Fallen Angels - Die letzte Schlacht - J. R. Ward - E-Book

Fallen Angels - Die letzte Schlacht E-Book

J. R. Ward

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Beschreibung

Der Kampf zwischen Engeln und Dämonen geht in die letzte Runde – das atemberaubende Finale der Bestsellerserie

Seit Anbeginn der Zeit herrscht Krieg zwischen den Mächten des Lichts und der Finsternis. Nun wurde ein gefallener Engel dafür auserwählt, den Kampf ein für alle Mal zu entscheiden. Sein Auftrag: Er soll die Seelen von sieben Menschen erlösen. Sein Problem: Ein weiblicher Dämon macht ihm dabei die Hölle heiß . . . Im atemberaubenden Finale der FALLEN ANGELS heißt es Abschied nehmen von der Serie, doch für alle Fans gibt es ein kleines Trostpflaster: mit zwei der Figuren wird es ein Wiedersehen im BLACK DAGGER-Universum geben.

Über fünf Runden hinweg haben der raubeinige Engel Jim Heron und die teuflisch attraktive Dämonin Devina ihren Kampf um das Schicksal der Welt ausgetragen. Fünf Seelen sind bereits ihrer Bestimmung zugeführt worden und genießen entweder die Wonnen des Paradieses oder erleiden Höllenqualen in Devinas Seelenbrunnen. Doch nun geht es in die letzte, alles entscheidende Runde: Wer die nächsten beiden Seelen gewinnt, hat die Herrschaft über die Welt errungen. Nun entscheidet sich, ob die Menschheit in ewigem Licht leben oder in die dunklen Tiefen der Hölle hinabgestürzt werden wird. Allerdings scheinen die Chancen für Jim Heron schlecht zu stehen: Er verliert einen Verbündeten nach dem anderen, und Devina versucht, ihn erneut um den Finger zu wickeln. Doch dieses Mal hat er seine geliebte Sissy an seiner Seite – die Frau, für die er sogar das Paradies aufgeben würde.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 530




DAS BUCH

Im Ringen um das Schicksal der Welt wurde die letzte Runde eingeläutet. Nun wird sich ein für alle Mal entscheiden, ob die Menschheit im ewigen Licht leben oder in das tiefe Dunkel der Hölle hinabstürzen wird. Die Dämonin Devina, schön wie die Sünde und durchtrieben bis ins Mark, ist fest entschlossen, die Schlacht um die Seelen für sich zu entscheiden – schließlich verliert sie sonst nicht nur ihre Freiheit, sondern auch die Seelen aller Sünder, die sie im Verlauf der letzten Jahrtausende in ihrem Seelenbrunnen angesammelt hat. Und ihre Chancen zu gewinnen stehen denkbar gut, denn der Erlöser Jim Heron hat nur noch Augen für die wunderschöne, unschuldige Sissy Barten. Seit er sie aus den Klauen der Dämonin befreit hat, scheint für ihn nichts anderes mehr von Bedeutung zu sein. Weder in seinem sterblichen noch in seinem unsterblichen Leben hat Jim je eine Frau getroffen, die er so sehr geliebt hat wie Sissy. Eine Frau, für die er alles tun würde. Wenn nötig, sogar das Paradies aufs Spiel setzen …

DIE AUTORIN

J. R. Ward begann bereits während ihres Studiums mit dem Schreiben. Nach ihrem Hochschulabschluss veröffentlichte sie die BLACK-DAGGER-Serie, die in kürzester Zeit die Bestsellerlisten eroberte. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrem Golden Retriever in Kentucky und gilt seit dem überragenden Erfolg von BLACK DAGGER als neuer Star der romantischen Mystery.

Den Link zum Werkverzeichnis aller von J. R. Ward im Heyne Verlag erschienenen Romane finden Sie am Ende des Bandes.

J. R. WARD

FALLEN ANGELS

Die letzte Schlacht

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Julia Walther

Titel der amerikanischen Originalausgabe

IMMORTAL – A NOVEL OF THE FALLEN ANGELS

Deutsche Erstausgabe 05/2015

Redaktion: Julia Abrahams

Copyright ©2014 by Love Conquers All, Inc.

Copyright ©2015 der deutschsprachigen Ausgabe

und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Animagic, Bielefeld

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN 978-3-641-15714-2

www.heyne-verlag.de

Für Dr. med. vet. Gary Edlin,

der mir zehn wunderbare zusätzliche Wochen

mit einem geliebten Wesen geschenkt hat.

Wenn das kein Engel ist, dann weiß ich auch nicht.

Eins

Ab und zu brauchte frau einfach mal etwas Neues an die Füße.

Mit langen Schritten und einer ordentlichen Portion Hüftschwung stolzierte die Dämonin Devina durch die Lobby des Freidmont Hotels und fühlte sich dabei einfach fantastisch. In Gedanken war sie immer noch bei den Vergnügungen der letzten Nacht. Ihr Körper war in hautenges Leder gehüllt, angefangen bei ihren Doppel-D-Körbchen bis hin zu den Schuhen und allem dazwischen. Und was das Thema Pheromone anbetraf: Noch einen Hauch mehr davon, und ihre Fick-mich-Aura würde Löcher in die holzgetäfelten Wände brennen.

Natürlich zog sie jede Menge Blicke auf sich. Von Männern wie von Frauen. Kein Wunder: Caldwell, New York, war nicht besonders weit von New York City entfernt, und es stiegen immer wieder berühmte Leute hier ab. Auch wenn sie ihnen nicht aus Film oder Fernsehen bekannt vorkam, war sie doch eine Weltklasseschönheit.

Zumindest in ihrer aktuellen fleischlichen Hülle.

Aber zurück zu den Schuhen.

Auf dem Weg zum Hotelausgang schritt Devina gerade über den glänzenden, cremefarbenen Marmor, als ihr Blick plötzlich an diesen Stilettos hängen blieb. Wie angewurzelt blieb sie stehen. Die goldenen Louboutins befanden sich in einem Schaukasten, als handle es sich bei ihnen um kostbare Juwelen. Ein Spot von oben setzte sie ins richtige Licht. Oh, wie hinreißend: Das Material war mit einer Million winziger Swarovski-Kristalle bedeckt, sodass die Oberfläche wirkte wie flüssiger Stoff. Und erst die Form! Absätze so dünn wie Klingen und hoch genug für Spitzentanz. Winziger Zehenraum, um den Spann schön zur Geltung zu bringen. Verstecktes Plateau, damit der Fußballen trotzdem gut gestützt wurde.

Das i-Tüpfelchen war natürlich die rote Sohle, die Unterseite des Schuhs, die in der Farbe eines Liebesapfels leuchtete.

Es war Liebe auf den ersten Blick.

»Madam, möchten Sie sie vielleicht einmal anprobieren?«

Sie würdigte den Mann, der neben ihr aufgetaucht war, keines Blickes. Zu den Symptomen einer Zwangsneurose gehörte, von etwas völlig gefangen genommen zu werden, und die Enterhaken hatten sich wieder einmal in Devinas Herz gegraben. Obwohl sie fast eintausend Paar Schuhe im Schrank hatte, wurde ihr bei der Vorstellung, diese speziellen Exemplare nicht zu bekommen, dass jemand oder etwas den Kauf und die Inbesitznahme verhindern könnte, ganz eng in der Brust. Ihre Handflächen fingen an zu schwitzen, und das Blut pulsierte hämmernd in ihren Adern.

»Madam?«

»Ja«, hauchte sie. »Größe vierzig.«

»Dann kommen Sie bitte mit.«

Sie folgte ihm brav wie ein Lämmchen. Mit einem letzten Schulterblick versicherte sie sich, dass die Schuhe inzwischen nicht verschwunden waren. Notfalls könnte sie sie immer noch stehlen …

In ihrem Hinterkopf schrillte ein Warnsignal. Während des vergangenen Jahres hatte sie nämlich eine Therapie gemacht, um genau diese Art von Kontrollverlust in den Griff zu bekommen.

Devina, jetzt beruhige dich, verdammt noch mal. Das sind bloß Schuhe. Es ist nur …

Die werden deine Probleme mit Jim auch nicht lösen.

Okay, bei dem Gedanken wurde ihr speiübel.

Verflucht, was sollte sie sich denn stattdessen sagen? Sie versuchte, sich an den Wortlaut des Mantras zu erinnern, das ihr dabei helfen sollte, dieses unkontrollierbare Bedürfnis in gesündere Bahnen zu lenken, aber in ihrem neuronalen Netz herrschte irgendwie gerade Stau. Sie konnte nichts anderes denken als: nehmen, besitzen, zählen.

Nehmen, besitzen, zählen …

Nehmen, besitzen, zählen …

Scheiße, das war ein echter Rückfall. Dank dieser tiefenentspannten Dame jenseits der Wechseljahre, mit der Promotionsurkunde an der Wand und dem Sofakissenkörper, hatte Devina in Sachen Zwangsstörung einige Fortschritte gemacht. Aber das hier … das war echt alte Schule, und zwar nicht auf die gute Art und Weise.

Und ja, sie wusste genau, weshalb es passierte.

Es war einfacher, an die Schuhe zu denken.

Die Boutique befand sich im hinteren Teil des Foyers, und als sie durch die Glastür trat, half die Parfüm geschwängerte Luft nicht gerade, das Brennen zu lindern. Das Einzige, was jetzt helfen würde, wäre …

»Größe vierzig, sagten Sie?«, fragte der Verkäufer.

Devina funkelte ihn an. Mr. Ich-kann-mir-nicht-mal-eine-Schuhgröße-merken trug einen teuren Anzug und eine Seidenkrawatte. Sein grau meliertes Haar hatte er aus der Botox-glatten Stirn gekämmt. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei dem edlen Boutiqueduft um sein Aftershave, und beim Herumnesteln an seinem Taschentuch konnte man sehen, dass seine Fingernägel auf Hochglanz poliert waren.

Er war zu fein herausgeputzt, um umgebracht zu werden. Außerdem, wie würde sie dann an ihre Schuhe kommen?

»Vierzig«, erwiderte sie scharf. »Ich habe Größe vierzig.«

»Sehr wohl, Madam. Darf ich Ihnen einen Sekt-Orange bringen?«

Nein, ich will meine verdammten Schuhe! »Nein, danke.«

»Wie Sie wünschen.«

Sich selbst überlassen, wanderte sie nun um den nachgemachten Aubusson-Teppich herum und sah sich die anderen hochpreisigen Verkaufsartikel an. Minaudière-Täschchen von Judith Leiber. Noch mehr Schuhe, aber keine dabei, die ihr Herz höher schlagen ließen. Jacken von Akris. Strickwaren von St. John. Kleider von Armani.

Als sie sich in einem der vielen Spiegel entdeckte, warf sie einen Blick auf ihr Hinterteil … und musste prompt wieder daran denken, wie sie die Nacht verbracht hatte.

Ihre einzig wahre Liebe hatte sie die ganze Nacht durchgevögelt. Oben in ihrer Suite hatten sie es ganze acht Stunden lang miteinander getrieben, genau wie sie es gewollt hatte. Und dass er sich dabei die ganze Zeit selbst verabscheut hatte, war das Sahnehäubchen gewesen.

Jim Heron war einfach ein höllisch guter Lover.

Leider war das jedoch nicht seine einzige Eigenschaft – und genau darin lag das Problem. Er war ein Betrüger. Und ein Lügner. Er begriff das Prinzip Monogamie nicht. Selbst jetzt, nach ihrer unglaublichen Nacht, war er zu einer anderen nach Hause gefahren.

Und, mein Gott, allein die Vorstellung, dass ihre Konkurrenz ausgerechnet diese Sissy-rühr-mich-nicht-an war! Nur wegen dieser ganzen Scheiße würde sie jetzt am liebsten alles in diesem Laden kaufen. Sogar den Schrott, der ihr gar nicht passte.

Als sie prompt anfing, Ding für Ding die Kosten zu überschlagen, musste sie sich selbst am Riemen reißen und ihr zwanghaftes Bedürfnis mit der Erinnerung daran lindern, dass sie im Krieg um die Menschheit mit drei zu zwei in Führung lag. Wenn sie also diese Runde um die aktuelle Seele gewann, bekam sie laut der Regeln, die der Schöpfer aufgestellt hatte, alles: Nicht nur durfte sie ihre kostbare Sammlung sowie ihre Kinder unten in der Hölle behalten, nein, sie erlangte auch noch die Herrschaft über die Erde und den Himmel.

Für jemanden mit ihrer Veranlagung kam das einem beispiellosen feuchten Traum gleich, einem Hauptgewinn im Lotto samt Jackpot in Milliardenhöhe.

Was das allein für ihre Schuhsammlung bedeuten würde! Sie könnte Manolo, Stuie und Christian allesamt versklaven und dazu zwingen, bis in alle Ewigkeit nur noch Modelle für sie herzustellen.

Und noch besser, sie würde Jim bekommen und …

»Madam, es tut mir ja so leid.«

Devina drehte sich um. Mr. Maniküre war aus dem Lager zurückgekehrt … aber er hatte keine Schachtel in der Hand. »Wie bitte?«

»Wir haben nur noch Größe neununddreißig vorrätig. Aber ich kann sie Ihnen bestellen und …«

Der Mann räusperte sich. Ein zweites Mal. Dann öffnete er den Mund, um nach Luft zu schnappen. Fasste sich mit den gepflegten Händen an die sorgfältig geknotete Krawatte. Fing an, die Augen zu verdrehen.

»Was wollten Sie gerade sagen?«, flötete Devina.

Er gab ein leises Schnappgeräusch von sich, während er versuchte, die Fassung zu wahren und gleichzeitig Luft in seine Lungen zu bekommen.

Verdammt, wenn sie ihn umbrachte, wie sollte sie dann im Lager die Schuhe finden?

Devina lockerte ihren unsichtbaren Griff. »Bringen Sie mir das Paar in neununddreißig.«

Der Mann suchte keuchend an einem Judith-Leiber-Ständer nach Halt, wobei er ein paar der Glitzerhandtäschchen herunterwarf.

»Sofort!«, verlangte sie und funkelte ihn an.

Hastig stolperte er über den Teppich, und sobald er hinter dem Seidenvorhang verschwunden war, hustete und keuchte er wie ein Asthmatiker im Gewächshaus. Doch nach ungefähr zwei Minuten und neununddreißig Sekunden kehrte er mit einem beigefarbenen Schuhkarton zurück. Nicht dass sie auf die Uhr geschaut hätte.

Er brabbelte etwas beim Näherkommen, doch sie nahm nichts davon wahr, so sehr hingen ihre Augen an der Schachtel in seinen Händen. Am liebsten hätte sie ihm das Ding entrissen, aber sie wollte die Schuhe an ihren Füßen sehen, selbst wenn sie nicht zu ihrem Outfit passten.

Andererseits waren Swarovskis zu schwarzem Leder ja eigentlich ein Klassiker.

Devina ließ sich auf einen der damastbezogenen Stühle sinken und streifte ihre schwarzen Guccis ab. »Los, her damit!«

Die Schachtel wurde ihr auf den Befehl hin gereicht. Devinas Hände zitterten, als sie den Deckel abnahm und entzückt aufseufzte. Allein die beiden roten Beutel mit Louboutins schwarzer Unterschrift darauf waren eine Augenweide. Mit zitternden Fingern nahm sie einen davon heraus und lockerte die Kordel darum. Dann … oh, was für ein hinreißender Anblick!

Das edelsteingleiche Glitzern war noch viel schöner als bei diesen kleinen Täschchen. Schöner als zuvor draußen in der Lobby im Schaukasten. Und die Farbe des Leders glich der von heller Menschenhaut.

Jims Haut.

Ehrfürchtig schloss Devina die Augen und stieß ein Stoßgebet aus, dass der Verkäufer den Mund halten möge. Sollte er auch nur einen Ton darüber verlieren, dass ihre Füße zu groß seien, würde sie ihn einen Kopf kürzer machen, und nicht nur im übertragenen Sinn.

Vorsichtig packte sie auch den zweiten Schuh aus und stellte beide nebeneinander auf den Boden. Dann weichte sie die Substanz ihrer Füße auf und ließ sie in diese Kunstwerke von Stilettos gleiten. Wie Wasser in einer Vase füllten ihre Knochen samt der Haut die Schuhe perfekt aus.

Der Verkäufer wirkte ein wenig überrascht, als sie aufstand und ganz locker-flockig auf und ab stöckelte, aber er sagte kein Sterbenswörtchen. Was für ein Glück für ihn. Außerdem, nun mal ehrlich, diese Loubous kosteten wie viel? Fast fünf Riesen! Und er bekam doch sicher Provision.

Lächelnd blickte Devina auf ihre Füße hinab, und eine schwindelerregende Welle der Erleichterung durchlief sie, die all die Angst wegen Jim und des Krieges und dieser verdammten Sissy fortspülte. Auf einmal strahlte sie von innen heraus, als hätte sie gleichzeitig einen fantastischen Orgasmus, einen Becher Eis mit Karamellsoße und eine Tiefenentspannungsmassage genossen.

Das hier waren die perfektesten Schuhe auf der ganzen Welt, und sie gehörten ihr und niemandem sonst. Sie würde sie jetzt sofort mit in ihren Kleiderschrank nehmen …

In ihrem Hinterkopf ertönte erneut die Warnglocke, die ihr signalisierte, dass sie gerade einen Rückfall erlitt. Darauf geschissen!

Diese Stilettos waren einfach der Hammer, und Devina konnte es kaum erwarten, sie Jim vorzuführen. Vorzugsweise ansonsten komplett unbekleidet.

Ja, die würde sie für ihn aufsparen.

Sie schlüpfte aus den Schuhen, packte sie so sorgfältig zurück in die Schachtel, wie sie ihr überreicht worden waren, und kontrollierte noch einmal, dass der kleine rote Beutel mit den Ersatzabsatzkappen auch dabei war. Dann warf sie einen Blick zum Verkäufer hinüber – der gerade diskret einen Zug aus seinem Inhalator nahm.

»Setzen Sie’s auf meine Rechnung«, verkündete sie triumphierend. »Ich wohne im Penthouse.«

Wenn dein Kerl zu einer anderen nach Hause fährt, hilft einfach nur noch Shoppingtherapie.

Zwei

Sissy Barten stand mit einem Ei in der Hand vor einer blau-weißen Rührschüssel und schlug es so heftig auf, dass die Schale nicht einfach zerbrach, sondern sich quasi in Staub verwandelte. »Ach, Mist!«

Sie drehte das Wasser am Spülbecken auf und wusch ihre Hände. Die zitterten. Um ehrlich zu sein, sie zitterte am ganzen Körper, so als wäre ihre Wirbelsäule eine tektonische Verwerfungslinie und alles andere drohte, ebenso zu enden wie das Ei.

Als sie den Hahn wieder zudrehte, wurde die alte Villa auf einmal ganz still. Ruckartig sah Sissy über die Schulter. Die Härchen in ihrem Nacken hatten sich warnend aufgestellt … aber wegen was? Es waren keine Schritte zu hören, keine Schreie, und es verfolgte sie niemand mit Messer oder Pistole.

Na toll. Offensichtlich konnten auch Unsterbliche den Verstand verlieren. Wenn das mal keine beglückenden Aussichten waren.

Schließlich konnte man sich nicht umbringen, wenn man schon tot war.

»Verdammt«, flüsterte sie.

Nachdem sie sich die Hände abgetrocknet hatte, nahm sie die Schüssel und wusch sie ebenfalls aus. Dann wollte sie wieder nach dem Eierkarton greifen.

Mitten in der Bewegung hielt sie jedoch inne. Sie wollte für sich allein kein Rührei machen. Sie wollte nicht in diesem Haus hocken. Sie wollte nicht tot und von ihrer Familie getrennt sein …

Und wo sie schon einmal dabei war: Sie wollte wirklich, wirklich nicht dauernd dieses Bild des halb nackten Jim Heron vor Augen haben. Sein Anblick, wie er in den frühen Morgenstunden mit erschöpfter Miene aus dem Bad gekommen war, ein Handtuch um die Hüften geschlungen, prangte wie eine Plakatwand in ihrem Kopf. Sie sah jedes Detail seines Körpers vor sich, diese breiten Schultern, die festen Bauchmuskeln, die Höcker seiner Hüftkochen und dieser schmale Haarstreifen direkt unter seinem Nabel.

Vor allem jedoch sah sie die Kratzer auf seiner glatten Haut. An drei Stellen. Und es gab nur eines, was diese parallelen Schrammen dort hinterlassen haben konnte.

Ihr Zittern wurde sofort heftiger. Sie versuchte, etwas dagegen zu unternehmen, indem sie sämtliche Fingergelenke knacken ließ.

Also das war jetzt wirklich lächerlich. In Anbetracht ihres Lebenslaufs als geopferte, nun mausetote Jungfrau, die aus der Hölle zurückgekehrt und in einem Krieg zwischen einer Handvoll gefallener Engel und einer echten, quicklebendigen, wahrhaftigen Dämonin gelandet war, sollte man doch wirklich annehmen, dass ihr Hirn sich mit etwas anderem als irgendeinem Typen beschäftigte. Andererseits war die Realität für sie schon vor Wochen ins Wanken geraten, also sollte sie vielleicht nicht wirklich überrascht …

Blitzschnell fuhr sie herum.

Doch da war niemand. Auch diesmal nicht. Niemand ging durchs Haus oder draußen über das verwilderte Grundstück. Adrian, der andere gefallene Engel, hatte sich zum Schlafen wie immer auf den Dachboden zurückgezogen. Und Jim? Jim erholte sich im REM-Tiefschlaf von seinem nächtlichen vollbusigen Sexabenteuer.

»Verdammt …«

Sissy umklammerte die Schüssel und stützte sich auf die Arme. Trotz ihres zunehmenden Verfolgungswahns war Angst nicht der Auslöser für ihre Zitterarie.

Sondern vielmehr ihre Mordlust.

Und das war nur gaaanz leicht übertrieben. Denn die Kratzer auf dem Körper ihres halb nackten, Handtuch tragenden Erlösers stammten eindeutig von den Fingernägeln einer Frau. Und seine Lippen waren nicht etwa deshalb geschwollen gewesen, weil er im Kampf eins in die Fresse bekommen hatte, nein, er hatte jemanden geküsst. Und zwar lang und heftig. Seine schuldbewusste Miene?

Nun, die kam eindeutig daher, dass er offensichtlich stundenlang gevögelt hatte, statt seinen Job zu machen. Was sie einfach stinksauer machte. Engel, die in einem Krieg wie diesem hier für den Sieg des Guten über das Böse verantwortlich waren, sollten gefälligst am Ball bleiben und sich nicht die ganze Nacht mit irgendwelchen Nutten um die Ohren schlagen.

Oder, oh Gott, vielleicht war sie ja eine nette Frau. Die außer geilen Blowjobs auch noch leckeres Essen zu bieten hatte.

Je mehr Sissy darüber nachdachte, umso wütender wurde sie.

Hatte er eine Freundin? Nun ja, es sah schon danach aus. Aber vielleicht war es ja auch naiv von ihr, so zu denken. Hatten erwachsene Männer Freundinnen? Collegestudenten schon – aber Jim spielte in einer gaaaanz anderen Liga.

Sie warf zum dritten Mal einen Blick über die Schulter. Aber nein, Jim kam gerade nicht durch die Küchentür. Da war niemand.

Verdammt, möglicherweise war er auch schon weg, um einen Kaffee mit seiner …

»Schluss! Hör sofort auf damit!«

Ihr Wutpegel stieg um ein weiteres Dezibel an. Es kam ihr vor wie eine halbe Ewigkeit, seit sie sich das Auto ihrer Mom geliehen hatte, um zum örtlichen Supermarkt zu fahren und Eis zu kaufen … Jahrmillionen, seit sie dort angesprochen worden war und …

An diesen Teil konnte sie sich nicht mehr erinnern. Konnte einfach nicht mehr nachvollziehen, welche Ereignisse genau zu ihrem Tod geführt hatten, aber an alles, was danach gekommen war, erinnerte sie sich nur zu gut: die klebrigen Wände der Hölle, die gefolterten Verdammten, die sich um sie herum wanden, ihre eigenen Qualen, die sie uralt hatten werden lassen.

Auch Jim Heron war dort unten gelandet, zumindest für eine Weile. Und Sissy hatte gesehen, was die Dämonin ihm antat. Hatte zugesehen, wie diese schattenhaften Helfershelfer … entsetzliche Dinge mit seinem Körper anstellten.

»Scheiße.«

In Anbetracht all dessen sollte sie vermutlich etwas nachsichtiger mit ihm sein, oder? Er war schließlich auch ein Opfer, nicht wahr? Wenn der gute Mann also mitten in diesem Krieg ein bisschen Spaß haben wollte, wenn er das alles eine Weile vergessen, eine Auszeit von all dem Schrecken und dem Druck wollte … was ging sie das an?

Der Typ hatte sie aus der Hölle geholt, und damit war sie ihm etwas schuldig. Sie hatte kein Recht, sich so über ihn aufzuregen, nur weil er sich mit einer anderen vergnügt hatte.

Allerdings stand ziemlich viel auf dem Spiel – wenn er verlor, würden ihre Eltern, ihre Schwester, ihre Freunde … sie selbst und Jim und Adrian, sie alle würden dorthin zurückkehren, wo sie bis vor Kurzem gewesen war. Diese Vorstellung war einfach zu schrecklich. Sie war nur ein paar Wochen dort unten gewesen, die sich jedoch angefühlt hatten wie Jahrhunderte. Sie war um Jahrhunderte gealtert. Und das bis in alle Ewigkeit erdulden? Unvorstellbar.

Schnell versuchte sie, sich stattdessen auf eine weitere Runde Eier-Aufschlagen zu konzentrieren. Prompt brach Ei Nummer zwei an der falschen Stelle auseinander, wodurch die eine Schalenhälfte in der Schüssel landete. Wieder musste Sissy ans Waschbecken gehen und sich die Hände waschen.

Dann stand sie eine Weile dort und starrte aus dem Fenster. Der Garten hinterm Haus war einfach nur hässlich. Sozusagen die Landschaftsausgabe eines Mannes, der sich eine Woche lang nicht rasiert hatte und über keinen sonderlich guten Bartwuchs verfügte. Obwohl der Frühling langsam in Caldwell Einzug hielt, sich an den Zweigen erste Knospen bildeten und die großen, vom Pflug aufgetürmten Schneeberge geschmolzen waren, würde hier hinten auch ein Mantel aus grünen Blättern nicht viel ausrichten können.

In ihrem früheren Leben hätte sie sich auf den Sommer gefreut – obwohl Sommer nichts weiter bedeutete, als sich zwei Monate lang mit ein paar anderen eine Wohnung in Lake George Village zu teilen und im Martha’s Eis zu verkaufen. Aber, hallo, Sommer war einfach klasse. Man konnte Shorts tragen, mit Freunden aus Highschool-Zeiten abhängen, und vielleicht, nur vielleicht … jemanden kennenlernen.

Stattdessen war sie hier. Eine Unsterbliche ohne Leben …

»Machst du Rührei?«

Sissy wirbelte so schnell herum, dass ihre Hüfte gegen die Arbeitsfläche knallte, und ihr einziger Gedanke war: Wo ist das nächstbeste Messer?

Doch sie würde keine Waffe brauchen.

In der Tür zum Flur stand Adrian, Jims Kompagnon, und sobald sie ihn erblickte, beruhigte sie sich. Der Kerl, der gefallene Engel, was auch immer, war fast zwei Meter groß, und abgesehen von seinem schlimmen Bein bestand er aus ziemlich viel Muskelmasse. Er sah auch gar nicht schlecht aus, so ein Militärtyp mit kräftigem Kinn und stechenden Augen, auch wenn die Piercings ihm einen eher antiautoritären Touch verliehen.

Ebenso wie die Tatsache, dass er auf einem Auge blind war und sich die Pupille durch irgendeine Verletzung milchig weiß verfärbt hatte.

Er runzelte die Stirn. »Alles klar bei dir?«

Von wegen. Sie war stinkwütend und hatte eine Scheißangst – beides ohne triftigen Grund. »Logo. Ich wollte gerade Frühstück machen.«

Als hätte er das nicht selbst gemerkt.

Adrian humpelte zum Tisch in der Mitte der Küche und ließ sich so anmutig wie ein Sack Kartoffeln auf den Stuhl fallen.

»Was ist los?«, wollte er wissen.

Kein Wunder. Ihrer bisherigen Erfahrung nach war das ziemlich typisch für ihn: immer gerade heraus, kein dummes Drum-herum-Geschwätze.

»Willst du vier Eier?« Sie wandte sich von ihm ab. »Oder drei?«

»Sprich mit mir.« Es war ein weiteres Stöhnen zu hören, und sie stellte sich vor, wie er seine schweren Arme auf die Tischplatte stützte. Oder versuchte, die Beine überzuschlagen. »Komm schon, raus mit der Sprache. Außer uns ist niemand wach.«

»Ich schätze mal, Jim hatte eine harte Nacht.«

»Hat er dir von der Niederlage erzählt?«

»Ja.« Super gemacht, Jim. Ganz toll. Hoffentlich waren’s die Orgasmen wert. »Also, wie viele Eier willst du?«

»Sieben.«

Sie warf einen Blick auf die Reste im Eierkarton. »Ich kann dir vier anbieten. Zwei hab ich kaputt gemacht, und zwei will ich selbst.«

»Einverstanden.«

Jim konnte sehen, wo er blieb. Oder seine Freundin bitten, ihm Frühstück zu machen …

»Freundin?«, hakte Adrian nach.

»Das hab ich nicht gesagt.«

»Doch, hast du.«

Sie warf die Hände in die Luft und fuhr herum, damit sie ihn ansehen konnte. »Hör zu, kein Wunder, dass Jim verliert. Er ist viel zu sehr mit irgendeiner Frau beschäftigt, um richtig aufzupassen.«

Adrian sah sie überrascht an: »Darf ich fragen, wie du jetzt plötzlich darauf kommst?«

»Sagen wir mal, ich habe ihn morgens um vier dabei erwischt, wie er sich ins Haus geschlichen hat.«

Adrian fluchte leise, mehr aber auch nicht.

Sissy schüttelte den Kopf. »Dann weißt du also von dieser Freundin oder dieser Fick-Bekanntschaft oder was auch immer sie ist. Du weißt, was er letzte Nacht gemacht hat.«

»Hör zu, das ist ein bisschen kompliziert.«

»Kompliziert ist ein Facebook-Status. Keine Entschuldigung dafür, seinen Job zu vergeigen. Vor allem in Anbetracht der biblischen Ausmaße, um die es hier geht.«

Mit diesen Worten machte sie sich ans Werk und arbeitete sich ohne weitere Zwischenfälle durch den restlichen Eierkarton. Sie gab einen Schuss Milch hinzu, schwang den Schneebesen wie eine Wilde, während sie die Pfanne vorheizte und die Butter darin zergehen ließ.

»Meine Mom hat immer zu mir gesagt, ich soll warten«, murmelte sie.

»Auf was?«

Okay, entweder musste ihr Mund aufhören, ständig irgendwelches Zeug zu plappern, oder sein Gehör nachlassen. Sie wollte ja wohl nicht allen Ernstes mit diesem Kerl über Sex reden, oder?

Andererseits, es wäre sowieso ein ziemlich kurzes Gespräch, zumindest von ihrer Seite aus.

Sissy warf einen Blick auf Ads gut gebauten, muskulösen Körper und beschloss, dass dieses Thema bei ihm eher nicht mit einem Quickie erledigt wäre. »Bis die Butter genau richtig ist. Bevor man die Eier reintut.«

Paradoxerweise war ausgerechnet ihre Jungfräulichkeit der Grund gewesen, weshalb die Dämonin sie geholt hatte, der ausschlaggebende Faktor, der die Ereignisse ins Rollen gebracht hatte und wegen dem sie nun hier gelandet war: nur wenige Meilen von ihrer Familie entfernt, aber durch so eine tiefe Kluft von ihnen getrennt, dass sie sich genauso gut auf einem anderen Planeten befinden könnte.

»Irgendetwas riecht hier angekohlt.«

»Mist!« Sissy stürzte sich auf die rauchende Pfanne und verbrannte sich prompt die Finger, weil sie keinen Topflappen benutzt hatte. »Verdammt noch mal!«

Wie aus dem Nichts war da diese mörderische Wut und der Wunsch, etwas kurz und klein zu schlagen: den Herd. Die Küche. Das ganze Haus. Blind vor Zorn hätte sie am liebsten rings ums Gebäude Benzin verteilt und alles in Brand gesteckt. Sie wollte so dicht an der Feuersbrunst stehen, dass ihre Haut spannte und sich ihre Wimpern kräuselten.

Und vielleicht, aber nur vielleicht, wollte sie, dass Jim sich nur knapp in Sicherheit bringen konnte.

Große Pranken landeten auf ihren Schultern. »Sissy.«

Sie war so was von nicht in Stimmung für elterliche Ratschläge jeglicher Art. »Ich brauche keine …«

»Jim ist nicht dein Problem. Hörst du?«

Mit einer abrupten Drehung und einem Schubs befreite sie sich. »Ist es dir egal, dass er so abgelenkt ist?«

Adrian blickte auf sie herab, und sein rechtes Auge wirkte noch trüber als sonst. »Oh nein, ist es nicht. Glaub mir.«

»Warum unternimmst du dann nichts dagegen! Rede mit ihm oder so. Ihr steht euch doch nahe, oder nicht? Sag ihm, er soll aufhören mit … mit was auch immer er da macht. Vielleicht würde er endlich gewinnen, wenn er sich mal richtig konzentriert.« Als keine Reaktion kam, fluchte sie. »Ist dir denn egal, was passiert? Dein bester Freund liegt da oben tot auf dem Dachboden, weil …«

Adrians Gesicht war plötzlich direkt vor dem ihren. »Sei still.«

Sein Tonfall brachte sie zum Verstummen.

»Du und ich«, knurrte er, »wir verstehen uns ganz gut. Wir kommen miteinander aus. Aber das heißt nicht, dass du über Dinge reden darfst, von denen du nichts verstehst. Du hast also Probleme mit Jim? Davon krieg ich mehr mit, als du denkst. Du findest es nicht gerade toll, dass irgend so ein Weibchen ihm den Kopf verdreht? Willkommen im verdammten Club. Du machst dir Sorgen, was wohl als Nächstes passiert? Da darfst du dich in einer sehr, sehr langen Schlange hinten anstellen. Aber pass auf, was du über Eddie sagst, denn das war vor deiner Zeit und geht dich einen Scheißdreck an.«

Aus irgendeinem Grund machte sie die Tatsache, dass er ihr teilweise zustimmte, nur noch grantiger. »Ich muss hier raus. Ich brauch einfach … Ich muss an die frische Luft. Mach dir deine Eier selbst. Meinen Anteil kannst du auch haben.«

Damals, in ihrem echten Leben, war Sissy keine von denen gewesen, die mit dem Fuß aufstampfen und Türen knallen. Sie war ein braves Mädchen gewesen. Hatte beste Freundinnen statt den ersten Freund gehabt, hatte immer für andere die Fahrerin gespielt und niemals wegen irgendetwas Theater gemacht.

Doch der Tod hatte sie von alledem kuriert.

Sie marschierte den Flur hinunter, riss die Haustür auf, als wolle sie sie aus den Angeln heben, und polterte nach draußen. Erst als sie die Tür mit einem Fußtritt hinter sich zuknallte, fiel ihr auf, dass es ja keinen Ort gab, an den sie gehen konnte. Dieses Problem löste sich jedoch in Luft auf, als sie aus dem Augenwinkel ein metallisches Funkeln wahrnahm.

Die Harleys waren in der uralten Garage geparkt, und sie entschied sich für die Maschine, die sie schon einmal gefahren hatte. Der Schlüssel steckte im Zündschloss – was total bescheuert wäre, würde es sich hier nicht um ein ziemlich gutes Viertel handeln. Außerdem konnte man über Jim und Adrian sagen, was man wollte, aber sie gehörten zu der Sorte Männer, die auch ein gestohlenes Bike wiederbeschaffen konnte.

Und zwar nicht, indem sie die Polizei riefen.

Sissy schwang ein Bein über den Sattel, startete den Motor und verlagerte das Gewicht, damit sie den Seitenständer hochklappen konnte. Eine Sekunde später drückte sie aufs Gas und machte sich vom Acker. Sie bretterte die Auffahrt hinunter, an der alten Villa vorbei, bis sie mit quietschenden Reifen auf die Straße einbog und davonbrauste.

Ohne Helm heulte der Wind in ihren Ohren und vermischte sich mit dem Röhren des Motors. Ihr Sweatshirt bot wenig Schutz gegen die kühle Morgenluft und würde noch weniger nützen, falls sie stürzte und über den Asphalt schlitterte.

Aber sie war ja schon tot.

Also musste sie sich keine Gedanken über Lungenentzündung oder Hautabschürfungen machen.

Außerdem, wen würde das schon groß interessieren?

Jim Heron erwachte, als hätte man ihn aus einer Kanone abgefeuert. Die Hände um seine Waffe geschlossen, fuhr er ruckartig in die Höhe, bereit, den Auslöser zu drücken.

Keine Zielobjekte. Nur die verblasste Blumentapete, das Bett, in dem er lag, und zwei Haufen Wäsche auf dem Boden in der Ecke, einer sauber, einer schmutzig.

Für den Bruchteil einer Sekunde kam ihm jegliches Gefühl für die Zeit abhanden. Sie schien auf einmal nicht mehr linear zu verlaufen, sondern bildete ein beschissenes Durcheinander, bei dem sich die Vergangenheit um die Gegenwart wickelte. War er auf der Suche nach einem abtrünnigen Agenten? Einem Soldaten, der sich zur falschen Zeit am falschen Ort befand? Ein Auftragsmörder, der ihm auf der Spur war?

Oder war dies ein Morgen aus dem zweiten Kapitel seines Lebens? Waren die Helfershelfer der Dämonin hinter ihm her? Vielleicht sogar Devina höchstpersönlich?

Oder trug die miese Schlampe eine andere Maske, mit der sie aussah wie …

Das Dröhnen des Harleymotors draußen vor seinem Fenster riss ihn aus seinen Gedanken. Rasch sprang er aus dem Bett und schob die dünnen Vorhänge beiseite.

Dort unten hockte Sissy Barten auf Eddies Maschine, pumpte Sprit in den Motor und ließ die Harley aufheulen. Dann löste sie geschickt den Ständer und brauste davon, wobei ihre blonden Haare in der Frühlingssonne flatterten.

Sein erster Impuls war, ihr zu folgen. Entweder auf einer der anderen Harleys oder indem er zum Geist wurde und mit dem Wind reiste. Er gab dem Impuls nach, stieg hastig in die Jeans und zog ein T-Shirt von Hanes über den Kopf. Als er gerade mit bestrumpften Füßen in die Armeestiefel steigen wollte, hielt er inne.

Und stellte sich seine Feindin vor.

Devina war eine eins siebzig große, brünette Sexgöttin – zumindest wenn sie sich in ihr bevorzugtes, attraktives Fleischgewand kleidete. Ohne die Hülle ging sie höchstens nach Walking Dead-Standards als Pin-up durch. In beiden Outfits besaß sie jedoch einen Blick so präzise wie ein Laser, das Lächeln einer Kobra und den Geschlechtstrieb eines Erstsemesters auf Ecstasy.

Während der letzten Runde dieses Krieges hatte er so viel Zeit damit verbracht, sich Sorgen um Sissy zu machen, dass er die falsche Entscheidung bezüglich der Seele getroffen hatte, um die es dieses Mal gegangen war. Und einen wichtigen Sieg verspielt hatte.

Das konnte er sich kein zweites Mal leisten.

Der Schöpfer hatte diesen Kampf mit ganz klaren Rahmenbedingungen ausgerichtet: sieben Seelen, sieben Chancen für Jim, einen Menschen am Scheideweg zu beeinflussen. Wenn diese Person den rechten Pfad wählte, gewannen die Engel. Wenn nicht, ging der Punkt an Devina. Der Gewinner erhielt alle Seelen der Lebenden und der Toten sowie die Herrschaft über Himmel und Hölle. Für den Verlierer war das Spiel aus.

Ziemlich eindeutig, oder? Von wegen. In Wirklichkeit wurde der Krieg ganz und gar nicht nach sauberen Regeln geführt, und die größte Abweichung, die ihn an seiner empfindlichsten Stelle getroffen hatte, war, dass Devina eigentlich gar nicht mit auf dem Spielfeld sein dürfte. Eigentlich war es nur ihm erlaubt, Einfluss auf die Seelen zu nehmen, aber wenn der Feind durch und durch eine Lügnerin war, dann war alles möglich. Während des gesamten bisherigen Spiels hatte sich die Dämonin geweigert, sich an die Vorschriften zu halten – was nicht verwunderlich war für jemanden, der keinerlei Moralgefühl besaß, in dessen Wortschatz der Begriff »Fair Play« nicht vorkam und der durch und durch böse war.

Scheiße … Sissy.

Jim rieb sich das Gesicht. Er fühlte sich wie ein Seil, das in beide Richtungen gezerrt wurde.

Als ehemaliger Soldat in geheimer Mission für die amerikanische Regierung war er kaum der fürsorgliche Typ. Und doch, von dem Augenblick an, als er dieses Mädchen mit dem Kopf nach unten über der Badewanne der Dämonin hatte hängen sehen, ihres Lebens beraubt, damit sie als Schutzschild für Devinas kostbaren Spiegel dienen konnte, war sein Beschützerinstinkt geweckt gewesen.

In Wahrheit war sie der Grund, dass er kurz davorstand, diesen ganzen verdammten Krieg zu verlieren. Er hatte einen seiner Siege eingetauscht, um sie aus der Hölle zu erlösen. Und dann war er so damit beschäftigt gewesen, dass Sissy bei alledem nicht den Verstand verlor, dass er die letzte Runde in den Sand gesetzt hatte.

Wenn es Sissy Barten nicht gäbe, läge er jetzt zwei Seelen vorn und wäre kurz davor, alles zu einem guten Ende zu bringen.

Stattdessen brauchte er bloß noch einmal Scheiße zu bauen, und Devina wäre die Oberschlampenchefin. Was dann folgte, würde das Jüngste Gericht aussehen lassen wie eine lustige Werbung für Luxusimmobilien.

Er dachte an seine tote Mutter, oben in der Herberge der Seelen, die ihre Ewigkeit zusammen mit den anderen Gerechten so verbrachte, wie sie es verdiente. Aber wenn er das hier versaute? Simsalabim! Sorry, Mom, du musst leider deine Koffer packen, weil du nach Süden übersiedelst. Gaaaanz weit in den Süden.

Und alles bloß, weil mir lange blonde Haare und blaue Augen den Kopf verdreht haben, dachte Jim.

Trotzdem würde er Sissy immer noch am liebsten hinterherdüsen. Einfach nur, um sicherzugehen …

Plötzlich tauchte das Bild vor seinen Augen auf, wie sie sich halb nackt in seinem Bett aufgesetzt und ihn mit großen Augen angesehen hatte.

Ihre Stimme war leise, aber eindringlich gewesen. Küss mich einfach, und dann gehe ich. Es ist das Einzige, worum ich dich je bitten werde …

Er hatte eine Weile gegen den Verführungsversuch angekämpft und sich dann selbst belogen, indem sein Hirn darauf beharrte, dass es ja bloß um einen harmlosen Kuss ging, während sein Ständer eine ganz andere Geschichte erzählte. Ganz deutlich sah er vor sich, wie er sich zu ihr hinüberbeugte, wie sich ihre Lippen leicht öffneten …

Dann war alles mit quietschenden Reifen zum Stillstand gekommen, weil Sissy seinen Namen gerufen hatte – und zwar draußen auf dem Flur. Sofort war Devina aus der Lüge aufgetaucht, auf die er hereingefallen war. An die Stelle der Illusion trat die Dämonin, mit funkelnden schwarzen Augen und einem boshaften Lächeln.

Eine Sekunde später war die miese Schlampe verschwunden: Na ja, du kannst es einem Mädchen nicht verdenken, wenn sie’s wenigstens versucht.

Wenn das kein Scheideweg war. Und jetzt stand er wieder an einem solchen. Entweder er nahm abermals Sissys Verfolgung auf … oder er machte weiter im Programm und erledigte seinen Job.

Jim schnürte seine Stiefel und ging zur Tür. Unentschlossenheit war nie ein Problem für ihn gewesen – genauso wenig, wie Plastiksprengstoff erst kurz überlegen musste, bevor er explodierte. Und doch, als er nun die Küche betrat, wo sein verbliebener Kompagnon gerade dabei war, Eier fürs Frühstück zuzubereiten, hatte er keinen blassen Schimmer, was er tun sollte.

Adrian hob die Hand, um jegliche Fragen im Keim zu ersticken. »Nein, ich weiß nicht, wo sie hin ist.«

»Schon gut.«

Adrians Augen wurden schmal. »Lass mich raten – du düst ihr hinterher.«

Es zog Jim dermaßen zu dieser verdammten Haustür hin, dass er dem Sog kaum widerstehen konnte. Die Vorstellung, dass Sissy alleine da draußen herumfuhr, verletzt und verwirrt, reichte aus, um sein Herz schlagen zu lassen wie eine Trommel.

Er ballte die Hände zu Fäusten und ging zum Tisch. Pflanzte seinen Hintern auf einen Stuhl. »Wir müssen reden.«

Adrian verdrehte die Augen. »Macht’s dir was aus, wenn ich zuerst frühstücke? Ich hasse schlechte Nachrichten auf leeren Magen.«

Drei

Flammende Wut war der Treibstoff in Sissys Adern, als sie durch die Vororte von Caldwell bretterte. Sie riss die Harley links, dann wieder rechts herum, ignorierte rote Ampeln und schoss über Kreuzungen, an einem Krankenhaus vorbei, einigen Ladenzeilen, einer Schule …

Nichts davon nahm sie wirklich wahr. Weder den SUV, dem sie die Vorfahrt nahm, noch den Lieferwagen, mit dem sie beinahe kollidiert wäre. Auch nicht die Fußgänger, die erschrocken zur Seite hüpften, oder die streunende schwarze Katze, die vor ihr über die Fahrbahn rannte.

Alles, woran sie denken konnte, war das Feuer … das, welches sie neulich im Salon der Villa entfacht hatte. Rot, orange und gelb waren die Flammen aus dem Kamin gezüngelt, genährt von den staubigen Laken, die Sissy von den Möbeln gerissen und in den von ihr entfachten Brennofen geschoben hatte. Hitze auf ihrem Gesicht, Hitze, die ihre Augenbrauen und Wimpern versengte, ihre Poren brennen ließ, Echos des flackernden Lichts tanzten vor ihren Augen. Sie verspürte Hunger nach mehr, mehr, mehr …

Jim hatte sie damals aufgehalten, bevor alles völlig außer Kontrolle geriet.

Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Struktur wahr, und zwar eine, die zur echten Welt gehörte, nicht zu den Bildern in ihrem Kopf.

Es handelte sich um einen Zaun. Einen zehn Meter hohen, glänzenden schmiedeeisernen Zaun.

Und dahinter lagen Gräber. Der Pine-Grove-Friedhof.

Wie war sie in diesem Teil der Stadt gelandet? Andererseits: Wenn man kein Ziel hatte, konnte eine Maschine mit vollem Tank einen überall hinbringen. Das bedeutete aber nicht, dass man auch halten und hineingehen musste.

Sie wollte wirklich vorbeifahren, aber die Harley gehorchte ihrem Willen nicht. Das Tor stand offen, denn es war bereits nach acht, und als sie hindurchschoss, fing ihr Magen an zu rotieren.

Die Szenerie aus grauen Steinblöcken und Grabsteinen, die aussahen wie Bänke, die weißen Engelstatuen und Kreuze aus Marmor … all das erinnerte sie an Jims Rückentattoo, das vom Sensenmann.

Was sie natürlich automatisch auch wieder an die Fingernägelspuren auf seiner Brust denken ließ.

Sie fluchte erneut, während sie einer geschwungenen Kurve folgte, einen kleinen Hügel hinauf … und schließlich an ihrem eigenen Grab landete. Als sie abrupt abbremste, war sie überrascht, auf Anhieb den richtigen Ort gefunden zu haben. Der Friedhof war ein einziges gleichförmiges Labyrinth, und sie war erst einmal hier gewesen.

Als ihre sterblichen Überreste im Erdboden versenkt worden waren.

Schon lustig: Sie hatte immer Angst davor gehabt, lebendig begraben zu werden. Diese Geschichten aus Edgar Allen Poes Zeiten, in denen die Menschen innen an ihren Sargdeckeln kratzten, hatten sie zu Tode erschreckt. Und jetzt? Jetzt hatte sich herausgestellt, dass sie sich die Sorgen deswegen hätte sparen können. Sie hätte sich selbst einen größeren Gefallen getan, wenn sie auf die Fahrt zu Hannaford’s zum Eiskaufen verzichtet hätte.

Sissy stellte den Motor ab, stieg von der Harley und überquerte den asphaltierten Weg. Das struppige Frühlingsgras hatte einen frischen grünen Farbton, zwischen den Halmen schoben sich die Krokusse und Tulpen der Sonne entgegen. Die blassen Sprösslinge suchten und fanden Wärme, und bald würden die Blüten erscheinen, um die Welt zu sehen.

Sissy vermied es, auf die Keime zu treten, als sie zum grauen Grabstein hinüberging, der ihren Namen und ihre Daten trug.

Die Friedhofspfleger hatten beim Ausbreiten des neuen Rollrasens über die lose Erde ziemlich schlampig gearbeitet. Die Streifen waren leicht schief, und einer war zu kurz abgeschnitten worden.

Sissy musste wieder an ihren Trauergottesdienst in der St. Patrick’s Cathedral denken. An ihre weinende Mutter. Ihre Schwester. Ihren Vater. Sie sah ihre eigenen Gemälde im Vorraum … und diesen Hausmeister, der so nett zu ihr gewesen war … all die Menschen, jung und alt, die gekommen waren, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.

Auf einmal bekam sie kaum noch Luft.

Keiner von denen verdiente das Schicksal, das sie selbst ereilt hatte.

Und je länger sie vor ihrem eigenen Grab stand, umso überzeugter war sie, dass Tugendhaftigkeit extrem überschätzt wurde. Wäre sie keine Jungfrau mehr gewesen, wäre nichts von alldem passiert. Stattdessen würde sie sich jetzt auf die Semesterabschlussprüfungen vorbereiten und mit ihrer Lieblingsdozentin, Ms. Douglass, im Atelier stehen. Wahrscheinlich hätte sie damals, im letzten Highschool-Jahr, einfach mit Bobby Carne schlafen sollen. Obwohl er Krakenarme hatte und eine Zunge wie ein triefender Schwamm …

Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich wieder Jim vor ihrem inneren Auge auf, diesmal das Bild, als sie am Morgen zuvor an seine Tür geklopft hatte und er ziemlich derangiert geöffnet hatte. Seine Haare waren verstrubbelt gewesen, und er hatte nichts außer der weiten Jogginghose getragen, die an seinen geschwungenen Hüftknochen hing. Er hatte sie auf eine Art und Weise angesehen … wie er es noch nie getan hatte.

Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie schwören, dass ein Mann eine Frau nur dann so ansah, wenn er …

»Okay, Schluss damit!«, befahl sie sich laut.

Mein Gott, sie konnte echt nicht fassen, dass er sich mitten in diesem Schlamassel eine Freundin anlachte. Und auch nicht, warum sie das überhaupt interessierte.

Worauf sie sich jetzt konzentrieren musste war, die anderen, die wie sie nicht dorthin gehörten, aus der Hölle unten zu befreien. Die armen Tölpel, die wegen ihrer Tugend geopfert und eingekerkert worden waren.

An diesem schönen Frühlingsmorgen bestand ihre Aufgabe darin, ihre irrsinnige Wut zu überwinden, zur Villa zurückzufahren und sich dieses uralte Buch vorzuknöpfen, das Adrian ihr geliehen hatte. Sie musste einen Weg finden, ein Schlupfloch, um das Unrecht, das auch anderen unschuldigen Seelen zugefügt worden war, wiedergutzumachen …

Schwer zu sagen, wie lange sie dort stand, bevor sie merkte, dass sie nicht allein war: Genau wie zuvor die eiserne Umzäunung langsam in ihr Bewusstsein vorgedrungen war, nahm sie nun die Anwesenheit einer Person in den Schatten unter den Zedern zu ihrer Linken wahr.

Eine Frau. Mit langen dunklen Haaren und eng anliegender schwarzer Kleidung. Sie schien Sissy direkt anzusehen, als wolle sie bemerkt werden.

Und sie wirkte hier extrem fehl am Platz. Sah aus wie ein Model auf einem Fashion-Shooting. Und als sie quer über den Rasen auf Sissy zukam, gelang es ihr sogar, nicht mit den hohen Absätzen in der weichen Erde zu versinken und hängen zu bleiben. Um genau zu sein, machte sie den Eindruck, als würde sie schweben.

Sissys Instinkt schlug Alarm, und ihr Gehirn zog grauenvolle Schlüsse: Das hier war gar keine Fremde. Diese Frau, oder was auch immer sie war, passte in Wirklichkeit ganz ausgezeichnet auf einen Friedhof.

Lauf weg!, schrie ihre innere Stimme. Schnell – bloß weg von hier!

Aber nein. Sissy drehte sich nicht auf dem Absatz um. Sie gab keinen Zentimeter nach. Sie blieb an Ort und Stelle stehen, genau neben dem steinernen Symbol dessen, weshalb sie kämpfen musste.

»Dann weißt du also, wer ich bin«, sagte die Dämonin, sobald sie in Hörweite war.

»Sie sehen anders aus. Aber ja.«

Die Dämonin blieb auf der anderen Seite des Grabes stehen, ihre schwarzen Augen blitzten. »Du hast dich kein bisschen verändert.« Ihr Tonfall legte nahe, dass es sich nicht um ein Kompliment handelte. Andererseits bekam man den Job als Quelle des Bösen auf der Welt nicht unbedingt deshalb, weil man so nett und höflich war.

»Und?« Sissy reckte das Kinn in die Höhe. »Haben Sie mir irgendetwas zu sagen?«

»Stich nicht in ein Wespennest, kleines Mädchen.«

»Was wollen Sie denn tun? Mich umbringen? Alles schon erlebt.«

Die Dämonin beugte sich vor, bis ihr Schatten auf die Oberseite des Grabsteins fiel. »Als wäre Töten das Einzige, was ich dir antun könnte.«

Sissy zuckte mit den Schultern. »Drohungen machen mir keine Angst. Sie machen mir keine Angst.«

Und das stimmte tatsächlich, obwohl sie mit dem personifizierten Bösen allein auf dem Friedhof stand: Die Wut in ihrem Innern gab ihr Kraft.

Die Dämonin verlagerte ihr Gewicht wieder nach hinten auf ihre Absätze und verschränkte die Arme. Dann lächelte sie – was irgendwie noch gefährlicher wirkte. »Willst du wissen, wie ich die letzte Nacht verbracht habe?«

»Nein.«

»Kann ich dir nicht verübeln.« Die Dämonin spreizte die Finger, wobei ihre langen, rot lackierten Nägel in der Sonne funkelten. »Ich denke, es würde dich unglücklich machen.«

Das Bild von Jims zerkratzter Brust drängte sich in den Vordergrund von Sissys Bewusstsein, als wäre es dort absichtlich platziert worden.

Oh … Gott. Nein!

»Jim ist ein fantastischer Liebhaber.« Die Dämonin massierte und streckte ihren Nacken, als wären die Muskeln dort verspannt. »Sehr aggressiv. Ich glaube, ehrlich gesagt, dass er eher nichts für dich wäre. Nicht dass du einen Vergleich hättest. Man braucht nur einfach eine gewisse … Ausdauer … um mit einem Mann wie ihm mithalten zu können.«

Sissy spürte, wie das Blut aus ihrem Kopf sackte, die Welt ins Kippen geriet und sich der Himmel um sie herum drehte. »Ich glaube Ihnen nicht.«

»Nein? Dann frag ihn doch. Und vergiss dabei nicht, dass er mich liebt.«

»Bullshit. Er kämpft gegen Sie.«

»Willst du wissen, wie er zu seinem Job gekommen ist? Ich habe ihn ausgesucht. Ich und dieser schwachköpfige Erzengel Nigel haben die Köpfe zusammengesteckt und die Wahl gemeinsam getroffen. Ich hielt Jim deshalb für passend, weil er eine Menge von mir hat. Er trägt das Böse in sich, Sissy, unter der Oberfläche. Und es wird die Oberhand über die Seite von ihm gewinnen, von der du träumst. Am Ende dieser ganzen Geschichte, wie auch immer sie ausgeht, wird er mit mir zusammen sein.«

Blitzartig flammte Sissys Wut noch einmal heiß auf und ergriff von ihrem Körper, ihrem Herzen und ihrer Seele Besitz. Beim Anblick dieses fiesen Lächelns würde sie am liebsten zu roher Gewalt greifen.

Die Stimme der Dämonin wurde immer tiefer, so tief, dass sie schließlich ganz verzerrt klang. »Genau so ist es, Sissy. Du hast völlig recht, mit allem, was du denkst, mit dem Hass, den du fühlst. Lass ihn zu. Bleib dabei … Jim hat die ganze Nacht meinen Namen gerufen. Devina, Deeevina … und das kotzt dich an. Ich gebe ihm etwas, was du nicht kannst, und das zerfrisst dich bei lebendigem Leib. Spür die Wut, kleines Mädchen … sei kein Feigling, wie du’s im Leben warst. Sei stark« – die Dämonin beugte sich zu ihr vor – »im Tod.«

In diesem Moment setzte Sissys Gehör aus, doch obwohl ihre Ohren nicht mehr funktionierten, war sie irgendwie trotzdem in der Lage zu vernehmen, was die Dämonin sagte, während Bilder eines Blutbads in ihrem Kopf aufflackerten.

Zum dritten Mal drang etwas in ihr Bewusstsein. Ein rhythmisches Geräusch, das sich wiederholte und dabei lauter wurde.

Die Dämonin fuhr herum. »Ach, verdammt noch mal.«

Sissy drehte den Kopf und traute ihren Augen kaum. Es war Jims Hund, dieser zottelige, hinkende Köter. In einem Affenzahn raste er über den Rasen auf sie zu, die Ohren gespitzt, die kurze Schnauze bellend erhoben, als würde er einen Vortrag halten.

Die Dämonin wich einen Schritt zurück. »Hör mir zu, Mädchen. Jim ist nichts für dich.« Da war dieses Lächeln wieder. »Ich kann deine Wut bis hierher spüren, und das ist wunderbar. Auf jeden Fall besser als ein Mann, den du nicht haben kannst. Atme tief durch und akzeptiere diese Wut … vertrau dich ihr an. Sei stark. Lass dich von ihr tragen … sei stark und wehr dich.«

Dann war die Dämonin plötzlich verschwunden, ganz ohne Rauchwölkchen dort, wo sie eben noch gestanden hatte, kein Funken, der erlosch, oder Ähnliches – es blieb von ihr nur Luft übrig, als wäre sie nie da gewesen.

Doch das stimmte nicht, oder? In den hintersten Winkeln von Sissys Gehirn klang das Echo ihrer Worte nach, und die Stimme der Dämonin war wie ein Samenkorn, das in fruchtbare Erde gepflanzt worden war. Lass dich von ihr tragen … sei stark.

Wo war der Hund, fragte sich Sissy und sah sich um.

Aber sie war ganz allein. Sie und ihr Grab. Und diese Wut.

Jim Heron hatte den Feind in sein Bett gelassen. Und zwar nicht so wie in diesem alten Julia-Roberts-Film.

Dieser Dreckskerl.

»Moment mal. Was, zum Teufel, hast du gerade gesagt?«

ENDE DER LESEPROBE