Vampirseele - J. R. Ward - E-Book
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Vampirseele E-Book

J. R. Ward

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Beschreibung

Düster, erotisch, unwiderstehlich

Keiner aus der Bruderschaft der BLACK DAGGER hätte geahnt, was das Schicksal für John Matthew bereithält – am wenigsten er selbst. Stück für Stück enthüllt sich nun, aufgewachsen als Vampir unter den Menschen, seine tatsächliche Herkunft und seine wahre Identität. Eine Identität, die über das Schicksal der gesamten Bruderschaft entscheiden wird…

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 471




Das Buch

Keiner aus der Bruderschaft der BLACK DAGGER hätte geahnt, was das Schicksal für John Matthew bereithielt – am wenigsten er selbst. Aufgewachsen als Vampir unter Menschen enthüllen sich nun Stück für Stück seine wahre Identität und seine Bestimmung innerhalb der Bruderschaft. Doch John ist der mysteriösen Xhex verfallen, die ein finsteres Geheimnis hütet. Ein Geheimnis, das die Bruderschaft in höchste Gefahr bringen könnte …

Die BLACK-DAGGER-Serie:

Erster Roman: Nachtjagd

Zweiter Roman: Blutopfer

Dritter Roman: Ewige Liebe

Vierter Roman: Bruderkrieg

Fünfter Roman: Mondspur

Sechster Roman: Dunkles Erwachen

Siebter Roman: Menschenkind

Achter Roman: Vampirherz

Neunter Roman: Seelenjäger

Zehnter Roman: Todesfluch

Elfter Roman: Blutlinien

Zwölfter Roman: Vampirträume

Sonderband: Die Bruderschaft der BLACK DAGGER

Dreizehnter Roman: Racheengel

Vierzehnter Roman: Blinder König

Fünfzehnter Roman: Vampirseele

Sechzehnter Roman: Mondschwur

Die FALLEN ANGELS-Serie:

Erster Roman: Die Ankunft

Die Autorin

J. R. Ward begann bereits während des Studiums mit dem Schreiben. Nach dem Hochschulabschluss veröffentlichte sie die BLACK-DAGGER-Serie, die in kürzester Zeit die amerikanischen Bestseller-Listen eroberte. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrem Golden Retriever in Kentucky und gilt seit dem überragenden Erfolg der Serie als neuer Star der romantischen Mystery.

J. R. Ward

Vampirseele

Ein BLACK DAGGER-Roman

WilhelmHeyneVerlagMünchen

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LOVERMINE (Part 1)

Aus dem Amerikanischen von Petra Hörburger und Corinna Vierkant

Deutsche Erstausgabe 12/2010

Redaktion: Natalja Schmidt

Copyright © 2010 by Jessica Bird

Copyright © 2010 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-05976-7V003

www.heyne-magische-bestseller.de

Gewidmet: Dir.

Ich kann kaum glauben, dass wir zusammen

so weit gekommen sind.

Dein Buch ist jedoch kein Abschied,

sondern ein Neuanfang.

Aber daran bist du ja schon gewöhnt…

Danksagung

Ein Riesendankeschön an alle Leser der Bruderschaft der Black Dagger und ein Hoch auf die Cellies!

Vielen Dank für all die Unterstützung und die Ratschläge an: Steven Axelrod, Kara Welsh, Claire Zion und Leslie Gelbman.

Danke auch an alle Mitarbeiter von NAL – diese Bücher sind echte Teamarbeit!

Danke an Lu und Opal sowie an unsere Cheforganisatoren und Ordnungshüter für alles, was ihr aus reiner Herzensgüte tut!

Und wie immer vielen Dank an meinen Exekutivausschuss: Sue Grafton, Dr. Jessica Andersen und Betsey Vaughan.

Meine Achtung gilt der unvergleichlichen Suzanne Brockmann und der stets brillanten Christine Feehan (plus Familie) sowie allen Autoren, die mir immer wieder mit Trost und Rat zur Seite stehen (Christina, Linda und Lisa).

Danke auch an Kara Cesare, die immer einen Platz in meinem Herzen haben wird.

An D. L. B. – ich bin einer deiner größten Fans. Schreib bitte weiter! Ich liebe dich, Mummy.

An N. T. M. – danke, dass du mich auf meinem Weg begleitest, in guten wie in schlechten Zeiten.

An Jac (und Gabe!) – danke für Barbie und die Neudefinition der Romantik.

An LeElla Scott – die ich so sehr liebe, und nicht nur, weil sie sich so toll um meinen geliebten Welpen-Neffen kümmert.

An Katie und die kleine Kaylie und ihre Mama – die in meinem Kurzwahlspeicher ganz oben steht.

An Lee, der mir den Weg geebnet hat, und an Margaret und Walker für all die Freude, die sie mir bringen.

Nichts von alledem wäre möglich ohne: meinen liebevollen Ehemann, der mir mit Rat und Tat zur Seite steht, sich um mich kümmert und mich an seinen Visionen teilhaben lässt; meine wunderbare Mutter, die mir mehr Liebe geschenkt hat, als ich ihr je zurückgeben kann; meine Familie (die blutsverwandte wie auch die frei gewählte) und meine liebsten Freunde.

Ach ja, und an die bessere Hälfte von WriterDog, wie immer.

Glossar der Begriffe und Eigennamen

Ahstrux nohtrum– Persönlicher Leibwächter mit Lizenz zum Töten, der vom König ernannt wird.

Die Auserwählten– Vampirinnen, deren Aufgabe es ist, der Jungfrau der Schrift zu dienen. Sie werden als Angehörige der Aristokratie betrachtet, obwohl sie eher spirituell als weltlich orientiert sind. Normalerweise pflegen sie wenig bis gar keinen Kontakt zu männlichen Vampiren; auf Weisung der Jungfrau der Schrift können sie sich aber mit einem Krieger vereinigen, um den Fortbestand ihres Standes zu sichern. Einige von ihnen besitzen die Fähigkeit zur Prophezeiung. In der Vergangenheit dienten sie alleinstehenden Brüdern zum Stillen ihres Blutbedürfnisses. Diese Praxis wurde von den Brüdern wiederaufgenommen.

Bannung– Status, der einer Vampirin der Aristokratie auf Gesuch ihrer Familie durch den König auferlegt werden kann. Unterstellt die Vampirin der alleinigen Aufsicht ihres Hüters, üblicherweise der älteste Mann des Haushalts. Ihr Hüter besitzt damit das gesetzlich verbriefte Recht, sämtliche Aspekte ihres Lebens zu bestimmen und nach eigenem Gutdünken jeglichen Umgang zwischen ihr und der Außenwelt zu regulieren.

Die Bruderschaft der Black Dagger– Die Brüder des Schwarzen Dolches. Speziell ausgebildete Vampirkrieger, die ihre Spezies vor der Gesellschaft der Lesser beschützen. Infolge selektiver Züchtung innerhalb der Rasse besitzen die Brüder ungeheure physische und mentale Stärke sowie die Fähigkeit zur extrem raschen Heilung. Die meisten von ihnen sind keine leiblichen Geschwister; neue Anwärter werden von den anderen Brüdern vorgeschlagen und daraufhin in die Bruderschaft aufgenommen. Die Mitglieder der Bruderschaft sind Einzelgänger, aggressiv und verschlossen. Sie pflegen wenig Kontakt zu Menschen und anderen Vampiren, außer um Blut zu trinken. Viele Legenden ranken sich um diese Krieger, und sie werden von ihresgleichen mit höchster Ehrfurcht behandelt. Sie können getötet werden, aber nur durch sehr schwere Wunden wie zum Beispiel eine Kugel oder einen Messerstich ins Herz.

Blutsklave– Männlicher oder weiblicher Vampir, der unterworfen wurde, um das Blutbedürfnis eines anderen zu stillen. Die Haltung von Blutsklaven wurde vor kurzem gesetzlich verboten.

Chrih– Symbol des ehrenhaften Todes in der alten Sprache.

Doggen– Angehörige(r) der Dienerklasse innerhalb der Vampirwelt. Doggen pflegen im Dienst an ihrer Herrschaft altertümliche, konservative Sitten und folgen einem formellen Bekleidungs- und Verhaltenskodex. Sie können tagsüber aus dem Haus gehen, altern aber relativ rasch. Die Lebenserwartung liegt bei etwa fünfhundert Jahren.

Dhunhd– Hölle.

Ehros– Eine Auserwählte, die speziell in der Liebeskunst ausgebildet wurde.

Exhile Dhoble– Der böse oder verfluchte Zwilling, derjenige, der als Zweiter geboren wird.

Gesellschaft der Lesser– Orden von Vampirjägern, der von Omega zum Zwecke der Auslöschung der Vampirspezies gegründet wurde.

Glymera– Das soziale Herzstück der Aristokratie, sozusagen die »oberen Zehntausend« unter den Vampiren.

Gruft– Heiliges Gewölbe der Bruderschaft der Black Dagger. Sowohl Ort für zeremonielle Handlungen wie auch Aufbewahrungsort für die erbeuteten Kanopen der Lesser. Hier werden unter anderem Aufnahmerituale, Begräbnisse und Disziplinarmaßnahmen gegen Brüder durchgeführt. Niemand außer Angehörigen der Bruderschaft, der Jungfrau der Schrift und Aspiranten hat Zutritt zur Gruft.

Hellren– Männlicher Vampir, der eine Partnerschaft mit einer Vampirin eingegangen ist. Männliche Vampire können mehr als eine Vampirin als Partnerin nehmen.

Hohe Familie– König und Königin der Vampire sowie all ihre Kinder.

Hüter– Vormund eines Vampirs oder einer Vampirin. Hüter können unterschiedlich viel Autorität besitzen, die größte Macht übt der Hüter einer gebannten Vampirin aus.

Jungfrau der Schrift– Mystische Macht, die dem König als Beraterin dient sowie die Vampirarchive hütet und Privilegien erteilt. Existiert in einer jenseitigen Sphäre und besitzt umfangreiche Kräfte. Hatte die Befähigung zu einem einzigen Schöpfungsakt, den sie zur Erschaffung der Vampire nutzte.

Leahdyre– Eine mächtige und einflussreiche Person.

Lesser– Ein seiner Seele beraubter Mensch, der als Mitglied der Gesellschaft der Lesser Jagd auf Vampire macht, um sie auszurotten. Die Lesser müssen durch einen Stich in die Brust getötet werden. Sie altern nicht, essen und trinken nicht und sind impotent. Im Laufe der Jahre verlieren ihre Haare, Haut und Iris ihre Pigmentierung, bis sie blond, bleich und weißäugig sind. Sie riechen nach Talkum. Aufgenommen in die Gesellschaft werden sie durch Omega. Daraufhin erhalten sie ihre Kanope, ein Keramikgefäß, in dem sie ihr aus der Brust entferntes Herz aufbewahren.

Lewlhen– Geschenk.

Lheage– Respektsbezeichnung einer sexuell devoten Person gegenüber einem dominanten Partner.

Lielan– Ein Kosewort, frei übersetzt in etwa »mein Liebstes«.

Lys– Folterwerkzeug zur Entnahme von Augen.

Mahmen – Mutter. Dient sowohl als Bezeichnung als auch als Anrede und Kosewort.

Mhis– Die Verhüllung eines Ortes oder einer Gegend; die Schaffung einer Illusion.

Nalla oder Nallum– Kosewort. In etwa »Geliebte(r)«.

Novizin– Eine Jungfrau.

Omega– Unheilvolle mystische Gestalt, die sich aus Groll gegen die Jungfrau der Schrift die Ausrottung der Vampire zum Ziel gesetzt hat. Existiert in einer jenseitigen Sphäre und hat weitreichende Kräfte, wenn auch nicht die Kraft zur Schöpfung.

Phearsom– Begriff, der sich auf die Funktionstüchtigkeit der männlichen Geschlechtsorgane bezieht. Die wörtliche Übersetzung lautet in etwa »würdig, in eine Frau einzudringen«.

Princeps– Höchste Stufe der Vampiraristokratie, untergeben nur den Mitgliedern der Hohen Familie und den Auserwählten der Jungfrau der Schrift. Dieser Titel wird vererbt; er kann nicht verliehen werden.

Pyrokant– Bezeichnet die entscheidende Schwachstelle eines Individuums, sozusagen seine Achillesferse. Diese Schwachstelle kann innerlich sein, wie zum Beispiel eine Sucht, oder äußerlich, wie ein geliebter Mensch.

Rahlman– Retter.

Rythos– Rituelle Prozedur, um verlorene Ehre wiederherzustellen. Der Rythos wird von dem Vampir gewährt, der einen anderen beleidigt hat. Wird er angenommen, wählt der Gekränkte eine Waffe und tritt damit dem unbewaffneten Beleidiger entgegen.

Schleier– Jenseitige Sphäre, in der die Toten wieder mit ihrer Familie und ihren Freunden zusammentreffen und die Ewigkeit verbringen.

Shellan– Vampirin, die eine Partnerschaft mit einem Vampir eingegangen ist. Vampirinnen nehmen sich in der Regel nicht mehr als einen Partner, da gebundene männliche Vampire ein ausgeprägtes Revierverhalten zeigen.

Symphath– Eigene Spezies innerhalb der Vampirrasse, deren Merkmale die Fähigkeit und das Verlangen sind, Gefühle in anderen zu manipulieren (zum Zwecke eines Energieaustauschs). Historisch wurden die Symphathen oft mit Misstrauen betrachtet und in bestimmten Epochen auch von den anderen Vampiren gejagt. Sind heute nahezu ausgestorben.

Trahyner– Respekts- und Zuneigungsbezeichnung unter männlichen Vampiren. Bedeutet ungefähr »geliebter Freund«.

Transition– Entscheidender Moment im Leben eines Vampirs, wenn er oder sie ins Erwachsenenleben eintritt. Ab diesem Punkt müssen sie das Blut des jeweils anderen Geschlechts trinken, um zu überleben, und vertragen kein Sonnenlicht mehr. Findet normalerweise mit etwa Mitte zwanzig statt. Manche Vampire überleben ihre Transition nicht, vor allem männliche Vampire. Vor ihrer Transition sind Vampire von schwächlicher Konstitution und sexuell unreif und desinteressiert. Außerdem können sie sich noch nicht dematerialisieren.

Triebigkeit– Fruchtbare Phase einer Vampirin. Üblicherweise dauert sie zwei Tage und wird von heftigem sexuellem Verlangen begleitet. Zum ersten Mal tritt sie etwa fünf Jahre nach der Transition eines weiblichen Vampirs auf, danach im Abstand von etwa zehn Jahren. Alle männlichen Vampire reagieren bis zu einem gewissen Grad auf eine triebige Vampirin, deshalb ist dies eine gefährliche Zeit. Zwischen konkurrierenden männlichen Vampiren können Konflikte und Kämpfe ausbrechen, besonders wenn die Vampirin keinen Partner hat.

Vampir– Angehöriger einer gesonderten Spezies neben dem Homo sapiens. Vampire sind darauf angewiesen, das Blut des jeweils anderen Geschlechts zu trinken. Menschliches Blut kann ihnen zwar auch das Überleben sichern, aber die daraus gewonnene Kraft hält nicht lange vor. Nach ihrer Transition, die üblicherweise etwa mit Mitte zwanzig stattfindet, dürfen sie sich nicht mehr dem Sonnenlicht aussetzen und müssen sich in regelmäßigen Abständen aus der Vene ernähren. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme können Vampire Menschen nicht durch einen Biss oder eine Blutübertragung »verwandeln«; in seltenen Fällen aber können sich die beiden Spezies zusammen fortpflanzen. Vampire können sich nach Belieben dematerialisieren, dazu müssen sie aber ganz ruhig werden und sich konzentrieren; außerdem dürfen sie nichts Schweres bei sich tragen. Sie können Menschen ihre Erinnerung nehmen, allerdings nur, solange diese Erinnerungen im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert sind. Manche Vampire können auch Gedanken lesen. Die Lebenserwartung liegt bei über eintausend Jahren, in manchen Fällen auch höher.

Vergeltung– Akt tödlicher Rache, typischerweise ausgeführt von einem Mann im Dienste seiner Liebe.

Wanderer– Ein Verstorbener, der aus dem Schleier zu den Lebenden zurückgekehrt ist. Wanderern wird großer Respekt entgegengebracht, und sie werden für das, was sie durchmachen mussten, verehrt.

Whard– Entspricht einem Patenonkel oder einer Patentante.

Zwiestreit – Konflikt zwischen zwei männlichen Vampiren, die Rivalen um die Gunst einer Vampirin sind.

PROLOG

BLOODLETTERS KRIEGERLAGER,ALTES LAND, 1644

Er wünschte sich, er hätte mehr Zeit. Allerdings, was würde das in Wahrheit schon ändern? Die Zeit spielte nur eine Rolle, wenn man sie auch nutzen konnte.

Darius, leiblicher Sohn des Tehrror, verstoßener Stiefsohn des Marklon, saß auf dem Boden, sein geöffnetes Tagebuch auf einem Knie und eine Kerze vor sich. Die einzige Lichtquelle war die kleine Flamme, die bei jedem Luftzug flackerte, und sein »Zimmer« war die hinterste Ecke einer Höhle. Seine Kleidung war aus rohem, kampferprobtem Leder gefertigt, genauso wie seine Stiefel.

In seiner Nase vermischten sich der strenge Geruch von männlichem Schweiß und feuchter Erde mit dem süßlichen Gestank von verwesendem Lesser-Blut.

Mit jedem Atemzug schien der Gestank noch schlimmer zu werden.

Er blätterte rückwärts durch die Pergamentseiten, Tag für Tag, bis er zu einer Zeit gelangte, die er noch nicht hier im Kriegerlager verbracht hatte.

Er sehnte sich so sehr nach seinem Zuhause, dass es ihm körperliche Schmerzen bereitete. Der Aufenthalt in diesem Lager kam eher einer gewaltsamen Deportation gleich als einem einfachen Ortswechsel.

Er war in einem Schloss aufgewachsen, in dem Eleganz und Anmut das Leben bestimmten. Innerhalb der starken Mauern, die seine Familie vor Mensch und Lesser gleichermaßen geschützt hatten, war jede Nacht so warm und nach Rosen duftend wie eine Julinacht gewesen, und die Monate vergingen in Muße und Behaglichkeit. Die fünfzig Zimmer, die er oft durchwandert hatte, waren mit Satin und Seide ausgekleidet und mit Möbeln aus edlen Hölzern eingerichtet. Auf den Böden lagen Webteppiche anstatt der üblichen Binsenstreu. Ölgemälde in vergoldeten Rahmen und Marmorstatuen in eleganten Posen bildeten die Platinfassung für eine funkelnde Existenz.

Und so wäre es damals unvorstellbar gewesen, dass er jemals dort sein würde, wo er jetzt war. Das Fundament seines Lebens verfügte jedoch über eine entscheidende Schwachstelle.

Das schlagende Herz seiner Mutter hatte ihm das Recht erwirkt, unter diesem Dach zu leben und verwöhnt aufzuwachsen. Aber als dieses liebende, lebenswichtige Organ in ihrer Brust zu schlagen aufhörte, hatte Darius nicht nur seine Mahmen verloren, sondern auch das einzige Heim, das er je gekannt hatte.

Sein Stiefvater hatte ihn hinausgeworfen und hierher verbannt, aus einer Feindschaft heraus, die er lange verborgen und schließlich offenbart hatte.

Darius hatte keine Zeit gehabt, den Tod seiner Mutter zu betrauern. Keine Zeit, um sich über den plötzlichen Hass des Mannes zu wundern, der praktisch sein Vater gewesen war. Keine Zeit, um sich nach der Identität zurückzusehnen, die er als Vampir aus einer angesehenen Familie innerhalb der Glymera gehabt hatte.

Er war einfach am Eingang dieser Höhle abgesetzt worden, wie ein Mensch, der von der Pest heimgesucht worden war. Und die Kämpfe hatten begonnen, bevor er jemals einen Lesser gesehen oder auch nur mit dem Training für den Kampf gegen die Vampirjäger begonnen hatte. Während seiner ersten Nacht und seines ersten Tages in diesem Lager war er von den anderen Neulingen angegriffen worden, die ihn aufgrund seiner teuren Kleidung– die einzige Garnitur, die er hatte mitnehmen dürfen– für einen Schwächling hielten.

In diesen dunklen Stunden hatte er jedoch nicht nur sie, sondern auch sich selbst überrascht.

In diesen Stunden hatte Darius, genau wie die anderen, festgestellt, dass trotz seiner aristokratischen Erziehung das Blut eines Kriegers in seinen Adern floss. Nicht das Blut eines Soldaten, sondern das eines Mitglieds der Bruderschaft der Black Dagger. Ohne es gelernt zu haben, hatte sein Körper kaltblütig auf den Angriff reagiert. Obwohl sein Verstand mit der Brutalität seiner Taten rang, hatten seine Hände, Füße und Fänge genau gewusst, was sie zu tun hatten.

Offensichtlich gab es noch eine andere Seite von ihm, die er bisher selbst nicht gekannt hatte, die aber seinem »Ich« mehr entsprach als das Bild, das ihm so lange aus dem Spiegel entgegengeblickt hatte.

Mit der Zeit war sein Kampfstil noch geschickter und seine Abscheu vor sich selbst geringer geworden. Tatsache war, dass er gar keine Wahl hatte: Es war das Erbe seines leiblichen Vaters und von dessen Vater und des Vaters seines Großvaters, das ihn zu einer kraftvollen Kampfmaschine machte. Die reine Blutlinie eines Kriegers.

Und zu einem teuflischen, tödlichen Gegner obendrein.

In der Tat fand er es äußerst beunruhigend, dass er diese andere Identität besaß. Es war, als ob er über zwei verschiedene Schatten verfügte, als ob sein Körper stets von zwei verschiedenen Lichtquellen angestrahlt wurde. Aber obwohl sein abscheuliches und brutales Verhalten seine anerzogenen Gefühle verletzte, wusste er, dass dies Teil des höheren Ziels war, dem er zu dienen bestimmt war. Und das hatte ihn immer wieder gerettet… vor jenen innerhalb des Lagers, die ihm Schaden zufügen wollten, und vor dem einen, der ihnen allen scheinbar den Tod wünschte. Bloodletter sollte eigentlich ihr Whard sein, aber er verhielt sich eher wie ein Feind, selbst während er sie in der Kriegskunst unterwies.

Aber vielleicht war das gerade der Punkt. Der Krieg war eine hässliche Sache, egal, ob man sich darauf vorbereitete oder daran teilnahm.

Bloodletters Unterricht war brutal, und seine sadistischen Vorschriften forderten Taten, an denen sich Darius nicht beteiligen wollte. Auch wenn Darius aus Übungskämpfen mit anderen immer als Sieger hervorging, nahm er nie an den Vergewaltigungen teil, die als Strafe für die Besiegten vorgesehen waren. Er war der Einzige, dessen Ablehnung akzeptiert wurde. Bloodletter hatte ein einziges Mal versucht, diese Verweigerung zu brechen. Aber als Darius ihn dabei fast besiegte, hatte er ihn künftig in Ruhe gelassen.

Die Gegner, die Darius unterlagen, und dazu zählten alle im Lager, wurden von anderen bestraft, und während der Rest der Lagerinsassen mit diesem Spektakel beschäftigt war, suchte Darius meist Trost in seinem Tagebuch. Im Moment konnte er keinen Blick in Richtung des Hauptlagerfeuers werfen, da gerade wieder einmal eine dieser Bestrafungsaktionen stattfand.

Er hasste es, dass er erneut die Ursache dafür war, aber er hatte keine Wahl… Er musste nun einmal trainieren, kämpfen und gewinnen. Und das Ergebnis dieser Gleichung wurde durch Bloodletters Gesetz bestimmt.

Vom Lagerfeuer drangen grunzende Laute und lüsterne Spottrufe zu ihm herüber.

Darius’ Herz schmerzte bei diesen Lauten, und er schloss die Augen. Der Kerl, der im Moment in Darius’ Namen die Bestrafung ausführte, war ein brutaler Typ, ganz nach Bloodletters Vorbild. Er meldete sich häufig als Ersatz für Darius, da er es wie starken Met genoss, anderen Schmerzen zuzufügen und sie zu demütigen.

Aber vielleicht würde es nicht mehr lange so sein. Zumindest nicht für Darius.

Heute Nacht würde er zum ersten Mal ins Feld ziehen. Nachdem er ein Jahr lang ausgebildet worden war, zog er nun nicht nur mit Kriegern hinaus, sondern mit Brüdern. Es war eine seltene Ehre– und ein Zeichen, dass der Krieg gegen die Gesellschaft der Lesser fatal war. Darius’ angeborene Fähigkeiten hatten ihre Aufmerksamkeit erregt, und Wrath, der König der Vampire, hatte befohlen, dass er aus dem Lager geholt und nunmehr von den besten Kämpfern des Vampirvolkes unterrichtet werden sollte.

Der Bruderschaft der Black Dagger.

Vielleicht war jedoch alles umsonst gewesen. Wenn sich in dieser Nacht herausstellen sollte, dass er nur in der Lage war, sich mit seinesgleichen im Kampftraining zu messen, würde man ihn wieder in diese Höhle zurückbringen, damit er weiterhin in den Genuss von Bloodletters »Unterricht« kommen konnte.

In diesem Fall würde er nie mehr von den Brüdern geprüft werden, sondern sein Leben lang als Soldat dienen müssen.

Die Bruderschaft gab einem nur eine Chance, und bei der Prüfung in dieser Mondscheinnacht ging es nicht um Kampfstile oder den Umgang mit Waffen. Es war eine Prüfung des Herzens. War er in der Lage, in die blassen Augen des Feindes zu blicken und dessen süßlichen Geruch wahrzunehmen, ohne die Ruhe zu verlieren, während er die Jäger zur Strecke brachte?

Darius löste seinen Blick von den Wörtern, die er vor einer halben Ewigkeit zu Papier gebracht hatte. Im Zugang zur Höhle standen vier hochgewachsene, breitschultrige Männer, die bis an die Zähne bewaffnet waren.

Mitglieder der Bruderschaft.

Er kannte das Quartett und ihre Namen: Ahgony, Throe, Murhder, Tohrture.

Darius schloss sein Tagebuch, schob es in einen Felsspalt, und leckte über den Schnitt an seinem Handgelenk, den er sich zugefügt hatte, um sein Blut als Tinte zu verwenden. Die Schreibfeder, die er sich aus der Feder eines Fasanenschwanzes geschnitten hatte, würde nicht mehr lange halten, und er war sich nicht sicher, ob er jemals hierher zurückkehren würde, um sie wieder zu verwenden, aber er verstaute sie trotzdem sicher.

Als er die Kerze hochhob und an seinen Mund führte, war er erstaunt, wie warm und gelblich das Licht war, das die Flamme verbreitete. Er hatte bei diesem weichen, sanften Licht so viele Stunden damit verbracht, seine Gedanken zu Papier zu bringen… Tatsächlich schien dies das einzige Bindeglied zwischen seinem früheren Leben und seiner derzeitigen Existenz zu sein.

Er blies die kleine Flamme mit einem einzigen Atemstoß aus.

Er erhob sich und griff nach seinen Waffen: einem stählernen Dolch, den er von einem gerade verstorbenen Kampfschüler übernommen hatte, und einem Schwert, das aus dem gemeinschaftlichen Übungswaffenarsenal stammte. Keiner der Waffengriffe war speziell an seine Hand angepasst worden, aber das machte ihm nichts aus.

Als die Brüder in seine Richtung blickten und ihn weder grüßten noch wegschickten, wünschte er sich, dass sein leiblicher Vater unter ihnen wäre. Wie anders würde sich doch all dies anfühlen, wenn er jemanden an seiner Seite hätte, der sich darum sorgte, wie er abschneiden würde. Er wollte keine Schonung und auch keine Sonderbehandlung. Aber nun war er ganz auf sich allein gestellt, getrennt von allen um ihn herum, getrennt durch eine Linie, über die er blicken, die er aber nie überschreiten konnte.

Ein Leben ohne Familie war wie ein unsichtbares Gefängnis. Die Gitterstäbe der Einsamkeit und der Heimatlosigkeit rückten immer enger zusammen, während die Jahre vergingen und er Erfahrungen sammelte, die ihn dermaßen isolierten, dass nichts mehr ihn berührte und er ebenso nichts mehr berührte.

Darius blickte nicht zum Lager zurück, als er auf die vier zuging, die gekommen waren, um ihn abzuholen. Bloodletter wusste, dass er ins Feld zog, und scherte sich nicht darum, ob er zurückkehren würde oder nicht. Und die anderen Schüler waren genau wie er.

Als er näher kam, wünschte er sich, er hätte mehr Zeit, um sich auf die Prüfung seines Willens, seiner Stärke und seines Mutes vorzubereiten. Aber die Prüfung würde hier und jetzt stattfinden.

In der Tat verging die Zeit wie im Fluge, selbst wenn man wollte, dass sie im Schneckentempo verging.

Er trat vor die Brüder hin und sehnte sich nach einem freundlichen Wort, einem guten Wunsch oder einem Vertrauensschwur von jemandem. Als nichts davon kam, sandte er ein kurzes Stoßgebet an die heilige Mutter seines Volkes:

Gütige Jungfrau der Schrift, bitte lass mich nicht versagen.

1

Noch so ein verdammter Schmetterling!

Als sich R.I.P. ansah, wer da gerade sein Tätowierstudio betrat, war er sich sicher, dass er heute wieder einmal einen dieser verdammten Schmetterlinge stechen musste. Oder auch zwei.

Ja, die beiden langhaarigen Blondinen, die gerade albern kichernd auf seine Assistentin zukamen, würden sich definitiv keinen Totenschädel oder etwas Ähnliches in ihre Haut ritzen lassen.

Diese Paris Hiltons und ihr »Ach, was sind wir doch unartig«-Getue ließen ihn auf die Uhr blicken… und wünschen, dass er seinen Laden jetzt schon zugesperrt hätte, anstatt erst um ein Uhr morgens.

Mann… was für einen Scheiß er doch für Geld machte! Die meiste Zeit waren sie ihm ziemlich egal, die geistigen Fliegengewichte, die in sein Studio kamen, um sich tätowieren zu lassen. Aber heute Abend nervten ihn die zuckersüßen Sahneschnitten mit ihren tollen Ideen. Es war sehr schwer, Begeisterung für ein Hello Kitty-Set zu heucheln, wenn man gerade drei Stunden lang an einem Erinnerungsporträt für einen Biker gearbeitet hat, der seinen besten Freund auf der Straße verloren hatte.

Mar, seine Assistentin am Empfang, kam zu ihm herüber. »Hast du Zeit für einen Quickie?« Sie zog die gepiercten Augenbrauen nach oben und rollte die Augen. »Es sollte nicht allzu lange dauern.«

»Okay.« Er nickte in Richtung seines Polsterstuhls. »Dann bring die erste hier herüber.«

»Sie wollen es gemeinsam machen lassen.«

Aber klar doch. »Fein. Dann bring doch auch noch den Hocker aus dem Hinterzimmer her.«

Als Mar hinter einem Vorhang verschwand und er mit den Vorbereitungen begann, hielten sich die beiden Tussis am Empfang an den Händen und schnatterten aufgeregt über die Einverständniserklärung, die sie unterschreiben sollten. Von Zeit zu Zeit warfen ihm beide mit weit aufgerissenen Augen Blicke zu, als ob er mit all seinen Tattoos und Piercings ein exotischer Tiger sei, den sie im Zoo bewunderten… und offensichtlich gefiel er ihnen.

Ah ja. Lieber würde er sich selbst die Eier abschneiden, als die beiden flachzulegen– und sei es nur aus Mitleid.

Nachdem Mar das Geld kassiert hatte, brachte sie die beiden zu ihm herüber und stellte sie als Keri und Sarah vor. Das war mehr, als er erwartet hatte. Er hatte sich schon auf Tiffany und Brittney gefasst gemacht.

»Ich hätte gerne einen Regenbogenfisch«, meinte Keri und ließ sich mit einem aufreizenden Hüftschwung auf den Polsterstuhl gleiten. »Genau hier.«

Sie zog ihre kurze, enge Bluse hoch, öffnete den Reißverschluss ihrer Jeans und schob den oberen Rand ihres rosa Tangas nach unten. Ihr Bauchnabel war mit einem Ring gepierct, an dem ein Herz aus rosarotem Strass hing, und es war offensichtlich, dass sie sich ihre Körperbehaarung entfernen ließ.

»Fein«, meinte R.I.P.»Wie groß?«

Keri, die Verführerin, schien ein wenig ernüchtert– als ob ihre zweifelsohne hundertprozentige Erfolgsquote bei College-Footballspielern sie hatte glauben lassen, dass er angesichts des Stückchens nackter Haut, das sie ihm zeigte, vor Begierde hecheln würde.

»Äh, nicht zu groß. Meine Eltern würden mich umbringen, wenn sie wüssten, dass ich das hier machen lasse… es darf über dem Bikini nicht zu sehen sein.«

Natürlich nicht. »5 cm?« Er hielt seine tätowierte Hand hoch, damit sie sich die Größe in etwa vorstellen konnte.

»Vielleicht… noch ein bisschen kleiner.«

Er zeichnete mit einem schwarzen Stift eine Skizze auf ihre Haut, und nachdem sie ihn aufgefordert hatte, innerhalb der Linien zu bleiben, zog er sich seine schwarzen Handschuhe an, nahm eine frische Nadel heraus und stellte die Tätowiermaschine ein.

Es dauerte nicht einmal zwei Sekunden, bis bei Keri die Tränen flossen und sie sich an Sarahs Hand klammerte, als ob sie gerade ohne PDA ein Kind zur Welt bringen würde. Und genau darin lag der große Unterschied zwischen einem Hardcore- und einem Möchtegern-Tatooträger. Schmetterlinge und Fischchen und hübsche kleine Herzchen waren nicht …

Die Tür des Studios wurde weit aufgerissen… und R.I.P. setzte sich auf seinem Rollhocker etwas aufrechter hin.

Die drei Männer, die hereinkamen, trugen keine Militäruniformen, aber sie waren definitiv keine Zivilisten. Sie waren ganz in schwarzes Leder gekleidet– von ihren Jacken über ihre Hosen bis hinunter zu ihren Springerstiefeln– und sie waren so riesig, dass die Wände des Studios näher zu rücken schienen, und die Decke scheinbar nach unten sank. Unter ihren Jacken zeichneten sich deutliche Beulen ab. Beulen, die von Pistolen und vielleicht auch Messern herrührten.

R.I.P. rutschte mit seinem Hocker unauffällig etwas näher an seinen Tresen heran, unter dem der Notfallknopf versteckt war.

Der Kerl auf der linken Seite hatte verschiedenfarbige Augen, trug Piercings aus brüniertem Metall und besaß den kühlen Blick eines Killers. Der Typ auf der rechten Seite schien etwas mehr dem Geschmack der Masse zu entsprechen, mit seinem ebenmäßigen Gesicht und dem roten Haar– allerdings hatte er die Körperhaltung eines kriegserprobten Kämpfers. Der Kerl in der Mitte jedoch roch förmlich nach Ärger. Er war noch etwas größer als seine Kollegen, hatte kurzgeschnittenes, dunkelbraunes Haar, und ein klassisch gut aussehendes Gesicht. Aber seine blauen Augen wirkten leblos und so matt wie Asphalt.

Ein lebender Toter. Der nichts zu verlieren hatte.

»Hallo, Jungs«, rief R.I.P. ihnen zum Gruß zu. »Wollt ihr euch was stechen lassen?«

»Er will.« Der Kerl mit den Piercings deutete mit seinem Kopf auf seinen Kollegen in der Mitte. »Und er hat einen Entwurf dabei. Für die Schultern.«

R.I.P. ließ seinen Instinkten freien Lauf, um den Job abzuwägen. Die Typen warfen Mar keine unpassenden Blicke zu, und die Registrierkasse stand offen da, aber keiner der Männer griff nach seinen Waffen. Sie waren höflich, aber bestimmt. Entweder erfüllte er ihre Wünsche, oder sie würden jemand anderen finden, der es tat.

Zufrieden nahm er seine Position wieder ein. »Cool. Ich bin hier eh gleich fertig.«

Mar, die am Tresen stand, meldete sich zu Wort: »Wir schließen aber in weniger als einer Stunde…«

»Ich mach’s trotzdem«, sagte R.I.P. zu dem Kerl in der Mitte. »Macht euch keine Sorgen wegen der Zeit.«

»Ich denke, ich werde auch dableiben«, meinte Mar, während sie den Typ mit den Piercings betrachtete.

Der Kerl mit den blauen Augen hob seine Hände und machte ein paar deutliche Gesten. Nachdem er fertig war, übersetzte der Typ mit den Piercings: »Er sagt danke. Und er hat seine eigene Tinte mitgebracht, falls das okay ist.«

Das entsprach zwar nicht gerade der Norm und verstieß gegen die Gesundheitsvorschriften, aber R.I.P. hatte nichts dagegen, für den richtigen Kunden etwas Flexibilität zu zeigen. »Kein Problem, Mann.«

Er setzte die Arbeit am Fisch fort, und Keri biss sich wieder auf die Lippe und begann erneut, wie ein kleines Mädchen zu wimmern. Als er fertig war, überraschte es ihn überhaupt nicht, dass Sarah, nachdem sie miterlebt hatte, welche Höllenqualen ihre Freundin durchstehen musste, nun lieber statt eines Tattoos ihr Geld zurückhaben wollte.

Das waren gute Neuigkeiten. Denn nun konnte er gleich mit dem Tattoo für den Kerl mit den toten Augen beginnen.

Als er seine schwarzen Handschuhe wechselte, überlegte er, wie der Entwurf wohl aussehen würde. Und wie lange Mar brauchen würde, um dem Typ mit den Piercings an die Wäsche zu gehen.

Ersteres würde wahrscheinlich ganz gut werden.

Und Letzteres… er gab ihr circa zehn Minuten, denn sie hatte seinen Blick bereits auf sich gezogen. Und Mar arbeitete schnell– nicht nur am Empfang.

Auf der anderen Seite der Stadt, fernab von den Bars und Tattoostudios in der Trade Street, in einem Viertel mit Sandsteingebäuden und Kopfsteinpflastergassen, stand Xhex an einem Erkerfenster und blickte durch die alte, verzogene Scheibe nach draußen.

Sie war nackt und fror, und ihr Körper war mit blauen Flecken übersät.

Aber sie war nicht schwach.

Unten auf dem Gehsteig spazierte eine Menschenfrau mit einem kleinen Kläffer an der Leine und ihrem Handy am Ohr vorbei. Auf der anderen Straßenseite saßen die Bewohner der eleganten Altbauwohnungen gerade beim Abendessen, genehmigten sich einen Drink oder schmökerten in einem Buch. Autos strömten vorbei– die Fahrer fuhren langsam, sowohl aus Respekt vor den Nachbarn, als auch aus Sorge um die Federung ihres Wagens auf der unebenen Straße.

Die Menschen da draußen konnten sie weder sehen noch hören. Und das nicht nur, weil die Sinne dieser anderen Rasse im Vergleich zu jenen eines Vampirs stumpf und nur schwach ausgebildet waren.

Oder, wie in ihrem Fall, Halb-Symphathin und Halb-Vampirin.

Selbst wenn sie das Licht an der Decke eingeschaltet und geschrien hätte, bis ihr die Stimme versagte, oder mit den Armen gewedelt, bis sie ihr aus den Schultergelenken sprangen– die Männer und Frauen um sie herum würden sie nicht bemerken und einfach mit dem weitermachen, was sie gerade taten. Keine Menschenseele ahnte, dass sie in diesem Schlafzimmer gefangen gehalten wurde– quasi mitten unter ihnen. Und es war ihr auch nicht möglich, mit dem Nachttisch oder dem Sekretär das Fenster einzuschlagen, die Tür einzutreten oder durch den Lüftungsschacht im Bad davonzukriechen.

All das hatte sie nämlich bereits erfolglos versucht.

Die Unüberwindbarkeit ihrer unsichtbaren Gefängnismauern hatte die Kämpferin in ihr ziemlich beeindruckt. Denn es gab buchstäblich keinen Weg, die Barrieren zu umgehen, zu durchbrechen oder zu überwinden.

Xhex wandte sich vom Fenster ab und wanderte um das große Doppelbett mit seinen seidenen Laken und schrecklichen Erinnerungen vorbei… vorbei am marmornen Bad… und an der Tür, die zum Flur führte. So wie die Sache mit ihrem Entführer lief, benötigte sie eigentlich nicht noch mehr körperliche Ertüchtigung. Aber sie konnte einfach nicht still dasitzen, war voller Unruhe und Nervosität.

Sie hatte dieses unfreiwillige Spiel schon einmal gespielt. Daher wusste sie, dass der Verstand dazu neigte, nach längerer Zeit wie ein Kannibale über sich selbst herzufallen, wenn man ihm keine Nahrung gab.

Ihre bevorzugte Ablenkung waren Cocktails. Nachdem sie jahrelang in verschiedenen Clubs gearbeitet hatte, kannte sie unzählige Rezepte auswendig, und die ging sie nun eins nach dem anderen durch. Sie stellte sich genau vor, wie sie die verschiedenen Zutaten im Shaker oder im Rührglas mixte, den fertigen Cocktail in ein geeignetes Glas goss und ihn dann mit Eis und einer passenden Garnitur servierte.

Diese Barkeeper-Routine sorgte dafür, dass sie nicht verrückt wurde.

Bis jetzt hatte sie darauf gesetzt, dass ihr Kerkermeister einmal einen Fehler machen und sich ihr eine Gelegenheit zur Flucht bieten würde. Aber das war nicht geschehen, und langsam verlor sie die Hoffnung. Sie blickte in ein großes schwarzes Loch, das sie zu verschlingen drohte. Deshalb mixte sie in Gedanken weiterhin einen Cocktail nach dem anderen und suchte weiter nach einem Ausweg.

Die Erlebnisse der Vergangenheit halfen ihr nun auf seltsame Weise. Was auch immer hier mit ihr geschah, wie schlimm es auch werden würde, und wie sehr es sie auch körperlich schmerzte, es war nichts im Vergleich zu dem, was sie damals durchgestanden hatte.

Das hier war nur die zweite Liga.

Oder zumindest versuchte sie, sich das einzureden. Manchmal fühlte es sich schlimmer an.

Xhex setzte ihre Wanderung durch das Zimmer fort, vorbei an den zwei Erkerfenstern an der Vorderseite bis zum Sekretär und dann wieder um das Bett herum. Diesmal ging sie ins Bad. Dort gab es weder Rasierklingen noch Bürsten oder Kämme, nur ein paar leicht feuchte Handtücher und das eine oder andere Stück Seife.

Als Lash sie entführt hatte, und zwar mit Hilfe derselben Magie, die sie jetzt in dieser Zimmerflucht gefangen hielt, hatte er sie in diesen eleganten Unterschlupf gebracht, und die erste Nacht und der erste Tag, die sie zusammen verbrachten, hatte sie erahnen lassen, wie die Zukunft aussehen würde.

Sie betrachtete sich im Spiegel über dem Doppelwaschbecken und unterzog ihren Körper einer objektiven Prüfung. Er war mit blauen Flecken übersät… und auch voller Schrammen und Kratzer. Lash ging sehr brutal vor, und sie wehrte sich heftig, denn sie würde sich bestimmt nicht von ihm besiegen lassen. Daher konnte sie schwer sagen, welche der Flecken von ihm stammten und welche sie sich versehentlich eingehandelt hatte, als sie gegen den Bastard ankämpfte.

Xhex würde ihren letzten Atemzug darauf verwetten, dass er auch nicht viel besser aussah als sie selbst, wenn er seinen nackten Hintern im Spiegel betrachtete.

Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Unglücklicherweise gefiel es ihm, dass sie Feuer mit Feuer bekämpfte. Je mehr Widerstand sie leistete, desto geiler wurde er, und sie konnte spüren, dass ihn seine eigenen Gefühle überraschten. Während der ersten Tage war Lash nur darauf aus gewesen, sie zu bestrafen, und hatte versucht, ihr heimzuzahlen, was sie mit seiner letzten Freundin angestellt hatte. Offenbar hatten ihn die Kugeln, mit denen sie die Brust des Miststücks durchlöchert hatte, stinksauer gemacht. Aber dann wurde es anders. Er redete immer weniger über seine Ex, und immer mehr über seine Fantasien, die sich unter anderem um eine Zukunft mit ihr als Mutter seiner Höllenbrut drehten.

Na toll! Bettgeflüster mit einem Soziopathen.

Jetzt glühten seine Augen aus einem anderen Grund, wenn er zu ihr kam. Und falls er sie wieder einmal bewusstlos schlug, hielt er sie für gewöhnlich eng umschlungen, wenn sie wieder zu sich kam.

Xhex wandte sich von ihrem Spiegelbild ab und erstarrte mitten in der Bewegung.

Da war jemand im unteren Stockwerk.

Sie verließ das Bad und ging zur Tür, die auf den Flur hinausführte. Sie atmete langsam und tief ein. Als ihr der Geruch eines frisch überfahrenen Tieres in die Nase stieg, war ihr klar, dass es ein Lesser war, der unten herumtappte– aber nicht Lash.

Nein, das war sein Lakai, der jeden Abend kurz vor der Ankunft ihres Entführers herkam, um Lash etwas zu Essen zu machen. Was bedeutete, dass Lash selbst auf dem Weg hierher war.

Mann, was hatte sie doch für ein Glück: Sie wurde ausgerechnet vom einzigen Mitglied der Gesellschaft der Lesser entführt, das essen musste und ficken konnte! Alle anderen waren so impotent wie ein Neunzigjähriger und brauchten auch keinerlei Nahrung. Nicht jedoch Lash. Das Arschloch war voll funktionsfähig!

Xhex ging zurück zum Fenster und streckte die Hand nach der Scheibe aus. Die Grenze, die ihr Gefängnis umgab, war ein Energiefeld, das sich wie ein heißes Prickeln anfühlte, wenn sie damit in Kontakt geriet. Das verdammte Ding wirkte wie ein unsichtbarer Zaun für größere Kreaturen als Hunde– mit dem zusätzlichen Vorteil, dass kein Halsband benötigt wurde.

Das Kraftfeld war aber nicht ganz starr. Wenn sie dagegendrückte, gab es etwas nach, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Dann zogen sich die bewegten Moleküle zusammen, und das brennende Gefühl wurde so stark, dass sie ihre Hand ausschütteln und herumgehen musste, bis der Schmerz wieder nachließ.

Während sie darauf wartete, dass Lash zu ihr kam, wanderten ihre Gedanken zu dem Mann, an den sie eigentlich niemals denken wollte.

Insbesondere dann nicht, wenn Lash da war. Sie wusste nicht, wie weit ihr Entführer in ihren Kopf eindringen konnte, aber sie wollte nichts riskieren. Wenn der Bastard nur den geringsten Hinweis darauf bekam, dass der stumme Soldat ihr »Seelenquell« war, wie ihr Volk es nannte, würde er das gegen sie verwenden… und gegen John Matthew.

Sein Bild erschien dennoch vor ihrem inneren Auge. Die Erinnerung an seine blauen Augen war so klar und deutlich, dass sie die dunkelblauen Sprenkel darin erkennen konnte. Himmel, was hatte er doch für schöne blaue Augen!

Sie konnte sich noch genau daran erinnern, wann sie John zum ersten Mal getroffen hatte. Damals war er noch ein Prätrans gewesen und hatte sie so ehrfürchtig und staunend angeblickt, als ob sie überlebensgroß, eine Offenbarung sei. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie über ihn nur gewusst, dass er das ZeroSum mit versteckten Waffen betreten hatte. Und als Sicherheitschefin des Clubs war sie wild entschlossen gewesen, ihn zu entwaffnen und vor die Tür zu setzen. Aber dann hatte sie erfahren, dass der Blinde König sein Whard war, und das änderte natürlich alles.

Nachdem bekanntgeworden war, zu wem John gehörte, durfte er nicht nur bewaffnet in den Club hinein, sondern wurde zusammen mit seinen zwei Jungs, die ihn stets begleiteten, auch als besonderer Gast behandelt. Von da an war er regelmäßig ins ZeroSum gekommen und hatte sie stets genau beobachtet. Seine blauen Augen waren ihr auf Schritt und Tritt gefolgt. Und dann hatte seine Transition stattgefunden, bei der er sich in einen verdammt riesigen Kerl verwandelt hatte. Und plötzlich lag in seinem sonst so sanften, scheuen Blick echtes Feuer.

Es hatte einiges gebraucht, um seine Liebenswürdigkeit abzutöten. Aber getreu ihrer Killernatur war es ihr schließlich gelungen, das Feuer in seinem Blick zu ersticken.

Xhex blickte auf die Straße hinunter und dachte an die Zeit, die sie zusammen in ihrer Wohnung verbracht hatten. Nach dem Sex, als er versuchte, sie zu küssen und seine blauen Augen sie mit der für ihn typischen Verletzlichkeit und voller Mitgefühl anblickten, hatte sie sich schnell von ihm losgemacht und sich abgekapselt.

Sie hatte einfach die Nerven verloren. Sie fühlte sich von dem ganzen romantischen Kram zu sehr unter Druck gesetzt… und von der Verantwortung, die man auf sich nahm, wenn man mit jemandem zusammen war, der so für einen empfand… und von der Tatsache, dass sie in der Lage war, seine Liebe zu erwidern.

Das Ergebnis war, dass dieser spezielle Blick aus seinen Augen verschwunden war.

Sie tröstete sich damit, dass von den Männern, die jetzt wahrscheinlich nach ihr suchen würden– Rehvenge, iAm und Trez… die Mitglieder der Bruderschaft– keiner einen Kreuzzug für sie veranstalten würde, auch John nicht. Falls er nach ihr suchte, dann deshalb, weil er als Soldat dazu verpflichtet war, und nicht, weil er sich zu einem persönlichen Himmelfahrtskommando gezwungen sah.

Nein, John Matthew würde sich bestimmt nicht wegen seiner Gefühle für sie auf den Kriegspfad begeben.

Und so würde sie wenigstens nicht noch einmal mit ansehen müssen, wie sich ein Mann von Wert beim Versuch, sie zu retten, selbst zerstörte.

Als der Duft von frisch gegrilltem Steak durchs Haus zog, unterbrach sie ihre Gedankengänge und versammelte ihre gesamte Willenskraft um sich wie eine Ritterrüstung.

Ihr »Liebhaber« würde nun jeden Moment auftauchen. Deshalb musste sie mental ihre Schotten dicht machen und sich auf den abendlichen Kampf vorbereiten. Tiefe Erschöpfung drohte, sie zu übermannen, aber sie kämpfte mit eisernem Willen dagegen an. Was sie noch mehr benötigte als ordentlichen Schlaf, war frisches Blut. Aber weder das eine noch das andere würde sie in der nächsten Zeit bekommen.

Im Moment ging es nur darum, einen Schritt nach dem anderen zu machen, bis etwas zerbrach.

Und darum, den Kerl umzubringen, der es wagte, sie gegen ihren Willen festzuhalten.

2

Chronologisch betrachtet kannte Blaylock, Sohn des Rocke, John Matthew seit etwas mehr als einem Jahr.

Aber das konnte kaum ausreichend sein für die innige Freundschaft, die sie miteinander verband.

In Blaylocks Leben gab es zwei Zeitachsen: die absolute und die gefühlte Zeit. Die absolute Zeit entsprach dem universellen Tag-und-Nacht-Zyklus, was in Summe dreihundertfünfundsechzig Tage und Nächte pro Jahr bedeutete. Und dann gab es da noch die Art und Weise, wie diese Zeitspanne verlaufen war: die Ereignisse, die Todesfälle, die Zerstörung, das Training und die Kämpfe.

Wenn man all dies berücksichtigte, kam er für sie beide auf eine Freundschaft von ca. vierhunderttausend Jahren.

Und es wurden immer mehr, dachte er, als er zu seinem Kumpel hinübersah.

John Matthew betrachtete die Tattoo-Entwürfe an den Wänden des Studios. Er ließ seine Augen über die Totenschädel und Dolche, die amerikanischen Flaggen und chinesischen Symbole wandern. Durch seine enorme Körpergröße ließ er das Studio mit seinen drei Räumen winzig wirken. Im Gegensatz zu seinem früheren Körperbau als Prätrans verfügte er nun über die Muskelmasse eines Profi-Wrestlers. Allerdings war diese Muskelmasse aufgrund seines riesigen Skeletts gleichmäßig über seine langen Knochen verteilt, was ihn eleganter aussehen ließ als diese aufgequollenen Kerle in ihren Strumpfhosen. Die dunklen Haare waren kurzgeschoren, wodurch seine Gesichtszüge allerdings härter und weniger attraktiv wirkten, und die dunklen Ringe unter seinen Augen unterstrichen noch den Eindruck eines Schlägertyps.

Das Leben hatte ihn nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst. Aber anstatt ihn zu brechen, hatte ihn jeder Schlag zäher und stärker gemacht. Jetzt war er hart wie Stahl, und von dem Jungen, der er einst gewesen war, war nichts mehr übrig.

Aber so war das eben, wenn man erwachsen wurde. Nicht nur der Köper veränderte sich, sondern auch der Geist.

Angesichts seines Freundes kam ihm der Verlust der Unschuld wie ein Verbrechen vor.

Bei diesem Gedanken zog die Frau am Empfang Blays Aufmerksamkeit auf sich. Sie lehnte sich gerade über einen gläsernen Schaukasten mit Piercing-Zubehör, und ihre Brüste quollen dabei förmlich aus dem schwarzen BH und dem schwarzen, ärmellosen Shirt, das sie trug. Ihre beiden Arme waren tätowiert, einer in Schwarz und Weiß und der andere in Schwarz und Rot, und ihre Nase, die Augenbrauen und beide Ohren waren mit Ringen aus brüniertem Metall gepierct. Inmitten der vielen Tattoo-Entwürfe, die an den Wänden hingen, war sie ein lebendes Beispiel für all die Dinge, die man sich hier machen lassen konnte, wenn man wollte. Ein sehr sexy aussehendes, Hardcore-Beispiel… mit Lippen in der Farbe von Rotwein und Haar so schwarz wie die Nacht.

Alles an ihr passte zu Qhuinn. Sie war fast wie eine weibliche Ausgabe von ihm.

Was sagte man dazu! Qhuinns verschiedenfarbige Augen waren bereits auf sie fixiert, und auf seinem Gesicht lag das für ihn so typische Hab dich erwischt-Grinsen.

Blay ließ eine Hand unter seine Lederjacke gleiten und tastete nach seinem Päckchen Dunhill Red. Mann, nichts machte ihm mehr Lust auf einen Glimmstängel als Qhuinns Liebesleben.

Und heute Nacht würde er sich sicher noch ein paar Sargnägel mehr anzünden müssen: Qhuinn schlenderte zum Empfang hinüber und nahm den Anblick, den ihm die Frau bot, so begierig in sich auf wie ein Glas frisch gezapftes Bier, nachdem er stundenlang in der Hitze geackert hatte. Seine Augen waren auf ihre Brüste fixiert, als sie ihre Namen austauschten, und sie ermöglichte ihm eine noch bessere Sicht auf ihre weiblichen Vorzüge, indem sie sich auf die Unterarme stützte und nach vorne lehnte.

Gut, dass Vampire keinen Krebs bekommen konnten.

Blay wandte dem Pornokanal an der Registrierkasse den Rücken zu und ging hinüber zu John Matthew.

»Das sieht cool aus.« Blay zeigte auf die Skizze eines Dolches.

Wirst du dich jemals tätowieren lassen?, gestikulierte John.

»Keine Ahnung.«

Zur Hölle, er mochte Tattoos…

Sein Blick wanderte zurück zu Qhuinn. Der riesige Körper des Kerls wölbte sich der Frau verheißungsvoll entgegen. Seine breiten Schultern, die schlanken Hüften und die langen, kräftigen Beine waren die Garantie für eine heiße Nummer.

Sex mit Qhuinn war einfach fantastisch.

Nicht, dass Blay das aus erster Hand gewusst hätte. Er hatte es nur gesehen und gehört… und er hatte sich ausgemalt, wie es sein würde. Aber als sich dann einmal die Gelegenheit geboten hatte, war er von Qhuinn in eine kleine, ganz spezielle Klasse abgeschoben worden: die der Zurückgewiesenen.

In der Tat war es wohl eher eine Kategorie als eine Klasse… denn er war der Einzige, mit dem Qhuinn keinen Sex haben wollte.

»Ähm… wird es noch lange so brennen?«, fragte eine weibliche Stimme. Als eine tiefe Männerstimme eine Antwort brummte, warf Blay einen Blick hinüber zum Tätowierstuhl. Die Blondine, die sich gerade ein Tattoo hatte machen lassen, zog ihre Bluse behutsam über das mit Cellophan abgeklebte Tattoo und sah den Tätowierer an wie einen Arzt, der ihr gerade erklärte, wie schlecht die Chancen standen, eine Tollwutinfektion zu überleben.

Die beiden Tussis gingen dann hinüber zur Assistentin am Empfang, wo die eine, die ihre Meinung wieder geändert und sich doch kein Tattoo machen lassen wollte, ihr Geld zurückbekam. Dabei unterzogen sie Qhuinn einer gründlichen Musterung.

So lief das immer, egal, wohin der Typ ging, und es gehörte zu den Dingen, die Blay an seinem besten Freund bisher bewundert hatte. Aber jetzt fühlte es sich an wie eine nie endende Zurückweisung: jedes Mal, wenn Qhuinn Ja sagte, machte es dieses eine Nein noch bedeutender.

»Ich wäre jetzt so weit«, rief der Tätowierer ihnen zu.

John und Blay gingen in den hinteren Bereich des Studios, und Qhuinn ließ die Frau am Empfang abrupt stehen und folgte ihnen. Eine gute Eigenschaft an ihm war, dass er seine Rolle als Ahstrux nohtrum sehr ernst nahm: Es war seine Aufgabe, John rund um die Uhr zu beschützen, und diese Aufgabe nahm er deutlich gewissenhafter wahr als Sex.

John setzte sich auf den Polsterstuhl in der Mitte des Arbeitsbereichs, nahm ein Stück Papier heraus und entfaltet es auf dem Tresen.

Der Mann runzelte die Stirn und betrachtete Johns Skizze. »Du willst dir also diese vier Symbole über die Schultern tätowieren lassen?«

John nickte und gestikulierte: Du kannst die Zeichen nach Belieben ausschmücken, aber sie müssen noch gut zu erkennen sein.

Nachdem Qhuinn übersetzt hatte, nickte der Tätowierer. »Cool.« Er nahm einen schwarzen Stift zur Hand und versah die Symbole mit einigen eleganten Schnörkeln. »Was sind das eigentlich für Zeichen?«

»Nur Symbole«, antwortete Qhuinn.

Der Tätowierer nickte erneut und zeichnete weiter. »Wie wär’s damit?«

Alle drei beugten sich über den Entwurf.

»Mann!«, meinte Qhuinn. »Das sieht geil aus.«

Und das tat es wirklich. Es war absolut perfekt und genau das, was John voller Stolz auf seiner Haut tragen wollte– auch wenn niemand die Zeichen in der Alten Sprache und die edlen Schnörkel jemals zu Gesicht bekommen würde. Was dort geschrieben stand, war nichts, was er an die große Glocke hängen wollte. Aber das war ja gerade das Besondere an Tattoos: sie waren Privatsache, und John besaß weiß Gott genügend T-Shirts, die das Bild verdecken würden.

Als John nickte, stand der Tätowierer auf. »Ich hole schnell das Transferpapier. Es wird nicht lange dauern, die Vorlage auf deine Haut zu übertragen, und dann können wir loslegen.«

Als John ein Tintenfässchen aus Kristall auf den Tresen stellte und seine Jacke auszog, setzte sich Blay auf einen Hocker und streckte seine Arme aus. In Anbetracht der zahlreichen Waffen, die John stets in seine Taschen packte, war es besser, wenn er die Jacke nicht einfach an einen Kleiderhaken hängte.

Als er auch sein T-Shirt abgelegt hatte, lehnte sich John auf dem Tätowierstuhl nach vorne und stützte seine schweren Arme auf einem gepolsterten Barhocker ab. Nachdem der Tätowierer den Entwurf übertragen hatte, strich er das Blatt über Johns Schultern glatt und zog es dann ab.

Der Entwurf verlief in einem perfekten Bogen über die Muskelpartien, die Johns breiten Rücken bedeckten.

Die Alte Sprache ist wirklich schön, dachte Blay.

Als er auf die Symbole starrte, stellte er sich einen kurzen, lächerlichen Moment vor, wie sein Name über Qhuinns Schultern aussehen würde, eingeritzt in die glatte Haut nachdem sie vereinigt worden waren.

Aber das würde nie geschehen. Sie waren dazu bestimmt, beste Freunde zu sein… was im Vergleich mit Fremden schon etwas Tolles war. Aber im Vergleich mit Liebenden? Das war wie die kalte Seite einer versperrten Haustür.

Er warf einen Blick zu Qhuinn hinüber. Dieser hatte ein Auge auf John und eines auf die Assistentin gerichtet, die soeben die Vordertür abgesperrt und sich dann neben ihn gestellt hatte.

Hinter dem Reißverschluss seiner Lederhose war das Ausmaß seiner Erregung deutlich zu erkennen.

Blay blickte auf den Kleiderhaufen in seinem Schoß. Nacheinander faltete er T-Shirt, Hemd und dann Johns Jacke sorgfältig zusammen. Als er wieder aufblickte, ließ Qhuinn bereits seine Fingerspitzen langsam am Arm der Frau hinabgleiten.

Die beiden würden sicher in Kürze zusammen hinter dem Vorhang auf der linken Seite verschwinden. Die Vordertür des Ladens war abgeschlossen, der Vorhang relativ dünn, und Qhuinn würde eine Nummer schieben, ohne die Waffen abzulegen. John würde also die ganze Zeit sicher sein… und Qhuinns Lust befriedigt werden.

Was bedeutete, dass Blay alles mit anhören musste.

Aber das war besser, als das Ganze mit anzusehen. Besonders weil Qhuinn gut aussah, wenn er Sex hatte. Extrem… gut.

Damals, als Blay versucht hatte, als Hetero zu leben, hatten die beiden es einigen Frauen gemeinsam besorgt– nicht, dass er sich noch an die Gesichter, Körper oder Namen der Frauen erinnern konnte.

Für ihn hatte es immer nur Qhuinn gegeben. Immer.

Das Stechen der Tätowiernadel war beinahe angenehm.

Als John die Augen schloss und tief und langsam ein- und ausatmete, dachte er darüber nach, wie Metall auf Haut stieß, wie Scharfes in Weiches eindrang und das Blut strömte… wie man ganz genau wusste, wo gerade der Einstich erfolgte.

Wie in diesem Moment, in dem sich der Tätowierer genau über der Spitze seiner Wirbelsäule befand.

John hatte viel Erfahrung mit dem Vergießen von Blut– allerdings auf einem ganz anderen Niveau, und meist teilte er aus, anstatt einzustecken. Natürlich war er draußen im Feld schon mehrmals verletzt worden, aber er hatte stets mehr als seinen gerechten Anteil an Löchern hinterlassen, und wie der Tätowierer nahm er seine Ausrüstung immer zur Arbeit mit: Seine Jacke enthielt die verschiedensten Arten von Dolchen und Schlagstöcken, sogar ein Stück einer Metallkette. Und einen Satz Pistolen, für den Fall der Fälle.

Tja, all dies und ein Paar stachlige Metallbänder.

Nicht, dass er diese jemals bei einem Gegner verwendet hätte.

Nein, sie waren keine Waffen. Und obwohl sie nun schon seit fast vier Wochen nicht mehr um die Schenkel ihrer Besitzerin geschnallt worden waren, waren sie absolut nicht nutzlos. Zurzeit dienten sie ihm als eine Art abgefuckte Schmusedecke. Ohne sie fühlte er sich nackt.

Es war so, dass diese brutalen Bänder die einzige Verbindung zu der Frau waren, die er liebte. Was in Anbetracht der Tatsache, wie die Dinge zwischen ihnen standen, schon fast einen Sinn ergab.

Es ging jedoch nicht weit genug, fand er. Was Xhex um die Schenkel getragen hatte, um ihre Symphathen-Seite zu bezähmen, bot ihm nicht die erhoffte Beständigkeit, und das hatte ihn zu seiner eigenen Metall-auf-Haut-Aktion veranlasst. Sobald er hier fertig war, würde sie für immer bei ihm sein. In seiner Haut als auch darunter. Auf seinen Schultern als auch in seinen Gedanken.

Hoffentlich verpfuschte der Tätowierer seinen Entwurf nicht.

Wenn die Mitglieder der Bruderschaft Tätowierungen brauchten– egal, aus welchem Grund– führte normalerweise Vishous die Nadel. Er war ein echter Profi auf dem Gebiet. Die rote Träne in Qhuinns Gesicht und die schwarze Datumsbanderole hinten an seinem Nacken waren fabelhaft. Das Problem war nur, dass man John sicher Fragen stellen würde, wenn er mit einem solchen Auftrag zu V ging– und zwar würde nicht nur V neugierig werden, sondern auch alle anderen.

Es gab nicht viele Geheimnisse innerhalb der Bruderschaft, aber John wollte seine Gefühle für Xhex lieber für sich behalten.

Die Wahrheit war… er liebte sie. Und zwar ganz und gar, ohne Widerruf, selbst über den Tod hinaus. Und obwohl sie seine Gefühle nicht erwiderte, spielte das keine Rolle. Er hatte sich damit abgefunden, dass seine Angebetete ihn nicht wollte.

Womit er jedoch nicht leben konnte, war, dass sie gefoltert wurde oder einen langsamen und qualvollen Tod erleiden musste.

Oder dass er nicht in der Lage sein würde, ihr ein ordentliches Begräbnis auszurichten.

Ihr Verschwinden raubte ihm den Verstand. Machte ihn hartnäckig bis zur Selbstzerstörung. Und brutal und gnadenlos gegenüber ihrem Entführer. Aber das ging niemanden etwas an.

Das einzig Gute an der Situation war, dass die Bruderschaft genauso brennend daran interessiert war, was mit ihr geschehen war. Die Brüder ließen bei einer Mission keinen zurück, und als sie losgezogen waren, um Rehvenge aus der Symphathen-Kolonie herauszuholen, war Xhex Teil des Teams gewesen. Als sich dann der Staub verzogen hatte und sie plötzlich verschwunden war, wurde angenommen, dass jemand sie entführt hatte. Verantwortlich dafür konnten nur zwei Parteien sein: Symphathen oder Lesser.

Was die berühmte Frage aufwarf: »Was hätten Sie denn lieber– die Pest oder die Cholera?«

Jeder, einschließlich John, Qhuinn und Blay, war auf der Suche nach ihr, was idealerweise den Eindruck erweckte, dass diese Jagd einfach zu Johns Aufgaben als Soldat gehörte.

Das Surren der Nadel stoppte, und der Tätowierer wischte ihm über den Rücken.

»Sieht gut aus«, meinte er, und setzte seine Arbeit fort. »Sollen wir es in zwei Sitzungen fertig machen oder gleich in dieser?«

John blickte zu Blay hinüber und gestikulierte.

»Er würde es gerne heute fertig machen lassen, wenn’s geht«, übersetzte Blay.

»Ja, kann ich machen. Mar? Ruf Rick an und sag ihm, dass ich heute später komme.«

»Bin schon dabei«, antwortete sie.

Nein, John würde die Bruderschaft sein Tattoo nicht sehen lassen– ganz gleich, wie großartig es auch wurde.

So wie er die Sache sah, war er in einem Busbahnhof zur Welt gekommen und dort zurückgelassen worden, um zu sterben. Dann war er in die Mühlen des Kinderfürsorgesystems der Menschen geraten und schließlich von Tohr und seiner Partnerin aufgenommen worden, nur um mitzuerleben, wie Wellsie ermordet wurde und Tohr verschwand. Und nun war Z, der sich eigentlich um ihn kümmern sollte, verständlicherweise völlig mit seiner Shellan und ihrem neuen Baby beschäftigt.

Und selbst Xhex hatte ihn vor der Tragödie aus ihrem Leben ausgeschlossen.

Aber was soll’s. Er hatte den Fingerzeig des Schicksals verstanden. Kurioserweise war es befreiend, wenn man sich nicht mehr um die Meinung anderer zu scheren brauchte. Das gab ihm die Möglichkeit, seine brutale Besessenheit zu nähren, dass er ihren Entführer aufspüren und das Arschloch dann langsam in kleine Stücke zerreißen würde.

»Kannst du mir sagen, was die Symbole bedeuten?«, fragte der Tätowierer.

John hob den Blick und entschied, dass es keinen Grund gab, den Kerl anzulügen. Außerdem wussten Blay und Qhuinn sowieso Bescheid.

Blay wirkte etwas überrascht, übersetzte dann aber: »Er sagt, es ist der Name seines Mädchens.«

»Aha. Das hatte ich mir schon gedacht. Werdet ihr heiraten?«

Nachdem John gestikuliert hatte, sagte Blay: »Nein, das ist zu ihrem Gedenken.«