Bourbon Kings - J. R. Ward - E-Book

Bourbon Kings E-Book

J. R. Ward

4,5
9,99 €

Beschreibung

Eine mächtige Dynastie: skrupellose Machtspiele und verbotene Gefühle Seit Generationen geben die Bradfords in Kentucky den Ton an. Der Handel mit Bourbon hat der Familiendynastie großen Reichtum und viel Anerkennung eingebracht. Doch hinter der glänzenden Fassade verbergen sich verbotene Liebschaften, skrupellose Machtspiele, Verrat, Intrigen und skandalöse Geheimnisse ... Die Spiegel-Bestsellerautorin - jetzt mit ihrer neuen Serie bei LYX

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Seitenzahl: 620

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Inhalt

TitelZu diesem BuchWidmungEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundzwanzigDreiundzwanzigVierundzwanzigFünfundzwanzigSechsundzwanzigSiebenundzwanzigAchtundzwanzigNeunundzwanzigDreissigEinunddreissigZweiunddreissigDreiunddreissigVierunddreissigFünfunddreissigSechsunddreissigSiebenunddreissigAchtunddreissigNeununddreissigVierzigEinundvierzigZweiundvierzigDreiundvierzigVierundvierzigFünfundvierzigSechsundvierzigSiebenundvierzigAchtundvierzigNeunundvierzigFünfzigWie die Bradford-Saga weitergehtDanksagungDie AutorinDie Romane von J. R. Ward bei LYXImpressum

J. R. WARD

Bourbon Kings

Roman

Ins Deutsche übertragen von Marion Herbert und Katrin Kremmler

Zu diesem Buch

Seit Generationen geben die Bradfords in Kentucky den Ton an. Der Handel mit Bourbon hat der Familiendynastie großen Reichtum und viel Anerkennung eingebracht. Doch als Tulane, der verlorene Sohn und Erbe des Imperiums, nach zwei Jahren des selbstauferlegten Exils auf das Familienanwesen Easterly zurückkehrt, droht die glänzende Fassade zu fallen. Zerplatzte Träume und die unerfüllte Liebe zu seiner Angestellten Lizzie King hatten ihn damals zur Abkehr gezwungen. Jetzt ist Tulane wieder da – und mit ihm die Vergangenheit. Seine Rückkehr wird an niemandem spurlos vorübergehen: nicht an Lizzie, die ihr Herz um jeden Preis schützen will, nicht an Lanes schöner und hartherziger Ehefrau oder seinem älteren Bruder, dessen Verbitterung und Zorn keine Grenzen kennen. Und schon gar nicht an dem strengen Bradford-Patriarchen, einem Mann mit wenig Moral, noch weniger Skrupeln und vielen dunklen Geheimnissen. Während die Spannungen in der Familie wachsen, wird klar, dass sich das Leben auf Easterly für immer verändern wird …

Gewidmet meinem geliebten Südstaaten-GentlemanJohn Neville Blakemoore III., ohne den dies, und so vieles andere, nicht möglich wäre.

EINS

Charlemont, Kentucky

Der Nebel hing wie Gottes Atem über dem träge dahinfließenden Wasser des Ohio, und die Bäume am Ufer auf der Charlemont-Seite der River Road trugen so viele Schattierungen von Frühlingsgrün, dass man einen sechsten Sinn gebraucht hätte, um alle Farbtöne wahrzunehmen. Der Himmel darüber war von blassem, milchigem Blau, wie man es oben im Norden nur im Juli sah, und morgens um halb acht war es schon dreiundzwanzig Grad warm.

Es war die erste Maiwoche. Die wichtigsten sieben Tage des Jahres, wichtiger als Christi Geburt, die amerikanische Unabhängigkeit und die Silvestergala zusammen.

Am Samstag fand das einhundertneununddreißigste Charlemont Derby statt.

Was bedeutete, dass der gesamte Staat Kentucky im Galopprennfieber war.

Während Lizzie King sich der Abzweigung zu ihrer Arbeit näherte, befand sie sich in einem Adrenalinrausch, der sich seit gut drei Wochen in ihr aufbaute, und sie wusste aus Erfahrung, dass ihre Anspannung bis nach dem Aufräumen am Samstag nicht nachlassen würde. Wenigstens fuhr sie wie immer gegen den Berufsverkehr, der mehr oder weniger in Richtung Innenstadt floss, und kam gut voran: Sie brauchte jeweils vierzig Minuten hin und zurück, aber die Rushhour war kein Stoßstange-an-Stoßstange-Vorwärtskrebsen wie in NYC, Boston oder L. A. – was in ihrer gegenwärtigen Stimmung für einen Atompilz in ihrem Kopf gesorgt hätte. Nein, ihr Arbeitsweg begann mit achtundzwanzig Minuten Farmland in Indiana, gefolgt von sechs Minuten Warten an Brücken und Kreuzungen und endete mit dieser sechs- bis zehnminütigen Strecke parallel zum Fluss und gegen den Verkehrsstrom.

Manchmal war sie überzeugt, dass die einzigen Autos, die in ihre Richtung fuhren, dem restlichen Personal gehörten, das mit ihr auf Easterly arbeitete.

Ach ja, Easterly.

Das Bradford Family Estate, oder BFE, wie es auf allen ein- und ausgehenden Lieferungen abgekürzt wurde, lag hoch oben auf dem größten Hügel im Großraum Charlemont und bestand aus einem Zweitausend-Quadratmeter-Haupthaus mit drei Barockgärten, zwei Pools und einem Rundumblick über Washington County. Auf dem Anwesen befanden sich außerdem zwölf Bedienstetenhäuser sowie zehn Nebengebäude, eine voll funktionierende Farm von über vierzig Hektar, ein ehemaliger Stall für zwanzig Pferde, der zu einem Business-Center umgebaut worden war, und ein Neun-Loch-Golfplatz.

Der beleuchtet war.

Falls jemand um ein Uhr morgens an seinem Abschlag arbeiten musste.

Soweit Lizzie wusste, war der Familie die riesige Parzelle schon 1778 zugesprochen worden, nachdem der erste Bradford mit Colonel George Rogers Clark aus Pennsylvania nach Süden gezogen war – und sowohl seinen Ehrgeiz als auch seine Kenntnisse der Bourbon-Herstellung in den entstehenden Staat mitbrachte. Fast zweihundertfünfzig Jahre später stand auf jenem Hügel ein Herrensitz im Federal Style von der Größe einer Kleinstadt, und insgesamt zweiundsiebzig Leute arbeiteten in Voll- oder Teilzeit auf dem Gelände.

Sie alle folgten einem feudalen Regelwerk und einer strengen Ständeordnung wie direkt aus »Downton Abbey«.

Vielleicht war die Lebensweise der Dowager Countess of Grantham im Vergleich hierzu aber auch ein bisschen zu fortschrittlich.

Die Zeiten Wilhelms des Eroberers waren vermutlich passender.

Was wäre, wenn sich zum Beispiel – und das war natürlich nur ein Spielfilm-Szenario – eine Gärtnerin in einen der edlen Söhne der Familie verliebte? Selbst wenn sie eine von zwei leitenden Gartenbauexpertinnen war, sich landesweit einen Namen gemacht hatte und einen Master in Landschaftsarchitektur der Cornell University vorweisen konnte?

Dann war das schlicht inakzeptabel.

»Sabrina« ohne das Happy End, Schätzchen.

Lizzie drehte fluchend das Radio auf in der Hoffnung, auf andere Gedanken zu kommen. Es half nicht viel. Ihr Toyota Yaris hatte das Soundsystem eines Barbie-Traumhauses: Aus den kleinen Lautsprechern in den Türen hätten eigentlich Bässe dröhnen sollen, aber sie hatten nur rein optisch Ähnlichkeit mit Boxen – und heute reichte das Radioprogramm aus diesen Cocktailuntersetzern einfach nicht aus …

Das Signal eines hinter ihr heranbrausenden Krankenwagens übertönte mühelos das dünne Gesäusel der BBC News. Sie trat auf die Bremse und lenkte das Auto hinüber auf den Standstreifen. Nachdem die Sirene und die Warnlichter an ihr vorbeigerauscht waren, fuhr sie wieder auf ihre Spur und folgte einer weitläufigen Kurve sowohl des Flusses als auch der Straße … und da war er, der große weiße Herrensitz der Bradfords, hoch oben im Himmel, sodass die aufgehende Sonne sich einen Weg um seine prächtigen symmetrischen Anlagen bahnen musste.

Lizzie war auf einer Apfelplantage in Plattsburgh, New York, aufgewachsen.

Was zur Hölle hatte sie sich dabei gedacht, als sie Lane Baldwine, den jüngsten Sohn der Familie, vor fast zwei Jahren in ihr Leben ließ?

Und warum grübelte sie nach so langer Zeit immer noch über die Einzelheiten nach?

Denn es war ja nicht so, als wäre sie die erste Frau, die sich von ihm nach allen Regeln der Kunst hatte verführen lassen …

Sie runzelte die Stirn und beugte sich nach vorn über das Lenkrad.

Der Krankenwagen, der an ihr vorbeigefahren war, schlängelte sich den BFE-Hügel hinauf, seine roten und weißen Lichter blitzten durch die Ahorn-Allee.

»Oh Gott«, hauchte Lizzie.

Sie betete, dass es nicht die Person betraf, an die sie dachte.

Ach komm, sie konnte doch unmöglich so viel Pech haben.

Und war es nicht traurig, dass ihr das als Erstes einfiel, statt der Sorge über wen auch immer, der da verletzt war?

Sie fuhr am schmiedeeisernen Tor mit Monogramm vorbei, das sich gerade schloss, und nahm knapp dreihundert Meter weiter eine Abzweigung nach rechts.

Als Angestellte durfte sie mit ihrem Fahrzeug ausschließlich und ausnahmslos die Personalzufahrt benutzen.

Denn Gott behüte, ein Wagen mit einer UVP von unter hunderttausend Dollar könnte vor dem Haus gesehen werden …

Mann, sie wurde ganz schön zickig, stellte sie fest. Nach dem Derby musste sie dringend Urlaub nehmen, bevor noch jemand dachte, sie wäre zwei Jahrzehnte zu früh in die Wechseljahre gekommen.

Die Nähmaschine unter der Motorhaube des Yaris heulte auf, als Lizzie die ebene Straße um den Fuß des Hügels entlangschoss. Zuerst kam das Maisfeld, auf dem der Dünger bereits ausgestreut und untergepflügt war, um es zur Bepflanzung vorzubereiten. Dann folgten die Schnittblumengärten mit den ersten mehr- und einjährigen Pflanzen, die Köpfe der frühen Pfingstrosen dick wie Tennisbälle und nicht dunkler als die errötenden Wangen eines Mädchens. Dahinter lagen die Orchideenhäuser und Baumschulen, noch weiter die Wirtschaftsgebäude mit den Agrar- und Gartenbaugeräten, und schließlich stand da eine Reihe Drei- und Vierzimmer-Häuschen aus den Fünfzigern.

Sie waren so vielfältig und elegant wie ein Set Zucker- und Mehldosen auf einer Resopal-Arbeitsplatte.

Lizzie fuhr auf den Bedienstetenparkplatz, stieg aus und ließ ihre Kühlbox, ihren Hut und ihre Tasche mit dem Sonnenschutz im Auto.

Dann lief sie zum Gärtner-Hauptgebäude hinüber und betrat die nach Benzin und Öl riechende Höhle durch den offenen Zugang links. Das Büro von Chefgärtner Gary McAdams lag seitlich. Die trüben Glasscheiben waren gerade durchsichtig genug, dass sie Licht darin erkennen und sehen konnte, wie sich jemand bewegte.

Sie hielt sich nicht damit auf zu klopfen, sondern schob die wackelige Tür auf und ignorierte die halbnackten Pirelli-Kalender-Pin-ups. »Gary …«

Der Zweiundsechzigjährige legte gerade mit seiner Bärenpranke den Telefonhörer auf. Sie hatte sein sonnengebräuntes Gesicht mit der Baumrindenhaut noch nie so grimmig gesehen. Als er sie über seinen unordentlichen Schreibtisch hinweg anblickte, wusste sie, für wen der Krankenwagen war, noch bevor er den Namen ausgesprochen hatte.

Lizzie schlug sich die Hände vors Gesicht und lehnte sich nach hinten gegen den Türpfosten.

Natürlich tat ihr die Familie unheimlich leid, aber es war ihr unmöglich, die Tragödie nicht auch aus ihrer eigenen Perspektive zu sehen. Am liebsten wäre sie irgendwohin verschwunden, um sich zu übergeben.

Der eine Mann, den sie nie hatte wiedersehen wollen … würde nach Hause kommen.

Es war nur noch eine Frage der Zeit.

New York, New York

»Komm schon. Ich weiß, dass du mich willst.«

Jonathan Tulane Baldwine linste an der Hüfte vorbei, die neben seinem Stapel Pokerchips lehnte. »Euer Einsatz, Jungs?«

»Ich rede mit dir.«

Ein Paar zum Teil bedeckte, aber vollständig unechte Brüste erschienen über dem Kartenfächer in seinen Händen.

»Hallo.«

Höchste Zeit, Interesse an etwas anderem vorzutäuschen, egal was, dachte Lane. Schade nur, dass diese Zweizimmer-wohnung in einem Obergeschoss in Midtown eine rein funktionale Junggesellenbude war. In die Gesichter der letzten der sechs Loser zu blicken, mit denen sie vor acht Stunden zu spielen begonnen hatten, war auch nicht verlockender. Keiner von ihnen hatte irgendeine Fähigkeit unter Beweis gestellt, außer, mit den hohen Einsätzen mitzuhalten.

Ihre Tells zu lesen, wenn auch nur als Ausweichmanöver, war die Augenanstrengung morgens um halb acht nicht wert.

»Halllllloooo …«

»Gib’s auf, Süße, er hat kein Interesse«, murmelte jemand.

»Jeder hat Interesse an mir.«

»Er nicht.« Jeff Stern, der Gastgeber und Lanes Mitbewohner, warf Chips im Wert von tausend Dollar ein. »Stimmt’s, Lane?«

»Bist du schwul? Ist er schwul?«

Lane schob die Herzdame neben den Herzkönig. Rückte den Buben neben die Dame. Hätte das geschwätzige Busenwunder am liebsten vom Tisch gewischt. »Zwei von euch haben nicht gesetzt.«

»Ich bin raus, Baldwine. Das sprengt mein Budget.«

»Ich gehe mit – wenn mir jemand einen Riesen leiht.«

Jeff blickte über den grünen Filztisch und lächelte. »Und wieder bleiben nur du und ich, Baldwine.«

»Ich freu mich darauf, dir das Geld abzunehmen.« Lane schob seine Karten enger zusammen. »Dein Einsatz …«

Die Frau beugte sich wieder herunter. »Ich liebe deinen Südstaatenakzent.«

Jeff kniff hinter seiner transparent umrandeten Brille die Augen zusammen. »Lass ihn besser in Ruhe, Baby.«

»Ich bin nicht blöd«, säuselte sie. »Ich weiß genau, wer du bist und wie viel Kohle du hast. Ich trinke deinen Bourbon.«

Lane lehnte sich zurück und wandte sich an den Idioten, der die Klatschtante mitgebracht hatte. »Billy? Ehrlich mal.«

»Schon gut.« Der Typ, der tausend Dollar Schulden machen wollte, erhob sich. »Die Sonne geht sowieso schon auf. Lass uns verschwinden.«

»Ich will noch bleiben.«

»Nein, das reicht jetzt.« Billy packte die Tussi mit dem übersteigerten Selbstwertgefühl am Arm und führte sie zur Tür. »Ich bring dich nach Hause, und nein, er ist nicht der, für den du ihn hältst. Bis bald, Leute.«

»Doch, ist er … Ich hab ihn in Zeitschriften gesehen …«

Noch bevor die Tür zuging, stand der andere Typ auf, der völlig ausgeblutet war. »Ich hau auch ab. Erinnert mich daran, nie wieder mit euch beiden zu spielen.«

»Einen Scheiß werd ich«, sagte Jeff und hielt eine Handfläche hoch. »Grüß deine Frau von mir.«

»Das kannst du selbst machen, wenn du sie am Sabbat siehst.«

»Ist es schon wieder so weit?«

»Jeden Freitag. Wenn du keinen Bock darauf hast, warum tauchst du dann immer bei mir auf?«

»Kostenloses Essen. So einfach ist das.«

»Als hättest du’s nötig.«

Und dann waren sie allein. Mit Pokerchips im Wert von über zweihundertfünfzigtausend Dollar, zwei Kartensätzen, einem Aschenbecher voller Zigarrenstummel und ohne Tussis.

»Dein Einsatz«, sagte Lane.

»Ich glaube, er will sie heiraten«, murmelte Jeff, während er noch mehr Chips in die Mitte des Tisches warf. »Billy, meine ich. Hier sind zwanzig Riesen.«

»Dann sollte er sich mal den Kopf untersuchen lassen.« Lane ging mit dem Einsatz seines alten Verbindungsbruders mit und verdoppelte ihn dann. »Armselig. Alle beide.«

Jeff senkte seine Karten. »Ich muss dich was fragen.«

»Aber mach’s nicht zu schwer, ich bin besoffen.«

»Magst du sie?«

»Pokerchips?« Im Hintergrund begann ein Handy zu klingeln. »Ja, allerdings. Wenn du also nichts dagegen hättest, noch ein paar von deinen nachzulegen …«

»Nein, Frauen.«

Lane sah auf. »Wie bitte?«

Sein ältester Freund stützte einen Ellbogen auf den Filz und beugte sich vor. Die Krawatte hatte er schon zu Spielbeginn abgelegt, und sein ehemals gestärktes, strahlend weißes Hemd war nun so weich und schlaff wie ein Poloshirt. Sein Blick aber war beängstigend scharf und fokussiert. »Du hast schon verstanden. Pass auf, ich weiß, dass es mich nichts angeht, aber wann bist du hier aufgeschlagen? Vor fast zwei Jahren. Du schläfst auf meiner Couch, du arbeitest nicht – was ich verstehen kann, bei deiner Familie. Aber es gibt keine Frauen, keine …«

»Hör auf, so viel zu denken, Jeff.«

»Ich mein es ernst.«

»Dann setz was.«

Das Handy verstummte. Sein Kumpel jedoch nicht. »Die Uni ist Ewigkeiten her. Da kann sich viel ändern.«

»Anscheinend nicht, wenn ich immer noch auf deiner Couch penne …«

»Was ist mit dir passiert, Mann?«

»Ich bin gestorben, während ich darauf gewartet habe, ob du was setzt oder aussteigst.«

Jeff stapelte grummelnd ein paar rote und blaue Chips und warf sie in die Mitte. »Noch mal zwanzigtausend.«

»Das klingt schon besser.« Das Handy begann wieder zu klingeln. »Ich gehe mit. Und ich erhöhe um fünfzig. Wenn du die Klappe hältst.«

»Willst du das wirklich?«

»Dich zum Schweigen bringen? Jepp.«

»Beim Poker mit einem Investmentbanker wie mir aggressiv werden. Klischees gibt’s nicht ohne Grund – ich bin gierig und gut in Mathe. Im Gegensatz zu deiner Klasse.«

»Meiner Klasse?«

»Leute wie ihr Bradfords wissen nicht, wie man Geld verdient – ihr seid darauf trainiert, es auszugeben. Zwar hat deine Familie, im Gegensatz zu den meisten Dilettanten, tatsächlich ein stetiges Einkommen – aber genau das hält dich davon ab, irgendwas lernen zu müssen. Also weiß ich nicht, ob es langfristig ein Mehrwert ist.«

Lane dachte daran zurück, warum er Charlemont schließlich für immer verlassen hatte. »Ich hab jede Menge gelernt, glaub mir.«

»Und jetzt klingst du verbittert.«

»Du langweilst mich. Soll mir das etwa Spaß machen?«

»Warum fährst du an Weihnachten nie nach Hause? An Thanksgiving? An Ostern?«

Lane schob seine Karten zusammen und legte sie umgedreht auf den Filz. »Ich glaube nicht mehr an den Weihnachtsmann oder den Osterhasen, verdammt, und Truthahn wird überbewertet. Was also ist dein Problem?«

Falsche Frage. Vor allem nach einer Nacht Poker und Saufen. Vor allem an jemanden wie Stern, der grundsätzlich unfähig war, einem nicht die Wahrheit zu sagen.

»Ich kann es nicht ertragen, dass du so allein bist.«

»Das soll ja wohl ein Witz sein …«

»Ich bin doch einer deiner ältesten Freunde, oder? Wenn ich mit dir nicht Klartext rede, wer dann? Und jetzt reg dich bloß nicht auf – du hast dir einen New Yorker Juden als deinen ewigen Mitbewohner ausgesucht, nicht einen der tausend anderen hirnverbrannten Südstaaten-Pinkel von unserem albernen College. Selber schuld.«

»Spielen wir diese Hand noch?«

Jeffs Blick wurde noch stechender. »Ich will eine Antwort.«

»Ja, ich frage mich gerade ernsthaft, warum ich nicht bei Wedge oder Chenoweth penne.«

»Ha. Du würdest es mit keinem von beiden länger als einen Tag aushalten. Außer, du bist besoffen, was du allerdings seit dreieinhalb Monaten bist. Und auch damit hab ich ein Problem.«

»Setz was. Jetzt. Verdammt noch mal.«

»Warum …«

Als das Handy zum dritten Mal klingelte, stand Lane auf und durchquerte den Raum. Drüben auf der Küchenbar, neben seiner Brieftasche, blinkte der leuchtende Bildschirm – doch er machte sich nicht die Mühe nachzusehen, wer es war.

Er nahm den Anruf nur entgegen, weil er sonst einen Mord begangen hätte.

Die männliche Südstaaten-Stimme am anderen Ende der Leitung sagte drei Worte: »Deine Momma stirbt.«

Als die Bedeutung zu ihm durchdrang, geriet alles um ihn herum ins Wanken, die Wände rückten näher, der Fußboden bebte, die Decke drückte ihm auf den Kopf. Erinnerungen stürzten regelrecht auf ihn ein, sodass nicht einmal der Alkohol in seinem Körper den Ansturm abwehren konnte.

Nein, dachte er. Nicht jetzt. Nicht heute Morgen.

Aber würde es je einen günstigen Zeitpunkt geben?

»Niemals« war das einzig akzeptable Timing dafür.

Aus der Ferne hörte er sich selbst sprechen. »Ich bin bis Mittag da.«

Und dann legte er auf.

»Lane?« Jeff stand auf. »Oh Shit, jetzt kipp mir hier bloß nicht um. Ich muss in einer Stunde in der Wall Street sein und vorher noch duschen.«

Lane beobachtete sich selbst, wie er die Hand ausstreckte und nach seinem Portemonnaie griff. Er steckte es sich zusammen mit dem Handy in die Hosentasche und drehte sich zur Tür.

»Lane! Wo zur Hölle willst du hin?«

»Warte nicht auf mich«, sagte er im Hinausgehen.

»Wann kommst du zurück? Hey, Lane – was geht hier ab?«

Sein alter, guter Freund redete noch mit ihm, als Lane davonstürmte und die Tür hinter sich zufallen ließ. Am anderen Ende des Flurs drückte er eine Stahltür auf und begann die Betontreppe hinunterzulaufen. Begleitet vom Hall seiner Schritte wählte er eine altbekannte Telefonnummer, während er eine enge Kurve nach der anderen nahm.

Sobald der Anruf entgegengenommen wurde, sagte er: »Hier ist Lane Baldwine. Ich brauche jetzt gleich einen Jet von Teterboro – nach Charlemont.«

Es folgte eine kurze Wartezeit, dann meldete sich die Chefassistentin seines Vaters wieder. »Mr Baldwine, es steht ein Jet zur Verfügung. Ich habe persönlich mit dem Piloten gesprochen. Die Flugpläne werden soeben aufgegeben. Wenn Sie am Flughafen angekommen sind, gehen Sie zu …«

»Ich weiß, wo unser Terminal ist.« Er stürmte in die Marmorlobby, nickte dem Pförtner zu und lief weiter zur Drehtür. »Danke.«

Nur ein Kurztrip, sagte er sich, während er auflegte und ein Taxi heranwinkte. Mit etwas Glück wäre er bis Einbruch der Dunkelheit, allerspätestens bis Mitternacht, wieder in Manhattan, um Jeff zu nerven.

Zehn Stunden. Fünfzehn, maximal.

Aber er musste seine Momma sehen. So gehörte es sich nun mal für einen Südstaatenjungen.

ZWEI

Drei Stunden, zweiundzwanzig Minuten und etliche Sekunden später blickte Lane durch das ovale Fenster eines brandneuen Embraer Lineage 1000E Firmenjets der BBC, der Bradford Bourbon Company. Tief unten erstreckte sich die Stadt Charlemont wie das Bild einer Legolandschaft. Ihre reichen und armen Viertel, Industrie- und Landwirtschaftsflächen, Vorortsiedlungen und Highways wirkten zweidimensional. Für einen Augenblick versuchte er sich vorzustellen, wie das Land ausgesehen hatte, als seine Familie sich 1778 in der Gegend niederließ.

Wälder. Flüsse. Ureinwohner. Wilde Tiere.

Seine Vorfahren waren vor zweihundertfünfzig Jahren über den Cumberland Gap aus Pennsylvania gekommen – und hier war er nun, dreitausend Meter hoch in der Luft, und kreiste zusammen mit fünfzig anderen reichen Säcken in ihren jeweiligen Flugzeugen um die Stadt.

Nur, dass er nicht hier war, um Pferdewetten abzuschließen, sich zu betrinken und Sex zu haben.

»Darf ich Ihren No. 15 auffüllen, bevor wir landen, Mr Baldwine? Ich fürchte, die Warteschleife ist recht lang. Es könnte noch dauern.«

»Vielen Dank.« Er leerte sein Kristallglas, sodass die Eiswürfel nach unten glitten und gegen seine Oberlippe stießen. »Perfektes Timing.«

Okay, vielleicht würde er sich doch ein bisschen betrinken.

»Mit Vergnügen.«

Als sich die Frau in der Flugbegleiterinnen-Uniform entfernte und über ihre Schulter blickte, um zu prüfen, ob er ihr nachsah, glühten ihre großen blauen Augen unter den künstlichen Wimpern.

Sein Sexleben hatte lange von der Bereitwilligkeit fremder Frauen wie ihr abgehangen. Vor allem von Blondinen wie dieser, mit solchen Beinen und solchen Hüften und solchen Brüsten.

Aber das war vorbei.

»Mr Baldwine«, meldete sich der Kapitän über den Lautsprecher. »Als der Tower erfahren hat, dass Sie es sind, wurden wir vorgezogen, also landen wir jetzt.«

»Wie nett«, murmelte Lane, als die Stewardess zurückkehrte.

Die Art, wie sie die Flasche entkorkte, ließ ihn darauf schließen, wie sie den Hosenschlitz eines Mannes öffnen würde. Ihr ganzer Körper war daran beteiligt, am Korken zu drehen, bis er herausploppte. Dann beugte sie sich beim Einschenken vor und nötigte ihn praktisch, ihre La-Perla-Wäsche zu bewundern.

Vergebliche Liebesmüh.

»Das reicht.« Er hielt eine Hand hoch. »Danke.«

»Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

»Nein, danke.«

Pause. Als wäre sie es nicht gewohnt, abgewiesen zu werden, und als ob sie ihn daran erinnern wollte, dass ihnen die Zeit davonlief.

Einen Augenblick später hob sie das Kinn. »Wie Sie wünschen, Sir.«

Was ihre Art war, ihn zum Teufel zu jagen. Sie warf das Haar zurück, stöckelte davon und schwang ihre Kurven unter dem Rock, als könnte sie damit einen Preis gewinnen.

Lane hob sein Glas und ließ den No. 15 kreisen. Er hatte mit den Geschäften der Familie nie viel zu tun gehabt – das war der Bereich seines älteren Bruders Edward. Oder zumindest war er das gewesen. Doch selbst als Firmenoutsider wusste Lane, welchen Spitznamen der Bestseller der Bradford Bourbon Company trug: Der No. 15, das Hauptprodukt des Sortiments, verkaufte sich in so ungeheuren Mengen, dass er »Der große Radierer« genannt wurde – weil sein Gewinn so enorm war, dass er jeden Verlust durch interne oder externe Fehltritte, Kalkulationsfehler oder Marktanteilsrückgänge der Firma verschwinden lassen konnte.

Als der Jet sich in einem Bogen den Start- und Landebahnen näherte, drang ein Sonnenstrahl durch das ovale Fenster, fiel auf den Klapptisch aus gemasertem Walnussholz, den cremefarbenen Ledersitz, das tiefe Blau von Lanes Jeans, die Messingschnallen seiner Gucci-Slipper.

Und dann traf er den No. 15 in seinem Glas und ließ die rubinroten Akzente in der bernsteinfarbenen Flüssigkeit aufleuchten. Als Lane noch einmal am Kristallrand nippte, spürte er die warme Sonne außen an seiner Hand und das kühle Eis an seinen Fingerspitzen.

Irgendeine kürzlich durchgeführte Studie veranschlagte das Bourbon-Geschäft auf drei Milliarden Dollar Jahresumsatz. Von dem Kuchen fiel der BBC wahrscheinlich ein gutes Viertel bis Drittel zu. Es gab ein Unternehmen im Staat, das noch größer war – die gefürchtete Sutton Distillery Corporation –, sowie acht bis zehn weitere Produzenten, aber die BBC war der Diamant unter Halbedelsteinen, die Wahl der anspruchsvollsten Kenner.

Als treuer Konsument konnte er ihnen nur zustimmen.

Eine Veränderung in der Höhe des Bourbons in seinem Glas kündigte den Landeanflug an, und Lane dachte an das erste Mal zurück, als er das Erzeugnis seiner Familie gekostet hatte.

In Anbetracht dessen, wie es gelaufen war, hätte er eigentlich für den Rest seines Lebens abstinent bleiben müssen.

»Es ist Silvester, komm schon. Sei kein Schisser.«

Wie immer war Maxwell derjenige, der den Stein ins Rollen gebracht hatte. Unter den vier Geschwistern war Max der größte Unruhestifter, dicht gefolgt von Gin, der kleinen Schwester, mit dem zweithöchsten Wert auf der Aufsässigen-Richterskala. Edward, der Älteste und Gehorsamste von ihnen, war zu dieser Party nicht eingeladen worden. Lane hingegen, der irgendwo in der Mitte lag, sowohl bezüglich der Geburtenfolge als auch der Wahrscheinlichkeit, in jungen Jahren straffällig zu werden, war zu dem Exzess gezwungen worden, weil Max es langweilig fand, ohne Publikum etwas anzustellen – und Mädchen zählten nicht.

Lane wusste, dass das hier eine ganz schlechte Idee war. Wenn sie sich schon über den Alkohol hermachen wollten, hätten sie eine Flasche aus der Speisekammer holen und hinauf in ihre Zimmer gehen sollen, wo keine Gefahr bestand, überrascht zu werden. Aber hier mitten im Haus zu trinken, im Salon? Unter dem missbilligenden Blick von Elijah Bradfords Porträt über dem Kamin?

Dumm.

»Soll das etwa heißen, du willst keinen, Lame?«

Ach ja. Max’ Lieblingsspottname für ihn.

Im orangefarbenen Schein der Sicherheitsleuchten draußen sah Max ihn mit so herausforderndem Gesichtsausdruck an, dass dazu nur noch die Startblöcke und eine Pistole gefehlt hätten.

Lane blickte auf die Flasche in der Hand seines Bruders. Das Label war eins der besonders edlen, mit der Aufschrift »Family Reserve« in gewichtigen Buchstaben.

Wenn er nicht mitmachte, würde er es noch ewig zu hören kriegen.

»Ich will ihn einfach nur im Glas«, sagte er. »In einem richtigen Glas. Mit Eis.«

Denn so trank ihn sein Vater. Und es war die einzig männliche Erklärung für sein Zögern.

Max runzelte die Stirn, als hätte er über die Frage der Präsentation noch nicht nachgedacht. »Na gut.«

»Ich brauch kein Glas.« Gin, die sieben war, hatte die Hände in die Hüften gestemmt und die Augen auf Max gerichtet. In ihrem kleinen Spitzennachthemd sah sie aus wie Wendy aus »Peter Pan«, aber sie hatte den aggressiven Gesichtsausdruck eines todernsten Profi-Wrestlers. »Ich brauch einen Löffel.«

»Einen Löffel?«, fragte Max. »Wovon redest du?«

»Das ist doch Medizin.«

Max warf den Kopf zurück und lachte. »Was hast du …«

Lane drückte seinem Bruder eine Hand auf den Mund. »Sei still! Willst du etwa, dass sie uns erwischen?«

Max riss die Hand weg. »Was sollen sie mir schon tun? Mich auspeitschen?«

Nun ja, wenn ihr Vater sie fand oder davon erfuhr: Der ehrwürdige William Baldwine delegierte zwar den Großteil seiner väterlichen Pflichten an andere Leute, doch der Gürtel war eine, die er sich selbst vorbehielt.

»Moment mal, du willst ja erwischt werden«, sagte Lane leise. »Hab ich recht?«

Max drehte sich zu dem verzierten Servierwagen aus Messing und Glas. Er war eine Antiquität, wie fast alles in Easterly, und in jede seiner vier Ecken war das Familienwappen eingraviert. Dieser perfekte Gastgeber mit den großen filigranen Rädern und einem Kristalldeckel hielt vier verschiedene Arten Bradford Bourbon bereit, ein halbes Dutzend Kristallgläser und einen Eiskübel aus Sterlingsilber, der regelmäßig vom Butler aufgefüllt wurde.

»Da hast du dein Glas.« Max streckte ihm eins entgegen. »Ich trink aus der Flasche.«

»Wo ist mein Löffel?«, fragte Gin.

»Du kannst einen Schluck von mir haben«, flüsterte Lane.

»Nein. Ich will meinen eigenen …«

Die Diskussion wurde dadurch beendet, dass Max den Korken herausriss. Das Projektil flog davon und schoss in den Kronleuchter in der Mitte des Raums. Kristall klirrte und blitzte, und alle drei erstarrten.

»Maul halten«, kommandierte Max, bevor jemand etwas sagen konnte. »Und du kriegst kein Eis.«

Der Bourbon machte ein gluckerndes Geräusch, als sein Bruder ihn in Lanes Glas goss. Max hörte nicht auf, bis es so voll war wie der Milchbecher beim Abendessen.

»Und jetzt trink«, befahl Max, bevor er die Flasche an den Mund setzte und den Kopf nach hinten neigte.

Die Harter-Kerl-Show dauerte nur einen einzigen Schluck, dann bekam Max einen so lauten Hustenanfall, dass man damit Tote hätte wecken können. Lane überließ seinem Bruder die Entscheidung, den Bourbon auszuspucken oder bei dem Versuch zu sterben, es nicht zu tun, und starrte hinunter in sein Glas.

Er hob den Kristallrand an seinen Mund und nahm einen vorsichtigen Zug.

Feuer. Es war, als würde man Feuer trinken. Eine brennende Spur zog sich in seinen Magen – und als er einen Fluch ausstieß, erwartete er fast, Flammen aus seinem Gesicht schlagen zu sehen, als wäre er ein Drache.

»Ich bin dran«, meldete sich Gin.

Er hielt das Glas fest und gab es nicht aus der Hand, als sie danach griff. Währenddessen nahm Max einen zweiten und dritten Schluck.

Gin nippte nur an dem Glas, befeuchtete sich gerade mal die Lippen und wich angewidert zurück …

»Was macht ihr da?«

Als der Kronleuchter eingeschaltet wurde, zuckten alle drei zusammen. Lane riss den Bourbon wieder an sich, der dabei aus seinem Glas und vorne auf seinen mit Monogramm bestickten Pyjama schwappte.

Edward stand mit einem Ausdruck rasender Wut im Gesicht am Eingang des Salons.

»Was zur Hölle fällt euch ein«, schimpfte er, während er losmarschierte und Lane das Glas und Max die Flasche aus den Händen riss.

»Wir haben nur gespielt«, flüsterte Gin.

»Geh ins Bett, Gin.« Er stellte das Glas auf den Servierwagen und deutete mit der Flasche auf den Torbogen. »Du gehst jetzt sofort ins Bett.«

»Menno, warum?«

»Muss ich dir erst Beine machen?«

Das war selbst für Gin eindeutig.

Während sie mit hochgezogenen Schultern und tapsigen Schritten über den Orientteppich zum Torbogen davonschlurfte, zischte Edward ihr hinterher: »Und nimm die Personaltreppe. Wenn Vater irgendwas hört, wird er die Vordertreppe runterkommen.«

Lanes Herz begann wild zu hämmern. Und sein Magen drehte sich um – ob vom Erwischtwerden oder vom Bourbon, wusste er nicht.

»Sie ist sieben«, sagte Edward, sobald Gin außer Hörweite war. »Sieben!«

»Wir wissen, wie alt sie ist …«

»Halt die Klappe, Maxwell. Halt einfach die Klappe.« Er starrte Max durchdringend an. »Wenn du dich zugrunde richten willst, ist mir das egal. Aber zieh die beiden anderen nicht in deine Scheiße mit rein.«

Harte Worte. Flüche. Und das Auftreten von jemandem, der sie beide bestrafen konnte.

Aber Edward hatte immer wie ein Erwachsener gewirkt, auch schon bevor er das Teenageralter erreicht hatte.

»Ich muss nicht auf dich hören«, entgegnete Max. Aber der Kampfgeist verließ ihn bereits, seine Stimme wurde schwach, sein Blick sank auf den Teppich.

»Oh doch.«

In dem Moment wurde es still.

»Es tut mir leid«, sagte Lane.

»Um dich mach ich mir keine Sorgen.« Edward schüttelte den Kopf. »Ich mach mir Sorgen um ihn.«

»Sag, dass es dir leid tut«, flüsterte Lane. »Max, komm schon.«

»Nein.«

»Er ist nicht Vater, weißt du.«

Max funkelte Edward an. »Du tust aber so.«

»Nur, weil du über die Stränge schlägst.«

Lane nahm Max an der Hand. »Ihm tut es auch leid, Edward. Komm schon, lass uns verschwinden, bevor uns noch jemand hört.«

Er musste ein wenig zerren, aber schließlich folgte Max ohne weitere Widerrede, der Kampf war vorbei, das Unabhängigkeitsstreben aufgegeben. Sie waren mitten auf dem schwarz-weißen Marmorboden des dunklen Foyers, als Lane ganz am Ende der Eingangshalle etwas bemerkte.

Jemand bewegte sich in den Schatten.

Zu groß für Gin.

Lane zerrte seinen Bruder in den stockfinsteren Ballsaal auf der anderen Seite. »Scht.«

Durch die Torbögen zum Salon sah er, wie Edward sich zum Servierwagen drehte, um den Korken zu suchen, und er wollte seinem Bruder eine Warnung zurufen …

Als sein Vater hineinging, blockierte ihm William Baldwines großer Körper die Sicht auf Edward.

»Was machst du da?«

Die gleichen Worte, der gleiche Tonfall, ein tieferer Bass.

Edward drehte sich ruhig um. Mit der Bourbonflasche in der Hand und Lanes fast vollem Glas gut sichtbar auf dem Servierwagen.

»Antworte mir«, verlangte ihr Vater. »Was machst du da?«

Max und er waren tot, dachte Lane. Sobald Edward dem Mann sagte, was sich hier unten abgespielt hatte, würde William toben.

Maxwells Körper zitterte neben Lane. »Ich hätte das nicht tun sollen«, flüsterte er.

»Wo ist dein Gürtel?«, konterte Edward.

»Antworte mir.«

»Das habe ich. Wo ist dein Gürtel?«

Nein!, dachte Lane. Nein, wir waren das!

Sein Vater schritt vorwärts, wobei sein seidener, mit seinem Monogramm bestickter Morgenmantel in der Farbe frischen Blutes im Licht glänzte. »Verdammt noch mal, Junge, du sagst mir jetzt, was du da mit meinem Alkohol machst.«

»Er heißt Bradford Bourbon, Vater. Du hast in die Familie eingeheiratet, weißt du noch?«

Als sein Vater den Arm vor seine Brust hob, funkelte der schwere goldene Siegelring an seiner linken Hand, als könnte er den Schlag kaum erwarten – und würde sich auf den Hautkontakt freuen. Dann folgte ein eleganter kraftvoller Schwung, und Edward wurde von einer so gewaltigen Ohrfeige mit dem Handrücken getroffen, dass das Knallen bis hinaus in den Ballsaal widerhallte.

»Jetzt frage ich dich noch mal: Was machst du da mit meinem Alkohol?«, donnerte William, während Edward zur Seite taumelte und sich das Gesicht hielt.

Einen Augenblick später richtete Edward sich schwer atmend wieder auf. Sein Pyjama flatterte auf seinem zitternden Körper, aber er blieb auf den Beinen.

Er räusperte sich und antwortete krächzend: »Ich habe Silvester gefeiert.«

Eine Blutspur lief über seine Wange und befleckte seine blasse Haut.

»Dann lass mich deinen Spaß nicht stören.« Sein Vater deutete auf Lanes volles Glas. »Trink.«

Lane schloss die Augen. Ihm wurde schlecht.

»Trink.«

Das geräuschvolle Schlucken und Würgen dauerte eine Ewigkeit an, bis Edward fast eine Viertelflasche Bourbon intus hatte.

»Und kotz das bloß nicht wieder aus, Junge«, bellte sein Vater. »Wage es ja nicht …«

Als der Jet auf dem Rollfeld aufkam, wurde Lane aus der Vergangenheit gerissen. Er war nicht überrascht zu sehen, dass das Glas in seiner Hand zitterte, und zwar nicht von der Landung.

Er stellte den No. 15 auf den Klapptisch und wischte sich über die Stirn.

Das war nicht das einzige Mal gewesen, dass Edward für die anderen Geschwister gelitten hatte.

Und es war noch nicht mal das Schlimmste gewesen. Nein, das Schlimmste traf ihn erst später, als Erwachsenen und hatte schließlich vollendet, was die ganze schlechte Erziehung nicht vermocht hatte.

Nun war Edward ruiniert, und das nicht nur körperlich.

Gott, es gab so viele Gründe, weshalb Lane nicht nach Easterly zurückkehren wollte. Und nicht alle davon hatten etwas mit der Frau zu tun, die er liebte und verloren hatte.

Aber er musste schon zugeben: Lizzie King stand weiterhin an der Spitze jener sehr langen Liste.

DREI

Bradford Family Estate, Charlemont

Der Amdega-Machin-Wintergarten bildete eine Erweiterung des Südflügels von Easterly, und man hatte bei seinem Anbau 1956 keine Kosten gescheut. Die Konstruktion war ein Meisterwerk im gotischen Stil, ein zartes Gerüst aus weiß gestrichenen Streben, das Hunderte Glaswände und -fenster trug und so einen Innenraum schuf, der größer und vollendeter war als das Farmhaus, in dem Lizzie wohnte. Auf dem Schieferboden gab es einen Sitzbereich mit Sofas und Lehnstühlen, die mit Stoffen von »Colefax and Fowler« bezogen waren, sowie an den Längsseiten hüfthohe Beete mit verschiedensten Blumen und Topfpflanzen in allen Ecken – aber das war alles nur Fassade. Die eigentliche Gärtnerarbeit, das Keimen und Pflegen, Nähren und Beschneiden, fand fernab von den Blicken der Familie in den Gewächshäusern statt.

»Wo sind die Rosen? Wir brauchen mehr Rosen …«

»Keine Ahnung.« Lizzie öffnete den Deckel einer weiteren Pappschachtel, die so lang war wie das Bein eines Basketballspielers. Darin lagen zwei Dutzend einzeln in Plastik gewickelte weiße Hortensien, deren Blüten mit Kragen aus dünnem Karton geschützt waren. »Das hier ist die ganze Lieferung, also müssen sie da sein.«

»Ich habe zehn weitere Dutzend bestellt. Wo sind die? Das hier kann nicht alles sein.« Greta von Schlieber hielt einen Bund mit winzigen blassrosa Blüten hoch, der in die Seite einer kolumbianischen Zeitung eingeschlagen war. »Wir schaffen das nicht.«

»Das sagst du jedes Jahr.«

»Diesmal stimmt es.« Greta schob die schwere Schildpattbrille auf ihrer Nase nach oben und musterte den Stapel mit fünfundzwanzig weiteren Schachteln. »Ich sag’s dir, wir stecken in Schwierigkeiten.«

Und genau so lief es im Prinzip immer zwischen Lizzie und ihrer Kollegin.

Angefangen bei der pessimistisch-optimistischen Grundeinstellung war Greta so ziemlich das genaue Gegenteil von Lizzie. Erstens war die Frau keine Amerikanerin, sondern Europäerin, und obwohl sie schon dreißig Jahre in den Staaten lebte, machte sich ihr deutscher Akzent immer noch deutlich bemerkbar. Außerdem war sie mit einem tollen Mann verheiratet, Mutter von drei wunderbaren erwachsenen Kindern und hatte genug Geld, damit nicht nur sie nicht ernsthaft arbeiten musste, sondern ihre beiden Söhne und die Tochter ebenfalls nicht.

Sie fuhr natürlich keinen Yaris, sondern einen schwarzen Mercedes-Kombi. Und der Diamantring, den sie neben ihrem Ehering trug, war groß genug, um dem einer Bradford Konkurrenz zu machen.

Ach, und im Gegensatz zu Lizzies war ihr blondes Haar ganz kurz geschnitten – beneidenswert, wenn man sein eigenes ständig nach hinten schieben und mit allem zusammenbinden musste, was man in die Finger bekam: Verschlussstreifen von Müllbeuteln, Blumendraht, Gummibänder von Brokkolisträußen …

Das Einzige, was sie tatsächlich gemeinsam hatten: Keine von ihnen konnte es ertragen, auch nur eine Sekunde reglos, untätig oder unproduktiv zu sein. Sie arbeiteten jetzt schon fast fünf Jahre zusammen auf dem BFE – nein, länger. Sieben?

Oh Gott, es waren sogar schon bald zehn.

Und Lizzie konnte sich ein Leben ohne die Frau nicht vorstellen – auch wenn sie sich manchmal wünschte, Greta wäre jemand, für den das Glas eher halb voll als halb leer war.

»Ich sag’s dir, wir stecken in Schwierigkeiten.«

»Du wiederholst dich.«

»Kann sein.«

Lizzie verdrehte die Augen, tappte aber doch in die Adrenalin-Falle, als sie einen Blick auf die Fertigungslinie warf, die sie aufgebaut hatten: In der achtzehn Meter langen Mitte des Gewächshauses standen eine doppelte Reihe Klapptische und darauf fünfundsiebzig Sterlingsilberschalen in der Größe von Eiskübeln.

Ihr Glanz war so hell, dass Lizzie wünschte, sie hätte ihre Sonnenbrille nicht im Auto gelassen.

Und sie wünschte, sie müsste nicht mit all dem hier und zusätzlich dem Wissen klarkommen, dass Lane Baldwine wahrscheinlich in genau diesem Augenblick auf dem Flughafen landete.

Das hatte ihr gerade noch gefehlt.

Als ihr Kopf zu dröhnen begann, versuchte sie, sich auf das zu konzentrieren, was sie kontrollieren konnte. Leider führte das nur dazu, dass auch sie sich fragte, wie Greta und sie es schaffen sollten, diese Schalen mit den Blumen für fünfzigtausend Dollar zu füllen, die geliefert worden waren – die zudem noch richtig ausgepackt, inspiziert, gesäubert, beschnitten und arrangiert werden mussten.

Andererseits wurde es achtundvierzig Stunden vor »The Derby-Brunch« immer kritisch.

Oder TDB, wie er auf dem Anwesen genannt wurde.

Denn auf Easterly zu arbeiten war, als wäre man in der Army: Alles wurde abgekürzt, bis auf die Arbeitstage.

Und ja, obwohl heute Morgen der Krankenwagen da gewesen war, würde das Event stattfinden. Wie ein Schnellzug stoppte die Maschine für nichts und niemanden in ihrer Bahn. Greta und Lizzie hatten sogar oft gescherzt, wenn ein Atomkrieg ausbräche, wären die einzigen Dinge, die übrig blieben, nachdem die Pilzwolke sich verzogen hätte, Kakerlaken, Twinkies-Kuchen … und TDB.

Aber Spaß beiseite, der Brunch war eine so feste Institution, dass er einen eigenen Namen hatte, und so exklusiv, dass die Gästelistenplätze wie ein Schatz gehütet und als Erbe an die nächste Generation weitergegeben wurden. Fast siebenhundert Mitglieder der finanziellen und politischen Elite der Stadt und des Landes versammelten sich, schlenderten für nur zwei Stunden plaudernd durch die Gärten von Easterly und tranken Mint Juleps und Mimosas, bevor sie nach Steeplehill Downs zum wichtigsten Tag des Galopprennens und ersten Teil der Triple Crown aufbrachen. Die Regeln für den Brunch waren einfach: Damen mussten Hüte tragen, Fotos und Fotografen waren verboten, und es spielte keine Rolle, ob man in einem Phantom Drophead oder einer Firmenlimousine kam – alle Autos wurden auf der Wiese am Fuß des Hügels geparkt, und alle Gäste stiegen in Vans um, die sie zum Vordereingang des Anwesens hinaufbrachten.

Na ja, fast alle Gäste. Die einzigen, die nicht den Shuttle nehmen mussten, waren Gouverneure, Präsidenten, falls welche kamen – und der Cheftrainer des Männer-Basketballteams der University of Charlemont.

In Kentucky trug man entweder U-of-C-Rot oder Kentucky-University-Blau, und Basketball war für Arm und Reich das Größte.

Die Bradfords waren Fans der U-of-C-Eagles. Und wie in einem Shakespeare-Stück unterstützten die Suttons, ihre Rivalen im Bourbon-Geschäft, die KU-Tigers.

»Ich höre dich immer noch schimpfen«, unterbrach Lizzie ihre eigenen Gedanken. »Denk positiv. Wir schaffen das.«

»Wir müssen alle Pfingstrosen zählen«, erklärte Greta, während sie den Deckel eines weiteren Kartons öffnete. »Letztes Jahr haben sie uns übers Ohr gehauen …«

Die eine Hälfte der Flügeltür zum Haus ging auf, und Mr Newark Harris, der Butler, kam herein wie ein kalter Luftzug. Er war nur eins siebenundsechzig, wirkte aber in seinem schwarzen Anzug mit Krawatte viel größer – vielleicht entstand der Eindruck aber auch durch seine permanent hochgezogenen Augenbrauen, da er vermutlich nach jedem Satz am liebsten »Sie dummer Amerikaner« hinzugefügt hätte. Er war die vollkommene Verkörperung der jahrhundertealten Tradition eines echten englischen Dieners und nicht nur in London geboren und ausgebildet worden, sondern hatte auch als Lakai von Königin Elisabeth II. im Buckingham Palace und dann als Butler von Prinz Edward, Earl of Wessex, in Bagshot Park gedient. Seine Verbindungen zum Haus Windsor hatten bei seiner Einstellung vor einem Jahr den Ausschlag gegeben.

Seine Persönlichkeit mit Sicherheit nicht.

»Mrs Baldwine ist draußen beim Poolhaus.« Er wandte sich ausschließlich an Lizzie. Greta als Deutsche mit ihrem ewigen th-Problem bei der Aussprache englischer Wörter war für ihn eine Persona non grata. »Bitte bringen Sie ein Bouquet zu ihr hinaus. Vielen Dank.«

Und puff! war er wieder durch die Tür verschwunden, die er lautlos hinter sich zuklinkte.

Lizzie schloss die Augen. Es gab zwei Mrs Baldwines auf dem Anwesen, aber nur eine von ihnen würde ihr Zimmer verlassen haben und in der Sonne am Pool sitzen.

Heute blieb ihr aber auch nichts erspart, dachte Lizzie. Sie würde nicht nur ihren Ex sehen, sondern nun auch noch seine Frau bedienen müssen.

Großartig.

»Ich hoffe, dass dem Idioten ein Klavier auf den Kopf fällt«, kommentierte Greta in ihrer Muttersprache.

»Das habe ich verstanden«, bemerkte Lizzie. »Nach zehn Jahren mit dir lerne ich allmählich Deutsch.«

Lizzie sah sich um und überlegte, was sie von der riesigen Blumenlieferung verwenden konnte. Wenn die Kisten ausgepackt waren, mussten die Blätter von den Stielen entfernt und die Blüten einzeln auf ihre Qualität geprüft und leicht auseinandergezupft werden, damit sie schneller aufgingen. Greta und sie waren noch nicht mal annähernd so weit, aber was Mrs Baldwine wollte, war ihr klar.

In vielerlei Hinsicht.

Nachdem Lizzie fünfzehn Minuten mit Aussuchen, Zurechtschneiden und Arrangieren verbracht hatte, steckte schließlich ein passabler Strauß in Blumenschaum in einer Silberschale.

Greta tauchte vor ihr auf und streckte die Hände aus, wobei ihr großer antik geschliffener Diamantring blitzte. »Lass mich ihn rausbringen.«

»Nein, ich mach das schon …«

»Du wirst ihr heute nicht begegnen wollen.«

»Ich will ihr nie begegnen.«

»Lizzie.«

»Es ist schon okay. Ehrlich.«

Zum Glück kaufte ihre alte Freundin ihr die Lüge ab. In Wahrheit war Lizzie kilometerweit entfernt von »okay« – aber das bedeutete nicht, dass sie kneifen würde.

»Ich bin gleich wieder da.«

»Dann zähle ich derweil die Pfingstrosen.«

»Es wird alles gut.«

Hoffte sie.

Als Lizzie zur Flügeltür Richtung Garten ging, begann ihr Kopf richtig zu pochen, und die Tatsache, dass sie beim Hinaustreten regelrecht gegen eine Wand schwüler Luft lief, half dabei überhaupt nicht. Motrin, dachte sie. Sobald sie das hier erledigt hätte, würde sie vier Stück nehmen und dann mit ihrer richtigen Arbeit weitermachen.

Das raspelkurze Gras unter ihren Füßen glich mehr einem Golfplatzteppich als allem, was Mutter Natur so einfiel, und obwohl Lizzie schon zu viel im Kopf hatte, erstellte sie trotzdem eine mentale To-do-Liste der zu pflegenden Beete und anstehenden Wiederbepflanzungen in dem zwei Hektar großen Garten. Die gute Nachricht war, dass die Obstbäume nun nach einem späten Frühlingsanfang in den Ecken der Backsteineinfassung blühten, und ihre zarten weißen Blütenblätter begannen gerade erst wie Schnee auf die Wege unter ihren Kronen zu fallen. Außerdem hatte der vor zwei Wochen ausgestreute Mulch seinen Gestank verloren, und der Efeu an den alten Steinmauern trieb überall neue Blätter. In einem Monat würden die vier Quadrate mit griechisch-römischen Skulpturen umhüllter Frauen in eleganten Posen ganz pastellrosa und pfirsichfarben und strahlend weiß sein und einen Kontrast zur beschaulich grün-grauen Flusslandschaft bieten.

Aber natürlich drehte sich jetzt erst mal alles um das Derby.

Das weiße Schindel-Poolhaus stand in der linken Ecke hinter einem aquamarinblauen Becken von fast olympischer Größe und sah aus wie ein vollwertiges Arzthaus im Kolonialstil. Die Loggia davor war mit einer zurechtgestutzten Blauregen-Haube bewachsen, sodass bald weiße und lila Blüten wie Laternen aus dem grünen Laub hängen würden.

Und unter dem Blätterdach lag Mrs Chantal Baldwine ausgestreckt in einem Brown-Jordan-Liegestuhl, so schön wie eine unbezahlbare Marmorstatue.

Und in etwa so warm wie eine.

Die Frau hatte strahlende Haut dank perfekt aufgetragenem Selbstbräuner, blondes Haar mit kunstvollen Strähnchen, das an den Enden eingedreht war, und einen Körper, bei dessen Anblick Rosie Huntington-Whiteley Minderwertigkeitskomplexe bekommen hätte. Ihre Nägel waren künstlich, aber perfekt, da war nichts Anstößiges an ihrer Länge oder Farbe, und ihr Verlobungsring und ihr Ehering stammten direkt aus »Town & Country«und waren so weiß und blendend und breit wie ihr Lächeln.

Sie war die perfekte moderne Südstaatenschönheit, eine Frau, über die die Leute im Landkreis Charlemont sich zuflüsterten, sie komme »aus einer guten Familie, wenn auch aus Virginia«.

Lizzie hatte sich oft gefragt, ob die Bradfords das Gebiss der Millionärstöchter prüften, mit denen ihre Söhne ausgingen – wie bei Vollblutpferden.

»… zusammengebrochen, und dann kam der Krankenwagen.« Die Hand mit dem schweren Diamantschmuck hob sich zum Haar und strich es nach hinten, dann hielt sie das iPhone, in das Chantal sprach, ans andere Ohr. »Sie haben sie zur Vordertür hinausgetragen. Kannst du dir das vorstellen? Sie hätten das hinten machen sollen – ach, sind die nicht himmlisch!«

Chantal Baldwine hielt sich anmutig wie eine Geisha die Hand vor den Mund, während Lizzie hinüber zur Bar mit dem Marmortresen trottete und den Strauß an das Ende stellte, das keine direkte Sonne abbekam. »War das Newark? Er ist so aufmerksam.«

Lizzie nickte und drehte sich wieder um. Je weniger Zeit sie hier verlor, desto besser …

»Ach, sag mal, Lisa, könntest du …«

»Ich heiße Lizzie.« Sie blieb stehen. »Kann ich noch etwas für Sie tun?«

»Wärst du so freundlich, mir noch etwas davon zu bringen?« Die Frau nickte zu einem halb vollen Glaskrug. »Das Eis ist geschmolzen und hat den Geschmack verwässert. Ich gehe erst in einer Stunde zum Lunch in den Club. Herzlichen Dank.«

Lizzie blickte zu der Limonade – und versuchte wirklich, ehrlich, sich nicht vorzustellen, wie sie die Frau mit dem Zeug überschüttete. »Ich bitte Mr Harris, jemanden zu schicken …«

»Oh, aber er ist so beschäftigt. Und du bist doch gerade ohnehin hier und kannst den Krug einfach mitnehmen – du bist eine echte Hilfe.« Die Frau wandte sich wieder ihrem iPhone mit der University-of-Charlemont-Hülle zu. »Wo war ich? Ach ja, also sie haben sie zur Vordertür hinausgetragen. Ich meine, ganz ehrlich, ist das zu fassen?«

Lizzie griff nach dem Krug und marschierte dann über die gleißend weiße Terrasse zurück zum grünen Gras. »Mit Vergnügen.«

Mit Vergnügen.

Ja, ganz bestimmt. Aber das musste man sagen, wenn die Familie einen um etwas bat. Es war die einzig akzeptable Antwort – und mit Sicherheit besser als: »Wie wär’s, wenn du dir deine Limo sonst wo hinsteckst, du erbärmliche Kuh …«

»Ach, Lisa? Das ist ein Virgin, ja? Danke.«

Lizzie lief einfach weiter und warf lediglich noch eine »Mit Vergnügen«-Granate über ihre Schulter.

Als sie sich der Villa näherte, musste sie sich für einen Eingang entscheiden. Für sie als Angestellte waren die vier Hauptzugänge tabu: der Vordereingang, der Seiteneingang der Bibliothek, der Hintereingang des Speisesaals und der Hintereingang des Billardzimmers. Und es war »nicht gern gesehen«, dass sie irgendwelche anderen Türen außer der zur Küche und zum Hauswirtschaftsraum benutzte – obwohl sie entschuldigt war, wenn sie dreimal wöchentlich die Hausbouquets verteilte.

Sie wählte die Tür in der Mitte zwischen dem Speisesaal und der Küche, da sie sich weigerte, den ganzen Umweg über die anderen Personaleingänge zu machen. Als sie ins kühle Hausinnere trat, senkte sie den Kopf. Aber nicht aus Sorge, jemanden zu verärgern, sondern weil sie hoffte und betete, hinein- und wieder herauszukommen, ohne überrascht zu werden von …

»Ich hab mich schon gefragt, ob du wohl heute hier bist.«

Lizzie erstarrte wie ein ertappter Einbrecher und spürte dann, wie sich Tränen in ihren Augenwinkeln sammelten. Aber sie würde nicht weinen.

Nichtvor Lane Baldwine.

Und schon gar nicht wegen ihm.

Sie straffte die Schultern, hob das Kinn … und drehte sich langsam um.

Noch bevor sie Lane zum ersten Mal in die Augen sah, seit sie mit ihm Schluss gemacht und ihn zum Teufel gejagt hatte, wusste sie drei Dinge: Erstens, er würde genauso aussehen wie früher; zweitens, das wären keine guten Nachrichten für sie; und drittens, wenn sie auch nur ein Fünkchen Verstand hätte, würde sie das, was er ihr vor fast zwei Jahren angetan hatte, auf Repeat setzen und an nichts anderes denken.

Die Katze lässt das Mausen nicht …

Ach verdammt, musste er immer noch so gut aussehen?

Lane nahm kaum etwas bewusst wahr, als er Easterly zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder betrat.

Er hatte nichts richtig zur Kenntnis genommen. Nicht die prächtige Eingangstür mit dem Löwenkopf-Klopfer und den glänzenden schwarzen Paneelen. Nicht das fußballstadiongroße Eingangsfoyer mit der imposanten Treppe und den Ölgemälden all der früheren und heutigen Bradfords. Weder die Kristalllüster oder die goldenen Wandleuchter noch die rubinroten Orientteppiche oder die schweren Brokatvorhänge, nicht einmal den Salon und den gegenüberliegenden Ballsaal.

Easterlys Südstaateneleganz, zusammen mit jenem beständigen süßlichen Zitronenduft von altmodischem Bohnerwachs, war wie ein feiner Anzug, den man, sobald man ihn am Morgen einmal angezogen hatte, den Rest des Tages nicht mehr bemerkte, weil er maßgeschneidert auf jeden Muskel und jeden Knochen passte. Lane hatte absolut keinen Heimkehrschmerz verspürt: Es war ein Eintauchen in ruhiges, siebenunddreißig Grad warmes Wasser. Ein Einatmen von völlig stiller, nicht zu feuchter, wunderbar milder Luft. Ein Einnicken in einem ledernen Clubsessel.

Es war sein Zuhause und gleichzeitig sein Feind, und sehr wahrscheinlich spürte er nichts, weil er überwältigt war von Gefühlen, die er nicht zuließ.

Doch er bemerkte jede Einzelheit, als er Lizzie King wiedersah.

Der Schock kam, als er auf der Suche nach der Person, für die er so weit gereist war, den Speisesaal durchquerte.

Oh Gott, dachte er. Oh du lieber Gott.

Nachdem er sich so lange mit seiner Erinnerung hatte begnügen müssen, war vor Lizzie zu stehen wie der Unterschied zwischen einer Beschreibung und der Realität – und sein Körper reagierte augenblicklich, sein Blut pulsierte, all seine schlafenden Instinkte erwachten nicht nur, sondern explodierten in seinen Adern.

Ihr Haar war immer noch blond von der Sonne, nicht vom Farbpinsel eines Frisörs, und es war mit einem schnöden Gummi nach hinten gebunden, sodass die vollen, geraden Spitzen steif abstanden wie das Ende eines sauber durchgeschnittenen Schiffstaus. Ihr Gesicht war frei von Make-up, die Haut gebräunt und strahlend, und ihr Knochenbau erinnerte ihn daran, dass gute Gene besser waren als Schönheits-OPs für hunderttausend Dollar. Und ihr Körper … dieser feste, starke Körper mit Kurven, wo sie ihm gefielen, und geraden Flächen, die von all der körperlichen Arbeit zeugten, die sie so gut machte … war genau, wie er ihn in Erinnerung hatte. Und sie war auch genau so gekleidet, in Khakishorts und das obligatorische schwarze Poloshirt mit dem Wappen von Easterly.

Sie roch nach Sonnencreme, nicht Chanel. Ihre Schuhe waren von Merrell, nicht Manolo. Sie trug eine Uhr von Nike, nicht Rolex.

Für ihn war sie die schönste, bestangezogene Frau, die er je gesehen hatte.

Leider blieb auch der Blick aus ihren Augen unverändert.

Der Blick, der ihm sagte, dass sie ebenfalls an ihn gedacht hatte, seit er fortgegangen war.

Nur nicht im Guten.

Als sein Mund sich bewegte, merkte Lane, dass er irgendeine Kombination von Wörtern sprach, aber er kam nicht hinterher. Zu viele Bilder flackerten durch seinen Kopf, alles Erinnerungen aus der Vergangenheit: ihr nackter Körper in zerwühlten Laken, ihr Haar zwischen seinen Fingern, seine Hände an den Innenseiten ihrer Schenkel. In Gedanken hörte er sie seinen Namen sagen, während er hart in sie stieß, sodass das Bett wackelte und das Kopfende gegen die Wand schlug …

»Ja, ich wusste, dass du kommen würdest«, sagte sie ruhig.

Offenbar trennten sie tatsächlich Welten. Er war erschüttert bis in seine Guccis, ließ gerade die intimsten Momente ihrer Beziehung Revue passieren, und sie war vollkommen unberührt von seiner Anwesenheit.

»Warst du schon bei ihr?«, fragte sie. Dann runzelte sie die Stirn. »Hallo?«

Was zur Hölle redete sie da? Ach ja, richtig. »Ich hab gehört, sie ist schon wieder zurück aus dem Krankenhaus.«

»Seit etwa einer Stunde.«

»Geht’s ihr gut?«

»Sie wurde in einem Krankenwagen abtransportiert, unter einer Sauerstoffmaske. Was glaubst du denn?« Lizzie blickte in die Richtung, in die sie unterwegs gewesen war. »Hör mal, ich muss jetzt …«

»Lizzie«, sagte er leise. »Lizzie, ich …«

Als er abbrach, sah sie ihn gelangweilt an. »Tu uns beiden einen Gefallen und mach dir nicht die Mühe, den Satz zu beenden, okay? Geh einfach zu ihr und … tu das, warum auch immer du sonst hergekommen bist, okay? Halt mich da raus.«

»Gott, Lizzie, warum lässt du mich nicht ausreden …«

»Warum sollte ich, ist eher die Frage.«

»Weil zivilisierte Menschen einander im Allgemeinen diese Höflichkeit erweisen …«

Und BOOM! ging es wieder los.

»Wie bitte?«, fragte sie. »Nur weil ich auf der anderen Seite des Flusses wohne und für deine Familie arbeite, bin ich gleich irgendein Affe? Ganz ehrlich – willst du jetzt so anfangen?«

»Das habe ich nicht gemeint …«

»Oh doch, ich glaube schon …«

»Ich schwör’s dir«, murmelte er, »deine Empfindlichkeit …«

»Was, Lane? Stört sie dich? Sorry, aber ich lasse nicht zu, dass du die Dinge so verdrehst, als wäre ich diejenige, die ein Problem hat. Das bist du. Das warst immer du.«

Lane hielt die Hände hoch. »Ich komm nicht an dich ran. Ich will dir nur erklären …«

»Willst du wirklich etwas für mich tun? Na schön, großartig, hier.« Sie streckte ihm einen halb vollen Krug entgegen mit etwas, was nach Limonade aussah. »Bring den in die Küche und lass ihn auffüllen. Und dann bitte jemanden, ihn wieder hinaus zum Poolhaus zu bringen, oder vielleicht kannst du ihn auch selbst dort abliefern – bei deiner Frau.«

Damit machte sie kehrt und stürmte durch die nächste Tür hinaus. Und während sie über den Rasen zum Wintergarten davonmarschierte, konnte er sich nicht entscheiden, was verlockender war: mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, den Krug zu zerschmettern oder eine Kombination aus beidem.

Er wählte Option vier: »Verdammte, verfluchteScheiße …«

»Sir? Darf ich Ihnen zu Diensten sein?«

Als Lane den britischen Akzent vernahm, blickte er zu einem etwa fünfzigjährigen Mann, der gekleidet war wie der Empfangschef eines Bestattungsinstituts. »Wer zur Hölle sind Sie?«

»Mr Harris, Sir. Ich bin Newark Harris, der Butler.« Der Mann verbeugte sich tief. »Die Piloten waren so freundlich, uns zu benachrichtigen, dass Sie kommen würden. Darf ich mich um Ihr Gepäck kümmern?«

»Ich habe keins.«

»Hervorragend, Sir. Ihr Zimmer ist bereit, und falls Sie noch etwas benötigen sollten, was Sie nicht in ihrer Garderobe oben finden, wird es mir ein Vergnügen sein, Ihnen alles Gewünschte zu beschaffen.«

Oh nein, dachte Lane, er würde nicht bleiben – er wusste verdammt genau, welches Wochenende bevorstand, und der Zweck seines Besuchs hatte nichts mit dem gesellschaftlichen Zirkus um das Derby zu tun.

Er drückte Mr Dandyman den Krug in die Hand. »Ich weiß nicht, was da drin ist, und es ist mir egal. Füllen Sie ihn einfach auf und bringen Sie ihn dorthin, wo er hingehört.«

»Mit Vergnügen, Sir. Wünschen Sie …«

»Nein, das ist alles.«

Der Mann wirkte überrascht, als Lane an ihm vorbei in Richtung der Personalräume des Hauses eilte. Aber natürlich stellte der Engländer keine Fragen. Was, angesichts von Lanes Stimmung, nicht nur das korrekte Verhalten eines Butlers, sondern auch notwendig für die Selbsterhaltung des Mannes war.

Zwei Minuten im Haus. Zwei verdammte Minuten.

Und er war schon kurz davor zu explodieren.

VIER

Lane lief weiter in die riesige Profi-Küche und staunte augenblicklich über den olfaktorischen »Lärm« und die gleichzeitige akustische Stille. Obwohl ein gutes Dutzend Köche über die Edelstahltische und Viking-Öfen gebeugt war, unterhielten sich die Weißkittel nicht beim Arbeiten. Ein paar von ihnen schauten jedoch auf, erkannten Lane und unterbrachen ihre diversen Tätigkeiten, aber er ignorierte ihre aufgerissenen Augen. Inzwischen war er die neugierigen Blicke gewohnt, da ihm seit Jahren im ganzen Land sein Ruf vorauseilte.

Vielen Dank, »Vanity Fair«, für die Reportage über seine Familie vor zehn Jahren. Und die drei Folgeberichte seither. Und die Spekulationen in den Klatschblättern. Vom Internet ganz zu schweigen. Wenn sich diese Blutsauger von der Presse einmal festgebissen und einem den Promi-Status aufgedrückt hatten, gab es kein Entkommen.

Während er weiter auf eine Tür mit der Aufschrift PRIVAT zuging, zog er sich unwillkürlich die Hose hoch, steckte das Hemd hinein und strich sich die Haare glatt. Jetzt wünschte er, er hätte sich die Zeit genommen zu duschen, sich zu rasieren und frische Kleidung anzuziehen.

Und er wünschte ehrlich, das Treffen mit Lizzie wäre besser gelaufen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

Sein Klopfen war leise, respektvoll. Die Antwort darauf war es nicht:

»Warum klopfst du denn«, schimpfte eine weibliche Südstaatenstimme.

Lane runzelte die Stirn, als er die Tür aufmachte. Und dann blieb er wie angewurzelt stehen.

Miss Aurora stand an ihrem Herd. Vor ihr stiegen der Geruch von heißem Öl und das Prasseln und Knistern von Huhn, das in einer Pfanne brutzelte, in die Luft. Sie trug die Haare in einem kurzen Bob ganz kleiner schwarzer Locken und denselben Hausmantel, in dem Lane sie gesehen hatte, bevor er in den Norden gezogen war.

Er konnte nur blinzeln und sich fragen, ob ihm jemand einen üblen Streich gespielt hatte.

»Steh doch nicht hier rum«, fuhr sie ihn an. »Wasch dir die Hände und hol die Tabletts. Ich bin in fünf Minuten fertig.«

Nun ja, er hatte erwartet, sie im Bett vorzufinden, mit einem Laken bis über die Brust und schwindendem Licht in den Augen, bis ihr geliebter Jesus sie holen kam.

»Lane, reiß dich zusammen. Ich bin noch nicht tot.«

Er rieb sich über den Nasenrücken, als eine Welle der Erschöpfung auf ihn einstürzte. »Ja, Ma’am.«

Nachdem er die Tür geschlossen hatte, suchte er nach Anzeichen körperlicher Schwäche in ihren starken Schultern und festen Beinen. Es gab keine. Absolut nichts an der fünfundsechzigjährigen Frau ließ vermuten, dass sie am selben Morgen in der Notaufnahme gelandet war.

Okay, also stand es fifty-fifty, überlegte er, während er das restliche Essen betrachtete, das sie für ihn vorbereitet hatte. Fifty-fifty zwischen Erleichterung … und Wut, dass er seine Zeit verschwendet hatte, um herzukommen.

Eins war ihm jedoch klar: Er konnte unmöglich wieder abreisen, bevor er gegessen hatte – zum einen, weil sie ihn wenn nötig an einen Stuhl fesseln und zwangsernähren würde, aber vor allem, weil er in dem Moment, als er den Duft wahrgenommen hatte, sterbenshungrig geworden war.

»Ist mit dir alles in Ordnung?«, musste er jedoch fragen.

Der funkelnde Blick, den sie ihm zuwarf, machte deutlich, dass sie ihm, wenn er sie weiter löcherte, liebend gern den Hintern versohlen würde, bis er den Mund hielt.

Roger, Ma’am, dachte er.

Als er den schmalen Raum durchquerte, stellte er fest, dass die Tabletts, von denen sie beide immer gegessen hatten, genau dort waren, wo er sie zuletzt gesehen hatte – drüben in der Ecke, zwischen dem Fernsehtisch und dem schräg stehenden Bücherregal. Auch die beiden Barcalounger-Sessel waren dieselben, jeder vor einem großen Fenster, mit gehäkelten Schondeckchen oben auf den Lehnen.

Kinderfotos hingen überall und in allen möglichen Rahmen, und zwischen den schönen dunklen Gesichtern fanden sich auch ein paar helle: Da war Lane bei seiner Kindergarten-Abschlussfeier; sein Bruder Max, wie er beim Lacrosse ein Tor schoss; seine Schwester Gin als Milchmagd verkleidet bei einer Schulaufführung; sein anderer Bruder Edward mit Krawatte und Jackett im letzten Studienjahr an der University of Virginia.

»Du lieber Himmel, bist du dünn, Junge«, bemerkte Miss Aurora, während sie in einem Topf zu rühren begann, in dem, wie Lane wusste, grüne Bohnen mit Schinkenwürfeln kochten. »Habt ihr denn da oben in New York kein Essen?«

»Nicht solches, Ma’am.«

Das Geräusch aus ihrem Rachen klang wie ein fehlzündender Chevy. »Hol die Teller.«

»Ja, Ma’am.«

Er bemerkte, dass seine Hände zitterten, als er zwei aus dem Schrank nahm und sie gegeneinanderklapperten. Im Gegensatz zu der Frau, die ihn geboren hatte und ganz sicher auf ihrem Zimmer war, um sich in einem Medikamentennebel nach dem Motto Ich-bin-nicht-süchtig-weil-mein-Arzt-mir-die-Pillen-verschrieben-hat »auszuruhen«, hatte Miss Aurora immer alterslos und zugleich stark wie eine Superheldin gewirkt. Der Gedanke, der Krebs könnte zurück sein …

Verdammt, Lane konnte sich nicht mal vorstellen, dass sie ihn überhaupt je gehabt hatte. Aber er machte sich nichts vor. Das musste der Grund für den Zusammenbruch sein.

Nachdem er das Besteck und die Servietten auf die Tabletts gelegt und ihnen beiden einen süßen Tee eingeschenkt hatte, ging er hinüber zum Sessel auf der rechten Seite und setzte sich.

»Du solltest nicht kochen«, sagte er, als sie anfing, die Teller zu füllen.

»Und du solltest nicht so lange weg sein. Was ist los mit dir?«

Definitiv nicht sterbenskrank, dachte er.

»Was hat der Arzt gesagt?«, erkundigte er sich.

»Nichts Wichtiges, meiner Meinung nach.« Sie brachte die Teller herüber, auf denen sich alles Mögliche auftürmte. »Jetzt sei still und iss.«

»Ja, Ma’am.«

Gelobt sei der Herr, dachte er, als er auf seinen Teller blickte. Gebratene Okraschoten. Chitterlings. Kartoffelplätzchen. Bohnen in Schweinefleischbrühe. Und das gebratene Huhn.

Als sein Magen vor Hunger rumorte, lachte sie.