Bipolaras Glassprünge - Julika Lee - E-Book

Bipolaras Glassprünge E-Book

Julika Lee

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Beschreibung

Die bipolare Lara steht mitten im Leben. Sie hat einen gut bezahlten Job als Webdesignerin und ist gerade dabei, ihr Traumhaus zu bauen. Doch plötzlich bricht sie zusammen. Angst und Erschöpfung überschwemmen sie. Hat sie sich verausgabt? Kurz darauf fällt sie in Phasen voller Energie und Tatendrang. Als Lara beginnt zu halluzinieren, findet sie sich in einer Psychiatrie wieder. Dort wird sie ans Bett gefesselt und gegen ihren Willen mit Medikamenten sediert. Für Lara beginnt ein Kampf – gegen ihre Krankheit, gegen ein System voller Zwang und für Menschlichkeit. Hinter verschlossenen Türen erlebt sie Gewalt, Ohnmacht und das schmerzhafte Gefühl, nicht verstanden zu werden. Dieses Buch ist autobiografisch und basiert auf wahren Begebenheiten. Die Autorin schildert ihre eigenen Erfahrungen und gibt einen ehrlichen und unverfälschten Einblick in das Leben mit einer schweren psychischen Erkrankung. „Bipolaras Glassprünge“ ist kein Roman im klassischen Sinn, sondern ein mutiges Zeugnis einer Frau, die zerbricht – und dennoch nicht verstummt.

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Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Bipolaras
Glassprünge
Julika Lee
Für Fragen und Anregungen
5. Auflage 2026
Copyright © 2026 Julika Lee
ISBN: 978-3-384-79260-0
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: Julika Lee, Merkurweg 6, 71665 Vaihingen/Enz, Deutschland. Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Inhaltsverzeichnis
Vorworti
Das Traumprojekt1
Das Trauma erwacht10
Die Stillen Hilferufe23
Im Nebel der Verständnislosigkeit34
Der Twist in die Depression48
Abfahrt ins Tal der Wahnvorstellungen61
In der Psychiatrie84
Die göttlichen Eilzüge in Weiß117
Rauswurf aus der Psychiatrie136
Abgeprallt – und Laras Brief an den Engel149
Über die Autorin167
Vorwort
Dieses Buch ist aus dem Bedürfnis entstanden, einen Blick in Räume zu werfen, die man von außen nur selten sieht. Psychiatrie ist ein Ort, an dem Hoffnung und Angst oft nebeneinander liegen – ein Ort, an dem Menschen heilen sollen und doch manchmal zerbrechen.
Ich erzähle die Geschichte von Lara, die an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stößt. Ich erzähle von der Kraft, die sie braucht, um sich ihrer eigenen Wahrheit zu stellen, und von Beziehungen, die leiden, wenn eine psychische Erkrankung plötzlich alles verändert – beim Partner, bei Freunden oder in der Familie.
Ich wünsche mir, dass dieses Buch Mut macht: Mut, über psychische Krisen zu sprechen. Mut, hinzuhören. Mut, Grenzen zu erkennen – die eigenen und die der Systeme, die uns eigentlich schützen sollen.
Lara ist nicht jede Frau. Doch sie könnte viele sein.
Das Traumprojekt
Die sonst so fröhliche Lara blickte betreten auf den Asphalt und zuckte leicht zusammen, als sich die automatische Gebäudetür hinter ihr mit einem satten Schnappen schloss. Sie schaute nach oben, direkt in die Augen ihres Ehemannes Matthias, der ebenfalls etwas irritiert schien. "Das war ja peinlich!" Lara nickte zu seinen Worten und ergänzte: "Und wie! Und außerdem viel zu gehetzt. Ich habe kein vorgelesenes Wort des Notars verstanden." Bevor die junge Frau weitersprechen konnte, fuhr ein hupendes Auto vorbei. Darin saßen ihre künftigen Nachbarn, die, genau wie sie, gerade ein Grundstück in einem neu erschlossenen Neubaugebiet gekauft hatten. Matthias, der früher mit Thomas Seevogel Fußball gespielt hatte, winkte zurück.
Zuvor beim Notar hatte der Termin mit einer peinlichen Situation begonnen. Es war ein gemeinschaftlicher Notartermin gewesen, an dem Lara und Matthias sowie das Ehepaar Seevogel teilnahmen, die geschäftig in ihren mitgebrachten Unterlagen blätterten. Notar Lukas Schneub fragte Lara und Matthias, ob sie den vorab zugesandten Kaufvertrag auch dabei hätten. Die jungen Eheleute schauten sich erschrocken und peinlich berührt an. "Nein, das haben wir nicht. Wir wussten nicht, dass wir unsere Exemplare bei diesem Termin benötigen", meinte Matthias schließlich. Herr Schneub lächelte nachsichtig und höflich und reichte eine Kopie über den Tisch. Lara stieg das Rot in die Wangen und aus den Augenwinkeln sah sie, wie Michelle Seevogel mit ihren blau geschminkten Augen interessiert herüberschaute.
Der Notar fing an, die Kaufverträge mit schnellen Worten vorzulesen. Es war kein Wort zu verstehen. Nun blickte Lara zu ihren künftigen Nachbarn und stellte erleichtert fest, dass es jenen offensichtlich genauso erging. "Haben Sie den Inhalt der Verträge verstanden?", fragte Herr Schneub freundlich in die Runde, nachdem er das Herunterrattern der Textpassagen beendet hatte. Alle nickten eifrig. "Wie sollte es auch anders sein, mit dem Kaufvertrag vor Augen?", fragte sich Lara insgeheim. Der Moment der Unterschriften war gekommen. Nachdem die Seevogels ihren Kaufvertrag schwungvoll unterschrieben und sich von allen mit Händedruck verabschiedet hatten, lagen die Blätter unterschriftsbereit vor Lara und Matthias. Nach einem tiefen Luftholen signierten beide den hart erkämpften ersten Weg zu ihrem Traumprojekt."Jetzt haben wir endlich ein Grundstück für unser Traumhaus. Fehlt nur noch das Haus", meinte Matthias und riss Lara aus ihren Gedanken. Die nickte und spürte Freude und Beklommenheit zugleich in sich. Ihr Mann schien das zu spüren und schob sie sanft in Richtung Auto. "Komm, lass uns hinfahren zu unserem neu erworbenen Grundstück."
Hinter Lara und Matthias lag eine jahrelange Suche nach einem Bestandshaus in der Umgebung – erfolglos. Daraufhin bewarben sie sich auf Grundstücke und mussten viele Niederlagen einstecken. Doch dann endlich bekamen sie den Zuschlag für ein Grundstück. Sie waren eine von 400 Familien gewesen, welche sich auf 30 Grundstücke beworben hatten. Eine große Portion Glück und zehn Freudentänze später war es nun soweit. Sie waren stolze Grundstücksbesitzer, die weitere Entscheidungen treffen mussten. Bei welcher Bank sollten sie finanzieren? Wo gibt es die besten Konditionen? Hausbau mit einem Generalunternehmen, welches mit eigenen Subunternehmen arbeitet? Oder freier Hausbau mit einem Architekten, der per Ausschreibungen nach den verschiedenen Gewerken sucht und auch eigens vorgeschlagene Gewerke akzeptiert? Lara schwirrte der Kopf. Sie besuchten Musterhausausstellungen, holten Angebote ein, führten Erstgespräche mit Generalunternehmen von Fertighäusern und mit diversen Architekten. Einer meinte lapidar: "Bisher habe ich keine Einfamilienhäuser gebaut, was aber nicht heißt, dass ich keines bauen könnte." Ein anderer empfing das junge Ehepaar ganz lässig in Socken und zeigte stolz seine bisher umgesetzten Hausprojekte.
"Das sind doch alles Pappwände bei den Fertighäusern", sagte Lara zu Matthias, als sie zum wiederholten Male die Prospekte durchschaute und sich die selbst geknipsten Bilder der vielen Musterhausausstellungen ansah. "Ich glaube, das mag ich nicht haben. Außerdem haben wir mit einem eigenen gebauten Haus viel mehr individuelle Gestaltungsmöglichkeiten." Matthias runzelte nachdenklich die Stirn. "Ja, schon. Aber lass uns noch weiter schauen. Auf ein paar Wochen mehr oder weniger kommt es nun auch nicht mehr an." Lara fügte sich seufzend.
Wochen voller Anspannung vergingen. Als Lara eines Morgens aufstand und sich eilig für die Arbeit zurechtmachte, ahnte sie nicht, welche Überraschung auf sie wartete. Nach dem Gang ins Badezimmer schnappte sie sich ihre von Matthias vorbereitete Brotdose und verließ die Wohnung. Sie war wahrlich keine Frühaufsteherin und sie war ihrem Mann immer dankbar, wenn er ihre Pausenmahlzeit richtete. Auf dem Weg zu ihrem Auto bemerkte sie plötzlich eine große Baustelle, auf welcher scheinbar ein neues Einfamilienhaus entstand. Am Bauzaun hing ein Schild mit der Aufschrift: Gaul Bauunternehmung Hoch- und Tiefbau. Den Namen kannte sie doch! Ja, sicher! Schlagartig erinnerte sie sich. Georgius Gaul hieß der Vater einer ihrer Judoka, als sie noch aktiv Judo gemacht hatte. Lara wusste, dass Papa Gaul Maurer ist, aber von der eigenen Firma hatte sie keine Ahnung gehabt. Ob er es auch wirklich war? Sie hüpfte am Zaun hoch, um einen besseren Blick auf die Baustelle zu erhaschen. Was sie sah, erfüllte sie mit Freude. Dort stapelten Opa Mitsch Gaul, Vater Georgius Gaul und zwei seiner Söhne gerade Ziegelsteine aufeinander. Zufall oder Schicksal?
"Hallo Georgius", rief Lara durch die Maschen des Bauzauns. "Hier ist Lara aus dem Judo von früher. Kennst du mich noch?" Der kräftig gebaute Georgius Gaul schaute hoch und ein Lächeln überzog sein Gesicht. "Ja, jetzt wo du es sagst. Mensch, das ist so lange her. Damals warst du so groß wie ein Ölofen und bist um mich herumgerannt." Er hielt seine beiden Händen auf Kniehöhe, um Laras damalige Körpergröße anzuzeigen. "Und heute sehe ich eine junge hübsche Frau vor mir. Donnerwetter!" Beide lachten herzhaft. Lara hatte nicht viel Zeit, da sie zur Arbeit musste. Aber sie wollte Georgius unbedingt um Hilfe fragen. Kurz erzählte sie von dem Bauvorhaben und welche Probleme sie noch vor sich hatten. Der freundliche Maurer hörte aufmerksam zu und kraulte sich nachdenklich den Vollbart. Schließlich fasste sich Lara ein Herz und fragte: "Georgius, kannst du dir vorstellen, unser Haus zu bauen? Dir vertraue ich." Gespannt wartete die junge Frau auf seine Antwort und die kam prompt: "Ja klar! Lass uns demnächst alles genauer besprechen. Das bekommen wir hin!"
Nachdem sich Lara bedankt und verabschiedet hatte, fuhr sie mit einem glücklichen Gefühl zur Arbeit. Sie konnte es kaum erwarten ihren Kollegen zu erzählen, was sie gerade erlebt hatte.
Einige Wochen später waren die anstehenden Entscheidungen gefallen. Lara und Matthias hatten sich für ein gemauertes Haus unter der Leitung eines freien Architekten entschieden. Architekt, Thomas Eichele, übernahm Planung und Bauleitung und die Bauunternehmung Gaul die Maurerarbeiten. Für die anderen Gewerke hatten sie durch die guten Kontakte von Georgius Gaul ebenfalls Betriebe gefunden. Es konnte also losgehen. Lara fühlte sich gut aufgehoben und hoffte, nun ein wenig zur Ruhe zu kommen.
Doch dies war gar nicht so einfach. Denn sie hatte einen stressigen Job als Webdesignerin in einem großen Softwarekonzern und trug viel Verantwortung für das von ihr betreute Team in Indien. Ständig musste sie als Projektleiterin zwischen dem indischen Entwicklerteam und den deutschen Kunden vermitteln. Für ihre anderen Aufgaben blieb kaum Zeit. Aber Marketing, Kundenakquise sowie interne und externe Schulungen mussten ebenfalls planmäßig erledigt werden. Lara hatte Spaß an den einzelnen Aufgaben. Aber alles immer unter einen Hut zu bekommen und sorgfältig zu erledigen, verlangte ihr viel ab. Zudem war Lara Mädchen für alles, wie es ihr oft vorkam. So riefen zum Beispiel Kunden mit ihren Fehlermeldungen bei ihr an, obwohl dies eigentlich nicht zu ihrem Aufgabengebiet gehörte. Ständig klingelte das Telefon. Jeder wollte etwas von ihr wissen oder etwas von ihr erledigt haben. Bisherige Aufgaben blieben, neue kamen stetig hinzu.
Ein Teufelskreis spannte seinen Durchmesser immer breiter und Lara fand nicht mehr heraus. Ihr Kopf rauchte jeden Tag unter vollem Dampf und sie fühlte sich in diesem Dauerstromkreislauf immer mehr überanstrengt. Selbst im Bett liegend konnte sie einfach nicht abschalten und wälzte stundenlang sämtliche Aufgabenprobleme, die sie zu bewältigen hatte. Dazu gesellten sich die Planungsschritte für den Hausbau. Lara war froh, dass Herr Eichele stufenweise vorging. Dies bedeutete, sie mussten nicht von Anfang an alle Fliesen, Farben und Tapeten aussuchen, sondern konnten sich Zeit damit lassen. Den Seevogels erging das anders. Die künftigen Nachbarn von Lara und Matthias hatten sich für ein Fertighaus entschieden und mussten von Beginn an alles bis ins kleinste Detail festlegen.
"Sag mal, was ist los? Du bist so abwesend." Lara schreckte hoch, als die Stimme von Rick in ihr Ohr drang. Rick war ihr bester Freund und sie hatten sich zum gemütlichen Plaudern verabredet. "Ach, auf der Arbeit ist so viel zu tun. Manchmal fühle ich mich wie ein Kindermädchen, weil mein indisches Team leider nie mitdenkt und oft Murks abliefert. Ich arbeite oft bis in die Nacht." Rick kannte das schon. "Und was noch?" Lara überlegte kurz, bevor sie antwortete: "Ich freue mich immer erst über ein Erfolgserlebnis, nachdem alle Probleme gelöst sind. Aber das ist momentan nicht möglich, weil jeden Tag neue auftauchen." Nun stutzte der junge Mann und fuhr sich nervös durch die blonden Locken. Lara fuhr fort: "Ich kann deshalb schon nicht mehr schlafen und fühle mich innerlich total aufgewühlt, aber auch irgendwie ziemlich erschöpft."
"Mach dich nicht so verrückt. Der Hausbau läuft an und das auf der Arbeit bekommst du schon hin. Aber du musst schlafen, das ist wichtig! Denk an deine Gesundheit." Die Worte von Rick konnten Lara nicht trösten.  Daraufhin schlug er Lara vor, sich woanders zu bewerben. Das hatte er ihr schon häufiger geraten, wenn sie ihm erzählte, wie viel sie zu tun hatte. Rick war in derselben Branche tätig, allerdings weitaus weniger eingespannt. Sobald bei ihm neue Aufgaben anstanden, wurden bestehende Tätigkeiten gestrichen oder gerecht auf alle Kollegen verteilt. Das kannte Lara so nicht. "Lara, du hast eine super Qualifikation und bravouröse Noten. Damit bekommst du überall eine Arbeitsstelle." Doch Lara hing an ihren direkten Kollegen, die eine tolle Gemeinschaft untereinander bildeten. Das wollte sie nicht aufgeben. Außerdem verdiente sie sehr gut und im Durchschnitt weitaus mehr als andere Webdesigner. "Ist es das wirklich wert?" Ricks Worte erreichten Lara nicht.
Das Trauma erwacht
Lara ging mit gesenktem Kopf die Straße entlang und wünschte sich, ganz schnell wieder zurück nach Hause gehen zu können. Aber sie musste sich zum Metzger begeben und dort Einkäufe tätigen. Das war so aufgeteilt und ihr Ehemann Matthias erwartete dies von ihr. "Guten Tag, Frau Vong-Peters!" Die Stimme einer Nachbarin ließ Laras Kopf hochschnellen. Sie blickte die freundlich grüßende Frau mit erstarrtem Gesicht an und brachte kein Wort hervor. Es gelang ihr lediglich ein leichtes Kopfnicken. Stumm und mit zittrigen Beinen setzte Lara ihren Weg fort.
Im Fleisch- und Wurstwarengeschäft angekommen, wurde sie von der Metzgerin mit fröhlichem Lächeln begrüßt. Lara konnte nicht zurück lächeln und spürte, dass die unerklärbaren Ängste, die sie seit einiger Zeit hatte, immer weiter in ihr hochstiegen. Sie hatte das Gefühl, ihre Mimik und ihre Stimme seien eingefroren. Sie versuchte zu sprechen, um der Metzgerin ihre Bestellung mitzuteilen, aber mehr als ein Zittern der Unterlippe gelang ihr nicht. Glücklicherweise fiel dies durch die verpflichtende Coronamaske nicht zu sehr auf. "Was darf es denn heute sein?" Die auffordernden Worte der Metzgerin verunsicherten Lara noch mehr. Doch schließlich schaffte sie es, ihre Warenwünsche mit leiser Stimme vorzutragen und ihren Einkauf abzuwickeln.
Auf dem Heimweg fragte sich Lara zum wiederholten Mal: Was ist bloß los mit mir? Warum ängstige ich mich plötzlich, zum Metzger zu gehen, was ich doch sonst auch zwei Mal in der Woche tue? Sie erinnerte sich, dass auch die Architektentermine für sie zur Qual geworden waren. Stetig mussten Entscheidungen von Matthias und ihr getroffen und weitere Schritte des Hausbaus besprochen werden. Es fiel ihr immer schwerer zu sprechen und am liebsten sprach sie gar nicht. Laras Fragestellungen wurden in ihrem Kopf zu einem unentwirrbaren Strudel und sie beeilte sich, nach Hause zu kommen.
Sie schloss die Wohnungstüre auf und ging in die Küche, wo sie schon von Matthias erwartet wurde. Stumm begann sie, ihre Einkäufe auszupacken und in den Kühlschrank zu räumen. "Hast du dem Maurer die Zahlenkombination für das Zahlenschloss an der Haustüre gegeben?", fragte Matthias unvermittelt. Lara zuckte verunsichert und schreckhaft zusammen. "War das falsch?" Matthias schüttelte den Kopf und antwortete: "Nein, natürlich nicht. Er musste ja an den Schlüssel für die Baustellentüre herankommen. Sonst können die Leute nicht arbeiten. Ich wollte es nur wissen, weil ich vorhin auf der Baustelle war und mich gewundert habe, dass die Handwerker schon im Haus waren." Lara zitterte und die Einkaufstasche entglitt ihren Händen. "Was ist denn los? Das ist wirklich nicht schlimm und nur eine unwesentliche Kleinigkeit. Beruhige dich wieder." Matthias´ Worte vernahm Lara wie durch einen Schleier und gleichzeitig versuchte sie, ihre Angstgefühle zu bekämpfen.
Lara ging es schon seit einigen Monaten schlecht. Sie fühlte sich immer häufiger verängstigt und beurteilte selbst die kleinsten Situationen mit großer Verunsicherung. "Das bin doch nicht ich", sagte sie oft zu sich selbst, fand den Rückweg aus diesem Zustand aber nicht. Dies wirkte sich auch auf ihre verantwortungsvolle Arbeit als Webdesignerin aus, bei der sie sich plötzlich oft davor fürchtete, ihren Aufgaben nicht mehr gerecht zu werden. Sie traute sich immer weniger zu und spürte diese unrealistischen Ängste auch vor anstehenden Meetings mit Kollegen und Kunden. Hinzukam, dass Lara Zukunftsängste wegen dem Kredit für das Haus plagten. Deswegen weinte sie sehr viel, obwohl ihr Verstand ihr sagte, dass alles in Ordnung sei. Gemeinsam mit Matthias hatte sie den Kredit und sämtliche Ausgaben mehrfach durchgerechnet und es sprach überhaupt nichts dagegen. Sie verdienten beide gut und konnten sogar eine gesunde Kapitalbasis in das Hausprojekt einbringen.
Außerdem hatte sie als studierte Informatikerin ein eigenes Berechnungsprogramm geschrieben, welches alle Eventualitäten berücksichtigte und sich an veränderte Situationen flexibel anpassen ließ. So hatten sie alles zu jeder Zeit exakt im Blick. Dennoch ließen Laras Beklemmungen nicht nach, sondern verstärkten sich stetig. Noch nicht einmal die Gespräche mit Matthias, Rick oder ihren Eltern konnten ihre Ängste vor der Zukunft mindern. Laras Mutter, Gitte Vong, meinte lapidar: "Wenn wir es geschafft haben, ein Eigenheim zu finanzieren, gelingt dir das auch. Und wir hatten damals deutlich geringere Mittel zur Verfügung." Was als Trost gedacht war, bewirkte bei Lara das Gegenteil. Nur zu gut erinnerte sie sich daran, dass die Finanzierung der Eigentumswohnung ihrer Eltern damals sehr knapp kalkuliert worden war. Das Thema Geldmangel war in der Familie ständig präsent gewesen und bestimmte den Alltag. Genau das wollte Lara für ihr Leben auf gar keinen Fall haben. Daher hatte sie bei der Kalkulation des Hausbaus sorgfältig darauf geachtet, dass Matthias und sie nicht jeden Cent zwei Mal umdrehen müssen. Nichtsdestotrotz breiteten sich Laras sorgenvolle Ängste immer weiter aus.
Die Fragen nach dem Warum ihrer Ängste ließen Lara nicht los. Oft saß sie in der Ecke neben dem Sofa und dachte nach. Und sie hatte eine Ahnung, die sich wie eine schlimme Befürchtung anfühlte. Sie versank in traumatischen Erinnerungen an ihre Jugendzeit. Im Alter von 14 Jahren war bei ihr eine Bipolare Störung diagnostiziert worden, die bis zu ihrem 21. Lebensjahr behandelt worden war. Danach endete die Behandlung, da sie von den Krankenkassen als erwachsen eingestuft wurde und keine weitere Bezahlung der ärztlichen Betreuung erfolgte.
In den Folgejahren hatte sie zwar kleine depressive Phasen durchlitten, konnte jedoch relativ uneingeschränkt ihrem Leben nachgehen. Bis zu ihrem 31. Lebensjahr. Laras Krankheitsgeschichte in der Jugendzeit begann mit Depressionen, die mit viel Selbstzweifeln und Ängsten verbunden waren. Ständig kreisten ihre Gedanken um Dinge, die sie nicht konnte oder wusste. Obwohl sie sonst eine gute Schülerin gewesen war, hatte sie zum Beispiel eine sehr schlechte Allgemeinbildung in Geografie. Wenn der Lehrer sie abfragte, wusste sie nie, wo sich welches Land auf der an der Wand hängenden Landkarte befand. Eigentlich keine schwerwiegende Sache. Zumindest für gesunde Menschen, die ganz einfach zwischen unwichtigen und wichtigen Dingen differenzieren und diese einordnen können, ohne sich selbst zu zerfleischen. Aber Laras Gedanken waren eingeengt darauf, dass sie nichts könne. Sie dachte, sie müsse alles wissen, was starke Versagensängste hervorrief.
Lara musste trotzdem funktionieren, was auch ihr Elternhaus von ihr verlangte. Schon als Kind musste sie als große Schwester viel Verantwortung für ihren kleinen Bruder, Momo, übernehmen. Momo war ein sehr lebhafter, aggressiver und rebellischer Junge gewesen, der keine guten Leistungen in der Schule erbrachte. Ständig bekam er Strafarbeiten und Einträge ins Klassenbuch wegen schlechten Verhaltens.
Lara erhielt von ihren Eltern die Aufgabe, ihren Bruder dazu zu bewegen, mehr für die Schule zu tun und sich brav im Unterricht zu verhalten. Lara hatte ein gutes Verhältnis zu Momo und sie bemühte sich, positiv auf ihn einzuwirken, was ihr nicht gelang. In der Folge war es oft laut zu Hause. Mutter Gitte schrie viel herum und Vater Pho hielt sich gerne aus allem heraus. Gitte Vong war nicht sehr gebildet, jedoch innerhalb der Familie das dominante Oberhaupt. Außerhalb ihrer familiären Wände war sie allerdings sehr weltfremd und überließ es der damals noch kleinen Lara, bestimmte Dinge zu regeln. Dies war gar nicht so einfach für das Kind, das zum Beispiel noch nicht einmal wusste, wie man Bus fährt, Fahrpläne liest oder sich eine Fahrkarte kauft. Laras Eltern wussten es nicht und hatten es ihr nie erklärt. Mutter Gitte war selbst nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren und Vater Pho Vong konnte die Fahrpläne nicht lesen. Denn Pho stammte aus China und hatte mit Sprachbarrieren zu kämpfen, die seine Tochter ebenfalls kompensieren musste.
Lara war eines von zwei Migrantenkindern in ihrer Klasse auf dem Gymnasium gewesen. Sie empfand sich als Migrantenkind, obwohl ihre Mutter Deutsche war. Die Eltern ihrer Mitschüler waren größtenteils Akademiker und ihre Klassenkameraden wohnten in großen Häusern und bekamen elterliche Unterstützung bei den Schularbeiten. Bei Lara war das anders und sie fühlte sich minderwertig. Sie war diejenige, die ihren Eltern immer alles erklären musste, weil diese nicht viel vom Schulalltag verstanden. Die alles umfassenden Erwartungshaltungen ihrer Eltern waren sehr anstrengend für Lara.
Schnell nahm das Trauma Fahrt auf. Die jugendliche Lara begann sich nichts mehr zuzutrauen. Einfachste Dinge traute sie sich nicht mehr zu tun, wie beispielsweise das Ausleihen von Büchern in der Bücherei. Vorher erledigte sie dies, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie ging auch nicht mehr zur Schule. Es ging einfach nicht. Nachts konnte sie nicht mehr schlafen und tagsüber schaffte sie es nicht, das Bett zu verlassen. Essen konnte sie auch nicht zu sich nehmen, da sie es nicht herunter bekam. Es war wie eine undurchdringliche Wand, die sie daran hinderte. Sie lag den ganzen Tag im Dunkeln in ihrem Zimmer und Mutter Gitte verstand die Welt nicht mehr. "So geht das nicht weiter. Du gehst jetzt zum Arzt", ordnete sie an.
Vom Hausarzt bekam Lara zum ersten Mal ein Antidepressivum, namens Zoloft, verschrieben. Doch es wirkte nicht. Zwar ging es Lara phasenweise etwas besser und sie fühlte dann große Glücksgefühle in sich. Doch sie rutschte ohne erkennbare Gründe immer wieder in schwere Depressionen ab. Als eine erneute depressive Episode wochenlang anhielt, wurde sie in eine Kinderklinik eingewiesen. Körperlich und psychisch war sie in sehr schlechter Verfassung und der Kinderpsychologe der Klinik versuchte sein Bestes.