Verlag: Heyne Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

Nachtseele E-Book

J. R. Ward  

4.80952380952381 (84)

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E-Book-Beschreibung Nachtseele - J. R. Ward

Die heißesten Vampire der Mystery sind zurückKaum hat sich Vishous’ Zwillingsschwester Payne in der Bruderschaft der BLACK DAGGER eingelebt, da wird ihr Leben erneut auf den Kopf gestellt. Sie wird im Kampf zwischen den Vampiren und ihren Verfolgern schwer verwundet. Dr. Manuel Manello wird von der Bruderschaft gerufen, um die verletzte Payne gesundzupflegen. Der Arzt ist der schönen Vampirin vom ersten Augenblick an verfallen, und auch Payne entbrennt sofort in flammender Leidenschaft zu dem charmanten Chirurgen. Doch Manuel ist ein Mensch und die Beziehung zwischen den beiden Liebenden ist somit so gut wie unmöglich. Die Dinge überschlagen sich, als Payne mit einem düsteren Geheimnis aus ihrer Vergangenheit konfrontiert wird…

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E-Book-Leseprobe Nachtseele - J. R. Ward

Das Buch

Payne, Vishous’ atemberaubend schöne Zwillingsschwester, musste schon viele Schicksalsschläge hinnehmen, doch dies ist der härteste Augenblick ihres Lebens: Die Regeln der BLACK DAGGER verlangen, dass sie sich von ihrem geliebten Manuel trennt. Denn Manny ist ein Mensch, und die Beziehung zu ihm würde die Sicherheit der Bruderschaft gefährden. Schweren Herzens fügt sich Payne, und beschließt, ihren Kummer im Kampf gegen die Lesser zu betäuben. Doch Payne hat ein dunkles Geheimnis, das sie eines Nachts in tödliche Gefahr bringt. In der Stunde der Not erkennen Vishous und die Bruderschaft, dass sie der unbezwingbaren Macht der Liebe nichts entgegenzusetzen haben, und rufen Manuel zu Hilfe. Wird er seine Geliebte noch retten können oder ist es für Payne bereits zu spät …

Die Autorin

J. R. Ward begann bereits während des Studiums mit dem Schreiben. Nach dem Hochschulabschluss veröffentlichte sie die BLACK DAGGER-Serie, die in kürzester Zeit die amerikanischen Bestsellerlisten eroberte. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrem Golden Retriever in Kentucky und gilt seit dem überragenden Erfolg der Serie als Star der romantischen Mystery.

Ein ausführliches Werkverzeichnis aller von J. R.Ward im Wilhelm Heyne Verlag erschienen Bücher finden Sie am Ende des Bandes.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDie AutorinWidmungDANKSAGUNGGLOSSAR DER BEGRIFFE UND EIGENNAMENKapitel 1Copyright

Titel der Originalausgabe LOVER UNLEASHED (Part 2)

Aus dem Amerikanischen von Corinna Vierkant

Gewidmet: Dir.

Einem Bruder, und was für einem.Ich glaube, du bist genau da, wo du hingehörst – und ich binvermutlich nicht die Einzige, die so empfindet.

DANKSAGUNG

Ein großes Dankeschön allen Lesern der Bruderschaft der Black Dagger und ein Hoch auf die Cellies!

Vielen Dank für all die Unterstützung und die Ratschläge an: Steven Axelrod, Kara Welsh, Claire Zion und Leslie Gelbman.

Danke auch an alle Mitarbeiter von NAL – diese Bücher sind echte Teamarbeit!

Danke an Lu und Opal sowie an unsere Cheforganisatoren und Ordnungshüter für alles, was ihr aus reiner Herzensgüte tut! Und ich danke Ken, der mich erträgt, und Cheryle, Königin der virtuellen Autogrammstunde.

Alles Liebe an D – ich bin dir unendlich dankbar für so vieles … aber ganz besonders für Kezzy. So sexy waren Skittles noch nie.

Und auch an Nath liebe Grüße, weil er mir immer beisteht und dabei stets geduldig und freundlich bleibt.

Danke, Tantchen LeE. Alle lieben dich – und die Liste wird immer länger, nicht wahr?

Danke auch an Doc Jess, dem klügsten Menschen, dem ich je begegnet bin – ich bin so ein Glückspilz, dass du es mit mir aushältst. Und an Sue Grafton und Betsey Vaughan, die meinen Exekutivausschuss vervollkommnen.

Nichts von alledem wäre möglich ohne: meinen liebevollen Ehemann, der mir mit Rat und Tat zur Seite steht, sich um mich kümmert und mich an seinen Visionen teilhaben lässt; meine wunderbare Mutter, die mir mehr Liebe geschenkt hat, als ich ihr je zurückgeben kann; meine Familie (die blutsverwandte wie auch die frei gewählte) und meine liebsten Freunde.

Ach ja, und an die bessere Hälfte von WriterDog, wie immer.

GLOSSAR DER BEGRIFFE UND EIGENNAMEN

Ahstrux nohtrum – Persönlicher Leibwächter mit Lizenz zum Töten, der vom König ernannt wird.

Die Auserwählten – Vampirinnen, deren Aufgabe es ist, der Jungfrau der Schrift zu dienen. Sie werden als Angehörige der Aristokratie betrachtet, obwohl sie eher spirituell als weltlich orientiert sind. Normalerweise pflegen sie wenig bis gar keinen Kontakt zu männlichen Vampiren; auf Weisung der Jungfrau der Schrift können sie sich aber mit einem Krieger vereinigen, um den Fortbestand ihres Standes zu sichern. Einige von ihnen besitzen die Fähigkeit zur Prophezeiung. In der Vergangenheit dienten sie alleinstehenden Brüdern zum Stillen ihres Blutbedürfnisses. Diese Praxis wurde von den Brüdern wiederaufgenommen.

Bannung – Status, der einer Vampirin der Aristokratie auf Gesuch ihrer Familie durch den König auferlegt werden kann. Unterstellt die Vampirin der alleinigen Aufsicht ihres Hüters, üblicherweise der älteste Mann des Haushalts. Ihr Hüter besitzt damit das gesetzlich verbriefte Recht, sämtliche Aspekte ihres Lebens zu bestimmen und nach eigenem Gutdünken jeglichen Umgang zwischen ihr und der Außenwelt zu regulieren.

Die Bruderschaft der Black Dagger – Die Brüder des Schwarzen Dolches. Speziell ausgebildete Vampirkrieger, die ihre Spezies vor der Gesellschaft der Lesser beschützen. Infolge selektiver Züchtung innerhalb der Rasse besitzen die Brüder ungeheure physische und mentale Stärke sowie die Fähigkeit zur extrem raschen Heilung. Die meisten von ihnen sind keine leiblichen Geschwister; neue Anwärter werden von den anderen Brüdern vorgeschlagen und daraufhin in die Bruderschaft aufgenommen. Die Mitglieder der Bruderschaft sind Einzelgänger, aggressiv und verschlossen. Sie pflegen wenig Kontakt zu Menschen und anderen Vampiren, außer um Blut zu trinken. Viele Legenden ranken sich um diese Krieger, und sie werden von ihresgleichen mit höchster Ehrfurcht behandelt. Sie können getötet werden, aber nur durch sehr schwere Wunden wie zum Beispiel eine Kugel oder einen Messerstich ins Herz.

Blutsklave – Männlicher oder weiblicher Vampir, der unterworfen wurde, um das Blutbedürfnis eines anderen zu stillen. Die Haltung von Blutsklaven wurde vor kurzem gesetzlich verboten.

Chrih – Symbol des ehrenhaften Todes in der alten Sprache.

Doggen – Angehörige (r) der Dienerklasse innerhalb der Vampirwelt. Doggen pflegen im Dienst an ihrer Herrschaft altertümliche, konservative Sitten und folgen einem formellen Bekleidungs- und Verhaltenskodex. Sie können tagsüber aus dem Haus gehen, altern aber relativ rasch. Die Lebenserwartung liegt bei etwa fünfhundert Jahren.

Dhunhd – Hölle.

Ehros – Eine Auserwählte, die speziell in der Liebeskunst ausgebildet wurde.

Exhile Dhoble – Der böse oder verfluchte Zwilling, derjenige, der als Zweiter geboren wird.

Gesellschaft derLesser– Orden von Vampirjägern, der von Omega zum Zwecke der Auslöschung der Vampirspezies gegründet wurde.

Glymera – Das soziale Herzstück der Aristokratie, sozusagen die »oberen Zehntausend« unter den Vampiren.

Gruft – Heiliges Gewölbe der Bruderschaft der Black Dagger. Sowohl Ort für zeremonielle Handlungen als auch Aufbewahrungsort für die erbeuteten Kanopen der Lesser. Hier werden unter anderem Aufnahmerituale, Begräbnisse und Disziplinarmaßnahmen gegen Brüder durchgeführt. Niemand außer Angehörigen der Bruderschaft, der Jungfrau der Schrift und Aspiranten hat Zutritt zur Gruft.

Hellren – Männlicher Vampir, der eine Partnerschaft mit einer Vampirin eingegangen ist. Männliche Vampire können mehr als eine Vampirin als Partnerin nehmen.

Hohe Familie – König und Königin der Vampire sowie all ihre Kinder.

Hüter – Vormund eines Vampirs oder einer Vampirin. Hüter können unterschiedlich viel Autorität besitzen, die größte Macht übt der Hüter einer gebannten Vampirin aus.

Jungfrau der Schrift – Mystische Macht, die dem König als Beraterin dient sowie die Vampirarchive hütet und Privilegien erteilt. Existiert in einer jenseitigen Sphäre und besitzt umfangreiche Kräfte. Hatte die Befähigung zu einem einzigen Schöpfungsakt, den sie zur Erschaffung der Vampire nutzte.

Leahdyre – Eine mächtige und einflussreiche Person.

Lesser – Ein seiner Seele beraubter Mensch, der als Mitglied der Gesellschaft der Lesser Jagd auf Vampire macht, um sie auszurotten. Die Lesser müssen durch einen Stich in die Brust getötet werden. Sie altern nicht, essen und trinken nicht und sind impotent. Im Laufe der Jahre verlieren ihre Haare, Haut und Iris ihre Pigmentierung, bis sie blond, bleich und weißäugig sind. Sie riechen nach Talkum. Aufgenommen in die Gesellschaft werden sie durch Omega. Daraufhin erhalten sie ihre Kanope, ein Keramikgefäß, in dem sie ihr aus der Brust entferntes Herz aufbewahren.

Lewlhen – Geschenk.

Lheage – Respektsbezeichnung einer sexuell devoten Person gegenüber einem dominanten Partner.

Lhenihan – Mystisches Biest, bekannt für seine sexuelle Leistungsfähigkeit. In modernem Slang bezieht es sich auf einen Vampir von übermäßiger Größe und Ausdauer.

Lielan – Ein Kosewort, frei übersetzt in etwa »mein Liebstes«.

Lys – Folterwerkzeug zur Entnahme von Augen.

Mahmen – Mutter. Dient sowohl als Bezeichnung als auch als Anrede und Kosewort.

Mhis – Die Verhüllung eines Ortes oder einer Gegend; die Schaffung einer Illusion.

Nalla oder Nallum – Kosewort. In etwa »Geliebte(r)«.

Novizin – Eine Jungfrau.

Omega – Unheilvolle mystische Gestalt, die sich aus Groll gegen die Jungfrau der Schrift die Ausrottung der Vampire zum Ziel gesetzt hat. Existiert in einer jenseitigen Sphäre und hat weitreichende Kräfte, wenn auch nicht die Kraft zur Schöpfung.

Phearsom – Begriff, der sich auf die Funktionstüchtigkeit der männlichen Geschlechtsorgane bezieht. Die wörtliche Übersetzung lautet in etwa »würdig, in eine Frau einzudringen«.

Princeps – Höchste Stufe der Vampiraristokratie, untergeben nur den Mitgliedern der Hohen Familie und den Auserwählten der Jungfrau der Schrift. Dieser Titel wird vererbt; er kann nicht verliehen werden.

Pyrokant – Bezeichnet die entscheidende Schwachstelle eines Individuums, sozusagen seine Achillesferse. Diese Schwachstelle kann innerlich sein, wie zum Beispiel eine Sucht, oder äußerlich, wie ein geliebter Mensch.

Rahlman – Retter.

Rythos – Rituelle Prozedur, um verlorene Ehre wiederherzustellen. Der Rythos wird von dem Vampir gewährt, der einen anderen beleidigt hat. Wird er angenommen, wählt der Gekränkte eine Waffe und tritt damit dem unbewaffneten Beleidiger entgegen.

Schleier – Jenseitige Sphäre, in der die Toten wieder mit ihrer Familie und ihren Freunden zusammentreffen und die Ewigkeit verbringen.

Shellan – Vampirin, die eine Partnerschaft mit einem Vampir eingegangen ist. Vampirinnen nehmen sich in der Regel nicht mehr als einen Partner, da gebundene männliche Vampire ein ausgeprägtes Revierverhalten zeigen.

Symphath – Eigene Spezies innerhalb der Vampirrasse, deren Merkmale die Fähigkeit und das Verlangen sind, Gefühle in anderen zu manipulieren (zum Zwecke eines Energieaustauschs). Historisch wurden die Symphathen oft mit Misstrauen betrachtet und in bestimmten Epochen auch von den anderen Vampiren gejagt. Sind heute nahezu ausgestorben.

Trahyner – Respekts- und Zuneigungsbezeichnung unter männlichen Vampiren. Bedeutet ungefähr »geliebter Freund«.

Transition – Entscheidender Moment im Leben eines Vampirs, wenn er oder sie ins Erwachsenenleben eintritt. Ab diesem Punkt müssen sie das Blut des jeweils anderen Geschlechts trinken, um zu überleben, und vertragen kein Sonnenlicht mehr. Findet normalerweise mit etwa Mitte zwanzig statt. Manche Vampire überleben ihre Transition nicht, vor allem männliche Vampire. Vor ihrer Transition sind Vampire von schwächlicher Konstitution und sexuell unreif und desinteressiert. Außerdem können sie sich noch nicht dematerialisieren.

Triebigkeit – Fruchtbare Phase einer Vampirin. Üblicherweise dauert sie zwei Tage und wird von heftigem sexuellem Verlangen begleitet. Zum ersten Mal tritt sie etwa fünf Jahre nach der Transition eines weiblichen Vampirs auf, danach im Abstand von etwa zehn Jahren. Alle männlichen Vampire reagieren bis zu einem gewissen Grad auf eine triebige Vampirin, deshalb ist dies eine gefährliche Zeit. Zwischen konkurrierenden männlichen Vampiren können Konflikte und Kämpfe ausbrechen, besonders wenn die Vampirin keinen Partner hat.

Vampir – Angehöriger einer gesonderten Spezies neben dem Homo sapiens. Vampire sind darauf angewiesen, das Blut des jeweils anderen Geschlechts zu trinken. Menschliches Blut kann ihnen zwar auch das Überleben sichern, aber die daraus gewonnene Kraft hält nicht lange vor. Nach ihrer Transition, die üblicherweise etwa mit Mitte zwanzig stattfindet, dürfen sie sich nicht mehr dem Sonnenlicht aussetzen und müssen sich in regelmäßigen Abständen aus der Vene ernähren. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme können Vampire Menschen nicht durch einen Biss oder eine Blutübertragung »verwandeln«; in seltenen Fällen aber können sich die beiden Spezies zusammen fortpflanzen. Vampire können sich nach Belieben dematerialisieren, dazu müssen sie aber ganz ruhig werden und sich konzentrieren; außerdem dürfen sie nichts Schweres bei sich tragen. Sie können Menschen ihre Erinnerung nehmen, allerdings nur, solange diese Erinnerungen im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert sind. Manche Vampire können auch Gedanken lesen. Die Lebenserwartung liegt bei über eintausend Jahren, in manchen Fällen auch höher.

Vergeltung – Akt tödlicher Rache, typischerweise ausgeführt von einem Mann im Dienste seiner Liebe.

Wanderer – Ein Verstorbener, der aus dem Schleier zu den Lebenden zurückgekehrt ist. Wanderern wird großer Respekt entgegengebracht, und sie werden für das, was sie durchmachen mussten, verehrt.

Whard – Entspricht einem Patenonkel oder einer Patentante.

Zwiestreit – Konflikt zwischen zwei männlichen Vampiren, die Rivalen um die Gunst einer Vampirin sind.

1

Der Pfiff war laut und durchdringend und hallte von den Wänden der Eingangshalle im Haupthaus wider. Qhuinn wusste, wer den schrillen Befehl ausgestoßen hatte: John Matthew.

In den letzten drei Jahren hatte er ihn weiß Gott oft genug pfeifen gehört.

Er blieb auf der untersten Stufe der Freitreppe stehen, wischte sich das Gesicht mit seinem zusammengeknüllten T-Shirt ab und musste sich dann am massiven Holzgeländer festhalten. Sein Kopf fühlte sich nach dem Lauftraining leicht und luftig wie ein Kissen an – und stand damit im direkten Gegensatz zum Rest seines Körpers: Seine Beine und sein Hintern kamen ihm so schwer vor wie dieses verdammte Anwesen …

Es pfiff erneut. Ach ja, richtig, dachte er, da redete ja jemand mit ihm. Er drehte sich nach John Matthew um, der im verschnörkelten Türrahmen zum Esszimmer stand.

Was zum Henker hast du mit dir angestellt?, fragte John in Gebärdensprache und zeigte dann auf seinen eigenen Kopf.

Tja, so eine Scheiße, dachte Qhuinn. Früher hätte sich eine solche Frage auf mehr als nur eine neue Frisur bezogen.

»So etwas nennt sich Haarschnitt.«

Sicher? Ich würde das eher als einen Supergau bezeichnen.

Qhuinn rieb sich über den frisch rasierten Schädel. »Ist nichts Besonderes.«

Wenigstens kannst du immer noch ein Toupet tragen. Johns blaue Augen wurden schmal. Und wo ist der ganze Metallscheiß hingekommen?

»Der Krempel ist bei mir im Waffenschrank.«

Nicht die Waffen, das Zeug in deinem Gesicht.

Qhuinn schüttelte den Kopf und wandte sich zum Gehen. Er hatte keine Lust, über all die abgelegten Piercings zu reden. Sein Hirn war verknotet und der Körper erschöpft, so steif und wund von seinem täglichen Laufpensum …

Wieder ertönte der Pfiff, und fast hätte Qhuinn seinem Freund über die Schulter zugerufen, er solle sich verpissen. Doch er verkniff es sich, um Zeit zu sparen: In dieser Stimmung ließ John erfahrungsgemäß nicht so schnell locker.

Also drehte Qhuinn sich erneut zu ihm um und knurrte: »Was denn?«

Du musst mehr essen. Bei den Mahlzeiten, allein, egal. Du mutierst allmählich zum Skelett …

»Mir geht es gut …«

Also, entweder holst du dir jetzt sofort was zum Beißen, oder ich lasse den Kraftraum absperren und gebe dir keinen Schlüssel. Kannst es dir aussuchen. Außerdem habe ich Layla gerufen. Sie erwartet dich in deinem Zimmer.

Qhuinn drehte sich vollständig um. Keine gute Idee. Die Bewegung verwandelte die Eingangshalle in ein Karussell. Er hielt sich erneut am Geländer fest und presste zwischen den Zähnen hervor: »Das hätte ich auch selbst tun können.«

Aber du hättest es nicht getan, also habe ich es für dich erledigt – nachdem ich kein Dutzend Lesser töten kann, ist das meine gute Tat für diese Woche.

»Wenn du einen auf Mutter Teresa machen willst, such dir lieber einen anderen.«

Sorry, meine Wahl ist nun einmal auf dich gefallen. Also mach dich lieber auf die Socken – du willst sie doch nicht warten lassen. Ach ja, als Xhex und ich in der Küche waren, habe ich Fritz beauftragt, dir was zu kochen und es dir zu bringen. Später.

Als der Kerl in Richtung Butlerkammer davonspazierte, rief Qhuinn ihm hinterher: »Ich möchte nicht gerettet werden, Arschloch. Ich kann auf mich selbst aufpassen.«

Als Antwort hielt John seinen gestreckten Mittelfinger hoch.

»Ach, verdammt«, fluchte Qhuinn.

Er hatte im Augenblick absolut keine Lust auf Layla.

Nichts gegen die Auserwählte, aber die Aussicht darauf, gleich in einem geschlossenen Raum zu sein mit jemandem, der auf Sex aus war, schien ihm fast unerträglich. Welch Hohn. Bis jetzt war das Vögeln nicht nur ein Bestandteil seines Lebens gewesen, er hatte sich regelrecht darüber definiert. Aber seit letzter Woche wurde ihm beim bloßen Gedanken daran schlecht.

Himmel, wenn das so weiterging, wäre der letzte Fick in seinem Leben dieser Rotschopf gewesen. Ha, ha, wie witzig: Die Jungfrau der Schrift schien echt einen finsteren Sinn für Humor zu haben.

Er schleppte also sein Tonnengewicht die Treppe rauf und nahm sich vor, Layla so höflich wie möglich zu verklickern, dass sie sich weiter um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern …

Auf dem zweiten Absatz wurde ihm schwindlig, und er blieb stehen.

In den vergangenen sieben Nächten hatte er sich an den schwummrigen Dauerzustand gewöhnt, der mit dem vielen Herumlaufen und dem wenigen Essen einherging, er freute sich schon auf die nächste Dröhnung. Zum Donnerwetter, es war billiger als Saufen, und es ließ nie nach – zumindest nicht solange, bis er etwas zu sich nahm.

Aber das hier war etwas anderes. Er fühlte sich, als hätte ihn jemand von hinten mit dem Bulldozer umgenietet und ihm die Beine unterm Arsch weggezogen – doch seine Augen sagten ihm, dass er noch stand. Genauso wie die Tatsache, dass seine Hüften am Geländer lehn…

Ohne Vorwarnung knickte ein Knie ein, und er polterte zu Boden wie ein Buch aus dem Regal.

Also packte er das verdammte Geländer und zog sich daran hoch, bis er halb darüberhing. Mit grimmigem Blick auf sein Bein schüttelte er es aus, atmete tief durch und zwang seinen Körper, ihm zu gehorchen.

Fehlanzeige.

Stattdessen rutschte er langsam wieder ab und musste sich herumdrehen, damit es aussah, als würde er sich nur mal eben auf dem blutroten Läufer ausruhen. Das Atmen fiel ihm schwer … oder besser gesagt, er atmete, aber es brachte nichts. Verdammt … reiß … dich … zusammen …

Scheiße.

»Herr?«, kam eine Stimme von oben.

Doppelte Scheiße.

Er kniff die Augen zu. Dass Layla ausgerechnet jetzt erscheinen musste, war ein typisches Beispiel für Murphys berühmtes Gesetz.

»Herr, kann ich Euch behilflich sein?«

Andererseits hatte es vielleicht auch sein Gutes: Lieber sie als einer der Brüder. »Ja. Mein Knie. Hab es mir beim Laufen verletzt.«

Er sah auf, als die Auserwählte zu ihm herabschwebte, ihr weißes Gewand im starken Kontrast zum tiefen Rot des Läufers und dem goldenen Glanz der Verzierungen in der Eingangshalle.

Und als sie sich nach ihm bückte, kam er sich vor wie der letzte Idiot. Er versuchte, sich selbst auf die Füße zu ziehen … aber es gelang ihm nicht. »Ich, äh, … ich warne dich, ich bin ziemlich schwer.«

Ihre gertenschlanke Hand bewegte sich auf ihn zu. Erstaunt bemerkte er seine zitternden Finger, als er ihr Hilfsangebot annahm. Außerdem erstaunte ihn, dass sie ihn mit einem Ruck auf die Füße zog.

»Du bist stark«, bemerkte er, während sie ihm den Arm um die Hüfte legte und ihn in die Senkrechte hievte.

»Wir gehen zusammen.«

»Tut mir leid, ich bin verschwitzt.«

»Das stört mich nicht.«

Und damit ging es auch schon los. Ganz langsam stiegen sie die Treppe hoch und wanderten durch den Flur im ersten Stock, hinkten vorbei an allen möglichen zum Glück geschlossenen Türen: Wraths Arbeitszimmer. Tohrments Zimmer. Das von Blay – das er lieber nicht sah. Das von Saxton – in das er nicht hineinstürzte, um den Cousin mit einem Tritt aus dem Fenster zu befördern. Und das Zimmer von John Matthew und Xhex.

»Ich mache auf«, sagte die Auserwählte, als sie zu guter Letzt vor seiner Tür standen.

Sie mussten sich seitlich drehen, weil er bei seiner stattlichen Größe sonst nicht hindurchgepasst hätte, und er war ihr wirklich dankbar, als sie die Tür schloss und ihn zum Bett geleitete. Niemand brauchte zu erfahren, was hier vorging, und die Chancen standen gut, dass die Auserwählte ihm die Geschichte mit der kleinen Sportverletzung abkaufte.

Eigentlich wollte er aufrecht sitzen bleiben. Doch sobald Layla ihn losließ, kippte er rückwärts auf die Matratze und lag da wie ein Fußabstreifer. Er sah an sich hinab in Richtung der Schuhe und wunderte sich, warum er das Auto nicht entdecken konnte, das doch so offensichtlich auf ihm parkte. Definitiv kein Prius. Eher ein verdammter Chevy Tahoe.

Oder ein Suburban.

»Äh … hör zu, könntest du in meiner Lederjacke nachschauen? Da habe ich einen Proteinriegel drin.«

Im selben Moment hörte er von der Tür her ein Klirren von Metall auf Porzellan. Und dann drang der Geruch einer warmen Mahlzeit zu ihm. »Wie wäre es stattdessen mit diesem Roastbeef, Herr?«

Sein Magen zog sich zusammen wie eine Faust. »Himmel … nein …«

»Es gibt Reis dazu.«

»Nur … einen von diesen Riegeln …«

Ein leises Quietschen ließ vermuten, dass die Auserwählte einen Teewagen herüberschob, und eine Sekunde später war der Essensgeruch überwältigend.

»Stopp – stopp, verdammt –« Er rollte sich zur Seite und beugte sich würgend über einen Papierkorb – ohne dass etwas passiert wäre. »Nicht … das Essen …«

»Ihr müsst aber essen«, kam die überraschend bestimmte Antwort. »Ich werde Euch füttern, wenn es sein muss.«

»Wage es bloß nicht …«

»Hier.« Anstatt Fleisch oder Reis hielt sie ihm nun ein kleines Stückchen Brot hin. »Mund auf. Ihr braucht Nahrung, Herr. Das sagte mir John Matthew.«

Qhuinn sank zurück in die Kissen und legte sich den Arm über das Gesicht. Sein Herz hüpfte unregelmäßig in der Brust, und vage wurde ihm klar, dass er sich umbringen würde, wenn er so weitermachte.

Komisch, die Vorstellung schien ihm gar nicht mal so übel. Besonders, als ihm Blays Gesicht in den Sinn kam.

So schön. So überaus schön. Es klang dumm und unmännlich, aber das war er. Gewiss lag es an diesen verdammten Lippen … wohlgeformt mit voller Unterlippe. Oder waren es die Augen? So blau …

Er hatte diesen Mund geküsst, und es war wundervoll gewesen. Hatte ein wildes Feuer in diesen Augen entfacht.

Er hätte Blay als Erster haben können. Und als Einziger. Doch stattdessen? Sein Cousin …

»O Gott …«, stöhnte er.

»Herr. Esst.«

Weil er zu schwach war, sich zu wehren, fügte er sich, öffnete den Mund, kaute mechanisch, schluckte mit trockener Kehle. Und dann tat er es wieder. Und wieder. Und wie sich herausstellte, beruhigten die Kohlenhydrate das Erdbeben in seinem Magen, und schneller, als er es für möglich gehalten hatte, freute er sich tatsächlich auf etwas Gehaltvolleres. Doch der nächste Gang in der Menüfolge war etwas Wasser aus der Flasche, die Layla ihm an die Lippen hielt, während er in kleinen Schlucken trank.

»Vielleicht sollten wir eine Pause einlegen«, sagte er und wehrte das nächste Brotstückchen ab, damit es nicht zu viel wurde.

Er rollte sich auf die Seite, und die Knochen seiner Beine schlugen gegeneinander. Außerdem lag sein Arm irgendwie anders als sonst auf der Brust – das Muskelpolster schien geschrumpft zu sein. Und seine Nike-Laufshorts schlackerten am Bund.

Das war also die Schadensbilanz nach gerade mal sieben Tagen.

Wenn er so weitermachte, würde man ihn bald nicht wiedererkennen.

Verdammt, er sah schon jetzt total verändert aus. Wie John Matthew so überaus richtig bemerkt hatte, war nicht nur sein Schädel rasiert, sondern auch das Augenbrauenpiercing verschwunden, genauso wie das Piercing in der Unterlippe und das Dutzend entlang beider Ohrmuscheln. Entfernt hatte er außerdem die Brustwarzenringe. Das Zungenpiercing und den Mist weiter unten hatte er gelassen, aber das sichtbare Zeug war fort, futsch, verschwunden.

Er hatte so vieles an sich satt. Dieses Außenseiterdasein, das er pflegte. Sein Schlampenimage.

Und er hatte keine Lust mehr, gegen ein paar Tote zu rebellieren. Er brauchte wirklich keinen Seelenklempner, er wusste auch so, was ihn geprägt hatte: Er kam aus einer ultrakonservativen Bilderbuchfamilie der Glymera – und heimgezahlt hatte er es ihnen durch sein Auftreten als bisexueller Metalhead mit Goth-Garderobe und einem Nadelfetisch. Aber wie viel von dem Scheiß kam von ihm selbst, und was war Auflehnung wegen seiner verschiedenfarbenen Augen?

Wer war er eigentlich wirklich?

»Mehr?«, fragte Layla.

Tja, das war wohl die große Frage.

Als die Auserwählte erneut mit ihrem Baguette angriff, beschloss Qhuinn, mit den Faxen aufzuhören. Er sperrte den Schnabel auf wie ein Vogeljunges und aß den Happen. Und noch einen. Und als könnte sie seine Gedanken lesen, hielt ihm Layla als Nächstes eine silberne Gabel mit einem Stück Roastbeef vor die Lippen.

»Versuchen wir es mal damit, Herr … aber langsam kauen.«

Guter Witz. Ein urplötzlicher Heißhunger ließ ihn zum T-Rex mutieren, und fast hätte er die Zinken mit abgebissen, als er sich auf das Fleisch stürzte. Doch Layla reagierte schnell und hatte gleich das nächste Stück parat.

»Warte … stopp«, murmelte er, weil er fürchtete, sich übergeben zu müssen.

Er rollte sich auf den Rücken, legte eine Hand auf die Brust und atmete flach, denn alles andere hätte zu einem unappetitlichen Schauspiel geführt.

Laylas Gesicht tauchte über ihm auf. »Herr … vielleicht sollten wir aufhören.«

Qhuinn kniff die Augen zusammen und sah sie zum ersten Mal seit ihrem Erscheinen richtig an.

Gott, was war sie doch für ein Hingucker. Das volle, hellblonde Haar, hoch aufgetürmt auf dem Kopf, dieses bildhübsche Gesicht. Mit ihren Erdbeerlippen und den grünen Augen, die im Schein der Lampe leuchteten, vereinte sie alles in sich, was sein Volk in Sachen Erbgut wertschätzte – nicht der kleinste Defekt.

Er streckte die Hand nach ihr aus und berührte den Chignon. So weich. Layla benötigte kein Haarspray. Ihre Haarpracht schien von allein zu wissen, dass sie dieses Antlitz zu umrahmen hatte, und kam dieser Aufgabe eilfertig nach.

»Herr?« Sie versteifte sich.

Er wusste, was unter ihrer Robe steckte: Ihre Brüste waren absolut umwerfend und ihr Bauch flach wie ein Brett … und diese Hüften und das samtig weiche Geschlecht zwischen den Schenkeln waren von der Sorte, für die sich ein Mann nackt in Glasscherben fallen lassen würde.

Er kannte diese Details, weil er sie alle gesehen hatte, viele davon berührt und ein paar ausgewählte mit dem Mund erkundet hatte.

Aber er hatte sie nicht genommen. War auch nicht sonderlich weit gegangen. Als Ehros war sie für den Sex geschult, aber nachdem es keinen Primal gab, der den Auserwählten auf diese Art gedient hätte, war ihr Wissen rein theoretischer Natur, ihre praktische Erfahrung gleich null. Eine Zeit lang hatte Qhuinn ihr mit Vergnügen eine kleine Einweisung gegeben.

Aber das Gefühl hatte nicht gestimmt.

Zwar hatte Layla einiges empfunden, das sie für richtig hielt, aber in ihren Augen hatte Qhuinn viel mehr gesehen, als sein Herz erwidern konnte, um die Sache am Laufen zu halten.

»Werdet Ihr meine Ader nehmen, Herr?«, flüsterte sie mit rauchiger Stimme.

Er starrte sie nur an.

Ihre roten Lippen teilten sich. »Herr, werdet Ihr … mich nehmen?«

Als er die Lider schloss, sah er wieder Blays Gesicht vor sich … aber nicht das Gesicht, wie es jetzt war. Er erblickte nicht den kalten Fremden, den Qhuinn geschaffen hatte. Er erkannte den alten Blay, mit seinen blauen Augen, die irgendwie immer auf ihn gerichtet waren.

»Herr … ich stehe Euch zur Verfügung. Noch immer. Für immer.«

Als er Layla wieder ansah, waren ihre Finger zum Aufschlag ihrer Robe gewandert und hatten ihn weit auseinandergezogen, so dass ihr langer, eleganter Hals und ihr geschwungenes Schlüsselbein freigelegt wurden sowie ihr herrlicher Ausschnitt.

»Herr … ich möchte Euch dienen.« Sie zog den Satinstoff noch weiter auseinander und bot ihm nicht nur die Vene, sondern ihren ganzen Körper dar. »Nehmt mich …«

Qhuinn hielt ihre Hände fest, als sie zu der Kordel um ihre Hüfte wanderten. »Stopp.«

Sie senkte den Blick und erstarrte.

Doch bald sammelte sie sich wieder, löste sich aus seinem Griff und zupfte ihre Robe notdürftig zurecht.

»Dann nehmt mein Handgelenk.« Ihre Hand zitterte, als sie den Ärmel hochriss und ihm den Arm hinstreckte. »Nehmt von meiner Vene, was Ihr so offensichtlich braucht.«

Sie sah ihn nicht an. Vermutlich schaffte sie es nicht.

Dennoch wich sie nicht vom Fleck … zwar war sie verstummt nach dieser Demütigung, die sie nicht verdiente und die er bedauerte … doch sie bot sich ihm an – nicht auf eine Weise, die lächerlich war, sondern weil man sie von Geburt an dazu erzogen hatte, einem Zweck zu dienen, der nichts mit ihren Bedürfnissen zu tun hatte, sondern einzig mit den Erwartungen der Gesellschaft … und sie war entschlossen, ihnen gerecht zu werden. Selbst wenn man ihre Person dabei verkannte.

Himmel, er wusste genau, wie sich das anfühlte.

»Layla …«

»Entschuldigt Euch nicht, Herr. Das setzt mich herab.«

Er griff nach ihrem Arm, um zu verhindern, dass sie aufstand. »Sieh mal, es ist meine Schuld. Ich hätte niemals Sex mit dir anfangen …«

»Und ich bitte Euch, hört auf!« Sie saß kerzengerade auf dem Bett und klang schrill. »Lasst mich bitte los.«

Er runzelte die Stirn. »Scheiße … du fühlst dich kalt an.«

»Tatsächlich.«

»Ja.« Er rieb ihren Arm. »Musst du dich nähren? Layla? Hallo?«

»Nein, ich war im Heiligtum.«

Nun, das kaufte er ihr sogar ab. Wenn sich die Auserwählten auf der Anderen Seite aufhielten, existierten sie, ohne wirklich zu existieren, ohne die Notwendigkeit zu verspüren, sich von Blut zu nähren – und sie kamen dort allem Anschein nach wieder zu Kräften: In den letzten zwei Jahren hatte Layla allein all den Brüdern gedient, die sich nicht von ihren Shellans nähren konnten. Alle kamen sie zu ihr.

Und dann dämmerte es ihm. »Warte mal, du warst noch nie oben im Norden?«

Seit Phury die Auserwählten von ihrem strengen und eingeschränkten Dasein befreit hatte, verließen die meisten von ihnen das Heiligtum, in dem sie seit Ewigkeiten festgesessen hatten, und besuchten das Sommerhaus in den Adironbacks, um die Freiheiten des Lebens auf dieser Seite kennenzulernen.

»Layla?«

»Nein, ich gehe nicht mehr dorthin.«

»Warum nicht?«

»Ich kann nicht.« Sie winkte ab und zog erneut an ihrem Ärmel. »Herr? Nehmt Ihr nun meine Ader?«

»Warum kannst du nicht?«

Sie sah ihn an, völlig entnervt. Was war das für eine Erleichterung. Ihre duldsame Ergebenheit konnte einen daran zweifeln lassen, ob sie überhaupt eine eigene Meinung hatte. Doch jetzt bewies ihr Gesichtsausdruck, dass sie eine Menge unter ihrer Robe verbarg – und dabei dachte Qhuinn nicht nur an ihre perfekte Figur.

»Layla. Antworte mir. Warum nicht?«

»Ich kann nicht.«

»Wer sagt das?« Qhuinn stand Phury nicht sonderlich nahe, aber er kannte ihn gut genug, um dem Kerl ein Problem vorzubringen. »Wer?«

»Niemand sagt das. Macht Euch keine Sorgen.« Sie deutete auf ihr Handgelenk. »Nehmt, damit Ihr zu Kräften kommt, und dann lasse ich Euch in Frieden.«

»Fein, wenn du um Worte streiten möchtest – was hindert dich daran?«

Frust flammte in ihrem Gesicht auf. »Das geht Euch nichts an.«

»Ich entscheide, was mich etwas angeht.« Üblicherweise belästigte er keine Frauen, aber anscheinend war der Gentleman in ihm erwacht und mit dem linken Fuß aus dem Bett gestiegen. »Jetzt sag schon.«

Er war sonst der Letzte, der andere zur Aussprache nötigte, aber heute ließ er nicht locker. Denn er hätte es nicht ertragen, wenn etwas diese Frau verletzt hätte.

»In Ordnung.« Sie warf die Hände in die Luft. »Würde ich in den Norden gehen, könnte ich Euch nicht alle mit Blut versorgen. Deshalb ziehe ich mich ins Heiligtum zurück, um mich zu erholen, und warte, bis ich gerufen werde. Dann komme ich auf diese Seite und diene Euch, und danach muss ich wieder zurück. Deshalb kann ich nicht in die Berge.«

»Himmel …« Was waren sie doch für ein unsensibles Pack. Sie hätten dieses Problem erkennen müssen – zumindest Phury hätte es merken müssen. Es sei denn … »Hast du mit dem Primal geredet?«

»Worüber denn, wenn ich fragen darf?«, fauchte sie. »Sagt mir, Herr, hättet Ihr es wohl eilig, Eurem König zu berichten, wenn Ihr im Kampf versagt hättet?«

»Aber wer spricht denn von Versagen? Schließlich nährst du – wie viele? – vier von uns.«

»Genau so ist es. Und ich diene Euch allen in äußerst eingeschränkter Funktion.«

Layla sprang auf, trat ans Fenster und starrte hinaus. Qhuinn sah sie an und wünschte, er könnte sie begehren: In diesem Moment hätte er alles gegeben, um ihre Gefühle zu erwidern – sie war alles, was man in seiner Familie wertschätzte, der Inbegriff der perfekten Frau. Und sie begehrte ihn.

Aber wenn er in sein Herz blickte, wohnte dort jemand anders. Und das ließ sich durch nichts ändern. Niemals … fürchtete er.

»Ich weiß nicht, wer oder was ich eigentlich bin«, sagte Layla, als würde sie mit sich selbst sprechen.

Tja, sah ganz so aus, als quälte sie beide die gleiche Frage. »Das wirst du nicht herausfinden, solange du das Heiligtum nicht verlässt.«

»Unmöglich, wenn ich Euch dienen …«

»Dann bitten wir eben eine andere. Ganz einfach.«

Er hörte sie scharf die Luft einsaugen. »Selbstverständlich. Ihr tut, wie es Euch beliebt.«

Qhuinn studierte die harte Kontur ihres Kinns. »Ich wollte dir damit nur helfen.«

Sie funkelte ihn über die Schulter hinweg an. »Tut Ihr aber nicht – denn dann bleibt mir gar nichts. Ihr wählt, ich trage die Konsequenzen.«

»Es ist dein Leben. Du hast die Wahl.«

»Reden wir nicht mehr darüber.« Sie warf erneut die Hände in die Luft. »Gütige Jungfrau der Schrift, Ihr habt keine Vorstellung, wie es ist, etwas zu begehren, das Euch das Schicksal verwehrt.«

Qhuinn stieß ein hartes Lachen aus. »Von wegen.« Als sie ihn überrascht ansah, verdrehte er die Augen. »Wir beide haben mehr gemeinsam, als du glaubst.«

»Ihr habt alle Freiheit der Welt. Was könnte Euch noch fehlen?«

»Glaub mir.«

»Nun, ich sehne mich nach Euch, doch Ihr seid mir verwehrt. Daran kann ich nichts ändern. Aber wenn ich Euch und den anderen diene, habe ich zumindest noch eine andere Aufgabe im Leben, als nur meinen geplatzten Träumen nachzutrauern.«

Qhuinn atmete tief durch. Man musste diese Frau bewundern. Sie zog nicht die Mitleidsnummer ab, sondern nannte die Dinge beim Namen, so wie sie sich für sie darstellten.

Scheiße, sie war wirklich genau die Sorte Shellan, von der er immer geträumt hatte. Obwohl er alles gevögelt hatte, was ihm über den Weg gelaufen war, hatte er sich insgeheim immer in einer dauerhaften Beziehung gesehen. Mit einer Klassefrau aus gutem Haus – einer, die seinen Eltern nicht nur gefallen hätte, sondern von der sie auch ein bisschen beeindruckt gewesen wären.

So weit sein Traum. Doch jetzt, da er kurz davor war, sich zu verwirklichen … jetzt, da die Frau, von der er immer geträumt hatte, leibhaftig vor ihm stand und ihm ins Gesicht blickte … wollte er etwas völlig anderes.

»Ich wünschte, ich würde mehr für dich empfinden«, sagte er rau und rückte nun seinerseits mit der Wahrheit heraus. »Ich würde fast alles tun, um für dich zu fühlen, was ich fühlen sollte. Du bist … die Frau meiner Träume. Nach jemandem wie dir habe ich mich immer gesehnt, doch ich hätte nie zu hoffen gewagt, dass sich ein Wesen wie du für mich interessieren könnte.«

Ihre Augen weiteten sich wie zwei Monde, schön und leuchtend. »Aber warum …«

Er rieb sich das Gesicht und fragte sich, was er da eigentlich redete.

Was er da eigentlich tat.

Als er die Hände von den Augen nahm, blieb eine Feuchtigkeit zurück, über die er nicht zu lange nachdenken wollte.

»Ich habe mein Herz verloren«, sagte er heiser. »An jemand anderen. Das ist der Grund.«

Deutsche Erstausgabe 03/2012 Redaktion: Bettina Spangler

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Copyright © 2012 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlagbild: Dirk Schulz Umschlaggestaltung: Animagic, Bielefeld Autorenfoto © by John Rott Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

eISBN 978-3-641-08203-1

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