Tod im Koog - Hannes Nygaard - E-Book

Tod im Koog E-Book

Hannes Nygaard

4,4

Beschreibung

Bei der feierlichen Eröffnung der neuen "Kurklinik Am Wattenmeer" trifft sich alles, was in Husum Rang und Namen hat. Vertreter von Politik und Kirche geben sich ein Stelldichein, der Alkohol fließt in Strömen - und am nächsten Morgen gibt es zwei Opfer zu beklagen: Eine Krankenschwester wurde brutal vergewaltigt, eine andere erschlagen. Was ist bei der Feier passiert? Hauptkommissar Christoph Johannes von der Husumer Kripo und sein Kollege Große Jäger stehen vor einem rätselhaften Fall: Jemand aus dieser feinen Gesellschaft muss der Mörder sein.

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Rainer Dissars-Nygaard, Jahrgang 1949, studierte Betriebswirtschaft und war als Unternehmensberater tätig. Er lebt als freier Autor auf der Insel Nordstrand. Im Emons Verlag erschienen unter dem Pseudonym Hannes Nygaard die Hinterm Deich Krimis »Tod in der Marsch«, »Vom Himmel hoch«, »Mordlicht«, »Tod an der Förde«, »Todeshaus am Deich«, »Küstenfilz«, »Todesküste«, »Tod am Kanal«, »Der Inselkönig«, »Der Tote vom Kliff«, »Sturmtief«, »Schwelbrand« sowie die Niedersachsen Krimis »Mord an der Leine«, »Niedersachsen Mafia« und »Das Finale«.www.hannes-nygaard.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2012 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: Heribert Stragholz Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, LeckISBN 978-3-86358-156-5 Hinterm Deich Krimi Originalausgabe

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Dieser Roman wurde vermittelt durch die AgenturEDITIO DIALOG, Dr. Michael Wenzel, Lille, Frankreich(www.editio-dialog.com)

Für Horst,

Cat (†)

Die Summe unseres Lebens sind die Stunden, in denen wir lieben.

EINS

Frode Hansen stand ein wenig abseits auf dem neu angelegten Rasen und beobachtete belustigt das muntere Treiben der anderen. Er kratzte sich an seinem gepflegten Dreitagebart im wettergegerbten Gesicht. Ein grauer Haarkranz umrankte seine Glatze und mündete in einen mit einer Schleife gehaltenen Zopf.

»Es schadet dir nicht, wenn du einmal aus deinem Garten herauskommst«, hatte ihn der Propst gelockt. »Ich bin leider verhindert. Es wäre mir lieb, Frode, wenn du mich vertreten würdest.«

»Ich liebe meinen Garten. Außerdem fürchte ich, dass es bei dieser Veranstaltung nicht um das Seelenheil irgendwelcher Christenmenschen geht.«

»Liegen dir nur Christen am Herzen?«, hatte der Propst gespottet.

»Du solltest auf ein Glas Wein nach Bredstedt kommen. Dann können wir uns unter den Apfelbaum setzen und theologische Grundsatzdiskussionen führen.«

»Das würde ich gern, mein lieber Frode. Aber die Zeit … Und da wir schon beim Gebot der Nächstenliebe sind … Ich danke dir für deine Hilfe. Du nimmst also den Termin wahr?«

»Das habe ich nicht gesagt«, hatte Hansen erwidert, aber sein Widerstand war ungehört geblieben. »Um was geht es dort letztlich?«, hatte er mit einem Seufzer resigniert. Es ärgerte ihn ein wenig, dass er den Propst am anderen Ende der Leitung im Stillen frohlocken hörte.

»In den Reußenkögen wird eine neue Kurklinik eingeweiht.«

»Aha! Und da ist geistlicher Beistand vonnöten.«

»Kann ich einmal ohne Unterbrechung reden?«, hatte der Propst gefragt und dabei gelacht. »Also! Die Klinik wurde von der Sanitas Klinik GmbH gebaut. Und daran sind wir, das heißt die Nordelbische Kirche, indirekt beteiligt. Mehrheitsgesellschafter ist die Caritas über eine Tochtergesellschaft. Du siehst, Frode, es handelt sich um ein ökumenisches Projekt.«

»Wohl eher ökonomisch«, hatte Frode Hansen gebrummt und sich Ort und Datum nennen lassen. Jetzt stand er auf dem Rasen der neuen Klinik und musterte die anderen Gäste, die zur feierlichen Eröffnung geladen waren.

Vor dem an einer Seite aufgeschlagenen Zelt mit dem vom Küchenpersonal der Klinik hergerichteten kalten Büfett stand inmitten einer Gruppe Monsignore Gotthold Kuslmair, der mit einem schwarzen Audi A8 aus Hildesheim angereist war. Der Geschäftsführer der Trägergesellschaft, die die neue Klinik betreiben sollte, war ein hochgewachsener schlanker Mann mit einem scharf geschnittenen Raubvogelgesicht. Insgesamt wirkte der Mann asketisch. Dazu trugen sicher auch der elegante dunkelgraue Anzug und der weiße Kragen des katholischen Geistlichen bei.

Kuslmair übte wichtige Funktionen im Bistum Hildesheim aus. Man sagte ihm nach, so hatte der Propst Frode Hansen informiert, dass der Monsignore ein ebenso erfahrener wie gewiefter Finanzmanager war und mit großem Geschick die wirtschaftlichen Interessen des Bistums managte. Dazu gehörte auch die Sanitas Klinik GmbH. Natürlich hatte Kuslmair promoviert: Dr. phil. Gotthold Kuslmair.

Um den Monsignore hatte sich eine kleine Gruppe von Männern geschart, die jetzt pflichtschuldig lachte, weil der Geistliche offenbar etwas Heiteres zum Besten gegeben hatte.

Am schrillsten klang die Stimme eines kleinen untersetzten Mannes mit spärlichem Haarwuchs herüber. Der Mann mit dem runden Vollmondgesicht trug eine beige Cordjacke und eine Jeans. Das schwarz-weiß karierte Hemd passte ebenso wenig zur übrigen Kleidung wie die braunen Schuhe. Hansen verstand nicht, was Addi Blödorn, wie er sich vorgestellt hatte, als Repräsentanten des Kreises qualifizierte. Blödorn hatte es vermieden, seine Funktion innerhalb der Kreisverwaltung zu nennen, sondern lediglich berichtet, dass Landrat und Kreispräsident verhindert seien. In deren Namen hatte Blödorn mit seiner quiekenden Stimme eine Grußbotschaft von einem zerknitterten Zettel abgelesen.

Da war die Rede des Monsignore, ohne Manuskript mit einem unverkennbar bayerischen Dialekt frei vorgetragen, ein ganz anderes Kaliber gewesen. Kuslmair hatte von christlicher Verantwortung und vom sozialen Engagement der Caritas gesprochen und nur in einem Halbsatz erwähnt, dass beide großen christlichen Kirchen hinter diesem Neubauvorhaben standen.

Die wartenden Gäste hatten noch die Worte des Verwaltungsleiters erdulden müssen. Willi Zehntgraf hatte sich auf Zahlen und Fakten beschränkt. Mit achtzig Plätzen war die Klinik nicht sehr groß, bot aber in der strukturschwachen Region ein paar Dutzend zusätzliche Arbeitsplätze. Zehntgraf hatte sich während seines kurzen Vortrags fortwährend den Schweiß von der Stirn gewischt, konnte aber nicht verhindern, dass es ihm in Bächen von den Koteletten herablief und von der Stirn auf Augen und Nase tropfte. Hansen hatte beobachten können, dass die Hand des Mannes, die den Spickzettel hielt, während der ganzen Rede zitterte. Unter den Achseln und zwischen den Schulterblättern Zehntgrafs hatten sich auf dem dunkelblauen Hemd großflächig dunkle Schweißflecken abgezeichnet, als der Verwaltungsleiter nach seinen Ausführungen das Sakko über eine Stuhllehne ablegte.

Zwischen den in Gruppen auf dem Rasen stehenden Gästen liefen Mitarbeiter der Klinik mit Tabletts herum und boten Getränke an. Eine Frau mit einer rotblonden Kurzhaarfrisur kam auf Hansen zu. Sie balancierte ein Tablett mit mehreren Sektgläsern und anderen Getränken. Belustigt stellte Hansen fest, wie die Zungenspitze aus dem Mund hervorlugte und sich sanft zwischen den Lippen bewegte, als müsse sie damit das Gleichgewicht austarieren. Sie war keine Katalogschönheit, hatte aber ein hübsches Gesicht mit Stupsnase und ausdrucksvollen braunen Augen. Unter dem T-Shirt zeichneten sich wohlgeformte Rundungen ab, die von einer gewissen, aber nicht zu großen Üppigkeit waren. Die Taille und der sexy Po in der weißen Jeans verliehen ihr eine sympathische Attraktivität. Aus den Augenwinkeln bemerkte Hansen, dass ihr auch aus der Gruppe der Bauarbeiter und Handwerker, die am Rande der Rasenfläche standen, interessierte Blicke zugeworfen wurden.

»Eh, komm doch mal rüber«, rief einer und wedelte mit dem Bierkrug in der Hand.

»Hier ist Stimmung, du Zuckerfee«, mischte sich sein Kollege ein und erntete dafür das schallende Gelächter der Handwerker.

Die Frau hatte sich Hansen genähert und hielt ihm das Tablett entgegen. »Darf ich Ihnen noch einen Sekt anbieten?«, fragte sie mit einer angenehmen tiefen Stimme, die deutlich eine schwäbische Herkunft verriet.

»Danke, Schwester …« Hansen zögerte einen Moment und suchte den Namen der Frau. »Schwester Heike«, ergänzte er, nachdem er das Namensschild oberhalb der weiblichen Rundungen gefunden hatte. »Ich habe noch.« Er hielt ihr sein halb volles Glas mit Rotwein entgegen. »Ein Schluck zur Geselligkeit – ja. Aber das reicht auch.«

Schwester Heike lächelte ihn an. Es war ein mattes, erschöpft wirkendes Lächeln. Sie bewegte andeutungsweise den Kopf in Richtung der anderen Gäste. »So wie Sie denkt nicht jeder.«

»Die Eröffnung ist für manch einen ein Anlass, die Mühen der vergangenen Wochen für ein paar Stunden zu vergessen«, erwiderte Hansen ausweichend.

Sie seufzte. »Das können Sie laut sagen. Die Termine waren viel zu eng gesetzt. Anfang nächster Woche kommen die ersten Patienten. Dabei mangelt es noch an vielen Ecken.«

»Sie gehören zum medizinischen Personal?«, fragte Hansen, um sie abzulenken.

»Ja. Der Doktor und wir drei Krankenschwestern. Da sollen noch welche eingestellt werden. Aber die sparen an allem. Die vom grünen Tisch haben keine Ahnung, wie wir das mit dieser kleinen Belegschaft schaffen sollen. Ganz abgesehen davon, dass uns noch viele medizinische Einrichtungsgegenstände fehlen. Die Medikamente sind noch nicht geliefert, die Dienstkleidung ist falsch, und …« Sie winkte ab. »Nichts ist in Ordnung. Aber auf uns hört man ja nicht da oben.« Sie hob sanft den Kopf und zeigte mit der Stirn gen Himmel. Es sah aus, als würde sie den Himmel und die Verantwortlichen für das Neubauvorhaben gleichsetzen wollen. Dann holte sie tief Luft. »Sie sind Pastor Hansen aus Bredstedt?«, fragte sie.

Frode Hansen winkte ab. »Ich bin seit vielen Jahren im Ruhestand. Aber es ist richtig. Früher war ich an St. Nikolai.«

»Ich war ein paarmal bei Ihnen im Gottesdienst«, sagte Schwester Heike. »Hat mir immer gut gefallen, wenn Sie Vertretung gemacht haben.«

»Danke.« Hansen war eine Spur verlegen. »Ich hoffe, Sie kommen aber nicht nur deshalb in die Kirche.«

Sie sah ihn aus ihren ausdrucksvollen braunen Augen an. »Nein.« Schwester Heike lächelte. »Das ist mir ein inneres Bedürfnis. In meinem Glauben finde ich die Kraft, die in den letzten Wochen hier draufgegangen ist. Doch in der nächsten Woche geht der Wahnsinn erst richtig los, wenn die ersten Patienten kommen und nichts klappt. Ich weiß gar nicht, wie ich das meinem Mann klarmachen soll. Der hat mich in der letzten Zeit kaum gesehen. Ich fürchte, er fühlt sich mittlerweile vernachlässigt.«

»He, du Sexbombe«, rief jemand aus der Gruppe der Bauarbeiter. »Komm mal rüber zu uns. Wir wollen deine Gesellschaft. Die haben wir uns verdient.«

»Bring die anderen Schnuckelchen auch mit«, ergänzte einer seiner Kollegen. »Heute wird gefeiert. Da lassen wir es richtig krachen.«

»Hier geht’s handfest zu. Wir sind nicht so ’ne Langweiler wie die Weißkragenproleten«, lallte ein Dritter. »Oder glaubst du, der Pfaffe kümmert sich um deine Lust?«

»Halt die Klappe«, wurde er von seinem Kollegen zurechtgewiesen. »Du bist hier Gast.«

»Nach der Arbeit das Vergnügen«, protestierte der Bauarbeiter und schwenkte seine Bierflasche.

»Hören Sie nicht auf die. Der Alkohol enthemmt«, sagte Hansen zu Schwester Heike, die mit einem verlegenen Gesichtsausdruck die Anwürfe der Männer verfolgt hatte.

»Ach, Hähne, die gackern, legen keine Eier«, tat sie es ab und entfernte sich mit dem Getränketablett in die entgegengesetzte Richtung.

Ein Mann mit wallendem Haar, das bis über den Kragen seiner Jacke aus grober Seide reichte, löste sich aus der Gruppe um den Monsignore und kam, eine Hand lässig in die Tasche seiner hellen Hose vergraben, auf Hansen zu. Bei den offiziellen Reden war er als Jean de Frontier, der verantwortliche Architekt des Bauvorhabens, vorgestellt worden. De Frontier trug eine zu enge Hose. Deutlich zeichnete sich seine Männlichkeit unter dem hellen Stoff ab. Für einen Moment spielte Hansen mit dem Gedanken, ob er den Mann nach dem Trick mit der Hasenpfote fragen sollte, die einem Gerücht zufolge von Balletttänzern zum Ausstaffieren ihres engen Kostüms getragen werden sollte.

Der Architekt hatte ein von Furchen gezeichnetes Gesicht, das verlebt aussah. Die Bräune sah ebenso künstlich aus wie die dichten blonden Brauen. Die Tränensäcke waren nicht zu kaschieren gewesen. Über eine Halbbrille auf der Spitze der langen Nase maß de Frontier Hansen mit einem langen Blick.

»Und?«, fragte er, als er Hansen gegenüberstand. »In welcher Funktion sind Sie hier?« Er nippte an seinem Sektglas und verzog das Gesicht, als hätte er Essig probiert. »Fürchterliches Zeug. Völlig ungenießbar. Vielleicht haben die Proleten sogar recht.« Dabei deutete er mit seinem Glas in die Richtung der johlenden Bauarbeiter. »Wenn die sich mit Bier vollschütten.« De Frontier wurde kurz abgelenkt, als eine andere Schwester in der Nähe über den Rasen ging. Sie war deutlich jünger als Schwester Heike, hatte eine dunklere Haut und lange blonde Haare, die bis zum Ende der Schulterblätter reichten. Sie war ähnlich wie Schwester Heike gekleidet. Hansen bemerkte, wie es in den Augen des Architekten aufblitzte und de Frontier sich mit der Zungenspitze über die Lippen fuhr. Es war jener Blick, von denen Frauen oft sagten, sie würden damit ausgezogen.

»Ich bin Ihr Auftraggeber«, sagte Hansen und zog damit die Aufmerksamkeit des Architekten auf sich.

»Mein – was?«, fragte de Frontier irritiert. Ihm war anzumerken, dass er nur widerwillig seinen Blick von der jungen Frau lassen konnte.

»Wir sind die Betreiber dieser Klinik«, sagte Hansen und bezog damit eine Position, die ihm nicht behaglich war. Schließlich war er nur als Vertreter des Propstes anwesend.

»Sie sind ein Mitarbeiter von Kuslmair?«

»Ein Partner«, stellte Hansen richtig. »Betreiber der neuen Klinik ist eine Gesellschaft, die von beiden Kirchen getragen wird.«

»Also doch! Irgendwie gehören Sie zu Kuslmair.« Der Architekt machte einen verärgerten Eindruck, weil er Hansens Ausführungen nicht folgen konnte.

»Hinter der Sanitas Klinik GmbH stehen die beiden großen Kirchen.«

De Frontier verzog die Mundwinkel zu einem spöttischen Grinsen. »Groß? Das ist doch Vergangenheit.«

»Wenn Sie meinen«, entgegnete Hansen. »Vielleicht hätten wir uns früher, als sich noch mehr Menschen zur Kirche bekannt haben, einen besseren Architekten leisten können.«

De Frontier lief rot an und schnappte nach Luft. Er warf Frode Hansen einen letzten vernichtenden Blick zu und eilte dann der jungen Schwester mit den langen blonden Haaren hinterher, die durch den Garteneingang ins Haus verschwunden war.

Hansen lächelte vergnügt in sich hinein. Er mochte Leute wie den Architekten nicht, die vor Überheblichkeit nahezu platzten und von dem Glauben an die eigene Größe beseelt waren. Der Mann war mit einem Porsche vorgefahren. Das war in Hansens Augen kein Manko. Wer viel und gut arbeitete und erfolgreich war, durfte sich nach seinen Vorstellungen auch etwas gönnen. Die Art, wie de Frontier noch einmal den Motor hatte aufheulen lassen, um ja alle Blicke auf sich zu ziehen, missfiel Frode Hansen aber.

Der Pastor schlenderte gemächlich durch den Garten, blieb an einem sauber geharkten Beet stehen und betrachtete die zarten Knospen der Rosen. »Bist du eine ›Buismans Triumph‹?«, murmelte Hansen, beugte sich ein wenig vor und ließ eine der hellroten Blüten sanft zwischen seinen Fingern wiegen.

»Eine was?«, hörte er eine Stimme hinter sich und drehte sich um.

Unbemerkt war ein mittelgroßer Mann herangetreten und sah zuerst die Rose, dann Hansen an. Er hatte rotblonde Haare, ein rundes, frisches Gesicht und eine Figur an der Grenze zum Untersetztsein, ohne rundlich zu wirken.

»Oh, Herr Kirchner«, begrüßte Hansen Husums Bürgermeister, der zu den Gästen zählte und bei der offiziellen Eröffnung zuvor einer der Festredner gewesen war. »Ich bin mir nicht sicher, ob diese Rose die Sorte ›Buismans Triumph‹ ist, eine Züchtung aus den fünfziger Jahren.« Hansen schnupperte an seinen Fingern, an denen ein zarter Rosenduft hängen geblieben war. »Ist das nicht wunderbar, was uns die Natur schenkt? Rosen bedeuten für mich die Krone der Gartengewächse in unseren Breitengraden.«

»Sie sind Blumenliebhaber?«, fragte Kirchner.

Hansen nickte. »Seit meiner Pensionierung lebe ich für meinen Garten.«

»Das trifft nicht ganz zu«, meinte der Bürgermeister. »Ich habe oft von Ihnen gelesen, dass Sie sich vielfältig engagieren. Und ganz haben Sie Ihre pastorale Berufung auch noch nicht aufgegeben.«

Hansen spitzte die Lippen. »Das wird immer seltener, dass ich Vertretungsdienst mache. Das ist ein Tribut, den man dem Alter zollen muss.«

»Aber, aber«, scherzte Kirchner. »Sie wirken noch sehr vital.«

»Nicht mehr so wie die Radaubrüder da drüben.« Hansen deutete in die Richtung der Bauarbeiter, aus deren Mitte jetzt lautstark einer weiteren Krankenschwester hinterhergerufen wurde. Sicher lag es am fortgeschrittenen Alkoholkonsum, dass die Obszönitäten immer deftiger wurden.

»Irgendjemand sollte den Herren Einhalt gebieten«, sagte Hansen und ging, gefolgt von Kirchner, auf die Gruppe zu, die sich um Monsignore Kuslmair geschart hatte.

Dr. Aufgänger, der bei der Präsentation als der medizinische Leiter vorgestellt worden war, nickte Hansen und Kirchner kurz zu und lauschte dann wieder den Ausführungen Kuslmairs.

»Herr, äh …«, unterbrach der Monsignore seine Ausführungen und sah Hansen an.

Er hatte keine Ambitionen, seinen Namen zu nennen. Er war sich nicht sicher, ob Kuslmair wirklich seinen Namen vergessen hatte oder mit dieser Anmerkung nur Hansens Bedeutungslosigkeit unterstreichen wollte. Frode Hansen nickte dem Monsignore huldvoll zu. »Herr Kollege«, sagte er mit einer betont einschmeichelnd klingenden Stimme.

Deutlich war an der hochgezogenen Augenbraue Kuslmairs ersichtlich, dass er sich durch Hansens Anrede »Kollege« brüskiert fühlte. Auch de Frontier hatte es bemerkt und nutzte die Gelegenheit gegenüber Hansen zu einem Revanchefoul.

»Ich glaube, Monsignore Kuslmair sieht einen evangelischen Geistlichen nicht auf Augenhöhe«, stichelte er.

»Ihnen scheinen alle Gemeinsamkeiten der christlichen Kirchen verborgen geblieben zu sein«, erwiderte Hansen. »Nehmen Sie dieses Objekt. Das ist gelebte Ökumene.«

De Frontier zeigte ein arrogant wirkendes Lächeln. »Ihr lieber Gott scheint an vielen Stellen nicht mehr mit den zahlreichen Problemen dieser Welt zurechtzukommen«, sagte er. »Wenigstens hat er sein soziales Gewissen noch nicht abgelegt und kümmert sich um Institutionen wie die ›Kurklinik Am Wattenmeer‹.«

»Meine Herren«, fuhr Willi Zehntgraf, der Verwaltungsleiter, dazwischen und wischte sich die feinen Schweißperlen von der Stirn. »Darf ich Sie noch einmal ans Büfett bitten? Unsere Küche hat sich alle erdenkliche Mühe gegeben.« Er zeigte auf das weiße Zelt, in dem lange Tische mit bis zum Erdboden reichenden weißen Decken aufgebaut waren.

»Danke«, winkte de Frontier ab und hielt sein Glas in Richtung Schwester Heike, die wenige Schritte entfernt mit ihrem Getränketablett wartete.

Rasch kam sie heran und hielt dem Architekten die Auswahl hin.

De Frontier nahm ein neues Glas Sekt. »Das könnte ein wenig mehr gekühlt sein«, beklagte er sich und rückte dicht an Schwester Heike heran. »Wenn Sie nach dieser Veranstaltung Lust haben, lade ich Sie auf ein Glas richtigen Champagner ein. Sie werden sehen, welche Unterschiede es gibt.«

»Wir legen Wert darauf, alles in einem vertretbaren Kostenrahmen …«, stammelte der Verwaltungsleiter.

Er wurde durch Kuslmair unterbrochen. »Sie und Ihre Mitarbeiter haben alles hervorragend organisiert«, sagte der Monsignore mit fester Stimme. »Im Unterschied zu Herrn de Frontier, der seine Mitarbeiter nicht mehr im Griff hat.« Er spielte damit auf die Schar der Bauarbeiter an, die jetzt lautstark lärmte und sich um zwei aus ihrer Mitte gruppiert hatte, die offensichtlich in Streit geraten waren.

»Das Volk sind nicht meine Mitarbeiter«, sagte der Architekt. Es klang tief beleidigt. Dann wandte er sich an Schwester Heike. »Wie heißt eigentlich Ihre schnuckelige Kollegin? Die mit den langen blonden Haaren?«

»Die, die sich beklagt hat, dass Sie ihr vorhin ins Haus nachgeschlichen sind und …« Heike war rot angelaufen.

»Heike, mein Karbolmäuschen«, säuselte Dr. Aufgänger mit belegter Stimme und legte seine Hand auf den Oberarm der Krankenschwester. »Genießen Sie den Abend. Es ist doch eine nette, ungezwungene Atmosphäre.«

Schwester Heike befreite sich energisch aus dem Griff des Arztes. »Ich hole neue Getränke«, sagte sie an Zehntgraf gewandt.

Der Verwaltungsleiter hatte sich suchend umgesehen. »Wo ist eigentlich der Mann von der Kreisverwaltung?«, fragte er.

»Der ist drinnen«, erwiderte de Frontier. »Er ist einer Ihrer Kolleginnen gefolgt.« Dabei sah der Architekt die Schwester an. »Soll ich Sie auch ins Haus begleiten?«

Mit einem wütenden Zischlaut in seine Richtung verschwand Heike in Richtung Hintereingang der Klinik.

»Wann kommen die ersten Patienten?«, wandte sich der Monsignore an den Verwaltungsleiter.

Zehntgraf atmete erleichtert auf, als mit dieser Frage ein unverfängliches Thema angeschnitten wurde.

Frode Hansen hörte noch zehn Minuten zu. Dann reichte es ihm.

»Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend«, verabschiedete er sich. »Meine Frau wird mich in einer Viertelstunde abholen.«

»Ich glaube, ich werde auch gehen«, sagte Bürgermeister Kirchner. »Auf mich warten noch andere Verpflichtungen.« Er gab Frode Hansen die Hand und verabschiedete sich von den anderen in der Runde.

»Kommen Sie mit zum Parkplatz?«, fragte Hansen.

Kirchner schüttelte den Kopf. »Nein danke. Ich muss noch einmal zu den kleinen Königstigern im Haus, bevor ich mich auf den Heimweg mache.«

Hansen umrundete das Gebäude und wartete an der Einfahrt zum Parkplatz auf seine Frau. Von der Gartenseite drangen lautes Gejohle und Musik herüber, während Hansen langsam zwischen den Fahrzeugen entlangschlenderte. Es dauerte zwanzig Minuten, bis seine Frau erschien und ihn abholte.

ZWEI

Der kalendarische Sommer hatte vor drei Tagen begonnen. Tatsächlich dauerte die Schönwetterperiode schon etwas länger an. Das machte sich sofort in der Stadt bemerkbar. Die Restaurationsbetriebe hatten ihre Tische und Stühle ins Freie gerückt; Einheimische sowie die Gäste der bunten Stadt am Meer machten reichhaltig Gebrauch von diesem Angebot.

Erster Hauptkommissar Christoph Johannes bedauerte es, dass er, seitdem er mit seiner Partnerin Anna eine gemeinsame Wohnung auf Nordstrand bezogen hatte, bei diesem Wetter nicht mehr zu Fuß von seiner ehemaligen Wohnung in der Berliner Straße zur Husumer Polizeidirektion gehen konnte. Er hatte es genossen, zu früher Stunde die Stadt zu durchqueren, am Wasserturm in den Schlosspark abzubiegen und dieses besonders zur Zeit der Krokusblüte von zahlreichen Besuchern bestaunte Areal zu durchqueren. Jetzt führte ihn sein Weg aus England, dem Nordstrander Ortsteil, über den Damm zum Festland. Obwohl ihm die Strecke vertraut war, genoss er es immer wieder, zwischen dem Wattenmeer und dem einzigartigen Naturschutzgebiet Beltringharder Koog hindurch und weiter am Küstensaum in die Kreisstadt zu fahren. Sieben Jahre war er jetzt kommissarischer Leiter der Kriminalpolizeistelle, wie seine Dienststelle etwas umständlich im Amtsdeutsch hieß. Er, der Kieler, konnte es sich inzwischen nicht mehr vorstellen, an einem anderen Fleck als Nordfriesland zu leben und zu arbeiten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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