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NUR EIN KLEINES INTERMEZZO? von SHERRYL WOODS
Ausgerechnet Mack Carlton, dieser reiche Playboy, hat sein Herz für ihre kleinen Patienten entdeckt? Die Kinderärztin Beth Browning traut dem Ganzen nicht. Und doch kann sie sich Macks Charme nicht entziehen. Aber ist er wirklich an ihr interessiert - oder spielt er nur mit ihr?
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ERBIN DES GLÜCKS von CHERYL ST.JOHN
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Seitenzahl: 584
Veröffentlichungsjahr: 2019
Sherryl Woods, Crystal Green, Cheryl St. John
BIANCA EXKLUSIV BAND 309
IMPRESSUM
BIANCA EXKLUSIV erscheint in der HarperCollins Germany GmbH
Erste Neuauflage by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg, in der Reihe: BIANCA EXKLUSIV, Band 309 – 2019
© 2004 by Sherryl Woods Originaltitel: „Priceless“ erschienen bei: Silhouette Books, Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: M. R. Heinze Deutsche Erstausgabe 2005 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe BIANCA, Band 1448
© 2005 by Chris Marie Green Originaltitel: „The Millionaire’s Secret Baby“ erschienen bei: Silhouette Books, Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Xinia Picado Maagh-Katzwinkel Deutsche Erstausgabe 2005 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe BIANCA, Band 1498
© 2005 by Harlequin Books S.A. Originaltitel: „ Million-Dollar Makeover “ erschienen bei: Silhouette Books, Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Leonore Hoffmann Deutsche Erstausgabe 2006 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe BIANCA, Band 1512
Abbildungen: ANRproduction / Shutterstock, alle Rechte vorbehalten
Veröffentlicht im ePub Format in 04/2019 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783733737023
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY
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Mack Carlton beherrschte Ausweichmanöver besser als jeder andere Football-Spieler in der Gegend von Washington vor ihm. Nun wich er schon seit Wochen seiner Tante Destiny aus, doch leider war sie schneller und raffinierter als alle gegnerischen Spieler, mit denen er es jemals zu tun gehabt hatte. Darüber hinaus ging sie dermaßen entschieden vor, dass es eigentlich nur eine Frage der Zeit war, wann sie ihn erwischen würde.
Nachdem es Destiny gelungen war, Macks älteren Bruder Richard zu verheiraten, war sie jetzt hinter ihm her. Und seitdem tauchten dauernd neue Frauen auf. Das war für Mack zwar nicht ungewöhnlich, weil er sich seinen Ruf als Playboy redlich verdient hatte, doch all diese Frauen entsprachen nicht seinem Geschmack. Jede von ihnen schien es ernsthaft zu meinen und sich „auf immer und ewig“ binden zu wollen.
Mack dagegen hielt nichts von langfristigen Beziehungen, und das wusste Destiny nur zu gut.
Er selbst war überzeugt, mit Liebe und Verlustangst nicht die gleichen Probleme zu haben, die seinen älteren Bruder Richard lange Zeit gehemmt hatten. Seiner Meinung nach band er sich nicht, weil er viele Frauen kennen lernen wollte. Es hatte nichts mit der Furcht zu tun, wieder verlassen zu werden. Natürlich hatte es ihn damals mit zehn Jahren getroffen, als seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen, doch er war deswegen nicht – im Gegensatz zu Richard – bis zum heutigen Tage traumatisiert.
Destiny und Richard waren da allerdings anderer Ansicht, und sogar sein jüngerer Bruder Ben war überzeugt, dass der Tod der Eltern im Gefühlsleben aller drei Brüder schwere Spuren hinterlassen hatte.
Mack fand jedoch, dass das auf ihn nicht zutraf. Er mochte Frauen, vor allem ihren Verstand. Na schön, das musste man heutzutage so darstellen. In Wahrheit mochte er es, wie sie sich anfühlten, wie zart ihre Haut war und wie leidenschaftlich sie reagierten. Er unterhielt sich sehr gern, aber noch lieber hatte er unverbindlichen Sex.
Keineswegs war er sexsüchtig, aber bei einem flotten Tango auf der Matratze fühlte sich einfach jeder Mann lebendig. Ja, vielleicht war es genau das. Der frühe Verlust seiner Eltern hatte ihm vor Augen geführt, wie kurz das Leben sein und dass der Tod überall lauern kann. Insofern hatte doch auch er auf emotionaler Ebene Narben davongetragen.
Mack ließ sich das alles gerade durch den Kopf gehen, als Destiny hereinplatzte. Sie stürmte in sein Büro, das ihm als Miteigentümer der Mannschaft zustand, für die er früher gespielt hatte. Das unangekündigte Eindringen in diese Bastion der Männlichkeit überraschte ihn dermaßen, dass ihm die Füße vom Tisch rutschten.
„Du bist mir ausgewichen“, stellte Destiny vorwurfsvoll fest und strich ihr hellblaues Kostüm glatt, bevor sie sich setzte.
Wie stets sah sie aus, als käme sie gerade aus einem Schönheitssalon. Als Malerin in Frankreich – vor dem Tode ihres Bruders – hatte sie dagegen wesentlich exotischer gewirkt, und manchmal fragte sich Mack, ob seiner Tante das frühere Leben nicht fehlte. Schließlich hatte sie es aufgegeben, um nach dem Flugzeugabsturz seiner Eltern in die Vereinigten Staaten zurückzukehren und sich um ihn und seine verwaisten Brüder zu kümmern.
„Ich bin dir nicht ausgewichen“, widersprach er und bemühte sich um eine neutrale Miene. Man durfte Destiny nie zeigen, dass sie einen überrascht oder gar aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.
Seine Tante lachte bloß. „Ich habe mir nicht nur eingebildet, dich von hinten gesehen zu haben, als ich Richard und Melanie neulich besuchte. Diesen Po kenne ich von viel zu vielen Football-Spielen, als dass ich ihn nicht zuzuordnen wüsste.“
Verdammt, und er hatte gedacht, gerade noch rechtzeitig abgehauen zu sein. Aber vielleicht hatte Richard ja auch geredet. Sein Bruder war nämlich der Ansicht, dass er, Mack, sich zu sehr über Destinys erfolgreiche Kuppelei amüsiert hatte, und es wäre eine gute Revanche, nun den Spieß umzudrehen und Destiny zu unterstützen.
„Hast du mich wirklich gesehen, oder hat Richard mich verpetzt?“, erkundigte sich Mack. „Er will, dass ich dir genau wie er in die Falle gehe.“
„Dein Bruder war noch nie eine Petze, und meine Augen sind hervorragend“, versicherte Destiny. „Wovor hast du eigentlich Angst?“
„Das wissen wir doch beide, und deshalb bist du auch hier. Welchen raffinierten Plan hast du dir denn dieses Mal ausgedacht, Destiny? Aber bevor du antwortest, wollen wir eines klarstellen: Mein Privatleben geht nur mich etwas an, und ich komme damit ausgezeichnet zurecht.“
„Oh ja, das liest man auch in den Klatschspalten sämtlicher Zeitungen. Du hast zwar nicht direkt etwas mit Carlton Industries zu tun, aber unsere Familie nimmt eine gewisse gesellschaftliche Stellung ein. Darauf solltest du Rücksicht nehmen, vor allem wenn Richard in die Politik gehen sollte.“
Das Argument mit dem Ruf der Familie war so vertraut, dass es ihn wunderte, warum Destiny es überhaupt noch vortrug. Schließlich hatte es bisher nie etwas gebracht. „Die meisten Menschen können sehr wohl zwischen meinem Bruder und mir unterscheiden“, entgegnete er und gab auch sofort die gleiche Antwort wie immer. „Außerdem bin ich erwachsen, und das gilt ebenso für die Frauen, mit denen ich mich treffe. Also wird niemandem geschadet.“
„Und damit bist du zufrieden?“, fragte Destiny skeptisch.
„Absolut“, versicherte er. „Ich könnte gar nicht zufriedener sein.“
„Nun gut“, meinte sie und nickte. „Mir geht es schließlich nur um dein Glück. Alles andere zählt für mich nicht.“
Mack blieb misstrauisch, weil es nicht Destinys Natur war, kampflos aufzugeben. Immerhin hatte sie es geschafft, Richard zu verheiraten. „Wir sind dir unendlich dankbar, dass du uns liebst“, erwiderte er vorsichtig. „Und ich bin sehr froh, dass du es mir überlässt, mit wem ich mich treffe. Das ist wirklich eine große Erleichterung.“
„Ja, kann ich mir vorstellen“, erwiderte Destiny. „Ich sehe dich nämlich langfristig nicht mit geistig und gefühlsmäßig dermaßen flachen Frauen, wie du sie dir normalerweise aussuchst.“
Auf diese Spitze ging Mack nicht weiter ein, er kannte solche Bemerkungen zur Genüge. „Kann ich vielleicht etwas für dich tun?“, bot er höflich an. „Brauchst du Souvenirs unseres Teams für eine deiner karitativen Versteigerungen?“
„Eigentlich nicht. Ich wollte nur mal bei dir vorbeischauen und ein wenig plaudern“, behauptete sie. „Kommst du demnächst zum Abendessen zu mir?“
„Ja, da du dich nicht weiter in mein Privatleben einmischen willst“, antwortete er strategisch. „Werden am Sonntag alle da sein?“
„Natürlich.“
„Dann komme ich auch“, versprach er.
„Ich mache mich wieder auf den Weg“, erklärte sie und stand auf.
Mack begleitete sie, und auf dem Korridor fiel ihm erneut auf, wie zierlich sie war. Tante Destiny reichte ihm kaum bis zu den Schultern. Wegen ihrer unglaublichen Durchsetzungskraft war sie ihm stets bedeutend größer erschienen. Andererseits war er fast ein Meter neunzig. Seine Tante entsprach also der Durchschnittsgröße, aber was ihre Energie anging, konnte sie mit sämtlichen Frauen im Großraum der Hauptstadt Washington mithalten.
Bevor sie den Aufzug betrat, schenkte sie ihm ihr typisches Lächeln, mit dem sie sämtlichen Wirtschaftsgrößen Geld für wohltätige Zwecke aus der Tasche zog. Sofort war Mack wieder auf der Hut.
„Ach ja, mein Lieber, fast hätte ich es vergessen“, behauptete sie und holte aus der Handtasche ein Blatt Papier. „Könntest du vielleicht heute Nachmittag einen Sprung ins Krankenhaus machen? Dr. Browning hat sich an mich gewandt. Ein kleiner Patient auf der Krebsstation ist ein großer Fan von dir, und dein Besuch könnte den Jungen aufrichten.“
Obwohl Mack bei der Sache ein ungutes Gefühl hatte, griff er nach dem Zettel. Mochte Destiny auch Hintergedanken haben, eine solche Bitte konnte er ihr nicht abschlagen, und das wusste sie auch, denn sie hatte ihren drei Neffen Verantwortungsgefühl beigebracht. Außerdem kannte Mack solche Bitten, auf Grund seiner Popularität als Football-Spieler wurden öfters derartige Wünsche an ihn herangetragen.
„In zwei Stunden habe ich einen Termin“, sagte er nach einem Blick auf die Uhr. „Aber auf dem Weg dorthin fahre ich beim Krankenhaus vorbei.“
„Vielen Dank, mein Lieber. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann. Darum habe ich Dr. Browning auch versichert, du würdest hinkommen. Ich habe gesagt, dass die anderen Anfragen bestimmt nur verloren gegangen seien.“
„Es gab schon früher Anfragen?“
„Mehrere, soweit ich informiert bin. Zuletzt blieb nur noch ich als Vermittlerin übrig.“
Er nickte. Jetzt hatte er seine Tante nicht mehr im Verdacht, etwas ausgeheckt zu haben. „Ich kümmere mich darum. Die Mitarbeiter bei uns wissen, dass ich solche Besuche so oft wie möglich mache, vor allem bei Kindern.“
„Wichtig ist, dass du ins Krankenhaus gehst“, meinte Destiny. „Ich werde für den Jungen beten, und am Sonntag kannst du mir dann alles erzählen. Vielleicht können wir ja noch mehr für ihn tun.“
Mack gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Eigentlich solltest du an meiner Stelle hingehen. Mit deiner positiven Lebenseinstellung kannst du jeden aufheitern.“
„Das hast du sehr nett gesagt, Mack“, erwiderte sie überrascht. „Jetzt verstehe ich, wieso du bei Frauen so gut ankommst.“
Mack hätte ihr erklären können, dass er nicht wegen seiner sprachlichen Fähigkeiten bei Frauen Erfolg hatte. Es gab jedoch Dinge, über die ein Mann nicht mit seiner Tante sprach. Sollte sie doch glauben, er würde seine Beliebtheit beim anderen Geschlecht dem Umstand verdanken, dass er ein netter Kerl war. Damit ersparte er sich so manche scharfe Lektion.
„Es ist doch nur ein Spiel“, bemerkte die Onkologin Beth Browning und handelte sich dafür geringschätzige Blicke von ihren männlichen Kollegen des Kinderkrankenhauses für Krebspatienten ein. „Und gespielt wird es von erwachsenen Männern, die ihr Gehirn und nicht ihre Muskeln einsetzen sollten – vorausgesetzt natürlich, ihr Gehirn funktioniert überhaupt noch“, fügte sie in scharfem Ton hinzu.
„Wir sprechen hier über Profi-Football“, empörte sich der Radiologe Jason Morgan, als hätte sie etwas Unmögliches gesagt. „Es geht um Sieg oder Niederlage, und das ist Sinnbild für den Triumph des Guten über das Böse.“
„Die Chirurgen sehen das aber bestimmt anders“, entgegnete Beth, „wenn sie nach einem Samstagsspiel die gebrochenen Knochen eines Jugendlichen flicken müssen.“
„Verletzungen gehören nun mal zum Football“, verteidigte der Orthopäde Hal Watkins die männliche Position.
„Und sie füllen deine Station“, bemerkte Beth spöttisch.
„Das ist unfair“, widersprach er. „Niemand möchte, dass sich Jugendliche verletzen.“
„Also haltet sie vom Spielfeld fern“, schlug Beth vor.
Jason sah sie betroffen an. „Und wer soll dann im Profisport spielen?“
„Ist das denn überhaupt nötig?“ Beth lief bei dem Thema zu Höchstform auf. Sie hatte gelesen, dass Mack Carlton vom gefeierten Quarterback zum Miteigentümer des Teams aufgestiegen war. Dabei hatte er einen Abschluss im Fach Jura. Welche Verschwendung von Fähigkeiten!
„Football ist unbedingt nötig“, erwiderte Hal auf ihre Frage.
„Es ist ein Spiel, nicht mehr und nicht weniger.“ Beth wandte sich an Peyton Lang, den Hämatologen, der bisher geschwiegen hatte. „Was meinst du?“
„Zieh mich da nicht mit hinein“, wehrte er ab. „Football interessiert mich nicht sonderlich, aber ich habe auch nichts dagegen, wenn andere das Spiel unterhaltsam finden.“
„Kommt es euch denn nicht kindisch vor, dass dermaßen viel Zeit, Geld und Energie für den Gewinn eines albernen Titels verschwendet werden?“, fragte Beth.
„Aber wer den Siegertitel gewinnt, der regiert!“, behauptete Jason.
„Und was?“, fragte Beth.
„Die Welt.“
„Mir ist nicht bekannt, dass Football in weiten Teilen der Welt gespielt wird. Seien wir doch ehrlich“, fuhr Beth angriffslustig fort, „in dieser Stadt geht es nur darum, dass ein reicher Typ die besten Spieler kauft, damit er an Sonntagnachmittagen etwas hat, das ihn interessiert. Hätte dieser Mack Carlton ein erfülltes Leben, eine Familie oder irgendeine wirklich wichtige Beschäftigung, würde er sein Geld nicht für eine Football-Mannschaft verschwenden.“
An Stelle der empörten Proteste, mit denen Beth fest gerechnet hatte, sahen die Kollegen in der Cafeteria sie höchst merkwürdig an.
„Möchtest du das nicht lieber zurücknehmen?“, fragte Jason beschwörend.
„Warum sollte ich das tun?“
„Weil du zu Beginn der Diskussion erwähnt hast, du hättest versucht, Mack Carlton für einen Besuch bei Tony Vitale zu gewinnen“, fuhr Jason fort. „Der Junge ist verrückt nach ihm. Und du warst der Meinung, Macks Besuch könnte ihn aufrichten, nachdem die Chemotherapie nicht angeschlagen hat.“
„Und?“, fragte Beth aufgebracht. „Dieser um seine Mitbürger angeblich so rührend besorgte Football-Held hat es nicht mal für nötig befunden, auf meine Anrufe zu reagieren.“
Jason räusperte sich und deutete hinter sie.
Das darf doch nicht wahr sein, dachte Beth entsetzt, als sie sich umdrehte und vor sich einen hoch gewachsenen, breitschultrigen Mann in einem maßgeschneiderten Anzug sah. Unter seinem rechten Auge hatte er eine kleine Narbe, die sein gutes Aussehen allerdings nicht beeinträchtigte, sondern die anziehende Ausstrahlung des Gesichts eher noch verstärkte und die Aufmerksamkeit auf die dunklen Augen lenkte. Der Blick aus diesen Augen war so faszinierend, dass Beth unwillkürlich den Atem anhielt. Alles an ihm verriet Geld, guten Geschmack und Arroganz, abgesehen vielleicht von dem etwas zerzausten Haar.
„Dr. Browning?“, fragte er so ungläubig, dass er vermutlich mit einer älteren, vor allem aber männlichen Person gerechnet hatte.
Trotz des geradezu beleidigenden Tonfalls verschlug der Klang seiner Stimme Beth vollständig die Sprache. Sie versuchte, sich zu entschuldigen, fand jedoch keine Worte. Niemals hätte sie ihn direkt beleidigt, auch wenn sie Männer verachtete, die ihr Geld für Sport ausgaben, anstatt damit anderen Menschen zu helfen.
„Sie steht Ihnen zur Verfügung, sobald sie wieder aus dem Fettnäpfchen kommt, in das sie getreten ist“, bemerkte Jason und lockerte damit die Spannung.
Beth war dem Radiologen unendlich dankbar. Jetzt gelang es ihr, aufzustehen und Mack Carlton die Hand zu reichen. „Mr. Carlton, ich habe nicht mit Ihnen gerechnet.“
„Offenbar nicht“, entgegnete er und lächelte. „Meine Tante hat mir erzählt, dass Sie Probleme hatten, mich zu erreichen. Meine Mitarbeiter hätten Sie nicht abweisen dürfen. Dafür möchte ich mich in aller Form entschuldigen.“
Beth hatte gelesen, dass er ein Herzensbrecher war, und jetzt erlebte sie das am eigenen Leib. Sein Blick machte sie sprachlos, und sein Lächeln setzte sie geradezu in Flammen. Dazu kam, dass die Entschuldigung aufrichtig klang, und somit musste sie auch den ersten Eindruck von ihm revidieren. Bisher hatte sie noch nie so heftig auf einen Mann reagiert, und das gefiel ihr gar nicht.
„Würden Sie …“ Ärgerlich, weil sie noch immer nicht klar denken konnte, holte sie tief Luft und machte einen weiteren Anlauf. „Möchten Sie eine Tasse Kaffee?“
„Ich stehe unter Termindruck, aber da ich ohnehin in der Nähe zu tun habe, wollte ich Ihnen sagen, dass ich Ihre Anrufe nicht absichtlich abgeblockt habe. Und ich wollte mich erkundigen, ob ein Besuch bei Tony vielleicht jetzt möglich wäre.“
„Natürlich“, erwiderte sie hastig, obwohl die offizielle Besuchszeit erst später begann. In diesem Fall brach sie die Regeln gern. „Ich begleite Sie zu ihm. Er wird begeistert sein.“
Als Jason sich räusperte und ihr einen beschwörenden Blick zuwarf, begriff Beth, dass ihre Kollegen diesem Football-Helden vorgestellt werden wollten. Sie konnte kaum glauben, dass erwachsene Männer genau wie ihr zwölf Jahre alter Patient von Mack Carlton schwärmten, aber sie nahm sich die Zeit und machte die Männer miteinander bekannt. Erst als ihre Kollegen ansetzten, über alle großen Spiele des Besuchers zu reden, griff sie ein.
„Ihr würdet wahrscheinlich gern für den Rest des Tages über Football sprechen, aber Mr. Carlton ist wegen Tony hier“, erklärte sie entschieden.
Mack Carlton schenkte ihr erneut ein umwerfendes Lächeln. Vermutlich konnte so ein Lächeln Eis zum Schmelzen bringen. „Außerdem langweilen wir Dr. Browning vermutlich entsetzlich.“
Zum Glück erkannte sie gerade noch das drohende zweite Fettnäpfchen. Sie wollte ihn keineswegs erneut beleidigen, indem sie ihm recht gab, aber sie log auch nicht. Darum lächelte sie und sagte bloß: „Sie haben von Zeitdruck gesprochen.“
„Das stimmt“, bestätigte er. „Übernehmen Sie die Führung, Dr. Browning“, bat er sie charmant.
Erleichtert steuerte sie die Station an, auf welcher der zwölfjährige Tony bereits einen großen Teil seines Lebens verbracht hatte.
„Erzählen Sie mir etwas über Tony“, bat Mack unterwegs.
„Er ist zwölf und leidet an Leukämie“, erwiderte sie und hatte Mühe, ruhig zu bleiben. „Inzwischen ist es schon sein dritter Aufenthalt bei uns, aber dieses Mal reagiert er nicht gut auf die Chemotherapie. Wir hatten gehofft, ihn für eine Knochenmarktransplantation vorbereiten zu können, aber wir haben noch keinen geeigneten Spender gefunden. Wegen der Schwierigkeiten mit der Chemotherapie käme allerdings eine Transplantation wahrscheinlich sowieso nicht sofort infrage.“
Mack hörte ihr aufmerksam zu. „Wie lautet die Prognose?“
„Nicht gut“, erwiderte sie knapp.
„Und das nehmen Sie persönlich“, stellte er fest.
Beth schüttelte den Kopf. „Ich weiß, dass ich nicht jeden Kampf gewinnen kann.“ Die gleiche Antwort hatte sie am Vortag dem Psychologen gegeben, der sich besorgt über ihre seelische Verfassung geäußert hatte. Nur wenige Leute wussten, wie persönlich sie Fälle wie den von Tony nahm, und es überraschte sie, dass Mack Carlton es sofort gemerkt hatte.
„Aber Sie verlieren nicht gern“, konstatierte Mack.
„Natürlich nicht, wenn es um Leben und Tod geht“, erwiderte sie heftig. „Ich habe Medizin studiert, um Leben zu retten.“
„Warum?“ Bevor sie antworten konnte, fügte er hinzu: „Es ist ein sehr ehrenwerter Beruf, aber es ist sicher nur schwer zu ertragen, ständig mit todkranken Kindern zu tun zu haben. Warum nehmen Sie das auf sich? Wieso arbeiten Sie gerade auf diesem Gebiet?“
„Ich habe mich schon früh dafür interessiert“, antwortete sie ausweichend, obwohl er an ihrer Antwort ehrlich interessiert zu sein schien.
„Und warum?“, hakte er nach.
„Wieso spielt das für Sie eine Rolle?“
Er ließ sie nicht aus den Augen. „Weil es für Sie offenbar eine Rolle spielt.“
Erneut überraschte sie sein Einfühlungsvermögen. Es war klar, dass er sich nicht abweisen ließ. „Also gut, in Kurzfassung: Ich war zehn, als mein älterer Bruder an Leukämie starb. Damals habe ich mir vorgenommen, Kinder wie ihn zu retten.“
Mack nickte. „Wie ich schon sagte, Sie nehmen alles sehr persönlich.“
„Ja, das stimmt“, räumte sie ein.
„Und wie lange werden Sie durchhalten, wenn Sie sich jeden Fall zu Herzen nehmen?“
„So lange wie nötig“, gab sie entschieden zurück. „Ich betreue nur wenige Patienten. Überwiegend beschäftige ich mich mit Forschung, und unsere Behandlungsmethoden verbessern sich ständig.“
„Aber bei Tony schlagen sie nicht an“, erinnerte Mack.
„Nein, zumindest noch nicht“, bestätigte sie leise und hielt eisern die Tränen zurück. „Trotzdem werden wir auch diesen Kampf gewinnen.“
„Ja, das glaube ich Ihnen“, entgegnete er und warf ihr einen bewundernden Blick zu. „Wird denn mein Besuch dem Jungen wirklich helfen?“
„Es wird ihm Kraft geben. In letzter Zeit war er ziemlich niedergeschlagen, und manchmal ist die beste Medizin, wenn es uns gelingt, unsere Patienten seelisch aufzurichten. Wir müssen verhindern, dass Tony sich selbst aufgibt oder das Vertrauen zu uns verliert.“
„Gut, dann gehen wir jetzt zu ihm und reden über Football.“ Mit einem breiten Lächeln fügte Mack hinzu: „Vermutlich werden Sie nur wenig dazu sagen.“
Beth musste trotz allem lachen und mochte Mack mehr, als sie ursprünglich erwartet hätte. Wenn jemand Humor besaß, konnte sie ihm vieles verzeihen. „Nein, Bedeutendes werde ich nicht beisteuern.“
Schlagartig wurde er wieder ernst. „Ich arbeite zwar nicht als Arzt oder Wissenschaftler, aber ich möchte nicht, dass Sie vor dem Jungen geringschätzig über meine Tätigkeit sprechen. Ihm bedeutet Football etwas.“
„Mr. Carlton“, versicherte sie, „ich werde auf jegliche Bemerkung verzichten. Hier geht es nur um Tony.“
„Nennen Sie mich Mack“, bat er amüsiert. „Das machen alle meine Fans.“
„Ich gehöre aber nicht zu Ihren Fans.“
„Abwarten. Vielleicht werden Sie noch einer.“
Beth seufzte lautlos, weil er durchaus recht haben konnte. Dabei brauchte dieser Mack Carlton bestimmt nicht noch einen weiteren Erfolg in seinem Leben. Ständig tauchten in Klatschberichten die Namen von Frauen auf, die sich damit brüsteten, zu seinem Leben zu gehören. Nur selten wurde jedoch eine von ihnen zwei Mal erwähnt, und Beth hatte keine Lust, sich in diese große Schar von Bewunderinnen einzureihen.
„An Ihrer Stelle würde ich nicht darauf warten, Mr. Carlton. Wichtig ist nur, dass Tony Sie bewundert, und das steht schon jetzt fest.“
„Trotzdem hätte ich nichts gegen den Hauch einer Andeutung von Anerkennung durch Sie“, entgegnete er und sah ihr dabei tief in die Augen.
Obwohl er eindeutig versuchte, sie aus der Ruhe zu bringen, konnte Beth sich seiner Wirkung nicht entziehen. Gleichzeitig ärgerte sie sich darüber. „Warum? Müssen Sie jede Frau, der Sie begegnen, für sich gewinnen?“
Er zögerte einen Moment. „Wie gut kennen Sie eigentlich meine Tante?“, fragte er dann unvermittelt.
„Ihre Tante?“
„Destiny Carlton, die Frau, mit der Sie sich in Verbindung gesetzt haben und die mich zu diesem Besuch gedrängt hat.“
Beth schüttelte den Kopf. „Ich kenne sie gar nicht, obwohl mir der Namen bekannt vorkommt. Wenn ich mich nicht irre, treibt sie viel Geld für das Krankenhaus auf, aber gesprochen habe ich noch nie mit ihr.“
„Sie kennen Sie tatsächlich nicht?“, vergewisserte er sich erstaunt.
„Nein.“
„Und Sie haben sie auch nicht angerufen?“
„Nein. Wieso fragen Sie?“
Sichtlich verwirrt schüttelte er den Kopf. „Ach, nicht weiter wichtig.“
Trotzdem hatte Beth den Eindruck, dass es irgendwie wichtig war, auch wenn sie sich den Grund nicht vorstellen konnte.
Vor der Tür von Tony Vitales Zimmer stellte Mack sich auf den Anblick ein, der ihn da drinnen erwartete – ein blasses Kind, vielleicht ohne Haar und mit unnatürlich groß wirkenden Augen. Zu oft schon war er damit konfrontiert gewesen, jedes Mal schnürte es ihm die Kehle zu, und noch heute fiel es ihm schwer, sich unter Kontrolle zu halten.
„Alles in Ordnung?“, fragte Beth besorgt. „Sie werden doch nicht umkippen?“
„Wohl kaum“, wehrte er ab.
„Sie wären nicht der erste Mann, der den Anblick eines schwer kranken Kindes nicht erträgt.“
„Ich bin nicht zum ersten Mal hier.“
Sie sah ihn verständnisvoll an. „Beim ersten Mal ist es immer am härtesten. Danach wird es leichter.“
„Das bezweifle ich“, entgegnete er.
„Bereit?“
Mack nickte.
Beth stieß die Tür auf und lächelte scheinbar völlig unbefangen. „Hallo, Tony!“, rief sie fröhlich, „ich habe eine Überraschung für dich.“
„Eiscreme?“, fragte eine schwache Stimme.
„Viel besser“, erwiderte sie und wich zur Seite, damit Mack eintreten konnte.
Er bewunderte ihre schauspielerischen Fähigkeiten, lächelte aufmunternd und betrat den Raum.
Der Junge, der zwischen Kissen und Plüschtieren lag, trug ein viel zu großes Football-Hemd mit Macks alter Nummer darauf und hielt einen Football gegen die schmale Brust gedrückt. Als er Mack erblickte, versuchte er, sich aufzusetzen, und einen Moment lang leuchtete Freude aus seinen hohlen Augen, ehe er wieder schwach in die Kissen zurücksank.
„Mighty Mack“, flüsterte er ungläubig. „Sie sind wirklich hier!“
„Na klar, wenn mich eine hübsche Ärztin anruft, weil mein größter Fan im Krankenhaus ist, muss ich doch herkommen“, erwiderte Mack.
Tony nickte eifrig. „Ich bin wirklich Ihr größter Fan. Ich habe Kassetten von jedem Spiel, das Sie gespielt haben.“
„So viele können das nicht sein. Meine Karriere war ziemlich kurz.“
„Aber Sie waren toll! Der Allerbeste!“
Mack wandte sich an die Ärztin. „Haben Sie das gehört?“
„Er ist wirklich der Beste“, versicherte Tony. „Da können Sie jeden fragen.“
„Wie wäre es, wenn ich auf deinem Football unterschreibe?“, fragte Mack den Jungen.
„Das wäre toll! Wenn meine Mom heute Abend herkommt, wird sie begeistert sein. Sie hat sich die Bänder unzählige Male angesehen. Bestimmt ist sie die einzige Mom in der ganzen Stadt, die alles über Sie weiß.“
Mack registrierte, dass es im Leben des Jungen offenbar keinen Vater gab. Er fasste in seine Jackentasche und zog eine wertvolle Football-Eintrittskarte aus seiner Anfangszeit hervor. „Soll ich die hier für dich oder für deine Mom unterschreiben?“
„Oh Mann! Diese Karte habe ich im Internet gesehen, aber die war viel zu teuer für mich“, sagte Tony und fügte großzügig hinzu: „Unterschreiben Sie für meine Mom. Dann kann sie die Karte allen ihren Kollegen und Kolleginnen bei der Arbeit zeigen, und wahrscheinlich wird sie die Karte einrahmen und auf ihren Schreibtisch stellen.“
„In Ordnung“, sagte Mack lächelnd. „Bei meinem nächsten Besuch bringe ich dir auch eine Karte mit. Ich treibe bestimmt noch eine aus meiner letzten Spielsaison auf, und die ist noch wertvoller als diese hier, vor allem mit Unterschrift.“
„Sie kommen wieder?“, fragte Tony ungläubig. „Wirklich? Können wir dann über die Spieler reden, die Sie für diese Saison verpflichten wollen? Diesen neuen Verteidiger Lineman brauchen wir unbedingt.“
„Wem sagst du das!“
„Hat er schon unterschrieben?“
„Bisher nicht“, verriet Mack lächelnd. „Wir verhandeln noch.“
„Er wird unterschreiben“, behauptete Tony zuversichtlich. „Jeder will doch für Ihr Team spielen. Ich verstehe nur nicht, warum Sie sich nicht diesen Supertyp von Ohio State geholt haben.“
„Beim nächsten Mal erkläre ich dir, wie unsere Finanzen mit den gezahlten Löhnen zusammenhängen“, erwiderte Mack lachend.
„Ich kann gar nicht glauben, dass Sie mich wirklich wieder besuchen kommen“, sagte Tony.
„Ich werde dich so oft besuchen, dass du mich bestimmt leid wirst“, versicherte Mack. „Ich unterhalte mich liebend gern mit jemandem, der sich an alle meine guten Spiele erinnert.“
„Und ich erinnere mich genau“, beteuerte Tony. „An jedes einzelne. Das beste Spiel war das gegen die Eagles, bei dem Sie für Ihr Team einen Rekordstand erzielt haben. Dabei haben damals alle gefunden, dass Sie wegen einer Schulterverletzung gar nicht spielen sollten.“
„Das war ein großartiges Spiel“, bestätigte Mack lachend. „Noch heute tut mir die Schulter weh, wenn ich daran denke.“
„Kann ich mir vorstellen!“, rief Tony. „Schon als Sie losgelaufen sind, habe ich zu meiner Mom gesagt, dass Sie auf keinen Fall einen Pass versuchen werden.“
„Aber zu deiner Information“, gestand Mack, „ich hätte wirklich nicht auf dem Spielfeld sein sollen. Es hätte uns den Sieg kosten können.“
„Hat es aber nicht, sondern Sie haben den Sieg errungen“, widersprach Tony.
Mack lächelte, weil der Junge dermaßen eisern zu ihm stand. „Schade, dass du damals nicht mit dem Trainer gesprochen hast. Er hätte mich wegen dieses Spiels beinahe beim folgenden Match auf die Reservebank verbannt.“
„Wirklich?“, fragte Tony ungläubig. „Das ist aber nicht fair.“
Mack fiel auf, dass der Junge trotz der Freude blasser geworden war. Und Beth betrachtete ihn sichtlich besorgt. Es war höchste Zeit, sich zu verabschieden.
„Hör mal, Tony, ich habe jetzt einen Termin, und du solltest dich ausruhen. Beim nächsten Mal können wir vielleicht unten in der Cafeteria eine heiße Schokolade trinken. Die soll gut sein.“
„Wirklich?“ Tonys Stimme wurde leiser, als würde er schon einschlafen.
„Wenn Dr. Browning einverstanden ist“, schränkte Mack ein.
„Kein Problem“, entgegnete Beth, wirkte jedoch nicht begeistert.
Mack griff nach Tonys schmaler Hand und drückte sie behutsam. „Pass gut auf dich auf, mein Junge.“ Als er wieder losließ, schlief Tony bereits.
Auf dem Korridor fragte Beth zornig: „Warum haben Sie das getan?“
„Was denn?“ Diese plötzliche unverhohlene Abneigung verwirrte ihn. Er hatte das Gefühl, der Besuch wäre gut verlaufen, und er hatte Tony zumindest vorübergehend von der Krankheit abgelenkt. Deshalb war er schließlich hergekommen.
„Warum haben Sie gesagt, dass Sie ihn wieder besuchen werden?“, fragte sie.
Es ärgerte ihn, dass sie andeutete, er würde ein gegebenes Versprechen nicht halten. „Weil der Junge offenbar keinen Vater hat und jemanden braucht, der ihn unterstützt. Stört Sie das etwa?“
„Tony ist nicht allein. Seine Mutter kümmert sich großartig um ihn.“
„Das ist ja gut“, entgegnete Mack, „aber jetzt hat er auch mich.“
Beth stockte einen Moment. „Sie meinen es tatsächlich ernst?“
„Ja, natürlich.“
„Warum?“
„Weil ich weiß, wie es ist, ohne Vater aufzuwachsen“, erwiderte er aufrichtig. „Das war schon für mich schlimm genug. Noch viel schlimmer ist es, wenn man dann auch noch krank ist. Wenn ich durch Besuche helfen kann, werde ich das tun. Einwände, Dr. Browning?“
Sie zögerte, ehe sie den Kopf schüttelte. „Nein, sofern Sie ihn nicht enttäuschen.“
„Kümmern Sie sich um seine Behandlung, Dr. Browning, und ich liefere ihm einige zusätzliche Gründe, am Leben zu bleiben.“
Mit diesen Worten drehte er sich um und ging weg. Tonys Lage bedrückte ihn, und er ärgerte sich über die Reaktion der Ärztin, weil sie an seinen guten Absichten zweifelte. Darum dachte er erst während der Fahrt wieder daran, dass Beth angeblich nie mit Destiny gesprochen hatte. Stimmte das? Aber weshalb hätte sie lügen sollen?
Destiny dagegen war einer Lüge garantiert nicht abgeneigt, wenn sie wieder mal Kupplerin spielte. Diese Dr. Browning war hübsch, klug und ernsthaft, und das nährte Macks Misstrauen. Destiny hatte nicht erwähnt, dass Dr. Browning eine Frau war – ein guter Grund, auf der Hut zu sein.
Von unterwegs rief er seine Tante über Handy an.
„Ich habe nicht damit gerechnet, schon so bald wieder von dir zu hören, mein Lieber“, flötete sie. „Wie war es im Krankenhaus? Hast du mit dem kleinen Tony gesprochen?“
„Ja. Es geht ihm schlecht.“
„Dann hat ihm dein Besuch bestimmt viel bedeutet. Ich bin stolz auf dich, weil du dir Zeit dafür genommen hast.“
„Das war das Mindeste, was ich tun konnte.“ War es klug, seiner Tante Fragen wegen Dr. Beth Browning zu stellen? Womöglich deutete sie dann zu viel in die Fragen hinein. Hatte sie ihn und die Ärztin absichtlich zusammengeführt? Wenn ja, sollte sie erfahren, dass diese Frau nicht infrage kam, schon weil sie Football nicht mochte. Und auch, weil sie nicht verstand, dass das Spiel zu seinem Leben gehörte. Außerdem hatte sie ein Vorurteil gegen ihn.
„Übrigens, deine Dr. Browning ist kein Football-Fan“, bemerkte er.
„Ach nein?“, entgegnete Destiny.
„Hast du das nicht gewusst?“, hakte er nach.
„Woher sollte ich?“
„Du hast behauptet, du hättest mit ihr gesprochen.“
„Habe ich das? Also, eigentlich hat deine Sekretärin alle Nachrichten weitergegeben.“
Aha, jetzt brachte sie Teile ihrer Geschichte durcheinander. Mack war sicher, auf etwas gestoßen zu sein. „Destiny, es sieht dir nicht ähnlich zu vergessen, was du jemandem gesagt hast. Was steckt denn nun wirklich dahinter?“
„Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du redest. Ich habe dich lediglich um eine gute Tat gebeten, und du hast diese Bitte erfüllt. Ende der Geschichte, nicht wahr?“ Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Oder findest du Dr. Browning etwa attraktiv?“
„Auf ihre schlichte Weise ist sie schon attraktiv“, räumte er großzügig ein. Die Ärztin hatte nette, warm wirkende Augen, hellblondes kinnlanges Haar und eine schöne Haut, betonte jedoch ihre Weiblichkeit praktisch kaum. Darum verstand er auch nicht, wieso er sich zu ihr hingezogen fühlte. Vielleicht lag das an der Herausforderung, die sie für ihn darstellte.
„Mack, habe ich dir nicht beigebracht, dass es bei einer Frau nicht auf die Verpackung ankommt?“, tadelte Destiny.
„Du hast es zumindest versucht“, bestätigte er lachend.
„Dann solltest du dich an diese Lektion erinnern, weil sie wichtig und vernünftig war.“
„Ich werde mich bemühen.“
„Wenn es sonst nichts gibt, Mack, muss ich jetzt Schluss machen. Ich habe unendlich viel zu tun, bevor mein Gast zum Abendessen kommt.“
„Jemand, den ich kenne?“ Vielleicht ließ seine Tante ihn in Ruhe, wenn sie ihr eigenes Leben führte.
„Nein, nur jemand, den ich kürzlich kennen gelernt habe.“
„Ein Mann?“, erkundigte er sich.
„Wenn du es unbedingt wissen musst, nein.“
„Schade. Ich könnte dir jederzeit einige interessante Junggesellen vorstellen. Du müsstest nur ein Wort sagen.“
„Die meisten Männer, die du kennst, sind halb so alt wie ich“, wehrte Destiny lachend ab. „Das wäre nichts für mich. Es gibt kaum etwas Schlimmeres als eine alte Frau, die auf jung macht.“
„Ich kenne etliche wohlhabende und einflussreiche Männer mit eigenen Firmen“, entgegnete Mack. „Obwohl ich wirklich finde, ein Mann meines Alters könnte dich wesentlich faszinierender und herausfordernder finden als die Frau, mit der er zurzeit zusammen ist.“
„Ja, das sind deine üblichen Schmeicheleien“, erwiderte sie lachend. „Danke, mein Lieber, aber ich muss jetzt wirklich etwas tun.“
Mack verabschiedete sich und ließ sich alles noch ein Mal durch den Kopf gehen. Hatte Destiny nun zugegeben, Beth zu kennen, oder nicht? Bei seiner Tante war es besser, er wusste Bescheid, damit er sich wappnen konnte.
Beth betrachtete Destiny Carlton, die ihr am Esstisch gegenübersaß. Nach Macks Besuch hatte sie in ihrem Büro völlig überraschend eine Einladung seiner Tante zum Abendessen vorgefunden, und aus Neugierde hatte sie angerufen. Vielleicht erfuhr sie jetzt, warum Mack ziemlich sicher gewesen war, sie würde seine Tante kennen.
Bisher hatten sie und Destiny Carlton nur belanglos geplaudert, und Beth wurde allmählich ungeduldig. „Verzeihen Sie, wenn ich so direkt bin, Miss Carlton, aber warum haben sie mich eigentlich eingeladen?“, erkundigte sie sich schließlich.
„Auf diese Frage habe ich schon gewartet“, entgegnete Destiny fröhlich. „Ich habe gehört, dass Sie immer ganz geradeheraus sind.“
„Ach ja?“ Beth war überzeugt, dass Mack noch keine Zeit gefunden hatte, mit seiner Tante über sie zu sprechen.
„Sie brauchen nicht so besorgt zu gucken“, fuhr Destiny fort. „Wie Sie bestimmt wissen, treibe ich oft Spenden für das Krankenhaus auf, und ich erfahre bei solchen Gelegenheiten von neuen aufstrebenden Sternen unter der Ärzteschaft oder auch in der Forschungsabteilung. Ihr Name wurde in den letzten Monaten häufig genannt. Als ich von Ihren Versuchen erfuhr, sich mit meinem Neffen in Kontakt zu setzen, fand ich, dass wir uns kennen lernen sollten.“
„Verstehe“, meinte Beth, obwohl das nicht ganz stimmte. „Wollen Sie denn die Forschungsarbeit des Krankenhauses unterstützen?“
„Sicher, aber in diesem speziellen Fall hat mein Interesse mehr mit Mack zu tun. Was halten Sie von ihm?“
„Ich weiß nicht so recht, wie Sie das meinen“, erwiderte Beth vorsichtig.
„Ach, kommen Sie, meine Liebe“, sagte Destiny amüsiert. „Alle loben Sie als hervorragende und kluge Ärztin. Bestimmt können Sie sich denken, was ich meine.“
„Eigentlich nicht“, erwiderte Beth, weil ihr der Kurs nicht gefiel, den Destiny ganz offensichtlich einschlug.
„Für gewöhnlich schmelzen Frauen dahin, wenn sie Mack kennen lernen“, behauptete Destiny.
„Das glaube ich gerne.“ Beth hatte allerdings nicht die Absicht, zu diesen Frauen zu gehören. Sie hatte keine Zeit für einen Mann, der nichts ernst nahm. Doch im selben Moment erinnerte sie sich daran, wie ernst Mack Tonys Lage an diesem Morgen genommen hatte. Vielleicht war er doch kein solcher Leichtfuß, wie sie angenommen hatte. Aber ihr Typ war er trotzdem nicht.
Dabei hatte sie gar keinen Typ, zumindest nicht mehr, seit sie herausgefunden hatte, dass Männer, die sich – wie sie – der Medizin verschrieben hatten, keine Konkurrenz durch eine Frau duldeten.
Aus diesem Grund hatte sie ihren Verlobten verloren. Ihr Team hatte sich um dieselben Fördermittel beworben, die Thomas haben wollte. Ihr war das Budget zugeschlagen worden, und das war ihm völlig gegen den Strich gegangen. Sie hatte ihn verloren, und darüber hinaus war ihr einen Monat später das Geld wieder entzogen worden, weil Thomas hässliche Gerüchte über ihre Forschungsmethoden in die Welt gesetzt hatte. Diese Gemeinheit war noch schwerer zu ertragen gewesen als die Trennung, doch sie hatte daraus gelernt, Beruf und Privatleben nie zu vermischen.
„Mack hat Sie beeindruckt“, stellte Destiny fest.
Jetzt befand Beth sich auf gefährlichem Terrain. Es war schon schlimm genug, dass sie ihn persönlich beleidigt hatte. Aber seine Tante verschaffte dem Krankenhaus Millionen und hing an Mack. Beth musste sich also hüten, nicht auch ihr gegenüber schlecht von ihm zu sprechen.
„Ich war nur kurz mit ihm zusammen“, erwiderte Beth ausweichend.
„Sehr diplomatisch“, bemerkte Destiny vergnügt. „So etwas schätze ich.“
„Versuchen Sie, mich mit Ihrem Neffen zu verkuppeln?“, fragte Beth freiheraus.
Destiny riss ihre blauen Augen weit auf und bot ein Bild der Unschuld. „Wie sollte ich denn bloß? Sie sind bereits mit Mack zusammengetroffen. Entweder hat es dabei gefunkt oder eben nicht. Bestimmt verstehen Sie von Chemie genauso viel wie ich, vermutlich sogar noch viel mehr.“
„Von einigen Formen der Chemie allerdings“, bestätigte Beth lachend. „Die Chemie zwischen Mann und Frau gehört jedoch nicht zu meinem Fachgebiet.“
„Mein Neffe ist auf diesem Gebiet ein hervorragender Lehrer“, bemerkte Destiny viel sagend.
„Danke, kein Bedarf.“ Beth lächelte über die Entschlossenheit dieser Frau. „Weiß Mack eigentlich, dass Sie hinter seinem Rücken versuchen, ihn zu verkuppeln?“
„Wie ich schon sagte, kann ich ihn gar nicht verkuppeln, da er Sie schon kennen gelernt hat. Er und Sie sind erwachsen und durchaus fähig, eigene Entscheidungen zu treffen.“ Destiny schlug einen Ton an, als wäre sie nie auf einen diesbezüglichen Gedanken gekommen.
„Aber Sie wären durchaus bereit, ein wenig nachzuhelfen, nicht wahr?“ Beth erinnerte sich an Macks Vermutung, sie würde seine Tante kennen. „Er hat Sie durchschaut, glaube ich. Er denkt, Sie hätten ihn heute gezielt ins Krankenhaus geschickt, damit er mich dort trifft. Der Besuch bei Tony war nur ein Mittel zum Zweck.“
„Sie haben sich an sein Büro gewandt“, entgegnete Destiny. „Er hat Tony auf Ihre Bitte hin besucht.“
Dem konnte Beth nicht widersprechen. „Hätten Sie sich für diesen Besuch auch so schnell stark gemacht, wäre die Bitte von einem meiner männlichen Kollegen gekommen?“
„Natürlich“, versicherte Destiny. „Es geht doch um ein krankes Kind.“
Beth glaubte ihr nicht unbedingt. „Hören Sie, Miss Carlton …“
„Nennen Sie mich Destiny, bitte.“
„Ich bin Ihnen dankbar für das, was Sie tun, Destiny, aber ich halte die Kuppelei für keine gute Idee. Ich bin nicht interessiert, und Mack ist ebenfalls nicht interessiert. Dabei sollten wir es belassen.“
„Perfekt“, stimmte Destiny zu, ohne im Geringsten enttäuscht zu sein.
„Wie bitte?“
„Das war soeben die perfekte Antwort“, erklärte Destiny. „Sie stellen für ihn eine Herausforderung dar. Das gefällt mir, und vor allem braucht mein Neffe genau das im Leben. Die meisten Frauen sinken viel zu bereitwillig in sein Bett.“
„Ich habe keine Zeit, um die Herausforderung für Ihren Neffen zu spielen“, wehrte Beth nervös ab. Allmählich merkte sie, dass man Destiny Carlton nicht unterschätzen durfte. Diese Frau ließ offensichtlich nicht so schnell locker, wenn sie sich erst mal was in den Kopf gesetzt hatte. Darüber hinaus fand Beth die Vorstellung, in Macks Bett zu sinken, eine Spur zu verlockend.
„Natürlich haben Sie Zeit dafür“, behauptete Destiny zuversichtlich. „Jeder Mensch hat Zeit für die Liebe.“
Liebe? Liebe? Eben war es noch darum gegangen, dass aus Mack und ihr ein Paar werden sollte, und jetzt war auch schon die Rede von Liebe?
„Ich habe eindeutig keine Zeit für Beziehungen, Destiny“, widersprach Beth entschlossen. „Keine einzige Sekunde. Mein Terminkalender ist total ausgebucht. Der Tag hat einfach nicht genug Stunden für die Arbeit, die ich schaffen muss.“
„Sie haben kurzfristig Zeit gefunden, mit mir zu essen“, hielt Destiny ihr vor. „Genauso leicht könnten Sie auch Zeit für Mack finden. Denken Sie daran, wenn er Sie einlädt.“
„Das wird er nicht tun“, entgegnete Beth heftig. „Und sollte er es doch tun, würde ich ablehnen.“ Und zwar energisch! Es war schon schlimm genug, dass sie sich irgendwie zu ihm hingezogen fühlte.
Destiny lächelte noch eine Spur strahlender.
„Hören Sie auf damit“, verlangte Beth, weil sie Destinys Gedanken mühelos erriet. „Ich werde nicht ablehnen, um eine Herausforderung für ihn darzustellen. Ich werde ablehnen, weil ich einfach nicht interessiert bin. Punkt! Daran wird sich nichts ändern. Genug Frauen werden jede Einladung Ihres Neffen gerne annehmen. Außerdem ist es zwischen uns nicht besonders gut gelaufen. Ich habe mich beleidigend über ihn geäußert, und er hat es gehört.“
„Sie haben ihn beleidigt?“, fragte Destiny betroffen.
„Es war nicht für seine Ohren bestimmt“, führte Beth zu ihrer Verteidigung an.
„Trotzdem.“ Destiny schüttelte den Kopf. „Er ist ein guter Mensch.“
„Es ist nur natürlich, dass Sie so denken.“ Beth versuchte, behutsam den Rückzug anzutreten. „Ich habe das eben auch nur erwähnt, damit Sie begreifen, warum er nichts mit mir zu tun haben will.“
„Ach, Mack hat ein dickes Fell. Das braucht er auch, weil er ständig im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht. Er wird Sie einladen, weil er sich von einer kleinen ungewollten Beleidigung nicht aufhalten lässt. Ich bitte Sie lediglich, über eine solche Einladung ein wenig nachzudenken.“
„Warum ausgerechnet ich?“, fragte Beth, weil sie nicht begriff, wieso diese Frau, die sie praktisch nicht kannte, sie unbedingt mit ihrem geliebten Neffen zusammenbringen wollte.
„Das wird Ihnen mit der Zeit bestimmt klar werden“, entgegnete Destiny rätselhaft. „Versprechen Sie mir nur, dass Sie nicht von vornherein alle Türen zuschlagen.“
„Das kann ich nicht versprechen.“ Beth geriet allmählich in Panik. Wahrscheinlich wäre es klug gewesen, die Tür zwischen Mack Carlton und seiner intrigierenden Tante zuzuschlagen.
Andererseits konnte sie sich nicht erinnern, wann sie jemals solche freudig erregte Erwartung verspürt hatte wie jetzt. Und dieser Zustand war nicht unangenehm – aber gefährlich.
Mack Carlton hielt Wort. Wenn Beth spät nachmittags Tonys Zimmer betrat, war er immer da. Wie versprochen war er zu einem Fixpunkt in Tonys Leben geworden, und dafür respektierte sie ihn, auch wenn sie weiterhin auf Distanz achtete.
Manchmal las Mack ein Buch, während der Junge schlief, und dabei wählte er Krimis oder Romane, keine Bücher über Sport. Irgendwann war er völlig in die jüngst erschienene Biografie eines Präsidenten versunken. Dadurch stieg er zusätzlich in Beths Achtung, auch wenn sie keinen Moment vergaß, dass Destiny Carlton im Hintergrund die Fäden zog.
Manchmal waren Tony und Mack in eine hitzige Diskussion über die besten Football-Spieler aller Zeiten vertieft. Mack hörte stets aufmerksam zu, und wenn er nicht Tonys Meinung war, zeigte er das doch so respektvoll, dass Tony vor Stolz richtig strahlte, weil sein Idol ihn ernst nahm.
Gelegentlich widmeten sich die beiden einem der Spiele, die Mack besorgt hatte. Dann hatten sie für Beth kaum einen Blick übrig. Es amüsierte sie, dass Mack sich offenbar genauso sehr wie Tony unterhielt und auch unbedingt gewinnen wollte. Mit zerzaustem Haar, offenem Hemdkragen und voll auf den Bildschirm konzentriert, wirkte Mack außerdem leider eine Spur zu anziehend.
Es überraschte Beth, wie gut Mack merkte, wann Tony erschöpft oder schlechter Stimmung war. Er wusste genau, wann er dem Jungen eine Ruhepause vorschlagen oder ihn ablenken musste. Und er ging stets sehr rasch, wenn Tonys Mutter eintraf, damit Maria Vitale mit ihrem Sohn allein sein konnte.
Als Beth das erste Mal beobachtete, wie Mack auf dem Korridor die verstörte Maria tröstete, achtete sie auf Anzeichen jener Chemie, von der Destiny Carlton bei ihrer Einladung gesprochen hatte. Wäre es um einen anderen Mann gegangen, hätte Beth auf alberne Eifersucht getippt. Bei Mack war das jedoch absurd. Zwischen ihr und dem ehemaligen Football-Star war nichts. Sie interessierte sich lediglich rein wissenschaftlich dafür, wie die Chemie zwischen Mann und Frau wirkte.
Mack war sehr männlich und stand in dem Ruf, schöne Frauen zu schätzen. Maria war eine ausnehmend schöne Frau mit makelloser olivfarbener Haut, einem üppigen Körper und schwarzer Haarpracht. Nur die deutlich zu erkennende Erschöpfung beeinträchtigte ihre Schönheit, doch manche Männer fanden ein solches Anzeichen von Schwäche sogar besonders anziehend. Beth fragte sich unwillkürlich, ob Mack wohl zu diesen Männern gehörte.
Sie entdeckte allerdings nicht das geringste Anzeichen dafür, dass Mack Interesse an der allein erziehenden Mutter hatte. Er tröstete Maria nur mit Worten, er ließ Mutter und Sohn immer gleich allein und kam nach dem Krankenbesuch stets bei Beth vorbei.
Schon nach einer Woche hatte Beth sich an sein Erscheinen bei ihr gewöhnt. Er hatte bisher zwar nicht gezeigt, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte, aber er widmete ihr unerwartet viel Aufmerksamkeit.
Als es jetzt an der Tür ihres Büros in der Nähe des Labors im Forschungstrakt klopfte, warf sie einen Blick auf ihre Uhr. Es war kurz nach sechs, Macks übliche Zeit.
„Ja, bitte!“ Wieso freute sie sich eigentlich so unbändig darauf, ihn zu sehen?
Die Tür wurde geöffnet, und Mack guckte herein. „Beschäftigt?“
Wäre sie klug gewesen, hätte sie Ja gesagt. Diese Kurzbesuche waren schon viel zu selbstverständlich geworden.
„Einige Minuten habe ich Zeit“, erwiderte sie, denn was war schon dabei, die Anwesenheit eines attraktiven Mannes in ihrem Büro zu genießen? Es hatte nichts zu bedeuten, sondern bewies nur, dass sie eine Frau war, und diese Tatsache vergaß sie wegen ihres anstrengenden Berufs leider viel zu oft.
„Reicht es für einen Kaffee?“, fragte er. „Ich könnte einen brauchen. Der Tag war lang, und ich habe um acht noch eine Verabredung zum Abendessen.“
In ihrem Büro fühlte Beth sich sicher. Woanders war sie angreifbarer, selbst wenn Mack sie in einer wenig romantischen Umgebung wie der Cafeteria des Krankenhauses zu einem Kaffee einlud.
Er lächelte, als sie zögerte. „Ich habe bloß einen Kaffee vorgeschlagen, Dr. Browning. Und ich schwöre, dass ich Sie nicht hinter dem Kaffeeautomaten verführen werde.“
„Ich habe bloß überlegt, was ich noch alles erledigen muss, bevor ich hier aufhören kann“, schwindelte sie.
„Wenn Sie noch lange arbeiten müssen, brauchen Sie unbedingt Kaffee“, versicherte er belustigt.
„Sie haben recht.“ Jede andere Antwort hätte unfreundlich und undankbar geklungen. Mack Carlton kam schließlich fast täglich, um einen ihrer Patienten aufzumuntern. Da konnte sie wenigstens eine Tasse Kaffee mit ihm trinken. „Ich lade Sie ein.“
Auf dem Korridor fiel Beth auf, dass die Schwestern ihnen nachblickten und tuschelten. „Wird das nicht allmählich langweilig?“, fragte Beth, als sie erneut an einigen Frauen vorbeigingen, die Mack mit Blicken förmlich verschlangen.
„Was denn?“, fragte er.
„Dass Frauen Sie anstarren, als stünden Sie zum Verkauf.“
„Das fällt mir gar nicht mehr auf“, behauptete er. „Tut mir leid. Stört es Sie? Ich habe nicht daran gedacht, dass es Gerede geben könnte, wenn man Sie mit mir sieht. Möchten Sie vielleicht woanders hingehen?“
„Nein, die Cafeteria ist schon in Ordnung. Mehr Zeit habe ich sowieso nicht.“
„Haben Sie schon gegessen?“, fragte er, als sie sich in die Schlange anstellten.
„Nein, aber ich hole mir später etwas, oder ich nehme mir ein Sandwich ins Büro mit.“
Mack warf einen Blick auf die Tagesangebote. „Es gibt Hackbraten. Den können Sie sich doch nicht entgehen lassen.“
„Ich kenne ihn“, wehrte sie lächelnd ab. „Glauben Sie mir, so etwas haben Sie zu Hause noch nie gegessen.“
„Aha, dann also kein Hackbraten.“ Er ließ den Blick über die Liste der angebotenen Speisen wandern. „Die Salate wirken frisch.“ Bevor Beth ablehnen konnte, schob er zwei Teller mit Salat auf ein Tablett und griff auch nach zwei Schalen Suppe. „Cracker?“
„Gern“, nahm Beth an, „aber haben Sie nicht um acht Uhr eine Verabredung zum Abendessen?“
„Sicher. Es gibt Gummihuhn und jede Menge Geplauder. Wenn ich Glück habe, kann ich zwei oder drei Bissen essen. Glauben Sie mir, das hier ist wesentlich reizvoller, und die Gesellschaft ist tausend Mal besser.“
Obwohl sie es nicht wollte, fühlte sie sich geschmeichelt. Kein Wunder, dass die Frauen Mack anhimmelten. Er hatte einen natürlichen Charme und gab nicht die Plattituden von sich, mit denen sie bei ihm gerechnet hatte.
Nachdem er auch noch Apfelkuchen und Kaffee auf das Tablett gestellt hatte, bestand er darauf, an der Kasse zu bezahlen, und führte Beth in eine der hinteren Ecken des Raums.
„Setzen Sie sich eigentlich immer durch?“, fragte sie, sobald sie an einem Tisch Platz genommen hatten.
„Nein, wieso?“, erwiderte er überrascht.
„Sie haben mich gerade regelrecht überrollt.“
„Ich dachte, Sie wollten sich nur als Dame geben.“
„Und was soll das bedeuten?“ Bestimmt kam gleich eine chauvinistische Bemerkung.
„Meiner Erfahrung nach würden die meisten Frauen lieber verhungern, als einem Mann gegenüber zuzugeben, dass sie hungrig sind. Vielleicht glauben sie, wir Männer würden sofort annehmen, sie könnten fett werden. Ich mag es, wenn eine Frau einen gesunden Appetit zeigt und etwas Fleisch auf den Knochen hat.“
Beth verzichtete auf den Hinweis, dass ihr beides fehlte.
Prüfend betrachtete er sie. „Sie könnten auch einige Pfunde mehr brauchen, Doc“, fügte er dann noch hinzu. „Vielleicht nehmen die Leute Sie ernster, wenn Sie nicht so aussehen, als könnte ein Windstoß Sie umpusten.“
„Die wirklich wichtigen Leute nehmen mich ausreichend ernst“, konterte sie schlagfertig.
„Aber es ist wichtig, genug Vitamine und Mineralien zu sich zu nehmen“, fuhr er fort und stellte das Essen vor sie hin. „Vitamintabletten und Energiedrinks ersetzen niemals gutes Essen.“
Beth hätte sich beinahe an der Suppe verschluckt. Woher wusste er bloß, wie sie sich normalerweise ernährte? „Haben Sie zu den Essenszeiten vor meinem Büro Wache geschoben?“
„Das war nicht nötig. Auf Ihrem Schreibtisch steht eine Großpackung Vitamintabletten, und Ihr Papierkorb quillt über mit leeren Getränkedosen. So werden Sie bestimmt irgendwann krank.“
„Wie sind Sie denn Ernährungsexperte geworden?“, fragte sie gereizt, weil er recht hatte, sie das aber nicht zugeben wollte.
„Destiny hat uns die Grundregeln beigebracht, und den Rest habe ich in meiner aktiven Zeit von den Sportärzten gelernt“, erklärte er. „Nahrungsmittel wirken wie Treibstoff, und ohne den richtigen Treibstoff funktioniert der Körper nicht lange gut.“
„Ich werde es mir merken“, erwiderte sie trocken.
„Das sollten Sie auch“, sagte er ernst. „Tony und viele andere Kinder und Jugendliche zählen auf Sie. Wenn Sie selbst krank werden, können Sie niemandem helfen.“
„Kein Widerspruch“, erklärte sie und nahm einen Bissen von dem Salat, um ihre Worte zu unterstreichen.
„Wie geht es Tony“, erkundigte Mack sich nach einer Weile. „Hat sich etwas geändert?“
„Vermutlich ist Ihnen schon aufgefallen, dass er mit jedem Tag schwächer wird. Wir bemühen uns, ihn wieder aufzubauen, um erneut eine Chemotherapie durchführen zu können, aber nichts hilft“, gestand sie frustriert. „Vielleicht könnten Sie ein ernährungstechnisches Wunder bewirken. Er isst nämlich nicht.“
„Ich kümmere mich darum“, versprach Mack. „Gibt es etwas, was er nicht essen darf?“
„Nein.“
„Und ich verstoße gegen keine Regeln, wenn ich Essen mitbringe?“
„Ich rette Sie vor der Lebensmittelpolizei, wenn Sie ihn bloß zum Essen bringen“, versprach Beth.
„Dann habe ich schon eine Idee, wie man einem Zwölfjährigen Appetit macht, und ich kann ihm den gleichen Vortrag über Treibstoff für den Körper halten, den Sie soeben gehört haben.“
„Danke“, sagte sie aufrichtig. „Im Moment hört er eher auf Sie als auf mich.“
„So ist das eben unter Männern“, bemerkte Mack lächelnd. „Vielleicht muss ich darauf bestehen, dass Sie mit uns Pizza oder Pommes essen. Kinder brauchen stets ein Vorbild.“
„Wollen Sie mich mästen?“, fragte sie lachend.
„Nur ein wenig.“
„Die Frauen, die ich bisher in Ihrer Begleitung gesehen habe, waren dünn wie Models.“
„Glauben Sie nicht alles, was Sie aus Zeitungen haben, Doc“, warnte er.
„Wollen Sie behaupten, dass Fotos lügen? Wie denn das?“
„Eine ehrgeizige Frau, ein skrupelloser Fotograf, und schon genügt es, auf den Auslöser zu drücken, um einen falschen Eindruck zu erwecken“, erklärte er bitter und winkte ab. „Reden wir nicht weiter darüber. Wie sieht es mit der Suche nach einem Knochenmarkspender aus?“
„Tony steht auf der Liste, aber wir haben noch keinen Druck gemacht, weil er im Moment ohnehin nur sehr bedingt für eine Transplantation infrage käme.“
„Kann ich etwas tun?“, fragte Mack.
„Besuchen Sie ihn weiter. Nur wenn Sie bei ihm sind, höre ich ihn lachen.“
„Und was ist mit Ihnen, Doc?“ Er sah sie forschend an. „Wie halten Sie sich? Es greift Sie an, nicht wahr? Sie haben Angst.“
Beth hatte Mühe, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. „Große Angst“, gestand sie trotzdem ein.
Mack griff nach ihrer Hand. „Auch Ärzte dürfen Gefühle haben.“
„Nein.“ Ruckartig zog sie die Hand zurück, weil es viel zu verlockend war, sich von ihm trösten zu lassen. „Wir müssen distanziert und objektiv bleiben.“
„Und warum?“
„Weil wir nur so unsere Arbeit erledigen können.“
„Sie meinen, ohne irgendwann zusammenzubrechen?“
Sie nickte, und nun war die Reihe an ihr, das Thema zu wechseln. „Könnten wir über etwas anderes sprechen?“
„Gern“, lenkte er ein. „Möchten Sie sich vielleicht über Football unterhalten?“, fragte er dann amüsiert.
Der Scherz half ihr, sich zu entspannen. „Das wäre eine kurze Unterhaltung, was mich betrifft, da müssten Sie schon die meiste Zeit sprechen.“
„Sie kennen doch uns Sportskanonen. Wir können endlos über Sport reden. Aber das erspare ich Ihnen. Wie wäre es mit Politik?“
„Ich habe in der Zeitung gelesen, dass Ihr Bruder sich für die Wahl als Stadtrat von Alexandria bewerben möchte.“
„Ja“, bestätigte Mack. „Richard hält sich an das Erbe, das unser Vater ihm hinterlassen hat.“
„Es scheint Ihnen nicht zu gefallen“, stellte sie fest, weil plötzlich ein gereizter Unterton in seinen Worten mitschwang.
„Ich würde Richard voll unterstützen, wäre es sein eigener Wunsch. Er hat aber sein ganzes Leben nach den Erwartungen ausgerichtet, die man uns als Jungen eingetrichtert hat. Er leitet Carlton Industries, und das ist in Ordnung. Dabei handelt es sich um die Familienfirma, und das macht er auch gern. Dafür ist er wie geschaffen. Aber ich bin nicht überzeugt, dass er wirklich in die Politik gehen möchte. Aus Pflichtgefühl unserem Vater gegenüber, der schon seit zwanzig Jahren tot ist, wird Richard es tun, und natürlich wird er es auch gut machen.“
„Haben Sie ihm Ihre Meinung je gesagt?“
„Nein. Man sagt Richard gar nichts. Er ist derjenige, der uns anderen erklärt, was zu tun ist.“
„Und verübeln Sie ihm das?“
„Aber nein! Hätte er nicht schon vor Jahren den Druck von uns genommen, würde ich heute wahrscheinlich hinter einem Schreibtisch bei Carlton Industries sitzen. Dabei wäre ich nicht nur todunglücklich, sondern würde vermutlich auch die Firma ruinieren.“
„Sie ganz allein?“, fragte Beth skeptisch.
„Nein, unser jüngerer Bruder Ben wäre wahrscheinlich noch schlimmer als ich.“
„Irgendwo habe ich gelesen, dass er Künstler ist. Stimmt das?“
„Haben Sie sich über uns informiert, Doc?“, fragte Mack amüsiert.
„Nein, aber der Name Carlton taucht in der Lokalpresse ständig auf, und sogar Ihr zurückgezogen lebender jüngerer Bruder wird erwähnt. Übrigens – weshalb sollte ich mich über Sie informieren?“, erkundigte sie sich gereizt.
„Weil manche Frauen finden, wir seien äußerst faszinierende Männer“, erklärte er, ohne eine Miene zu verziehen.
„Ich gehöre nicht dazu.“
„Sie ertragen mich also nur wegen Tony?“
„Ja“, bestätigte sie.
Mack betrachtete sie so lange mit zweifelnder Miene, bis sie verlegen wurde. Erst als ihm das gelungen war, wandte er den Blick wieder ab, und Beth atmete auf.
Kein Mann hatte bisher eine so starke Wirkung auf sie gehabt wie Mack Carlton. Sicher, er hatte eine Figur, die Frauen träumen ließ. Außerdem wirkte er liebenswürdig und einfühlsam, und diese Eigenschaften bewunderte sie bei einem Mann. Sein Lächeln war umwerfend, sein Verstand scharf und sein Charme spontan.
Doch Mack Carlton war auch ein reicher Playboy, der nichts ernst nahm. Er hatte in aller Öffentlichkeit Affären, und sie war eine Frau, die auf ihren Ruf achten musste. Daher durfte sie nicht auf die gelegentlichen tiefen Blicke eingehen, und die Treffen mit ihm konnten nicht weiter führen – sofern er das überhaupt wollte.
Schade, denn bei Mack könnte eine Frau jegliche Vernunft verlieren und in den Flammen der Leidenschaft verglühen. Und Beth ahnte, dass es ihr nicht anders ergehen würde.
Zwei Tage nach diesem faszinierenden Essen in der Cafeteria mit Beth saß Mack im Warteraum des Krankenhauses, während Tony von den Ärzten untersucht wurde.
Mack stand auf, als er Richard auf sich zukommen sah. „Was machst du denn hier?“, fragte er und umarmte seinen Bruder, ehe er sich in dem leeren Raum umsah. „Hier sind keine Wähler, die du beeindrucken musst“, spöttelte er.
„Sehr witzig“, antwortete Richard. „Ich war zufällig in der Gegend und habe von Destiny gehört, dass du hier sein könntest. Was ist los? Was machst du im Krankenhaus?“
„Ich besuche einen kranken Jungen“, erklärte Mack.
„Täglich? Hängst du dich damit nicht gefühlsmäßig zu sehr an dieses Kind?“
„Der Junge hat keinen Vater, an den er sich halten kann“, erklärte Mack. „Er mag Football, und darum tue ich etwas Gutes, wenn ich ihn täglich für eine Stunde besuchen komme.“
„Ich finde dein Engagement bewundernswert“, meinte Richard, „aber geht es wirklich nur um den Jungen?“
„Was hat Destiny dir erzählt?“, fragte Mack misstrauisch.
„Sie hat erwähnt“, erwiderte Richard lächelnd, „dass dieser Junge von einer sehr hübschen Ärztin mit einem brillanten Verstand behandelt wird. Was hat dich denn dazu gebracht anzubeißen, Bruderherz? Ihr Körper oder ihr Geist?“
„Ich habe überhaupt nicht angebissen“, wehrte Mack ab. „Das ist doch Unsinn. Wenn du das nächste Mal mit Destiny sprichst, sag ihr, dass sie sich um ihren eigenen Kram kümmern soll.“
„Ha, glaubst du wirklich, dass es jemals dazu kommen wird?“
Mack sah seinen Bruder finster an. „Du bist in Wirklichkeit nur hier, um dich über mich lustig zu machen. Du glaubst, dass ich mich von Destinys Plan einwickeln lasse.“
„Das glaube ich tatsächlich“, bestätigte Richard ungeniert. „Und ich möchte deine Niederlage persönlich miterleben und genießen.“
„Destiny behauptet, Beth Browning gar nicht zu kennen“, sagte Mack. „Und Beth hat das bestätigt.“
„Schon mal was von einer harmlosen Notlüge gehört?“, entgegnete Richard. „Unsere Tante ist Großmeisterin im Taktieren und setzt alle Strategien ein, die ihr nützen. Mir und Melanie gegenüber war sie auch nicht ganz ehrlich, und sie hat uns ohne jede Reue in die Falle gelockt.“
„Bei mir spielt sich jedenfalls nichts in der Richtung ab“, versicherte Mack. „Ich bin nicht der Typ dieser Ärztin, und umgekehrt ist sie nicht meiner. Sollte Destiny das alles tatsächlich eingefädelt haben, liegt sie dieses Mal wirklich schief.“
„Abwarten“, meinte Richard. „Rechnest du demnächst hier mit dieser Frau Doktor? Ich möchte sie mir gern ansehen, weil Melanie bestimmt viele Fragen haben wird.“
„Pech. Meines Wissens nach nimmt Dr. Browning heute an einer Ärztekonferenz im Ausland teil“, erwiderte Mack und sah Beth im selben Moment auftauchen. „Sie könnte allerdings auch schon wieder zurück sein“, fügte er seufzend hinzu.
Richard stieß einen leisen, anerkennenden Pfiff aus. „Nicht dein Typ? Du solltest deine Optik untersuchen lassen.“
Mack versuchte, Beth mit den Augen seines Bruders zu sehen. Sie war auf natürliche Weise hübsch, aber nicht mit den Schönheiten zu vergleichen, mit denen er sonst ausging.
„Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie Tony jetzt besuchen können“, erklärte sie.
„Danke.“
Richard ließ den Blick von Beth zu Mack und wieder zu ihr zurück wandern, ehe er mit den Schultern zuckte. „Dr. Browning, ich bin Macks Bruder Richard. Offenbar hat es ihm die Sprache verschlagen. Das passiert gelegentlich, und in Ihrem Fall verstehe ich das völlig. Vermutlich machen Sie ihn oft sprachlos.“
Beth sah Richard verblüfft an, und ihre Wangen röteten sich verdächtig. „Bisher nicht.“
„Dann muss es an dem liegen, was ich gesagt habe“, bemerkte Richard lächelnd.
Bevor Richard das erklären und ihn noch mehr in Verlegenheit bringen konnte, schlug Mack ihm kräftig auf den Rücken. „Vielen Dank, dass du mir die Nachricht persönlich überbracht hast. Ich weiß, wie beschäftigt du bist, deshalb halte ich dich nicht weiter auf. Gib Melanie einen Kuss von mir, gewinn einige Wählerstimmen oder treib die Millionen für deinen Wahlkampf auf. Du wirst das alles dringend brauchen, weil ich garantiert für deinen Gegenkandidaten stimmen werde.“
Richard hielt nur mit Mühe ein lautes Lachen zurück. „Sollte ich mit nur einer Stimme verlieren, hätte ich einen Sieg sowieso nicht verdient. Übrigens habe ich es nicht eilig. Ich kann also durchaus noch eine Weile bleiben.“
„Nein, kannst du nicht“, widersprach Mack. „Ich begleite dich nach draußen.“ Er schob Richard zur Tür und rief zu Beth zurück: „Sagen Sie Tony, dass ich gleich bei ihm sein werde.“
„Ja, gern“, erwiderte sie erstaunt.
Im Aufzug wandte Mack sich an seinen Bruder und bedachte ihn mit einem drohenden Blick. „Komm bloß nicht auf irgendwelche Ideen, großer Bruder. Auf keine, hörst du?“
„Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du sprichst“, erwiderte Richard mit unschuldiger Miene. „Ich wollte doch nur deine neue Freundin kennen lernen.“
„Du sagst das, als hättest du mich auf dem Spielplatz mit einem kleinen Mädchen erwischt“, beschwerte sich Mack.
„Glaub mir, ich habe gemerkt, dass du über dieses Stadium längst hinaus bist. Zwischen dir und der Ärztin flogen Funken wie zwischen zwei absolut erwachsenen Menschen.“
„Du bist verrückt.“
„Nein, das glaube ich nicht“, widersprach Richard. „Vielleicht ruft Melanie sie an und organisiert ein Abendessen.“
