungeschriebene Regel zwischen Lucans Kriegern und den Mitgliedern der Agentur lautete, den anderen möglichst aus dem Weg zu gehen und sie nicht unnötig zu provozieren, hatten sich die Umstände in letzter Zeit geändert.

Und zwar grundlegend geändert.

»Um mich mache ich mir keine Sorgen«, antwortete Rowan. »Und ich bereue meine Entscheidung nicht, dem Orden zu helfen. Ich will so sehr wie ihr, dass Dragos gefasst wird, und zwar mit allen Mitteln. Selbst wenn das bedeutet, dass ich mir ein paar eigene Feinde innerhalb der Agentur mache.«

Lucan quittierte dieses Gelübde mit einem anerkennenden Knurren. »Sie sind ein guter Mann, Mathias.«

»Nach allem, was dieser Bastard getan hat, will ich genauso wie Sie und Ihre Krieger, dass er gestoppt wird, besonders nach dem Terroranschlag von letzter Woche.« In Rowans Stimme schwang eine Leidenschaft mit, die Lucan nur zu gut verstand. »Es schockiert mich nicht, dass es in der Agentur schwarze Schafe gibt, und schon gar nicht, dass so ein Neandertaler wie Freyne sich mit einem Wahnsinnigen wie Dragos verbündet. Ich wünsche mir nur, ich hätte diese Möglichkeit früher in Betracht gezogen, und nicht erst, als Kellan Archers Rettung eskaliert ist.«

»Da sind Sie nicht der Einzige«, antwortete Lucan nüchtern. Auch er hatte mehrere Krieger auf diese Mission ausgeschickt, als zusätzliche Maßnahme, um den Jungen aus dem Dunklen Hafen, der von drei Gen-Eins-Killern auf Dragos’ Befehl entführt worden war, sicher nach Hause zu bringen. Dieses Ziel war zwar erreicht worden, aber nur mit einer Menge Kollateralschäden und nicht, ohne beunruhigende Fragen aufzuwerfen.

»Wie geht es dem Jungen?«, fragte Rowan.

»Er erholt sich noch in unserer Krankenstation.« Kellan Archer war schwer misshandelt worden, aber es war vor allem das psychische Trauma, das der junge Stammesvampir bei und nach seiner Entführung erlitten hatte, das Lucan Sorgen machte. Denn das konnte ernste Spätfolgen haben.

»Und sein Großvater?«

Einen Augenblick lang dachte Lucan in grimmigem Schweigen über den älteren Archer nach. Lazaro Archer war einer der wenigen verbleibenden Gen Eins der Vampirbevölkerung, und ein wirklich alter dazu. In seinem fast tausend Jahre langen Leben hatte er ein geachtetes, friedliches Leben geführt, die letzten paar Jahrhunderte als Oberhaupt des Dunklen Hafens seiner Familie in Neuengland. Er hatte starke Söhne großgezogen, die wiederum ihre eigenen Söhne hatten – Lucan war nicht einmal sicher, wie groß die Nachkommenschaft von Lazaro und seiner lebenslangen Stammesgefährtin überhaupt war.

Nicht dass es noch etwas bedeutete.

Nicht mehr.

Lazaros Gefährtin und seine ganze Familie waren in einer einzigen Nacht in ihrem Dunklen Hafen in Boston ausgelöscht worden. Einer von Lazaros Söhnen, der Vater des Jungen, Christophe, war aus nächster Nähe von Freyne erschossen worden, dem Verräter, der zu Kellans Rettungseinheit der Agentur gehört hatte. Von der ganzen Familie Archer hatten nur Lazaro und Kellan überlebt, wovon die Öffentlichkeit aber nichts wusste.

»Sowohl dem Jungen als auch seinem Großvater geht es den Umständen entsprechend gut«, antwortete Lucan. »Bis wir nicht wissen, warum Dragos ausgerechnet sie angegriffen hat, sind sie nur hier im Hauptquartier wirklich in Sicherheit.«

»Natürlich«, antwortete Rowan. Er schwieg eine Weile, dann holte er leise Atem. »Wie ich Chase kenne, gibt er sich mit die Schuld dafür, was bei der Rettungsmission schiefgelaufen ist …«

Lucan spürte, wie er die Stirn runzelte, als Rowan ihn an eine weitere von Chases Pannen im Dienst erinnerte. »Lassen Sie meine Männer meine Sache sein, Mathias. Haben Sie ein Auge auf Ihre eigenen.«

»Selbstverständlich werde ich das«, antwortete er, ruhig und professionell. »Um die möglichen negativen Konsequenzen des Zwischenfalls kümmere ich mich. Und wenn ich in der Zwischenzeit irgendetwas Interessantes über Freyne oder seine Verbindung zu Dragos höre, seien Sie versichert, dass ich mich bei Ihnen melde.«

Lucan murmelte eine Dankesfloskel. Wenn sich Rowan nicht eine so solide Karriere in der Führungsriege der Agentur erarbeitet hätte, hätte er einen hervorragenden Krieger abgegeben. Der Orden konnte einige zusätzliche Hände und kühle Köpfe weiß Gott gebrauchen, wenn ihr Krieg mit Dragos noch weiter eskalierte.

Oder wenn ein gewisses Mitglied seines Teams sich weiter so gehen ließ.

Kaum hatte Lucan bei diesem Gedanken die Zähne zusammengebissen, da summte die Gegensprechanlage des Hauptquartiers; es war Gideon aus dem Techniklabor. Er beendete sein Gespräch mit Rowan und drückte auf den Knopf.

»Sie sind da«, verkündete Gideon, bevor Lucan die Chance hatte, ein Hallo zu bellen. »Hab sie eben oben durchs Tor reinfahren sehen. Hab sie auf dem Monitor, sie fahren eben nach hinten zur Garage.«

»Wird auch Zeit, verdammt noch mal«, fauchte Lucan.

Er stellte die Gegensprechanlage ab und stapfte aus seinem Quartier. Das Dröhnen seiner schwarzen Kampfstiefel hallte durch die langen weißen Marmorkorridore, die sich wie ein zentrales Nervensystem durch das Herz des unterirdischen Hauptquartiers wanden. Er ging um eine Ecke und auf das Techniklabor zu, wo Gideon in den letzten Tagen praktisch rund um die Uhr auf Posten war.

Unterwegs fing sein scharfes Gehör das leise hydraulische Zischen des gesicherten Aufzuges auf, der sich eben auf seinen über hundert Meter langen Weg von der Garage ins Hauptquartier gemacht hatte.

Als er am Techniklabor vorbeiging, kam Gideon zu ihm auf den Gang hinaus. Der gebürtige Brite, das Universalgenie des Hauptquartiers, war heute ganz der Computerfreak, in seinen ausgebeulten grauen Jeans, grünen Chucks und dem gelben Hellboy-T-Shirt. Sein kurzer blonder Schopf war zerzauster als gewöhnlich, als hätte er sich beim Warten auf Neuigkeiten von Hunter und Chase öfters wild das Haar gerauft.

»Diesen mordlustigen Blick habe ich ja lange nicht gesehen«, sagte Gideon, dessen blaue Augen lebhaft über die getönten Gläser seiner randlosen Sonnenbrille linsten. »Ich sehe schon, du hast vor, den beiden den Kopf abzureißen.«

»Dem Geruch nach war ein anderer schneller«, knurrte Lucan, und seine Nase kribbelte vom Geruch von frischem Stammesblut, noch bevor die polierten Stahltüren des Lifts vor den beiden Kriegern auf Abwegen aufglitten.

 

3

»Bist du sicher, dass du nichts anderes zu essen oder zu trinken möchtest?«

Gabrielle kam wieder in die Bibliothek zurück. Ihre Wangen waren erhitzt, und ihre braunen Augen schienen irgendwie strahlender, seit sie vor wenigen Minuten mit dem Teetablett den Raum verlassen hatte. Mit etwas abwesendem Blick hob Lucan Thornes Stammesgefährtin ihre Fingerspitzen an die Lippen und lächelte leise in sich hinein. Doch einen Augenblick später blinzelte sie den Ausdruck fort, kam herüber und setzte sich wieder auf ihren Platz auf dem Sofa.

»Tut mir leid, dass ich dich habe warten lassen. Lucan und ich mussten noch schnell etwas besprechen«, sagte sie so liebenswürdig und gastfreundlich wie eine alte Freundin, obwohl sie sich erst vor wenigen Stunden kennengelernt hatten. »Ist es dir zu kalt hier? Ach du Arme, du zitterst ja.«

»Ist nicht schlimm.« Corinne Bishop vergrub sich tiefer in ihren blassgrauen Wickelcardigan und schüttelte den Kopf, während ein weiteres Beben sie bis tief in ihre Knochen erschauern ließ. »Mir geht’s gut, wirklich.«

Ihr Unbehagen hatte mit der Temperatur im Hauptquartier des Ordens nichts zu tun. Hier war sie von einem Luxus und einer Wärme umgeben, die sie kaum fassen konnte. Sie hatte das verblüffend weitläufige unterirdische Hauptquartier schon seit ihrer Ankunft bestaunt, und die elegante Bibliothek, wo sie jetzt mit Gabrielle saß, war mit Sicherheit der vornehmste Raum, in dem sie sich seit sehr langer Zeit aufgehalten hatte.

Jahrzehntelang war ihr Zuhause nur wenig besser als eine Gruft gewesen. Mit achtzehn Jahren war Corinne zusammen mit etlichen anderen jungen Frauen von einem Wahnsinnigen namens Dragos entführt und gefangen worden, einfach nur, weil jede einzelne von ihnen eine Stammesgefährtin gewesen war.

Corinne sah auf ihre im Schoß gefalteten Hände hinunter und fuhr müßig mit dem Daumen über das winzige purpurrote Muttermal auf ihrem rechten Handrücken, das jede Stammesgefährtin irgendwo auf ihrem Körper trug. Dieses Mal in Form einer Träne, die in die Wiege einer Mondsichel fiel, machte sie zum Teil einer außergewöhnlichen Welt – der geheimen, ewigen Welt des Stammes. Es hatte sie vor einem Leben in Armut und Vernachlässigung gerettet, nachdem sie nur Stunden nach ihrer Geburt an der Hintertür eines Detroiter Krankenhauses ausgesetzt worden war.

Dieses kleine blutrote Muttermal hatte ihr Zugang zum Leben ihrer Adoptiveltern Victor und Regina Bishop verschafft. Das blutsverbundene Paar, das bereits einen eigenen Sohn hatte, hatte Corinne und ihre jüngere Adoptivschwester Charlotte bei sich in ihrem luxuriösen Dunklen Hafen aufgenommen. Sie hatten den beiden elternlosen Mädchen ein liebevolles Zuhause gegeben und nur das Beste von allem, was das Leben zu bieten hatte.

Wenn sie damals nur erwachsen genug gewesen wäre, um das alles schätzen zu können.

Wenn sie nur die Chance gehabt hätte, ihrer Familie noch einmal zu sagen, dass sie sie liebte … bevor ein Schurke namens Dragos sie aus ihrem Leben herausgerissen und in eine scheinbar unendliche Hölle geworfen hatte, aus der es keinen Ausweg gab.

Und das alles nur wegen dieses kleinen roten Muttermals auf ihrem Handrücken. Wegen ihm hatte sie unendlichen Schmerz und Kummer erlitten. Man hatte sie gefoltert und vergewaltigt, sie gegen ihren Willen am Leben erhalten und gezwungen, unaussprechliche Dinge zu erleiden, an die sie jetzt nach ihrer Befreiung kaum zu denken wagte, geschweige denn jemandem davon zu erzählen. Ihr und etwa zwanzig anderen Gefangenen von Dragos war es gelungen, seine Folterungen und Experimente zu überleben, bis die Ordenskrieger und ihre unglaublich beherzten, einfallsreichen Stammesgefährtinnen ihnen letzte Woche zu Hilfe gekommen waren.

Die letzten paar Tage seit ihrer Rettung waren Corinne und die anderen befreiten Gefangenen im Dunklen Hafen eines weiteren Paares in Rhode Island untergebracht worden, dessen Großzügigkeit und liebevolle Fürsorge ein Geschenk des Himmels für sie gewesen waren. Andreas Reichen und seine Gefährtin Claire, alte Freunde des Ordens, hatten alle Evakuierten bei sich aufgenommen und sie mit Kleidern und allem anderen versorgt, was sie brauchten, um wieder ein Gefühl von Normalität zu bekommen und ihr Leben jenseits von Dragos’ Zugriff neu zu beginnen.

Das Einzige, was Corinne brauchte, war ihre Familie. Sie war verblüfft gewesen, als man ihr gesagt hatte, dass sie die einzige eingekerkerte Stammesgefährtin war, die Dragos aus einer Familie in einem Dunklen Hafen entführt hatte. All die anderen Frauen waren aus Jugendeinrichtungen eingesammelt worden oder hatten allein gelebt, und alle waren völlig ahnungslos gewesen, dass sie etwas Besonderes waren – bis Dragos’ Wahnsinn ihnen die Scheuklappen von den Augen gerissen hatte.

Aber Corinne hatte gewusst, was sie war. Sie hatte eine Familie gehabt, die sie liebte, die sie vermisst und um sie getrauert hatte, als Jahrzehnte ins Land gingen und sie nicht zurückkehrte. Sie war anders als Dragos’ andere Opfer. Und doch hatte sie dieselben Qualen erlitten wie sie – eher noch größere, da der Gedanke an ihre leidenden Eltern und Geschwister ihr die Kraft gegeben hatte, ihrem Entführer zu trotzen.

Das Bedürfnis, so schnell wie möglich wieder dort zu sein, wo sie hingehörte, bei ihrer Familie, die ihr helfen konnte zu heilen – vielleicht die Einzigen, die ihr wirklich dabei helfen konnten, sich alles zurückzuholen, was sie in ihrer Gefangenschaft verloren hatte –, verzehrte sie und wurde immer stärker, als die Tage und Stunden vergingen und wertvolle Zeit verstrich.

Sie konnte nur hoffen, dass man sie wieder aufnehmen würde, und nur beten, dass man sie in all den langen Jahren nicht vergessen hatte. Sie konnte sich nur aus ganzem Herzen wünschen, dass ihre Eltern sie immer noch liebten.

Sie sah auf und merkte, dass Gabrielle sie besorgt ansah. »Wann wollte Brock zurück in Boston sein?«

Gabrielle stieß einen leisen Seufzer aus und schüttelte langsam den Kopf. »Wahrscheinlich schafft er es frühestens in einem Tag. Könnte auch länger dauern, wenn sich der Schneesturm in Fairbanks nicht bald legt.«

Corinne konnte ihre Enttäuschung kaum verbergen. Nach ihrer Befreiung zu entdecken, dass der Bodyguard ihrer Kindheit aus Detroit einer ihrer Retter war, hatte ihr den ersten wirklichen Hoffnungsschimmer gegeben. Brock war dem Orden lange nach ihrem Verschwinden beigetreten, und er hatte sich kürzlich verliebt. Es war diese Liebe, die ihn vor einigen Tagen nach Alaska geführt hatte, aber er hatte Corinne sein Wort gegeben, sie persönlich heil nach Detroit zurückzubringen, sobald er und seine Gefährtin Jenna wieder zurück wären.

Corinne brauchte Brocks Unterstützung. Er war immer ihr Vertrauter gewesen, ein wahrer Freund. Als kleines Mädchen hatte sie darauf vertraut, dass er sie beschützte. Sie brauchte jetzt mehr als alles andere das Gefühl, dass sie in Sicherheit war und dass ihr auf ihrer Heimreise keine Gefahr drohte.

Ein verängstigter kleiner Teil ihrer selbst machte sich Sorgen, dass sie ohne jemanden wie Brock an ihrer Seite, dem sie blind vertrauen konnte, vielleicht gar nicht die Kraft haben würde, bei ihrer Familie anzuklopfen.

»Wie ich von Claire und Andreas gehört habe, hast du noch keinen Kontakt mit deiner Familie aufgenommen«, unterbrach Gabrielle sanft ihren Gedankengang. »Sie wissen noch gar nicht, dass du am Leben bist?«

»Nein«, antwortete Corinne.

»Möchtest du sie nicht anrufen? Sie wollen doch sicher wissen, dass du hier in Sicherheit bist und bald zu ihnen nach Hause kommst.«

Sie schüttelte den Kopf. »Es ist so lange her. Ich erinnere mich an unsere Telefonnummer von damals, aber ich weiß gar nicht, wie ich sie heute erreichen soll …«

»Das ist doch gar kein Problem.« Gabrielle zeigte auf ein flaches weißes Gerät auf dem Schreibtisch der Bibliothek. »Es dauert nur eine Minute, sie im Computer zu finden. Du könntest sie sofort anrufen. Wenn du möchtest, kannst du sogar über Video mit ihnen reden.«

»Danke, aber lieber nicht.« Diese technischen Begriffe waren Corinne neu, fast so überwältigend wie der Gedanke, mit ihren Eltern zu reden, ohne selbst bei ihnen zu sein, sie zu berühren und ihre Arme wieder um sich zu spüren. »Es ist nur, dass ich … gar nicht weiß, was ich ihnen nach dieser langen Zeit sagen soll. Ich weiß nicht, wie ich ihnen sagen erzählen soll, dass …«

Gabrielle nickte verständnisvoll. »Dafür musst du dort bei ihnen sein.«

»Ja. Ich will einfach nur nach Hause.«

»Natürlich«, sagte Gabrielle. »Mach dir keine Sorgen. Wir sorgen schon dafür, dass du so schnell wie möglich nach Hause kommst.«

Sie sahen beide auf, als jemand draußen im Korridor leise an den Türrahmen klopfte. Eine hübsche Blondine mit blassvioletten Augen öffnete die Tür und spähte in den Raum.

»Störe ich?«

»Nein, Elise, komm nur.« Gabrielle stand auf und winkte die andere Frau herein. »Corinne und ich haben uns nur eine Weile unterhalten, solange wir darauf gewartet haben, von Brock und Jenna zu hören.«

Elise trat in den Raum und lächelte Corinne herzlich zu. »Ich dachte, ich komme herunter und leiste euch ein Weilchen Gesellschaft, bis die anderen von der Patrouille zurück sind.«

Einige der Frauen des Ordens hatte Corinne bei ihrer Ankunft vorhin bereits kennengelernt. Soweit sie sich erinnerte, war Elises Gefährte ein Krieger namens Tegan. Man hatte ihr gesagt, dass er und die meisten anderen Mitglieder des Ordens auf ihren Missionen in der Stadt unterwegs waren, alle auf das einzige Ziel konzentriert, Dragos und seine Anhänger zur Strecke zu bringen.

Der Gedanke gab ihr große Zuversicht. Wenn eine so außergewöhnliche Gruppe wie diese dermaßen entschlossen war, ihn zu fangen, hatte Dragos keine Chance zu entkommen.

Und doch war es ihm gelungen.

Wieder und wieder, soweit Corinne es verstanden hatte, war es ihm gelungen, dem Orden einen Schritt voraus zu sein. Sie waren eine mächtige Kraft, aber Corinne wusste aus erster Hand, dass Dragos ebenfalls mächtig war. Er hatte seine eigenen Soldaten und seine eigene, schreckliche Strategie.

Und er war wahnsinnig – das machte ihn so gefährlich. Auch das hatte Corinne am eigenen Leib erfahren müssen, und nun überfluteten ihre entsetzlichen Erinnerungen sie wie eine dunkle Welle. Sie taumelte unter ihrem Ansturm, als sie jetzt vom Sofa aufstand, um sich neben Gabrielle und Elise zu stellen. Die Panikattacke kam dieses Mal schnell, viel schneller als noch vor einer Weile. Als Gabrielle sie vorhin in der Bibliothek allein gelassen hatte, war es Corinne irgendwie gelungen, ihre Panik niederzukämpfen.

Aber dieses Mal nicht.

Die deckenhohen Bücherregale waberten ihr vor den Augen, und die Wände der Bibliothek schienen von allen Seiten zusammenzurücken, um sie zu erdrücken. Der stolze dunkle Ritter auf seinem schwarzen Schlachtross auf dem riesigen Gobelin an der gegenüberliegenden Wand verzerrte sich, und das gut aussehende Gesicht des Mannes und sein prächtiges Pferd mutierten zu einer dämonischen, höhnischen Gestalt.

Sie schloss die Augen, aber die Dunkelheit half nicht. Denn nun war sie plötzlich wieder in Dragos’ stockdunkler, nasskalter Gefängniszelle, nackt, zitternd und allein, und wartete auf den Tod. Betete um ihn, da er ihr als der einzige Ausweg aus diesem Horror erschien.

Corinne holte hastig Atem, aber es war, als käme gar kein Sauerstoff in ihre Lungen. Der Raum um sie herum verdichtete sich zum Nichts.

»Corinne?« Gabrielle und Elise sagten beide gleichzeitig ihren Namen. Beide Frauen streckten die Arme nach ihr aus, hielten sie aufrecht, stützten sie.

Corinne hörte sich selbst nach Atem keuchen. »Muss raus … muss aus dieser Zelle raus …«

»Kannst du gehen?«, fragte Elise besorgt. »Halt dich an uns fest, Corinne. Das wird schon wieder.«

Ihr gelang ein Nicken. Die beiden halfen ihr in den Korridor hinaus, kühler weißer Marmor erstreckte sich in beide Richtungen. Der Korridor war breit und endlos und beruhigte sie sofort. Sie ließ das Schimmern der strahlend hellen Wände auf sich wirken, atmete tief ein und spürte, wie die Blockade in ihren Lungen sich wieder ein wenig zu lösen begann.

Ja, Gott sei Dank. Sie fühlte sich schon besser.

Gabrielle streckte die Hand aus und strich Corinne eine dunkle Haarsträhne aus den Augen. »Geht’s wieder?«

Corinne nickte, sie atmete immer noch heftig, spürte aber, wie ihr Panikanfall sich wieder legte. »Manchmal … manchmal habe ich das Gefühl, ich bin immer noch dort drin. Immer noch in diesem schrecklichen Kerker eingesperrt«, flüsterte sie. »Tut mir leid. Das ist mir so peinlich.«

»Ach was.« Gabrielle lächelte sie mitfühlend an. »Dir muss nichts leid tun, und dir muss auch nichts peinlich sein. Nicht unter Freunden.«

»Komm«, sagte Elise. »Wir bringen dich hoch ins Anwesen und machen einen kleinen Spaziergang im Garten, bis du dich besser fühlst.«

Als der Aufzug von der Garage unten im Hauptquartier ankam, warf Hunter seinem verletzten Patrouillenpartner einen stummen, abschätzenden Blick zu.

Sterling Chase lehnte an der gegenüberliegenden Wand der Liftkabine. Er ließ den Kopf tief auf die Brust hängen, das goldbraune Haar hing ihm verfilzt in die Stirn, und er atmete hastig und keuchend durch die Zähne. Seine schwarzen Drillichhosen waren zerrissen und blutgetränkt, sein Gesicht voller Schnittwunden und anschwellender Prellungen. Seine Nase musste gebrochen sein, und seine Oberlippe war aufgeplatzt, Blut lief ihm bis aufs Kinn hinunter. Höchstwahrscheinlich war auch sein Kiefer gebrochen.

Der Krieger hatte sich bei der Schlägerei in der Stadt jede Menge Verletzungen geholt, aber nichts, was die Zeit und eine anständige Nahrungsaufnahme nicht kurieren würden.

Nicht dass Chase sich etwas aus seinem Zustand zu machen schien.

Die Lifttüren glitten mit einem leisen Zischen auf, und er stolzierte arrogant vor Hunter auf den Korridor hinaus.

Nach wenigen Schritten verstellte Lucan ihm den Weg. Und als Chase keine Anstalten machte, stehen zu bleiben, legte er ihm flach die Hand auf die Brust und hinderte ihn handgreiflich am Weitergehen. »Habt euch heute Nacht in Chinatown gut amüsiert, ja?«

Chase stieß einen Grunzlaut aus, und seine aufgeplatzte Lippe riss noch weiter auf, als er Lucan zynisch angrinste. »Mathias Rowan hat also schon gepetzt, was?«

»Er hat sich bei mir gemeldet. Und das ist mehr, als ich von euch beiden sagen kann«, antwortete Lucan knapp, und sein wütender Blick wanderte kurz von Chases lädierter Erscheinung zu Hunter, dessen Drillichhosen ebenfalls jede Menge Agentenblut abbekommen hatten. »Rowan hat mir alles über eure beschissene Aktion erzählt. Er sagt, es gab mehrere Tote und Verletzte, und jeder Agent, mit dem er geredet hat, macht für diese grundlose Attacke allein dich verantwortlich, Chase.«

Der schnaubte höhnisch. »Grundlos, dass ich nicht lache. Jeder einzelne Agent in diesem Schuppen hat nur einen Grund gesucht, sich mit mir anzulegen.«

»Und du hattest nichts Besseres zu tun, als ihnen einen zu liefern, ja?« Als Chase ihn zur Antwort nur wütend ansah, schüttelte Lucan den Kopf. »Was du bist, ist waghalsig, mein Alter. Du hast heute Nacht schon wieder Scheiße gebaut, die andere für dich wegräumen dürfen. In letzter Zeit wird das zur Gewohnheit bei dir, und das gefällt mir ganz und gar nicht.«

»Du hast mich rausgeschickt, um einen Job zu erledigen«, schoss Chase finster zurück. »Manchmal werden die Dinge eben unangenehm.«

Lucan machte die Augen schmal, jetzt strahlte sein ganzer Körper Wut aus, eine so intensive Hitze, dass sogar Hunter sie spürte, der einige Schritte entfernt neben Gideon stand. »Ich frage mich, ob du überhaupt noch weißt, was dein Job ist, Chase. Denn wenn du das wüsstest, würdest du nicht mit leeren Händen hierher zurückkommen und nach Blut und Arroganz stinken. Was mich angeht, hast du heute Nacht da draußen versagt. Was hast du über Freyne herausgefunden? Sind wir Dragos oder seinen anderen potenziellen Verbündeten auch nur einen verdammten Zentimeter näher gekommen?«

»Das sind wir vielleicht«, warf Hunter ein.

Lucan warf den Kopf herum und funkelte ihn an. »Ich höre.«

»Da war ein Agent namens Murdock«, antwortete Hunter. »Er hat Chase und mich angesprochen, als wir im Club ankamen. Es gab einen Wortwechsel, aber er hatte keine nützlichen Informationen für uns. Sobald der Kampf begann, wurde er sichtlich nervös. Ich habe ihn telefonieren sehen, bevor er im Chaos entwischt ist.«

»Das soll eine Spur sein?«, murmelte Chase verächtlich. »Sieht ihm ähnlich abzuhauen, ich kenne den Kerl. Murdock ist ein Feigling, der dir lieber ein Messer in den Rücken jagt, als sich einem offenen Kampf zu stellen.«

Hunter ignorierte den Kommentar seines Patrouillenpartners und hielt dem durchdringenden Blick seines Anführers stand. »Murdock ist durch den Hintereingang auf die Gasse geflohen. Es kam schon ein Wagen, um ihn abzuholen. Der Fahrer war ein Gen-Eins-Killer.«

»Ach du Scheiße«, bemerkte Gideon neben Hunter und fuhr sich mit der Hand durch seinen stacheligen blonden Haarschopf.

Lucans Gesicht verhärtete sich, während Chase ganz still und reglos geworden war und genauso aufmerksam zuhörte wie die anderen.

»Ich habe den Wagen zu Fuß verfolgt«, fuhr Hunter fort. »Den Killer habe ich neutralisiert.«

Er griff nach hinten in den Bund seiner Drillichhose und zog das detonierte Halsband heraus, das er seinem toten Gegner abgenommen hatte.

Gideon nahm ihm den Ring aus verkohltem schwarzen Polymer aus der Hand. «Noch einer für deine Sammlung, was? Du hast ganz schöne Abschussquoten in letzter Zeit. Gute Arbeit.«

Hunter verzog keine Miene über das unnötige Lob.

»Was ist mit Murdock?«, fragte Lucan.

»Entkommen«, antwortete Hunter. »Er ist geflohen, als ich mit dem Fahrer beschäftigt war. Ich musste mich entscheiden, ihn entweder zu verfolgen oder in den Club zurückzugehen und meinen Partner herauszuhauen.«

Eine Entscheidung, die ihm alles andere als leichtgefallen war. Sein Verstand und seine Ausbildung als einer von Dragos’ Soldaten verlangten von ihm, dass er seine Missionen allein ausführte: effizient, unpersönlich und absolut unabhängig. Murdock war eine wichtige Zielperson; ihn zu verhören würde ihnen sicher wertvolle Informationen bringen. Um diese Mission erfolgreich abschließen zu können, war für Hunter demnach die logische Vorgehensweise, den entkommenen Agenten wieder einzufangen.

Aber der Orden operierte gemäß einem anderen Grundsatz, und er hatte geschworen, ihn einzuhalten, als er dem Orden beigetreten war, auch wenn er allem zuwiderlief, was er gelernt hatte. Die Krieger hatten einen Kodex für jede Mission: Wenn ein Team zusammen rausging, kam es auch zusammen wieder, keiner wurde je zurückgelassen.

Nicht einmal, wenn einem deshalb ein wichtiger Gegner durch die Lappen ging.

»Ich kenne Murdock«, sagte Chase und wischte sich mit dem Handrücken etwas Blut vom Kinn. »Ich weiß, wo er wohnt, ich weiß, wo er sich in seiner Freizeit rumtreibt. Den werde ich schnell finden …«

»Einen Dreck wirst du«, unterbrach ihn Lucan. »Hiermit suspendiere ich dich von dieser Mission. Bis auf Weiteres läuft jeder Kontakt zur Agentur ausschließlich über mich. Gideon kann über Murdocks Immobilienbesitz und seine persönlichen Gewohnheiten alles ausgraben, was wir brauchen. Wenn du denkst, du hättest noch irgendwas Nützliches hinzuzufügen, sag es Gideon. Wie und wann wir uns dieses Arschloch Murdock vornehmen, entscheide ich – und auch, wer für diesen Job der geeignete Mann ist.«

»Tu, was du nicht lassen kannst.« Chases blaue Augen glitzerten wütend unter seinen gesenkten Brauen, und er machte Anstalten zu gehen.

Lucan drehte kaum merklich den Kopf, seine Stimme war so tief wie fernes Donnergrollen. »Ich habe nicht gesagt, dass wir fertig sind.«

Chase stieß ein höhnisches Knurren aus. »Klingt doch, als hättest du alles unter Kontrolle, also wozu brauchst du mich noch?«

»Das frage ich mich schon die ganze Nacht«, antwortete Lucan ruhig. »Wozu zum Teufel brauche ich dich eigentlich noch?«

Zur Antwort murmelte Chase eine Obszönität und tat einen weiteren Schritt, aber plötzlich war Lucan direkt vor ihm. Er hatte sich so schnell bewegt, dass es selbst Hunter schwergefallen war, ihn wahrzunehmen, und nun sprang er Chase mit einer geballten Dosis Gen-Eins-Kraft an und rammte ihn so hart mit der Schulter, dass der andere Krieger durch die Luft flog und gegen die gegenüberliegende Korridorwand krachte.

Mit einem gezischten Fluch richtete Chase sich wieder auf und ging mit Augen wie glühenden Kohlen und voll ausgefahrenen Fängen fauchend zum Frontalangriff über.

Dieses Mal war es Hunter, der sich am schnellsten bewegte.

Um den Angriff auf den Anführer des Ordens – auf seinen Anführer – abzuwehren, stellte er sich zwischen die beiden Vampire und packte Chase mit einer Hand hart an der Kehle.

»Wegtreten, Krieger«, wies er seinen Waffenbruder an.

Es war die einzige Warnung, die Hunter ihm geben würde. Wenn Chase auch nur zuckte, hatte Hunter keine Wahl, als so lange zuzudrücken, bis ihm die Angriffslust vergangen war.

Die Lippen vom Zahnfleisch zurückgezogen, starrte Chase ihn mit wild gefletschten Fängen und fest zusammengebissenen Zähnen in einem schweren, beredten Schweigen an. Da spürte Hunter hinter sich im Korridor eine Bewegung und hörte das leise Aufkeuchen einer Frau – nur ein leises Atemholen durch geöffnete Lippen.

Chases Blick wanderte in die Richtung, und etwas von seiner wütenden Anspannung wich nun von ihm. Hunter ließ ihn los und trat von ihm zurück.

»Was ist hier los, Lucan?«

Hunter drehte sich ebenso wie die anderen Männern im Korridor um und fand sich Lucans Gefährtin Gabrielle und zwei anderen Frauen gegenüber. Hunter kannte die zierliche Blonde mit den hellen veilchenfarbenen Augen, Tegans Gefährtin Elise. Sie war es gewesen, die eben aufgekeucht hatte und sich immer noch die Hand vor den Mund hielt.

»Ich bin hier raus«, murmelte Chase sichtlich kleinlaut, drängte sich an Hunter und den anderen vorbei und stapfte den Korridor hinunter zu seinem Quartier.

Hunter registrierte kaum, dass der Krieger gegangen war.