Mondspur - J. R. Ward - E-Book
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Mondspur E-Book

J. R. Ward

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Beschreibung

Düster, erotisch, unwiderstehlich!

Einst hat Phury seinen Zwillingsbruder Zsadist aus grausamer Gefangenschaft befreit. Doch obwohl seitdem mehr als ein Jahrhundert vergangen ist, heilen Zs Wunden nicht. Gezeichnet an Körper und Seele ist er wohl der düsterste und unheimlichste Krieger der Bruderschaft der BLACK DAGGER. Erst als er die schöne Aristokratin Bella trifft, die sich zu ihm hingezogen fühlt, erwacht in Zsadist plötzlich wieder ein Gefühl, das er längst für begraben hielt: Hoffnung. Doch auch sein Zwilling Phury, der in einem selbstauferlegten Zölibat lebt, zeigt Interesse an Bella. Als die junge Vampirin von der Gesellschaft der Lesser entführt wird, müssen die beiden Brüder ihre Schwierigkeiten überwinden und gemeinsam alles daransetzen, die Frau zu retten, die sie lieben …

Mystery der neuen Generation – mit ihrer BLACK-DAGGER-Serie hat J. R.Ward auf Anhieb Kultstatus erlangt.

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Seitenzahl: 377

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Das Buch

Einst hat Phury seinen Zwillingsbruder Zsadist aus grausamer Gefangenschaft befreit. Doch obwohl seitdem mehr als ein Jahrhundert vergangen ist, heilen Zs Wunden nicht. Gezeichnet an Körper und Seele ist er wohl der düsterste und unheimlichste Krieger der Bruderschaft der BLACK DAGGER. Erst als er die schöne Aristokratin Bella trifft, die sich zu ihm hingezogen fühlt, erwacht in Zsadist plötzlich wieder ein Gefühl, das er längst für begraben hielt: Hoffnung. Doch auch sein Zwilling Phury, der in einem selbstauferlegten Zölibat lebt, zeigt Interesse an Bella. Als die junge Vampirin von der Gesellschaft der Lesser entführt wird, müssen die beiden Brüder ihre Schwierigkeiten überwinden und gemeinsam alles daransetzen, die Frau zu retten, die sie lieben …

Die BLACK DAGGER-Serie:

Erster Roman: Nachtjagd Zweiter Roman: Blutopfer Dritter Roman: Ewige Liebe Vierter Roman: Bruderkrieg Fünfter Roman: Mondspur Sechster Roman: Dunkles Erwachen Siebter Roman: Menschenkind

Die Autorin

J. R. Ward begann bereits während ihres Studiums mit dem Schreiben. Nach ihrem Hochschulabschluss veröffentlichte sie die BLACK DAGGER-Serie, die in kürzester Zeit die amerikanischen Bestseller-Listen eroberte. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrem Golden Retriever in Kentucky und gilt seit dem überragenden Erfolg der Serie als neuer Star der romantischen Mystery.

Besuchen Sie J. R. Ward unter: www.jrward.com

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDie AutorinWidmungDANKSAGUNGGLOSSAR DER BEGRIFFE UND EIGENNAMENKapitel 1Kapitel 2Copyright

Gewidmet: Dir Niemand kann dir je gleichen. Für mich … bist du der Einzige. Mir fehlen die Worte dafür …

DANKSAGUNG

Mit unendlicher Dankbarkeit den Lesern der Black Dagger und ein Hoch auf meine Cellies! Ich danke euch so sehr: Karen Solem, Kara Cesare, Claire Zion, Kara Welsh, Rose Hilliard.

Dank auch an die besten Zahnarztteams der Welt:

Dr. Robert N. Mann und Ann Blair

Dr. Scott A. Norton und Kelly Eichler

und ihre unvergleichlichen Mitarbeiter.

Und wie immer heißen Dank an meinen Exekutivausschuss: Sue Grafton, Dr. Jessica Andersen, Betsey Vaughan.

In Liebe zu meiner Familie.

GLOSSAR DER BEGRIFFE UND EIGENNAMEN

Bannung – Status, der einer Vampirin der Aristokratie auf Gesuch ihrer Familie durch den König auferlegt werden kann. Unterstellt die Vampirin der alleinigen Aufsicht ihres Hüters, üblicherweise der älteste Mann des Haushalts. Ihr Hüter besitzt damit das gesetzlich verbriefte Recht, sämtliche Aspekte ihres Lebens zu bestimmen und nach eigenem Gutdünken jeglichen Umgang zwischen ihr und der Außenwelt zu regulieren.

Die Bruderschaft der Black Dagger – Die Brüder des Schwarzen Dolches. Speziell ausgebildete Vampirkrieger, die ihre Spezies vor der Gesellschaft der Lesser beschützen. Infolge selektiver Züchtung innerhalb der Rasse besitzen die Brüder ungeheure physische und mentale Stärke sowie die Fähigkeit zur extrem raschen Heilung. Die meisten von ihnen sind keine leiblichen Geschwister; neue Anwärter werden von den anderen Brüdern vorgeschlagen und daraufhin in die Bruderschaft aufgenommen. Die Mitglieder der Bruderschaft sind Einzelgänger, aggressiv und verschlossen. Sie pflegen wenig Kontakt zu Menschen und anderen Vampiren, außer um Blut zu trinken. Viele Legenden ranken sich um diese Krieger, und sie werden von ihresgleichen mit höchster Ehrfurcht behandelt. Sie können getötet werden, aber nur durch sehr schwere Wunden wie zum Beispiel eine Kugel oder einen Messerstich ins Herz.

Blutsklave – Männlicher oder weiblicher Vampir, der unterworfen wurde, um das Blutbedürfnis eines anderen zu stillen. Die Haltung von Blutsklaven ist heute zwar nicht mehr üblich, aber nicht ungesetzlich.

Die Auserwählten – Vampirinnen, deren Aufgabe es ist, der Jungfrau der Schrift zu dienen. Sie werden als Angehörige der Aristokratie betrachtet, obwohl sie eher spirituell als weltlich orientiert sind. Normalerweise pflegen sie wenig bis gar keinen Kontakt zu männlichen Vampiren; auf Weisung der Jungfrau der Schrift können sie sich aber mit einem Krieger vereinigen, um den Fortbestand ihres Standes zu sichern. Sie besitzen die Fähigkeit zur Prophezeiung. In der Vergangenheit dienten sie allein stehenden Brüdern zum Stillen ihres Blutbedürfnisses, aber diese Praxis wurde von den Brüdern aufgegeben.

Doggen – Angehörige (r) der Dienerklasse innerhalb der Vampirwelt. Doggen pflegen im Dienst an ihrer Herrschaft altertümliche, konservative Sitten und folgen einem formellen Bekleidungs- und Verhaltenskodex. Sie können tagsüber aus dem Haus gehen, altern aber relativ rasch. Die Lebenserwartung liegt bei etwa fünfhundert Jahren.

Gesellschaft derLesser– Orden von Vampirjägern, der von Omega zum Zwecke der Auslöschung der Vampirspezies gegründet wurde.

Glymera – Das soziale Herzstück der Aristokratie, sozusagen die »oberen Zehntausend« unter den Vampiren.

Gruft – Heiliges Gewölbe der Bruderschaft der Black Dagger. Sowohl Ort für zeremonielle Handlungen wie auch Aufbewahrungsort für die erbeuteten Kanopen der Lesser. Hier werden unter anderem Aufnahmerituale, Begräbnisse und Disziplinarmaßnahmen gegen Brüder durchgeführt. Niemand außer Angehörigen der Bruderschaft, der Jungfrau der Schrift und Aspiranten hat Zutritt zur Gruft.

Hellren – Männlicher Vampir, der eine Partnerschaft mit einer Vampirin eingegangen ist. Männliche Vampire können mehr als eine Vampirin als Partnerin nehmen.

Hohe Familie – König und Königin der Vampire sowie all ihre Kinder.

Hüter – Vormund eines Vampirs oder einer Vampirin. Hüter können unterschiedlich viel Autorität besitzen, die größte Macht übt der Hüter einer gebannten Vampirin aus.

Lielan – Ein Kosewort, frei übersetzt in etwa »mein Liebstes«.

Jungfrau der Schrift – Mystische Macht, die dem König als Beraterin dient sowie die Vampirarchive hütet und Privilegien erteilt. Existiert in einer jenseitigen Sphäre und besitzt umfangreiche Kräfte. Hatte die Befähigung zu einem einzigen Schöpfungsakt, den sie zur Erschaffung der Vampire nutzte.

Lesser – Ein seiner Seele beraubter Mensch, der als Mitglied der Gesellschaft der Lesser Jagd auf Vampire macht, um sie auszurotten. Die Lesser müssen durch einen Stich in die Brust getötet werden. Sie altern nicht, essen und trinken nicht und sind impotent. Im Laufe der Jahre verlieren ihre Haare, Haut und Iris ihre Pigmentierung, bis sie blond, bleich und weißäugig sind. Sie riechen nach Talkum. Aufgenommen in die Gesellschaft werden sie durch Omega. Daraufhin erhalten sie ihre Kanope, ein Keramikgefäß, in dem sie ihr aus der Brust entferntes Herz aufbewahren.

Mahmen – Mutter. Dient sowohl als Bezeichnung als auch als Anrede und Kosewort.

Nalla – Kosewort. In etwa »Geliebte«.

Omega – Unheilvolle mystische Gestalt, die sich aus Groll gegen die Jungfrau der Schrift die Ausrottung der Vampire zum Ziel gesetzt hat. Existiert in einer jenseitigen Sphäre und hat weitreichende Kräfte, wenn auch nicht die Kraft zur Schöpfung.

Princeps – Höchste Stufe der Vampiraristokratie, untergeben nur den Mitgliedern der Hohen Familie und den Auserwählten der Jungfrau der Schrift. Dieser Titel wird vererbt; er kann nicht verliehen werden.

Pyrokant – Bezeichnet die entscheidende Schwachstelle eines Individuums, sozusagen seine Achillesverse. Diese Schwachstelle kann innerlich sein, wie zum Beispiel eine Sucht, oder äußerlich, wie ein geliebter Mensch.

Rythos – Rituelle Prozedur, um verlorene Ehre wiederherzustellen. Der Rythos wird von dem Vampir gewährt, der einen anderen beleidigt hat. Wird er angenommen, wählt der Gekränkte eine Waffe und tritt damit dem unbewaffneten Beleidiger entgegen.

Schleier – Jenseitige Sphäre, in der die Toten wieder mit ihrer Familie und ihren Freunden zusammentreffen und die Ewigkeit verbringen.

Shellan – Vampirin, die eine Partnerschaft mit einem Vampir eingegangen ist. Vampirinnen nehmen sich in der Regel nicht mehr als einen Partner, da gebundene männliche Vampire ein ausgeprägtes Revierverhalten zeigen.

Symphath – Eigene Spezies innerhalb der Vampirrasse, deren Merkmale die Fähigkeit und das Verlangen sind, Gefühle anderer Vampire zu manipulieren (zum Zwecke eines Energieaustauschs). Historisch wurden die Symphathen oft mit Misstrauen betrachtet und in bestimmten Epochen auch von den Vampiren gejagt. Sind heute nahezu ausgestorben.

Tahlly – Kosewort. Entspricht in etwa »Süße«.

Transition – Entscheidender Moment im Leben eines Vampirs, wenn er oder sie ins Erwachsenenleben eintritt. Ab diesem Punkt müssen sie das Blut des jeweils anderen Geschlechts trinken, um zu überleben, und vertragen kein Sonnenlicht mehr. Findet normalerweise mit etwa Mitte zwanzig statt. Manche Vampire überleben ihre Transition nicht, vor allem männliche Vampire. Vor ihrer Transition sind Vampire von schwächlicher Konstitution und sexuell unreif und desinteressiert. Außerdem können sie sich noch nicht dematerialisieren.

Triebigkeit – Fruchtbare Phase einer Vampirin. Üblicherweise dauert sie zwei Tage und wird von heftigem sexuellem Verlangen begleitet. Zum ersten Mal tritt sie etwa fünf Jahre nach der Transition eines weiblichen Vampirs auf, danach im Abstand von etwa zehn Jahren. Alle männlichen Vampire reagieren bis zu einem gewissen Grad auf eine triebige Vampirin, deshalb ist dies eine gefährliche Zeit. Zwischen konkurrierenden männlichen Vampiren können Konflikte und Kämpfe ausbrechen, besonders wenn die Vampirin keinen Partner hat.

Vampir – Angehöriger einer gesonderten Spezies neben dem Homo sapiens. Vampire sind darauf angewiesen, das Blut des jeweils anderen Geschlechts zu trinken. Menschliches Blut kann ihnen zwar auch das Überleben sichern, aber die daraus gewonnene Kraft hält nicht lange vor. Nach ihrer Transition, die üblicherweise etwa mit Mitte zwanzig stattfindet, dürfen sie sich nicht mehr dem Sonnenlicht aussetzen und müssen sich in regelmäßigen Abständen aus der Vene ernähren. Entgegen einer weitverbreiteten Annahme können Vampire Menschen nicht durch einen Biss oder eine Blutübertragung »verwandeln«; in seltenen Fällen aber können sich die beiden Spezies zusammen fortpflanzen. Vampire können sich nach Belieben dematerialisieren, dazu müssen sie aber ganz ruhig werden und sich konzentrieren; außerdem dürfen sie nichts Schweres bei sich tragen. Sie können Menschen ihre Erinnerung nehmen, allerdings nur, solange diese Erinnerungen im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert sind. Manche Vampire können auch Gedanken lesen. Die Lebenserwartung liegt bei über eintausend Jahren, in manchen Fällen auch höher.

Vergeltung – Akt tödlicher Rache, typischerweise ausgeführt von einem Mann im Dienste geliebter Angehöriger oder seiner Partnerin.

Wanderer – Ein Verstorbener, der aus dem Schleier zu den Lebenden zurückgekehrt ist. Wanderern wird großer Respekt entgegengebracht und sie werden für das, was sie durchmachen mussten, verehrt.

Zwiestreit – Konflikt zwischen zwei männlichen Vampiren, die Rivalen um die Gunst einer Vampirin sind.

1

»Verflucht noch mal, Zsadist! Lass den Scheiß …«

Phurys Stimme übertönte nur mit Mühe das Geräusch des Aufpralls vor ihnen. Und sie hielt seinen Zwillingsbruder nicht davon ab, bei achtzig Sachen aus dem fahrenden Escalade zu springen.

»V, er ist draußen! Kehrtwende!«

Phurys Schulter knallte gegen das Fenster, als Vishous das Steuer des SUVs gekonnt herumriss. Die Scheinwerfer wirbelten herum und strichen über Z hinweg, der sich auf dem schneebedeckten Asphalt abrollte. Nur den Bruchteil einer Sekunde später sprang er wieder auf die Füße und sprintete auf die qualmende, zerknitterte Limousine zu, die jetzt einen Baumstamm als Dekoration auf der Motorhaube trug.

Ohne seinen Bruder aus den Augen zu lassen, tastete Phury nach seinem Sicherheitsgurt. Die Lesser, die sie hier hinaus an den Rand von Caldwell gejagt hatten, mochten vielleicht von den Gesetzen der Physik rüde an der Weiterfahrt gehindert worden sein, aber das hieß nicht, dass sie aus dem Verkehr gezogen waren. Diese untoten Dreckskerle waren ziemlich hart im Nehmen.

Der Escalade blieb ruckartig stehen. Phury riss die Tür auf seiner Seite auf, während er gleichzeitig die Beretta zog. Schwer zu sagen, wie viele Lesser in dem Auto saßen, oder was für Munition sie dabeihatten. Die Feinde der Vampire traten normalerweise in Rudeln auf und waren immer schwer bewaffnet – Verfluchte Scheiße! Drei hellhaarige Jäger stiegen aus, und nur der Fahrer wirkte von dem Unfall ein bisschen angeschlagen.

Das miserable Kräfteverhältnis bremste Zsadist nicht im Mindesten. Lebensmüder Wahnsinniger, der er war, stürzte er sich mit gezogenem schwarzem Dolch unbeirrbar auf die untote Dreiergruppe.

Inzwischen stürmte auch Phury quer über die Straße, dicht gefolgt von Vishous. Leider waren sie völlig überflüssig.

Die Luft war von geräuschlosem Schneegestöber erfüllt, und der süße Duft der Kiefern mischte sich mit dem aus dem zerstörten Auto austretenden Benzin. Zsadist erledigte alle drei Lesser allein mit seinem Dolch. Zuerst zerschnitt er ihnen die Sehnen der Kniekehlen, damit sie nicht mehr weglaufen konnten, dann brach er ihnen die Arme, damit sie sich nicht mehr wehren konnten, und schließlich schleifte er sie über den Boden und reihte sie nebeneinander auf wie schauerliche Puppen.

Das Ganze dauerte maximal viereinhalb Minuten, inklusive dem Einsammeln der Ausweise und Führerscheine. Danach hielt Zsadist kurz inne und schöpfte Atem. Als er so auf die Ölspur aus schwarzem Blut blickte, die sich über den weißen Schnee zog, stieg Dampf von seinen Schultern auf, ein merkwürdig sanft wirkender Dunst, der vom eiskalten Wind verweht wurde.

Phury steckte seine Beretta wieder in das Holster zurück und verspürte eine leichte Übelkeit, als hätte er eine Familienpackung Butter verdrückt. Unbehaglich rieb er sich das Brustbein, sah sich zuerst nach links um, dann nach rechts. Die Route 22 war zu dieser nachtschlafenden Zeit außerhalb Caldwells wie ausgestorben. Menschliche Zeugen waren höchst unwahrscheinlich. Und Rehe zählten nicht.

Er wusste, was jetzt kam. Versuchte erst gar nicht, es aufzuhalten.

Zsadist kniete sich hin und beugte sich über einen der Lesser, das vernarbte Gesicht verzerrt vor Hass, die zerstörte Oberlippe gefletscht, die Fänge länger als die eines Tigers. Mit seinem kurz geschorenen Haar und den eingefallenen Wangen sah er aus wie der Sensenmann höchstpersönlich; und wie Gevatter Tod störte es auch ihn nicht im Geringsten, in der Kälte zu arbeiten. Er war besser bewaffnet als angezogen; trug lediglich einen schwarzen Rolli und eine weite schwarze Hose am Leib, doch über seine Brust spannte sich das Markenzeichen der Bruderschaft der Black Dagger, die gekreuzten Dolchhalfter. Um die Oberschenkel hatte er zwei weitere Messer geschnallt, und in seinem Pistolengurt steckten zwei SIG Sauer.

Wobei er die Neun-Millimeter-Waffen nie benutzte. Er wurde lieber persönlich, wenn er tötete. Das waren die einzigen Momente, in denen er überhaupt jemandem nahe kam.

Jetzt packte Z den Lesser am Kragen seiner Lederjacke, riss seinen Oberkörper heftig vom Boden hoch und hielt ihn sich ganz dicht vor das Gesicht.

»Wo ist die Frau?« Als er außer einem gemeinen Lachen keine Antwort bekam, verpasste Z dem Vampirjäger einen Fausthieb. Der Schlag hallte in den Bäumen wider, ein hartes Geräusch wie von einem zerbrechenden Ast. »Wo ist die Frau?«

Das höhnische Grinsen machte Z so wütend, dass er sein eigener Polarkreis wurde. Die Luft um seinen Körper herum lud sich magnetisch auf und wurde kälter als die Nacht. Keine Schneeflocke war mehr in seiner Nähe zu sehen, als lösten sie sich durch die Kraft seines Zorns in Nichts auf.

Hinter sich hörte Phury ein leises Knistern und blickte sich um. Vishous zündete sich eine Selbstgedrehte an, die Tattoos um seine linke Schläfe herum und das Ziegenbärtchen um seinen Mund leuchteten im orangefarbenen Schein der Flamme auf.

Beim Geräusch eines weiteren Faustschlags nahm V einen tiefen Zug und ließ den Blick seiner diamantklaren Augen zur Seite wandern. »Alles klar bei dir, Phury?«

Nein, nichts war klar. Zs aggressives Wesen war schon immer legendär gewesen, doch in letzter Zeit war er so brutal geworden, dass man ihm kaum noch zusehen konnte. Das bodenlose, seelenlose Nichts in ihm war völlig entfesselt, seitdem Bella von den Lessern entführt worden war.

Und immer noch gab es keine Spur von ihr. Die Brüder hatten keine Hinweise, keine Anhaltspunkte, absolute Fehlanzeige, wohin sie auch blickten. Trotz Zs knallharter Befragungstechnik.

Phury war selbst völlig fertig wegen der Entführung. Zwar kannte er Bella noch nicht lange, doch sie war eine so schöne Frau, aus der obersten Adelsschicht ihrer Rasse. Für ihn allerdings hatte sie mehr bedeutet als nur eine edle Blutlinie. So viel mehr. Sie hatte jenseits seines Zölibatsschwurs den Mann hinter der Selbstbeherrschung berührt, hatte etwas in ihm aufgewühlt, das er tief in sich verborgen hatte. Er versuchte ebenso verzweifelt, sie zu finden wie Zsadist, doch nach sechs Wochen verlor er langsam den Glauben daran, dass sie noch lebte. Die Lesser folterten Vampire, um Informationen über die Bruderschaft aus ihnen herauszubekommen, und wie der Rest der Zivilbevölkerung wusste sie nur wenig über die Brüder. Sicherlich hatte man sie inzwischen getötet.

Seine einzige Hoffnung war, dass sie nicht tage- oder gar wochenlang durch die Hölle hatte gehen müssen, bevor sie in den Schleier eingehen durfte.

»Was habt ihr mit der Frau gemacht?«, knurrte Zsadist den nächsten Lesser an. Als er nur ein »Leck mich« zu hören bekam, biss er den Scheißkerl in einer bemerkenswerten Imitation von Mike Tyson.

Warum allerdings Zsadist sich überhaupt derart um eine vermisste Vampirin kümmerte, kapierte keiner in der Bruderschaft. Er war bekannt für seinen Frauenhass – ach was, er war dafür geradezu gefürchtet. Warum also ausgerechnet Bella ihm etwas bedeutete, blieb ein Rätsel.

Während das Echo von Zs schmutziger Arbeit die Einsamkeit des Waldes durchbrach, spürte Phury, wie er selbst der Befragung nicht standhielt, obwohl die Lesser stark blieben und keinerlei Information preisgaben.

»Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte«, flüsterte er kaum hörbar.

Zsadist war das Einzige, was er im Leben hatte, außer der Mission der Bruderschaft, die Vampire gegen die Lesser zu verteidigen. Jeden Tag schlief Phury allein, wenn er überhaupt schlief. Essen verschaffte ihm nur wenig Lust. Frauen standen wegen seines Zölibats nicht zur Debatte. Und jede einzelne Sekunde machte er sich Sorgen, was Zsadist als Nächstes abziehen und wer dadurch verletzt werden würde. Er fühlte sich, als stürbe er an tausend Stichen, als verblutete er ganz langsam. Eine Ersatzzielscheibe für die gesammelte Mordlust seines Zwillingsbruders.

V streckte die Hand mit dem Handschuh aus und umschloss Phurys Hals. »Sieh mich an, Mann.«

Phury schielte zu ihm herüber und zuckte zusammen. Die Pupille von Vishous’ linkem Auge – dem mit der Tätowierung darum – dehnte sich, bis man nichts mehr sah als ein schwarzes Loch.

»Vishous, nein … ich will nicht …« Scheiße. Das fehlte ihm gerade noch, jetzt etwas über die Zukunft zu erfahren. Wie sollte er, bitte schön, damit umgehen, dass alles nur noch schlimmer werden würde?

»Der Schnee fällt heute Nacht langsam«, sagte V und rieb sich mit dem Daumen über eine pulsierende Halsader.

Phury blinzelte, eine merkwürdige Ruhe senkte sich über ihn, sein Herzschlag verlangsamte sich auf den Rhythmus von Vs Daumen.

»Der Schnee … er fällt so langsam.«

»Ja … ja, das tut er.«

»Und wir hatten in diesem Jahr viel Schnee, nicht wahr?«

»Ähm … ja.«

»Ja … viel Schnee, und es wird noch mehr kommen. Heute Nacht. Morgen. Nächsten Monat. Nächstes Jahr. Die Flocken kommen, wann sie wollen, und fallen, wo sie wollen.«

»Das stimmt«, entgegnete Phury leise. »Man kann es nicht aufhalten.«

»Nur der Boden kann es aufhalten.« Der Daumen hörte auf zu reiben. »Mein Bruder, für mich siehst du nicht aus wie der Erdboden. Du wirst den Schnee nicht aufhalten. Niemals.«

Eine Reihe von Knallgeräuschen ertönte, gefolgt von Lichtblitzen, als Z den Lessern den Dolch in die Brust stieß, und die Körper sich in nichts auflösten. Dann hörte man nur noch das Zischen des kaputten Kühlers und Zs schweres Atmen.

Wie ein Gespenst erhob er sich von dem schwarz durchtränkten Boden, das Blut der Lesser strömte ihm über Gesicht und Arme. Seine Aura war ein schimmernder Dunst der Gewalt, der die Szenerie hinter ihm zum Flimmern brachte und den Wald um den Umriss seines Körpers herum unscharf wirken ließ.

»Ich fahre in die Stadt«, sagte er und wischte sich die Klinge am Oberschenkel ab, »und suche mir ein paar weitere.«

Unmittelbar bevor Mr O wieder loszog, um Vampire zu jagen, öffnete er die Trommel seiner Neun-Millimeter-Smith-&-Wesson und untersuchte das Innere des Laufs. Die Waffe musste dringend gereinigt werden, genau wie seine Glock. Er hatte zwar noch jede Menge andere Sachen auf seiner Erledigungsliste stehen, aber nur ein Vollidiot pflegte seine Knarren nicht. Ein Lesser musste immer tadellose Waffen bei sich haben. Bei einem Gegner wie der Bruderschaft der Black Dagger durfte man sich keine Nachlässigkeit erlauben.

Auf seinem Weg quer durch das Überzeugungszentrum machte er einen Schlenker um den Autopsietisch herum, den sie für ihre Arbeit benutzten. Das Gebäude bestand aus einem einzigen Raum ohne Isolierung und ohne Bodenbelag, doch da keine Fenster eingebaut waren, drang immerhin kaum Wind ein. Es gab eine Pritsche, auf der er schlief. Eine Dusche. Keine Toilette oder Küche, da Lesser nicht aßen. Das Gebäude roch immer noch nach frischem Holz, da es erst vor eineinhalb Monaten erbaut worden war. Es roch außerdem nach dem Petroleumradiator, mit dem sie es beheizten.

Das Inventar beschränkte sich auf ein Regal, das sich über die gesamte, fünfzehn Meter lange Wand vom nackten Erdboden bis zu den Dachsparren erstreckte und in dem ihr Werkzeug ordentlich auf den Brettern aufgereiht lag: Messer, Schraubstöcke, Zangen, Hammer, Fuchsschwänze. Alles, was einer Kehle einen Schrei entreißen konnte, war hier vorhanden.

Doch das Gebäude war nicht nur eine Folterkammer; es diente auch zur Verwahrung Gefangener. Vampire über einen längeren Zeitraum einzusperren, war knifflig, denn sie konnten einem direkt vor der Nase weg verpuffen, wenn sie es schafften, sich zu entspannen und zu konzentrieren. Stahl hinderte sie an dieser Magie, aber eine Zelle mit Gitterstäben wiederum schirmte die Blutsauger nicht vor dem Sonnenlicht ab, und einen geschlossenen Raum aus massivem Stahl zu bauen, war unpraktisch. Was allerdings prächtig funktionierte, war ein Abflussrohr aus Wellblech, das vertikal in den Boden eingelassen war. Beziehungsweise drei davon.

O war stark versucht, zu den Aufbewahrungsrohren hinüberzugehen, wusste aber ganz genau, dass er dann den Absprung nicht mehr schaffen würde. Und er hatte Quoten zu erfüllen. Der stellvertretende Befehlshaber nach dem Haupt-Lesser zu sein, verschaffte ihm einige Boni, wie zum Beispiel diese Einrichtung leiten zu dürfen. Gleichzeitig musste er aber, wenn er seine Privatsphäre schützen wollte, eine angemessene Performance zeigen.

Was zum Beispiel auch bedeutete, seine Waffen in Schuss zu halten, selbst wenn er eigentlich lieber etwas anderes tun würde. Er schob einen Erste-Hilfe-Kasten beiseite, schnappte sich die Waffenreinigungskiste und zog einen Stuhl an den Autopsietisch.

Die einzige Tür des Gebäudes schwang ohne Anklopfen auf. O blickte über die Schulter, doch beim Anblick des Besuchers zwang er sich dazu, den entnervten Ausdruck von seinem Gesicht zu wischen. Mr X war nicht willkommen, aber da er nun mal der Boss der Gesellschaft der Lesser war, konnte er ihn schlecht abweisen. Schon alleine aus Selbsterhaltungstrieb.

Wie er so unter der nackten Glühbirne stand, sah der Haupt-Lesser deutlich wie ein Mann aus, mit dem man sich besser nicht anlegte, falls man an seinem eigenen Körper hing. Knapp zwei Meter groß und eine Statur wie ein Auto: quadratisch und stahlhart. Und wie alle anderen Mitglieder der Gesellschaft, die ihre Initiation schon längere Zeit hinter sich hatten, waren all seine Pigmente verblasst. Seine weiße Haut nahm niemals einen rosigen Schimmer an. Sein Haar hatte die Farbe eines Spinnennetzes. Die Augen zeigten das helle Grau eines bedeckten Himmels und waren ebenso glanzlos und stumpf.

Lässig begann Mr X durch den Raum zu schlendern und sich umzusehen. Er wollte nicht überprüfen, ob aufgeräumt war, so viel war klar – er suchte etwas. »Man hat mir erzählt, Sie hätten gerade einen Neuen bekommen. «

O ließ den Lappen sinken und zählte im Geiste die Waffen, die er am Körper trug. Ein Wurfmesser am rechten Oberschenkel; die Glock im Hosenbund. Er wünschte, er hätte mehr. »Den hab ich vor etwa fünfundvierzig Minuten in der Innenstadt vor dem Zero Sum aufgelesen. Er steckt in einem der Löcher und kommt gerade wieder zu sich.«

»Gut gemacht.«

»Ich hatte eigentlich vor, direkt noch mal loszugehen, jetzt sofort.«

»Ach ja?« Mr X blieb vor dem Regal stehen und nahm ein Jagdmesser mit Wellenschliff in die Hand. »Wissen Sie, ich habe etwas verdammt Beunruhigendes gehört. «

O hielt den Mund und ließ die Hand auf den Oberschenkel gleiten, näher an den Griff seines Messers.

»Wollen Sie mich gar nicht fragen, was?«, der Haupt-Lesser spazierte auf die drei Aufbewahrungsrohre in der Erde zu. »Vielleicht, weil Sie das Geheimnis bereits kennen? «

Unmerklich umschloss O das Messer mit der Handfläche, als Mr X über den Abdeckungen aus Drahtgeflecht verweilte, die auf den Abflussrohren lagen. Die ersten beiden Gefangenen gingen ihm am Allerwertesten vorbei. Der dritte jedoch ging niemanden etwas an.

»Nichts frei, Mr O?« Mit der Spitze seines schweren Stiefels tippte Mr X gegen eines der Seile, die in jedes der Löcher hinabreichten. »Ich dachte, Sie hätten zwei getötet, weil die Jungs nichts Weltbewegendes zu erzählen hatten.«

»Stimmt.«

»Einschließlich des Vampirs, den sie heute festgesetzt haben, müsste dann eines der Rohre frei sein. Stattdessen sind unsere Röhren voll besetzt.«

»Ich habe noch einen gefangen.«

»Wann?«

»Gestern Nacht.«

»Sie lügen.« Mr X schob den Drahtdeckel mit dem Fuß von der dritten Röhre.

Os erster Impuls war, auf die Füße zu springen, mit zwei Sätzen bei Mr X zu sein und ihm das Messer in die Kehle zu rammen. Doch so weit würde er gar nicht kommen. Der Haupt-Lesser hatte einen raffinierten Trick drauf, mit dem er seine Untergebenen auf der Stelle erstarren lassen konnte. Es genügte, den fraglichen Kandidaten einfach anzusehen.

Also blieb O, wo er war, und bebte vor Anstrengung, seinen Hintern unbeweglich auf dem Stuhl zu lassen.

Mr X holte eine Taschenlampe aus der Hosentasche, knipste sie an und richtete den Strahl in das Loch. Als ein ersticktes Quieken zu hören war, weiteten sich seine Augen. »Ich will verdammt sein, es ist wirklich eine Frau! Warum zum Teufel weiß ich davon nichts?«

Ganz langsam stand O auf. Das Messer hing unter der weiten Cargohose an seinem Oberschenkel. Den Griff hatte er fest in der Hand. »Sie ist neu«, sagte er.

»Darüber habe ich aber etwas anderes gehört.«

Mit schnellen Schritten ging Mr X ins Badezimmer und riss den Plastikduschvorhang zurück. Fluchend trat er gegen die Shampooflaschen und Babyöltiegel, die in einer Ecke aufgereiht standen. Dann lief er zum Munitionsschrank und zog die Kühlbox heraus, die dahinter versteckt war. Er stellte sie auf den Kopf, sodass die Vorräte darin auf den Boden fielen. Da Lesser keine Nahrung zu sich nahmen, war das ein eindeutiges Geständnis.

Mr Xs bleiche Miene war wutverzerrt. »Sie halten sich hier also ein Haustier?«

O wog seine möglichen Ausreden ab, während er gleichzeitig die Entfernung zwischen ihnen beiden abschätzte. »Sie ist wertvoll. Ich benutze sie bei den Befragungen. «

»Und wie?«

»Die männlichen Mitglieder der Gattung mögen es nicht, wenn eine Frau verletzt wird. Sie ist ein Ansporn, die Wahrheit zu sagen.«

Mr Xs Augen verengten sich. »Warum haben Sie mir nichts von ihr erzählt?«

»Das hier ist mein Zentrum. Sie haben es mir übertragen, und ich darf es nach meinem Ermessen leiten.« Und wenn er den Dreckskerl finden würde, der geplaudert hatte, würde er ihm die Haut in Streifen abziehen. »Ich kümmere mich gut um den Laden hier, und das wissen Sie auch. Wie ich meine Arbeit erledige, sollte Ihnen eigentlich egal sein.«

»Ich hätte davon erfahren müssen.« Urplötzlich wurde Mr X ganz ruhig. »Haben Sie mit dem Messer in Ihrer Hand etwas Bestimmtes vor, mein Sohn?«

Ja, Papi, stell dir vor, das hab ich. »Habe ich hier das Sagen oder nicht?«

Mr X verlagerte sein Gewicht auf die Fußballen, und O wappnete sich für eine Auseinandersetzung.

Bloß, dass genau in diesem Augenblick sein Handy klingelte. Das erste Klingeln klang schrill in der angespannten Stille, wie ein Schrei. Das zweite wirkte schon weniger aufdringlich. Das dritte war keine große Sache mehr.

Als ihre frontale Konfrontation abgebrochen worden war, dämmerte O langsam, dass er nicht ganz klar im Kopf war. Er war ein großer Bursche und ein extrem guter Kämpfer, aber gegen Mr Xs Tricks kam er nicht an. Und wenn O verletzt oder getötet wurde, wer sollte sich dann um seine Frau kümmern?

»Gehen Sie dran«, befahl Mr X. »Und stellen Sie auf Lautsprecher.«

Der Anruf kam von einem weiteren Elitekämpfer. Drei Lesser waren am Straßenrand keine drei Kilometer von hier entfernt eliminiert worden. Ihr Auto war um einen Baum gewickelt aufgefunden worden, die Brandflecke ihrer Auflösung hatten den Schnee geschmolzen.

Verdammter Mist. Die Black Dagger. Wieder einmal.

Als O aufgelegt hatte, fragte Mr X: »Wie sieht’s aus, wollen Sie sich mit mir anlegen, oder wollen Sie lieber an die Arbeit gehen? Eins davon wird ihr sicherer Tod sein. Sie können es sich aussuchen.«

»Habe ich hier das Sagen?«

»Solange Sie mir geben, was ich brauche.«

»Ich habe schon haufenweise Zivilisten hierher gebracht. «

»Leider erzählen die nicht gerade viel.«

O ging zu dem offenen Rohr und deckte es wieder ab, ohne Mr X auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Dann stellte er seinen Stiefel auf die Abdeckung und blickte dem Haupt-Lesser direkt in die Augen.

»Ich kann auch nichts dafür, dass die Bruderschaft sich selbst ihrer eigenen Gattung gegenüber so geheimnisvoll gibt.«

»Möglicherweise müssen Sie sich ein bisschen mehr anstrengen.«

Sag nicht, er soll dich am Arsch lecken, dachte O. Wenn du diese Probe deiner Willenskraft nicht überstehst, ist deine Frau Hundefutter.

Während O mühsam versuchte, sich zurückzuhalten, lächelte Mr X. »Ihre Beherrschung wäre noch bewundernswerter, wenn sie nicht die einzig mögliche Reaktion wäre. Aber lassen Sie uns über die heutige Nacht reden. Die Brüder werden nach den Kanopen der ausgeschalteten Jäger suchen. Fahren Sie schleunigst zu Mr H nach Hause und holen Sie seine Kanope ab. Ich werde jemanden zu As Wohnung schicken und mich um D selbst kümmern.«

An der Tür blieb Mr X noch einmal stehen. »Und was die Vampirin betrifft … Wenn Sie sie als Werkzeug benutzen, dann behalten Sie sie von mir aus. Aber wenn Sie das Weibsstück hier aus einem anderen Grund einquartiert haben, dann haben wir ein Problem. Wenn Sie weich werden, verfüttere ich Sie Stück für Stück an Omega.«

O erschauerte nicht einmal. Er hatte Omegas Folter schon einmal über sich ergehen lassen, und er würde es sicher auch wieder überstehen. Für seine Frau würde er alles durchstehen.

»Also, was haben Sie mir zu sagen?«, herrschte ihn der Haupt-Lesser an.

»Ja, Sensei.«

Ungeduldig wartete O, bis er hörte, wie Mr X Auto sich entfernte. Sein Herz ratterte dabei wie ein Elektrotacker. Er wollte seine Frau aus der Röhre holen und ihren Leib an seinem Körper spüren, doch dann würde er nicht mehr die Kraft finden, hier wegzukommen. Um sich etwas zu beruhigen, reinigte er schnell seine S&W und füllte die Munition auf. Es half nicht besonders, aber wenigstens zitterten seine Hände nicht mehr, als er damit fertig war.

Auf dem Weg zur Tür nahm er die Schlüssel zu seinem Pick-up mit und aktivierte den Bewegungsmelder über dem dritten Loch. Diese kleine Spielerei war ein echter Lebensretter. Wenn irgendetwas den Infrarotlaser durchbrach, würde eine Gewehrsalve aus drei Richtungen gleichzeitig losgehen und dem Vorwitzigen ein paar richtig große Löcher verpassen.

Bevor er ging, blieb er noch einmal zögernd stehen. Gott, er wollte sie im Arm halten. Bei dem Gedanken, seine Frau zu verlieren, drehte er einfach durch. Diese Vampirin … sie war jetzt sein Grund zu leben. Nicht die Gesellschaft. Oder das Töten.

»Ich gehe aus, Frau, benimm dich anständig.« Er wartete. »Ich komme bald wieder, und dann werden wir dich waschen.« Als keine Antwort kam, fragte er: »Frau?«

O schluckte zwanghaft. Es half nichts, sich zu ermahnen, ein Mann zu sein, er konnte einfach nicht gehen, ohne ihre Stimme zu hören.

»Lass mich nicht ohne Abschied gehen.«

Stille.

Der Schmerz sickerte in sein Herz und steigerte seine Liebe für sie noch. Er atmete tief ein, das köstliche Gewicht der Verzweiflung setzte sich auf seiner Brust fest. Er hatte geglaubt, die Liebe zu kennen, bevor er ein Lesser wurde. Er hatte geglaubt, Jennifer, die Frau, mit der er jahrelang verbunden gewesen war, die er geliebt und geschlagen hatte, sei etwas Besonderes gewesen. Doch erst jetzt wusste er, was wahre Leidenschaft war. Seine Gefangene war der brennende Schmerz, durch den er sich wieder wie ein Mensch fühlte. Sie war die Seele, die seine eigene ersetzte, die er Omega geschenkt hatte. Durch sie lebte er, obwohl er untot war.

»Ich komme zurück, so schnell ich kann, Frau.«

In ihrem Loch sackte Bella zusammen, als sie die Tür zuschlagen hörte. Die Tatsache, dass der Lesser völlig neben der Spur war, bloß weil sie ihm nicht geantwortet hatte, gefiel ihr. Das hieß ja wohl, dass sein Wahnsinn jetzt vollkommen war, oder nicht?

Seltsam, dass ein Ende im Irrsinn auch auf sie wartete. Von dem Moment an, als sie vor wie vielen Wochen auch immer in diesem Rohr aufgewacht war, hatte sie angenommen, dass ihr Tod ganz konventionell sein würde, von der Sorte, die mit einem schwer beschädigten Körper einherging. Doch nein, zuerst starb ihr Geist, während ihr Körper bei relativer Gesundheit blieb.

Die Psychose hatte sich Zeit gelassen damit, Besitz von ihr zu ergreifen, und wie bei einer körperlichen Krankheit war sie in Stufen vorangeschritten. Zunächst war sie zu verängstigt gewesen, um an irgendetwas anderes zu denken als daran, wie sich die Folter anfühlen würde. Doch die Tage verstrichen, und nichts dergleichen war geschehen. Der Lesser schlug sie zwar, und seine Blicke auf ihrem Körper waren ekelerregend, aber er tat ihr nicht das an, was er den anderen Vampiren antat. Und er vergewaltigte sie auch nicht.

Als Reaktion darauf hatten sich ihre Gedanken allmählich verschoben, ihre Lebensgeister waren wieder erwacht, und sie hatte die Hoffnung genährt, doch noch gerettet zu werden. Diese Phönix-aus-der-Asche-Periode hatte einige Zeit angehalten. Eine ganze Woche vielleicht, obwohl der Lauf der Tage schwer nachzuhalten war.

Aber dann hatte ihr unaufhaltsamer Niedergang begonnen, und was sie nach unten gezogen hatte, war der Lesser selbst gewesen. Es hatte ein Weilchen gedauert, bis sie es begriffen hatte, doch sie hatte eine bizarre Macht über ihren Geiselnehmer, und nach einer gewissen Zeit hatte sie angefangen, diese zu benutzen. Erst hatte sie nur ihre Grenzen ausgetestet. Später quälte sie ihn einzig und allein aus dem Grund, weil sie ihn so sehr hasste und wollte, dass er litt.

Der Lesser, der sie verschleppt hatte … liebte sie aus irgendeinem Grund. Von ganzem Herzen. Manchmal brüllte er sie an, manchmal machte er ihr auch Angst, wenn er eine seiner Launen hatte, doch je härter, je ablehnender sie zu ihm war, desto besser behandelte er sie. Wenn sie ihn nicht in ihre Augen sehen ließ, geriet er vor lauter Panik ins Wanken. Wenn er ihr Geschenke brachte und sie sie zurückwies, weinte er. Mit wachsender Inbrunst sorgte er sich um sie und bettelte um ihre Aufmerksamkeit. Er kuschelte sich an sie, und wenn sie ihn nicht an sich heranließ, dann brach er zusammen.

Mit seinen Gefühlen zu spielen, stellte momentan ihre gesamte, hasserfüllte Welt dar, und die Grausamkeit, die sie nährte, brachte sie um. Einst war sie ein lebendiges Wesen gewesen, eine Tochter, eine Schwester … ein Jemand … Nun verlor sie alles Lebendige in diesem Albtraum, wurde so maskenhaft wie eine einbalsamierte Mumie, hart wie Zement.

O gütige Jungfrau der Schrift, sie wusste, er würde sie niemals gehen lassen. So sicher, als hätte er sie auf der Stelle getötet, hatte er ihr jede Zukunft genommen. Alles, was sie jetzt noch hatte, war diese grauenhafte, unendliche Gegenwart. Mit ihm.

Panik, ein Gefühl, das sie schon länger nicht mehr gespürt hatte, wallte in ihrer Brust auf.

In ihrer Verzweiflung, die vorherige Empfindungslosigkeit wiederzuerlangen, konzentrierte sie sich darauf, wie kalt es in der Erde war. Der Lesser kleidete sie in die Sachen, die er aus der Kommode und dem Schrank in ihrem eigenen Haus mitgenommen hatte, und sie trug lange Hosen und Fleecepullis ebenso wie warme Socken und Stiefel. Trotz alledem war die Kälte erbarmungslos, sie kroch durch alle Schichten, schlich sich in ihre Knochen und drang bis ins Mark ein.

Ihre Gedanken wanderten zu dem Bauernhaus, in dem sie nur so kurze Zeit gewohnt hatte. Sie hatte sich ein fröhliches Feuer im Wohnzimmerkamin angezündet und war so glücklich gewesen, allein sein zu dürfen … Doch das waren böse Erinnerungen, böse Bilder. Sie erinnerten sie an ihr altes Leben, an ihre Mutter … an ihren Bruder.

Lieber Himmel, Rehvenge. Rehv hatte sie wahnsinnig gemacht mit seiner Bevormundung, doch er hatte recht behalten. Wäre sie bei ihrer Familie geblieben, hätte sie niemals Mary kennen gelernt, die menschliche Frau, die nebenan wohnte. Und niemals wäre sie in jener Nacht über die Wiese zwischen ihren Häusern gelaufen, um sicherzugehen, dass bei Mary alles in Ordnung war. Und niemals wäre sie dem Lesser in die Arme gelaufen … also wäre es niemals so weit gekommen, dass sie gleichzeitig tot und am Leben war.

Wie lange ihr Bruder wohl nach ihr gesucht hatte? Hatte er inzwischen aufgegeben? Vermutlich. Nicht einmal Rehv konnte so lange ohne jede Hoffnung weitermachen.

Sie wäre jede Wette eingegangen, dass er nach ihr gesucht hatte, doch in gewisser Weise war sie froh, dass er sie nicht gefunden hatte. Obwohl er ein hochgradig aggressiver Vampir war, blieb er doch ein Zivilist und wäre sehr wahrscheinlich verletzt oder getötet worden, wenn er zu ihrer Rettung käme. Diese Lesser waren stark. Brutal und kraftvoll. Nein, um sie zurückzuholen, bedurfte es eines Kriegers, der dem Monster ebenbürtig war, das sie gefangen hielt.

Ein Bild von Zsadist tauchte vor ihrem geistigen Auge auf, so deutlich wie ein Foto. Sie sah seine wilden schwarzen Augen. Die Narbe, die über sein Gesicht lief und seine Oberlippe verzerrte. Die tätowierten Sklavenfesseln um Hals und Handgelenke. Sie erinnerte sich an die Narben der Peitschenstriemen auf seinem Rücken. Und die Piercings in seinen Brustwarzen. Und seinen muskulösen, viel zu schlanken Körper.

Sie dachte an seinen bösartigen, kompromisslosen Willen und an all seinen schnell entflammbaren Hass. Er war Furcht einflößend, eine düstere Legende ihrer Rasse. Nicht nur gebrochen, ein Wrack, in den Worten seines Zwillingsbruders. Er allein könnte dem Lesser die Stirn bieten. Zsadists Brutalität war vermutlich das Einzige, was sie noch retten konnte, wenn sie auch nicht ernsthaft damit rechnete, dass er nach ihr suchen würde. Sie war nichts als eine gewöhnliche Vampirin, der er zweimal begegnet war.

Und beim zweiten Mal hatte sie ihm schwören müssen, nie wieder in seine Nähe zu kommen.

Wieder überfiel sie die Angst; um das Gefühl im Zaum zu halten, redete sie sich ein, Rehvenge suche immer noch nach ihr. Und dass er der Bruderschaft Bescheid geben würde, wenn er irgendeinen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort fände. Vielleicht käme Zsadist dann, um sie zu suchen, weil es zu seinem Job gehörte.

»Hallo? Hallo? Ist da jemand?« Die zittrige männliche Stimme klang gedämpft, blechern.

Der neueste Gefangene, dachte sie. Anfangs versuchten sie immer, Kontakt aufzunehmen.

Bella räusperte sich. »Ich bin … hier.«

Eine Pause entstand. »Gütige Jungfrau der Schrift … bist du die Frau, die sie entführt haben? Bist du … Bella?«

Ihren Namen zu hören, war ein Schock. Scheiße, der Lesser nannte sie schon so lange seine Frau, dass sie ihren eigenen Namen beinahe schon vergessen hatte. »Ja … ja, das bin ich.«

»Du lebst noch.«

Zumindest schlug ihr Herz noch. »Kenne ich dich?«

»I-ich war auf deiner Beerdigung. Mit meinen Eltern, Ralstam und Jilling.«

Bella fing an zu zittern. Ihre Mutter und ihr Bruder … hatten sie zu Grabe getragen. Andererseits war das nicht verwunderlich. Ihre Mutter war tief religiös und glaubte fest an die alten Traditionen. Wenn sie vom Tod ihrer Tochter überzeugt war, hatte sie mit Sicherheit auf der richtigen Zeremonie bestanden, damit Bella in den Schleier eintreten konnte.

O … lieber Himmel. Zu glauben, dass sie aufgegeben hatten, und es zu wissen, waren zwei ganz unterschiedliche Dinge. Niemand würde sie retten. Niemals.

Da hörte sie plötzlich etwas Seltsames. Und merkte, dass sie schluchzte.

»Ich werde fliehen«, sagte der Vampir mit Nachdruck. »Und dich nehme ich mit.«

Bella ließ ihre Knie nachgeben und glitt an der welligen Blechwand des Rohrs entlang bis ganz nach unten. Jetzt war sie wirklich tot, oder? Tot und begraben.

Wie grausam passend, dass sie in der Erde feststeckte.

2

Zsadists wuchtige Stiefel trugen ihn durch eine Seitenstraße der Trade Street, die schweren Sohlen zerstampften gefrorenen Matsch und zermalmten das eisverkrustete Profil von Reifenspuren. Er war allein, und es war stockdunkel, da die Ziegelbauten zu beiden Seiten fensterlos waren und die Wolken den Mond verdeckten. Und dennoch funktionierte seine Nachtsicht perfekt, sie durchdrang jede Finsternis. Genau wie seine Wut.

Schwarzes Blut. Was er brauchte, war mehr schwarzes Blut. Er brauchte das Gefühl, wie es über seine Hände floss und in sein Gesicht spritzte und seine Klamotten besudelte. Er brauchte ein Meer von Blut, das über den Boden rann und in die Erde sickerte. Um Bellas Gedächtnis zu ehren, würde er diese Jäger bluten lassen. Jeder Tod war seine Opfergabe an sie.

Er wusste, dass sie nicht mehr am Leben war, wusste tief im Herzen, dass sie auf grausige Weise den Tod gefunden haben musste. Warum also fragte er diese Scheißkerle immer wieder, wo sie war? Er hatte keinen blassen Schimmer. Es war einfach das Erste, was ihm über die Lippen kam, egal wie oft er sich sagte, dass ihr längst nicht mehr zu helfen war.

Und er würde diesen Arschlöchern immer weiter Fragen stellen. Er wollte das Wo wissen, das Wie und das Womit. Die Antworten würden ihn innerlich zerfressen, doch er musste es wissen. Musste es unbedingt erfahren. Und irgendwann würde einer von ihnen reden.

Z blieb stehen. Sog die Luft ein. Betete darum, dass ihm der süßliche Geruch von Talkum in die Nase stieg. Verflucht, er hielt das nicht mehr lange aus … dieses Nichtwissen.

Doch dann lachte er bitter. Klar, als ob er das nicht aushalten könnte. Dank seines einhundert Jahre währenden sorgfältigen Trainings mit der Herrin gab es keine Form von Dreck, die er noch nicht gefressen hatte. Körperlicher Schmerz, seelische Qualen, abgrundtiefe Erniedrigung und Demütigung, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit: Er hatte alles erlebt, alles erlitten.

Also konnte er auch das hier überleben.

Er blickte hinauf in den Himmel und geriet ins Taumeln, als er den Kopf in den Nacken legte. Rasch stützte er sich an einem Müllcontainer ab, dann holte er tief Luft und wartete darauf, dass das Gefühl des Betrunkenseins verging. Keine Chance.

Zeit, sich zu ernähren. Schon wieder.

Er fluchte, hoffte, er könnte sich noch ein oder zwei Nächte auf den Beinen halten. Gut, er schleppte seinen Körper schon seit Wochen mit reiner Willenskraft durch die Gegend, aber das war nichts Ungewöhnliches für ihn. Und heute Nacht wollte er sich einfach nicht mit der Blutlust befassen.

Komm schon, komm schon … konzentrier dich.

Er zwang sich dazu, weiterzugehen, die Gassen der Innenstadt abzusuchen, sich in das urbane Labyrinth Caldwells, der Kneipen- und Drogenszene New Yorks, hinein- und wieder herauszuschlängeln.

Gegen drei Uhr morgens hatte er solchen Bluthunger, dass er sich stoned fühlte, und nur aus diesem Grund gab er nach. Er konnte die Verfremdung nicht ertragen, das taube Gefühl in seinem Körper. Es erinnerte ihn zu stark an den Opiumrausch, in den er als Blutsklave immer gezwungen worden war.

Er beschleunigte seinen Schritt und machte sich auf den Weg ins Zero Sum, der derzeitigen Stammlocation der Bruderschaft in der Innenstadt. Die Türsteher lotsten ihn direkt an der Warteschlange vorbei; die bevorzugte Behandlung war eine der Vergünstigungen, die man bekam, wenn man so viel Asche in dem Laden ließ wie die Brüder. Allein Phurys roter Rauch machte ein paar Riesen Umsatz im Monat, und V und Butch bedröhnten sich ausschließlich mit dem edelsten Sprit. Und dann waren da noch Zs eigene regelmäßige Erwerbungen.

Im Inneren des Clubs war es heiß und dunkel wie in einer schwülen, tropischen Höhle, in der Technobeats durch die Luft wirbelten. Menschen drängten sich auf der Tanzfläche, schlürften Wasser, schwitzten, kauten Kaugummi, während sie sich zu den pulsierenden Laserstrahlen bewegten. Um die Tanzfläche herum lehnten Körper an den Wänden, in Zweier- und Dreiergrüppchen, wanden sich, berührten sich.

Z marschierte ohne Umwege in die VIP-Lounge. Die Menschenmenge ließ ihn durch, teilte sich wie ein Stück Samt, der zerrissen wird. Obwohl die meisten Leute auf Ecstasy und Koks waren, funktionierte der Überlebensinstinkt dieser überhitzten Leiber immer noch gut genug, um in ihm einen wandelnden Sargdeckel zu erkennen.

Am Ende des Gangs ließ ihn ein kahl geschorener Türsteher in das Herzstück des Clubs ein. Hier war es vergleichsweise ruhig. Zwanzig Tische mit Sitzgelegenheiten standen großzügig verteilt im Raum, das Scheinwerferlicht von der Decke beleuchtete die Tischplatten aus schwarzem Marmor. Die Stammnische der Bruderschaft lag direkt neben dem Notausgang, und Z war nicht überrascht, Vishous und Butch dort zu entdecken, jeder mit einem Cognacschwenker vor sich. Phurys Martiniglas war unbewacht.

Die beiden Brüder wirkten nicht begeistert, ihn hier zu sehen. Nein … sie schienen eher bei seinem Anblick zu resignieren, als hätten sie darauf gehofft, man nähme ihnen eine Last ab, und er hätte ihnen stattdessen jeweils einen Motorblock zugeworfen.

»Wo ist er?« Z deutete mit dem Kopf auf den Martini seines Zwillingsbruders.

»Besorgt sich hinten Dope-Nachschub«, sagte Butch. »Ihm ist das Rauchkraut ausgegangen.«

Z setzte sich links von ihm an den Tisch und lehnte sich zurück, um dem Lichtkegel auf dem schimmernden Tisch zu entgehen. Um sich herum erkannte er die Gesichter bedeutungsloser Fremder. Die VIP-Ecke wurde von einem harten Kern von Stammgästen besucht, doch keiner der Großverdiener hier suchte gern Kontakt jenseits seines engeren Kreises. Im gesamten Club herrschte der Grundsatz »keine Fragen, keine Antworten«, was ein Grund für die Brüder war, hierherzukommen. Obwohl der Eigentümer des Zero Sum ein Vampir war, mussten sie ihre wahre Identität unter Verschluss halten.

Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts hatte die Bruderschaft der Black Dagger innerhalb ihrer eigenen Rasse zunehmend ein Geheimnis um ihre Organisation gemacht. Es gab natürlich Gerüchte, und die Zivilbevölkerung kannte einige Namen, aber keine Einzelheiten drangen an die Öffentlichkeit. Das Täuschungsmanöver war begonnen worden, nachdem die Vampirgesellschaft vor etwa einhundert Jahren zu zerfallen begann und tragischerweise das Vertrauen zum Hauptproblem innerhalb der Spezies geworden war. Inzwischen gab es allerdings noch weitere Gründe. Die Lesser folterten Zivilisten, um an Informationen über die Bruderschaft zu kommen, weswegen es unerlässlich war, die Tarnung aufrechtzuerhalten.

Das alles hatte dazu geführt, dass die wenigen Vampire, die diesen Laden frequentierten, sich nicht sicher sein konnten, ob die großen Kerle in den Lederklamotten, dem beeindruckenden Alkoholkonsum und den vielen Dollars tatsächlich Mitglieder der Black Dagger waren. Und glücklicherweise verboten es ihre Sitten, und nicht zuletzt die Mienen der Brüder, Fragen zu stellen.

Ungeduldig rutschte Zsadist auf dem Stuhl herum. Er hasste den Club; wirklich. Hasste es, so viele Körper um sich herum zu spüren. Hasste den Lärm. Die Gerüche.

Tuschelnd näherte sich ein Dreiergespann menschlicher Frauen dem Tisch der Brüder. Die drei arbeiteten heute Nacht, wenn auch das, was sie servierten, nicht in ein Glas passte. Das waren die typischen Edelnutten: teure Haarverlängerungen, noch teurere Silikonbrüste und Kleider aus der Sprühdose. Eine Menge dieser wandelnden Lustbarkeiten trieben sich im Club herum, besonders in der VIP-Lounge. Der Reverend, dem das Zero Sum gehörte, und der es auch selbst betrieb, glaubte an

Titel der Originalausgabe LOVER AWAKENED (PART 1)

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Astrid Finke

Deutsche Erstausgabe 3/08 Redaktion: Natalja Schmidt

Copyright © 2006 by Jessica Bird Copyright © 2008 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbHwww.heyne.de

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

eISBN 978-3-641-04798-6

www.randomhouse.de

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