Gefangenes Herz - J. R. Ward - E-Book

Gefangenes Herz E-Book

J. R. Ward

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Beschreibung

Trez Latimer existiert eigentlich nicht. Er stammt aus dem Reich der Schatten und wurde noch vor seiner Geburt von seinen Eltern an die Königin der S’Hisbe verkauft, um ihrer Tochter als Liebessklave zu dienen. Trez floh nach New York. Es folgten harte Jahre und miese Jobs, doch Trez würde alles tun, um frei zu sein. Vertrauen kann er niemandem außer seinem Bruder iAm – bis die wunderschöne Auserwählte Selena in sein Leben tritt und Trez erfährt, was wahre Liebe bedeutet. Doch die Königin der Schatten vergisst nie eine Schuld …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 456




Das Buch

Seit der Stunde seiner Geburt ist das Schicksal des Schatten Trez Latimer vorherbestimmt: Im Reich der s’Hisbe geboren, wurde er dazu ausersehen, einmal der zukünftigen Königin als Ehemann zu dienen – einer Frau, die Trez noch nie gesehen hat. Um dem Leben im goldenen Käfig zu entkommen floh er zusammen mit seinem Zwillingsbruder iAm in die Welt der Menschen. Dort, in Caldwell, führte er jahrelang ein wildes und ausschweifendes Leben – zahlreiche heiße Affären inklusive. Doch Trez ist ein Getriebener, denn jede Sekunde können die Häscher der Königin auftauchen, um ihn ins Reich der s’Hisbe zurückzubringen. Erst als er im Hauptquartier der BLACKDAGGER der wunderschönen Auserwählten Selena begegnet, schöpft Trez neue Hoffnung: zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich geborgen und geliebt. Doch Selena leidet an einer seltenen Krankheit, und schon bald begreift Trez, dass ihm und Selena möglicherweise die Zeit davonläuft. Gemeinsam mit der Bruderschaft setzt er alles daran, seine große Liebe zu retten.

Die Autorin

J. R. Ward begann bereits während des Studiums mit dem Schreiben. Nach dem Hochschulabschluss veröffentlichte sie die BLACKDAGGER-Serie, die in kürzester Zeit die amerikanischen Bestsellerlisten eroberte. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrem Golden Retriever in Kentucky und gilt seit dem überragenden Erfolg der Serie als Star der romantischen Mystery.

Ein ausführliches Werkverzeichnis aller von J. R. Ward im Wilhelm Heyne Verlag erschienenen Bücher finden Sie am Ende des Bandes.

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www.heyne-fantastisch.de

J.R.Ward

Gefangenes Herz

Ein BLACKDAGGER-Roman

Wilhelm Heyne Verlag

München

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Titel der Originalausgabe:

THE SHADOWS (Part 1)

Aus dem Amerikanischen von Corinna Vierkant

Deutsche Erstausgabe 12/2015

Redaktion: Bettina Spangler

Copyright © 2015 by Love Conquers All, Inc.

Copyright © 2015 der deutschen Ausgabe

und der Übersetzung by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlagbild: Dirk Schulz

Umschlaggestaltung: Animagic, Bielefeld

Autorenfoto © by John Rott

ISBN 978-3-641-17021-9

www.heyne.de

In Liebe gewidmet:

Euch beiden.

Denn es ist unmöglich,

den einen von dem anderen zu trennen.

Danksagung

Ein großes Dankeschön allen Lesern der Bruderschaft der Black Dagger!

Vielen Dank für all die Unterstützung und die Ratschläge an: Steven Axelrod, Kara Welsh und Leslie Gelbman. Danke auch an alle Mitarbeiter von NAL – diese Bücher sind echte Teamarbeit!

Alles Liebe an das Team Waud – ihr wisst, wer gemeint ist. Ohne euch käme die Sache gar nicht zustande.

Nichts von alledem wäre möglich ohne: meinen liebevollen Ehemann, der mit Rat und Tat zur Seite steht, sich um mich kümmert und mich an seinen Visionen teilhaben lässt; meine wunderbare Mutter, die mir mehr Liebe geschenkt hat, als ich ihr je zurückgeben kann; meine Familie (die blutsverwandte wie auch die frei gewählte) und meine liebsten Freunde.

Ach ja, und meinem WriterAssistant Naamah.

Glossar der Begriffe und Eigennamen

Ahstrux nohtrum– Persönlicher Leibwächter mit Lizenz zum Töten, der vom König ernannt wird.

Die Auserwählten– Vampirinnen, deren Aufgabe es ist, der Jungfrau der Schrift zu dienen. Sie werden als Angehörige der Aristokratie betrachtet, obwohl sie eher spirituell als weltlich orientiert sind. Normalerweise pflegen sie wenig bis gar keinen Kontakt zu männlichen Vampiren; auf Weisung der Jungfrau der Schrift können sie sich aber mit einem Krieger vereinigen, um den Fortbestand ihres Standes zu sichern. Einige von ihnen besitzen die Fähigkeit zur Prophezeiung. In der Vergangenheit dienten sie alleinstehenden Brüdern zum Stillen ihres Blutbedürfnisses. Diese Praxis wurde von den Brüdern wiederaufgenommen.

Bannung– Status, der einer Vampirin der Aristokratie auf Gesuch ihrer Familie durch den König auferlegt werden kann. Unterstellt die Vampirin der alleinigen Aufsicht ihres Hüters, üblicherweise der älteste Mann des Haushalts. Ihr Hüter besitzt damit das gesetzlich verbriefte Recht, sämtliche Aspekte ihres Lebens zu bestimmen und nach eigenem Gutdünken jeglichen Umgang zwischen ihr und der Außenwelt zu regulieren.

Die Bruderschaft der Black Dagger– Die Brüder des Schwarzen Dolches. Speziell ausgebildete Vampirkrieger, die ihre Spezies vor der Gesellschaft der Lesser beschützen. Infolge selektiver Züchtung innerhalb der Rasse besitzen die Brüder ungeheure physische und mentale Stärke sowie die Fähigkeit zur extrem raschen Heilung. Die meisten von ihnen sind keine leiblichen Geschwister; neue Anwärter werden von den anderen Brüdern vorgeschlagen und daraufhin in die Bruderschaft aufgenommen. Die Mitglieder der Bruderschaft sind Einzelgänger, aggressiv und verschlossen. Sie pflegen wenig Kontakt zu Menschen und anderen Vampiren, außer um Blut zu trinken. Viele Legenden ranken sich um diese Krieger, und sie werden von ihresgleichen mit höchster Ehrfurcht behandelt. Sie können getötet werden, aber nur durch sehr schwere Wunden wie zum Beispiel eine Kugel oder einen Messerstich ins Herz.

Blutsklave– Männlicher oder weiblicher Vampir, der unterworfen wurde, um das Blutbedürfnis eines anderen zu stillen. Die Haltung von Blutsklaven wurde vor Kurzem gesetzlich verboten.

Chrih– Symbol des ehrenhaften Todes in der alten Sprache.

Doggen– Angehörige(r) der Dienerklasse innerhalb der Vampirwelt. Doggen pflegen im Dienst an ihrer Herrschaft altertümliche, konservative Sitten und folgen einem formellen Bekleidungs- und Verhaltenskodex. Sie können tagsüber aus dem Haus gehen, altern aber relativ rasch. Die Lebenserwartung liegt bei etwa fünfhundert Jahren.

Dhunhd– Hölle.

Ehros– Eine Auserwählte, die speziell in der Liebeskunst ausgebildet wurde.

Exhile Dhoble– Der böse oder verfluchte Zwilling, derjenige, der als Zweiter geboren wird.

Gesellschaft der Lesser– Orden von Vampirjägern, der von Omega zum Zwecke der Auslöschung der Vampirspezies gegründet wurde.

Glymera– Das soziale Herzstück der Aristokratie, sozusagen die »oberen Zehntausend« unter den Vampiren.

Gruft– Heiliges Gewölbe der Bruderschaft der Black Dagger. Sowohl Ort für zeremonielle Handlungen als auch Aufbewahrungsort für die erbeuteten Kanopen der Lesser. Hier werden unter anderem Aufnahmerituale, Begräbnisse und Disziplinarmaßnahmen gegen Brüder durchgeführt. Niemand außer Angehörigen der Bruderschaft, der Jungfrau der Schrift und Aspiranten hat Zutritt zur Gruft.

Hellren– Männlicher Vampir, der eine Partnerschaft mit einer Vampirin eingegangen ist. Männliche Vampire können mehr als eine Vampirin als Partnerin nehmen.

Hohe Familie– König und Königin der Vampire sowie all ihre Kinder.

Hüter– Vormund eines Vampirs oder einer Vampirin. Hüter können unterschiedlich viel Autorität besitzen, die größte Macht übt der Hüter einer gebannten Vampirin aus.

Jungfrau der Schrift– Mystische Macht, die dem König als Beraterin dient sowie die Vampirarchive hütet und Privilegien erteilt. Existiert in einer jenseitigen Sphäre und besitzt umfangreiche Kräfte. Hatte die Befähigung zu einem einzigen Schöpfungsakt, den sie zur Erschaffung der Vampire nutzte.

Leahdyre– Eine mächtige und einflussreiche Person.

Lesser– Ein seiner Seele beraubter Mensch, der als Mitglied der Gesellschaft der Lesser Jagd auf Vampire macht, um sie auszurotten. Die Lesser müssen durch einen Stich in die Brust getötet werden. Sie altern nicht, essen und trinken nicht und sind impotent. Im Laufe der Jahre verlieren ihre Haare, Haut und Iris ihre Pigmentierung, bis sie blond, bleich und weißäugig sind. Sie riechen nach Talkum. Aufgenommen in die Gesellschaft werden sie durch Omega. Daraufhin erhalten sie ihre Kanope, ein Keramikgefäß, in dem sie ihr aus der Brust entferntes Herz aufbewahren.

Lewlhen– Geschenk.

Lheage– Respektsbezeichnung einer sexuell devoten Person gegenüber einem dominanten Partner.

Lhenihan– Mystisches Biest, bekannt für seine sexuelle Leistungsfähigkeit. In modernem Slang bezieht es sich auf einen Vampir von übermäßiger Größe und Ausdauer.

Lielan– Ein Kosewort, frei übersetzt in etwa »mein Liebstes«.

Lys– Folterwerkzeug zur Entnahme von Augen.

Mahmen– Mutter. Dient sowohl als Bezeichnung als auch als Anrede und Kosewort.

Mhis– Die Verhüllung eines Ortes oder einer Gegend; die Schaffung einer Illusion.

Nalla oder Nallum– Kosewort. In etwa »Geliebte(r)«.

Novizin– Eine Jungfrau.

Omega– Unheilvolle mystische Gestalt, die sich aus Groll gegen die Jungfrau der Schrift die Ausrottung der Vampire zum Ziel gesetzt hat. Existiert in einer jenseitigen Sphäre und hat weitreichende Kräfte, wenn auch nicht die Kraft zur Schöpfung.

Phearsom– Begriff, der sich auf die Funktionstüchtigkeit der männlichen Geschlechtsorgane bezieht. Die wörtliche Übersetzung lautet in etwa »würdig, in eine Frau einzudringen«.

Princeps– Höchste Stufe der Vampiraristokratie, untergeben nur den Mitgliedern der Hohen Familie und den Auserwählten der Jungfrau der Schrift. Dieser Titel wird vererbt; er kann nicht verliehen werden.

Pyrokant– Bezeichnet die entscheidende Schwachstelle eines Individuums, sozusagen seine Achillesferse. Diese Schwachstelle kann innerlich sein, wie zum Beispiel eine Sucht, oder äußerlich, wie ein geliebter Mensch.

Rahlman– Retter.

Rythos– Rituelle Prozedur, um verlorene Ehre wiederherzustellen. Der Rythos wird von dem Vampir gewährt, der einen anderen beleidigt hat. Wird er angenommen, wählt der Gekränkte eine Waffe und tritt damit dem unbewaffneten Beleidiger entgegen.

Schleier– Jenseitige Sphäre, in der die Toten wieder mit ihrer Familie und ihren Freunden zusammentreffen und die Ewigkeit verbringen.

Shellan– Vampirin, die eine Partnerschaft mit einem Vampir eingegangen ist. Vampirinnen nehmen sich in der Regel nicht mehr als einen Partner, da gebundene männliche Vampire ein ausgeprägtes Revierverhalten zeigen.

Symphath– Eigene Spezies innerhalb der Vampirrasse, deren Merkmale die Fähigkeit und das Verlangen sind, Gefühle in anderen zu manipulieren (zum Zwecke eines Energieaustauschs). Historisch wurden die Symphathen oft mit Misstrauen betrachtet und in bestimmten Epochen auch von den anderen Vampiren gejagt. Sind heute nahezu ausgestorben.

Trahyner– Respekts- und Zuneigungsbezeichnung unter männlichen Vampiren. Bedeutet ungefähr »geliebter Freund«.

Transition– Entscheidender Moment im Leben eines Vampirs, wenn er oder sie ins Erwachsenenleben eintritt. Ab diesem Punkt müssen sie das Blut des jeweils anderen Geschlechts trinken, um zu überleben, und vertragen kein Sonnenlicht mehr. Findet normalerweise mit etwa Mitte zwanzig statt. Manche Vampire überleben ihre Transition nicht, vor allem männliche Vampire. Vor ihrer Transition sind Vampire von schwächlicher Konstitution und sexuell unreif und desinteressiert. Außerdem können sie sich noch nicht dematerialisieren.

Triebigkeit– Fruchtbare Phase einer Vampirin. Üblicherweise dauert sie zwei Tage und wird von heftigem sexuellem Verlangen begleitet. Zum ersten Mal tritt sie etwa fünf Jahre nach der Transition eines weiblichen Vampirs auf, danach im Abstand von etwa zehn Jahren. Alle männlichen Vampire reagieren bis zu einem gewissen Grad auf eine triebige Vampirin, deshalb ist dies eine gefährliche Zeit. Zwischen konkurrierenden männlichen Vampiren können Konflikte und Kämpfe ausbrechen, besonders wenn die Vampirin keinen Partner hat.

Vampir– Angehöriger einer gesonderten Spezies neben dem Homo sapiens. Vampire sind darauf angewiesen, das Blut des jeweils anderen Geschlechts zu trinken. Menschliches Blut kann ihnen zwar auch das Überleben sichern, aber die daraus gewonnene Kraft hält nicht lange vor. Nach ihrer Transition, die üblicherweise etwa mit Mitte zwanzig stattfindet, dürfen sie sich nicht mehr dem Sonnenlicht aussetzen und müssen sich in regelmäßigen Abständen aus der Vene ernähren. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme können Vampire Menschen nicht durch einen Biss oder eine Blutübertragung »verwandeln«; in seltenen Fällen aber können sich die beiden Spezies zusammen fortpflanzen. Vampire können sich nach Belieben dematerialisieren, dazu müssen sie aber ganz ruhig werden und sich konzentrieren; außerdem dürfen sie nichts Schweres bei sich tragen. Sie können Menschen ihre Erinnerung nehmen, allerdings nur, solange diese Erinnerungen im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert sind. Manche Vampire können auch Gedanken lesen. Die Lebenserwartung liegt bei über eintausend Jahren, in manchen Fällen auch höher.

Vergeltung– Akt tödlicher Rache, typischerweise ausgeführt von einem Mann im Dienste seiner Liebe.

Wanderer– Ein Verstorbener, der aus dem Schleier zu den Lebenden zurückgekehrt ist. Wanderern wird großer Respekt entgegengebracht, und sie werden für das, was sie durchmachen mussten, verehrt.

Whard– Entspricht einem Patenonkel oder einer Patentante.

Zwiestreit– Konflikt zwischen zwei männlichen Vampiren, die Rivalen um die Gunst einer Vampirin sind.

Prolog

Territorium der s’Hisbe, Großer Palast

Die Fußspuren, die er auf dem weißen Marmor hinterließ, waren rot. Rot wie ein Burma-Rubin. Rot wie das Mark des Feuers. Rot wie die Wut in seinem Bauch.

Es war sein eigenes Blut, doch TrezLath spürte keinen Schmerz.

Die Mordwaffe, ein silbernes Gemüsemesser, gerade mal so lang wie seine Hand und schmal wie sein Zeigefinger, hielt er noch immer umfasst, und auch sie war blutverschmiert. Doch die Flecken auf dem Marmor hatten einen anderen Ursprung. Er war verletzt worden im Kampf. An der Hüfte. Am Oberschenkel. Vielleicht an der Schulter, er wusste es nicht.

Der Korridor war meilenlang und himmelhoch, und was ihn am Ende erwartete, war ungewiss. Er hoffte inständig auf eine Tür. Es musste irgendeine Form von Tür geben– das hier war der Ausgang aus dem Palast, also musste es… einen Durchgang geben. Und wenn er ihn erreichte? Er hatte keine Ahnung, wie er ausbrechen sollte. Aber er hatte auch keine Ahnung gehabt, wie man tötet, und doch hatte er es vor wenigen Minuten getan.

Des Weiteren hatte er keinen Plan für das, was jenseits der Palastmauern lag oder wie er den Schutzwall überwinden sollte, der das Territorium umgab. Keine Ahnung, wohin er sich wenden, was er tun sollte. Er wusste nur, dass er nicht mehr in dieser Zelle leben konnte. Es war eine luxuriöse Zelle. Er schlief in einem seidenbezogenen Federbett, besaß ein eigenes Schwimmbecken, wurde von einem Leibkoch verköstigt. Die Bücher der Gelehrten standen ihm zur Verfügung, und für sein körperliches Wohl sorgte ein ganzer Stab aus Heilern, Barbieren und Drillmeistern. Seine nun zerrissenen Gewänder waren mit Juwelen aus der Schatzkammer bestickt, mit funkelnden Diamanten, Smaragden, Saphiren.

Doch das Kostbarste an ihm war sein Körper.

Trez war das heilige gemästete Kalb, der gekürte Zuchthengst. Sein Geburtshoroskop bestimmte, dass er die nächste Generation von Königinnen zeugen würde.

Er war noch nicht zu sexuellen Diensten berufen worden. Die Zeit dafür würde kommen, wenn die Prinzessin, mit der er sich vereinigen sollte, ihre astrologische Reife erreichte.

Trez blickte über die Schulter. Niemand folgte ihm, aber das würde sich ändern, sobald man den Wächter, den er überwältigt hatte, tot am Boden liegend fand– und das dauerte sicher nicht lang. Hier gab es immer wachsame Augen.

Wenn er doch nur…

Vor ihm glitt eine Tür zur Seite, die bündig in die Wand eingelassen war, und eine riesenhafte Gestalt in schwarzer Robe verstellte ihm den Weg.

s’Ex, der Scharfrichter der Königin, trug seine Kettenhaube, und sein Gesicht wurde von einem Drahtgeflecht verdeckt. Doch man brauchte es nicht zu sehen, um ihn zu erkennen.

Seine tiefe, böse Stimme war Drohung genug. »Du hast eine meiner Wachen getötet.«

Trez blieb stolpernd stehen. Er schielte auf das Messer in seiner Hand und wusste, dass ihn diese läppische »Waffe« nicht vor dem Schatten schützen konnte, dem er jetzt gegenüberstand. Die Silberklinge eignete sich zum Zerteilen von Birnen und Äpfeln, es würde schon an einem zarten Lendenstück scheitern.

Und der Scharfrichter war nicht wie der Wächter.

»Du versuchst zu gehen?« s’Ex hatte keinen Schritt getan, und doch schien er näher gekommen zu sein. »Das ist inakzeptabel, nicht nur aus meiner Sicht, es verstößt gegen das Gesetz.«

»Dann töte mich«, sagte Trez mit müder Stimme. »Reiße mich in Stücke, und verscharre sie außerhalb des Territoriums, so wie es sich für einen Verräter gehört.«

»Nichts lieber als das. Als Vergeltung für den toten Wächter.« s’Ex verschränkte schwere Arme vor einer breiten Brust. »Aber dein Herzschlag ist göttlich, so wie jeder Atemzug, den du tust. Deshalb steht es mir nicht zu– so wenig wie dir.«

Trez schloss die Augen. Seine Eltern waren beglückt gewesen, als sie erfuhren, dass einer ihrer zweieiigen Zwillinge im exakt richtigen Moment zur Welt gekommen war, in einem von den Sternen vorherbestimmten Sekundenbruchteil, der für die Familie große Veränderungen bedeutete. Ein Segen für sie einerseits, der Reichtum und gesellschaftliches Ansehen mit sich brachte. Ein Fluch für ihn, der ihn seines Lebens beraubte, obwohl er nicht tot war.

»Denk nicht mal dran«, sagte der Scharfrichter warnend.

Als Trez die Lider hob, merkte er, dass er sich das Messer an die eigene Kehle hielt. Seine Hand zitterte bedenklich, aber er drückte die Klinge fest genug gegen den Hals, dass er die Haut über der Schlagader ritzte.

Sein Blut rann warm über die geballte Faust.

Das Lachen von Trez klang selbst in seinen eigenen Ohren verrückt. »Ich habe nichts zu verlieren, außer einer lebenslänglichen Strafe für das Verbrechen, geboren zu sein.«

»Oh doch, das hast du. Nein, nicht wegschauen– das solltest du dir nicht entgehen lassen.«

Der Scharfrichter nickte zur offenen Tür, und etwas wurde in den Gang geschoben…

»Nein!«, schrie Trez, und seine Stimme hallte durch den Flur. »Nein!«

»Du erkennst ihn noch.« s’Ex nahm die Arme runter und zog die Ärmel hoch, um ganz beiläufig seine blutigen Knöchel zu präsentieren. »Trotz meiner Mühen. Aber gut, wie lange kennt ihr beide euch?«

Trez’ Sicht verschwamm immer wieder, während er die Augen seines Bruders suchte. Doch es gab keinen Blick, dem er begegnen konnte. iAm war bewusstlos, sein Kopf hing schlaff zur Seite, das Gesicht war von unzähligen Schlägen vollkommen verquollen. Sie hatten ihn von den Knien bis zu den Schultern in einen abgewetzten Lederschlauch gesteckt, der mit Messingschnallen zusammengehalten wurde. Dunkle Flecken, alte wie neue, bedeckten die braunen Riemen und trübten den Glanz der Metallteile.

»Gebt ihn mir«, befahl s’Ex.

Der Scharfrichter packte den Lederschlauch hinten und hob den schlaffen iAm so mühelos auf, als wäre er nicht mehr als eine Flasche Wein.

»Bitte…«, bettelte Trez. »Er hat nichts damit zu tun… lass ihn los…«

Aus irgendeinem Grund sah er die baumelnden Unterschenkel seines Bruders mit übelkeiterregender Klarheit. Ein Schuh steckte noch am Fuß, den anderen hatte er im Zuge seiner Entführung und Misshandlung verloren. Die Füße deuteten nach innen, sodass sich die großen Zehen berührten, doch einer war wegen des gebrochenen Knöchels auf unnatürliche Weise abgewinkelt.

»Nun, Trez«, sagte s’Ex, »hast du geglaubt, deine Entscheidung hätte keine Auswirkung auf ihn? Ich rate dir, das Messer runterzunehmen. Andernfalls nehme ich das«– er schüttelte den schlaffen iAm– »und wecke es auf. Und weißt du, wie ich das mache? Ich nehme das hier«– er zückte ein gezahntes Messer– »und ramme es ihm in die Schulter. Dann drehe ich es, bis er anfängt zu schreien.«

Trez musste gegen die Tränen anblinzeln. »Lass ihn laufen. Das hier hat nichts mit ihm zu tun.«

»Nimm das Messer runter.«

»Lass ihn…«

»Soll ich es dir zeigen?«

»Nein! Lass ihn…«

s’Ex stieß zu. Die Klinge drang durch das Leder und bohrte sich in iAms Fleisch.

»Drehen?«, bellte s’Ex über den Schrei hinweg. »Ja? Oder lässt du jetzt endlich dieses Buttermesser fallen.«

Das Silbermesser fiel klirrend zu Boden, doch iAms abgehackter Atem übertönte das Geräusch.

»Dachte ich es mir.« s’Ex riss das Messer wieder aus der Schulter, iAm fing an zu stöhnen und zu husten, und sein Blut spritzte über den Boden. »Wir gehen zurück zu deinem Quartier.«

»Erst lässt du ihn frei.«

»Du bist nicht in der Position, Forderungen zu stellen.«

Ein Trupp Wachen drängte zur versteckten Tür raus, alle in Schwarz, alle mit Kettenmasken. Sie rührten Trez nicht an, denn das war ihnen nicht gestattet. Stattdessen umzingelten sie ihn und liefen los, sodass er vorwärtsgetrieben wurde. Zurück zu dem Ort, von dem er geflohen war.

Trez kämpfte gegen die Strömung an, ging auf den Fußballen und hielt nach seinem Bruder Ausschau.

»Töte ihn nicht!«, schrie er. »Ich gehe! Ich gehe– aber tu ihm nichts an!«

s’Ex stand noch am selben Fleck, und die gezahnte, blutige Klinge fing das Licht auf, als er sie in die Höhe hielt. Als würde er lebenswichtige Organe für seinen nächsten Stich anvisieren.

»Das hängt von dir ab, Trez. Ganz allein von dir…«

In dem Moment machte es klick in seinem Kopf.

Später, als das gleißende Licht verblasste und die Welle abebbte, als das Getöse verstummte und seine Hände seltsam schmerzten, als er nicht mehr stand, sondern kniete, erkannte er, dass der erste Wachmann, den er getötet hatte, alles andere als der letzte gewesen war.

Er hatte alle Umstehenden mit bloßen Händen getötet…

…und s’Ex stand immer noch da und hielt seinen Bruder fest.

Deutlicher als an die Toten, die ihm zum Opfer gefallen waren, und an das Entsetzen, weil iAm mit ihm eingesperrt war, mehr als an das rote Blut mit seinem Kupfergeruch, das jetzt nicht mehr nur seine Fußspuren kennzeichnete, erinnerte er sich an das leise Lachen, das durch das Drahtgeflecht vor dem Gesicht des Scharfrichters gedrungen war.

Ein sanftes Lachen.

Als hätte der Scharfrichter Gefallen an dem Gemetzel gefunden.

Trez lachte nicht. Er begann zu schluchzen und hob die blutigen, zerschrammten Hände vors Gesicht.

»Die Sterne haben nicht gelogen«, sagte s’Ex. »Du bist eine Urgewalt, bestens geeignet für die Fortpflanzung.«

Trez ließ sich zur Seite sinken und landete im Blut, die Juwelen an seiner Robe gruben sich in sein Fleisch. »Bitte… lass ihn gehen…«

»Geh zurück in dein Quartier. Aus freien Stücken und ohne weitere Wachen zu verletzen.«

»Dann lässt du ihn gehen?«

»Du bist nicht der Einzige, der des Tötens mächtig ist. Aber im Gegensatz zu dir wurde ich in der Kunst geschult, Lebendes leiden zu lassen. Geh zurück in deine Räume, dann wird dein Bruder nicht den Tag seiner Geburt verfluchen, so wie du es tust.«

Trez blickte auf seine Hände. »Ich habe nie um all das hier gebeten.«

»Niemand bittet um seine Geburt.« Der Scharfrichter hob iAm höher. »Und mancher bittet nicht um den Tod. Bei deinem Bruder kannst du über Letzteres bestimmen. Wie wirst du dich entscheiden? Wirst du gegen ein Schicksal ankämpfen, das du nicht ändern kannst und das diesen Unschuldigen zu langem, elendem Leiden verurteilt? Oder wirst du einer heiligen Pflicht nachkommen, die mancher vor dir als höchste Ehre empfand?«

»Lass uns gehen. Lass uns beide gehen.«

»Das liegt nicht in meiner Hand. Dein Los wurde von den Geburtswehen deiner Mutter bestimmt. Du kannst genauso wenig dagegen ankämpfen, wie du es gegen die Wehen konntest.«

Als Trez schließlich versuchte aufzustehen, war der Boden zu rutschig. Überall war das Blut, das er vergossen hatte. Und dann musste er über ein Gewirr aus Toten steigen, deren Leben er zu Unrecht genommen hatte.

Die Fußspuren, die er auf dem Marmor hinterließ, waren rot. Rot wie ein Burma-Rubin. Rot wie das Mark des Feuers.

Die neuen Spuren verliefen parallel zu den ersten, weg von dem Ausweg, den er so verzweifelt gesucht hatte.

Es hätte ihm Mut gemacht, hätte er gewusst, dass er zwanzig Jahre, drei Monate, eine Woche und sechs Tage später aus dem Palast entkommen und eine Zeit in Freiheit verleben würde.

Und es hätte ihn zutiefst erschüttert, dass er einige Zeit danach freiwillig in den Palast zurückkehren würde.

Der Scharfrichter hatte in jener Nacht die Wahrheit gesprochen.

Das Schicksal kümmert sich nicht um die Lebenden, es bestimmt über sie, wie der Wind über die Flagge bestimmt, die er je nach Laune mal hierhin und mal dorthin weht. Es fragt nicht nach den Wünschen des Einzelnen.

Oder nach seinen Gebeten.

1

shAdoWs Nachtclub, Caldwell, New York

Es klopfte nicht. Die Bürotür flog auf, als hätte sie jemand mit Plastiksprengstoff pulverisiert. Oder mit einem Geländewagen. Oder einer Kanonenkugel.

Trez »Latimer« blickte von den Rechnungen auf, die auf seinem Schreibtisch lagen. »Big Rob?«

Sein Security-Mann stand stotternd vor ihm und gestikulierte. Trez drehte sich nach dem halbdurchlässigen Spiegel um, der die Rückwand seiner Kommandobrücke bildete. In dem neuen Club unter ihm brodelte es, Menschen schoben sich in der umgebauten Lagerhalle umher, und jeder dieser armen kranken Loser stand für ein paar hundert Dollar Profit, je nachdem, welchem Laster er anhing und wie viel er brauchte, um auf Touren zu kommen.

Es war Eröffnungsnacht im shAdoWs, und Trez hatte mit Schwierigkeiten gerechnet.

Allerdings nicht von der Sorte, dass sein stellvertretender Security-Chef sich gleich in ein kleines Mädchen verwandelte.

»Was ist passiert?« Trez stand auf und kam um den Tisch herum.

»Ich … du … ich … der Typ … er …«

Fang dich schnell, dachte Trez, sonst muss ich dir eine klatschen, damit du zur Besinnung kommst.

Schließlich krächzte Big Rob: »Musst du selbst sehen.«

Also folgte Trez seinem Mitarbeiter auf den Flur hinaus und die Treppe hinunter. Sein Büro verschloss sich von selbst, und das nicht, weil er dort irgendwelche Geheimnisse aufbewahrt hätte. Doch es gab darin ein paar hübsche Ledersofas und eine Heimkinoausstattung, die ihren Weg zu eBay finden konnten – außerdem duldete er prinzipiell keine Leute in seinem Privatbereich.

»Silent Tom sperrt weiträumig ab«, rief Big Rob über den Lärm, als sie im Erdgeschoss ankamen.

»Was ist denn los? Chemieunfall?«

»Ich weiß nicht, was es ist.«

Aus den Boxen dröhnte »About the Money« von T. I., so laut, dass der Sound einen Wall bildete, durch den Trez sich hindurchkämpfen musste, bis sie den Security Guard passierten, der sich vor dem Flur mit den Private Lounges postiert hatte.

Wie in seinem anderen Laden, dem Iron Mask, gab es auch hier kleine Rückzugsbereiche für die Clubbesucher, denn es war schon schwer genug, in Caldwell, New York, einen Prostitutionsring zu betreiben, ohne dass man die aneinanderklatschenden Leiber öffentlich sah.

»Hier rein«, sagte Big Rob.

Silent Tom stand wie ein Fels vor der geschlossenen Tür zur dritten Lounge. Aber Trez brauchte keine Erläuterung, um die Situation zu erfassen: Seine Nase meldete bereits unverkennbar, worum es hier ging.

Der süßliche Pesthauch eines Lessers hing in der Luft und übertünchte den Geruch von Schweiß und Sex, den die Menschen hier verbreiteten.

»Lass sehen«, sagte er finster.

Silent Tom trat zur Seite. »Bewegt sich noch. Was immer es ist.«

Ja, das war gut möglich. Jäger mussten auf ganz spezielle Weise getötet werden, sonst vegetierten sie weiter vor sich hin. Selbst wenn man sie in Stücke schlug.

»Wir müssen den Notarzt rufen«, sagte Big Rob. »Das war ich. Ich wollte nicht …«

Trez hob die Hand. »Keine Sorge. Warte noch mit dem Arzt.«

Er öffnete die Tür und verzog das Gesicht, als ihm der Gestank entgegenschlug. Dann trat er in den drei mal drei Meter großen Raum. Wände und Boden waren schwarz gestrichen, die Decke verspiegelt, eine einsame eingelassene Lampe verstrahlte sanftes Licht von oben. Der Jäger lag zusammengekrümmt in der Ecke unter der eingebauten Fickbank und stöhnte. Die ölige Schlacke, die aus seinen Wunden sickerte, roch nach Aas, vermischt mit frisch gebackenen Haferkeksen und Babypuder. Einfach widerlich.

Trez sah auf die Uhr. Mitternacht. Seine Security-Chefin Xhex hatte heute einen ihrer seltenen freien Abende, und selbst den hatte Trez ihr aufdrängen müssen, weil es die einzige Nacht war, in der ihr Hellren nicht für die Bruderschaft der Black Dagger im Einsatz war.

Dieser Sache musste er sich selbst annehmen.

Trez trat in den Flur. »Okay, was ist passiert?«

Big Rob öffnete diskret die Hand. Dort lagen mehrere Zellophantütchen sowie ein Bündel Scheine. »Wir haben ihn beim Dealen erwischt. Er wurde frech. Ich habe ihn zurechtgewiesen, da ist er ausgetickt und hat ein Messer gezogen. Er hat mich bedrängt, da habe ich ihn ausgeschaltet.«

Trez fluchte, als er das Symbol auf dem Heroin-Tütchen bemerkte. Es hatte nichts mit den Menschen zu tun – und es begegnete ihm nun schon zum zweiten Mal.

Es stammte aus der Alten Sprache der Vampire – was hatte es also bei einem Lesser zu suchen? Zum zweiten Mal?

Er nahm die Drogen an sich und steckte sie in die Tasche. Sollte sein Rausschmeißer das Geld behalten. »Du hast Glück, dass du noch lebst.«

»Ich rede mit der Polizei. Die Kamera hat alles aufgezeichnet.«

Trez schüttelte den Kopf. »Keine Polizei.«

»Wir können ihn nicht einfach hier liegen lassen.« Big Rob sah seinen stummen Freund an. »Er wird sterben.«

Es ging ganz schnell, in die Hirne der Rausschmeißer einzudringen. Als Schatten war Trez wie jeder Vampir in der Lage, die Gedanken und Erinnerungen von Menschen zu manipulieren und sie umzustellen wie Sitzgarnituren in einem Wohnzimmer.

Oder sie gleich ganz rauszuschmeißen.

Big Rob lockerte sofort seine angespannte Haltung und nickte. »Geht klar, wir warten hier. Kein Problem, Boss – und keine Sorge, wenn du nicht willst, dass da jemand reingeht, dann geht keiner rein.«

Trez klatschte ihm auf den Rücken. »Auf euch kann ich mich verlassen.«

Fluchend kehrte er zurück in sein Büro. Vor ein paar Monaten hatte er sich schon einmal an die Brüder gewandt, als er das erste Mal einen Jäger mit diesem Mist gefunden hatte. Eigentlich hatte er der Sache nachgehen wollen. Aber dann war ihm alles Mögliche dazwischengekommen, zum Beispiel der Scharfrichter der s’Hisbe und die Geschichte mit Selena …

Beim Gedanken an die Auserwählte wäre er fast auf der Treppe gestolpert und musste kurz die Augen schließen.

Doch er schob den Schmerz beiseite. Er hatte keine Lust, schon wieder in dem schwarzen Strudel zu versinken. Glücklicherweise hatte er in den letzten neun Monaten viel Übung darin gewonnen, sich gedanklich, emotional und seelisch vom Thema Selena abzulenken.

Mittlerweile war er diesen Gewaltakt gewöhnt.

Dennoch begleitete sie ihn wie ein leichtes Fieber, das er einfach nicht ganz abschütteln konnte, egal, wie viel er schlief und wie vernünftig er sich ernährte.

Und in manchen Nächten war sie weit mehr als ein Begleitgedanke. Aus diesem Grund musste er ab und an das Haus der Bruderschaft verlassen und in seiner alten Wohnung im Commodore campieren.

Ein gebundener Vampir konnte gefährlich werden, denn dieser Teil von ihm scherte sich einen Dreck darum, dass er nicht mit ihr zusammen sein konnte und das auch besser war. Zumal sie jene Brüder nährte, die sich aus diversen Gründen nicht bei ihren Partnerinnen stärken konnten.

Es war vollkommen verrückt.

Sie diente auf tugendhafte Weise der Jungfrau der Schrift, er war ein geläuterter Sexaholic, dem eine lebenslange Gefangenschaft bevorstand – und darin sah sein Schwanz das Erfolgsrezept für die große Liebe?

Wirklich, sie wären das perfekte Paar.

Mann, eigentlich war es gar nicht schlecht, dass da ein Lesser in der Private Lounge lag und alles mit seinem Blut besudelte. Damit hatte er wenigstens eine Bombe zu entschärfen, und das war besser, als den anonymen Clubbesuchern zuzusehen, wie sie ihre Süchte befriedigten, mithilfe der Frauen und dem Alkohol, die er zur Verfügung stellte.

Während sich bei ihm zu Hause die Wolken zusammenbrauten.

Bei der s’Hisbe.

2

Die Höhle, Anwesen der Bruderschaft

Rhage saß auf der Ledercouch von V und Butch und blickte genervt über den Rand des Caldwell Courier Journal. Von seiner Warte aus sah er unerfreulich viel von einem halbnackten Lassiter, der mit sich selbst spielte.

Also Kicker.

Der gefallene Engel hing wie ein Profi an Vs Tisch, wechselte dabei zwischen den Seiten und warf sich selbst Beleidigungen an den Kopf.

»Frage«, brummte Rhage und verlagerte sein verletztes Bein auf dem Couchtisch. »Weiß eine deiner Persönlichkeiten von deiner Schizophrenie?«

»Deine Mutter ist so dumm« – Lassiter dematerialisierte sich, erschien auf der anderen Seite und griff nach den Stangen –, »sie glaubt, Sahneschnitten kauft man beim Konditor.«

V kam zum Sofa und setzte sich. »Multiple Persönlichkeitsstörung, Hollywood. Nicht Schizophrenie.«

Der Bruder legte einen Tabakbeutel und Papers auf einen Stapel Sportmagazine – da stieß Lassiter einen Triumphschrei aus.

»Sieh mal«, sagte V leise. »Endlich gewinnt dieser Idiot.«

Rhage grunzte und suchte nach einer besseren Position für sein Bein. Eigentlich sollten er und V im Einsatz sein, doch ein wild gewordener Lesser war mit einem rostigen Messer auf ihn losgegangen, und V hatte eine Schussverletzung an der linken Schulter.

Wenigstens wären sie in vierundzwanzig Stunden wieder fit, was sie vor allem Selena verdankten. Ohne ihre großzügigen Blutgaben würden ihre Verletzungen nicht so schnell heilen, denn bei Mary und Jane konnten sie sich nicht nähren.

Aber es nervte, hier herumzuhocken wie zwei Krüppel.

Und dann auch noch Lassiter.

In der Höhle hatte sich eigentlich kaum etwas geändert: Überall standen Sporttaschen und Computer-Zubehör herum, es gab den Kicker und einen gigantischen Fernseher, auf dem SportsCenter lief, wo es um College-Football und die National Football League ging. Hier und da standen ein paar leere Grey-Goose-Flaschen herum, und der Kleiderschrank von Butch dehnte sich mittlerweile bis in den Flur aus. Aus den Boxen plärrte »Hell of a Night« von Schoolboy Q.

Dennoch war es keine reine Junggesellenwohnung mehr. In der Luft hing Marissas Parfum – irgendwas von Chanel –, und auf dem Couchtisch stand die Arzttasche von Jane. Die Wodkaflaschen stammten allein von diesem Nachmittag und Abend, und V würde sie wegräumen, bevor er schlafen ging. Außerdem lagen medizinische Fachblätter und das People-Magazin herum.

Ach ja, und die Küche war sauber. Es gab sogar eine Obstschale und einen Kühlschrank mit richtigem Inhalt, nicht nur voller Fastfood-Reste und Sojasoßen-Tütchen.

Rhage hatte gleich bei seiner Ankunft die Nase in diesen Kühlschrank gesteckt und sich an einer riesigen Packung Mint-Chocolate-Chip-Eis bedient. Das war mittlerweile eine halbe Stunde her, und schon wieder meldete sich der Hunger. Vielleicht sollte er langsam zurück ins Haupthaus …

»Holy Ghost« von Jeezy setzte ein, und Lassiter fing an zu rappen.

Zu rappen.

»Warum hast du ihn eingeladen?«, fragte Rhage, während V das Paper seiner frisch gedrehten Zigarette befeuchtete. »Und Scheiße, seit wann hast du das Zungenpiercing?«

»Ich habe ihn nicht eingeladen, er ist uns nachgelaufen. Und das Piercing habe ich seit einem Monat.«

»Aber warum tut man sich so etwas an?«

V grinste verschlagen und senkte die Lider. »Jane steht drauf.«

Rhage wandte sich wieder seiner Zeitung zu. »So genau wollte ich es gar nicht wissen, mein Bruder.«

»Komm schon, du würdest es doch auch tun, wenn Mary es wollte.«

»Doc Jane hat dich darum gebeten? Reicht ihr dein Ziegenbärtchen etwa nicht aus?«

Doch die Antwort war das gleiche Lächeln.

»Okay, Themawechsel …« Rhage wandte sich dem Horoskop zu. »Was ist dein Sternzeichen, Lassiter?«

»Ich bin fantastisch« – der Engel dematerialisierte sich auf die andere Seite –, »Aszendent ›leck mich‹. Und bevor du fragst, ich wurde geschaffen, nicht geboren, deshalb habe ich keinen Geburtstag.«

»Ich sage dir den Tag für dein Begräbnis«, schaltete V sich ein.

»Wie wäre es mit einem T-Shirt?« Rhage blätterte um. »Einem harmlosen Shirt. Würde es dich umbringen, dich anzuziehen, Engel? Für uns?«

Lassiter hielt kurz inne … dann schoss er ein Tor und schwang die Hüften à la Channing Tatum in Magic Mike und stöhnte dabei wie bei einem Orgasmus.

V hielt sich die diamantfarbenen Augen zu. »Hätte nie gedacht, dass ich mir wünschen würde, blind zu sein.«

Rhage knüllte die Zeitung zusammen und warf damit nach Lassiter. »Hör auf, Arschloch! Diesen Tisch wollte ich auch irgendwann mal benutzen …«

Das Handy von Rhage bekam einen Anfall und vibrierte an seinem Arsch, bis er sich zur Seite lehnte und es aus der Gesäßtasche zog. »Ja«, meldete er sich, ohne auf die Nummer zu achten.

Trez sprach leise. »Ich habe ein Problem.«

»Was gibt’s?«

»Ich habe einen gefechtsunfähigen Lesser in meinem Club. Die Erinnerung meiner Rausschmeißer habe ich schon gelöscht – besonders von dem, der gegen ihn gekämpft hat – aber es wird nicht lange anhalten.«

Rhage stand auf. »Ich bin in fünf Minuten da.«

»Danke, Mann.«

Rhage legte auf und nickte V zu. »Komm, ich weiß, wir sind heute nicht im Dienst, aber es geht nicht um einen Kampf.«

»Du musst mich nicht zweimal fragen. Wohin soll’s gehen?«

Lassiter unterbrach seine Hüftschwünge und richtete sich auf. »Exkursion!«

»Nein …«

»Nein …«

»Ich bin nicht nur recht ansehnlich, ich kann auch nützlich sein.«

V zog eine Grimasse, während er seinen Halfter anlegte und ein paar blitzende Dolche mit den Griffen nach unten hineinschob. »Ich bezweifle, dass wir einen Rammbock brauchen werden.«

»Vielleicht haben wir Glück.« Rhage ging zur Tür. »Aber ich würde nicht darauf bauen.«

»Ich will aber nicht als Einziger hierbleiben …«

»Und so gut siehst du auch wieder nicht aus, Engel.«

Es war eine herbstliche Nacht. Die kalte, frische Septemberluft kitzelte Rhage in der Nase und weckte die Bestie unter seiner Haut, als er über den Hof auf den Eingang des großen, steinernen Herrenhauses zuging.

Mann, er konnte es kaum erwarten, dass Mary von ihrer Arbeit im Refugium zurückkam.

Das ganze Gerede über Zungen und Frauen – okay, es waren nur drei Sätze gewesen – hatte ihn angetörnt.

Zehn Minuten, zwei Vierziger, ein paar Dolche und eine Stahlkette später dematerialisierte er sich zusammen mit V in den Meatpacking District von Caldwell, wo sie gegenüber dem neuen Laden von Trez Gestalt annahmen. Das shAdoWs befand sich in einer alten Lagerhalle, und wie bei allen vergleichbaren Läden hatte sich auch hier eine lange Schlange vor dem Eingang gebildet, in der Menschen wie Rinder am Futtertrog warteten. Aus der Halle wummerte Musik, und Lichter und Laserstrahlen blitzten durch die unzähligen Scheiben, sodass der Laden wie ein zweistöckiger Psychotrip unter einem Blechdach aussah.

Mehrere Köpfe drehten sich nach ihnen um, als Rhage und V um das Gebäude liefen, aber egal. Menschenfrauen registrierten Vampire – vielleicht war es eine hormonelle Sache, vielleicht lag es auch am schwarzen Leder.

Bloß ganz bestimmt nicht an dem Ziegenbärtchen. Das war unmöglich, oder?

Zugegeben, vielleicht hatte es mal eine Zeit gegeben, als Rhage sich an so zweifelhafter Ware vergriffen hatte, aber das war Vergangenheit. Er hatte Mary, und das war mehr als genug. Für V und Jane galt das Gleiche.

Okay, für ihn und Jane und ein »gesundes« Maß an Peitschen und Ketten.

Krank.

Der Hintereingang führte in den Mitarbeiterbereich des Clubs. Er hatte doppelte Türen und war dreifach verschlossen, und natürlich gab es irgendwo eine Überwachungskamera, denn sobald sie sich näherten, öffnete ihnen ein Türsteher.

»Seid ihr …?«

»Ja.« V stapfte durch die Tür. »Wo ist Trez?«

»Hier lang.«

Dunkle Flure. Blöde, betrunkene Menschen. Vollbusige Nutten. Und dann Trez, der vor einer schwarzen Tür unter einer Schwarzlichtlampe stand.

Der Schatten machte Eindruck, selbst aus zehn schummrigen Metern Entfernung. Er war groß, und sein Torso war ein auf den Kopf gestelltes Dreieck, mit kräftigen Schultern, die in eine schmale Taille mündeten, darunter kräftige Oberschenkel und lange Beine, die das Ganze aufrecht hielten. Seine Haut war dunkel wie der Mahagonitisch im Esszimmer der Bruderschaft, seine Augen schwarz wie die Nacht und das Haar so kurz, dass es nur ein Muster auf seinem Kopf bildete. Doch all das war nur hübsches Beiwerk.

In Wahrheit war er gefährlicher als jede Schusswaffe im Sortiment eines Waffenladens.

Schatten waren Killer und beherrschten Tricks, mit denen sie selbst die Bruderschaft beeindrucken konnten – normalerweise blieben sie für sich, draußen im Territorium, das weit außerhalb der Stadt lag. Trez und sein Bruder iAm bildeten die Ausnahme, und es hatte irgendwie mit Rehvenge zu tun, aber Rhage hatte nie gefragt.

»Wo ist er?«, erkundigte sich V, während er mit dem Schatten einschlug.

»Hier drin.«

Rhage tat es ihm gleich und begrüßte den Schatten mit einer rauen Umarmung. »Wie läuft’s.«

»Wir haben ein Problem.« Trez trat zurück und öffnete die Tür. »Aber nicht, was ihr denkt.«

Der »tote« Jäger wand sich schwerfällig auf dem Boden. Er hatte mehrere Brüche, ein Fuß zeigte in die falsche Richtung, ein Ellbogen war merkwürdig abgewinkelt, und er blutete das ölig schwarze Blut von Omega, sodass sich Lachen auf dem Boden bildeten.

»Gute Arbeit«, meinte Rhage, zog einen Lutscher mit Traubengeschmack aus der Jacke und riss die Folie ab. »Das war dein Rausschmeißer?«

»Big Rob.« Trez streckte die Hand aus. »Und hier ist das Problem.«

Auf seiner Handfläche lagen ein paar Päckchen mit Drogen …

Moment mal.

V griff mit seiner behandschuhten Hand danach. »Wie die Dinger, die du Butch gegeben hast, habe ich recht?«

»Genau.«

»Ja, sieht ganz nach einem Deal aus.«

»Hat sich aus der Sache schon etwas ergeben?«

»Butch hat mit Assail geredet, aber Assail hat vehement abgestritten, Geschäfte mit ihnen zu machen. Und damit hatte es sich. Nachdem nichts nachkam, setzten wir andere Prioritäten.«

Rhage zerbiss den Lutscher, um an den Schokokern zu gelangen, beugte sich vor und staunte nun auch. Die Tütchen waren mit einem roten Stempel versehen … mit dem Symbol für Tod in der Alten Sprache.

Dem Chrih.

Assail steckte ernsthaft in der Scheiße, wenn er den Feind benutzte, um seinen Stoff unters Volk zu bringen.

V fuhr sich mit der Hand durch das schwarze Haar. »Jetzt verstehe ich, warum du dieses Ding nicht mit einem Stich zu Omega geschickt hast.«

»Mein Rausschmeißer sagt, der Jäger wäre mit den anderen Besuchern reingekommen und hätte sich mit kleinen Deals durch den Laden gearbeitet. Er wurde aufgefordert zu gehen, weigerte sich, griff an – da hat sich Big Rob der Sache angenommen und ihm die Lichter ausgepustet. Es ist das erste Mal, dass dieser Lesser aufgetaucht ist, aber das bedeutet nicht viel, weil wir erst heute eröffnet haben. Ich schmeiße alle Dealer raus, egal ob Mensch oder sonst etwas. Ich will nicht, dass die Polizei mich noch mehr auf dem Kieker hat als ohnehin schon …«

ENDE DER LESEPROBE