Biikebrennen - Hannes Nygaard - E-Book

Biikebrennen E-Book

Hannes Nygaard

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Beschreibung

Es ist die Zeit des Biikebrennens: Überall entlang der nordfriesischen Küste werden Feuer entfacht, um die bösen Geister zu vertreiben. Doch die Bewohner von Runeesby werden Zeugen eines grausigen Spektakels: An ein Kreuz gebunden verbrennt vor ihren Augen ein Mensch. Und das ist erst der Anfang einer Anschlagsserie, der noch mehr Menschen zum Opfer fallen werden. Christoph Johannes und Große Jäger ermitteln im vielleicht schlimmsten Fall ihres Lebens...

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Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. Er wurde 1949 in Hamburg geboren und hat sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Nach einigen Jahren in Münster/Westfalen lebt er nun auf der Insel Nordstrand.www.hannes-nygaard.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2014 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: ©mauritius images/Alamy Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Dr.Marion Heister eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-758-1 Hinterm Deich Krimi Originalausgabe

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Dieser Roman wurde vermittelt durch die Agentur EDITIO DIALOG, Dr.Michael Wenzel, Lille, Frankreich (www.editio-dialog.com).

Für Christiane, Marja, Helga, Uwe, Guido und Otto

Für die Welt bist du irgendjemand–

aber für irgendjemand bist du die Welt.

Erich Fried

EINS

Der eiskalte Wind pfiff über den Deich. Kein Baum, Strauch oder Knick bot ihm Widerstand. Ein Islandtief war der Auslöser des steifen Nordwests, der die Temperatur, die um den Gefrierpunkt lag, wesentlich kälter erscheinen ließ. Dazu kamen die nasskalten Schneeschauer. Es war nicht das idyllische Weiß, das vom Himmel rieselte, sondern der fast zu Kristallen gefrorene Schnee, der ins Gesicht peitschte und jede winzige Öffnung in der Kleidung fand, um einzudringen. Wind und Wasser abweisende Jacken trug kaum einer der Menschen, die sich hinterm Deich versammelt hatten. Gut die Hälfte der Ansammlung hatte sich in die ein wenig abseitsstehenden Reisebusse zurückgezogen. Der Rest gruppierte sich um den Getränkestand, konzentrierte sich aber auf der dem Wind abgewandten Seite. Einige wenige tranken Bier aus Flaschen, gefragter war der Glühwein, der ausgeschenkt wurde.

»Komm, Fritze, das wärmt durch«, rief der Mann mit der roten Knollennase, der seine Halbglatze unter der albernen Russenmütze verbarg und zu allem Überfluss auch noch die Ohrenklappen herabgelassen hatte.

Fritze! Das mochte er nicht hören. Fritz Bornholt hieß er. Es war ein Zufall, dass er sich im Bus auf den freien Gangplatz neben den Mann gesetzt hatte. Das Fahrzeug war in Eckernförde eingesetzt worden. Typisch, dachte Bornholt. Da haben sich die Rentner um die Fensterplätze gestritten, und Ehepaare haben sich auseinandergesetzt, um am Fenster zu sitzen.

»Ich bin der Alfred«, hatte der Mann gesagt und ihm die Hand hingehalten.

»Fritz Bornholt.«

»Prima, dass wir Alten noch so fit sind und uns solchen Spaß erlauben.« Zur Unterstreichung der Worte hatte Alfred ihm den Ellbogen in die Seite gerammt. Dann hatte er einen Flachmann mit Korn hervorgeholt, Fritz Bornholt hingehalten und ihn aufgefordert: »Trink. Meine Enkel nennen das Vorglühen.«

Abend für Abend hatte der Wetterfuzzi im Fernsehen von einem außergewöhnlich milden Winter gesprochen, der die ganze Natur durcheinanderbringen würde.

»Wir müssen etwas unternehmen, mal raus. Du kannst nicht immer vor der Glotze hocken«, hatte Gertrud, seine Frau, gesagt.

Warum nicht? Er fühlte sich wohl in seinem kleinen Häuschen. Gertrud wollte ihm auch seine kleinen Freuden aberziehen. Und zur Zigarette schmeckten ihm nun einmal Cola und Cognac am besten. Nun, der Cognac war ein Billigweinbrand aus dem Supermarkt, aber für einen Rentner reichte es.

Gertrud hatte ihn regelrecht überrumpelt, als sie vom Einkauf aus Eckernförde zurückkam und verkündete: »Ich habe uns zum Biikebrennen angemeldet.«

»Zum was?«

»›Biike‹ ist friesisch und bedeutet ›Feuerzeichen‹«, hatte der Reiseleiter auf der Fahrt erklärt. »Sie ist in Nordfriesland das traditionelle Volksfest, wird am 21.Februar gefeiert und ersetzt teilweise das weitverbreitete Osterfeuer. Wahrscheinlich sollte das Feuer im Mittelalter die bösen Geister vertreiben. Es diente auch der Verabschiedung der Walfänger, denn zwischen Martini und dem Petritag ruhte die Walfangsaison. Manche bestreiten allerdings den letztgenannten Grund.«

An der nordfriesischen Westküste und auf den Inseln gab es viele Biiken, hatte Fritz Bornholt während der Fahrt von seinem redseligen Nachbarn erfahren. Alfred hatte aufgezählt, welche er und seine Kegelfreunde schon aufgesucht hatten. »Von Schickimicki bis ursprünglich war alles dabei. Diesmal geht es nach Runeesby.« Wieder war der Ellbogen seines Nachbarn in Bornholts Seite gelandet. »Mal sehen, was die da ganz oben bieten.«

Das Ziel hatte der »Noor Reisedienst Eckernförde« ausgewählt, wie die Aufschrift auf den zwei Bussen verriet. Es war nicht das spektakulärste Biikebrennen. Runeesby war kein geschlossener Ort, sondern eine Streusiedlung. Die einzelnen Häuser der Gemeinde lagen im Koog weit auseinander. Einen Ortskern gab es nicht. Und der Krug, der im Sommer von ein paar Durchreisenden lebte, hatte für dieses Ereignis die Winterpause unterbrochen.

»Was ist, Fritze?«, grölte Alfred und schwenkte einen Glühweinbecher.

Bornholt beachtete ihn nicht. Er rücke seine Schiebermütze zurecht, zog den Kragen des Anoraks hoch und ärgerte sich über sich selbst, dass er Gertruds Mahnung, einen Schal umzubinden, ignoriert hatte.

Statt der angekündigten Feuerwehrkapelle war laute Musik aus einem Lautsprecher ertönt, dann hatte ein Mann die sogenannte Feuerrede gehalten, natürlich auf Platt, das Bornholt nur unzureichend verstand. Der Mann hatte sich über den Ursprung der Biike ausgelassen, von Tradition gesprochen. Es wurden Namen örtlicher Honoratioren erwähnt, bis schließlich das erlösende Wort kam: »Steckt die Biike an.«

Trotz des Windes hatte die Feuerwehr es geschafft, den aufgetürmten Haufen aus Tannenbäumen, Astwerk und anderem brennbaren Material zu entfachen. Jetzt loderten die Flammen in die Höhe. Es knackte und zischte, und im Wind wehten die Funken landeinwärts.

Für einen Moment vergaß Bornholt die eisige Kälte und starrte in das Flammenmeer. Die Feuerzunge stieß in die Höhe und schien an den Wolken lecken zu wollen. Es war ein beeindruckendes Bild. Man erzählte sich, dass in der weiträumigen Landschaft an diesem Abend der lodernde Schein anderer Biiken zu erkennen sei, wenn man die Deichkrone erklomm.

Vom Wind getrieben, zog sich eine lange Rauchfahne Richtung Osten. Bornholt ging ein paar Schritte zurück, als er die Hitze im Gesicht spürte, während die eisige Kälte seinen Rücken emporkroch. Es war ein gewaltiges Feuer, und Bornholts Verdruss über diesen Ausflug stieg mit den Flammen empor und stob im Funkenflug davon. Fast ehrfürchtig starrte er in die Feuerhölle. Was mochte die Feuerwehr über das Brenngut gegossen haben, dass es so entflammte? In rasender Geschwindigkeit hatte sich das Feuer ausgebreitet.

Plötzlich stutzte er. Im lodernden Holzstoß und im rasch zusammenfallenden Geäst der Tannenbäume und des Buschwerks tauchte ein Kreuz aus stabilen Holzbalken auf, an dem die Flammen leckten. Die mächtigen Balken boten dem Feuer mehr Widerstand als die dürren Äste.

Bornholt rieb sich die Augen, kniff sie zusammen und blinzelte erneut zu der Stelle. Er stand auf der Windseite, sodass der Rauch in die andere Richtung getrieben wurde, trotzdem biss der Qualm. Nein, er hatte sich nicht geirrt. Eine Gestalt war an dem Kreuz festgebunden. Die Nordfriesen trieben bisweilen derbe Scherze. Er sah noch eine Weile ins Feuer, das hell aufloderte, um dann gemächlich zur Gruppe der eifrigen Zecher am Bierstand zurückzukehren. Eine Handvoll Einheimischer hatte zu singen begonnen. Bornholt verstand den Text nicht. Es mochte Friesisch sein.

»Fritze. Was gibt es da zu sehen?«, fragte Alfred mit leicht belegter Stimme. »’nFeuer. Na und? Komm her. Hier brennt das innere Feuer. Spätestens nach dem dritten Glühwein. Musst aber den mit Schuss nehmen.«

Fritz Bornholt ließ sich überreden. Trotz der Biike war er durchgefroren.

»Das ist makaber, was die machen«, sagte er, als er den Becher mit dem heißen Getränk in Händen hielt. »Die verbrennen Puppen.«

Alfred antwortete mit einem dröhnenden Lachen.

»Das ist das Petermännchen«, mischte sich ein Mann mit grauem Vollbart ein. »Das machen wir hier oben. Manchmal«, ergänzte er und stieß einen Mann in Feuerwehruniform an. »Stimmt doch, Jens, oder?«

Der Uniformierte drehte sich um. »Was?«, fragte er.

»Das mit dem Petermännchen.«

»Das ist alter Brauch«, pflichtete ihm der Feuerwehrmann bei. »Allerdings nicht bei uns.«

»Aber…« Fritz Bornholt stockte. Dann streckte er den Arm aus. »Da ist so’n Ding im Scheiterhaufen.«

»Scheiterhaufen!« Der Feuerwehrmann klang vorwurfsvoll. »Das ist die Biike. Und Petermännchen… Das machen wir nicht. Unsere Tradition hier in Runeesby ist noch nicht so alt. Drüben«, dabei zeigte er mit dem Daumen über die Schulter, »auf Föhr, Amrum und Sylt ist das weiter verbreitet. Aber hier«, jetzt schüttelte er den Kopf, »neee. Bei uns nicht.«

»Da brennt aber so eine Puppe«, beharrte Fritz Bornholt.

»Komm, Fritze, trink noch einen, dann siehst du wieder klarer«, lästerte Alfred.

»Ich bin doch nicht besoffen.«

»Das ist dein Problem«, lästerte Alfred, drehte sich zur Bedienung um und forderte die nächste Runde.

»Wirklich. Da ist ein Kreuz mit einer Puppe dran.«

»Quatsch.« Der Feuerwehrmann stellte sein Glas mit Schwung auf den Tresen, packte Bornholt am Ärmel und zog ihn hinter sich her.

»Wo?«, fragte er.

Widerwillig stapfte Bornholt in den Schnee hinaus und führte den Mann ein paar Schritte abseits.

»Arschkalt«, knurrte der Uniformierte. Unverkennbar schwang der Vorwurf mit, dass Bornholt ihn in den schneidenden Wind getrieben hatte.

Dann sahen die beiden Männer in das Feuer, das schon merklich in sich zusammengesackt war. Jetzt ähnelte es mehr einem Funkenteppich. Dafür war das Kreuz mit den verkohlten Balken deutlich erkennbar. Am rot glühenden Holz war eine verkohlte Gestalt zu sehen.

»Das… ist… unfassbar…«, stammelte der Feuerwehrmann. »Das ist kein Petermännchen.«

»Was denn?«, fragte Bornholt atemlos.

Das Entsetzen, das vom Uniformierten ausging, hatte auch ihn erfasst.

***

»Prost.« Hinnerk Levensen hob das beschlagene Glas mit dem »Schimmelreiter«, einem goldgelben Inselaquavit, in Richtung der anderen Anwesenden.

»Mensch, Hinnerk. Bist du durstig?«

»Nee. Ich will meinen Magen nur auf den Grünkohl vorbereiten«, antwortete der Mann mit dem runden Gesicht und sah spöttisch sein Gegenüber an. »Nicht nippen. Kippen.«

Christoph Johannes hatte nur ein Drittel des Glasinhalts getrunken. Er musste den Spott der anderen Männer am Tisch über sich ergehen lassen.

»Musst keine Sorge haben«, erklärte Levensen. »An Biikebrennen kommt keine Polizei. Die haben wir schon lange nicht mehr auf Nordstrand.«

»Sei vorsichtig«, mischte sich sein Nachbar ein. »Christoph ist die Polizei.«

»Ach. Blödsinn. Doch nicht richtig. Er ist doch ein Geheimer.«

So nannte man ihn in seinem Wohnumfeld. Man hatte zur Kenntnis genommen, dass er als Erster Hauptkommissar Leiter der Husumer Kriminalpolizeistelle war. Dass er diese Position seit zehn Jahren kommissarisch ausübte, interessierte in dieser Runde niemanden.

»Ist das draußen unangenehm kalt«, klagte Anna, seine Frau, und nahm einen Schluck Pharisäer. Der Kaffee, mit Rum und Zucker verfeinert und mit einer Sahnehaube versehen, war der Legende nach hier auf Nordstrand erfunden worden.

Sie hatten sich den Nachbarn angeschlossen, waren zum Biikebrennen nach Süderhafen im Schatten des großen Silos gefahren und saßen nun im Warmen in der »Engel-Mühle«, die mit ihren hoch hinausragenden Flügeln ein eingetragenes Seezeichen unweit des nahen Yachthafens war. »Eine Holländer-Mühle«, hatte man Christoph erklärt. Das traditionelle Grünkohlessen gehörte zum Biikebrennen wie das Glas Sekt zum Jahreswechsel.

»Lass doch deine Frau fahren«, schlug Levensen vor. »Außerdem ist morgen Sonnabend. Da haben die Kriminellen Wochenende.«

Christoph lachte. »Der Abend fängt erst an, Hinnerk. Und was den Schnaps anbetrifft… Ich laufe lieber Marathon als Sprint.«

Der Nachbar sah ihn fragend an, winkte dann ab und griff zum Bierglas. »Kinners. Mir ist, als hätten wir erst gestern zur Biike zusammengesessen. Nun ist schon wieder ein Jahr rum. Aber– hüüt is hüüt. Und so jung komm’ wir nich wieder tosammen. Prost.« Er rief nach der Bedienung. »Jung Deern. Wat is? Soll’n wir hier verdursten?«

»Lass langsam angehen«, raunte ihm Anna von der Seite zu. »Die sind trinkfest. Da kommst du leicht unter die Räder. Du bist kein Wilderich.«

Christoph schmunzelte. Richtig. So trinkfest wie sein Kollege Große Jäger war er wirklich nicht.

»Sag mal. Wie lange musst du eigentlich noch?«, wollte Levensen von der anderen Seite wissen. »Die Kieler Kasse ist leer. Nicht dass du noch mit’nem Rollator hinter den Spitzbuben hinterherjagen musst.«

»Noch ein Jahr«, erwiderte Christoph. Und dann?, setzte er den Gedanken unausgesprochen fort. Er wusste es auch nicht und fürchtete, dass sich ein tiefes Loch auftun würde. Anna war elf Jahre jünger und würde ihn noch nicht in den Ruhestand begleiten.

Hinnerk Levensen stieß ihn an. »Dann hast ja Zeit. Deine Stimme ist gefragt. Nicht nur vom Bürgermeister bei der nächsten Kommunalwahl, auch von den ›Fideelen Nordstrandern‹.«

Der Shantychor war weit über die Grenzen der Insel hinaus bekannt, aber für Christoph keine Perspektive.

»Ich will durch meine unmusikalische Stimme deren hohen Standard nicht versauen«, antwortete er und wurde durch das Vibrieren seines Smartphones abgelenkt. Er versuchte, das Telefon aus der Hosentasche zu angeln, und warf einen Blick auf das Display. Es war die Husumer Dienststelle. Seit der Zusammenlegung der Husumer Polizeidirektion mit der Flensburger und der Änderung der Organisationsstruktur war Husum »nur noch« ein Polizeirevier. Im selben Gebäude war auch die Kriminalpolizeistelle untergebracht. Auch nach der Neuerung klappte die Zusammenarbeit hervorragend.

Er meldete sich.

»Die Streife hat einen mysteriösen Todesfall aus Runeesby gemeldet. In der Biike wurde ein Mensch verbrannt. Die Meldung ist in der Leitstelle Nord in Harrislee aufgelaufen. Ich dachte, es würde Sie interessieren.«

»Ein Unfall?«

»Wenn er an ein Holzkreuz gebunden war?«, antwortete der Beamte mit einer Gegenfrage.

»Dafür ist Flensburg zuständig.«

»Die sind gerade im Einsatz an der Geltinger Bucht.«

»Gut«, stöhnte Christoph. »Ich komme.«

Anna hatte mitgehört.

»Du machst– was?«, fragte sie.

»Ich habe einen Einsatz.«

»Es gibt noch zweihundertsiebzig andere Polizisten.«

»Aber nur fünfundzwanzig bei der Kripo, und die sind auf Husum, Niebüll und Sylt verteilt. Und nur einer heißt Christoph Johannes.«

»Wird Zeit, dass du in Pension gehst.«

»Aber nur mit dir zusammen.« Er hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn und stand auf.

»Musst du jetzt schon pinkeln?«, fragte Hinnerk Levensen. »Wie soll das erst werden, wenn du mehrere Bier getrunken hast?«

»Das musst du doch kennen. Wie oft bist du nachts unterwegs Richtung Topf?«

Levensen sah ihm mit bösen Blick hinterher.

Vor der Tür versuchte Christoph, Oberkommissar Große Jäger zu erreichen.

»Hallo«, meldete sich ein Junge im Stimmbruch.

»Moritz?«, fragte Christoph.

»Höchstpersönlich.«

»Ist Wilderich da?«

»Klaro. Meinen Sie, er hätte mir sein Handy geliehen? Moment.«

Moritz Krempl müsste jetzt vierzehn Jahre alt sein, überlegte Christoph. Er war der Sohn der Gardinger Ärztin Heidi Krempl, mit der Große Jäger mittlerweile mehr als eine lockere Freundschaft verband.

»Christoph? Komm rüber, wenn du dich auf Nordstrand langweilst«, sagte Große Jäger. »Hier brennt zwar nicht der Busch, aber lustig ist es allemal.«

»In Runeesby brennt nicht nur der Busch, sondern auch ein Mensch.«

»Scheiße.«

»Wilderich!«, hörte Christoph aus dem Hintergrund die Maßregelung Heidi Krempls.

»Ich bin unterwegs«, schloss Große Jäger. »Bis gleich in Husum.«

Feuchter Schnee hatte sich auf den Fahrzeugen ausgebreitet, sodass sie gerade eben mit einem weißen Schleier bedeckt waren. Nach dem ersten Betätigen des Wischers waren die Scheiben frei. Christoph verließ den Parkplatz und fuhr an der Nordstrander Biike vorbei. Vom prächtigen lodernden Feuer war nur ein glimmender kümmerlicher Rest übrig geblieben. Auf dem Damm zum Festland begegnet er keinem Fahrzeug. Auch in der Kreisstadt war niemand unterwegs. Nur wenige Fahrzeuge schlichen über die rutschigen Straßen.

Das lang gestreckte Gebäude der Husumer Polizei war verwaist. Lediglich in der Wache im Erdgeschoss waren drei Beamte, die sehnsüchtig dem Ende ihrer Schicht entgegensahen.

Christoph suchte sein Büro in der zweiten Etage auf, das er mit dem Oberkommissar teilte. Er nutzte die Wartezeit, um weitere Erkundigungen einzuholen. Teilnehmer der Runeesbyer Biike hatten die Polizei alarmiert. Von der Leitstelle Nord in Harrislee war ein Streifenwagen des Niebüller Reviers in Marsch gesetzt worden. Dessen Besatzung hatte vor Ort den Sachverhalt aufgenommen und der Leitstelle Meldung erstattet. Die wiederum hatte Christoph informiert und gleichzeitig die Flensburger Spurensicherung nach Runeesby geschickt.

Während Christoph noch die dürftigen Informationen zu ordnen versuchte, flog krachend die Tür auf.

Es war wie immer. Der Oberkommissar mit dem dunkel schimmernden Haar, in das sich immer mehr graue Strähnen einwoben, war unrasiert. Er trug dieselbe schmuddelige Jeans, die er auch schon am Tage angehabt hatte. Der Schmerbauch verdeckte die Gürtelschnalle. Unter der offenen Lederweste mit dem Einschussloch trug er ein Holzfällerhemd. Zwischen Zeige- und Mittelfinger glomm die Zigarette. Christoph unterließ es, anzumerken, dass das Rauchen im Gebäude verboten sei. Große Jäger hätte erwidert, dass das Morden auch nicht erlaubt sei. Trotzdem geschah es.

Die ausgestreckte Hand mit der Zigarette wies zur Fensterbank. »Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?«

Es klang unfreundlich, allerdings nur für denjenigen, der den Oberkommissar nicht kannte. Natürlich hatte Christoph keinen Kaffee gekocht. Die Maschine auf der Fensterbank war außer Betrieb.

»Ich habe gedacht, nach der aufregenden Begegnung mit Heidi Krempl wäre Koffein ungesund für dein schwaches Herz.«

Große Jäger schüttelte den Kopf. »Es ist einer der Fehler der Landesregierung, dass sie das Denken für Dienstgrade oberhalb des Oberleutnants nicht verboten hat.« Der Oberleutnant entsprach dem Oberkommissar. »So kann nie etwas Gescheites entstehen.«

Er beugte sich über Christophs Notizen, nahm ihm den Zettel weg und versuchte, sie zu lesen.

»Du kommst aus Kiel, ja?«, murmelte er dabei. »Hat man euch bis heute nicht das Schreiben beigebracht? Oder seid ihr alle am Historischen Institut der Christian-Albrecht-Universität ausgebildet worden?«

»Christian-Albrechts-Universität. Mit›s‹«, korrigierte Christoph.

Große Jäger warf ihm einen spöttischen Blick zu. »Nicht nur Historiker, sondern auch Kleinkrämer.«

»Was hat das mit Geschichte zu tun?«

»Na ja. Ein alter Mann. Und statt normaler Schriftzeichen ähnelt deine Handschrift Hieroglyphen.«

»Ich werde dafür sorgen, dass du in die Telefonzentrale versetzt wirst. So ein Meckerbolzen wie du schreckt alle Anrufer ab.« Christoph stand auf. »Komm, lass uns fahren. Ich erzähle dir unterwegs, was ich bisher in Erfahrung bringen konnte.«

Es herrschte wenig Verkehr auf der Bundesstraße. Nur vereinzelt kamen ihnen Fahrzeuge entgegen. Auch Bredstedt und die anderen kleinen Orte wirkten wie ausgestorben. Hinter Niebüll, wo die Straße schnurgerade parallel zur Eisbahn nach Sylt führte, begegnete ihnen überhaupt niemand mehr. Klanxbüll versteckte sich im Schneegrieseln.

»Kann es noch einsamer werden?«, fragte Große Jäger.

»Ja«, antwortete Christoph. Und er hatte recht.

Nur wenige Anwesen, die weit auseinanderlagen, säumten die Straße. Neudorf hieß die Ansammlung weniger Häuser, an der sie auf einen noch schmaleren Weg abbogen.

Die Dunkelheit verschluckte das öde Land links und rechts der Straße.

»Bei Sonnenschein siehst du auch nicht mehr«, knurrte der Oberkommissar.

»Du hast hier einen wunderbaren Blick über eine traumhafte Landschaft«, entgegnete Christoph. »Diese Region bietet Natur pur. Wo findest du das sonst? Ein wenig weiter liegt auf der rechten Seite der Solarpark Rodenäs.«

»Um diese Jahreszeit macht die Natur Pause. Wer hat sich eigentlich das Biikebrennen an diesem abgeschiedenen Ort ausgedacht? War das die Bundesvereinigung der Masochisten?«

»Spare dir deine klagenden Worte, bis wir den Fall gelöst haben«, schlug Christoph vor und hielt an, um sich zu orientieren. Die Straße endete an einem kleinen Dreieck. Kein halbes Dutzend Häuser bildete diese Ansiedlung.

»Siehst du.« Große Jäger fuchtelte mit dem Arm in der Luft herum. »Selbst das Navi hat Probleme.«

»Wir müssen nach links«, entschied Christoph und achtete nicht auf die Meckerei, sondern fuhr weiter. Sie überquerten einen Binnendeich und folgten einer schmalen Straße durch die Einöde. Nach einem Kilometer hatten sie den Veranstaltungsort für das Biikebrennen erreicht.

In der Dunkelheit war nicht viel zu erkennen. Lediglich die aufgebauten Scheinwerfer der Feuerwehr und der Spurensicherung beleuchteten gespenstisch die Szene. Dazwischen zuckten die Blaulichter der Einsatzfahrzeuge. An einem runden Bierstand, der ebenfalls über eine eigene Beleuchtung verfügte, herrschte reger Betrieb. Abseits parkte eine Reihe von Fahrzeugen.

Hauptkommissar Jürgensen, der Leiter der Flensburger Spurensicherung, war nur am weißen Schutzanzug mit der Aufschrift »Polizei« auf dem Rücken erkennbar. Er hatte sich eine Pudelmütze tief in die Stirn gezogen und reagierte mit einem Knurrlaut auf Große Jägers »Na, Klaus? Willst du auch zum Biikebrennen?«. Christoph schenkte er ein angedeutetes Kopfnicken.

»Wissen wir schon etwas?«, fragte Große Jäger.

»Wir?« Jürgensen zog hörbar die Nase hoch. »Ich! Nur Barbaren wie den Nordfriesen fällt es ein, bei solchem Wetter ins Freie zu gehen.«

»Wir sind Naturburschen und nicht solche Warmduscher wie ihr Flensburger«, erwiderte Große Jäger.

»Ich dachte immer, seit Jeanne d’Arc wäre die Sitte des Scheiterhaufens Vergangenheit. Ihr lebt hier ja hinter der Zeit, aber dass es sooo lange ist, hätte ich mir nicht träumen lassen.« Der Hauptkommissar drehte den Kopf zur Seite und nieste.

»Eins«, zählte Große Jäger. Das »zwei« folgte bei der nächsten Niesattacke. Nach »drei« trat eine Pause ein. Schließlich sah Jürgensen sie wieder an.

»Du wirst alt, Klaus. Nur drei Mal? Früher warst du besser. Außerdem ist dein Stöhnen nur vorgeschoben. Extra für dich haben wir heute an der ganzen Küste wärmende Feuer angezündet.«

»Das fand das Opfer bestimmt nicht lustig«, wurde Jürgensen ernst.

»Wer ist das Opfer?«, fragte Christoph.

Jürgensen zuckte mit den Schultern. »Das kann ich dir auch nicht sagen. Zum Glück treffen wir nicht oft auf Verbrennungsopfer.« Der Hauptkommissar stapfte voran. »Leider konnten wir keinen Sichtschutz installieren«, erklärte er unterwegs. »Dafür ist es zu stürmisch.«

Christoph grüßte die beiden Beamten aus dem Niebüller Streifenwagen, die als Erste vor Ort waren. »Wir haben die Namen mehrerer Zeugen notiert«, erklärte Polizeihauptmeister Knippel. »Fritz Bornholt aus Ascheffel, das liegt in den Hüttener Bergen unweit Eckernförde, hat das brennende Kreuz mit dem Objekt daran zuerst entdeckt. Er dachte zunächst, es würde sich um eine Strohpuppe handeln. Erst dem Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Rodenäs, die die Biike organisiert und betreut hat, ist aufgefallen, dass dort ein Mensch verbrannt ist.«

»Wie heißt der Wehrführer?«, fragte Christoph.

Knippel sah sich um und zeigte auf einen Mann in einem Feuerwehrschutzanzug. »Der da drüben ist es. Jens Rickert. Mehr wissen wir noch nicht.«

»Seid ihr nur zu zweit hier?«, wunderte sich Große Jäger.

Hauptmeister Knippel nickte. »Ja. Wir sind die Beamtenschwemme. Und wenn es nach den Kieler Sparkommissaren geht, wird demnächst nur ein Polizist zu solchen Einsätzen erscheinen.« Es klang sarkastisch.

Die beiden Husumer gingen auf den Feuerwehrmann zu, der sie inzwischen auch bemerkt hatte und ihnen entgegensah.

Christoph stellte sich und den Oberkommissar vor.

»Das hatten wir auch noch nicht«, sagte Rickert ein wenig atemlos. »Ist hier’ne ruhige Gegend. Unspektakulär. Aber das da ein Mensch–« Er brach mitten im Satz ab.

»Die Biike wurde durch die Feuerwehr betreut?«, fragte Christoph.

»Ja.« Rickert nickte. »Von uns, der Feuerwehr Rodenäs. Runeesby hat keine eigene. Wir sammeln die Tannenbäume ein, zusätzlich bringen die Bauern und Anwohner Buschwerk und Ähnliches hierher. Die Biike gibt es schon eine Reihe von Jahren.«

»Bei diesem Wetter, Schneegrieseln und starkem Wind, lässt sich das Feuer doch kaum entzünden«, sagte Christoph.

»Wir nehmen dazu Ethanol. Das verdunstet nicht so schnell, und es besteht keine Explosionsgefahr, ist aber trotzdem leicht brennbar. Ethanol verursacht keine schlagartige Verpuffung.«

»Haben Sie die Biike vor dem Anzünden nicht kontrolliert?«, mischte sich Große Jäger ein. »Es kommt doch immer wieder vor, dass junge Leute im Osterfeuer verbrennen, weil sie es bewachen, dabei viel Alkohol konsumieren und nicht merken, wenn die Jugend aus dem Nachbardorf den Haufen entzündet.«

Rieckert zeigte mit dem Finger zum Himmel. »Bei dem Wetter? Um diese Jahreszeit? Normalerweise entzünden wir die Biike mit trockenen Strohballen, die wir unterschieben und dann mit Gasbrennern in Brand setzen. Nur in diesem Jahr… Bei der Nässe, da haben wir eine andere Lösung gewählt.«

»Sollte der Haufen nicht vor dem Entzünden umgesetzt werden, damit keine Tiere verbrennen, die darin Schutz vor der Witterung gesucht haben?«, hakte Große Jäger nach.

Die Antwort bestand nur aus einem hilflosen Achselzucken. Der Wehrführer schwieg einen Moment. »Wir haben sofort aus unserem Fahrzeug dieTS–«

»Die was?«, unterbrach Christoph.

»Tragkraftspritze«, erläuterte Rieckert. »Die haben wir herausgeholt und eine Wasserversorgung aufgebaut. Gleich neben dem Parkplatz liegt das Speicherbecken des Rickelsbüller Koogs. Dort haben wir Wasser entnommen und gelöscht. Wir haben Schaummittel zur Verdünnung zugesetzt, um eine bessere Eindringtiefe zu erreichen.«

Gemeinsam mit Klaus Jürgensen näherten sich die Husumer dem schwarz verkohlten Holzkreuz und der daran angebundenen Gestalt.

»Sieht aus wie ein Kind. So klein«, sagte Große Jäger. »Da ist nichts mehr zu erkennen.«

»Das ist so bei Brandopfern«, erklärte Jürgensen. »Der Mensch besteht zu etwa fünfundfünfzig Prozent aus Wasser. Das gilt für Frauen. Bei Männern sind es zehn Prozent mehr.«

»Logisch. Das liegt am Bier, dass die Kerle zuvor getrunken und angesammelt haben.« Versonnen strich sich Große Jäger über den Bauch. »Durch die große Hitzeentwicklung verdampft es, und der Körper schrumpft.« Er beugte sich vor und musterte die kaum erkennbaren menschlichen Überreste. »Da ist nichts zu erkennen. Mann? Frau? Um diese Jahreszeit ist man üblicherweise dick in Winterkleidung eingehüllt. Bei der dominieren die Kunststofffasern.« Er streckte die Hand vor. »Diese Plastikklumpen. Das ist geschmolzene Kleidung.«

»Welche Chancen haben wir, Spuren festzustellen?«, fragte Christoph. »Ich meine, irgendwie muss das Opfer ja hergekommen sein.«

»Schlecht«, erwiderte Jürgensen und zeigte andeutungsweise zum Himmel. »Das Wetter hält schon ein paar Tage an. Der Boden ist nicht durchgefroren.«

»Das könnte von Vorteil sein«, warf Christoph ein.

Jürgensen schüttelte den Kopf. »Wenn sich sonst niemand im Umfeld aufgehalten hätte. Aber hier, rund um die Biike, ist die Feuerwehr gelaufen. Und mit ein wenig Abstand dazu ist der aufgeweichte Boden von den Besuchern zertrampelt. Da drüben– da stehen die Busse. Ganze Ladungen voll haben die hier ausgespuckt. Abgesehen von denen, die auf eigene Faust hierhergekommen sind.«

»Vielleicht findet ihr doch etwas«, sagte Christoph aufmunternd und wandte sich an den Wehrführer. »Ihnen oder Ihren Männern ist nichts aufgefallen?«

»Wir hatten keine Chance«, erklärte Rieckert. »Es gab keine Veranlassung, in den letzten Tagen hier vorbeizuschauen. Sie haben selbst gesehen, wie abseits das hier liegt. Es sind zwei Kilometer bis zum Dreieck am Norddeich. Da stehen die nächsten Häuser. Um diese Jahreszeit kommt niemand hierher. Schon gar nicht bei dem Wetter.«

»Wo geht es da hin?« Christoph zeigte Richtung Süden. Ein kleines Häuschen mit drei Blechtüren stand neben der durch ein Tor gesperrten Durchfahrt.

»Der kleine Bau dort gehört zum Schöpfwerk Rickelsbüller Koog. Der See hier nimmt das Wasser auf. Von dort wird es nach draußen, also in die See, gepumpt. Da entlang kommen Sie zum Hindenburgdamm, über den die Eisenbahn nach Sylt führt. Das Tor ist allerdings verschlossen.«

Die Beamten hatten es geprüft. Das Schloss war unversehrt.

»Zur anderen Seite, Richtung Norden, geht’s ins Nichts.«

»Was heißt ›Nichts‹?«, fragte Christoph.

»Hier ist die Grenze. Unsichtbar. Sie verläuft mitten auf der Straße. Wenn Sie herfahren, sind Sie in Dänemark. Die Rückfahrt, also die südliche Straßenseite, führt Sie durch Deutschland. Da drüben, gleich hinter uns, liegt der Nationalpark Vadehavet. Als Vadehavet bezeichnen die Dänen einen Teil der Nordsee. Auf der anderen Seite liegt das Naturschutzgebiet Rickelsbüller Koog. Außer dieser Straße und dem Parkplatz gibt es hier nichts. Absolut nichts.«

»Konnte man das Kreuz wirklich nicht sehen?«, mischte sich Große Jäger ein.

»Sie sind nicht von hier?«, antwortete der Wehrführer mit einer Gegenfrage. »Bei einem Wetter wie heute ist es trübe. Dazu das Schneegrieseln. Da schalten Sie kurz nach Mittag das Licht an. Als wir herkamen, war es schon finster.«

»War schon jemand hier?«

»Nein.« Rieckert sah über die Schulter. »Nur Hottenbeck.«

»Wer ist das?«, fragte Christoph.

»Der betreibt den Bierstand. Wohnt in Runeesby und hat einen Getränkehandel.«

»Der war vor Ihnen hier?«

»Ja. Es dauert eine Weile, bis der alles aufgebaut hat. Wir sind so gegen fünf gekommen. Um sechs wird die Biike entzündet.«

Christoph zeigte auf das Brandopfer. »Kümmert ihr euch darum?«

Jürgensen nickte.

Wieder einmal empfand Christoph große Hochachtung vor der Arbeit der Spurensicherer. Anstatt es in Worte zu kleiden, klopfte er dem Hauptkommissar anerkennend auf die Schulter, bevor er sich umdrehte und, gefolgt von Große Jäger, zum Bierausschank ging. Die Busse waren inzwischen abgefahren. Nur drei Unentwegte hielten sich noch am Stand auf, während die zwei Mitarbeiter hinter dem Tresen mit Aufräum- und Abbauarbeiten beschäftigt waren.

»Moin«, grüßte Christoph. »Polizei Husum. Hat jemand von Ihnen etwas gesehen?«

»Nö«, sagte ein Biertrinker in einer dicken Daunenjacke. »Erst als jemand rief, da sei etwas nicht in Ordnung, sind wir darauf aufmerksam geworden. Oder?« Er sah seinen Nachbarn an.

»Mich musst nicht fragen«, erwiderte der in stoischem Gleichmut und zeigte auf den dritten. »Stoffels und ich sind erst später gekommen. Wir waren noch bei Ahrens. Der hatte Probleme mit seiner Elektrik. Dem ist beim Heimwerken die Sicherung um die Ohren geflogen.«

»Wer ist Ahrens?«, fragte Christoph.

»Hat’nen Hof. Gleich nebenan in Runeesby«, antwortete der Biertrinker.

»Und Ihr Name ist?«, wollte Christoph wissen.

»Wo das denn?«

»Wir benötigen die Namen der Zeugen.«

»Aber ich bin doch kein ein. Sag doch, dass ich nie nix geseh’n hab.«

»Trotzdem«, beharrte Christoph.

»Tu ich nich versteh’n. Wenn ich heute nix sagen kann, dann bin ich morgen auch nich schlauer.«

»Nee.« Sein Nachbar klopfte ihm auf die Schulter. »Knud, lass man. Du bist immer’nen Happen doof. Gestern. Heute. Und morgen.« Der Mann sah Christoph an. »Garantiert.«

»Klötenkasper«, erwiderte Knud.

»Knud Knudsen?«, fragte Christoph.

Der Mann sah ihn mit großen Augen an. »Bist Hellseher? Woher weißt das denn?«

»Tjä, Knud. So Kaliber wie dich kennt man. Du bist eben dümmer, als die Polizei erlaubt.«

Christoph hatte geraten. In diesem Landesteil waren Namenskombinationen wie Hans Hansen, Peter Petersen, Niels Nielsen oder eben Knud Knudsen beliebt. Er hatte Glück gehabt.

»Sie wohnen auch–«, wollte er sagen, wurde aber von Knudsen unterbrochen.

»Jo. Gleich da drüben.« Der Mann zeigte in keine bestimmte Richtung. Das war nicht erforderlich. Es ging nur Richtung Osten.

Christoph wandte sich an den Wirt. »Sie sind Herr Hottenbeck?«

Der hochgewachsene stämmige Mann mit dem grauen Vollbart und den schulterlangen Haaren unterbrach seine Aufräumarbeiten. »Ja. Warum?«

»Sie waren vor allen anderen hier?«

»Warum?«

»Beantworten Sie bitte einfach die Fragen meines Kollegen«, mischte sich Große Jäger höflich, aber bestimmt ein.

Auch Christoph war der lauernde Unterton Hottenbecks nicht entgangen.

»Wir mussten das hier aufbauen«, bequemte sich der Wirt zu einer Antwort. »Und jetzt wieder abräumen. Ich habe keinen Bock, bei dieser Scheißkälte noch länger hier draußen zu hocken.« Er sortierte Bierkrüge in einen Plastikkorb. »Wiebke«, sprach er die Frau an, die mit ihm hinterm Tresen arbeitete. »Kümmer dich mal um die Glühweinbecher. Und hier, die Flaschen, die müssen da drüben in den Karton.«

»Bin doch nicht das erste Mal hier, Wolfgang«, erwiderte die Frau unwirsch.

»Sie sind lange vor den anderen hierhergekommen«, stellte Christoph fest.

»Sagte ich doch«, behauptete Hottenbeck. »Meine Frau«, dabei zeigte er auf die Frau mit dem runden Gesicht und dem sich deutlich unter der Winterjacke abzeichnenden mittleren Ring, »und ich mussten das einrichten. Dauert immer ein bisschen.«

»War noch jemand hier? Haben Sie andere Leute gesehen?«

»Klar, die Feuerwehr. Die haben sich um ihren Mist da drüben an der Biike gekümmert.«

»Die war vor Ihnen hier?«

Während Hottenbeck nickte, mischte sich seine Frau ein. »Die sind erst später gekommen, Wolfgang. Bestimmt.«

»Woher willst du das wissen?«

»Du bist eine halbe Stunde vor mir mit der Pritsche und dem Anhänger losgefahren. Ich war noch im Lager. Wir hatten noch Kunden«, sagte sie zu den Polizisten gewandt. »Dann bin ich meinem Mann hinterher.«

»Das heißt, Sie waren zunächst ganz allein hier.«

Hottenbeck hob nur müde die Hand. Dann griff er zwei Glühweinbecher, hielt sie prüfend gegen das Licht und füllte sie anschließend aus dem Wärmebehälter voll. Er schob die beiden Trinkgefäße den Polizisten zu.

»Hier, sonst friert ihr euch noch den Hintern ab. Ist der Rest. Wird sowieso weggekippt.«

»Danke nein«, lehnte Christoph ab und konnte nicht verhindern, dass Große Jäger blitzschnell zugegriffen und den Becher an die Lippen gesetzt hatte. Genauso schnell zog er ihn wieder weg.

»Verflixt. Ist das heiß«, stöhnte der Oberkommissar.

Knudsen grinste. »Darum heißt das Zeug auch Glüh- und nicht Eiswein.«

»Du bist im Dienst«, ermahnte Christoph seinen Kollegen.

»Und? Ich bin Polizist, aber nicht Eskimo«, erwiderte Große Jäger und versuchte erneut, am Becher zu nippen. Diesmal klappte es.

»Sie waren also zunächst allein auf diesem Platz.«

»Hab nicht darauf geachtet.«

»So viele Leute tummeln sich hier nicht«, mischte sich Große Jäger ein. »Außerdem sieht man jeden Neuankömmling von Weitem. Sie müssen doch bemerkt haben, ob schon jemand hier war. Ein Auto. Keiner geht die Strecke zu Fuß.«

»Ich habe andere Dinge im Kopf gehabt«, behauptete Hottenbeck. »Nun hab ich keine Zeit mehr. Ich muss hier weg.«

Bevor der Wirt zugreifen konnte, hatte sich Große Jäger den zweiten Becher mit Glühwein geschnappt und trank ihn aus.

Die beiden Polizisten wünschten den Anwesenden noch einen schönen Abend und kehrten zu den Beamten der Spurensicherung zurück.

»Ein merkwürdiger Bursche«, sagte Große Jäger unterwegs. »Hat er wirklich nichts gesehen? Oder will er etwas verbergen?«

Christoph zeigte in die Dunkelheit. »Hier ist es stockfinster. Und wenn er mit dem Aufbau seines Getränkestandes beschäftigt war, hat er nicht auf den Holzstapel geachtet. Selbst der Feuerwehr, die viel dichter dran war, ist das Kreuz in der Biike entgangen.«

»Merkwürdige Leute«, sagte Große Jäger.

»Nordfriesen«, antwortete Christoph.

Hauptkommissar Jürgensen hatte keine weiteren Neuigkeiten. »Das habe ich auch nicht erwartet.«

»Gibt es einen Hinweis auf die Identität des Opfers?«, fragte Christoph.

Jürgensen ließ ein gekünsteltes Lachen hören. »Wie denn? Selbst wenn er irgendwelche Papiere bei sich trug… Beim Zustand der Leiche kommen wir an nichts heran. Da ist alles verkohlt. Wir können hier vor Ort nichts weiter untersuchen. Jede Maßnahme würde die verkohlten Überreste zerbröseln lassen. Das möchte ich nicht riskieren.«

»Irgendjemand muss ihn doch vermissen?«, überlegte Christoph laut.

»Nicht unbedingt. Wenn er alleinstehend war. Oder nicht von hier stammt«, wandte Große Jäger ein.

Christoph schüttelte den Kopf. »Nein. Die Gegend ist so abgelegen, zumal zu dieser Jahreszeit– dahin verirrt sich niemand durch Zufall. Das Kreuz– die Biike. Das war geplant. Da wurde auch kein Leichnam entsorgt. Hinter dieser Tat steckt etwas anderes.«

»Das fürchte ich auch«, stimmte ihm Große Jäger zu. »Und jetzt geht es ins Wochenende.«

»Halt«, hörten sie hinter sich Jürgensen rufen. Sie drehten sich um und sahen den Hauptkommissar winken.

»Was ist, Klaus?«, fragte Große Jäger. »Ist es dir gelungen, den Toten durch Mund-zu-Mund-Beatmung zu reanimieren?«

Jürgen hielt den beiden Husumern die offene Handfläche hin. »Das haben wir eben im Umkreis gefunden. Zufall.«

Die beiden Beamten beugten sich über die Handfläche.

»Was ist das?«, fragte Große Jäger und besah sich einen gelben Button. Im Hintergrund war eine weiße Pflanze aufgedruckt, darüber eine Klaviertastatur.

»›Jazzclub Louisiana Café– Flensburg-Husum‹«, las der Oberkommissar vor.

»Den kenne ich«, sagte Christoph.

»In Husum ist mir nichts fremd, aber davon habe ich noch nicht gehört. Wo liegt dieses Etablissement?«

»Das ist ein Verein, in dem sich Freunde des klassischen Jazz zusammengefunden haben. Sie treffen sich an jedem ersten Donnerstag im Monat in Husum. Dieser Button ist das Erkennungszeichen.«

»Die Eintrittskarte?«

»Nein«, erklärte Christoph. »An jedem ersten Donnerstag im Monat ist Jazz bei ›Tante Jenny‹.«

»Unsere ›Tante Jenny‹?«, fragte der Oberkommissar.

Christoph nickte. »Ich bin schon oft dort gewesen.« »Tante Jenny« war eine Husumer Traditionsgaststätte in einem der hübschen alten Häuser am historischen Binnenhafen. »Der Eintritt ist frei. Seit über zwanzig Jahren spielt dort die ›Stormtown Jazzcompany‹ klassischen New-Orleans-Jazz.«

»Eh!« Große Jäger war stehen geblieben und sah Christoph an. »Du bekommst ja richtig Glanz in die Augen.«

Christoph bat Jürgensen, den Button umzudrehen. Neugierig beugten sich die drei über das blanke Blech der Rückseite.

»Da finden sich nur wenig Schmutzpartikel«, stellte Große Jäger fest.

Christoph nickte. »Bei der Feuchtigkeit der letzten Zeit würden wir schnell Ansätze von Rost finden.«

»Innerhalb weniger Tage«, bestätigte Jürgensen.

»Das könnte jemand verloren haben.« Christoph dachte laut nach.

»Idealerweise einer der Täter«, sagte Große Jäger.

»Du sprichst in der Mehrzahl? Davon würde ich auch ausgehen. Einer allein kann das nicht aufbauen. Das waren mehrere.« Niemand widersprach Klaus Jürgensen.

»Das wird eine heikle Angelegenheit.« Dem Oberkommissar war das Jagdfieber anzumerken.

»Moment«, bremste ihn Christoph. »Dieser Fall wird von den Flensburgern verfolgt.«

»Das ist zu befürchten. Aber vielleicht können wir den Kollegen ein wenig behilflich sein.« Große Jäger zeigte Daumen und Zeigefinger und ließ zwischen beiden einen Spalt von wenigen Millimetern.

Christoph schmunzelte. Natürlich gab es in Husum keine Mordkommission, wie der Volksmund das

ZWEI

Das Wetter hatte sich übers Wochenende nicht von der besten Seite gezeigt. Schneegriesel, dazu ein frischer bis stürmischer Wind, der die Temperaturen wesentlich kälter erscheinen ließ, als die Anzeige des Thermometers zeigte, und der nur wenige Spaziergänger ins Freie gelockt hatte.

Anna hatte aus dem Fenster gesehen, den Kopf geschüttelt und Christoph allein zum Gang über den Deich geschickt. Sie hatte nichts gesagt, aber ihre Verstimmung über sein plötzliches Fortgehen hatte noch den ganzen Sonnabend über angehalten.

Christoph hatte im Internet recherchiert, Kontakt zum Präsidenten des Jazzclubs aufgenommen und gefragt, ob es ein Mitgliederverzeichnis gebe.

»Ich komme am Montag zu Ihnen«, hatte Jens Ehret versprochen.

Es klopfte, und ein Mann mit weißem Vollbart streckte seinen Kopf zur Tür herein. »Ich wollte zu Herrn Johannes«, sagte er.

»Das bin ich.« Christoph bot ihm den Besucherstuhl an seinem Schreibtisch an. »Herr Ehret?«, riet er.

Der kräftig gebaute Mann, der ein wenig an einen pensionierten Kapitän erinnerte, nickte.

»Wir haben einen Button des Louisiana Café Jazzclubs gefunden«, begann Christoph.

Ehret hob den Zeigefinger. »Es soll nicht besserwisserisch klingen, aber wir heißen Jazzclub Louisiana Café. Genau umgekehrt. Das ist wichtig, weil unser Club nach einem Stück des bekannten Jazzpianisten Jan Luley benannt ist.«

»Diese Buttons geben Sie an Mitglieder Ihres Clubs aus?«

»Richtig. Wir erheben keine regelmäßigen Clubbeiträge. Wer Mitglied werden möchte, erwirbt gegen einen geringen Betrag den Button. An unseren Clubabenden, die regelmäßig am ersten Donnerstag im Monat bei ›Tante Jenny‹ in Husum stattfinden, sind die Mitglieder durch den Button erkennbar.«

»Das bedeutet, dieser Button wird nur von Clubmitgliedern getragen?«

Ehret druckste ein wenig herum. »Na ja«, kam es zögerlich über seine Lippen. »Überwiegend.«

»Es gibt Ausnahmen?«

»Schon. Leute, die sich um die Husumer Jazzszene verdient gemacht haben, erhalten den Button als Ehrengabe.«

»Musiker?«

»Fast nur.«

»Fast?«

»Musiker, die in Husum aufgetreten sind. Ganz selten aber auch andere Leute.«

»Gibt es ein Mitgliederverzeichnis?«

Ehret nickte und griff in seine Jackentasche. »Ich habe es Ihnen mitgebracht.«

Christoph warf einen kurzen Blick darauf. Er lächelte.

»Stimmt irgendetwas nicht?«, fragte Ehret.

»Meine Frau und ich waren zufällig am Tag der Clubgründung zu Gast bei ›Tante Jenny‹. Wir haben auch einen Button erworben. Ich finde meinen Namen aber nicht auf der Liste.«

»Es war hektisch an dem Abend, zumal wir auch noch einen großartigen Gast hatten.«

»Ich weiß. Jan Luley ist gemeinsam mit den Lokalmatadoren aufgetreten.«

»Es tut mir leid«, bekannte Ehret.

Das bedeutet, dachte Christoph, dass die Liste nicht vollständig ist.

»Um was geht es überhaupt?«, fragte der Clubpräsident.

»Wir haben an einem Tatort einen Clubbutton gefunden und suchen den Inhaber als Zeugen.«

»Als Zeugen?« Es klang misstrauisch.

»Ja. Hat sich seit dem vergangenen Freitag jemand bei Ihnen gemeldet und um einen Ersatzbutton gebeten, weil er seinen verloren hat?«

»Nein. Das klingt mysteriös.«

»Keineswegs«, versuchte Christoph abzuwiegeln. »Falls das noch geschehen sollte, bitte ich Sie, uns zu benachrichtigen.«

»Ich könnte dem Clubkollegen dann sagen, er soll sich direkt mit Ihnen in Verbindung setzen«, sagte Ehret.

»Mir wäre der umgekehrte Weg lieber«, entgegnete Christoph. »Es wäre auch gut, wenn Sie es vertraulich behandeln würden.«

»Also… Auch dem Musikfreund nichts sagen?«, fragte Ehret ungläubig.

»Richtig.«

»Das ist ja ein Ding.« Erschrocken drehte er sich um, als es hinter ihm schepperte und die Tür mit einem lauten Krachen gegen die Wand schlug.

»Das ist mein Kollege, Große Jäger«, stellte Christoph vor und zeigte dann auf den Clubpräsidenten. »Herr Ehret hat uns eine Übersicht der Mitglieder des Jazzclubs gebracht.«

Große Jäger knurrte nur.

Christoph wunderte sich über dessen Beratungsresistenz. Auch Heidi Krempl hatte ihn nicht von seinen Gewohnheiten abbringen können. Er trug weiterhin die abgenutzte Jeans und die speckige Lederweste. Auf den unrasierten Wangen und am Kinn bildeten die Bartstoppeln einen dunklen Kontrast. Und die Haare glänzten. Es war mit Sicherheit kein Gel, das der Oberkommissar für den Kopfschmuck nutzte.

Große Jäger ließ sich in seinen Schreibtischstuhl fallen. Christoph war froh, dass er in Gegenwart eines Besuchers darauf verzichtete, seine Füße in der herausgezogenen Schreibtischschublade zu parken.

»Sollten Ihnen weitere Namen einfallen«, sagte Christoph zu Ehret, »verständigen Sie uns bitte.«

Der Clubpräsident versprach es und verabschiedete sich.

»Sonst gibt es keine Neuigkeiten?«, fragte Große Jäger. »Viel ist es nicht. Wir wissen immer noch nicht, wer das Opfer ist.«

»Du könntest–«, begann Christoph.

Der Oberkommissar winkte ab. »Ich bin kein Amateur. Ich werde alle Vermisstenmeldungen durchgehen.« Er sah zur Fensterbank. »Wird Zeit, dass wieder ein Kind zu uns kommt.«

»Du meinst einen jungen Kollegen?«

»Hörst du mir nicht zu? Der könnte diese Aufgabe übernehmen und Kaffee kochen«, fügte er an, griff sich den Becher, dessen Außenseite Rinnsale trockenen Kaffees zierten, und verließ das Büro. Wenig später kehrte er zurück. »Wird Zeit, dass hier ein anderer Wind weht. Nirgendwo bekommt man Kaffee. Tante Hilke ist krank. Grippe.«

»Wir haben einige Ausfälle«, bestätigte Christoph. »Du wirst dir deinen Kaffee doch selbst kochen können.«

Große Jäger streckte Christoph den Becher entgegen. »Das war dein größter Fehler, dass du Mommsen hast gehen lassen.« Er zeigte auf den freien dritten Schreibtisch. »Hättest du ihn nicht vergrault, gäbe es stets frischen Kaffee.«

Natürlich hatte Christoph den damals jungen Kommissar nicht vergrault. Mommsen hatte die Polizeihochschule in Münster besucht, war zum Kriminalrat befördert worden und leitete jetzt die Kriminalpolizeistelle in Ratzeburg.

Große Jäger rief in Flensburg an und schaltete den Raumlautsprecher ein. Nach dem üblichen Geplänkel, ob die Flensburger oder die Nordfriesen die besseren Menschen seien, wollte der Oberkommissar wissen, ob die Spurensicherung weitere Hinweise gefunden hatte.

»Rund um die Biike gab es zahlreiche Trittspuren. Die aufzunehmen ist aber nicht effektiv. Das waren die Feuerwehrleute, aber auch viele der Besucher der Veranstaltung. Das führt uns nicht weiter. Wir waren am Sonnabend noch einmal bei Tageslicht vor Ort. Auch das hat nichts ergeben. Das gilt auch für die Reifenspuren, die wir aufgenommen haben. Es sieht aus, als könnten wir sie der Freiwilligen Feuerwehr zuordnen.«

»Da wir davon ausgehen, dass die Täter mit den Gebräuchen des Biikebrennens und auch der Örtlichkeiten vertraut waren, sind das wertvolle Hinweise. Es wäre doch denkbar, dass sich der Kreis der Tatverdächtigen aus Mitgliedern der Feuerwehr rekrutiert.«

Große Jäger nahm Kontakt zum Rodenäser Wehrführer auf.

»Wissen Sie, ob das Einsatzfahrzeug in der Zeit von Mittwoch bis Freitag bewegt wurde, also bevor Sie zur Biike gefahren sind?«

»Das ist definitiv nicht gefahren«, bestätigte Jens Rieckert.

»Sie sind sich absolut sicher?«, hakte Große Jäger nach.

»Ja. Nach jedem Einsatz halten wir den Kilometerstand fest. Routinemäßig prüfe ich es. Wir sind nur zur Biike auf dem Platz vorne am Deich gewesen.«

»Damit scheidet diese Möglichkeit aus«, sagte Christoph aus dem Hintergrund. »Wir müssen nach anderen Verdächtigen Ausschau halten. Das bedeutet Polizeiarbeit vor Ort. Befragung der Anwohner. Sind dort fremde Autos aufgefallen? Hat sich jemand merkwürdig verhalten? Die Gegend ist so dünn besiedelt, da fallen auswärtige Autos auf. Insbesondere um diese Jahreszeit.«

»Gibt es Hinweise auf die Identität des Opfers?«, fragte Große Jäger.

»Mir ist nichts bekannt. Das alles liegt jetzt beim LKA in Kiel.«

Sie wurden durch das Klingeln des Telefons unterbrochen. Christoph nahm ab.

»Ich komme«, sagte er und erklärte seinem Kollegen, dass der Flensburger Polizeidirektor, der nach der Zusammenlegung der Flensburger mit der Husumer Direktion der verantwortliche Leiter war, ihn in den Besprechungsraum gebeten hatte.

Behrend Petersen war ein hager wirkender Mann, sportlich und durchtrainiert. Jeder wusste, dass er Marathonläufer war.

»Herr Johannes«, empfing ihn der Polizeidirektor und bat Christoph, Platz zu nehmen, nachdem auch der dritte Mann im Raum mit Handschlag begrüßt worden war.