Böse Welt - Charles Keller - E-Book

Böse Welt E-Book

Charles Keller

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Beschreibung

Ob es nun ein von unserer gottähnlich-weißgewandeten Heilerfront vollends ganz verhunztes Raucherbein ist – die ungeheuerlich-legale Abzocke von publikationswütigen Möchtegernautoren durch perfide Pseudoverlage – die undurchschaubaren Machenschaften unserer Politiker – die offensichtlich unaufhaltsame Rückkehr kackbraunen Gedankenguts in alle Bereiche der Gesellschaft – oder auch der viel zu frühe Tod eines bewundernswert tapferen Mädchens – das Leben hält so manches Ungemach bereit. Man muss es nicht erfinden.

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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Charles Keller

Böse Welt

Kurzgeschichten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Raucherbein

Anna-Lena, das Gottkind

Kurz und schmerzlos frei

Im Paradies sind die Jungfrauen alle

Der Kinderschänder vom Gnadenhof

Die (Fahr-)Schule des Lebens

Agentur für gute Ratschläge und keine Arbeit

Vorwort zur letzten Geschichte

Nepp on Demand oder Unverkäuflich und doch umsatzträchtig

Impressum neobooks

Das Raucherbein

„Mann, Mann, was ist denn das jetzt wieder für eine gottverdammte Scheiße!“

Ein stechender Schmerz hatte sich peu à peu – ohne Vorwarnung, ohne Verknacksen, Vertreten oder Verrenken – in Gregors Fuß eingenistet, knapp über dem Knöchel. Durch nichts – kein Schütteln, Massieren, Ändern der Gangart – ließ der sich wieder verscheuchen oder wenigstens lindern. Nur, wenn er stehen blieb – und das auch für mindestens vier, fünf Minuten – dann wurd’s besser.

Lange, sogar sehr lange war er keine solch weite Strecke mehr gelaufen. Die Woche zuvor hatte er seinen alten Spritfresser, einen "VW-Bulli", verkauft und wollte sich mit dem Kauf eines anderen, günstiger zu unterhaltenden Fahrzeugs Zeit lassen – zumal er gerade keinen Job hatte und demzufolge auch nicht zwingend eines brauchte.

Ein Mal noch – einfach weil er’s wissen wollte – war er in die Stadt gelaufen, und tatsächlich – der gleiche Scheiß, derselbe Schmerz. Danach hatte er nurmehr den Bus genommen oder sich fahren lassen und nach Erhalt des nächsten Arbeitsvertrags umgehend einen hübschen kleinen Jahreswagen erstanden.

Das seltsame Fußweh verdrängte er in der Folge ganz un-hypochondrisch und beileibe nicht ineffizient. Jedenfalls machte es sich erstmals wieder bemerkbar, wie er auf einer Straßenbaustelle – für eine läppische Unterschrift – dem Polier einige Hundert Meter hinterherlaufen musste.

Bald ereilte es ihn bereits auf kürzeren Wegen, und – Rennen ging gar nicht mehr. Immer länger wurde zudem der Zeitraum, den der böse Haxen brauchte, um sich wieder zu erholen – bis er’s letztlich nur noch über Nacht tat.

„So ein Mist aber auch“, kommentierte Gregor den Anschlag auf der verschlossenen Türe seines Hausarztes, „immer, wenn man den Arsch mal dringend braucht, dann ....! Verdammte Kacke!“

Zum Glück lag die Praxis seiner Vertretung gerade mal so weit entfernt, dass es sich nicht lohnte, den Wagen zu nehmen, wohl aber reichte für eine frühmorgendliche Erweckung des Grunds der Konsultation.

Äußerlich geduldig verharrte er – für die komplette, aber wenig nachhaltige Lektüre einer uralten "Stern"-Ausgabe – im vollbesetzten Wartezimmer, bis er endlich an der Reihe war.

Nach einer ganzen Reihe von höchst suspekten Turnübungen, die er zu vollführen hatte, und die in einer nahezu perfekten Kerze auf dem papierbezogenen Schragen gipfelte, setzte der altgediente Mediziner eine süffisante Miene auf und referierte adäquat:

„Tja, mein guter Mann, sie dürften’s wohl geschafft haben, .... können nun getrost aufhören mit dem Rauchen! Sie haben ihren Raucherfuß – ganz zweifellos! Schauen sie her!“

Sichtlich stolz auf seine diagnostische Meisterleistung zeigte und erklärte er dem perplexen Patienten die unterschiedliche Färbung und Temperatur der beiden gen Plafond aufragenden Füße.

Für den nächsten Tag schon machte er ihm einen Termin beim Radiologen – selbstverständlich nicht ohne den akademischen Hinweis, dass er den einzig seinen großartigen Beziehungen zu verdanken habe.

Zumindest einmal fühlte sich Gregor jetzt richtig krank – und der gelbe Schein in seiner Hand hatte damit sicherlich am wenigsten zu tun.

Der Radiologe – gut, den hatte er gar nicht zu Gesicht bekommen – aber dessen entlarvende Bildchen bestätigten denn auch die unerfreuliche, so überaus unerquicklich-pseudohumoristisch verabreichte Erstdiagnose des Feld-, Wald- und Wiesendoktors. Jedenfalls saß Gregor eine gute Woche später bereits im Wartezimmer der gefäßchirurgischen Abteilung einer Steinheimer Klinik – und freute sich, wie toll das doch alles flutsche im deutschen Gesundheitssystem – wie zackig-reibungslos und unumständlich da ein heilendes Rädchen ins andere greife.

Aufs Allerfreundlichste, wenngleich hart an der Grenze zur Überheblichkeit, verklickerte ihm ein Doktor Irgendwie, wie die ganze Chose vonstatten gehen solle. Da der Gute eine gewisse Ähnlichkeit mit dem seligen Rudolph Mooshammer hatte, musste das wohl so sein – und Gregor ließ es ihm durchgehen. Auf dessen Frage nach dem Wie-lange kulminierte die Gelehrten-Hybris gar in der puren Schwadronade:

„Eine zweite Unterhose brauchen sie nicht mitzubringen; am Tag drauf sind sie ja wieder zu Hause!“

Vielleicht war es ja eine göttliche Eingebung – wer weiß – aber am ehesten noch die ganz profane Erinnerung daran, was seinem Vater (Nichtraucher übrigens!) ein paar Jahre zuvor, an gleicher Stelle, mit haargenau dem gleichen Leiden widerfahren durfte. Den wollte man nämlich auch eben wieder in die eine mitgebrachte Unterhose steigen lassen und nach Hause schicken, wie man feststellte, dass ihm diese idiotensichere Minioperation zu einer ausgewachsenen Sepsis verholfen hatte. Aber – läppische drei Wochen und nicht einmal zwanzig nachgelieferte Unterhosen später – war er ja wieder zu Hause! – Jedenfalls packte Gregor, er wollt’s ja nicht übertreiben, Klamotten für eine gute Woche in sein Köfferchen.

„So, dann wollen wir mal!“, brachte der junge, bleibeschürzte Mediziner – ein ganz anderer nun – seine morgendlich-gute Laune abermals zum Ausdruck.

Der Zugang zu seiner "Arteria irgendwasia" war bereits zotenreich gelegt – wie auch immer, Gregor hatte nicht hingesehen – und die Assistentin reichte den jungfräulich seiner Verpackung entschlüpften Katheter.

„Wenn sie wollen, können sie ja derweil fernsehen“, flachste Dr. Lustig unbeirrt weiter und zeigte auf den integrierten Monitor, „.... zusehen, mein ich natürlich!“

Schon bald jedoch durchfurchten tiefe Falten das Chefarzt-Antlitz, die eben noch bestenfalls ansatzweise zu erkennen waren. Mit jeder neuen Injektion des gewisslich nicht allzu gesunden Kontrastmittels wurden es mehr.

Gregor sah einzig, wie das auf dem Bildschirm noch dünner erscheinende Drähtchen – nach wenigen Zentimetern, lange nicht am Ziel der blutigen Reise – immer an der gleichen Stelle stoppte, wieder Anlauf nahm und wieder stoppte und .... und .... und .....

„Bring mir einen neuen!“, kam es nach einer Weile verhältnismäßig humorlos, und der Gepiekste meinte, dass es nun besser sei, sich zurückzulehnen und die Äuglein zu schließen – ganz so, wie er es auch beim Zahnarzt zu tun pflegte, wenn’s beim Bohren eilends auf den Nerv zuging.

Lange gab’s – außer defätistisch angehauchten Interjektionen – nichts zu hören, bis er schließlich aufgefordert wurde, sich auf die Seite zu legen, und hierfür die Augen wieder aufschlug. Ein ganzes Heer von glänzenden Schweißperlen lauerte an hoher, intelligenter Stirn darauf, den bereits abgegangenen über das gesunde Naturrouge folgen zu dürfen.

„Ich hab nämlich den Verdacht, dass da ....“, orakelte der Schwitzende indes – aber Gregors Neugier hielt sich in Grenzen. Schicksalsergeben verlegte er sich wiederum auf die alleinige Benutzung der Sinne, die nicht so mir nix, dir nix abzustellen waren.

„Dacht ich’s mir doch! .... können sich wieder umdrehn!“

In der Folge faselte er noch etwas von einem bislang unentdeckten, nahezu kompletten Gefäßverschluss, einem sogenannten Stent, den er dort einsetzen und einem kleinen Umweg, den er danach mittels einer weiteren Punktierung zu diesem vergleichsweise mickrigen Gerinnselchen im Fuß nehmen wolle. – Gregor war’s längst Jacke wie Hose.

Telefonisch wurde das Malheur fix übermittelt – an wen auch immer – die weitere Anlieferung von thrombotischem Gammelfleisch um den geschätzten Zeitfaktor 15 nach hinten verschoben.

Das Knistern der dritten Katheter-Schutzhülle vernahm er noch – und irgendwann spürte er, wie der forsch an seiner Gefäßwandung entlangschrubbte – dem lästig-bösen Stöpselchen entgegen. Als äußerst hilfreich erwies sich jetzt sein immenses Talent zur fantasiegesteuerten Realitätsflucht. Im Nu entbrannte ein launig-mentaler Widerstreit von gleichermaßen wichtigen Dingen, die er – nach seinem Ableben – unbedingt als Erstes tun müsse.

Als ob’s ihn gar nichts angehe, eher wie ein Außenstehender, ein zufällig anwesender Zuschauer, realisierte Gregor erst wieder die ultimativen Erklärungen und Verhaltensmaßregeln des sichtlich gestressten Stocherers.

„Dann sehen wir uns morgen wieder – zur Kontrolle!“

„Jawoll, großer Meister! Einen schönen Tag noch!“

Die beiden riesigen Druckverbände in seiner malträtierten Mitte und die nochmalige oberschwesterlich-strikte Auflage, sich keinesfalls allzu sehr zu bewegen, waren auch unausgesprochen durchaus zureichend, an keine frühzeitige Entlassung mehr zu glauben. Nichtsdestotrotz riss er sich mächtig zusammen, rührte sich nur etwas beim Essen und Trinken, schlief auf dem Rücken liegend ein und wachte auch so am Morgen wieder auf – allerdings nicht ganz freiwillig.

Die junge Schwester brachte ihm gleich sein Waschzeug, eine Schüssel mit lauwarmem Wasser, gemahnte ihn noch zur Eile – „Frühstück gibt’s später – danach!“ – und huschte wieder hinaus.

Schlaftrunken beließ er es bei einer halbherzig-lustlosen Katzenwäsche, schrubbte gerade einmal so lange auf seinen Schneidezähnen herum, dass er anständig nach Zahnpasta roch.

„Fertig?“

Aber ja doch!“

Sein Krankenblatt legte sie ihm auf den Bauch, löste die Bremsen des Betts und abging’s mit Karacho zum Aufzug, hinab ins Untergeschoss, eine lange Gerade noch – und schon parkierte er vor der Radiologie. Sie verschwand kommentarlos hinter einer der vielen Türen.

Keine fünf Minuten später kam die Assistentin, dieselbe wie am Vortag, durch eine andere – „..... Morgen!“ – und schob ihn nicht weniger zackig in den fensterlosen Raum mit der wohlbekannten blitzblanken Hightech-Apparatur.

Die Stimmung beim Doc war wohl gut, schien dieses Mal aber doch ein Stück weit aufgesetzt zu sein, und Gregor fragte sich, ob’s möglicherweise etwas mit ihm .....

„Dann schwingen sie sich mal rüber!“, forderte er ihn resolut auf und nickte zum Bettgalgen.

„Ich – soll – selbst ....?“, stotterte Gregor einigermaßen verwundert, aber gewaltig grinsend, dachte dabei an die gestrige, so überaus ernstlich-doppelt gemoppelte Einforderung seiner partiellen Unbewegtheit.

„Die Kollegin hilft ihnen mit den Beinen“, lächelte der Spiritus Rector nun reichlich süffisant – mehr zur attraktiven Handreicherin als zu seinem humanmedizinischen Werkstück.

„Okay, wenn sie meinen!“, verscheuchte Gregor den letzten intuitiv-penetranten Anhauch von Bedenken und ergriff mit beiden Händen die baumelnde Aufrichthilfe.

Der angiologische Akkord-Rohrreiniger fummelte unterdessen bereits diensteifrig am einen Druckverband.

„Au, au, au ! Ich glaub, jetzt ist aber was ....“

„Was denn?“

„.... geplatzt oder so!“

Die begreiflich-überzeugende Antwort schrieb sich in Sekundenschnelle – ganz von selbst, mit dickem roten Tintenstrahl – an die blütenweiße Decke der klinisch-subterranen Räumlichkeit. Gregors Wahrnehmung wechselte unverzüglich in den schockbedingten Slowmotion-Modus – worauf die knapp handtellergroße Pfütze am Plafond eine ganze Ewigkeit brauchte, den physikalisch angedachten Weg zu nehmen und sich über die staunenden Protagonisten zu ergießen. Die letzten Tropfen landeten auf dem ärztlichen Handy und der gummibewehrten Hand, die es hielt. Die andere drückte mit brachialer Gewalt auf das zerfetzte Gefäß, verhinderte die weitere Entleerung.

„Ich brauch schnell einen Gefäßchirurgen im OP – aber ganz schnell! – augenblicklich!“, brüllte er am Ende gar.

Gregor schmiedete derweil schon wieder in fatalistischer Ruhe Pläne für ein ergötzlich-himmlisches Nachleben.

Alsbald erstürmte ein ganzes Geschwader von professionellen Hektikern den noch eben so friedlichen Ort der neuzeitlich-intrakorporalen Minimalinvasion.

Ein großgewachsener Pfleger in den Dreißigern mit serienmäßig eingebautem Lächeln – wahrscheinlich der Gute-Laune-Beauftragte der Klinik – kümmerte sich umgehend und einzig um das schwerst gepeinigte Auslaufmodell – also in psychischer Hinsicht.

„Das wollen wir doch aber alles gar nicht sehn, was die da ....!“, referierte er in fast hypnotischem Tonfall und hielt ein Tuch zwischen Gregors neugierig linsende Äuglein und die notfallmedizinisch-turbulenten Machenschaften.

Allein die gewisslich satte Monatsration an gepflegter Verzweiflung auf dem blutbefleckten Antlitz des havarierten Katheter-Kapitäns vermochte der letztlich noch zu erhaschen.

„Seid ihr soweit? – Also ab die Post!“

„Das kann ich mir doch gar nicht alles merken!“, stammelte der unfreiwillige Blutspender angesichts der chaotischen, gesichtslos-verbalen Informationsflut – und der leidigen Absenz seines Notizbüchleins.

Der vielbeinige Nothelfer-Express rauschte in äußerstem Tempo über den belebten Flur. Für die gehörig entrückte verderbliche Fracht war’s indes bestenfalls angenehme Reisegeschwindigkeit.

„Achtung! – Vorsicht! – Platz da!“

An Wände und Türen gepresst verfolgten nicht involvierte Mitarbeiter die rasante Vorbeifahrt – in allen Gesichtern durchweg der gleiche, sicherlich häufig geprobte routiniert-bestürzte Ausdruck.

Fast, dass er sie nun genoss, diese allseitig-immense Aufmerksamkeit, wie er sie lange nicht hatte – noch nie vielleicht.

Man stellte ihm aufgeregt Fragen – richtig wichtige Fragen – und er wusste die Antworten – gab zumindest welche. Am Ende, am taghell ausgeleuchteten Ziel der Reise, wurde er sogar um ein Autogramm gebeten. Der entschuldigende Hinweis, dass es möglicherweise reichlich verunglückt, bestimmt nicht sein schönstes sei, wollte ihm dann aber – beim besten Willen – nicht mehr verständlich gelingen.

„Hey, hallo, sind wir wieder da! Sie hüpfen mir aber nicht gleich wieder ....?“

Gregor hatte keinen Schimmer, was die verschwommene, gerade mal halbwegs als männlich zu identifizierende Gestalt damit meinte. Der reine Zufall wohl nur, dass sich sein anschließendes Gekrächze wie ein Nein angehört haben mochte.

„Das war aber auch ein Ding! Mein lieber Herr Gesangverein! Und eine rechte Sauerei obendrein!“

Der tranige Ahnungslose beließ es zunächst unkommentiert, schloß lieber nochmal die ohnehin nicht ganz funktionstüchtigen Augen. Zumindest einmal wusste er auf Anhieb, wo er war.

Immer, wenn er in der Folge auch nur ganz kurz, versuchsweise eher, aufblinzelte, sah er, wie der ansonsten untätige Beobachter die lässige Hab-Acht-Stellung fix mit angestrengter Konzentration anreicherte, und fragte sich – von Mal zu Mal interessierter – warum wohl?

Bald konnte Gregor den jungen Mann astrein erkennen; sogar bekannt kam der ihm vor. Nahezu gesichert hingegen schien ihm – mit zunehmender Rückkehr klaren Gedankenguts – dass etwas vorgefallen sein müsse, was diese unverkennbare Sonderbewachung zwingend nötig mache.

„Tut mir Leid, aber ich ....!“, schauspielerte er bereits wieder grandios – und gleichermaßen effektiv.

„Ach was, keine große Sache, .... ist ja noch mal gut gegangen!“

Ganz ungeniert – und ausführlich – rekapitulierte nun der Azubi, wie sich zudem herausstellte, die schrägen Ereignisse, die sich von alleine sicher nie mehr im krankhaft wissbegierigen Patientenhirn eingefunden hätten. In hohem Bogen vom intensivstationierten Bett gesprungen sei er – im postoperativen Drogenrausch zum ambitionierten Leichtathleten mutiert – von allen guten Geistern verlassen und völlig losgelöst – nun ja, von allen Schläuchen und Käbelchen in erster Linie. Eben noch rechtzeitig habe man ihn gefunden – abermals ordentlich blutend, mit ausgerissenen Drainagen – um ihn gleich noch einmal auf ein halbes Stündchen in den OP zu verfrachten.

„Sapperlot! .... ganz schöne Action, kann ich ihnen sagen!“

„Mensch, Junge, was machst denn du für Sachen?“

„Ich bin mir – ausnahmsweise – mal keiner Schuld bewusst, aber – dir auch einen schönen Tag, Vater!“

Mit Ach und Krach vermochte er sich daran zu erinnern, wie man ihn letztlich noch nach der Nummer eines Verwandten gefragt hatte, bevor ...., und gleichfalls, dass er in dem Moment kaum Herr seiner Sinne gewesen sein könne. Ansonsten hätte er sich gewiss für die seiner Schwester entschieden und dem alten Herrn die Chance auf eine feinfühligere Benachrichtigung gegeben.

„Weißt doch, bei unsereiner wird selbst die klitzekleinste Reparatur zur Herausforderung für die halbgöttliche weiße Klempnerzunft!“

Zwar ging sein Erzeuger, wie immer, nicht auf die geringschätzige Haltung gegenüber jeglicher großkopfig-germanischer Instanz ein, brachte dennoch seine Freude darüber zum Ausdruck, dass dem anämischen Bleichgesicht bereits wieder nach Scherzen zumute war.

Nicht mit dem geringsten Wörtchen bedacht wurde erwartungsgemäß der tolldreiste Hechtsprung bei der alsbaldigen ärztlichen Visite – die dann zumindest dem wortkargen, aber erleichterten Besucher günstigste Gelegenheit lieferte, sich aus dem ungeliebten klinischen Staube zu machen.

„Ade, mein Sohn, und gute Besserung!“

Nicht zuletzt im Sinne des redselig-verräterischen Pflegeschülers verzichtete Gregor seinerseits auf die Erwähnung dieses erneuten, höchst nachlässigen Vorfalls.

Ungeheuerlicherweise gedieh die Inspektion zu einer (fremd)wortgewaltig ausufernden Eigenlobhudelei, wie sie selbst unter besoffenen Automechanikern nicht großspurig-lächerlicher hätte geraten können.

Im Nu fühlte er sich zurückversetzt auf seinen gymnasialen Schulhof, umringt von all den erbakademischen Kotzbrocken, die dort bereits ihre kaum mehr zu verhindernden Nobelpreise verbal in Angriff nahmen. Gut – die famosen Künste des Anästhesisten dürften schon auch noch mit dazu beigetragen haben!

„So, mein Herr, jetzt dürfen sie ....“

„Nach Hause?“

„.... auf Station natürlich nur!“

Nach drei Tagen Intensivbetreuung wurde er nun aber so was von fix abgekabelt, mit seinen Habseligkeiten bedeckt und grußlos beim Lift zur Abholung bereitgestellt.

Vielleicht mochte die unüberhörbare ambulante Pressanz kurz zuvor, das cholerische Geschrei des obersten Gefäßmetzgers und die gewisslich nur übersehene Blutschliere an der Flurwand ja gar nichts mit dem unvermittelten Rauswurf zu tun gehabt haben – aber wahrscheinlich eher doch.

Wenigstens kam er auf die Art gerade noch rechtzeitig in die Nähe eines Fernsehers, um einer vergleichsweise professionellen, blitzsauberen Operation ansichtig zu werden. Mitten in einer dieser kreuzlangweiligen Nachmittagssendungen wurde man per Live-Schalte ins spätsommermorgendliche New York verschickt, wo sich justament ein ausgewachsenes Linienflugzeug in einen der Bürotürme des World-Trade-Centers gebohrt hatte.

Für etliche Minuten herrschte eine gespenstische Stille im 3-Bett-Zimmer – nur der TV-Reporter wollte ums Verrecken sein Maul nicht halten, kommentierte auch noch die hundertfünfzigste Wiederholung des todbringenden Vorgangs mit Inbrunst.

Wie man sich eben vom ersten Schock erholt hatte, sich einig war, dass es nun langsam genug sei der journalistisch-scheinheiligen Verbalisierung des Massensterbens, krachte eine zweite Maschine in den anderen Turm.

Nahezu weggefegt nunmehr Gregors eigene Leiden. Obgleich seit frühester Jugend eingefleischter Kritiker des ungezügelten US-amerikanischen Imperialismus – und politischen wie militärischen Dämpfern stets freudigst zugetan – litt er nun mit einem jeden der sicherlich unzähligen Opfer in der beileibe nicht ganz unschuldig-friedfertigen westlichen Kapitalisten-Zentrale.

Für den Rest des Tages jedenfalls weitaus mehr als an den beiden langen wie tiefen, ihm optisch bis dato ohnehin noch völlig unbekannten Schlitzen in seinem Oberschenkel.

Am nächsten Tag bereits war es den furchtbaren Bildern von dieser Jahrhundert-Katastrophe, den filmisch tausendfach in sich zusammensinkenden Wolkenkratzern, nicht mehr gegeben, eine auch nur ansatzweise ähnliche Niedergeschlagenheit zu generieren.

Als Gregor erwachte – erwachen durfte, wie er überaus demütig meinte – hatte die Realität den sterilen Tempel der schulmedizinischen Ratzfatz-Heilung längst wieder. Die Zimmergenossen diskutierten gar schon reichlich pietätlos die Möglichkeit, dass – die Amis vielleicht höchstselbst ....?

„Dir haben sie doch ins Gehirn geschissen!“, machte er sich – fürs Erste einmal – bei dem scheintot-greisen Verfechter dieser aberwitzigen These unbeliebt.

„Au, au, au! Ich denke, da ist nichts mehr zu retten – die müssen runter!“, kommentierte ausgerechnet die jüngere der beiden Frisösen den prüfenden Griff in die fast anderthalb Wochen nicht mehr gewaschene Wolle des eben provisorisch remobilisierten Patienten.

„Das könnt ihr vergessen! Dann geh ich halt wieder und lass mir eine kommen, die gescheit mit ’nem Kamm umgehen kann!“, blaffte der frustrierte Eigner der zahllosen verfilzten Haarnester.

„Sachte, sachte, mein lieber Herr Jesus“, beschwichtigte ihn nun die Ältere – die Chefin wohl – „wir probieren es mal! Einverstanden?“

Am Morgen hatte man ihm zum ersten Mal erlaubt aufzustehn und mithilfe des fahrbaren fünfachsigen Infusionsständers, an welchem die gewaltige 24-Stunden-Heparin-Spritze angebracht war, die Kunst des Gehens wieder zu erlernen. In einem unbeobachteten Moment hatte er natürlich sofort die Biege gemacht und war eine qualmen gegangen – gut, getorkelt eher – und dabei auf den kleinen Damen-und-Herren-Salon im Eingangsbereich aufmerksam geworden.

Eine geschlagene Stunde, nur unterbrochen von einer gemeinsamen Zigarettenpause, brauchten die beiden Coiffeusen zur Restauration seiner Lockenpracht.

Relativ zackig vonstatten ging dagegen das Waschen, Schneiden der Spitzen, Ausrasieren des Halses und Flechten eines präventiv-pflegeneutralenen Zopfes.

Wieder zurück, erntete er erstmals weibliche Blicke, die in ihrer zeitlichen Ausdehnung die Sekundenmarke deutlichst überschritten. Für eine löblich-lobende Wortmeldung reichte es allerdings einzig bei Nadja, einer gleichermaßen ansehens- wie liebenswürdigen Russin. Alle anderen hingegen verrieten mit ihrem seltsam zurückhaltenden, wenn nicht gar stur ausweichenden Verhalten unübersehbar das ganz konkrete Wissen um die stümperhafte, sicherlich verklagenswerte medizinale Leistung in seinem speziellen Falle. Gregor hätte es jedenfalls nicht gewundert, wenn ..... Ach was! Hundertprozentig sicher war er sich, dass es da eine strikte Anweisung gegeben haben musste – für diesen auffällig kurz angebundenen Umgang mit seiner Person.

Nun ja, zudem war er ja auch keine fünfundzwanzig mehr – wie damals, nach einem Sportunfall – als sich die jungen Schwestern noch darum stritten, wer ihm am Morgen die Locken sortieren durfte – als er nach seiner offiziellen Entlassung noch drei Tage fürsorglich-liebevollster Nachsorge dranhängte – im benachbarten Schwesternwohnheim. Dennoch – mit kaum mehr als emotionsfreien Grußfloskeln bedacht zu werden, das stank schon ganz gewaltig zum Samariterinnen-Himmel und ließ sich auch keinesfalls auf personalnotbedingte Eile oder gar Stress schieben.

Wer sich wiederum gar keinen Kopf zu machen schien, was allzu neugierige, folgenverdächtige Nachfragen anging, war der vor verbalistischer Eloquenz nur so strotzende Professor Ramminger – der unfehlbare Chefchirurg, Superstar und Aushängeschild der Klinik. Bekanntermaßen eher dem tüchtig vermögenswirksamen Privat-Klientel zugetan – und an all dem Ungemach natürlich im Geringsten nicht beteiligt – weidete der sich nun mit pathologischer Wonne an dem kleinen kassenärztlichen Missgeschick des jungen Kollegen. Bei jeder Visite hatte er eine andere Spitze parat.

„War der überhaupt schon mal hier, bei ihnen, und hat sich das Elend angesehen!“, lautete die heutige blasierte Absonderlichkeit.

Da die Frage zweifelsfrei rhetorischer Natur war – und als solche mit einem formidablen Ausdruck beispielloser Niedertracht garniert – gab’s von Gregor auch keine Antwort. Der Stationsarzt zählte unterdessen peinlich berührt die Fliegen an der Decke. Unverhohlene mimische Zustimmung zeigte sich alleine im überschaubar verschönernden Lächeln der kongenialen Skalpell-Amazone – Gregors stolzen Lebensretterin Dr. – äh – Dings.... – oder ....bums? – Ums Verrecken wollte sich deren Name nicht memorieren lassen.

„Poh! Gott sei Dank haben wir das hinter uns!“, brachte der herzkranke Alfred die allgemeine Stimmung auf den Punkt, als die Tür ins Schloss fiel.

„Das Pack ist weg – jetzt zieh ich mir erst mal gepflegt eine rein! Kommst du mit?“

„Das glaubst du aber, mein Lieber!“

In den folgenden Tagen wähnte sich der Rekonvaleszent auf einem guten Weg. Mit allen Freiheiten – gewährten wie selbst genommenen – ausgestattet, gewann sein Optimusmus nach und nach wieder die Oberhand. Und – wie er es auch aus dem eigenen Berufsleben nicht anders kannte, ging er einfach mal davon aus, dass sich die Herrschaften von der Heilerfront fortan tunlichst keine Blöße mehr geben wollten.

„Sagen sie mal“, fragte er deshalb auch gut gelaunt und einigermaßen arglos die Stationsschwester, „.... ist wohl ein gutes Zeichen, wenn die Tabletten kleiner werden?“

„Was werden die ....?“

Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an.