Verlag: Heyne Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Born to Run E-Book

Bruce Springsteen

4.5 (80)
Bestseller

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E-Book-Beschreibung Born to Run - Bruce Springsteen

Selten zuvor hat ein Bühnenkünstler seine eigene Geschichte mit solch einer Kraft und solch einem lodernden Feuer niedergeschrieben. Wie viele seiner Songs (“Thunder Road”, “Badlands”, “Darkness on the Edge of Town", “The River”, “Born in the U.S.A.", “The Rising" oder “The Ghost of Tom Joad”, um ein paar wenige zu erwähnen) ist Bruce Springsteens Autobiografie geprägt von der Lyrik eines einzigartigen Songwriters und der Weisheit eines Mannes, der ausgiebig über sein Leben nachgedacht hat.

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E-Book-Leseprobe Born to Run - Bruce Springsteen

BRUCE SPRINGSTEEN

BORN TO RUN

DIE AUTOBIOGRAFIE

Aus dem Amerikanischen vonTeja Schwaner, Daniel Müller, Alexander Wagner und Urban Hofstetter

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel BORN TO RUNbei Simon & Schuster, New York

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.Copyright © 2016 by Bruce Springsteen

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Leena Flegler

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung des Originalumschlags und Fotos von Frank Stefanko

Gestaltung des Vorsatzes und Bildteils: Michelle Holme

Bildnachweis: Alle Abbildungen – soweit nicht anders vermerkt – aus dem Archiv des Autors.

Bildlizensierungen: Crystal Singh-Hawthorne

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-20169-2V002www.heyne.de

Für Patti, Evan, Jess und Sam

INHALT

VORWORTBUCH EINS

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28BUCH ZWEI

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

KAPITEL 45

KAPITEL 46

KAPITEL 47

KAPITEL 48

KAPITEL 49

KAPITEL 50

KAPITEL 51

KAPITEL 52BUCH DREI

KAPITEL 53

KAPITEL 54

KAPITEL 55

KAPITEL 56

KAPITEL 57

KAPITEL 58

KAPITEL 59

KAPITEL 60

KAPITEL 61

KAPITEL 62

KAPITEL 63

KAPITEL 64

KAPITEL 65

KAPITEL 66

KAPITEL 67

KAPITEL 68

KAPITEL 69

KAPITEL 70

KAPITEL 71

KAPITEL 72

KAPITEL 73

KAPITEL 74

KAPITEL 75

KAPITEL 76

KAPITEL 77

KAPITEL 78

KAPITEL 79NACHWORT

DANKSAGUNG

BILDTEIL

VORWORT

Ich komme aus einem Küstenstädtchen, in dem fast alles einen leichten Anstrich von Lug und Trug hat. Genau wie ich. Mit zwanzig war ich kein Rebell mit Rennwagen, sondern spielte auf den Straßen von Asbury Park Gitarre und war bereits ein durchaus anerkanntes Mitglied derer, die um der Wahrheit willen »lügen« … ein Musiker, Künstler mit kleinem k. Aber auf der Hand hatte ich vier klare Asse: meine Jugend, fast ein Jahrzehnt knochenharter Bar-Band-Erfahrung, eine Handvoll einheimischer Musiker, die auf mich eingespielt waren – und ich hatte eine Geschichte zu erzählen.

Dieses Buch ist eine Fortsetzung dieser Geschichte und zugleich die Suche nach ihren Ursprüngen. Den Rahmen bilden die Ereignisse in meinem Leben, von denen ich glaube, dass sie die Geschichte und meine Arbeit auf der Bühne geprägt haben. Immer wieder werde ich von Fans gefragt: »Wie schaffst du das nur?« Auf den folgenden Seiten möchte ich versuchen, einen kleinen Einblick in das Wie, aber auch in das viel wichtigere Warum zu geben.

Rock’n’Roll-Rüstzeug

Veranlagung, Talent, Handwerkszeug, die Entwicklung einer Ästhetik, der man sich voll und ganz verschreiben kann, die reine Gier nach … Ruhm? Liebe? Bewunderung? Aufmerksamkeit? Frauen? Sex? Und, o ja … nach Kohle. Und dann natürlich … wenn du wirklich voll durchziehen willst, und zwar bis zum Anschlag … ein loderndes Feuer in dir, das einfach … das nicht mehr … aus­gehen … darf.

Dies sind ein paar der Eigenschaften, die sich als nützlich erweisen, wenn du vor achtzigtausend (oder auch nur achtzig) kreischenden Rock’n’Roll-Fans stehst, die darauf warten, dass du den Zauberstab schwingst und eine tolle Show ablieferst. Dass du was aus deinem Zylinder ziehst, aus dem Nichts hervorzauberst, ihnen Sachen zeigst, die nicht von dieser Welt sind, irgendwas, was bis heute nur ein aus Songs gespeistes Gerücht gewesen ist, ehe die Gemeinde sich um dich versammelt hat.

Meine Aufgabe ist es zu beweisen, dass dieses ewig flüchtige, nie uneingeschränkt glaubhafte Wir lebendig ist. Das ist mein Zaubertrick. Und wie bei allen guten Zaubertricks muss erst mal das Set-up stimmen. Also los …

BUCH EINS

GROWIN’ UP

KAPITEL 1

MEINE STRASSE

Ich bin zehn Jahre alt und kenne jede Ritze, jeden kleinen Spalt des bröckelnden Gehwegs, der die Randolph Street, meine Straße, rauf- und runterführt. Hier verbringe ich die Nachmittage damit, als Hannibal die Alpen zu überqueren, als GI auf schroffen Bergen gnadenlose Kämpfe auszufechten oder als einer meiner zahllosen Cowboyhelden auf steinigen Pässen durch die Sierra Nevada zu ziehen. Bäuchlings auf dem Schotter, umgeben von kleinen Ameisenhügeln, die wie Vulkane aus dem Boden wachsen, wo Erde auf Beton trifft, erstreckt sich meine Welt bis in die Unendlichkeit … oder zumindest bis zu Peter McDermotts Haus Ecke Lincoln und Randolph einen Block weiter.

Auf diesen Straßen bin ich im Kinderwagen rumkutschiert worden, hab ich laufen gelernt, hat mein Großvater mir das Radfahren beigebracht. Hier hab ich meine ersten Raufereien ausgestanden oder vor ihnen Reißaus genommen. Ich lernte die Tragweite und den Trost wahrer Freundschaft kennen, verspürte die ersten sexuellen Regungen und sah vor dem Siegeszug der Klimaanlage abends zu, wie sich die Veranden mit den Nachbarn füllten, die draußen das Gespräch und ein wenig Erholung von der Sommerhitze suchten.

Hier schmetterte ich in endlosen Gutterball-Turnieren den ersten von hundert »Pinky«-Gummibällen an den perfekt geformten Bordstein meines Gehwegs. Ich, der Edmund Hillary von New Jersey, erklomm schmutzige Schneehaufen, die mitternächt­liche Pflüge hoch aufgetürmt hatten, und arbeitete mich vor von Straßenecke zu Straßenecke. Wie Schaubudengaffer standen meine Schwester und ich regelmäßig an den riesigen Holztüren der Kirche an der Ecke und beäugten die unaufhör­lichen Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse. Ich begleitete meinen gut aussehenden, nachlässig eleganten Großvater, wenn er auf wackligen Beinen und mit dem gelähmten linken Arm an seine Brust gepresst um den Block schlurfte, weil er nach einem kräftezehrenden Schlaganfall, von dem er sich nie wieder ganz erholte, »Leibesübungen« betreiben wollte.

In unserem Vorgarten, kaum mehr als einen Meter von der Veranda entfernt, steht der schönste Baum der Stadt, eine gewaltige Rotbuche. Ein einziger Blitzschlag an der richtigen Stelle, und sie würde uns alle wie Fliegen zerquetschen. Wenn nachts der Donner grollt und die Blitze unser Schlafzimmer in kobaltblaues Licht tauchen, sehe ich zu, wie sich ihre Arme im Wind und grellen Licht bewegen und lebendig werden, und finde keinen Schlaf, weil ich mir wegen des Ungetüms dort draußen, meiner Freundin, Sorgen mache. Wenn die Sonne scheint, sind die Wurzelstränge der Rotbuche das Fort meiner Soldaten und der Pferch für meine Pferde. Sie selbst ist mein zweites Zuhause. Ich kann mich rühmen, als Erster aus unserem Block in ihre höchsten Höhen geklettert zu sein. Dort hinauf kann ich mich vor der Welt unten zurückziehen. Stundenlang kraxle ich zwischen den ausladenden Ästen umher und lausche den gedämpften Stimmen meiner Kumpels unten auf dem Gehweg, von wo aus sie meine Kletterkünste verfolgen. An trägen Sommerabenden sitzen meine Freunde und ich – die erschöpfte Kavallerie – unter den schläfrig ausgestreckten Buchenarmen und warten auf das Klingeln des Eismanns und darauf, dass es Schlafenszeit wird. Das Ende solcher langen Tage markiert die Stimme meiner Großmutter, die mich ins Haus ruft. Ich steige die Stufen zur Veranda hoch – die Fenster glühen in der sommer­lichen Dämmerung – und lasse die schwere Vordertür hinter mir zuschlagen. Noch ungefähr eine Stunde lang sitzen wir am Petroleumofen, mein Großvater in seinem mächtigen Sessel, und schauen auf den kleinen Schwarz-Weiß-Fernsehschirm, der den Raum erhellt und schemenhafte Schattenbilder über Wände und Decke wirft, bis ich langsam einschlafe, geborgen in der wundervollsten und traurigsten Zufluchtsstätte, die ich je kennenlernen durfte – dem Haus meiner Großeltern.

Hier wohne ich mit meiner Schwester Virginia, die ein Jahr jünger ist als ich, mit meinen Eltern, Adele und Douglas Springsteen, meinen Großeltern, Fred und Alice, und Hund Saddle. Wir leben buchstäblich im Schoß der katholischen Kirche, denn das Pfarrhaus, das Nonnenkloster, die St. Rose of Lima Catholic Church und die dazugehörige Mittelschule sind bloß einen Footballwurf über eine wildwuchernde Wiese entfernt.

Obwohl Er über uns allen steht, ist Gott hier unter Menschen – unter ziemlich verrückten Menschen, um genau zu sein. Meine Familie bewohnt fünf L-förmig angeordnete Häuser, an der Ecke verankert durch die rote Backsteinkirche. Vier davon gehören Iren alten Schlags – den Leuten, die mich aufgezogen haben: die McNicholas, die O’Hagans und die Farrells –, und auf der anderen Straßenseite trotzt ein einsamer Außenposten aus Italienern, die für den Pfeffer in meiner Erziehung sorgten: die Zerillis, aus Sorrento via Ellis Island und Brooklyn eingewandert. Dort wohnen die Mutter meiner Mutter, Adelina Rosa Zerilli, die ältere Schwester meiner Mutter, Dora, Doras Ehemann Warren (natürlich Ire) und deren Tochter, meine ältere Cousine Margaret, die zusammen mit meinem Cousin Frank bei Jitterbug-Meisterschaften überall entlang der Jersey Shore Preise und Pokale einsackt.

Man geht nicht unfreundlich miteinander um, aber die jeweiligen Clans überqueren auch nicht gerade häufig die Straße, um Zeit miteinander zu verbringen.

Das Haus, in dem ich mit meinen Großeltern wohne, gehört meiner Urgroßmutter »Nana« McNicholas, der Mutter meiner Großmutter. Gesund und munter lebt sie nur ein Stück weiter die Straße rauf. Irgendjemand hat mir mal erzählt, dass der erste Gottesdienst und die erste Beerdigung in dieser Stadt in unserem Wohnzimmer abgehalten wurden. Wir leben hier unter dem fortwährenden Blick meiner Tante Virginia, der älteren Schwester meines Vaters, die mit fünf Jahren von einem Laster überfahren wurde, als sie gerade auf ihrem Dreirad an der Tankstelle an der Ecke vorbeifuhr. Ihr Porträtfoto verdüstert wie ein Spuk die Atmosphäre und sorgt dafür, dass ihr schlimmes Schicksal unsere Familienzusammenkünfte überschattet.

Das sepiafarbene Porträt zeigt sie als kleines Mädchen in einem altmodischen weißen Leinenkleid. Allerdings teilt uns ihr scheinbar unschuldig milder Blick im Licht der Ereignisse eher mit: »Passt bloß auf, die Welt dort draußen ist gefährlich und erbarmungslos. Mit einem Arschtritt haut sie dich vom Dreirad und schickt dich ins große tote Unbekannte, und außer diesen armen, fehlgeleiteten, unglück­lichen Seelen hier trauert dir niemand nach.« Ihre Mutter, meine Großmutter, hatte diese Botschaft in jedem Fall laut und deutlich vernommen. Nach dem Tod der Tochter verbrachte sie zwei Jahre im Bett. Mein rachitiskranker Vater wurde zu Verwandten am Stadtrand in Obhut gegeben, bis sie sich von dem Schicksalsschlag wieder erholt hatte.

Mein Vater verließ mit sechzehn die Schule und arbeitete als Laufbursche in der Karagheusian Rug Mill, einer Fabrik mit klappernden Webstühlen und ohrenbetäubend lauten Maschinen, die sich in einem Stadtteil namens Texas zu beiden Seiten entlang der Center Street erstreckte. Mit achtzehn verließ er New York City an Bord der Queen Mary, um in den Krieg zu ziehen. Er diente als Lastwagenfahrer während der Ardennenoffensive, sah ein kleines bisschen von der großen weiten Welt, bei dem es bleiben sollte, und kehrte wieder heim. Er spielte sehr gut Poolbillard – um Geld. Er lernte meine Mutter kennen, verliebte sich in sie und versprach ihr, sich einen vernünftigen Job zu suchen (aufgemerkt!), wenn sie ihn heiratete. Zusammen mit seinem Cousin David »Dim« Cashion arbeitete er am Fließband der Ford-Motorenwerke in Edison. Da war ich bereits unterwegs.

Für meine Großmutter war ich nicht nur das erstgeborene Kind ihres einzigen Sohns, sondern seit dem Tod ihrer Tochter auch das erste Baby im Haus. Meine Geburt verlieh ihrem Leben wieder Sinn. Sie stürzte sich mit aller Macht auf mich und sah ihre Mission darin, mich vor der Welt daheim und draußen zu beschützen. Traurig nur, dass ihre blinde, unbeirrbare Hingabe zu Streitereien mit meinem Vater und erheb­lichen familiären Kontroversen führte, die uns allen sehr zu schaffen machten.

Bei Regen legt sich mit der Feuchtigkeit der Geruch gemahlenen Kaffees wie eine Decke über die Stadt. Ich mag keinen Kaffee, aber ich mag den Duft, der von der Nescafé-Fabrik am öst­lichen Stadtrand zu uns herüberweht. Irgendwie ist er wohltuend, er eint die Städter in einer gemeinsamen sinn­lichen Erfahrung, und die Kaffeefabrik ist uns als Industriebetrieb genauso willkommen wie die Rug Mill, deren Lärm zwar unsere Ohren strapaziert, die aber auch für Arbeit sorgt und Zeugnis ablegt von der Vitalität unserer Stadt. An diesem Ort – man kann es ebenso hören wie riechen – richten Menschen sich ein Leben ein, erdulden Leid, erfreuen sich an kleinen Dingen, spielen Baseball, sterben, lieben einander, zeugen Kinder, trinken an Frühlingsabenden einen über den Durst und tun ihr Bestes, die Dämonen fernzuhalten, die es darauf abgesehen haben, uns zugrunde zu richten, unser Zuhause zu zerstören, unsere Familien, unsere Stadt.

Hier leben wir: im Schatten des Kirchturms, wo es in Sachen Heiligkeit wirklich zählt, halbwegs verquer in Gottes Gnade, in einer Stadt, die elektrisiert und Rassenkrawalle gebiert, die Sonderlinge diskreditiert, Seelen seziert, Liebe und Angst kreiert, Herzen lädiert – in Freehold, New Jersey.

Beginnen wir also mit der Predigt.

KAPITEL 2

MEIN HAUS

Donnerstagabend, Sperrmüllabend. Wir sind gerüstet und bereit zuzuschlagen. Wir sitzen im 1940er Sedan meines Großvaters und warten auf den Einsatzbefehl, all den Sperrmüll zu durchwühlen, der sich entlang der Bordsteine unserer Stadt aufhäuft. Zuerst machen wir uns auf den Weg zur Brinckerhoff Avenue, wo das Geld zu Hause und der Müll vom Feinsten ist. Wir sind gekommen, eure Radios zu holen, sämt­liche Radios, egal in welchem Zustand. Wir werden wie die Geier über euren Müll herfallen, werden unsere Beute in den Kofferraum werfen und sie in den »Schuppen« schaffen, die vier Quadratmeter große ungeheizte Holzzelle in einem Eckchen unseres Hauses. Hier geschehen winters wie sommers wahre Wunder. Hier, in einem »Raum« voller Elektrokabel und Radioröhren, sitze ich nimmermüde neben ihm. Er verdrahtet, lötet und tauscht kaputte Röhren gegen heile aus, und wir warten beide gleicher­maßen auf den einen Moment, auf den Augenblick, wenn das Atemwispern, das wunderbar leise statische Brummen und das warme Sonnen­untergangsglühen der Elektrizität den Radiogerippen, die wir vor der Zerstörung bewahrt haben, neues Leben einhauchen.

Hier an der Werkbank meines Großvaters wird die Wiederauf­erstehung greifbar. Die tonlose Leere wird gefüllt von den fernen Knisterstimmen der Sonntagsprediger, vom Geschwätz der Werbesprecher, von Big-Band-Sounds, frühen Rock’n’Roll-Songs und Hörspielserien. Es sind die Klänge der Welt dort draußen, die uns erreichen will, die in unsere kleine Stadt ruft und noch viel tiefer herein: in unser hermetisch verschlossenes Universum hier in der 87 Randolph Street. Sobald die Radios wieder leben, wird eins ums andere zum Preis von fünf Dollar in den Camps der Wanderarbeiter verkauft, die jeden Sommer die Felder am Rand unseres Landkreises säumen. Der »Radiomann« kommt. Unter diesem Namen ist mein Großvater bei den vorwiegend schwarzen Wanderarbeitern aus den Südstaaten bekannt, die immer zur Erntezeit in Bussen in das damals noch länd­liche Monmouth County anreisen. Auf unbefestigten Wegen kutschiert meine Mutter meinen nach dem Schlaganfall verwirrten Großvater bis zu den hintersten Bretterbuden, wo noch Bedingungen herrschen wie in den Dust Bowls der Dirty Thirties. Dort macht er seine Geschäfte mit »den Schwarzen« in ihren »Micky-Maus-Zeltlagern«. Ich fuhr ein einziges Mal mit und wurde fast verrückt vor Angst, als ich mich in der Dämmerung von verwitterten schwarzen Gesichtern umringt sah. Das Verhältnis zwischen den Bevölkerungsgruppen, das in Freehold nie besonders gut gewesen war, sollte zehn Jahre später in Krawalle und Schießereien münden, aber noch herrscht gespannte Ruhe. Ich bin hier lediglich der junge Schützling und Enkel des »Radiomanns« inmitten einer Kundschaft, die meine Familie braucht, um über die Runden zu kommen.

Besonders weit davon entfernt, bettelarm zu sein, waren wir nicht, aber darüber habe ich nie nachgedacht. Wir hatten Klamotten am Leib, Essen auf dem Tisch und ein Dach über dem Kopf. Ich hatte sowohl weiße als auch schwarze Freunde, die deutlich schlechter dran waren. Meine Eltern standen in Lohn und Brot, meine Mutter als Sekretärin eines Rechtsanwalts, mein Vater bei Ford. Unser Haus war alt und seine Baufälligkeit kaum mehr zu übersehen. Ein Pe­­troleumofen im Wohnzimmer war die einzige Wärmequelle. Oben, wo die Familie schlief, gefror einem morgens beim Auf­wachen der Atem. In einer meiner frühesten Kindheitserinnerungen rieche ich das Petroleum und sehe meinen Großvater, der es an der Rückseite des Ofens nachfüllt. Gekocht wurde auf einem Kohleherd in der Küche. Als Junge beschoss ich die aufgeheizte Eisenplatte mit der Wasserpistole und sah zu, wie der Dampf aufstieg. Die Asche trugen wir zur Hintertür hinaus auf den »Aschehaufen«. Tagaus, tagein kam ich staubgrau ins Haus zurück, weil ich in der Asche gespielt hatte. Wir besaßen eine kleine Gefriertruhe und eins der ersten Fernsehgeräte in der Stadt. In einem früheren Leben, bevor ich zur Welt gekommen war, hatte mein Großvater den Springsteen Bro­thers Electrical Shop besessen, und als das Fernsehen aufkam, hatte es unser Haus zuerst erreicht. Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass aus dem ganzen Viertel Nachbarn vorbeischauten, um das Wunder zu bestaunen, um Milton Berle, Kate Smith und Your Hit Parade zu sehen. Um mitzuerleben, wie Wrestler wie Bruno Sammartino im Ring auf Haystacks Calhoun trafen. Mit sechs Jahren konnte ich Kate Smiths Erkennungssong »When the Moon Comes Over the Mountain« Wort für Wort mitsingen.

Dank Geburtenfolge und der Umstände war ich bei uns zu Hause Herr, König und Messias in Personalunion. Für meine Großmutter wurde ich als erstes Kind nach dem Tod meiner Tante Virginia der Ersatz, an den sie sich klammerte. Mir wurde nichts verwehrt. Ein solches Leben ohne Grenzen ist alles andere als gut für einen kleinen Jungen – und ich nutzte es hemmungslos aus. Obwohl ich erst fünf, sechs Jahre alt war, blieb ich bis drei Uhr morgens wach und schlief bis drei Uhr nachmittags. Ich sah fern, bis das Programm zu Ende war, und durfte anschließend sitzen bleiben, um das Testbild anzustarren. Ich aß, wann und was immer ich wollte. Meine Eltern wurden für mich zusehends zu entfernten Verwandten. Überfordert und auf häus­lichen Frieden bedacht, überließ meine Mutter meiner Großmutter die uneingeschränkte Oberherrschaft. Als empfind­licher kleiner Tyrann war ich schon bald der Überzeugung, dass sämt­liche Regeln nur für den Rest der Welt und nicht für mich galten – zumindest bis mein Vater von der Arbeit kam. Missmutig übernahm dann wieder er die Herrschaft über die Küche, ein Monarch, der auf Betreiben seiner Mutter von seinem Erstgeborenen entthront worden war. Unser heruntergekommenes Haus, meine Extravaganzen und die Macht, die ich in jenen jungen Jahren innehatte, beschämten mich und waren mir insgeheim peinlich. Mir war schließlich nicht entgangen, dass der Rest der Welt ein wenig anders tickte, und meine Kumpels aus der Nachbarschaft verspotteten mich nicht selten wegen meiner Eigenheiten. Ich genoss die Vorzugsbehandlung, wusste aber auch, dass sie verkehrt war.

Als ich eingeschult wurde und mich mit einem Mal in einen festen Zeitplan fügen sollte, packte mich eine Wut, die fast meine gesamte Schulzeit anhalten sollte. Meiner Mutter war klar, dass es längst überfällig war, die Verhältnisse zu ordnen, und es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie versuchte, mich zurückzuholen. Wir zogen aus dem Haus meiner Großeltern in die 39 ½ Institute Street und richteten uns in der Hälfte eines kleinen Hauses im Shotgun-Stil ein: ohne warmes Wasser, in vier winzigen Räumen, vier Blocks von meinen Groß­eltern entfernt. Dort versuchte meine Mutter, mir ein paar normale Grenzen aufzuzeigen. Allerdings war es dafür zu spät. Selbst wenn es eine Million Meilen statt vier Blocks gewesen wären: Ich tobte vor Wut und Trauer und nutzte jede sich mir bietende Gelegenheit, um wieder bei meinen Großeltern unterzuschlüpfen. Bei ihnen war ich zu Hause, und in ihnen sah ich meine wahren Eltern. Ich konnte und wollte dort nicht weg.

Mittlerweile war bei ihnen nur mehr ein Zimmer bewohnbar – das Wohnzimmer. Den Rest des Hauses hatten sie geräumt, eingemottet und seinem Schicksal überlassen. Der einzige Ort, um sich zu erleichtern, war ein bitterkaltes, zugiges Bad. Die Badewanne funktionierte nicht. Meine Großeltern ließen Hygiene und Körperpflege allmählich auf eine Weise schleifen, die mich heute schockieren und abstoßen würde. Ich weiß noch, wie beklemmend und beschämend ich die frisch gewaschene, immer noch fleckige Unterwäsche meiner Großmutter fand, die im Garten hinter dem Haus an der Leine hing – Zeichen unangemessener physischer wie emotionaler Intimität, die das Heim meiner Großeltern für mich ebenso verwirrend wie unwiderstehlich machte. Ich liebte die beiden, und ich liebte dieses Haus. Meine Großmutter schlief auf einem verschlissenen Federkernsofa, mich quetschte sie neben sich, während mein Großvater auf der anderen Seite des Zimmers auf einem kleinen Feldbett lag. Das war’s. Das war aus der Grenzenlosigkeit meiner Kindheit geworden. Nur dort fühlte ich mich zu Hause, geborgen und geliebt.

Die zermürbend hypnotische Macht des verfallenden Hauses und der Menschen darin sollte mich für immer in ihrem Bann halten. Noch heute besuche ich den Ort in meinen Träumen, immer wieder zieht es mich dorthin zurück, an einen Ort, an dem ich absolute Sicherheit, Narrenfreiheit und eine entsetz­liche, entgrenzte Liebe empfand. Er hat mich verdorben und gleichzeitig zu dem gemacht, was ich bin. Verdorben insofern, als ich mein Lebtag darum ringen musste, mir selbst Grenzen zu setzen, um meinen zwischenmensch­lichen Beziehungen zumindest ein wenig Normalität zu verleihen. Zu dem gemacht, was ich bin, insofern, als er mich auf die lebenslange Suche nach einem eigenen »einmaligen« Ort entließ und eine wilde Gier in mir entfachte, der ich wie besessen in meiner Musik Ausdruck verleihen musste. Es war eine verzweifelte, lebenslange Anstrengung, auf den erlöschenden Flammen der Erinnerung und Sehnsucht meinen eigenen Tempel der Sicherheit zu errichten.

Für die Liebe meiner Großmutter gab ich meine Eltern, meine Schwester und einen Großteil der Welt auf. Doch dann brach diese Welt gewaltsam über uns herein. Meine Großeltern wurden krank. Die Familie zog wieder zusammen, in die 68 South Street. Bald sollte meine kleine Schwester Pam zur Welt kommen, mein Großvater sterben und meine Großmutter vom Krebs zerfressen werden. Mein Haus, mein Garten, mein Baum, mein Schmutz, meine Erde, mein Zufluchtsort sollten für abbruchreif erklärt und das Land als zukünftiger Parkplatz an die St. Rose of Lima Catholic Church verkauft werden.

KAPITEL 3

DIE KIRCHE

Auf einem Rundweg konnten wir mit unseren Fahrrädern einmal um die Kirche und das Pfarrhaus herum und dann am Nonnenkloster vorbei über die schöne Auffahrt aus verb­lichenen Blauschieferplatten zurück zum Ausgangspunkt fahren. Über den leicht erhabenen Schieferkanten vibrierten unsere Lenker, und unsere Hände zuckten im pulsierenden Rhythmus – bamp, amp, amp, amp … Beton –, und schon ging es in die nächste Runde. An verschlafenen Nachmittagen vertrieben wir uns die Zeit damit, immer wieder aufs St.-Rose-Gelände zu fahren, auch wenn die Schwestern uns aus den Klosterfenstern nachkeiften, wir sollten uns nach Hause scheren, und obwohl wir regelmäßig den streunenden Katzen ausweichen mussten, die zwischen dem Keller der Kirche und unserem Wohnzimmer hin und her strichen. Mein Großvater, der mittlerweile nicht mehr viel zu tun hatte, verbrachte seine Zeit im Garten hinter unserem Haus damit, mit viel Geduld die wilden Katzenkreaturen anzulocken. Nur er konnte sich den scheuen Tieren nähern und sie streicheln. Mit keinem anderen mensch­lichen Wesen gaben sie sich ab. Mitunter war der Preis dafür gesalzen: Eines Abends kam er ins Haus und hatte am Arm einen etwa dreißig Zentimeter langen blutigen Kratzer von einem Kätzchen, das für seine Zuneigung noch nicht empfänglich gewesen war.

Die Katzen schlichen zwischen unserem Haus und der Kirche hin und her, genau wie wir auf diesem Weg zur Schule, nach Hause, zur Messe und wieder zur Schule schlenderten. Unser Leben war untrennbar mit dem der Kirche verbunden. Anfangs waren die Priester und Nonnen nur freund­liche Gesichter gewesen, die uns im Kinderwagen betrachteten, lächelten und angenehm geheimnisvoll wirkten. Doch sobald ich das Schulalter erreicht hatte, wurde ich in die düsteren Gemäuer der Gemeinschaft eingeführt: Weihrauch, gekreuzigte Männer, ein unter Qualen auswendig gelerntes Dogma, freitäg­liche Kreuzwegprozessionen (die Hausaufgaben!), Männer und Frauen in schwarzen Gewändern, der verhangene Beichtstuhl, das Schiebefenster, das Gesicht des Priesters im Schatten und das Eingeständnis kind­licher Verfehlungen. Wenn ich an die Stunden denke, in denen ich Listen läss­licher Sünden erstellte, die ich auf Kommando vom Stapel lassen konnte … Sie mussten schlimm genug sein, um glaubhaft zu sein … aber auch nicht zu schlimm. (Das Beste sollte erst noch kommen!) Wie sündhaft konnte ein Zweitklässler schon sein? Bald hatte ich genug davon, der heiligen Rosa von Lima über jeden einzelnen Tag der Woche Rechenschaft abzulegen, und wollte nur noch weg … um jeden Preis. Aber wohin? Es gibt kein »weg«. Ich lebe hier. Wir alle. Alle, die zu meinem Clan gehören. Wir sind auf diesem Fleckchen Erde gestrandet wie auf einer einsamen Insel, sitzen alle im selben Boot – in einem Boot, das nach Aussagen meiner Katechismuslehrer bis in alle Ewigkeit auf See bleibt. Tod und Jüngstes Gericht sorgen lediglich für eine Neuaufteilung der Passagiere, während unser Schiff in heiliger Verwirrung hilflos von einer metaphysischen Schleuse zur nächsten treibt.

Und daher … schaffe ich mir eine andere Welt. Eine Welt des kind­lichen Widerstands, eine Welt der passiven Verweigerung, mit der ich mich gegen »das System« wehre. Es ist die Ablehnung einer Welt, in der ich keine Anerkennung für das finde, was ich gemäß meiner eigenen Überzeugung und der meiner Großmutter bin: ein verlorener Kindkönig, der jeden Tag aufs Neue aus seinem Königreich aus Zimmern verbannt wird. Aus dem Haus der eigenen Großmutter! Für die Schmocks dort draußen bin ich nur eins jener verwöhnten Kinder, die sich nicht anpassen wollen, woran wir uns irgendwann doch alle anpassen müssen: an das nur nachrangig theistische Königreich mit Namen SO SIND DIE DINGE NUN MAL! Das Problem ist nur, dass ich keinen Schimmer habe und es mir auch egal ist, wie die Dinge sind. Ich stamme aus dem fremden Land der DINGE, WIE ICH SIE MAG. Dieses Land ist nicht mal weit entfernt, nur ein Stück die Straße rauf. Also Schluss für heute, ich will einfach nur wieder nach HAUSE!

Ganz gleich, wie sehr ich es will und mich darum bemühe: Dass »die Dinge nun mal so sind«, will mir einfach nicht einleuchten. Verzweifelt möchte ich dazugehören, aber die Welt, die ich mir dank der Freiheiten geschaffen habe, die meine Großeltern mir ließen, hat mich in einen unfreiwilligen Rebellen verwandelt, in einen Außenseiter, Sonderling, in einen Freak, einen schlappschwänzigen Sissy Boy. Ich stoße Leute vor den Kopf, werde vor den Kopf gestoßen und bin sozial gesehen obdachlos … Ich bin sieben Jahre alt.

Die meisten Jungs in meiner Klasse sind tatsächlich nette Kerle. Einige jedoch sind unhöflich, rücksichtslos und grausam. Wie jeder, der mal Rockstar werden will, erlebe und erleide auch ich als Schüler Mobbing, schweige zornig, wuterfüllt, gedemütigt, spüre die große Schulhofeinsamkeit – an den Maschendrahtzaun gelehnt, während die Welt um dich herum sich dreht, sich ohne dich weiterdreht, sich von dir wegdreht –, die letztlich der Zündstoff für das Feuer wird, das bald auflodert. Dann wird all dies in Flammen stehen, die Welt wird auf den Kopf gestellt und landet mit der Schnauze voran im Dreck … nur eben noch nicht jetzt.

Die Mädchen dagegen können gar nicht fassen, dass es einen solchen Jungen gibt, einen schüchternen, gutmütigen Träumer, wie es scheint. Sie dringen in Grandmas Hoheitsgebiet vor und nehmen sich meiner an. Ich schaffe mir einen kleinen Harem aus Mädchen, die mir die Schnürsenkel zubinden, den Reißverschluss der Jacke hochziehen und mich mit Aufmerksamkeit überschütten. Jeder Sohn einer ita­lienischen mamma weiß genau, wie so was funktioniert. Die Ablehnung durch die anderen Jungs wird hierbei zur Erkennungsmarke für Sensibilität und lässt sich wie ein Trumpf ausspielen, wenn es um Vergünstigungen geht, die einem als jugend­licher Außenseiter zuteilwerden können. Ein paar Jahre später, als Sex ein Thema wird, verliere ich meinen Status und reihe mich natürlich wieder bei den freund­lichen Losern ein.

Die Priester und Nonnen sind Wesen von höchster Autorität und in sexueller Hinsicht undurchschaubare Geheimnisträger. Als meine Nachbarn aus Fleisch und Blut und gleichzeitig hiesige Brücke ins Jenseits üben sie einen starken Einfluss auf unser täg­liches Leben aus. Sowohl im Alltag als auch auf spiritueller Ebene sind sie die Wächter am Tor zu einer dunklen und selig machenden Welt, die ich fürchte, in die ich gleichzeitig aber auch Einlass begehre. Es ist eine Welt, in der aller irdische Besitz auf dem Spiel steht, eine Welt, erfüllt von einer unbekannten Glückseligkeit der Wiederauferstehung und Ewigkeit, aber auch vom immerwährenden Feuer der Verdammnis, von aufregender, sexuell gefärbter Folter, unbefleckter Empfängnis und Wundern. Eine Welt, in der Männer sich in Götter verwandeln und Götter in Teufel … und ich ahnte, dass diese Welt nur zu real war. Ich hatte zu Hause erlebt, wie sich Götter in Teufel verwandelten. Ich hatte das Gesicht eines Menschen vor mir gesehen, der meinem Gefühl nach eindeutig vom Teufel besessen war – das meines armen alten Vaters, der mitten in der Nacht in einem alkoholbefeuerten Wutausbruch das Haus zerlegte und uns alle zu Tode erschreckte. Ich hatte die Kräfte der Finsternis in Gestalt meines gequälten Dads zu spüren bekommen … die Androhung körper­licher Gewalt, das Gefühlschaos und die Macht, jemanden nicht zu lieben.

In den Fünfzigern konnten die Nonnen von St. Rose durchaus ungemütlich werden. Einmal wurde ich wegen irgendeiner Verfehlung aus der achten in die erste Klasse zurückgeschickt. Ich musste mich auf eine Erstklässlerbank quetschen, und dort versauerte ich dann. Allerdings freute ich mich über den freien Nachmittag. Irgendwann bemerkte ich, dass jemandes Manschettenknopf das Sonnenlicht auf die Wand reflektierte. Versonnen folgte ich dem Lichtpunkt, der zur Decke hinaufkroch. Und urplötzlich hörte ich, wie die Nonne einen bulligen kleinen Vollstrecker in der Mitte der ersten Reihe aufforderte: »Zeig unserem Besucher mal, was wir in dieser Klasse mit denen machen, die nicht aufpassen.« Der Bengel kam mit ausdruckslosem Gesicht auf mich zu und versetzte mir, ohne mit der Wimper zu zucken, mit der flachen Hand und mit voller Wucht einen Schlag mitten ins Gesicht. Das Klatschen hallte im Klassenzimmer wider. Ich konnte nicht fassen, was soeben geschehen war, und stand vollkommen unter Schock, bekam einen hochroten Kopf und fühlte mich zutiefst gedemütigt.

Bevor ich die Grundschule hinter mir hatte, waren meine Knöchel ganz klassisch mit dem Lineal malträtiert worden, man hatte mich so heftig an der Krawatte gezogen, dass ich beinahe erstickt wäre, ich war mit Kopfnüssen bedacht, in eine stockdunkle Kammer gesperrt und mit dem Kommentar, dass ich nirgendwo anders hingehörte, in eine Mülltonne bugsiert worden – Tagesgeschäft in katholischen Schulen der Fünfziger. Bei mir hinterließ es einen schalen Nach­geschmack und entfremdete mich zusehends der Religion.

Selbst wenn man damals in der Schule unversehrt geblieben wäre, ging einem der Katholizismus tief unter die Haut. Ich war Messdiener und stand in der heiligen Schwärze der Nacht um vier Uhr früh auf, um über winter­liche Straßen zur Kirche zu hasten, in der Stille der Morgendämmerung in der Sakristei meinen Talar anzulegen und auf Gottes persön­licher terra firma am Altar der heiligen Rosa rituelle Handlungen auszuführen – Zutritt für Laien verboten. Während ich dort vor einem Publikum aus Verwandten, Nonnen und den Frühaufstehern unter den Sündern unserem griesgrämigen, achtzig Jahre alten Monsignore assistierte, atmete ich den Weihrauchduft ein. Ich erwies mich allerdings als so unfähig, die verschiedenen Körperhaltungen einzunehmen und meine lateinischen Sprüche zu lernen, dass sich der Monsignore eines Tages dazu verleitet sah, mich bei der Frühmesse um sechs an der Schulter meines Ministrantenrocks zu packen und mich zum fassungslosen Entsetzen aller mit dem Gesicht nach unten zum Altar zu zerren. Schwester Charles Marie, meine Klassenlehrerin in der Fünften, die Zeugin der Strafaktion geworden war, schenkte mir später am Nachmittag auf dem Schulhof ein kleines Andachtsmedaillon. Diese liebevolle Geste hab ich nie vergessen.

In den Jahren als St.-Rose-Schüler hatte ich die körper­lichen und emotionalen Belastungen durch den Katholizismus hinreichend zu spüren bekommen. Doch am letzten Schultag nach der achten Klasse kehrte ich alldem den Rücken, Schluss damit, nie wieder, sagte ich mir, ich war frei, frei, endlich frei … Und das glaubte ich wirklich … sogar ziemlich lange. Als ich aber älter wurde, fielen mir an der Art, wie ich dachte, reagierte und mich verhielt, bestimmte Eigenarten auf. Reumütig und verwirrt wurde mir am Ende klar: einmal katholisch, immer katholisch. Also hörte ich auf, mir etwas vorzumachen. Ich praktiziere meinen Glauben nicht allzu oft, aber ich weiß, dass ich irgendwo … tief in mir drin … immer noch zum Team gehöre.

Dies war die Welt, in der ich zu meinen ersten Songs fand. Im Katholizismus wohnten die Poesie, die Gefahr und die Dunkelheit, die meine Vorstellungen und mein Inneres widerspiegelten. Ich entdeckte ein Land von großartiger herber Schönheit mit fantastischen Geschichten, unvorstellbaren Strafen und unend­licher Belohnung, einen glorreichen und dramatischen Ort, für den ich entweder »geformt« worden war oder in den ich von Haus aus »passte«. Der Katholizismus hat mich als Wachtraum mein ganzes Leben lang begleitet. Als junger Erwachsener versuchte ich, seine Bedeutung zu ergründen. Versuchte, seine Herausforderungen zu bewältigen, weil es tatsächlich Seelen gibt, die verloren gehen können, und gleichzeitig auch ein Reich der Liebe, das erobert werden will. Ich betrachtete im Spiegel dessen, was ich verinnerlicht hatte, das leidvolle Leben meiner Angehörigen, Freunde und Nachbarn. Ich verwandelte all das in etwas, was für mich greifbar und verständlich war, woran ich sogar glauben konnte. So komisch es klingt: Ich habe ein »persön­liches« Verhältnis zu Jesus. Er ist nach wie vor einer meiner Väter, wenngleich ich mittlerweile an seine gött­liche Kraft ebenso wenig glaube wie etwa an die gött­liche Kraft meines leib­lichen Vaters. Ich glaube fest an seine Liebe, an seine Fähigkeit zu retten … aber nicht zu verdammen … genug davon.

Wie ich es sehe, haben wir nun mal vom Apfel gegessen, und Adam, Eva, der rebellische Jesus in all seiner Herrlichkeit sowie Satan gehören samt und sonders zu Gottes Plan, Männer und Frauen aus uns zu machen und uns die kostbarsten Gaben zu schenken: Erde, Schmutz, Schweiß, Blut, Sex, Sünde, Güte, Freiheit, Gefangenschaft, Liebe, Angst, Leben und Tod … unser Menschsein und unsere ureigene Welt.

Die Kirchenglocken läuten. Die Mitglieder meines Clans strömen aus ihren Häusern und eilen die Straße entlang. Irgendjemand heiratet, stirbt oder wird geboren. Am Fußweg, der zur Kirche führt, stehen wir Spalier und warten. Meine Schwester und ich heben heruntergefallene Blumen und Reiskörner auf, um sie in Papiertüten zu stecken, wegzulegen und an einem anderen Tag über wildfremde Menschen zu werfen. Meine Mutter ist hingerissen, ihr Gesicht glüht. Orgelmusik, dann schwingen die Holztüren unserer Kirche auf, damit Braut und Bräutigam nach der Trauzeremonie heraus­treten können. Ich höre meine Mutter seufzen. »Oh, das Kleid … das schöne Kleid …« Der Brautstrauß wird geworfen. Die Zukunft wird verkündet. Die Braut und ihr Held werden in einer langen schwarzen Limousine eilig fortgebracht – in dem Gefährt, das sie zum Anfang ihres gemeinsamen Lebens kutschiert. Das nächste schwarze Gefährt jedoch wartet bereits um die Ecke auf einen anderen Tag, einen tränenreichen Tag, an dem es uns das kurze Stück geradeaus über die Throckmorton Street zum St.-Rose-Friedhof am Stadtrand bringt. An Frühlingssonntagen, wenn Knochen, Särge und Erdhaufen besucht werden, rennen und tollen meine Schwester und ich fröhlich zwischen den Grabsteinen umher. In der Kirche ist die Vermählung vorüber, und ich nehme meine Schwester an die Hand. Mit neun, zehn Jahren haben wir all das schon oft gesehen. Reis oder Blumen, Kommen oder Gehen, Himmel oder Hölle, hier an der Ecke Randolph und McLean ist das alles nichts Besonderes.

KAPITEL 4

DIE ITALIENER

Wie ein Lavastrom bricht der nie versiegende Redeschwall aus den spitzen Mündern von Dora Kirby, Eda Urbelis und Adele Spring­steen hervor, und wie von Nuklearenergie gespeist scheinen ihre winzigen Körper schier bersten zu wollen. Meine Mutter und ihre beiden Schwestern kreischen, lachen, weinen und tanzen sich seit zusammengerechnet mehr als 260 Jahren durch sämt­liche Höhen und Tiefen des Lebens. Es hört einfach nie auf. Ihr Marx-Brothers-Hochspannungswahnwitz bewegt sich unaufhörlich am Rande einer kaum zu zügelnden Hysterie. Irgendwie hat sie das nicht nur beinahe unsterblich gemacht, sondern auch zu Heldinnen. Frau für Frau fielen sie in irische Hände, überlebten ihre Ehemänner, den Krieg, Tragödien und drohende Armut und blieben trotzdem immer unerschütterlich, unbezwungen, unverdrossen und heillos optimistisch. Sie sind »DIE GRÖSSTEN«, drei Mini-Muhammad-Alis, die mit seiner Rope-a-Dope-Taktik die ganze Welt auspunkten.

An der Jersey Shore begegnen und begatten sich die Italiener und Iren häufig. Das Küstenstädtchen Spring Lake wird von den Einheimischen »Irische Riviera« genannt. Hier sind sie im Sommer tagtäglich zu finden: die sommersprossigen Hellhäutigen, die ihr Bier zischen und krebsrot werden in der Brandungsgischt vor den viktorianischen Wohnhäusern, die immer noch Eleganz und Sub­stanz ausstrahlen. Ein paar Meilen weiter nördlich liegt Long Branch, New Jersey, wo Anthony »Little Pussy« Russo – der in Deal Tür an Tür mit meiner Frau Patti Scialfa wohnte – und die Mafia von Central Jersey zu Hause waren. Dort an den Stränden tummeln sich Schönheiten mit olivfarbener Haut und ihre schmerbäuchigen Ehemänner, und der breite Jersey-Akzent meiner italienischen Brüder und Schwestern hängt genauso in der Luft wie der Zigarrenrauch. Für ein Sopranos-Casting hätte man hier alles gefunden, was man brauchte.

Mein Urgroßvater war noch »the Dutchman« genannt worden. Ich nehme an, dass er von ein paar verirrten Niederländern abstammte, die aus New Amsterdam übergesiedelt waren, ohne auch nur zu ahnen, worauf sie sich hier einließen. Nur deshalb tragen wir den niederländischstämmigen Namen Springsteen, doch hauptsächlich mischt sich hier irisches mit italienischem Blut. Wieso? Ehe sich die Mexikaner und Afroamerikaner der Felder von Monmouth County annahmen, hatten sich hier Italiener zusammen mit Iren in der Landwirtschaft abgeplagt und auf den angrenzenden Pferdefarmen gearbeitet. Als ich kürzlich meine Mutter gefragt habe, weshalb sie alle bei irischen Männern gelandet sind, antwortete sie: »Die Italiener waren uns einfach zu herrschsüchtig. Davon hatten wir genug, wir wollten uns nicht länger von Männern herumkommandieren lassen.« Natürlich nicht. Wenn jemand das Kommando führte, dann die Zerilli-Mädels – selbst wenn sie bloß im Hintergrund die Strippen zogen. Meine Tante Eda hat mir mal erzählt: »Daddy wollte immer drei Jungs, bekam aber stattdessen drei Mädchen. Also erzog er uns zu besonders harten Burschen.« Ich denke, das erklärt so einiges.

Als Kind kam ich von Abendessen bei meiner Tante Dora jedes Mal völlig erschöpft und mit klingelnden Ohren zurück, und wann immer es dort übers Essen hinaus etwas zu feiern gab, wurde es erst recht gefährlich. Dann stopften sie dich wie eine Mastgans, folterten dich mit Gesang und Geschrei, bis du taub warst, und tanzten dich in Grund und Boden. Selbst als alle drei auf die Neunziger zugingen, lief das noch so. Wie kam das? Woraus schöpften sie ihre unerschöpf­liche Energie und ihren Optimismus? Welche himmlische Kraft hatten sie angezapft und in ihre winzig kleinen italienischen Körper geleitet? Wer hatte all das in Bewegung gesetzt?

Sein Name war Anthony Alexander Andrew Zerilli – mein Großvater. Um die Jahrhundertwende kam er als Zwölfjähriger aus Vico Equense – bloß einen Steinwurf von Neapel entfernt – nach Amerika, ließ sich erst in San Francisco nieder und zog dann weiter gen Osten, wo er am City College seinen Abschluss machte und in New York City in der 303 West 42nd Street als Anwalt zu arbeiten begann. Er diente drei Jahre lang in der Navy, war dreimal verheiratet und verbüßte drei Jahre im Sing-Sing-Gefängnis wegen Unterschlagung (angeblich weil er die Schuld eines Verwandten auf sich nahm). Vor Haftantritt hatte er sich noch einen Hof auf der Kuppe eines hübschen grünen Hügels in Englishtown, New Jersey, gekauft. Als Anwalt hatte er recht gut verdient; ich besitze noch ein paar Fotos aus den Dreißigern, die meine Mutter und ihre Familie – komplett in makelloses Weiß gekleidet – in Newport, Rhode Island, zeigen. Im Gefängnis ging er pleite. Nachdem seine Frau nach Brooklyn verschwunden war und Mom und ihre Schwestern – damals noch im Teenageralter – im Stich gelassen hatte, mussten die drei sich auf jenem grünen Hügel quasi allein durchschlagen und einander großziehen.

In meiner Kindheit kam mir das Bauernhaus wie eine Villa vor, wie eine Trutzburg des Reichtums und der Kultur. Mein Groß­vater besaß wertvolle Gemälde und hatte religiöse Kunst, Gewänder und antike Möbel gesammelt. Im Wohnzimmer stand ein Klavier. Er reiste viel, war weltgewandt, fast schon ein wenig zügellos. Er hatte graues Haar und gigantische dunkle Schatten unter den großen braunen Italieneraugen. Selbst als klein gewachsener Mann verfügte er über eine Baritonstimme, die wie Donner grollte und eine gehörige Gottesfurcht in dir wecken konnte, wenn sie zu dir sprach. Wie ein in die Jahre gekommener italienischer Prinz thronte er in seinem Arbeitszimmer. Dort saß ihm seine dritte Frau Fifi mit ihrem Strickzeug gegenüber. In ihren engen Kleidern, herausgeputzt und so stark parfümiert, dass es einen schier umhaute, drückte sie mir jedes Mal einen dicken Lippenstiftschmatzer auf die errötende Wange, wenn wir dort vorbeischauten, und vom Thron grollte ein »Barrrrrr« bis in die Ewigkeit, es folgte ein dunkles, lang gezogenes »uuuuuu«, und das »ce« wurde nur angetippt: »BARRRRRRUUUUUUCE … Komm her!« Ich wusste ganz genau, was folgte. In der einen Hand hielt er einen Dollar. Den bekam ich jeden Sonntag. Allerdings musste ich ihn mir erkämpfen und erst ertragen, was die andere Hand für mich bereithielt … den »Kneifer des Todes«. Sowie ich nach dem Dollar griff, packte er mich und kniff mir mit Daumen und Zeigefinger so fest in die Wange, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. Dann drehte er die gequetschte Hautfalte langsam erst in die eine, dann in die andere Richtung (inzwischen jaulte ich schon jämmerlich) bis zur Erlösung: einem kurzen, schwungvollen Zupfen. Ende gut, alles gut. Zum Schluss ein Fingerschnippen und ein herzhaftes Lachen. »BARRRRRRUUUUUUUUUUUCE … WAS IST LOS MIT DIR?« Und endlich, der Dollar.

Beim Sonntagsessen hielt er Hof, brüllte herum, erteilte Befehle und schwadronierte lauthals über die Ereignisse des Tages. Was für eine Show! Manche mochten ihn für anmaßend halten, doch in meinen Augen war dieser kleine Italiener ein Gigant! Er hatte Größe, Geltung – und er unterschied sich kolossal von jenem unstet umherirrenden passiv-aggressiven Mannsvolk, das mein rest­liches Leben in weiten Teilen kennzeichnete. Er war die personifizierte neapolitanische Urkraft! Wen scherte es, wenn er wieder einmal Ärger hatte? Die Welt dort draußen war nun mal randvoll mit Ärger, und wenn du ein Ziel hattest, wenn du Hunger hattest auf etwas, dann musstest du eben diverse Hürden nehmen. Du musstest bereit sein, deine Ansprüche anzumelden, und durftest dann nicht lockerlassen. Denn »sie« würden dir nichts schenken. Du musstest Risiken eingehen … und bezahlen. Seine Lebenslust, seine imponierende Präsenz, sein unermüd­liches Engagement im Arbeitsalltag sowie seine Vormachtstellung in der Familie machten ihn für mich zu einem einzigartigen männ­lichen Vorbild. Er war aufregend, Furcht einflößend, theatralisch, strickte an seiner eigenen Legende, war großmäulig – kurz: ein Rockstar! Sobald man die Villa auf dem Hügel jedoch hinter sich ließ – sowie man wieder auf Asphalt traf –, waren es in meiner Familie die FRAUEN, DIE ÜBER DIE WELT HERRSCHTEN! Sie ließen ihre Männer in dem Glauben, das Sagen zu haben, dabei war schon auf den ersten Blick zu erkennen, dass diese Männer mit ihnen nicht annähernd mithalten konnten. Die Iren brauchten ihre MAMA! Anthony auf seiner Hügelkuppe brauchte Fifi, seine HOT MAMA. Das war schon ein gewaltiger Unterschied.

Von seiner ersten Frau Adelina Rosa hatte Anthony sich getrennt. Die Ehe war arrangiert worden, als die beiden gerade in den Zwanzigern gewesen waren. Als junges Mädchen hatte man Adelina aus Sorrento in die Vereinigten Staaten geschickt, wo sie nach Art der Alten Welt verheiratet werden sollte. Mehr als achtzig Jahre lang lebte sie in den USA und sprach nicht einen Satz Englisch. Wenn man ihr Zimmer betrat, tauchte man ins Alte Italien ein. Der Rosenkranz, die Düfte, die Devotionalien, die gesteppten Bettdecken, das dämmrige Sonnenlicht, das an einen anderen Ort und eine andere Zeit gemahnte … Ich bin mir sicher, dass es ihr trauriges Schicksal war, die »Madonna« unter Anthonys Mätressen spielen zu müssen.

Meine Großmutter litt ungemein unter der Scheidung, heiratete nie wieder und zog sich mehr oder weniger aus der Welt zurück. Über Jahre hielten sie und Anthony sich nicht mal bei Beerdigungen, Hochzeiten oder Familientreffen in ein und demselben Zimmer auf. Sonntags nach dem Gottesdienst, wenn ich meine Tante Dora besuchte, war immer auch Adelina mit ihrem Haarnetz und den Halstüchern da, roch exotisch und zauberte köst­liche italienische Gerichte auf den Tisch. Mit einem Lächeln begrüßte, herzte und küsste sie mich und raunte mir italienische Segenswünsche ins Ohr. Dann, eines Tages, starb Fifi oben auf dem Hügel.

Sechzig Jahre nach ihrer Scheidung kamen Anthony und Adelina wieder zusammen. Sechzig Jahre später! Noch ein ganzes Jahrzehnt wohnten sie gemeinsam in der Villa, bis Anthony starb. Nach dem Tod meines Großvaters fuhr ich im Sommer oft mit dem Fahrrad aus Colts Neck zu Besuch nach Englishtown. Für gewöhnlich war Adelina dort allein. Dann saßen wir in der Küche und unterhielten uns in gebrochenem Englisch und Italienisch. Sie sei nur bei dem Alten geblieben, behauptete sie dann, um ihren Kindern das Erbe zu sichern … gut möglich. Sie starb im Alter von 101 Jahren friedlich und bei klarem Verstand, nachdem sie erlebt hatte, wie Auto und Flugzeug erfunden wurden und die ersten Menschen auf dem Mond spazieren gingen.

Die darauffolgenden fünfundzwanzig Jahre lag Anthonys und Adelinas Villa auf dem Hügel in einer Art Dämmerschlaf. Als ich später mit fünfzig durch die Zimmer schritt, war dort alles immer noch genauso, wie ich es als Achtjähriger erlebt hatte. Für die Schwestern war die Villa ein geheiligter Ort. Am Ende zog mein Cousin Frank, der Jitterbug-Champion, der mir die ersten Akkorde auf der Gitarre beigebracht hatte und dessen Sohn Frank junior mit mir in der Sessions-Band spielte, mit seiner Familie dort ein. Endlich war das Haus wieder voller Kinder, und es wurde italienisch gekocht.

Der »Kneifer des Todes« und sein Schrecken gingen auf meine Tante Dora über. Sie entwickelte daraus ihre persön­liche Variante, den »Schwitzkasten des Verderbens«. Diese kaum eins sechzig kleine, neunzigjährige Signora konnte einem per Würgegriff ein chronisches Schleudertrauma zufügen und selbst Randy »Macho Man« Savage außer Gefecht setzen, wann immer er blöd genug war und sich zu ihr hinunterbeugte, um sich ein Küsschen abzuholen. Big Daddys »Kneifer des Todes« macht mir inzwischen keine Angst mehr, aber an manchen Abenden wird Anthony gegen halb neun wieder lebendig … wenn die Saalbeleuchtung erlischt, der Vorhang aufgeht und ich ein lang gezogenes »BARRRRRRUUUUUUUUUUUCE!« höre …

Arbeit, Glaube, Familie: So lautet das italienische Credo, das meine Mutter und ihre Schwestern predigen. Sie leben danach. Sie glauben daran. Sie glauben daran, obwohl ausgerechnet diese Maximen sie so furchtbar enttäuscht haben. Trotzdem predigen sie es, wenn auch nie in aller Schärfe, und sie sind felsenfest davon überzeugt, dass dieses Credo alles ist, was bleibt, wenn auf das Leben und die Liebe eine Leere folgt, die Ehegatten verschlingt, Kinder, Familienmitglieder und Freunde. Unter ihrer strengen Gesinnung und Überzeugung verbergen sich eine gewaltige Willenskraft, Furcht und unbändige Freude, die selbstverständlich auch in meine Arbeit Eingang gefunden haben. Wir Italiener gehen immer bis zum Äußersten. Wir bleiben standhaft, bis die Knochen brechen. Wir strecken uns nach Dingen und halten daran fest, bis unsere Muskeln erlahmen. Wir twisten und shouten und lachen, bis wir nicht mehr können – bis zum bitteren Ende. Das ist die Religion der Zerilli-Schwestern, die ihr papà ihnen auf die harte Tour beigebracht, die Gottes Gnade sie gelehrt hat und für die wir täglich dankbar sind.

KAPITEL 5

DIE IREN

In meiner Familie gab es Tanten, die bei Familientreffen in Geheul ausbrachen, Cousins, die nach der sechsten Klasse die Schule schmissen, heimgingen und das Haus nie wieder verließen, und Männer, die sich am ganzen Körper und am Kopf die Haare ausrissen, sodass große kahle Stellen zurückblieben. All das innerhalb nicht einmal eines Straßenzugs. Wann immer sich Gewitter ankündigten, packte meine Großmutter mich bei der Hand und zerrte mich an der Kirche vorbei zum Haus von Tante Jane, wo sich jedes Mal ein Schwarm Frauen versammelte, um ein schwarzmagisches Ritual abzuhalten. Gebete wurden gemurmelt, während meine Tante Jane geweihtes Wasser aus dem kleinen Fläschchen über uns verspritzte. Mit jedem aufzuckenden Blitz steigerte sich die unterschwellige Hysterie, bis es irgendwann so schien, als hegte Gott höchstselbst die Absicht, uns in unserem kleinen Winkel auszulöschen. Geschichten über grausame Todesfälle durch Blitzschlag machten die Runde, und irgendjemand begang den Fehler zu behaupten, der sicherste Ort bei Gewitter sein ein Auto, das durch Gummireifen vom Erdboden isoliert war. Später heulte ich dann meinen Eltern jedes Mal schon bei entferntem Donnergrollen sämtliche Ohren voll, bis sie mich in unser Auto brachten, wo ich das Ende des Gewitters abwartete. Ich würde für den gesamten Rest meines Lebens über Autos schreiben.

Als Kind fand ich das alles rätselhaft, peinlich und doch vollkommen normal. Es musste einfach so sein. Immerhin waren das die Menschen, die ich liebte.

Wir sind Leidende. Denjenigen Vorfahren, die von der Grünen Insel stammten, lag das Unheil im Blut. 1852 kehrte meine damals vierzehnjährige Ururgroßmutter Ann Garrity zusammen mit zwei Schwestern im Alter von zwölf und zehn Irland den Rücken. Fünf Jahre zuvor hatte die Große Hungersnot das Land in die Knie gezwungen. Ann Garrity ließ sich in Freehold nieder. Ich weiß nicht, wann genau es damit losging, aber bei einigen von uns hier macht sich eine ernsthafte psychische Erkrankung bemerkbar. Sie scheint willkürlich mal einen Cousin zu befallen, mal eine Tante, einen Sohn, eine Großmutter und leider auch meinen Vater.

Wenn ich ihn in meinen Songs als den Archetyp eines gebiete­rischen und gleichzeitig abwesenden Vaters darstellte, tat ich ihm mit­unter sicher unrecht. Ich habe unser Verhältnis oft wie eine Jenseits von Eden-Neufassung geschildert, als eine Art »Verallgemeinerung« meiner Kindheitserinnerungen. Doch unsere gemeinsame Geschichte ist weitaus komplizierter. Zwar nicht hinsichtlich des genauen ­Ablaufs all dessen, was zwischen uns passiert ist, aber was den Grund für die Ereignisse betrifft, das Warum.

Mein Vater

In der Wahrnehmung eines Kindes waren die Bars in Freehold Festungen voller Geheimnisse, Stätten bösen Zaubers, irritierender Ungewissheit und Orte drohender Gewalt. Als wir eines Abends an einer roten Ampel in der Throckmorton Street hielten, erlebten meine Schwester und ich mit, wie zwei Männer sich vor der ört­lichen Kneipe so heftig prügelten, dass es ganz danach aussah, als würde es tödlich enden. In ihren zerfetzten Hemden waren sie umringt von einem Pulk anfeuernder Zuschauer. Einer der Raufbolde hatte den Schopf seines Gegners gepackt, hockte rittlings auf dessen Brust und verpasste ihm üble Schläge im Gesicht. Der Mann lag mit dem Rücken auf dem Pflaster, blutete aus dem Mund und wehrte sich verzweifelt. »Seht nicht hin«, sagte unsere Mutter nur, und als die Ampel grün wurde, fuhren wir weiter.

Wenn man in meiner Heimatstadt durch eine Kneipentür ging, betrat man ein regelrecht mystisches Männerreich. Wollte meine Mutter, dass mein Vater abends heimkam – was selten passierte –, fuhren wir im Schneckentempo durch die Stadt, bis wir vor einer erleuchteten Tür hielten und meine Mutter rüberzeigte. »Geh und hol deinen Vater.« Den öffent­lichen Zufluchtsort meines Vaters zu betreten war für mich gleichermaßen aufregend und Angst einflößend. Doch Mom hatte mir die Erlaubnis erteilt, das Undenkbare zu tun: Dad an seinem geheiligten Ort zu stören. Ich stieß die Tür auf und wich den turmhohen Männern aus, die auf dem Weg ins Freie waren. Ich reichte ihnen bestenfalls bis zur Hüfte, und wenn ich den Schankraum betrat, kam ich mir vor wie der Hans aus dem englischen Märchen, der diese Bohnenranke hinaufklettert und in einem Land vertrauter und doch beängstigender Riesen landet. Linker Hand war die Wand gesäumt von einer Reihe Nischen, die heim­lichen Rendezvous dienten, Liebespaaren und Eheleuten, die im Tandem tranken. Rechts standen die Barhocker, besetzt von einer Barrikade aus breiten Arbeiterrücken. Die Stimmen klangen wie Donnergrollen, Gläser klirrten. Verstörend anzüg­liches Gelächter. Fast keine Frauen. Da stand ich, trunken vom trüben Dunst aus Bier, Schnaps, Blues und Aftershave. Nichts in der Draußenwelt daheim ähnelte diesem Bukett auch nur annähernd. Hier wurden Schlitz und Pabst Blue Ribbon getrunken, und das namensgebende blaue Band zierte den Zapfhahn des Schankkellners, der das goldene Elixier fachmännisch in schräg gehaltene Gläser rinnen ließ und sie anschließend laut auf den Holztresen donnerte. Da stand ich und rief den Männern wieder ins Gedächtnis, was viele von ihnen in diesen kurzen Momenten zu vergessen suchten – die Arbeit, die Verantwortung, die Familie, Fluch und Segen des Erwachsenenlebens. Jetzt im Nachhinein weiß ich natürlich, dass es sich dabei überwiegend um ganz normale Durchschnittstypen handelte, die am Ende der Woche ein bisschen Dampf ablassen mussten. Aber es waren eben auch ein paar dabei, die schwerwiegendere Probleme hatten und nicht wussten, wann das Maß voll war.

Irgendwann bemerkte einer von ihnen den kleinen Eindringling und bugsierte mich zu meinem Dad. Ich sah nur Barhocker, schwarze Schuhe, weiße Socken, Arbeitshosen, Hintern und kräftige Beine, Arbeitsgürtel und dann sein vom Alkohol gerötetes, verzerrtes Gesicht. Durch den Zigarettenrauch starrte er mich an, wenn ich die ewig gleiche Botschaft verkündete: »Mom will, dass du nach Hause kommst.« Ich wurde nie irgendeinem Kumpel vorgestellt, mir wurde nicht der Kopf getätschelt, ich wurde nicht mit freund­lichen Worten verwöhnt, und er zerzauste mir auch nicht das Haar, sondern es hieß dann immer nur: »Geh schon mal vor, ich komm gleich nach.« Ich folgte meinem Bröselpfad wieder zur Kneipentür und in die kalte Abendluft hinaus, zurück in meine Stadt, die mir irgendwie einladend vorkam, aber auch feindselig. Ich trödelte zum Bordstein, sprang auf den Rücksitz und informierte meine Mutter: »Er kommt gleich nach.«

Der Lieblingszeitgenosse meines Vaters war ich ganz sicher nicht. Als Junge dachte ich mir, Männer wären eben so: unnahbar, wenig mitteilsam, dafür andauernd beschäftigt mit den Geschehnissen in der Erwachsenenwelt. Als Kind stellt man die Entscheidungen seiner Eltern nicht infrage. Man akzeptiert sie, weil sie durch den göttergleichen Status der Elternschaft legitimiert sind. Wenn man nicht angesprochen wird, ist man der Mühe nicht wert. Wenn einem weder Zuneigung noch Liebe entgegengebracht wird, hat man es wohl nicht anders verdient. Wenn man unbeachtet bleibt, existiert man nicht. Der einzige Trumpf, den man ausspielen kann, ist die Kontrolle über das eigene Verhalten, um so vielleicht das Verhalten der Eltern zu beeinflussen. Womöglich muss man auch zäher sein, stärker, sport­licher, smarter, auf irgendeine Weise besser … wer weiß? Eines Abends gab mein Vater mir im Wohnzimmer Boxunterricht. Ich fühlte mich geschmeichelt, freute mich über sein Interesse an mir und gab mich gelehrig. Und es lief gut. Doch auf einmal landete seine flache Hand gleich mehrmals in meinem Gesicht. Und zwar ein bisschen zu hart, sodass es wehtat. Natürlich war ich nicht verletzt, aber er hatte definitiv eine Grenze überschritten. Mir war klar, dass er mir damit etwas mitteilen wollte. Wir waren in das dunkle Niemandsland jenseits von Vater und Sohn abgeglitten, und ich ahnte, was er mir damit hatte sagen wollen: Ich war ein Störenfried, ein Fremder, ein Rivale im gemeinsamen Zuhause und obendrein eine Enttäuschung. Es brach mir das Herz. Ich war am Boden zerstört. Und er marschierte einfach angeekelt raus.

Wenn Dad mich betrachtete, sah er nicht, was er hätte sehen wollen. Das war mein Vergehen. Mein bester Freund in der Nachbarschaft war Bobby Duncan, und der fuhr beispielsweise jeden Samstagabend mit seinem Vater ins Wall Stadium zu Stockcar-Rennen. Was auch immer wir bis Punkt fünf Uhr getrieben hatten, wurde eingestellt, und um sechs, gleich nach dem Abendessen, stürmte Bobby – in einem gebügelten Hemd und das Haar mit Brylcreem in Form gebracht – zwei Türen weiter die Vordertreppe seines Hauses hinunter, dicht gefolgt von seinem Dad. Rein in den Ford, und ab ging’s ins Wall Stadium … in den Hochoktanhimmel mit dem Soundtrack der kreischenden Reifen, in dem ganze Großfamilien die einheimischen Wahnsinnigen feierten, die in selbst gebauten US-Karossen irrwitzig Runde um Runde durchs Stadion röhrten oder beim wöchent­lichen Demolition Derby ihre heißen Öfen gnadenlos zu Schrott fuhren. Für das Schrottfest brauchte man nichts weiter als einen Footballhelm, einen Sicherheitsgurt und ein Gefährt zum Ramponieren, um in den Kreis der Auserwählten aufgenommen zu werden. Das Wall Stadium, dieser heiß geliebte, rauchgeschwängerte Rundkurs, wo es nach verbranntem Gummi roch und um den sich Familien versammelten, die ein gemeinsames Interesse pflegten … ein Ort, an dem die Dinge so waren, wie Gott sie sich vorstellte. Nicht nur war ich von der Liebe meines Vaters ausgeschlossen – auch in den Hot-Rod-Himmel wurde ich nicht eingelassen.

Das Bedürfnis meines Vaters, sich mit mir abzugeben, erwachte fast immer nur abends mit dem Ritus des heiligen Sixpacks: ein Bier nach dem anderen in unserer stockdunklen Küche. Irgendwann rief er nach mir, und anschließend spielte sich immer dasselbe ab: kurze Momente vorgeschützten elter­lichen Interesses an meinem Wohl­befinden, gefolgt von dem, was wirklich in ihm schwelte – Feind­seligkeit und unbändiger Groll auf seinen Sohn, den einzigen anderen Mann im Haus. Ein Jammer. Er liebte mich, aber er konnte mich nicht ausstehen. Er hatte das Gefühl, mit mir im Wettstreit um die Zuneigung meiner Mutter zu liegen … was durchaus seine Berechtigung hatte. Außerdem erkannte er in mir einen eindeutig zu großen Anteil seines eigenen wahren Ichs. Dad war gebaut wie ein Stier und steckte immer in Arbeitsklamotten. Er war stark und körperlich in hervorragender Verfassung. Gegen Ende seines Lebens setzte er sich viele Male erfolgreich gegen den Tod zur Wehr. In seinem Inneren schlummerten jenseits der Wut Sanftmut, Zaghaftigkeit, Scheu und traumverlorene Unsicherheit. All das trug ich offen zur Schau, und die Spiegelung dieser Eigenschaften in seinem Jungen stieß ihn ab, machte ihn zornig. Es waren die Eigenschaften eines »Weicheis« – und er hasste Weicheier. Klar, er war selbst zum Weichei erzogen worden. Zu einem Muttersöhnchen, genau wie ich.

Eines Abends am Küchentisch, gegen Ende seines Lebens, als es ihm alles andere als gut ging, erzählte er mir, dass er einmal bei einer Schulhofrauferei mit Gewalt von seinem Gegner getrennt worden war. Meine Großmutter war aus dem Haus gerannt und hatte ihn heimgeschleift. An jenem Abend am Küchentisch verspürte er die Erniedrigung von Neuem, und mit Tränen in den Augen sagte er: »Ich hatte doch schon fast gewonnen … Ich hatte doch schon fast gewonnen …« Er hatte immer noch nicht verstanden, dass er gehütet worden war wie ein Augapfel. Er war das einzige, das immer noch lebende Kind. Meine verstörte Großmutter hatte nie begriffen, dass ihre grenzenlose Liebe die Menschen, die sie großzog, auch erdrückte. Ich versicherte ihm, dass ich ihn verstand. In den prägenden Jahren unseres Lebens waren wir von ein und derselben Frau großgezogen worden und hatten ganz ähn­liche Kränkungen erlitten. In den Zeiten, zu denen unser Verhältnis am stürmischsten gewesen war, waren all diese Dinge ungeklärt geblieben und zu einem Vermächtnis aus Schmerz und Missverständnis geworden.

1962 kam meine jüngste Schwester Pam zur Welt. Da war ich bereits zwölf. Mom war sechsunddreißig, damals schon ziemlich alt, um noch Mutter zu werden. Es war eine fabelhafte Zeit, und Mom war wundervoll. Ich liebte ihre Umstandskleider. Meine Schwester Virginia und ich saßen während der letzten Schwangerschafts­monate oft bei ihr im Wohnzimmer, legten ihr die Hände auf den Bauch und warteten darauf, dass unsere kleine Schwester zu treten begann. Pams Geburt sorgte im gesamten Clan für Aufruhr, die ganze Familie kam zusammen. Solange meine Mutter noch im Krankenhaus lag, war Dad zur Stelle, kümmerte sich um uns, ließ das Frühstück anbrennen, half uns vor der Schule mit dem Anziehen (und schickte mich an einem Morgen in der Bluse meiner Mutter los; meine Schwester Virginia brüllte vor Lachen). Im Haus ging die Sonne auf. Kinder bringen eine gewisse Lieblichkeit mit sich, Geduld, Erhabenheit, zweite Chancen, Wiedergeburt und ein neuer­liches Erwachen der Liebe, die man im Herzen trägt und deren Gegenwart man in seinem Zuhause spürt. Kinder sind gottgegebene Möglichkeiten, es im nächsten Anlauf besser zu machen. Meine Teenagerjahre mit Dad waren zwar nach wie vor alles andere als toll, gleichzeitig leuchtete da aber auch immer meine kleine Schwester Pam, der lebende Beweis für die Liebe, die unsere Familie zusammenhielt. Ich war von ihr wie verzaubert. Ich war dankbar dafür, dass es sie gab. Ich wechselte ihr die Windeln, wiegte sie in den Schlaf, rannte zu ihr, wenn sie weinte, hielt sie im Arm und knüpfte das innige Band, das bis heute zwischen uns besteht.

Meine inzwischen schon sehr kranke Großmutter schlief im Nebenzimmer. Im Alter von drei Jahren schlüpfte Pam eines Abends aus dem Schlafzimmer meiner Eltern und kletterte das einzige Mal in ihrem jungen Leben ins Bett der Großmutter. Die ganze Nacht schlief sie dort und lag immer noch neben ihr, als unsere Großmutter starb. Als Mom am nächsten Morgen nach ihr sehen wollte, war sie bereits tot. Als ich an jenem Tag aus der Schule kam, brach meine Welt zusammen. Meine Tränen und die Trauer reichten schier nicht aus. Ich wollte ebenfalls sterben. Ich wollte bei ihr sein. Noch als Teenager konnte ich mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Ein Schwarzes Loch tat sich auf, ein Armageddon. Nichts war mehr von Bedeutung. Das Leben war verronnen, ich war ausgelöscht, die Welt nur mehr ein Schwindel, ein Schatten ihrer selbst. Mich retteten einzig und allein meine kleine Schwester und mein erwachendes Interesse an der Musik.