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Andrea steht mit zwei Kindern vor den Trümmern ihres Lebens. Die Scherben der Beziehung zu ihrem manisch-depressiven Mann, die eigene Erkrankung und die drohende Arbeitslosigkeit haben tiefe Wunden in ihre Seele getrieben. Sie ist am Ende, zerschlagen, zerbrochen. In einem Moment völliger Ausweglosigkeit fleht sie Gott um Hilfe an. Dasselbe tut andernorts der Unternehmer Franz Lermer. Er hat nach der Wende den Goldrausch im Osten mitgemacht und dafür die bayerische Heimat verlassen. Als seine Firma pleite geht, bricht für ihn eine Welt zusammen. Kaum hat er sich aufgerappelt und mit einem neuen Unternehmen wieder in die Erfolgsspur zurückgefunden, stirbt völlig unerwartet seine Frau. Allein mit den Kindern steht er nun hilflos vor Gott und bittet ihn um Beistand. Die Gebete verhallen nicht ungehört im Universum. Die beiden finden zueinander; sie erleben es als Führung. Von da ändert sich alles. Heute leben sie mit den vier Kindern als Patchwork-Familie auf ihrer "Horse4C-Ranch" zwischen Chemnitz und Dresden. Sie halten Westernpferde, betreiben eine Landwirtschaft, vermieten Ferienwohnungen, bieten Freizeit, Erholung, Seminare und Gottesdienste an. Und wenn Gäste das möchten, beten sie für sie. Auf den Ruinenfeldern ihrer gebrochenen Lebenswege entsteht Neues: Gebrochenes Brot für viele.
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Seitenzahl: 430
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Franz & Andrea Lermer Broken Bread
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
© 2017 by Fontis – Brunnen Basel
Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns Fotos Umschlag und Bildteil: Copyright by Franz & Andrea Lermer E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg
ISBN (EPUB) 978-3-03848-470-7 ISBN (MOBI) 978-3-03848-471-4
www.fontis-verlag.com
Hunger nach Leben:Eine Einladung
Kapitel 1: Ein Anruf ändert alles
Kapitel 2: Risse in der Bergidylle
Kapitel 3: Im Klosterinternat: Wie bei Hanni und Nanni?
Kapitel 4: Ausgenutzt statt ausgebildet
Kapitel 5: Hilfe, Mama hat sich bekehrt!
Kapitel 6: Da steht ein Pferd vor der Tür
Kapitel 7: Im tiefsten Meer versenkt
Kapitel 8: Maßlos überfordert
Kapitel 9: Einsam im Internet
Kapitel 10: Johnny B. fliegt ein
Kapitel 11: Dann bring ich mich um
Kapitel 12: Heirat unter Druck
Kapitel 13: Richie droht mit Mord
Kapitel 14: Tausend Tode
Kapitel 15: Du bist schuld an dem, was jetzt passiert
Kapitel 16: «Wir haben da jemanden für dich»
Kapitel 17: Durch die Hölle und zurück
Kapitel 18: Nicht jammern, Probleme lösen
Kapitel 19: Tagträume, Ängste und Wegweiser im Nebel
Kapitel 20: Der Name der Rose und die Schule der Frauen
Kapitel 21: Wendezeit: Die Mauer fällt
Kapitel 22: Goldrausch im Osten
Kapitel 23: Aufstieg und Absturz
Kapitel 24: Sechs Millionen Schulden
Kapitel 25: Das Geschäft brummt wieder
Kapitel 26: So viele Tränen gibt es nicht
Kapitel 27: Die Liste des Unmöglichen
Kapitel 28: Gott übernimmt die Regie
Kapitel 29: Blind Date: Der Blitz schlägt ein
Kapitel 30: Schreiben genügt nicht
Kapitel 31: «Die kennen wir doch»
Kapitel 32: So nah und doch so fremd
Kapitel 33: Man sieht nur mit dem Herzen gut
Kapitel 34: Die Gefühle fahren Achterbahn
Kapitel 35: Als käme ich nach Hause
Kapitel 36: Scherben werden zu Puzzleteilen
Kapitel 37: Wunder geschehen
Sehnsucht nach mehr:Wie ein ganzheitlicher Lebensstil gelingt
Wege der GottesbegegnungDie sieben Säulen des Tempels
Gib Gott eine Chance
Bildteil
Hallo, schön dass Du da bist! Wir freuen uns, gemeinsam mit Dir ein Stück Weg zu gehen. Es ist kein Zufall, dass unser Buch gerade Dir in die Hände gefallen ist. Davon sind wir überzeugt. Die Erfahrungen, die wir in unserem Leben gemacht haben, können auch Dein Leben verändern. Und wir hoffen fest, dass genau dies durch Broken Bread bei möglichst vielen Menschen geschieht.
Jetzt haben wir den Mund gleich zu Beginn ganz schön voll genommen. Typisch bayerisches Selbstbewusstsein, würdest Du vielleicht unterstellen, wenn Du uns reden hören könntest. Unser «O-Ton Süd» lässt sich tatsächlich nicht verbergen. Schon gar nicht in Sachsen, wo wir heute leben. Mit unserem bayerischen Dialekt fallen wir unter all den «akzentfreien» Sachsen besonders auf. Auch nach Jahren zwischen Chemnitz und Dresden gelten wir sprachlich als unzureichend inkulturiert. Alles andere klappt ganz ausgezeichnet. Meistens jedenfalls. Zumindest, solange man keine Semmeln beim Bäcker bestellt. Dann ist ganz schnell wieder die Sprachbarriere da.
«Mia san mia, und mia san was Besonders»: Mit derart bajuwarischer Selbstherrlichkeit haben wir allerdings nichts am (Cowboy-)Hut. Absolut nicht. Wenn einer weiß, wie es ganz unten aussieht, wie es sich anfühlt, wenn das Leben in Trümmern liegt, wenn Trauer und Hoffnungslosigkeit die Seele zerfressen wie eine ätzende Säure und einem alles genommen ist, was einem wertvoll und teuer war, dann wir. Es hätte nicht viel gefehlt, und wir wären an unserem Schicksal zerbrochen.
Wahrscheinlich hätte das niemanden überrascht. Passiert ist aber etwas anderes. In dem Moment, als wir völlig am Ende waren, durften wir eine Erfahrung machen, die alles verändert hat: Wir sind Gott begegnet. Genau deshalb haben wir dieses Buch geschrieben.
Ja, Du hast richtig gelesen: Wir sind Gott begegnet. Wirklich begegnet. Nicht irgendwie im übertragenen Sinn, nicht als tröstlicher Gedanke, als theoretische Hoffnung, als philosophische Erkenntnis oder theologische Einsicht. Nein, so gerade nicht, sondern ganz real und persönlich. Wir sind ihm auch nicht in irgendeiner Kirche begegnet, sondern da, wo wir ihn am wenigsten erwartet hätten: mitten in den Scherben unseres Lebens.
Gott existiert! Daran gibt es für uns nicht den geringsten Zweifel. Denn wir haben es erlebt. Gott ist nicht tot, er lebt! Er ist für uns da, er sorgt sich um uns, er kümmert sich, er verbindet Wunden, heilt Beziehungen und versorgt Verletzungen – innere und äußere. Wer von Jesus berührt wird, dessen Leben verändert sich.
Keine Sorge, unser Buch ist keine Autobiografie, auch wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag. Bloß nicht noch eine Biografie, haben wir uns gedacht! Wer soll die lesen? Außerdem halten wir uns nicht für Stars oder Sternchen, auf deren biografische Erkenntnisse die Welt mehr oder weniger gewartet hat.
Broken Bread ist auch kein Pferdebuch, obwohl Pferde in unserem Leben durchaus eine wichtige Rolle spielen. Das Cover verrät das ja schon. Uns geht es um etwas anderes. Etwas ganz anderes: Wir möchten gerne unser Leben mit Dir teilen.
Auf die Idee sind wir nicht selbst gekommen. Die Idee kam zu uns. Wie? Na ja, wir haben es bereits erzählt: Unsere Sprache verrät uns. Wir stammen – unüberhörbar, wenn man uns dann hört – aus dem tiefen Bayern und leben mitten in Sachsen, zwischen Chemnitz und Dresden.
Da liegt es nahe, zu fragen, was uns aus dem idyllischen Bayern in den wilden Osten verschlagen hat. Wer dann erklärt, er sei schon seit der Wende da, die Ehefrau aber erst seit einigen Jahren, der weckt zwangsläufig Neugier und provoziert Fragen. Und ganz schnell sind wir jedes Mal mitten in unserer Geschichte. Keine Ahnung, wie oft wir sie inzwischen erzählt haben. Vielleicht haben uns manche für verrückt gehalten. Aber viele haben uns hinterher gesagt: «Das solltet ihr aufschreiben!»
Irgendwann hat uns der Gedanke «Aufschreiben» tatsächlich nicht mehr losgelassen. Auch weil uns das Thema Buch wieder und wieder und auf unterschiedliche Weise über den Weg gelaufen ist.
Zuerst konnten wir uns das überhaupt nicht vorstellen. Wir sind beide nicht unbedingt klassische Schreibtischmenschen, sondern eher lebenspraktisch veranlagt.
Franz ist gleich nach der Wende in den Osten gegangen und war in verschiedenen Branchen als Unternehmer tätig. Zuletzt hat er mit seiner Firma international Sportplätze gebaut.
Andrea war schon immer leidenschaftliche Reiterin, kommt beruflich aus dem Hotelfach, hat in Hotellerie und Gastronomie gearbeitet und war später stellvertretende Filialleiterin eines Discounters.
Ein Buch zu schreiben liegt da nicht unbedingt in unseren Genen. Doch der Gedanke «Buch» hat immer lauter bei uns angeklopft. Wie durch ein Wunder stand dann eines Tages der Chef des «Fontis»-Verlags auf unserer Ranch vor der Tür, und wir haben über dieses Buchprojekt gesprochen. Ein Wunder? Ja, wir schreiben bewusst «Wunder». Nichts anderes ist dieses Buch für uns.
Wunder gibt es wirklich. Auch daran zweifeln wir nicht im Geringsten. Wir haben Wunder erlebt, mehr, als in ein Buch passen. Und wir erfahren das Eingreifen Gottes immer wieder. Darum ist dieses Buch auch voller Wunder. Unmögliche Begegnungen, Heilungen an Körper und Seele, Versöhnungen, Bekehrung: Du wirst es gleich selbst lesen.
Wenn Gott seine Finger im Spiel hat, ist nichts unmöglich. Man reibt sich höchstens die Augen, was er alles an Überraschungen und Unerwartetem parat hat. Seit wir erleben durften, dass Gott tatsächlich existiert, dass er lebt und liebt und nur das Beste für uns will, wundern wir uns über nichts mehr. Höchstens über den Einfallsreichtum Gottes, der die Grenzen unserer Vorstellung und Fantasie immer wieder sprengt, der einen Plan für uns hat und uns viel besser kennt als wir uns selbst.
So steht das übrigens auch in der Bibel. Offensichtlich müssen wir wieder lernen, das Alte und das Neue Testament richtig zu lesen und die Heilige Schrift als das zu nehmen, was sie ist: lebendiges Wort des lebendigen Gottes. Die Bibel ist kein altes Weisheits-Buch aus längst vergangenen Zeiten. Gott spricht durch sie in unsere Gegenwart hinein. Jesus ist heute genauso lebendig wie vor 2000 Jahren. Das ist erfahrbar. Wirklich! Wir haben es erlebt. Gott versteckt sich nicht. Jesus wartet auf uns. Auch auf Dich. Er hat Sehnsucht danach, Dir zu begegnen.
Wenn wir anderen unsere Lebensgeschichte erzählt haben, durften wir häufig hören, dass unsere Geschichte mit Gott Mut macht und Kraft gibt. Mut machen und Kraft geben, das möchten wir auch mit unserem Buch. Wenn man im Leben so weit unten war wie wir und dann erlebt, dass es da einen Weg heraus gibt; eine Begegnung, die heilt, was zerstört wurde, ja, die neues Leben schenkt, dann will man das nicht für sich behalten. Das geht überhaupt nicht. Dann muss man das weitersagen, dann möchte man diese Erfahrung mit anderen teilen. Jetzt eben auch mit Dir.
Bitte sieh uns nach, dass wir uns gleich in der vertrauten «Du»-Form an Dich wenden. Das soll nicht unhöflich oder gar aufdringlich wirken, aber es macht es uns leichter. Über persönliche Dinge spricht und schreibt es sich einfacher, je weniger Distanz man zueinander hat.
Und Broken Bread ist ein sehr persönliches Buch. Wir lassen Dich in unser Leben und laden Dich ein, ein Stück unseres Weges mitzugehen. Wir werden Dir einiges zumuten. Leid, Not, Schmerz, Missbrauch, psychische Krankheit und Tod. Tiefe Trauer gehört ebenso zu unserer Geschichte wie berufliche Karriere, unternehmerische Höhenflüge und brutaler wirtschaftlicher Absturz, bis hin zur Pleite.
Wir wissen, was es heißt, nach dem Tod des Partners plötzlich allein mit zwei kleinen Kindern dazustehen. Wir haben aber auch erlebt, wie Gott daraus ein völlig neues Familienglück gemacht hat. Wir haben erfahren, was es bedeutet, als erfolgreicher Unternehmer in die Insolvenz zu gehen. Wir wissen aber auch, was Gott aus solchen Niederlagen machen kann.
Heute besitzen wir eine wachsende Landwirtschaft, betreiben eine Ranch mit Westernpferden, bieten Gästezimmer und Erholung an und veranstalten Seminare und Konzerte in unserem Saloon.
Wer es möchte, mit dem beten wir gerne. Unsere Jobs haben wir aufgegeben und unsere finanzielle Versorgung ganz in die Hände Gottes gegeben. Was sollen wir sagen? Es funktioniert!
All das wirst Du in unserem Buch finden. Wenn man so will, dann ist Broken Bread ein Erfahrungsbuch. Eines, in dem wir unsere Erfahrungen mit Gott weitergeben. Wir werden nichts beschönigen und nichts übertreiben. Wir schreiben, wie es war und was das mit uns gemacht hat.
Ja, unser Buch ist ein schonungsloser Blick in die Abgründe des Lebens. Aber vor allem ist es die wahre Geschichte einer heilsamen Gottesbegegnung. Diese Geschichte möchten wir mit Dir teilen, teilen wie gebrochenes Brot. Brot, das den Hunger nach Leben stillt und auf den Geschmack Gottes bringt.
Im letzten Abschnitt unseres Buches haben wir im Kapitel «Sehnsucht nach mehr» einige Tipps zusammengefasst. Sie stammen weder aus der üppigen Ratgeberliteratur für Lebenshilfe noch aus Coaching-Seminaren zur Persönlichkeitsoptimierung oder aus klugen Vorlesungen.
Unter «Sehnsucht nach mehr» findest Du eine Zusammenfassung unserer konkreten Erfahrungen der vergangenen Jahre, in denen wir in die «Schule Gottes» gehen durften. «Sehnsucht nach mehr» ist eine praktische Anleitung zu einem gesunden, ganzheitlichen Lebensstil und gleichzeitig eine Einführung in das geistliche Leben.
Ein wichtiger Hinweis noch: In diesem Buch werden Dir zwei Andreas begegnen. Autorin Andrea Lermer sowie Andrea-Christa. Letztere war die erste Frau von Franz. Andrea und Andrea-Christa: Das kann man verwechseln. Niemand weiß das besser als wir. Wir kennen die überraschten Reaktionen, die diese Namensgleichheit auslöst. Sie gehören bis heute zu unserem Leben.
Wir haben daher lange überlegt, ob wir Andrea-Christa der Einfachheit halber einen anderen Namen geben sollen. Am Ende haben wir uns dagegen entschieden. Ein fiktiver Name hätte zwar die Verwechslungsgefahr gebannt, wäre uns aber eigenartig, ja geradezu unehrlich vorgekommen. Daher muten und trauen wir unseren Lesern zu, Andrea und Andrea-Christa auseinanderzuhalten.
Wie gesagt, wir leben heute auf einer Ranch und halten Westernpferde. Pferde, Cowboys, Westernreiten, Natur und Landwirtschaft: Das ist unser Ding. Darum ist Broken Bread keine akademische Schwerkost und auch kein frommes Glaubensbuch. Wenn man so will, dann riecht unser Buch eher nach Stall und Lagerfeuer als nach Hörsaal oder Weihrauch.
Broken Bread hat im besten Sinn des Wortes «Stallgeruch». Unser Buch durchweht der Geruch des Lebens, mit all seinen Tiefen und Höhen, mit seinen Freuden und Leiden. Stell Dir vor, Du setzt Dich zu uns ans Feuer, und wir teilen mit Dir jetzt unsere Geschichte. So erzählen wir sie nämlich am liebsten.
Nicht schon wieder. Den ganzen Tag hatte mein Handy geklingelt. Jetzt läutete es erneut.
«Ich ändere den Klingelton. Der hier nervt allmählich», dachte ich und begann zu suchen. «Wo habe ich es hingelegt?»
Ich war zur Haustür hereingekommen, hatte meine Schuhe ausgezogen, an denen noch der Dreck von der Baustelle hing. Dann war ich in die Küche gegangen. Wieder hörte ich es klingeln.
«Wo ist das elende Ding?»
Gleich würde die Mailbox anspringen.
«Mist. Vielleicht ein wichtiger Kunde?»
Meine Geschäftspartner schätzen den persönlichen Kontakt genauso wie ich. Ich hasse es, auf eine Mailbox zu sprechen. Anrufbeantworter beantworten keine Anrufe. Das ist ein haltloses Versprechen. Sie verzögern Abläufe. Das kostet Zeit. Und Zeit ist Geld. Das hatte ich in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt.
Als Geschäftsführer war mir Kundenservice und Zeitmanagement besonders wichtig. Ich hatte eine Firma, die auf Sportplatz- und Kunstrasenbau spezialisiert war. Ende Oktober ging die Bausaison langsam zu Ende. Da gab es jede Menge zu tun. Draußen auf den Baustellen und drinnen im Büro.
Die Geschäfte liefen prächtig. Die Auftragsbücher waren proppenvoll. Innerhalb weniger Jahre hatte ich mich mit meiner neuen Firma von zwei Pleiten erholt, die ich als Chef eines großen Obst- und Gemüsehandels zu verkraften hatte. Millionen-Schulden inklusive.
Unmittelbar nach dem Mauerfall war ich von Bayern nach Sachsen gezogen. Ich hatte den Goldrausch im Osten mitgemacht und aus dem Nichts einen riesigen Obst- und Gemüsehandel hochgezogen. Dann brach alles zusammen. Die Pleite war eine gigantische Katastrophe. Sie erschütterte mein Vertrauen in mich selbst und in Gott. Durch Zufall war ich in einer neuen Branche gelandet. Mit dem Erfolg meines neuen Unternehmens konnte ich meine Schulden abbezahlen. Der Wohlstand kehrte zurück.
Mit meiner Frau und unseren beiden Kindern lebte ich in einer historischen Unternehmer-Villa in Hainichen, einer Kleinstadt zwischen Chemnitz und Dresden. Der Lebensstil, den wir uns inzwischen wieder leisten konnten, war eine Wohltat. Nach der Insolvenz waren wir bettelarm gewesen. Schulden über Schulden. Kein Geld für Essen, Kleidung, Heizung. Wir hausten wie Bettler zu viert in einem einzigen Zimmer, um nicht noch mehr frieren zu müssen. Die Zeiten hatten wir hinter uns. Gott sei Dank!
Wieder klingelte mein Handy.
«Wo ist das … Ah, da liegt es ja. Warum habe ich da nicht gleich geschaut?»
Vor lauter Telefonaten war ich heute kaum zum Arbeiten gekommen. Natürlich hatte ich gearbeitet. Die Telefonate mit Kunden und Geschäftspartnern gehörten zum Wichtigsten überhaupt. Aber auf meinem Schreibtisch im Büro stapelten sich Akten, die ich durchsehen wollte.
Heute war bereits Donnerstag. Die Woche war fast schon wieder gelaufen. Und ich hatte mir so viel vorgenommen. Meine Frau und die Kinder waren für ein paar Tage zu den Großeltern nach Bayern gefahren. Der Kalender zeigte den 23. Oktober. Ihr Kurzurlaub kam für mich genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich hatte noch viel anzuschieben, ehe sich das Jahr dem Ende zuneigte.
Wieder klingelte mein Handy. Ich griff danach und nahm den Anruf an, ohne aufs Display zu sehen. Der Anrufer hatte schon lange genug warten müssen.
«Franz Lermer hier», sagte ich und legte meinen geschäftlichen Ton in den Namen. Dabei war eigentlich längst Feierabend. Egal.
Die Stimme am anderen Ende der Leitung schien nervös. Ich erkannte sie nicht, obwohl mir irgendetwas an ihr vertraut vorkam.
«Wer ist dran?», fragte ich. Ich hatte den Anrufer nicht richtig verstanden.
«Hallo Franz, hier ist der Rolf.»
Diesmal hörte ich ihn gut. Rolf war ein Freund von uns, der in Südtirol lebte.
«Mensch, das ist schön, lange nichts gehört», wollte ich loslegen. Rolf unterbrach mich sofort.
«Franz, da ist was komisch.» Mehr als seine merkwürdige Andeutung irritierte mich seine Nervosität.
«Was, was ist komisch?», fragte ich ihn.
«Mit deiner Frau.» Rolf stockte.
«Was ist mit ihr?», fuhr ich ihn an.
Meine Frau hatte die Kinder zu Oma und Opa nach Siegsdorf gebracht und war anschließend in unsere Wohnung nach Aschau gefahren. Andrea-Christa, mit der ich damals verheiratet war, ist nicht die Andrea, die gemeinsam mit mir dieses Buch schreibt. Die beiden haben den gleichen Vornamen, was in unserem Leben schon häufiger für Irritationen gesorgt hat.
Andrea-Christa und ich hatten uns die Wohnung in Aschau gekauft, um wieder mehr Zeit in Bayern verbringen zu können. So schön Sachsen ist, es zog uns immer wieder in die Heimat. Mit der Rückkehr des beruflichen Erfolgs entstand die Idee, eine Wohnung zu kaufen. Dort wusste ich meine Frau gut aufgehoben. Ich machte mir nie Gedanken, wenn sie in Aschau war, um Verwandtschaft oder Freunde zu besuchen. Bayern tat uns beiden gut. Was sollte da schon sein? Der Anruf von Rolf kam mir merkwürdig vor.
«Was ist los?», fragte ich ihn erneut.
Rolf zögerte. «Franz, ich habe gerade mit deiner Frau telefoniert, und dann war sie auf einmal weg.»
«Wie, weg? Was heißt, sie war weg?», rief ich ins Telefon.
«Wir wollten gerade etwas ausmachen. Sie wollte uns besuchen kommen. Und mitten im Gespräch war sie plötzlich weg. Das kommt mir seltsam vor. Sie geht auch nicht mehr an ihr Handy.»
«Was?», unterbrach ich Rolf. «Ich versuche sie zu erreichen und melde mich später wieder bei dir.»
Eilig beendete ich das Gespräch. Ich drückte die gespeicherte Mobilnummer meiner Frau. Die Verbindung baute sich auf. Am anderen Ende der Leitung hörte ich den Signalton.
«Komm schon, geh ran», schoss es mir durch den Kopf.
Niemand nahm ab. Ich versuchte es noch einmal. Diesmal wählte ich selbst. Wieder der Signalton.
«Hey, was ist los mit dir?»
Mich überfiel eine panische Angst. Mühsam zwang ich mich, ruhig zu bleiben.
«Was mache ich jetzt?»
Ich versuchte es noch einmal. Wieder nur die Mailbox.
«Was mach ich denn jetzt?»
Meine Gedanken überschlugen sich. In der näheren Umgebung unserer Wohnung kannte ich niemanden, den ich hätte anrufen können. Mein Bruder wohnte nicht weit entfernt, aber der war gerade nicht da. In Panik rief ich meine Eltern an. Ich versuchte meine Angst runterzuschlucken, um sie nicht verrückt zu machen. Es gelang mir nicht wirklich.
«Könnt ihr bitte nach Aschau fahren und nachschauen, was da los ist?», bat ich sie.
Mittlerweile war ich derart aufgebracht, dass sich meine Eltern sofort ins Auto setzten und losfuhren. Seit dem Anruf unseres Freundes aus Südtirol mochten zwanzig Minuten vergangen sein. Mir kam es vor wie eine Ewigkeit. Ich lief im Flur auf und ab, wie ein Tiger im Käfig, und wartete, dass mich endlich jemand zurückrufen würde.
Mit jeder Minute wuchs meine Angst. Was war passiert? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Aber normal war das alles nicht. Es musste etwas vorgefallen sein. Aber was? Und wie ging es meiner Frau? Mein Handy klingelte.
«Was ist los? Wie geht es ihr?!», schrie ich.
«Sie macht nicht auf. Wir haben Sturm geläutet, aber sie öffnet die Tür nicht!», rief mein Vater. Man merkte, dass auch ihn die Angst erfasst hatte.
«Unten, der Nachbar, er hat einen Zweitschlüssel. Klingelt den sofort raus!», brüllte ich.
Inzwischen war auch mein Bruder bei der Wohnung in Aschau eingetroffen. Er besorgte den Zweitschlüssel, rannte die Treppen nach oben und sperrte die Tür auf.
«Wir haben sie gefunden!», rief er in sein Telefon.
«Was ist mit ihr?!», schrie ich zurück.
«Sie liegt hier. Wir kümmern uns.»
Den Notarzt hatte ich bereits bestellt. Ich hatte die Rettungsleitstelle angerufen und vorsorglich einen Notarzt zu unserer Adresse beordert. Mir war völlig egal, ob es ein blinder Alarm war. Ich musste handeln.
«Die müssen gleich da sein!», rief ich in mein Mobiltelefon. Meine Hände waren schweißnass.
«Ja, schnell!», hörte ich meinen Bruder.
«Was ist denn? Lebt sie noch?», fragte ich.
«Entspann dich, Franz! Der Notarzt ist gerade gekommen.»
Ich stand da, mein Smartphone in der Hand, und war zur Hilflosigkeit verdammt.
«Was macht der Arzt?», wollte ich von meinem Bruder wissen.
«Die versuchen alles», antwortete er.
Damit war ich nicht zufrieden.
«Was heißt das?», fuhr ich ihn an.
Er zögerte, dann antwortete er: «Sie reanimieren.»
«Wieso reanimieren? Was ist da los, Klaus?!», schrie ich verzweifelt.
«Sie tun wirklich alles», sagte mein Bruder. «Ich melde mich wieder.» Er legte auf.
Es begann die längste Dreiviertelstunde meines Lebens. Ich hatte das Telefon in der Hand und konnte nichts, aber auch gar nichts tun. Einige hundert Kilometer von mir entfernt lag meine Frau in unserer Wohnung und wurde wiederbelebt. Ich kam mir vor wie in einem Horrorfilm. Man sieht das Unheil kommen, aber kann nichts dagegen tun. Nur war das hier kein Film. Das war die Realität.
Ich stand da und wusste nicht mehr aus noch ein. Zur Untätigkeit verdammt, blieb mir nur das Warten.
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und rief meinen Bruder wieder an.
«Klaus, was ist? Sag mir die Wahrheit: Was läuft da ab?», flehte ich ihn an.
Mein Bruder schilderte die Situation erst wortkarg, dann wurde er immer stiller. Und dann – ich werde das nie vergessen – sagte er mit gebrochener Stimme:
«Franz, sie ist tot.»
«Was?» Ich kippte fast um.
«Ja, sie ist tot», wiederholte er.
In mir brach eine Welt zusammen. Die Stunde der Ungewissheit und der Panik hatte mich völlig erschöpft. Eine gefühlte Ewigkeit war ich hin- und hergerissen zwischen Hoffen und Bangen. Jetzt versetzte mir die Todesnachricht einen Schlag, dem ich nicht mehr gewachsen war. Ich stürzte zu Boden.
Meine Frau und ich waren beide Christen. Wir hatten uns über den Glauben kennen gelernt und gemeinsam auf die Suche nach einer lebendigen Gottesbeziehung gemacht. Wir hatten Höhen und Tiefen miteinander bewältigt. Das hatte uns noch mehr zusammengeschweißt. Gemeinsam versuchten wir, unseren kleinen Kindern gute Eltern zu sein. Ich hatte mein Unternehmen. Andrea-Christa hatte zuletzt Psychologie studiert. Neulich erst hatten wir über ihre Zukunft gesprochen und eine therapeutische Praxis geplant.
All das hatte keinerlei Bedeutung mehr. Von einer Sekunde auf die andere war alles anders. Meine Frau war tot. Mitten aus dem Leben gerissen. «Völlig unerwartet verstorben», steht in solchen Fällen in Todesanzeigen. Daran dachte ich jetzt nicht. «Nichts wird mehr so sein, wie es war»: Dieser Satz hämmerte sich mit Wucht in mein Bewusstsein.
«Gott, was machst du?», war das Erste, was mir in den Sinn kam, als ich wieder halbwegs in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich kauerte noch am Boden. Langsam richtete ich mich auf.
Zitternd kniete ich nieder. «Gott, ich werde nicht aufhören, dich zu lieben.»
Kaum hatte ich das gesagt, überkamen mich Trauer und Wut. Ich griff nach meinem Mobiltelefon, das neben mir lag, und warf es mit solcher Wucht an die Wand, dass es zersprang. Ich saß am Boden. Um mich herum lagen die Teile meines zerbrochenen Handys.
«Gott, so nackt, so hilflos und elend bin ich noch nie vor dir gewesen», betete ich.
Inzwischen hatten meine Eltern mehrfach versucht, mich zu erreichen. Vergeblich. Mein Handy war ja kaputt. Meine Eltern fürchteten, ich könne durchgedreht sein und mich umgebracht haben. Aber ich saß nur da, gelähmt von Trauer und Schmerz.
Gegen 24.00 Uhr erreichten sie mich auf dem Festnetz. Vorher war ich nicht in der Lage gewesen, an den Apparat zu gehen. Bei allem Entsetzen war meine Mutter erleichtert, mich zu hören. Die Kinder waren bei ihr und meinem Vater in Siegsdorf.
Jetzt fragte sie mich: «Franz, was sollen wir den Kindern sagen? Sollen wir es ihnen erzählen?»
«Nein, ihr müsst nichts machen. Ich komme morgen», sagte ich und legte erschöpft auf.
Am nächsten Tag fuhr mich ein Kollege nach Siegsdorf. Ich war wie in Trance. Als ich bei meinen Eltern ankam, wussten die Kinder schon Bescheid.
«Franz, wir haben es ihnen gesagt. Sie haben mitbekommen, dass etwas nicht stimmt, und ständig gefragt, was los ist.»
Meine Mutter hatte es ihnen erklärt. Sie berichtete mir von der Reaktion unserer Tochter auf die Todesnachricht.
Wie aus dem Nichts habe Vianne geschrien: «Ich will keine neue Mama!»
Der Gedanke an meine schreiende Tochter, die ihre Mutter verloren hatte, schnürte mir die Luft ab. Die Wunden der Nacht begannen erneut zu bluten. Mein Herz fühlte sich an wie durchbohrt. Wie kam das Kind ausgerechnet auf diesen Gedanken? Das schien mir in diesem Moment völlig absurd.
Heute sehe ich das anders.
Auf einem Bauernhof in den bayerischen Bergen aufzuwachsen, kann traumhaft schön sein, kann aber – wie in meinem Fall – auch dunkle Seiten haben. Ich habe beides erlebt: das Helle und das Dunkle. Heute weiß ich, dass vieles, was mir ein Leben lang Probleme gemacht hat, seine Wurzeln schon in der frühen Kindheit hatte.
Als Älteste von zwei Schwestern wurde ich 1968 in Berchtesgaden geboren. Für Urlauber ist Berchtesgaden eine Postkartenidylle. Es ist wirklich wunderschön dort. Die Natur, die Landschaft, die grandiose Bergwelt: eine Umgebung wie aus dem Katalog eines Reisebüros. Bayern von seiner schönsten, von seiner malerischsten Seite.
Und mittendrin in dieser Idylle lebten wir auf dem Bauernhof meiner Großeltern. Eigentlich ein Traum. Ich habe es genossen, auf einem Bauernhof groß werden zu dürfen. Von klein auf habe ich Tiere immer besonders geliebt. Da kann einem eigentlich nichts Besseres passieren, als auf einem Bauernhof aufzuwachsen. Es sei denn, man ist dort auch von sadistisch veranlagten Menschen umgeben, die Spaß daran haben, Tiere zu quälen.
Als Kind war ich stundenlang im Stall bei den Kühen und Katzen und habe mich um sie gekümmert. Ich habe sie gestreichelt, mit ihnen gesprochen, sie gefüttert, mit ihnen gespielt. Die Tiere waren mein Leben, und das war großartig und hätte für mich immer so bleiben können.
Leider mussten meine Kühe irgendwann zum Schlachter. Auf einem Bauernhof ist das völlig normal. Aber für mich war es jedes Mal ein Weltuntergang. Wenn ich merkte, dass es wieder so weit war, bekam ich Ohnmachtsanfälle. Nicht gespielt, sondern tatsächlich. Ich habe alles, wirklich alles versucht, um den Erwachsenen begreiflich zu machen, dass man meine Tiere nicht töten darf. Sie waren schließlich meine Freunde. Ich liebte sie und wollte sie schützen. Erfolglos. Verstanden hat das keiner von den Erwachsenen, da konnte ich machen, was ich wollte.
«Hab dich nicht so», war noch eine der sanftesten Antworten, die ich mir einfing, wenn ich vor Verzweiflung weinte und schrie und schließlich zusammenbrach, als man meine Kühe vom Hof führte, um sie zum Schlachter zu bringen.
Verstanden hat meine Tierliebe niemand. Im Gegenteil. Die Erwachsenen fühlten sich davon genervt. Wer auf einem Bauernhof lebt und Tiere derart liebt wie ich, ist dort leider fehl am Platz. So habe ich mich auch gefühlt. Inmitten all der Erwachsenen, die so ganz anders waren als ich. Und die mit meinen Gefühlen und Empfindungen so überhaupt nichts anfangen konnten.
Meine Oma, die mit uns auf dem Bauernhof lebte, war eine sehr autoritäre Frau. Ihr Hof, auf dem wir wohnten, bestand aus mehreren Häusern und Ställen. Meine Oma lebte im alten Bauernhaus, wir in einem Anbau. Heute würde man von einem Mehrgenerationenhaus sprechen. Auf einem Bauernhof in Berchtesgaden war das damals nichts Besonderes, dass mehrere Generationen auf einem Hof lebten.
Irgendwann wurde damit begonnen, Gästezimmer zu vermieten. Das liegt nahe, wenn man in Berchtesgaden lebt, wo es jedes Jahr zahllose Urlauber hinzieht. Ins Haus wurden mehrere Gästezimmer eingebaut und unten ein Frühstücksraum.
Von dem Moment an, in dem wir Gäste auf dem Hof hatten, standen für meine Oma die Urlauber an erster Stelle. Dahinter kam nichts, und es wurde auch kein Wert darauf gelegt, dass da noch jemand ist, der vielleicht auch noch Bedürfnisse hat. Wie wir uns fühlten, war egal. Wir hatten auf die Gäste Rücksicht zu nehmen. Das galt für meine Mutter und für uns Kinder sowieso.
Oma führte das Regiment. Opa lebte eher zurückgezogen. Die meiste Zeit verschwand er in seinem Bienenhaus. Das war sein Rückzugsort. Bis heute weiß ich nicht, was man so viele Stunden in einem Bienenhaus machen kann. Damals schien es mir, als sei Opa eigentlich immer im Bienenhaus. Es war wohl seine Art, sich zu entspannen.
Um meine Tierliebe und meine Gefühle hat sich niemand gekümmert. Verstanden hat mich ohnehin keiner. Im Gegenteil, ich musste auf dem Hof erleben, wie man sich über meine Tierliebe lustig machte und sadistische Späße mit mir trieb. Kühen wurde das Ohr umgedreht, oder sie wurden geschlagen, als sie angebunden waren.
Wenn ich so etwas sah, brach ich zusammen. Darüber wurde dann gelacht. Kühe zu quälen war nicht das Einzige. Manchmal ging es noch weiter: Einmal steckte jemand ein Holzstück in einen Sack und schlug es mit voller Wucht gegen die Wand. Mich ließ die Person glauben, da sei meine Katze drin. Das war so brutal und tut mir heute noch weh, wenn ich davon erzähle.
Inmitten all dieser für mich schlimmen Erfahrungen empfand ich meine Kindheit dennoch auch als eine schöne Zeit. Das klingt vielleicht komisch, aber so war es. Ich habe es geliebt, in dieser traumhaften Bergwelt groß zu werden, auf einem Bauernhof Freiheiten zu haben, die andere nicht kannten.
Zu uns kamen immer viele Freunde. Wir spielten auf dem ganzen Gelände, bauten Häuschen im Heustadel und sind auf Kühen geritten. Das habe ich damals als große Freiheit empfunden. Diese Freiheit war zwar immer umkämpft, weil Oma und Opa viel verboten haben und wir ständig Rücksicht auf die Gäste nehmen mussten. Aber wir nutzten die Freiräume, die sich uns durch die Landwirtschaft boten, und konnten draußen in einer herrlichen Umgebung spielen. Das habe ich als Kind sehr genossen.
Schlimm war für mich, dass niemand meine Beziehung zu den Tieren verstand. Das war für mich existenziell, aber keiner hat das begriffen. Ich fühlte mich völlig unverstanden. Das führte dazu, dass ich mich immer mehr darum bemühte, meine Tiere zu schützen. Gelungen ist mir das nicht. Irgendwann kam der Metzger und holte meine Rosl ab. Ich stand da und war machtlos. Für mich war das eine Katastrophe.
Immer wieder habe ich zu erklären versucht: «Das darf man nicht. Rosl will doch leben, sie ist meine Freundin.»
Geholfen hat es nichts. Da habe ich früh gespürt, wie hilflos ich in dieser Welt bin. Meine Erfahrung als Kind war: «Ich kann nichts ausrichten. Ich kann schreien und weinen, ich kann ohnmächtig umfallen, aber was ich auch mache: Ich kann es nicht aufhalten.»
Das erleben zu müssen, hat mich sehr verletzt. Diese Erfahrung hat sich tief in meine Seele gegraben und mich mein Leben lang begleitet.
Als Kind habe ich auf meine Weise reagiert: Ich hatte immer eine Art Tierpark um mich herum, weil ich sämtliche Tiere, die ich gefunden habe und die in meinen Augen arm dran waren, mit nach Hause genommen habe, um sie zu versorgen. So habe ich wohl versucht, meine negativen Erfahrungen zu kompensieren.
Heute kann ich verstehen, dass es meine Eltern genervt hat, wenn ich wieder mit einem Marder, einem Frosch oder einem anderen Tier heimkam, um es aufzupäppeln und zu beschützen. Damals war es mein Lebensinhalt. Und mich verstand keiner von den Erwachsenen.
Als ich geboren wurde, waren meine Eltern beide erst 21 Jahre alt. Mein Vater war Werkzeugmacher und arbeitete bis zu seiner Rente im Salzbergwerk Berchtesgaden. Als Kind fand ich das cool, denn er war in der Abteilung beschäftigt, die mit den Besuchern in den Berg eingefahren ist. Er lenkte den kleinen Zug, der in den Berg fuhr, und ich durfte mit meinen Freunden oft mitfahren.
Meine Mutter war überaus fürsorglich und immer für uns da. Ich hätte alles von ihr haben können. Eigentlich wäre mir meine Mama genug gewesen. Die Aufgabe meiner Mutter bestand darin, auf dem Hof der Eltern mitzuhelfen. Das hat sie während meiner gesamten Kindheit getan.
Meine Oma spannte meine Mutter auf dem Hof und in der Gästebewirtung ein: Frühstück machen, Gäste bedienen, die Zimmer richten.
Neben all der Arbeit hat Mama uns umsorgt. Sie war für uns da. Das hat mir gutgetan. Dann gab es noch meine fünf Jahre jüngere Schwester, die als kleiner Wirbelwind immer hinter mir her war. Leider hab ich vieles, was sie betrifft, nicht wirklich mitbekommen, da der Altersunterschied zwischen uns damals einfach zu groß war.
In meiner Kindheit haben Glaube und Religion über Rituale und Gebräuche hinaus keine Rolle gespielt. Wir waren katholisch. Aber was hieß das schon? Das war in Berchtesgaden so selbstverständlich wie die Bergwelt um uns herum. Die Berge waren auch einfach da, ohne dass man sich Gedanken darüber gemacht hätte. So war es auch mit dem Glauben. Er war wie selbstverständlich da. Man pflegte Bräuche und den Kirchgang. Ansonsten hatte er im Grunde keine Bedeutung.
Meine Mutter war so erzogen worden, dass man am Sonntag in die Kirche ging. Ihre Mutter hatte sie jeden Sonntag in die Kirche geschickt, selbst war sie nicht gegangen. Auch meiner Mama war wichtig, dass wir Kinder gingen. Für sich selbst hat sie das lange als nicht so bedeutend erachtet.
Geändert hat sich das erst mit der Geburt meiner Schwester. Es war eine schwierige Entbindung, meine Mutter wäre fast dabei gestorben. Sie legte währenddessen ein Gelübde ab: «Wenn ich das überlebe, gehe ich jeden Sonntag in die Kirche.» Sie überlebte. Von da an gingen wir jeden Sonntag in die Messe.
Ansonsten waren wir traditionell katholisch. Das hieß in unserem Fall: Bei Gewitter wurde eine Wetterkerze angezündet, an Weihnachten und Silvester beteten wir gemeinsam den Rosenkranz. Meine Uroma betete ihn vor. Die Perlen glitten durch ihre faltigen Hände. Jahr für Jahr wiederholte sich dieses Ritual. Ohne Rosenkranz gab es kein Weihnachten und kein Silvester.
Eine religiöse Praxis wie Tischgebete kannten wir nicht. Von Gott und Jesus wusste ich kaum etwas. Wir lebten Glaube als Brauchtum und Tradition. Mehr war da nicht.
Bis eines Tages die große Tochter unserer Nachbarn gläubig wurde. Warum? Ich weiß es heute nicht mehr. Jedenfalls veranstaltete sie für uns Kinder Bibelstunden. Meine Mama erlaubte mir, hinzugehen. Das war großartig: Wir sangen Lieder und bekamen Geschichten von Jesus erzählt. Es wurde uns aus einer Kinderbibel vorgelesen. So etwas kannte ich überhaupt nicht. Das waren spannende Geschichten wie die von Daniel in der Löwengrube. Alles war sehr kindgerecht. Und es wurde Gitarre gespielt.
Ich erinnere mich noch genau, wie toll ich das damals fand. Da ging ich zu meiner Mutter und bat sie: «Mama, ich möchte auch eine Kinderbibel.»
Sie entgegnete mir prompt: «So ein Schmarrn. Dafür gebe ich kein Geld aus.»
Es war ein langer Kampf, irgendwann habe ich dann doch eine Kinderbibel bekommen. Meine Mama war nicht grundsätzlich gegen den Glauben. Irgendwie hat sie schon geglaubt, nur habe ich davon nichts mitbekommen.
Die Kindergruppe bei der Nachbarin löste sich leider irgendwann auf. Aber ich hatte ja jetzt meine Kinderbibel. Darin las ich gerne, einfach so – mit meinem kindlichen Verständnis.
Die Jahre gingen ins Land. Licht und Schatten wechselten sich beständig ab. Der Schatten, mit meinen innersten Wünschen, die sich in meiner Tierliebe ausdrückten, von niemandem verstanden und gar nicht gehört zu werden, legte sich auf meine Seele. Als Kind machte ich die Erfahrung, mit meinem Nein das Schicksal nicht aufhalten zu können. Ich konnte weinen, schreien, zu erklären versuchen, es half alles nichts. Diese Erfahrung sollte in meinem späteren Leben noch eine schicksalhafte Rolle spielen.
Und doch schien auch immer wieder die Sonne über unserem Bauernhof. Gefragt, ob ich eine schöne Kindheit hatte, würde ich mit «Ja» antworten. Allerdings ist mir heute klar, dass es auch viele Momente gab, die mir schwer zugesetzt haben.
Meist werden einem Zusammenhänge mit Erlebnissen in der frühen Kindheit erst viel später bewusst. Das verlangt, Situationen neu zu bewerten. Idylle gibt es nur auf Postkarten. Wo Menschen miteinander leben, hat jede Idylle ihre Risse. Manchmal braucht es länger, um sie zu sehen. Und noch mehr Zeit ist nötig, um das zu verstehen.
Nach der Grundschule stand der Wechsel an die Realschule vor der Tür. Er fiel in eine Zeit, in der ich mit Vorliebe «Hanni und Nanni»-Bücher las. Was heißt: las – ich verschlang sie regelrecht! Die Buchreihe von Enid Blyton über die beiden Zwillingsmädchen, die in ihrem Mädcheninternat tolle Abenteuer erlebten, beflügelte meine Fantasie.
Als eine meiner Freundinnen auf ein Internat geschickt wurde, weil ihre Eltern keine Zeit für sie hatten, beschloss ich: «Da gehe ich auch hin.»
Meine Eltern waren strikt dagegen. Tatsächlich war das Internat nicht weit von zu Hause weg. Ich hätte auch mit dem Zug zur Schule pendeln können. Viele Mädchen besuchten die Schule als sogenannte «Externe», man musste nicht zwangsläufig im Internat leben. Aber ich hatte mir nun mal in den Kopf gesetzt: «Ich will ins Internat, um alle die spannenden Hanni-und-Nanni-Geschichten selbst zu erleben.» Davon war ich durch nichts und niemanden abzubringen.
Sogar meine schulischen Leistungen steigerte ich, um ins Internat zu dürfen. Erst waren sie mittelmäßig gewesen. Jetzt schrieb ich nur noch Einser und Zweier. Meine Eltern stellten sich immer noch quer, bis sie ihren Widerstand gegen meine Pläne eines Tages dann doch aufgaben. Allerdings stellten sie mir eine Bedingung. Sie schärften mir ein:
«Wenn du dich für das Internat entscheidest, ist das ein Schritt, den du nicht wieder zurücknehmen kannst. Das musst du dann durchziehen. Komm bloß nicht gerannt und sag, dass du wieder nach Hause willst.»
Meine Eltern kannten meinen wunden Punkt genau: Er hieß «Heimweh». Seit ich denken kann, litt ich unter fürchterlichem Heimweh. Das war so grauenhaft schlimm, dass ich nicht einmal bei meiner Oma drüben im Haupthaus unseres Bauernhofes übernachten wollte. «Wollte» ist eigentlich schon falsch. Ich konnte da nicht schlafen. Mein Heimweh hätte mich aufgefressen, obwohl wir nur einen Steinwurf auseinander wohnten.
Von meinem schlimmen Heimweh wollte ich im Moment der Entscheidung aber nichts wissen. Ich wollte Abenteuer erleben. Und dazu musste ich nun mal in das Internat.
Zum Internat gehörte eine Klosterschule für Mädchen. Wenn ich mich recht erinnere, waren es zehn Klosterschwestern, die dieses Internat führten. Ganz im alten Stil: mit eisernem Regiment und unerbittlicher Strenge. Das hatte nichts mit dem spannenden Internatsleben zu tun, das ich aus meinen «Hanni und Nanni»-Büchern kannte. Dabei wollte ich doch gerade deswegen hierher.
Was für ein Irrtum! Die Schwestern sperrten uns Mädchen in einen Käfig aus Regeln, aus dem es kein Entkommen gab. Mit mir waren noch ein paar Freundinnen im Internat. Das half ein bisschen. Dass geteiltes Leid nur halbes Leid sein soll, hätte wohl dennoch keine von uns unterschrieben.
Wir hatten einen stramm geregelten Tagesablauf, in den waren wir eingespannt wie in ein Korsett, das einem gerade noch Luft zum Atmen lässt. Nach dem Schulunterricht ging es ins Internat. Dort gab es Essen. Im Anschluss an den Mittagstisch stand ein Spaziergang auf dem Programm.
Wir Mädchen liefen in Zweierreihen, eine Klosterschwester ging voraus, eine andere hinterher. Tauchte irgendwo ein Junge auf, hieß es: «Die Sünde naht», und wir mussten wegschauen. Kurze Röcke waren genauso verboten wie Spaghettiträger und alles andere, was in den Augen der Schwestern ungehörig hätte wirken können.
Das wäre alles nicht so schlimm gewesen, hätte es nicht diese strenge Reglementierung des Tagesablaufs gegeben. Es blieb uns keinerlei persönliche Freiheit. Nach dem gemeinsamen Spaziergang hieß es: lernen. Von 14 bis 15.30 Uhr saßen wir im Klassenzimmer. Nach einer kurzen Pause ging es weiter bis 17.45 Uhr.
In diesen Lernzeiten machten wir Hausaufgaben. Vorne saß eine Klosterschwester und überwachte das Geschehen. Ging einem die Tintenpatrone aus, durfte man unter keinen Umständen die Nachbarin fragen, ob man eine Patrone von ihr bekommen könnte. Sprechen war streng verboten.
Auch auf die Toilette zu gehen oder Zettel zu schreiben, war untersagt. Es herrschte absolutes Sprech- und Kontaktverbot. War die Patrone leer oder das Heft vollgeschrieben, hatte man zu warten, bis die jeweilige Lernstunde zu Ende war, ohne seine Hausaufgaben erledigen zu können.
Nach quälend langen Studierzeiten wartete bereits das Abendessen. Danach gab es «Freizeit». Zumindest wurde es so genannt. Mit Freizeit hatte es in Wirklichkeit nichts zu tun. Von 19 bis 21 Uhr saßen wir Mädchen in einem relativ kleinen Raum und lasen oder schrieben. Wir durften nicht nach draußen gehen oder wenigstens in den Garten.
Wir saßen drinnen in unserer sogenannten «Freizeit», und ich machte nur eines: Ich schrieb Briefe nach Hause. Täglich. Jeden Tag schrieb ich meiner Mama einen Brief. Meine Briefe hatten alle ungefähr den gleichen Inhalt. Darin stand: «Ich will nach Hause, ich will nach Hause, ich will nach Hause.» Wie wahnsinnig litt ich an Heimweh. Es war schrecklich, und ich konnte mich niemandem anvertrauen.
Wenn ich an den Wochenenden daheim war, sagte man mir: «Du wolltest ja unbedingt ins Internat. Jetzt reiß dich zusammen.»
Die Zehntklässler hatten zumindest einen eigenen Raum für ihre Freizeit. Die älteren Mädchen durften mehr; sie durften auch mal Radio hören.
Für uns Jüngere gab es weder Radio noch Fernsehen. Um 21.00 Uhr war Schlafenszeit. Wir gingen in das Schlafhaus, mussten uns waschen und ins Bett. Es war streng verboten, noch einen Satz zu reden oder auf die Toilette zu gehen.
Kaum war das Licht aus und die Tür zu, hatte ich das Gefühl, dringend auf die Toilette zu müssen. Rauszugehen traute ich mich nicht. Auf dem Gang ging eine Schwester auf und ab. Die Tür ließ sie immer einen Spalt offen, um zu hören, ob wir redeten. In unserem Zimmer gab es ein Waschbecken. Aus Angst sind wir dort Pipi machen gegangen.
Anders als im übrigen Schuljahr verliefen die letzten Wochen vor den Sommerferien richtig entspannt. Ich erinnere mich da auch an schöne Zeiten. Die Schwestern waren lockerer. Wir hatten Spaß zusammen und haben gemeinsam gebastelt. Ich vermute, das war so, damit wir im nächsten Schuljahr wiederkommen.
Tatsächlich dachte ich mir: «Na ja, dann geh ich nächstes Schuljahr eben wieder hin. Es war am Ende ja doch eine schöne Gemeinschaft.»
Kaum waren die großen Ferien vorbei und das neue Schuljahr hatte begonnen, war schnell klar: «Nein, das geht nicht.» Das Heimweh kam wieder und hatte mich fest im Griff. Im Internatsleben hatte sich nichts verändert. Ich weinte fürchterlich, bis eine Schwester ausrastete.
Sie schrie mich an: «Dann geh doch nach Hause!» Sie packte mir den Koffer und meinte: «Wenn du immer weinst, kann man mit dir hier nichts anfangen.»
Diese Klosterschwester hatte ich eigentlich sehr gerne. Darum sagte ich mir: «Wenn diese Schwester so traurig ist, dass ich gehe, dann versuche ich, dieses Jahr auch noch durchzuhalten.»
Freitagnachmittag durften wir immer nach Hause fahren, Sonntagabend mussten wir wieder im Internat antreten, damit wir am Montag rechtzeitig in der Schule waren. An den Wochenenden habe ich daheim rebelliert. Ich weigerte mich, wieder ins Internat zu gehen, und protestierte wie wild. Genützt hat es nichts. Meine Eltern blieben hart.
Mein Vater rückte keinen Zentimeter von seiner Haltung ab und sagte kalt: «Du hast dich selbst dafür entschieden, also fährst du wieder hin.»
Es half alles nichts. Wieder bestieg ich den Zug und fuhr ins Internat. Von «Hanni und Nanni» träumte ich längst nicht mehr.
Zwei Jahre, die 7. und die 8. Klasse, verbrachte ich in diesem Internat. Dann hatten meine Eltern ein Einsehen, ich trat aus und wollte nur noch eines: meine Freiheit.
Während der 9. und der 10. Klasse wohnte ich zu Hause und fuhr mit dem Zug zur Schule und zurück. Es begann eine Zeit des Aufatmens. Nach den Jahren im Internat wollte ich mir von niemandem mehr etwas vorschreiben lassen.
«Grenzen? Nicht mit mir!», war meine Devise. Regeln hatten mich lange genug gefesselt. Jetzt war es an der Zeit, endlich frei zu sein. Ich genoss meine neu gewonnene Freiheit in vollen Zügen. Die Pubertät tat ihr Übriges.
Ich wollte mir keine Grenzen mehr setzen lassen. Von niemandem mehr. Davon hatte ich ein für alle Mal die Nase gestrichen voll. Niemand sollte mir mehr vorschreiben, wann ich zu lernen hatte oder wann ich ins Bett gehen sollte. Damit war Schluss. Endgültig und für immer.
Freiheit war klasse, aber meine persönliche Freiheitsbewegung endete in einem schulischen Desaster: Hausaufgaben machte ich überhaupt nicht mehr. Morgens schrieb ich sie schnell von den anderen ab. Mit meinen schulischen Leistungen ging es rapide bergab. Obwohl ich zuvor eine gute Schülerin war, verlor ich in der 9. Klasse den Anschluss. Da ich nur noch morgens im Zug abschrieb und selbst nicht mehr lernte, kam ich im Stoff nicht mehr mit.
In der 10. Klasse musste ich einräumen: «Mist, die Lücken sind zu groß, das wird nichts mehr.»
Ich ging zurück in die 9. Klasse, hatte inzwischen aber überhaupt «keinen Bock mehr auf Schule», wie man damals so sagte. Deshalb zog ich nach Ende des Schuljahrs los, um mich nach einer Lehrstelle umzuschauen.
«Hotelfachfrau könnte mich interessieren», überlegte ich. Hotels gab es in Berchtesgaden mehr als genug. Ich ging in das nächstbeste Hotel und fragte, ob ich eine Lehrstelle bekommen könnte. Die nahmen mich sofort. Es war ihnen sogar egal, ob ich die Schule noch abschließe oder nicht.
«Was für ein Glück!», dachte ich und jubelte innerlich.
Leider war das ein gewaltiger Irrtum, wie sich schon bald herausstellen sollte. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich das aber noch nicht ahnen.
Ich machte noch rasch meinen «Quali», den qualifizierenden Abschluss der Mittelschule, um dann mit der Lehre zu beginnen.
Meine Eltern hatten inzwischen kapituliert. Sie begriffen, dass es keinen Sinn haben würde, mich weiter in die Schule zu drängen. Die Intelligenz wäre da gewesen, aber das nützte nichts. Ich weigerte mich standhaft, zu lernen. Nach den Jahren des Zwangs und der Qual im Internat kam das für mich nicht mehr in Frage. Ich wollte nicht mehr! Es war aus und vorbei mit der Lernerei! Da war ich stur wie ein Felsbrocken aus dem Berchtesgadener Bergwerk. Und ich hatte ja meine Lehrstelle, die mir das Tor in die Berufswelt aufstoßen sollte.
Leider war das Hotel, in dem ich meine Ausbildung begann, eines von jener Sorte, in die man seine Kinder auf keinen Fall in die Lehre schicken sollte. Aber ich hatte mir die Stelle ja selbst gesucht. So wie damals bei der Entscheidung für das Internat, in das ich unbedingt gehen wollte.
Wie beim Klosterinternat wusste ich auch diesmal nicht, was in dem Hotel auf mich zukam. Denn ich hatte keine Ahnung davon, dass dieses Hotel schon lange keine Angestellten mehr bekam, weil der Chef ein böser, tyrannischer Choleriker war.
Kein Wunder, dass sie mich mit Handkuss genommen haben. Das wurde mir bald klar. Da wollte sonst niemand hin! Ich wusste das nur leider nicht eher. Und als ich es kapierte, war es zu spät.
Meine Hotelfach-Ausbildung war eine brutal harte Zeit. Jeder Morgen begann mit Tränen, solche Angst hatte ich vor meinem Chef. Er war ein übler Tyrann, der uns alles hinterherwarf, wenn er einen seiner Wutausbrüche hatte. Und die kamen ziemlich häufig vor.
Als Chef des Hotels spielte er den Obermacker, und wir mussten arbeiten wie irre. Von vorne bis hinten wurden wir ausgenutzt. Der Betrieb arbeitete nur mit Lehrlingen. Es gab keinen einzigen fertig Ausgebildeten. Es ging nur darum, Profit zu machen. Wir Lehrlinge waren im Grunde völlig egal.
Nach vierzehn Stunden Arbeit wagte ich einmal zu fragen, ob ich nun nach Hause gehen dürfte.
«Was, du bist doch eben erst gekommen, was willst du schon wieder heim?», herrschte er mich an.
Es war schrecklich. Ein andermal sollte ich nach sechzehn Stunden Arbeit nachts um zwei Uhr zu Fuß nach Hause gehen. Da hätten eigentlich meine Eltern kommen müssen, um sich zu beschweren. Aber das taten sie nicht. Zumindest noch nicht.
Erst später, Anfang der 90er Jahre – da war ich wohl sechzehn Jahre alt – ist mein Vater vorstellig geworden.
«Leute, so geht's nicht», hat er meinem Chef gesagt. Leichter gemacht hat es das für mich nicht. Danach hatte ich erst recht Hundstage.
Mein Chef hatte noch ein zweites Hotel, das von seiner Schwester geführt wurde. Vor dieser Frau hatte ich richtig Angst. Sie kam immer nur, um mich zu schikanieren. Jeden Morgen um zehn kam sie ins Hotel ihres Bruders, schaute nach mir und suchte nach Gründen, mich in den Senkel zu stellen.
Nachdem mein Vater sich bei meinem Chef beschwert und mich danach kurzerhand mitgenommen hatte, damit ich endlich Urlaub machen konnte, kam ich anschließend mit bösen Ahnungen zurück an meinen Arbeitsplatz. Dort offenbarte man mir, dass ich meine Ausbildung im Betrieb der Schwester fortsetzen würde.
Als ich das hörte, dachte ich ernsthaft: «Ich sterbe!»
Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, sagte ich mir: «Es hilft nichts. Ich muss da durch.» Hundert Auswege hatte ich mir durch den Kopf gehen lassen, keiner schien erfolgversprechend.
Auch meine Eltern bedrängten mich: «Du musst deine Lehre fertig machen. Du hast sonst nichts in der Hand. Wie soll denn deine Zukunft aussehen? Es bringt nichts, wenn du jetzt die Ausbildung abbrichst. Damit ruinierst du nur alles.»
Also wechselte ich in das Hotel der Schwester meines tyrannischen Chefs. Und siehe da: Es lief besser als gedacht. Wir begannen sogar, uns zu mögen.
Meine neue Chefin merkte, dass sie sich auf mich verlassen konnte. Ich arbeitete schneller als andere und war in der Lage, den ganzen Betrieb alleine zu schmeißen. Morgens machte ich Frühstück. Danach versorgte ich die Zimmer. Wir hatten fünfzig Betten, um die ich mich alleine kümmerte. Mittags half ich dann in der Küche, und nachmittags war ich fertig. Ich hab das alles alleine geschafft und war glücklich darüber.
Endlich wurde Leistung belohnt: Es schimpfte niemand mehr! Das war es aber auch schon. Mit mir als Lehrling sparte das Hotel viel Geld. Das war auch der Grund, warum sie versuchten, mich nach der Lehre zu halten.
Selbst wenn es gegen Ende nicht mehr so schlimm war: Für mich war die Ausbildung ein Horrortrip, den ich so schnell wie möglich beenden wollte. Keinen Tag länger wollte ich bleiben.
Zumal ich damals genug andere Sorgen hatte. Während meiner Ausbildung war meine Mutter plötzlich fromm geworden. Und ihre Bekehrung hatte höchst merkwürdige Nebenwirkungen, mit denen ich überhaupt nicht zurechtkam.
Ich steckte mitten im Ausbildungsterror und haderte mit meinem Schicksal als Lehrling bei einem hysterischen Chef, da passierte etwas Unglaubliches: Meine Mutter bekehrte sich. Von einem Tag auf den anderen war sie nicht mehr dieselbe. Natürlich war sie weiter meine Mutter, zumindest sah sie aus wie meine Mutter, aber sie verhielt sich nicht mehr, wie meine Mutter das bislang getan hatte.
Ich habe schon erzählt, dass sie bei der Geburt meiner Schwester das Gelübde mit dem Kirchgang am Sonntag abgelegt hatte. Daran hielt sie sich auch. Dass dies ihr Leben verändert hätte, könnte ich nicht sagen. Aber jetzt war das anders: Meine Mutter veränderte sich. Und zwar heftig.
Als hätte ich mit meiner Ausbildung nicht schon genug Nöte gehabt, kam jetzt auch noch die Sorge um meine Mutter dazu. Sie veränderte sich so, dass es mir ernste Sorgen bereitete. Ich begriff überhaupt nicht, was da geschehen war.
Irgendwann hatte sie sich wohl aufgemacht, Gott zu suchen. So richtig hat das keiner mitbekommen. Sie muss eine Bibel in die Hände bekommen und begonnen haben, darin zu lesen. Dabei muss sie sich bekehrt haben. Persönlich, ganz im Stillen, ohne großes Aufsehen. Ihre Bekehrung – oder wie immer man das auch nennen will – fand jedenfalls nicht in der Kirche statt. Das war ganz privat.
Dieser Sinneswandel wäre für mich wahrscheinlich akzeptabel gewesen, wäre sie nicht danach losgezogen, um Gleichgesinnte zu finden. Ihre Bekehrung muss für sie ein außergewöhnliches Erlebnis gewesen sein. Sie hatte da etwas entdeckt, was sie nicht für sich behalten wollte. Jedenfalls suchte sie nach Leuten, mit denen sie ihre neu gewonnenen Glaubenserfahrungen teilen konnte.
In der Nachbarschaft wurde sie fündig. Da gab es einen Bibelkreis. Die waren für meine Begriffe wirklich hart drauf: Man durfte nur Röcke anziehen, musste die Haare hochgesteckt tragen und, und, und. Es gab einen ganzen Katalog voller «Du darfst nicht!». Freiheit war bei dem «Du darfst nicht»-Kreis Fehlanzeige.
