Böser Engel - George Wethern - E-Book

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George Wethern

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Beschreibung

In dieser atemberaubenden Autobiografie erzählt George Wethern – Vizepräsident des ersten Hells-Angels-Charters in Oakland unter Bikerlegende Ralph »Sonny« Barger – von seinem Leben als Outlaw-Biker. Einem Leben, das geprägt war von Drogen, Waffen, Gewalt und den geheimen Ritualen eines Männerbundes. Wetherns Buch ist zugleich die Gründungsgeschichte der Hells Angels, die auf erschütternde Weise belegt, dass die ersten Charter hart an dem schlechten Ruf gearbeitet haben, der den Hells Angels heute vorauseilt. Wethern trat den Hells Angels kurz nach ihrer Gründung bei und blieb 14 Jahre. In dieser Zeit etablierte er sich als Clubdealer und belieferte bald die gesamte amerikanische Westküste mit allen Arten von Drogen. Unter anderem kaufte er LSD in riesigen Mengen und versorgte damit die Blumenkinder im Hippiebezirk Haight-Ashbury in San Francisco. Jahrelang lebte Wethern in einem gefährlichen Auf und Ab aus ekstatischem Rausch und tiefer Depression und verlor dabei fast seine Familie – und seinen Verstand. Erst als er verhaftet wird und ihm lebenslange Haft droht, wacht er auf …

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Seitenzahl: 420

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für die Erlaubnis, Artikel zu zitieren und umzuformulieren, bedanken wir uns beiThe San Francisco Chronicle: Copyright Chronicle Printing Co., The Associated Press: Copyright The Associated Press.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

2. Auflage 2012

© 2012 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1978 bei Richard Marek Publishers. Neuausgabe 2004 bei Lyons Press, an imprint of The Globe Pequot Press, unter dem Titel A Wayward Angel. The Full Story of the Hells Angels © 2008 by George Wethern. All rights reserved.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Übersetzung: Martin Rometsch Redaktion: Urs Breitenstein Umschlaggestaltung: Maria Wittek Umschlagabbildung: Tom McGhee/Jupiter Images Satz: HJR, Jürgen Echter, Landsberg am Lech EPUB: Grafikstudio Foerster, Belgern

ISBN 978-3-86413-168-4

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Vorwort: Das Ende der Straße

Kapitel 1: Eine Brutstätte für Engel

Kapitel 2: Wie ich ein Held wurde

Kapitel 3: Eine junge Familie

Kapitel 4: Junge Engel

Kapitel 5: Engelsflügel oder Babysachen?

Kapitel 6: Der Weg zurück

Kapitel 7: Die Verlockung

Kapitel 8: Ich vermarkte den Totenkopf

Kapitel 9: Die Angels werden erwachsen

Kapitel 10: Was Drogen einbringen

Kapitel 11: Gruppensex, Bratpfannen und heikle Situationen

Kapitel 12: Ein Schlafplatz für Engel

Kapitel 13: Der LSD-König

Kapitel 14: Bikertreffen mit Spaßgarantie

Kapitel 15: Ein Angel geht, die Eule tritt ab, ein Albatros kommt

Kapitel 16: Schlachten und Verträge

Kapitel 17: Die Falle schnappt zu

Kapitel 18: Ein Engel im Käfig

Kapitel 19: Freiheit und verblassende Farben

Kapitel 20: Ein Stück Land für einen Aufnäher

Kapitel 21: Ruhestand mit dreißig

Kapitel 22: Altamont und andere Schrecken

Kapitel 23: Leben mit der Toten

Kapitel 24: Engel ohne Kutte

Kapitel 25: Big Tom und Charlie

Kapitel 26: Eine Grube, die sich nicht füllen lässt

Kapitel 27: Die »Filthy Few«

Kapitel 28: Die Schraube dreht sich

Kapitel 29: Der Winter kommt

Kapitel 30: Eine Familie in Gefangenschaft

Kapitel 31: Eine wiedergeborene Familie

Nachwort

Danksagung

Vorbemerkung

George und Helen Wethern haben es gewagt, das strenge Schweigegebot der Hells Angels zu brechen und über ihre 14-jährige Mitgliedschaft im Motorradclub zu berichten. Dies taten sie nicht nur, um mit dem Honorar ein neues Leben an einem abgelegenen Ort beginnen zu können, sondern auch, weil sie die Wahrheit über diese oft falsch eingeschätzte und romantisierte Gruppe ans Licht bringen wollten. Vor allem aber lag ihnen daran, andere von einer solch zerstörerischen Lebensweise abzuhalten. Ein Brief, den Wethern seiner Frau aus dem Gefängnis schrieb, drückt dieses Motiv sehr gut aus:

»Vielleicht können wir andere davor bewahren, sich mit Drogen einzulassen, damit nicht auch sie die Hölle durchmachen. Es ist meiner Dummheit zu verdanken, dass ich eine ganze Menge über Drogen weiß, aber ich kann dieses Wissen wohl auch nutzen, um anderen Menschen zu helfen. Wenn ein Teil dieser verfluchten Drogen durch meine Bemühungen vom Markt verschwindet, gibt es vielleicht auch weniger Morde. Und wenn das, was ich hier schreibe, auch nur ein Leben rettet, dann hat es sich gelohnt.«

Sie wollten ein ehrliches und ungeschöntes Bild von ihrer Familie und den führenden Hells Angels vermitteln, und weil die Justiz ihnen neue Identitäten verschafft hatte, konnten sie ihre echten Namen nennen und ihre Geschichte ohne große Angst vor Rache erzählen. Sie nutzten ihre einzigartige Situation, um die Geheimnisse, Hintergedanken und Charaktere der berüchtigtsten Biker der Geschichte offenzulegen. Sie schrieben über das Gute und über das Böse, über Freunde und Feinde. Was sie geschrieben und vor Gericht ausgesagt haben, ist der Grund dafür, dass sie bis ans Ende ihres Lebens von ihren Angehörigen und Freunden getrennt leben müssen.

Vincent Colnett

Vorwort Das Ende der Strasse

Ukiah, Kalifornien, 30. Oktober 1972. Um sechs Uhr morgens umzingelten etwa drei Dutzend Polizisten ein einstöckiges Holzhaus am Fuße eines bewaldeten Berges. Sie kauerten hinter Autos und pressten sich an Baumstämme, legten Pistolen, Gewehre und Flinten an, doch in dem Haus rührte sich nichts – abgesehen von der Rauchfahne, die aus dem Kamin stieg. Also warteten und lauschten sie.

Als auf einmal schlurfende Schritte im Haus zu hören waren, hob ein Beamter sein Megafon:

»KOMMEN SIE MIT ERHOBENEN HÄNDEN HERAUS!«

Die erste Reaktion war ein Papierbeutel, der durch die Tür flog. Dann trampelte ein über 120 Kilo schwerer Mann mit hochgestreckten Händen auf die Veranda. »Nicht schießen!«, schrie er. »Meine Familie ist dort drin.«

George Wethern trat schwerfällig ein paar Schritte vor. Einen Augenblick später stand seine Frau Helen, eine zierliche Person mit Elfengesicht und kurzem, blondem Haar, in seinem Schatten, neben ihr ein pummeliger 9-jähriger Junge und ein 13-jähriges Mädchen. Bundespolizisten sowie Beamte des Bundesstaates und der Stadt umringten sie mit gezogenen Waffen.

Sie legten den Eltern Handschellen an, dann verlas Jack Nehr von der Drogenbehörde einen Durchsuchungsbefehl, in dem von Drogen, Waffen, Sprengstoff und »Überresten menschlicher Skelette« die Rede war.

Während seine Familie bewacht wurde und ein Dutzend Polizisten über seine 62 Hektar große Ranch schwärmten, führte Wethern Bombenexperten und einige andere Beamte durch das Haus. Zwei gestohlene Gewehre Kaliber .30 und sieben legale Waffen wurden beschlagnahmt, zusammen mit dem Inhalt der Papiertüte: etwa fünfzig Gramm Metamphetamin, ein Pfund Marihuana, ein paar Seconal1-Tabletten und andere Medikamente.

Später wurde Wethern in das wenige Kilometer entfernte Gefängnis des Bezirks Mendocino gefahren und von Nehr, Bruce True und anderen Beamten verhört. Er gab zu, ein ehemaliges Mitglied des Motorradclubs Hells Angels zu sein, hielt sich jedoch an das Schweigegebot des Clubs und wich Fragen mit Wortspielen und weitschweifigen Erklärungen aus.

Die Fragen ließen allerdings darauf schließen, dass ein Clubmitglied ihn verraten hatte und ihn ans Messer liefern wollte. Er schnappte nach Luft, als Nehr ganz nüchtern sagte: »Wissen Sie, Tiny ist tot ... Hat seine letzte Bootsfahrt hinter sich. Wurde von Neun-Millimeter-Kugeln durchsiebt. Er hat gequiekt wie ein Schwein.«

»Tiny« war Michael Walter, ein guter Freund von Wethern und die Nummer zwei der Oakland-Angels. Er war im vorigen Monat verschwunden, hatte aber sein Motorrad und seine gesamte persönliche Habe zurückgelassen. Der Polizeibeamte stellte als Tatsache hin, was er eigentlich nur gehört hatte, aber das wusste Wethern nicht. Dieser war davon überzeugt, dass man ihm einen Mord anhängen wollte, obwohl sein einziges Vergehen darin bestanden hatte, dass er »Sonny« Barger, dem Chef der Angels, einen Gefallen tat, indem er ihm zwei leere Gruben zur Verfügung stellte. Er wusste nicht einmal, wie die Toten hießen, die auf seiner Ranch begraben lagen.

»Davon weiß ich nichts«, sagte er.

Als der Beamte nachhakte und ihn fragte, ob es auf seiner Ranch Brunnenschächte gebe, war ihm klar, dass die Polizei von den Leichen wusste. Wetherns Familie und sein Leben standen auf dem Spiel. So gab er ein paar Informationen preis ohne Rücksicht darauf, welche Folgen ein Bruch der Schweigepflicht haben konnte. Er holte tief Luft und sagte: »Ich zeige Ihnen die Brunnen.«

Als sie zur Ranch zurückkehrten, waren bereits Bagger und weitere Maschinen vor dem Haus aufgefahren und hatten zu graben begonnen. Ein Informant hatte der Polizei die Stellen gezeigt. Wethern deutete auf einen Fleck, der 7,5 Meter von der Grube entfernt war, und führte die Beamten nach einigem Herumdrucksen in einen Blumengarten, der nicht weit vom Haus entfernt war.

Zwei klaffenden Löchern im Boden entstieg der Gestank verwesenden Fleisches. Aus einem 6,70 Meter tiefen, mit Erde gefüllten Schacht wurden die Skelette zweier Männer ausgegraben. Im zweiten Loch befand sich der teilweise mumifizierte Körper einer rothaarigen Frau. Ein Informant hatte berichtet, Tom Shull und Charlie Baker – zwei Biker aus Georgia, die seit über einem Jahr vermisst wurden – seien auf der Ranch begraben worden. Die zwei männlichen Leichen entsprachen exakt der Beschreibung, die nicht identifizierte Frauenleiche dagegen überraschte die Polizisten.

Die Nachricht verbreitete sich im ganzen Bezirk. »Friedhof der Hells Angels« lautete die Schlagzeile der Zeitungen, die sich auf den Staatsanwalt beriefen. Hubschrauber überflogen die Ranch und machten Luftaufnahmen. Bald heftete sich eine Schar von Journalisten an die Fersen von Sheriff Reno Bartolomie, einem dickbäuchigen Gesetzeshüter mit silbernem Haar, der eher einem Viehzüchter glich.

Innerhalb von 24 Stunden verliehen zwei weitere Ereignisse dem geflügelten Totenkopf, dem Wahrzeichen der Hells Angels, eine neue düstere Bedeutung:

In Sacramento beschuldigte der Generalstaatsanwalt in seinem Jahresbericht die Hells Angels, Drogen in großer Menge zu vertreiben. Die bisher wenig organisierte Gruppe habe innerhalb von drei Jahren illegale Drogen im Wert von 31 Millionen Dollar von der West- an die Ostküste geschafft. Clubmitglieder seien groß im Geschäft und machten sich allmählich einen Namen als Anführer einer kriminellen Vereinigung, die Land kaufe, in legale Geschäfte investiere und mit bekannten Verbrechern im Staat zusammenarbeite. Die Angels bedienten sich ausgeklügelter elektronischer Geräte, um den Polizeifunk abzuhören, und seien dadurch enorm mobil geworden. Außerdem hätten die Hells Angels, chinesische Jugendbanden und andere organisierte Gruppen in den vergangenen Jahren in Kalifornien mehr als hundert Morde begangen.In Oakland, wo sich das Hauptquartier des Clubs befand, wurden der Präsident der Angels, Ralph »Sonny« Barger, und drei weitere Mitglieder wegen Mordes an einem Drogenhändler angeklagt. Dabei ging es um Kokain im Wert von rund 80 000 Dollar. Sie wurden beschuldigt (und später freigesprochen), den Mann im Schlaf erschossen, die Leiche in eine Badewanne geworfen und dann das Haus angezündet zu haben. Die Staatsanwaltschaft erklärte, mit der Tatwaffe, die über einen Schalldämpfer verfüge, sei auch einer der drei Männer umgebracht worden, die man am selben Tag in einem Haus in der Nähe gefunden hatte.

Die Wetherns blieben in Haft. Die Kautionssumme wurde auf jeweils 100 000 Dollar festgesetzt. Ihre Kinder wohnten bei einem Hilfssheriff. Wethern wusste aus Erfahrung, dass sich die Angels rücksichtslos rächen würden – Folter, Entführung und Mord waren möglich. Da er den Clubkodex verletzt hatte, könnten sie wohl versuchen, ihn zeitweilig zum Schweigen zu bringen, indem sie seine Familie in ihre Gewalt brachten. Oder sie würden ihn aufgreifen und gleich für immer zum Schweigen bringen. Ihm war klar, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis man Barger mit den vergrabenen Leichen in Verbindung bringen würde – und den Chef zu gefährden galt fast immer als Kapitalverbrechen.

Dennoch zeigten er und die Clubführung sich an diesem ersten Tag noch völlig loyal. Wethern versuchte jene Dealer zu warnen, die er möglicherweise belasten müsste. »Big Don« Hollingsworth, der Präsident der Angels, bot Rechtsbeistand und jede denkbare sonstige Hilfe durch den Club an, vermutlich in der Hoffnung, die weitere Entwicklung beeinflussen zu können. Das Angebot des Clubs überbrachte J. B., Wetherns engster Freund und ein ehemaliger Angel, während eines Besuches im Gefängnis.

Später wurde Wethern gemeinsam mit seiner Frau in eine besondere Zelle im Frauenflügel verlegt. Es war eine kleine Zelle innerhalb eines größeren Raumes, eine Art Gaskammer mit Gitterstäben, vier Kojen, einem Metalltisch, einer Toilette und einer Duschkabine. Polizisten mit schlammverschmierten Stiefeln hatten Helen vorher besucht und ihr von den grausigen Funden erzählt. Auch die Nachrichtensendung im Fernsehen hatte die Geschichte bestätigt. Als sie beide allein waren, gestand Wethern seiner Frau, was er getan hatte. Sie weinte, denn ihr war klar, dass er ein »toter Mann« war, egal ob man ihn ins Gefängnis stecken würde oder nicht.

Da sich ein Rechtsanwalt der Angels wegen möglicher Interessenkonflikte geweigert hatte, den Fall zu übernehmen, traf sich Wethern am nächsten Tag mit einem Pflichtverteidiger des Bezirks Mendocino. Dieser Anwalt namens Richard Petersen überzeugte das Ehepaar davon, dass auf lange Sicht ein Handel mit der Staatsanwaltschaft die beste Lösung wäre, um sie vor den Angels zu schützen. Straffreiheit war auch deshalb wichtig, weil Wethern ein starkes Bedürfnis verspürte, sich seine dunklen Geheimnisse von der Seele zu reden.

Zwei Tage nach der Durchsuchungsaktion – mehrere Angels waren festgenommen worden, einige waren geflohen – schlug der Staatsanwalt des Bezirks, Duncan James, Wethern einen Deal vor. Während der Gerichtsverhandlung waren die Wetherns in ihrer blauen Anstaltskluft aneinander gefesselt. Der juristische Jargon verwirrte das Paar, und die scheinbare Eile der Justiz, das Gedränge auf der Pressetribüne und die Auswechslung des Pflichtverteidigers in letzter Minute verängstigten die beiden zusätzlich. Noch dazu fragte Richter Timothy O’Brian viel zu früh, ob sie bereit seien, über die Hells Angels auszupacken.

»Euer Ehren«, sagte Wethern, »bevor ich verstehe, worum es geht, mache ich keinerlei Aussagen.« Er war mit dem angebotenen Deal nicht zufrieden. Er wollte Straffreiheit vor Bundesgerichten und vor kalifornischen Gerichten sowie Schutz für die ganze Familie. Er wollte alles oder nichts.

Am Ende des Tages waren die Wethern-Kinder bei einer Pflegefamilie untergebracht, die Eltern aber befanden sich wieder in ihrer Zelle – ohne Kinder, ohne Straffreiheit und ohne Geld für die Kaution. Das Gesetz der Angels und das Gesetz des Staates nahmen Wethern schonungslos in die Zange.

Doch am Wochenende zahlten sich Geduld und Courage aus. Er und seine Frau bekannten sich des unerlaubten Drogen- und Waffenbesitzes schuldig. Dafür sicherte ihnen die Justiz Straffreiheit für alle anderen Straftaten zu. Davon ausgenommen waren Kapitalverbrechen, die sie als Haupttäter begangen haben mochten. Allerdings waren der Polizei keine solchen Delikte bekannt.

Die Justizbehörden waren bereit, die Wetherns an einem neuen Wohnort ihrer Wahl innerhalb der USA unterzubringen, ihnen neue Namen und neue Papiere zu geben, wenn nötig ihr Aussehen verändern zu lassen und ihnen eine Wohnung sowie Geld zur Verfügung zu stellen, bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen würden.

Dafür sollten sie der Polizei offenbaren, was sie im Laufe ihrer 14-jährigen Zugehörigkeit zu den Hells Angels erfahren und erlebt hatten. Wethern war zweimal aktives Mitglied gewesen.

Nachdem er 1958 dem Club beigetreten war, wurde er um das Jahr 1960 herum Vizepräsident. Genau zu der Zeit begann der Club auch jene Raufbolde anzuwerben, die sich zum elitärsten Zirkel der Outlaw-Biker entwickeln sollten: die Oakland-Hells-Angels. Mitte der 60er-Jahre, als die Angels sich immer mehr in den Handel mit Drogen, Waffen und Sprengstoff verstrickten, verdiente Wethern mit seinen guten Kontakten eine Menge Geld. Er wurde der wichtigste Verteiler von psychedelischen Drogen und beaufsichtigte weitere Dealer, die ebenfalls Mitglieder waren. Als Drogenhändler machte er Geschäfte mit der Elite der Branche, vor allem mit dem berüchtigten Undergroundchemiker und »LSD-König« Augustus Owsley Stanley III. Er war dabei, wenn die Angels mit dem Autor Ken Kesey und seinen »Merry Pranksters«2 ihr LSD konsumierten. Zusammen mit anderen Angels beutete er die Blumenkinder der zarten Hippie-Revolution in San Franciscos Stadtteil Haight-Ashbury aus und war Zeuge der ersten bekannten Hinrichtung eines Clubmitglieds. Nachdem er im Jahr 1969 seinen Partner im Drogenrausch angeschossen hatte, wandte er sich von Drogen ab und verließ den Club. Doch er blieb mit den Clubführern befreundet und setzte für sie seine Waffen- und Drogengeschäfte bis zu seiner Festnahme fort.

Als die Presse von seinem Handel mit der Justiz Wind bekam, erklärte Bezirksstaatsanwalt Duncan James am 4. November triumphierend: »Das bedeutet vielleicht nicht das sofortige Ende für die Angels, aber die meisten zuständigen Beamten glauben, dass es der Anfang vom Ende ist. Ein Hells Angel verrät keinen Hells Angel. So war es zumindest bisher. Wenn sie verhaftet werden, sitzen sie ihre Strafe ab und schweigen. Nun aber will ein Mann Kronzeuge der Staatsanwaltschaft werden, der mit Sonny Barger, dem obersten Chef der Angels, befreundet war. Nachdem er die Gesetze des Clubs gebrochen hat, werden sich auch andere Mitglieder melden und aussagen, nur um ihre Haut zu retten. Sobald die Ermittlungen beendet und die Festnahmen erfolgt sind, werden die Angels wohl nur noch ein kleiner Haufen von Motorradfahrern sein.«

Daraufhin überfielen Heerscharen von Beamten aus verschiedenen Behörden und aus allen Teilen Kaliforniens den einst hochrangigen Angel und quälten ihn Tag und Nacht mit Fragen zum Club und seinen Mitgliedern. Es waren Hunderte von Fragen. Und selbst wenn ein langes Gespräch zu Ende war, spukten die Fragen noch in Wetherns Kopf herum. Normale Erinnerungslücken ärgerten ihn. Es fiel ihm immer schwerer, zwischen vergessenen und ihm unbekannten Ereignissen zu unterscheiden. Beruhigungsmittel linderten vorübergehend die Anspannung, aber seine Drogenabhängigkeit machte ihn immer noch nervös; darum setzte er die Medikamente ab.

Am Morgen des 8. November  – er war die ganze Nacht in seiner Zelle auf und ab gegangen – weckte er seine Frau. Vielleicht konnte sie ihm helfen. Er suchte nach Hinweisen auf die Identität der toten Frau.

»Geh schlafen«, drängte ihn Helen. »Du musst dich ausruhen.«

Er entschuldigte sich dafür, dass er sie geweckt hatte, und ging erneut eine Minute hin und her. Dann sagte er: »Ich muss dich hier herausholen.«

»Was meinst du damit?« Sie rieb sich die Augen und ordnete ihre Gedanken.

Schwerfällig setzte er sich und grübelte. Es schien so, als höre er jemandem zu.

»Was meinst du damit?«, fragte sie abermals und befreite sich von der Bettdecke.

»Pst! Gott spricht zu mir.« Er schloss die Augen.

»Was sagt er?« Sie nahm sein Gesicht in die Hände; aber er blieb stumm. Dann öffnete er plötzlich die Augen und starrte sie mit gläsernem Blick an.

»George«, flüsterte sie eindringlich, »du musst mit jemandem reden.«

Als Hilfssheriff Jim Tuso eintraf, hing Wethern an den Gitterstangen der Zelle und griff verzweifelt nach der Waffe des Beamten. »Töten Sie mich, Jim!«, schrie er. »Tun Sie es! Tun Sie es!«

Seine Frau umarmte ihn und strich ihm über die Stirn. »Es geht ihm nicht gut«, erklärte sie dem Hilfssheriff. »Er ist durcheinander und will sein Beruhigungsmittel nicht nehmen.«

Nach einem kurzen, nun wieder vernünftigeren Gespräch nahm Wethern seinen Todeswunsch zurück. »Nichts für ungut, Jim«, sagte er. »Vergessen Sie’s. Ich bin jetzt in Ordnung.« Als er auf einen Stuhl sank und sich zu beruhigen schien, ging der Beamte.

Auf einmal sprang Wethern wieder auf. »Lasst mich mit Petersen reden. Verdammt, lasst mich mit ihm reden.«

»Okay, okay«, sagte seine Frau. »Er ist schon unterwegs.«

»Schaffst du es?«, fragte er. »Kommst du raus?«

»Was meinst du?« Sie wusste nicht, ob er den Knast oder den ganzen Schlamassel meinte.

»Schaffst du das?«, wiederholte er nachdrücklich.

»Wir können mit Petersen reden«, sagte sie, erschrocken, dass sie ihm nicht mehr folgen konnte.

»Wenn du es nicht kannst, muss ich es tun«, sagte er.

Der Anwalt kam, aber er konnte mit dem ehemaligen Angel nicht vernünftig reden, sosehr er sich auch bemühte.

»Gib nicht auf«, flehte Helen ihren Mann an. »Sprich mit Mr. Petersen. Er ist hier, um dir zu helfen.«

Wethern blieb angespannt, erschreckend angespannt und stur. Er redete unzusammenhängend. »Nein. Es wird nicht funktionieren. Sinnlos.«

Als der Anwalt gegangen war, schlug Wethern immer wieder mit der Faust auf das metallene Bettgestell, als wolle er eine Botschaft an sich selbst telegrafieren.

»He, George«, rief eine Aufseherin, die an der Korridortür stand. »Reg dich ab, ja?«

Er lächelte verschmitzt und bat sie, die Tür zu schließen, damit er die Toilette unbeobachtet benutzen könne. Sie zögerte, doch Helen versicherte ihr, es sei alles in Ordnung. Als die Tür einschnappte und die Schritte der Aufseherin verhallt waren, sprang er auf die Füße und zwang seine Frau auf die Knie. »Lass uns beten«, murmelte er. Dann kam ihm ein neuer Gedanke. Er griff nach einem Bleistift und wollte einen Brief schreiben. Also ging seine Frau mit ihm an den Metalltisch.

Umständlich malte er die Buchstaben seines Vornamens, GEORGE. Dann hielt er inne und wippte fast unwillkürlich mit dem Kopf, rhythmisch, aber schwerfällig, ein Gewuschel aus Haaren und Backenbart. Bilder schwirrten durch seinen Kopf, Gefühle verschärften die Bilder. Schuldgefühle, weil er das Leben seiner Frau und seiner Kinder verpfuscht hatte. Angst vor der Zukunft. Reue, weil er alte Freunde und Kameraden verraten hatte.

»Gib mir noch einen Bleistift«, sagte er.

Er schien beidhändig schreiben zu wollen, von rechts nach links und von links nach rechts. Dann griff er die Bleistifte so, dass sie in seinen Fäusten nach oben zeigten. Mit dem Daumen brach er eine Spitze ab. Seine Muskeln spannten sich und seine breiten Unterarme zuckten nach oben. Die Bleistifte drangen tief in seine Augen ein, an den Augäpfeln vorbei, hin zum Ziel. Das Gehirn, die Quelle seiner Qual, musste durchbohrt, musste getötet werden. Seine dicken Hände strengten sich an, doch Helen warf sich über den Tisch und zog mit aller Kraft an ihnen, schrie um sein Leben. Damit die Lanzen noch tiefer eindringen konnten, versuchte er, sie gegen den Tisch zu rammen. Doch als sein Kopf nach unten ruckte, packte Helen die blutigen Stifte und zog sie rasch aus seinen Fäusten.

Geblendet vom Blut und von den Schmerzen, umklammerte er ihren Hals, zerriss ihren Rosenkranz und zerrte sie nach hinten auf den Boden der Dusche. Er will sich umbringen und mich mitnehmen, dachte sie. Zunächst hielt sie den Atem an; als sie verzweifelt nach Luft rang, waren ihre Atemwege versperrt. In panischer Angst nahm sie all ihre Kraft zusammen und versuchte, ihn wegzustoßen. Aber ihre Beine waren unter seinem mächtigen Körper hoffnungslos eingeklemmt, und ihre Arme waren zu schwach.

Als sie das Bewusstsein zu verlieren begann, zogen ihn die Wärter von ihr weg und drückten ihn gewaltsam aufs Bett. Nachdem sie ihn eine Weile festgehalten hatten, ließ er sich friedlich in einen Aufenthaltsraum abführen.

Einige Minuten später schaute Helen vom Korridor aus zu, wie man ihn zu einem Krankenwagen brachte. Ihr Hals schmerzte, und ihre Knie zitterten. »George«, schrie sie.

»Schatz, es tut mir leid. Es tut mir leid«, schrie er zurück.

»Es geht mir gut«, versicherte sie ihm. »Mach dir keine Sorgen.«

»Gib mir einen Kuss, Liebling«, bat er – und sie durften sich kurz umarmen.

Während der schnellen Fahrt zum Krankenhaus empfand Wethern eine seltsame, ruhige Freude über seine Blindheit. Die Dunkelheit befreite ihn von seinen Sorgen, aber diese kehrten schon auf dem Operationstisch zurück, als er mit einem Auge die Umrisse der Deckenlampe sah. »Oh nein«, dachte er, »ich war nicht gründlich genug.«

Nach der Rückkehr ins Gefängnis legte man ihm Handfesseln an, die mit dem Gürtel verbunden waren, sodass er seine Augen nicht berühren konnte. Er verfluchte die Ketten, die Wärter, die Welt und sich selbst. Er knurrte und fauchte und rüttelte am Gitter seiner Zelle. Als der Arzt kam, jammerte er: »Geben Sie mir eine Spritze! Geben Sie mir eine Spritze!« Nach der ersten Injektion verlangte er mehr. Jetzt war er wieder ein echter Hells Angel.

Er veranstaltete einen derartigen Aufruhr, dass die Wärter ihn schließlich in einen alten Lagerraum zerrten. Mit gefesselten Händen und Füßen streckte er sich auf dem Boden aus, gähnte und tat, als habe er sich beruhigt. Während er eine Zigarette rauchte, die er von einem Wärter geschnorrt hatte, lag er schlaff in seinen Fesseln da. Dann drehte er sich um, als wolle er den Rauch einatmen, und rammte sich den Stummel ins Auge. Die Wärter ärgerten sich über ihre Dummheit und stürzten sofort herbei, aber der Schaden war angerichtet.

Mit strafferen Fesseln brachte man ihn in eine Zelle. Allein in der Dunkelheit und im unheimlichen Gefängnis voller Echos wollte er unbedingt mit seiner Frau sprechen, um sich zu vergewissern, dass sie unverletzt war. Er tobte, bis mehrere Beamte in der Tür seiner Zelle standen.

»Ich komme raus«, brüllte er. »Ich will meine Frau sehen.«

»Sie bleiben hier«, sagte einer der Wärter. Aber Wethern stürmte durch die menschliche Barriere. Wie ein wild gewordener Elefant rannte er durch den Gang, obwohl sich die Wärter an seine baumelnden Ketten hängten. Er erreichte den Wachraum, doch kurz vor dem Frauenflügel gelang es den Beamten, ihn mit vereinten Kräften niederzuringen. »Ich gehe zu ihr, das ist sicher. Gott helfe mir!« Er schrie, bis einer der Beamten die Worte buchstäblich abwürgte.

Der Lärm war bis in Helens Zelle zu hören. Sie kauerte auf der Bettkante und ließ ihren zerrissenen Rosenkranz durch die Finger gleiten. Sie wäre am liebsten zu George hingerannt, doch sie konnte nichts tun. Perle für Perle reparierte sie den Rosenkranz. Die Aufseherin ging für ein paar Minuten hinaus. Als sie zurückkam, sagte sie: »Er hat noch ein Beruhigungsmittel bekommen. Jetzt schläft er endlich.«

Daraufhin nahm Helen selbst eine Tablette und schlief ebenfalls ein.

Kapitel 1 Eine Brutstätte für Engel

Meine Heimatstadt war Oakland. Es war ein rauer Ort, aber nicht so schlimm, wie die Einwohner von San Francisco behaupteten. Wie jede andere Industriestadt hatte auch sie ein hässliches Gesicht Lagerhäuser am Ufer, rauchende Fabrikschlote, Frachtschiffe und endlose Bahndepots. Aber diese hässlichen Plätze brachten Brot auf den Tisch der Familien, die in den hübschen Arbeitervierteln an den grünen Abhängen im Osten wohnten.

Im Jahr 1955 lebte meine Familie in einem dieser Viertel voll behaglicher Häuser. Mein Vater war Besitzer und oberster Barkeeper des Clarence, einer schlichten Kneipe, die Beamte des nahegelegenen Bezirksgerichts Alameda, Geschäftsleute, Arbeiter und Gewohnheitstrinker bewirtete. Er und meine Mutter, die bei der Pacific Telephone Company angestellt war, arbeiteten hart, um mich, meine zwei Brüder und meine Schwester mit guter Kleidung und gutem Essen zu versorgen und uns in katholischen Schulen eine gute Bildung zukommen zu lassen. Und sie boten uns jeden Luxus, den sie sich leisten konnten, ja sie verwöhnten uns sogar ein wenig. An meinem 16. Geburtstag erfüllten sie mir einen Traum, den jeder kalifornische Schüler in meinem Alter hatte: Sie schenkten mir einen kleinen, blauen Ford Sedan mit Zierleisten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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