Bulle Bulle - Werner Stubbe - E-Book

Bulle Bulle E-Book

Werner Stubbe

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Beschreibung

Die Geschichten sind spektakulär oder kurios, manchmal auch tragisch oder außergewöhnlich. Sie handeln von Betrügern, darunter Wirtschaftskriminelle, von Einbrechern und Mördern, aber auch von vermissten oder zu schützende Personen, wie Kanzler Schmidt und Kohl. Alles beruht auf dem historischen Hintergrund der Jahre 1960-98. Es geht um die frühere Ausbildung bei der Polizei - wie sie heute nicht mehr möglich wäre, um die Entführung eines Berliner Politikers, das Zusammenwachsen der Polizeien von Ost - und Westdeutschland nach dem Fall der Mauer 1989. Doch zunächst beginnt es mit einem Bruderpaar, wo der eine die Kriminalität bekämpft und der andere ab und zu für neue sorgt!

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Seitenzahl: 270

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ich danke meiner lieben Frau Irene für ihre nicht nachlassende Geduld und gleichzeitige Unterstützung durch Rat und Tat bei Gestaltung dieses Buches.

Hamburg, Sommer 2023

Kreative Menschen erschaffen Dinge, die vielleicht noch in 400 Jahren existieren. Kriminalität wird auch weiter existieren. Was ich zuvor beruflich dazu schrieb, ist längst auf dem Müll gelandet. Allein die Erinnerungen leben noch.

Werner STUBBE

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Kp.1 Einstimmung

Kp.2 Ein Polizist fürchtet nichts und niemand

Motto meines ersten Vorgesetzten

Kp.3 Dienst Auf St.Pauli

Revier 17, die Dornröschenwache

Kp.4 Endlich bei der Kripo?

„Springen Sie in den großen Teich!“

Kp.5 KDD-Kriminaldauerdienst

Immer der Erste („Kripo-Mann“) am Tatort!

Kp.6 Staatsschutz

Personenschutz für Kanzler-Familie Schmidt

Kp.7 Kommissar Zufall

Kripoleute in Badehose?

Kp.8 Kuriose Fälle

Bunte Mischung

Kp.9 Spektakuläre Fälle

Hätten auch schief gehen können

Kp.10 Ermittlungen – auch gegen mich

So leicht kann´s kommen

Kp.11 Außergewöhnliche Fälle

Finanzbeamter und die 7 Millionen DM

Kp.12 Vermisste Personen

Gutes Ende? Nicht immer!

Kp.13 Zeitschriftenwerber

Keine Regel ohne Ausnahme

Kp.14 Groß-Verfahren

Ein Büro voller Aktenordner

Kp.15 Auslandsermittlungen

Ohne Rechtshilfe geht es nicht

Kp.16 Politik mischt mit

Polizei wird ausgebootet

Kp.17 Computer und Datenschutz

Erster Tag der Datenspeicherung. Chaos!

Kp.18 Aufbauhilfe Ost

Die Mauer ist weg!

Kp.19 Spezieller Betrug

Fünfundvierzig Arten. Und es werden mehr

Kp.20 Timesharing

Ein Anwalt hat schlechte Karten!

AUSKLANG

Vorwort

Meine Tochter hatte die Absicht, ein Buch über ihre Krankheit zu schreiben. Bei mir weckte sie die Idee, über mein berufliches Leben, hauptsächlich als Kriminalbeamter in Hamburg, anderen etwas erzählen zu wollen.

Aus ihrem Buch wurde nichts, bei mir sammelten sich immer mehr Erinnerungen an. Gute und schlechte, kuriose und grausame. Es galt zu sortieren und zu planen. Erhalten blieb dabei auch: „was heute nicht mehr vorstellbar wäre!“ Mord ist nur ein kleiner Bereich täglich passierender Kriminalität, mit dem die Polizei täglich zutun bekommt. Der menschlichen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Von dieser Vielfalt, die ich beruflich erlebte, soll hier erzählt werden.

Entstanden sind zwanzig Kapitel unterschiedlichster Art von Kriminalität und historischen Ereignissen.

Es wird nur wenige meiner Kollegen gegeben haben, die aus so vielen kriminellen und anderen Bereichen von eigenen Erlebnissen berichten könnten, wie es hier geschieht. Und deshalb scheint es mir Wert zu sein, mehr darüber bekannt zu machen.

Los geht es im Kapitel 1 schon mit einem ungewöhnlichen Bruderpaar. Und man erfährt, warum das Buch den Titel „Bulle/Bulle“ bekam.

Werner Stubbe

Kp.1 EINSTIMMUNG

1.1 St.Pauli ist für alle da. Wieso Bulle Bulle!

1.2 Ein außergewöhnliches Bruderpaar.

1.3 Kleine Auswahl gefällig?

St.Pauli ist für alle da!

Jetzt mehr denn je, mit den vielen Theatern, Discos, Bars, aber auch Bordells und Sexshops. Leider immer noch begleitet von Kriminalität. In den 60er/80er Jahren war es kaum anders. Es gab sogar mehr Gewaltkriminalität als gegenwärtig! Man denke nur an den zigfachen Auftragsmörder PINZNER, mit inszenierter Ermordung eines Staatsanwaltes im Hamburger Polizeipräsidium, an die Zuhälter Kriminalität, oder den mehrfachen Frauen Mörder HONKA, der sich seine Opfer in einer St.Pauli Kneipe suchte und zersägte. Als Erinnerung gibt es die ´HONKA KNEIPE´. Makaber!

Die „normale“ Kriminalität, die schon mir und vielen meiner Kollegen damals aufregende Nächte bescherte, ist geblieben. Vielleicht sind paar Messerstechereien mehr hinzu gekommen. Ich musste die St.Pauli Besuche nicht mehr haben. Ein trüber, nasskalter Novemberabend 1998 war die Ausnahme.

Wir, meine Frau und ich, saßen in einer wenig gemütlichen Kneipe der Lincolnstraße abseits der Reeperbahn und dem Touristenstrom. Sie nippte ab und zu an ihrem Campari Soda, ich lutschte die bestellte ASTRA Buddel Bier leer. Das Hausgetränk auf St.Pauli! Aus einem Bierglas trank hier niemand. Uns unterhielt das Dröhnen der Music-Box, die einen Schlager nach dem anderen der 70/80er Jahre raus haute.

Wir warteten auf Heiner, Manfreds bestem Freund.

Manfred, besser bekannt unter ´Manni´, war mein Bruder. Genauer gesagt: Halbbruder. Das hat noch Bedeutung.

Ein außergewöhnliches Bruderpaar

Wir wollten Mannis Beerdigung besprechen.

54 Jahre, Leberversagen, Zuviel Alkohol!

Heiner kam, und wenig später änderte sich die Musik. Betrat ein neuer Gast die Kneipe, eilte jemand an den Musikautomaten, der offenbar nur noch einen herausragenden Schlager kannte:

„BULLE! BULLE! und wieder: BULLE! BULLE!“

Deshalb mochte ich den Schlager seinerzeit gar nicht. Aber das ist Geschichte von gestern. Hatte Heiner geplaudert!? Wurde Deshalb die Music-Box so gequält? An ´Bulle´ schert sich inzwischen niemand mehr. Weshalb dann nicht auch mal als Buchtitel? Drückt doch auch eine gewisse Stärke aus!

Die Kneipe war Mannis zweite Heimat gewesen, umgeben von abgehängten Menschen, sowie er. Es reichte zum regelmäßigem Bierkonsum, und man besserte den Lebensstandard gelegentlich mit bisschen Diebstahl auf. Von hieraus rief Manni mich oft schon vormittags auf der Dienststelle an: „Eh, Werner, wir haben da ein Problem.“

Und dann kamen aus seiner Runde irgendwelche Führerschein- oder Verkehrsprobleme, auch wenn ich wiederholt erklärte, dass ich nicht mehr für solche Dinge zuständig sei, sondern für Kriminalitätsbekämpfung.

Warum ihn das offenbar nicht kümmerte, blieb mir immer schleierhaft, denn wir beackerten zwei verschiedene Felder. Während der eine versuchte, Kriminalität zu bekämpfen, sorgte der andere ab und zu für Nachschub.

Sicher eine ungewöhnliche Konstellation zwischen Brüdern. Aber Familie kann man sich nicht aussuchen.

Kleine Auswahl gefällig?

Manni betrieb mal Gastwirt eine Kneipe am Fischmarkt, die allerdings auch als Umschlagplatz für Diebesgut diente. Das fiel selbst der Polizei auf. Offenbar nur meinem Bruder nicht.

Die Beliebtheit bei seinen Gästen stieg sicherlich noch, als er anlässlich einer Schiffstour auf der Elbe nebst Weinprobe, 600 Flaschen Wein bestellte, und mit seinen Kumpeln aussoff. Nur das Bezahlen wurde vergessen!

Einmal gab es amtlichen Kontakt zwischen uns. Sommerzeit! Übernahme von Ermittlungsakten der Urlauber am

Kommissariat. Nur deshalb lag eine ALDI-Strafanzeige, flüchtig überflogen, schon einige Tage bei mir unbearbeitet im Aktenschrank.

Erst als ich die Anzeige genauer durchlas, wonach eine Kassiererin einem Kunden so gut wie keine Ware des reichlich gefüllten Einkaufswagens berechnete, stieß ich auf den Namen eines gewissem Manfred K.

Dieser hatte den vollgepackten Einkaufswagen an die Kasse geschoben und sich fast kostenlos bedienen lassen. Die Person war mir leider nur zu gut bekannt. Ausgerechnet mein Bruder! Dass ich in diesen Fall nicht selbst involviert werden wollte, war klar.

Mein Chef war der gleichen Meinung. Noch nie wurde ich eine Akte so schnell los wie diese. Selbstverständlich ließ ich mein Brüderlein, sechs Jahre jünger als ich, von der ALDI-Anzeige wissen. Er redete auch gar nicht lange herum, was dahintersteckte:

Stammgast seiner Kneipe war unter anderem die ALDI-Kassiererin. Sie hatte bei ihm ´frei Saufen´, er konnte dafür ´frei Einkaufen´! Eine Hand wäscht die andere. So einfach war das. Bei solchen Entgleisungen von ihm war ich selbstverständlich froh, dass wir von Geburt an unterschiedliche Namen hatten. So fragte keiner der Kollegen: „Was ist eigentlich mit deinem Bruder los?“

Von seinen Aktionen erfuhr allerdings auch ich nur, wenn ich mal wieder in seiner Kriminalakte blättern konnte, als Datenschutz allgemein noch ein Fantasiename war!

Dass sein Bruder Kripobeamter war, erzählte er anscheinend dennoch vielen, auch Staatsanwälten. Einer rief mich an. Wir arbeiteten gemeinsam an Fällen der Wirtschaftskriminalität:

„Übrigens, ich soll Ihnen schöne Grüße von Ihrem Bruder bestellen!“ Ach du Schreck, schoss es mir in die Glieder! „Was hat er denn nun schon wieder angestellt?”

Aber der Staatsanwalt gab Entwarnung: „Nein, er war hier als anzeigender Zeuge vorgeladen!”

Weshalb? Das erfuhr ich vom anzeigenden Zeugen danach persönlich.

Ein führender Hamburger Politiker der Regierungspartei hatte ihn und andere für Arbeiten im eigenen Garten eingesetzt, statt einer Arbeit fördernden Maßnahme zu zuführen! Das rüttelte bei meinem Bruder wohl sein Rechtsgefühl wach, plus Anzeigenerstattung: „Wenigstens Politiker sollten ehrlich sein“, dachte er vielleicht. Eine hoffnungsvolle Politiker Karriere ging mit der Strafanzeige tatsächlich zu Ende.

Wenn einer der Familie Kriminalität bekämpft und der andere ab und zu für neue sorgt, gehört es sicher in den Bereich Kuriosität, von der hier noch häufig die Rede sein wird.

**

Lange habe ich mit mir gerungen, ´Manni´ überhaupt im Buch zu erwähnen. Aber Familie kann man sich nicht aussuchen. Und unsere Beziehung hat nie gelitten.

Für Mannis Verabschiedung hatten seine Kneipenkumpel einen beeindruckenden Kranz spendiert. Als ich vor dem Sarg meines Bruders mit meinem kleinen Gesteck saß, da schämte ich mich sogar ein bisschen.

Er war stolz darauf gewesen, einen Bruder als Kriminalhauptkommissar als zu haben.

Doch bis dahin war es für mich ein steiniger Weg!

***

Kp.2 EIN POLIZIST FÜRCHTET NICHTS …

2.1 Aller Anfang ist schwer.

2.2 Die Polizeischule.

2.3 Die Bereitschaftspolizei.

2.4 Die Flutkatastrophe.

2.5 Die Trunkenheit.

2.6 Die Freiheit naht!

Aller Anfang ist schwer

Mit kleinem Handgepäck, bisschen aufgeregt, stand ich 1.April 1960 morgens vor meinem neuen Arbeitsplatz. Eine grünliche, etwas abweisend wirkende Polizeikaserne. Ihr Stellenangebot:

„Vollverpflegung! Zimmer zu Dritt! Ausgang bis 22 Uhr! Viertel Jahr Probezeit! Tägliche Kündigung! Festanstellung nach 5 Jahren/ frühestens mit 27! Bis dahin:

Heirat nur mit Erlaubnis des Dienstherrn!“

Heirat das geringste Problem? Nicht für einen zukünftigen Kollegen. Dem hatte man die Hochzeit genehmigt, aber nicht die Nächte mit der Braut. Er wurde bei morgendlicher Rückkehr und Springen über den 2,50m hohen Zaun erwischt…. Polizei Ade!

**

Vor dem Erfolg haben bekanntlich die Götter den Schweiß setzt. Götter gab es bei der Polizei zwar nicht, aber welche, die sich so fühlten. Ein ´Gott in Weiß´, seines Zeichens Medizinalrat, dabei wohl eher Militär- als Zivil-Arzt, lernte ich als ersten kennen, bei der gesundheitlichen Nachuntersuchung. „Ist olles bei Ihnen in Ordnung?“, fragte er mit seinem österreichischen Akzent, worauf ich leider naiv antwortete:

„Ja! Mir ist nur vorgestern im Oberkiefer eine Zahnplombe ´raus gefallen.”

„Was??”, polterte er los, „und so kommt’s zu mir? Bringen Sie’s in Ordnung, aber nicht hier!”

Das hieß: Kein Beginn der ´Freien Heilfürsorge´, die es für Polizisten gab. Meiner bisherigen Krankenkasse traute ich nicht, der hatte ich gekündigt, und die Bezahlung eingestellt. Verzwickte Lage! Wütend und enttäuscht schlich ich das erste Mal in meinem Leben als Privatpatient zu einem in der Nähe praktizierenden Zahnarzt. Ein sehr netter älterer Herr!

Schon auf dem Behandlungsstuhl sitzend, schilderte ich die prekäre Situation. Er stopfte die entstandene Zahnlücke, und dann, auf meine ängstliche Frage: „Was muss ich bezahlen?”, klopfte er mir gütig auf die Schulter und meinte: „Ist gut mein Jung´. Wird´ lieber ein guter Polizist.“ Welch ein Unterschied zum Tag zuvor! Und sein Rat?

Zumindest habe ich mich viele Jahre darum bemüht.

Die Polizeischule

Mit CHELARD. unserem Chef, Pardon, Lehr-Einheitsführer, zogen wir nicht gerade das große Los. Oder doch? Ihm eilte der Ruf eines ´besonders harten Hundes´ voraus.

Am linken Arm seiner Uniformjacke prangte ein aufgenähtes rotes V (=Verdienstabzeichen). Dessen Bedeutung: Er hatte schon mal als Polizist im Dienst für andere sein Leben riskiert. Nachzulesen in einem damaligen Zeitungsartikel:

Februar! Polizeieinsatz!

Ein 13jähriger Junge war auf den Nordkanal beim Schlittschuhlaufen auf dem Eis eingebrochen.

Am Einsatzort angekommen, war von dem Jungen schon nichts mehr zu sehen. Er war unter das brüchige Eis geraten. Kein Problem für Chelard!

Er riss sich die Uniformjacke vom Leib und tauchte hinein in das brackige Wasser. Leider vergeblich. Der Junge war wohl schon abgetrieben worden. Erst im März, als das Eis völlig getaut war, gab der Kanal sein Opfer wieder frei.

**

Kaum hatten wir unsere Dienstkleidung empfangen, ging es auch schon los. Trainingsanzug an, fertig zum Jogging in den nahe gelegenen Stadtpark. Chelard vorweg, seine drei Unterführer bildeten das Ende und trieben alle, die schlappmachen wollten, vor sich her. Am ersehnten Kasernentor angekommen, wartete eine kleine Gemeinheit: Das Kasernentor war verschlossen. Chefansage :„Drüber klettern!“

Einige fielen wie Säcke erlösend auf der anderen Seite des Kasernen Tores zu Boden. So wehte der Wind bei unserem Vorgesetzten; erzogen auf Hitlers ORDENSBURG. Dort sollte mal die neue Elite Deutschlands heran gezüchtet werden! Wir sollten Chelard wohl nacheifern. Auf der Arbeitsmappe für Polizei-Dienstkunde musste stehen:

Der Nordwind hat die Wikinger gemacht.

Ein Polizist fürchtet nichts und niemand!

Neben dem unbekannten Straf- und Strafprozessrecht gab es zur Entspannung noch Geschichtsunterricht, Erdkunde und Deutsch. Aber fast am wichtigsten schien das reichliche Marschieren auf dem Kasernenhof zu sein, plus Trockenübungen mit der Pistole und dem Gewehr - ohne scharfe Munition, versteht sich!

Welch eine Wandlung neun Jahre später. Als ich an alter Übungsstätte den Kripo-Lehrgang absolvierte, ich traute meinen Augen nicht.

Aus dem Kasernenhof war ein Parkplatz für Dienst- und Privatfahrzeuge geworden! Daneben gab es sogar ein Tennisplatz! Die berühmte Zeitenwende bei der Polizei Hamburg. Für Viele leider zu spät!

Nach einem Jahr, nun Unterwachtmeister, ging es marschierend, mit Gesang und gespannter Erwartung, auf die andere Straßenseite zur ´Hindenburg Kaserne´. Statt Lehreinheit hieß es nun Hundertschaft, analog etwa zur Bundeswehr die Kompanie.

Die Bereitschaftspolizei

Jedes Bundesland hielt und hält eine Truppe von Polizisten in geschlossenen Einheiten für Großeinsätze bereit.

Hamburg setzte dafür auch seine noch in der Ausbildung befindlichen jungen Schutzleute ein. Die Ausbilder der Bereitschaftspolizei brachten fast alle Erfahrungen aus dem 2.Weltkrieg als Soldaten mit. Kein Wunder! Das Kriegsende lag erst fünfzehn Jahre zurück. Ein Gesetz ermöglichte es ex-Soldaten, eine Anstellung beim Staat zu bekommen. Was laf näher, als zur Polizei zu gehen. Konnten sie doch dort das weitergeben, was sie mal gelernt hatten: Wie baut man ein Maschinengewehr im Dunklen auseinander wieder zusammen? Wie schießt man damit?

Wie wirft man Handgranaten? Wie geht Häuserkampf?

Der Bonbon: Wie wälzt man sich auf Bundeswehr Übungsplätzen im Dreck?“

„Auf wen sollen wir eigentlich mit dem Maschinengewehr schießen und Handgranaten werfen“, fragte niemand.

Hinterfragen hatten wir nicht gelernt.

´Richtige´ Soldaten – waren wohl Wehrpflichtige - meinten mal : „Mit uns könnten ´die´ das nicht machen!“

**

Unser erster offizieller Polizei-Einsatz hatte für eine Großstadt sicher etwas Seltenes und Kurioses an sich. Nicht Menschen bangten um ihr Leben, es ging um ausgewachsene Rinder auf dem Hamburger Schlachthof.

Sie, die bisher nur grüne irische Weiden kannten, aber jetzt, nach stürmischer See auf einem schaukelnden Schiff, reichlich unter Stress standen, befanden sich plötzlich auf unbekanntem Terrain. Auch wenn sie nicht ahnten, was man mit ihnen vorhatte, mit ihnen war nicht zu spaßen! Selbst die Schlachter (Metzger) suchten manchmal vor den gefährlichen Bullen manchmal das Weite.

Während unseres Erscheinens erspähten die Bullen ein offenes Schlachthof-Tor und nahmen gegen unseren Willen auf der Suche nach einer schönen Wiese mit ihren Damen Reißaus; Sicher schwer zu finden im Centrum einer Groß-Stadt.

Der ´Rinderwahn´ legte sogar den Zugverkehr zum stark frequentierten Hamburger Hauptbahnhof lahm. . Lustig und gefährlich zu gleich.

Tragischer wurde es Wochen später. Uns erwartete ein Einsatz, der mehrere Monate dauern sollte.

Die Flutkatastrophe … Februar 1962, 315 Tote!

Als Hamburger aus der Erinnerung nicht weg zu denken!

Radio und Fernsehen schilderten dramatische Berichte von stark steigendem Hochwasser der Elbe, gebrochenen

Deichen und überfluteten Gebieten.

Im Gegensatz zu anderen Kollegen hockten wir verloren in der Kaserne gemäß militärischem Grundsatz: “Das Wichtigste ist die Reserve!”

Das änderte sich erst zwei Tage später. Dann aber radikal, und hielt für uns bis Ende Mai 1962 an.

Nicht das Hochwasser allein bedeutete den Tod Vieler. Menschen, die sich durchnässt, aber noch lebend aufs Dach des Hauses gerettet hatten, kamen auch bei starkem Frost und eisigem Wind frierend zu Tode. Man hatte wenig auf warnende Durchsagen von Radio, Fernsehen, oder von herumfahrenden Polizei-Lautsprecherwagen gegeben.

Was sollte schon passieren. Die Elbe war weit weg, und der Ernst-August-Kanal, ein Seitenarm der Elbe, hatte einen hohen Deich. Nach draußen ging niemand.

Die Leute wärmten sich lieber am Ofen ihres Schrebergarten Häuschen, eine Ersatz-Dauerwohnstätte für ausgebombte Familien während des Krieges und danach.

Vielleicht schliefen viele auch schon, als durch das Kleingarten Gelände nach Brechen des schützenden Deiches eine gewaltige Flutwelle des ´harmlosen´ Kanals durch das Gebiet raste. Selbst Menschen im angrenzenden Gelände blieben nicht verschont. Viele Tote lagen bei unserem Eintreffen noch am Straßenrand. Steif gefroren! Man konnte sie erst aus den Häusern bergen, nachdem das Wasser abgelaufen war.

Die Bundeswehr half mit Booten und Hubschraubern. Einsätze der Bundeswehr, innerhalb der Bundesrepublik, gab das Gesetz damals gar nicht her! Ein Bravourstück des Hamburger Innensenators (H.Schmidt). Ihm ging Logik vor Gesetz, wenn ich das mal so ausdrücken darf.

Und plötzlich erwachte wieder gegenseitige Hilfe und Solidarität unter den Menschen! Ich erlebte es hautnah mit.

Ich war zur Verkehrsregelung für eine wichtige Kreuzung im Hafen abkommandiert und dann, nach Einbruch der Dunkelheit und zunehmender Kälte, wir hatten über 10 Grad Minus, bei der Ablösung vergessen worden.

Selbstverständlich konnte ich nicht einfach meine Sachen nehmen und abhauen. Es blieb nur die Hoffnung, dass mein Fehlen nicht ganz unbemerkt blieb. Fremde Menschen brachten mir belegte Brote, warmen Tee und sogar Zigaretten. Und ich, überzeugter Nichtraucher, regelte mit rauchender Zigarette den Verkehr.

Hilfe war Vielerorts nötig! Darunter ein tiefliegendes, ´abgesoffenes´ Kleingarten Gelände an der Bille, dem kleinen Nebenarm der Elbe. Wir sollten das Gelände rund um die Uhr bewachten. Der Knaller kam per Fernschreiben von der Einsatzleitstelle als Befehl an uns, aber wohl auch an jene, die gute Beute witterten:

„Auf Plünderer wird geschossen!“

Der überforsche Polizei-Oberrat hatte wohl noch nicht kapiert, dass der 2.Weltkrieg vorbei war, und es nun neue Regeln gab. Vielleicht half ihm da seine schnelle, vollzogene Amtsenthebung.

Von der Bille gings ins arg betroffene Neuenfelde, gelegen in einem der größten Obstanbaugebiete Europas, bestückt mit wunderschönen Fachwerkbauten, von denen leider auch einige in den Fluten verschwanden. Wir sollten Schaulustige daran hindern, sich ein Bild von den Zerstörungen zu machen. Das war leicht, bei nur einer zu bewachenden Durchgangsstraße!

Von den Einheimischen wurden wir dafür freudig begrüßt. Was sie noch nicht ahnten:

Übereifrige von uns verpassten Bauern Anzeigen, wenn am Traktor ein Rücklicht nicht brannte, oder sie vom Feld mit verschmutzten Kennzeichen kamen.

Eine ´gebührenpflichtige Verwarnung´ erhielt eine Bäuerin von einem recht agilen Kollegen -er hat es später sehr weit gebracht- weil sie am Stoppschild für die -leere-Durchgangsstraße nicht vom Fahrrad abgestiegen, sondern einfach weitergefahren war.

Die Polizei erteilte seinerzeit noch Verwarnungen in Höhe von 1,3 oder 5 DM, und kassierte auch sogleich! Nur der Dorfpolizist freute sich über unser forsches Auftreten, und blühte offenbar richtig auf. Anscheinend holten wir nach, was ihm Sympathien bei den Bauern gekostet hätte.

Sein Gebiet gehörte zum Polizeirevier Neugraben. Zufällig befand ich mich auf dieser Wache, als ein Festgenommener hereinbracht wurde, welcher im Verdacht stand, ein kleines Mädchen sexuell missbraucht zu haben.

Zum ersten Mal im Leben sah ich so einen Täter. Eigentlich sah er normal aus, aber ich empfand es auch normal, als er unter rüden Beschimpfungen und Schubsen, weil er wohl nicht schnell genug ging, in die Zelle gebracht wurde. Als dann ein Kripokollege auf der Wache erschien, und dem ´Mistkerl´ die Hand reichte, und fragte:

„Möchten Sie eine Zigarette?”, da dachte ich:

´Unmöglich: Der Kripo-Mensch muss doch wissen, ´was der gemacht hat!“ Dass das ein bisschen zu einfach gestrickt war, mochte meiner noch (zu) geringen Lebenserfahrung geschuldet sein.

Viele Begebenheiten halfen, daran etwas zu ändern. Polizist zu sein war schon etwas Besonderes aber auch etwas Verpflichtendes:

a)Die gesetzlich übertragene, dennoch -beschränkte-Macht

Wer kann schon andere Menschen aufgrund von Gesetzen ihnen für -fast- zwei Tage die Freiheit entziehen – (bis zum Ablauf des nächstfolgenden Tages), und das auch noch gegebenenfalls unter Gewaltanwendung?

b)Die Gefahrengemeinschaft

Soldaten bilden so eine Gemeinschaft, Feuerwehrleute wie auch Polizeibeamte, deren Gemeinsaft oft nur aus zwei Personen besteht. Einer muss sich auf den anderen blind verlassen können. Daher war die Ausbildung anfangs sicherlich, ich übertreibe mal ein bisschen, auf blinden Gehorsam ausgerichtet.

c)Beurteilung von Ereignissen, auch rechtliche.

Klar, bei der Kripo hatte man meistens Zeit, mal ins Gesetzbuch zu gucken. Ein Schutzpolizist muss seine Entscheidungen oft in Sekundenschnelle treffen. Dass der mal daneben liegen kann, ist für einige anscheinend gar nicht vorstellbar. Alles soll gelassen und realistisch gemeistert werden. Im Privatleben nicht immer angebracht! Einfach Umschalten? Auch nicht einfach!

d)Unvorhersehbare Dinge

In vielen Berufen kann man sich auf den nächsten Arbeitstag vorbereiten. Man weiß, was einen erwartet. Als Streifenwagen-Polizist wusste man höchstens, dass die Montage und Diensttage eher ruhiger abgingen als die Tage Richtung Wochenende. Keine Gedanken über Dinge verlieren, die man sowieso nicht beeinflussen kann.

Die Trunkenheit

Heiligabend! Familien saßen vereint vor dem erleuchteten Tannenbaum, wie meine Frau mit unseren Kindern. Ohne mich. Ich drehte stattdessen mit einem Kollegen gelangweilt im Streifenwagen Runde um Runde auch außerhalb unseres Revieres. Statt Geschenke gab es Schnee vermischt mit Regen. Berufsrisiko! ´Tote Hose´ auf den Straßen. Eines der wenigen überholte uns in schneller Fahrt. Darin ein einsamer Autofahrer. Sein Auto hatte ein funktionsunfähiges Rücklicht. Die Gelegenheit, der Langenweile ein Schnäppchen zu schlagen. Autofahrer Schicksal!

Wir stoppten den Pkw, der Fahrer stieg aus, es nützte ihm nichts! Die Alkoholfahne schlug uns trotzdem entgegen. Sein Pech: 1x Pusten!

Nach dem ´Röhrchen-pusten´ verfärbten sich die inneren Kristalle von Gelb ins Dunkelgrün. Das Betteln half ihm nicht, ab zum Eimsbütteler Revier, in dessen Bereich wir uns gerade befanden. Ich war Neuling auf dem Streifenwagen, kannte niemanden der Nachbarwache. Die Kollegen genossen bei Kerzenschein gerade ihren Kaffee und den Kuchen.

Dem Wachhabenden erklärte ich unser Erscheinen, und reichte ihm das dunkelgrün verfärbte Röhrchen. Er blickte kurz auf das Röhrchen und dann zum Autofahrer: „Haben Sie vor kurzem geraucht?“ Antwort: „Ja!“

„Na, dann spülen Sie sich mal den Mund aus. Wir warten zwanzig Minuten, dann probieren wir das Ganze noch mal.“

Die Zeit verging, der Mann pustete erneut. Alles wie gehabt.

´Habe ich doch gleich gewusst´, war mein Gedanke, und reichte dem Wachhabenden den dunkelgrünen Beweis. Der schaute kaum darauf, aber meinte zum Autofahrer:

„Na, Glück gehabt, genau an der Grenze. Das hat man aber nur einmal." Sicher habe ich verdutzt geguckt. Aber mein augenblicklicher Vorgesetzter fuhr fort: „Wir verwahren die Autoschlüssel hier an der Wache, und Sie fahren lieber mit der Bahn nachhause.“

´Wie bitte? Was ist denn das für ein Polizist?´, dachte ich, ´der spielt hier den Weihnachtsmann.´

Protestieren unterließ ich lieber. Gehorsam gegenüber Vorgesetzten hatte ich zu Genüge auf der Polizeischule gelernt. Dennoch hatte ich mein Problem: Der Kollege beurteilte nicht allein die Tat, sondern anscheinend auch den besonderen Tag.

Das überschritt aber klar seine Kompetenz, genau wie das, was ich zuvor in Neugraben erlebte, wo es schonmal eine kleine Vorverurteilung durch Beschimpfen und Schupsen des (mutmaßlichen) Sexualstraftäters gab.

Weshalb machten die so etwas, eine Macht auszuspielen die ihnen nicht zu stand. Gewiss keine sensationellen Fälle, aber eine Erfahrung für mich, sich möglichst nicht von Äußerlichkeiten beeinflussen zu lassen.

Doch die Zeit und der Beruf entwickelte einen weiter. Kamen mir später diese beiden Erlebnisse mal wieder in den Sinn, kam ich genau auf gegenteilige Meinungen. Mensch bleiben, auch im Beruf, war mein Ziel. So hatte es der Kollege in Eimsbüttel sicher gemeint. Für ein Verhalten wie das in Neugraben, hatte ich immer weniger Verständnis. Das lernte ich besonders bei der Kripo. Sich nicht über andere erheben.

Kp.3 DIENST AUF ST.PAULI

3.1 Die Dornröschen-Wache.

3.2 Unser täglich Brot.

3.3 Begegnung mit Ausländern

3.4 Finnischer Seemann.

3.5 „Beamter in Bedrängnis!“

3.6 Ein Toilettenfenster.

3.7 Falsche Freunde.

3.8 Spießige Zeiten.

Die Freiheit naht

Kaserne Ade! Unsere Einheit bei Groß-Einsätzen blieb zwar bestehen, aber dazu sammelten wir schon einmal Erfahrungen auf dem Streifenwagen - als sogenannter ´dritter Mann´.

Endlich, am Anfang des Jahres 1963 konnten wir 27 Kollegen schriftliche Wünsche äußern, zu welcher Wache wir versetzt werden wollten. Einem, genau einem! Kollegen wurde dieser Wunsch erfüllt. Er kam April 1963 dort aufs Revier, wo er auch wohnte. Weshalb wohl? Sein Vater (aha!) war Fahrer für einen der Bosse.

Dass da ´gemauschelt´ worden war, erfuhr ich durch Zufall später. Siehe das folgende Kapitel.

Die Dornröschenwache

Nach 3 Jahren Ausbildung ein vollwertiger Polizist? Von wegen! Gelandet war ich zwar auf einem Polizei-Revier, inzwischen geadelt als `Polizeikommissariat´, aber in Obhut eines ´Bärenführers´, spezialisiert auf Fußstreife.

Wie schon bei der Bereitschaftspolizei, gab es auch auf den Revieren ex-Soldaten mit Kurzausbildung.

Aber das funktionierte reibungslos! Sie akzeptierten unsere bessere theoretische Ausbildung, wir ihre Lebenserfahrung. Abschreckend bloß ihre Gespräche untereinander über den erlebten Krieg, über Kameradschaft und Entbehrungen, aber auch über Helden- und Missetaten. Vielleicht mussten sie es sich alles von der Seele reden.

Für die ´Bärenführer´ durften am Tage vor allem Falschparker dran glauben. Mir war die Tätigkeit immer zuwider. Dafür musste man niemanden drei Jahre ausbilden!

Ich verwarnte -legal- auch mal gebührenfrei, ohne Zettel. Nicht unbedingt im Sinne unseres Revierleiters. Der freute sich über jeden ´Verwarn-Zettel´, hob es doch den statistischen Nachweis von Tätigkeit. Ich war froh, als irgendwann Polizei-Pensionäre, später Polizeiangestellte, diese Tätigkeit übernahmen. Anders die Nachtdienste.

Mein Bärenführer liebte es, Gastwirte beim Einhalten der Polizeisperrstunde nach Mitternacht zu kontrollieren. Er öffnete die Tür und es ertönte von ihm: „Polizeistunde!”

Wir setzten uns an den Tresen, der Wirt schloss die Fenstervorhänge und fragte dann, auf mich zeigend:

„Kriegt der auch einen?” Mein Bärenführer verneinte zum Glück oft mit: „Der ist noch zu jung!“

**

Die Polizei-Wachen 15, besser bekannt als Davidwache, die 16 als Budapester Wache, und dazu meine 17, die Karolinen Wache, sorgten im Bereich von St.Pauli für ´Recht und Ordnung´.

Das Revier 17 hatte den nicht gerade schmeichelhaften Namen Dornröschenwache von Kollegen der Nachbarwachen, wie auch wir die Wachen eher so an den Hamburger Landesgrenzen bezeichneten.

Doch bisschen war das sicher auch zu Recht.

Bei uns wohnten zwar viele St.Pauli-Ganoven, der allgemeine Trubel fand dennoch auf der Reeperbahn und Umgebung statt.

Die Wagen-Besatzungen anderer Reviere bekamen selten Einsätze in unserem Gebiet, während wir als `Mädchen für alles´ die Nächte überwiegend in den benachbarten Revieren verbrachten.

Als unser Revierchef mal von seinem Chef gefragt wurde: „Was kann ich für Sie tun?“, hatte er geantwortet:

„Nehmen Sie mir den Streifenwagen weg!“ Das gestand er mir nach 6 Jahren Karolinenwache, als mein Abschied zur Kripo feststand. Jahre zuvor hatte er mich mal kräftig wegen einer ähnlichen Äußerung ´zusammengeschissen´.

Das kam so:

Der Boss aller Innenstadt-Wachen fragte bei einem Besuch unserer Dienststelle so nebenbei, wie es mir auf der Wache gefällt. Allzu ehrlich meinte ich: „Gut! Die meiste Zeit verbringen wir aber in anderen Revieren.“ Dieser Satz brachte meinen Chef erheblich auf die Palme.

Dazu musste man wissen, dass die Revierleiter sich 1x die Woche zum Essen und zur Lagebesprechung in einer Polizeikantine trafen.

„Unter dem Gelächter meiner Kollegen musste ich mir anhören, dass auf meiner Wache nichts los ist. Was ich mühsam aufgebaut habe, stoßen Sie mit Ihrem Arsch wieder um!“

Mein Ansehen bei ihm wanderte erst einmal in den Keller. Auch ein Grund, nicht ewig dort zu bleiben.

Unser täglich Brot

Angesagt waren tätliche Familienstreitigkeiten, Schlägereien und Zahlungsstreitigkeiten auf St.Pauli, wie sie bestimmt auch heute noch das ´tägliche Brot´ der Streifenwagen-Besatzungen sind, und bleiben werden. Wie jene Schlägerei in einer Bar im Schanzenviertel, zu der ich mit einem Kollegen gerufen wurde, den wir an dem Tag als Ersatz aus einer anderen Schicht bekamen.

Er hatte zuvor in dem ländlichen, ruhigeren Ortsteil Bergedorf Dienst getan. Er wohnte dort auch. ´Der Mann braucht wohl Action und ließ sich freiwillig nach St.Pauli versetzen!´, dachte ich. Fast 2m groß, dazu früherer Deutscher Polizeimeister im Box-Schwergewicht. Da kann nichts schief gehen. Mit Blaulicht ging’s zur Bar.

Hier herrschte großes Geschrei und Gerangel. Wir kämpften uns erst einmal zum hilflosen Wirt durch. Was dann geschah, bekam ich nicht mit. Meine ´Lebensversicherung´ lag plötzlich am Boden und konnte sich nicht mehr erheben. Wie sich herausstellte, war er über einen Barhocker gestolpert und verstauchte sich dabei einen Fuß.

Die bisher noch friedlichen Gäste werteten das vielleicht als Angriff auf die Polizei. Sie brachten es ohne uns fertig, die Ruhe im Lokal wieder herzustellen. Ich musste mich nur um einen Rettungswagen für den Kollegen kümmern. Wochen später erfuhr ich von ihm, dass er seinerzeit nicht aus eigenen Stücken zur Wache 17 gekommen war.

Er wurde versetzt, weil angeblich wegen der damals stattfinden Internationalen Gartenbauausstellung (1963) der Bezirk Bergedorf einen Mann an unseren Bezirk

(Hamburg-Mitte) abgeben musste.

Dabei sei das Los leider auf ihn gefallen.

Bei mir klickte es: Das stimmte so nicht! Er war für einen Kollegen meines Lehrganges, dessen Vater Beziehungen zum Chef von Bergedorf hatte, geopfert worden! – Vitamin B wie Beziehungen! Ihn zu informieren unterließ ich lieber. Mein Vertrauen in die Obrigkeit hatte aber einen reichlichen Knacks erhalten.

Begegnung mit Ausländern

-Blöde Überschrift? - in den 60er Jahren nicht! -

Hamburg als Hafenstadt war stets auch ein Anziehungspunkt für Ausländer gewesen, aber natürlich kein Vergleich zu heute. Bekam man es auf St.Pauli dienstlich mit ihnen zu tun, so waren es entweder Seeleute oder skandinavische Urlauber.

Für die letzteren galt die Reeperbahn als ein lohnendes Ziel. Schon wegen des preiswerteren Alkohols als in ihrer Heimat. Deren Genuss mit Folgen rief wiederum oft die Polizei wegen Zahlungsstreitigkeiten auf den Plan. Dazu kamen Verkehrsunfälle mit schwedischen Autofahrer. Die meiste Ursache: Der für sie ungewohnte Rechtsverkehr. Schweden bevorzugte bis 1967 noch den Linksverkehr.

Alteingesessen waren eigentlich nur die Portugiesen mit ihren Restaurants am Hafen. Bekannt als das immer noch beliebte ´Portugiesen Viertel´. Dazu gab es noch ein paar italienische und chinesische Restaurants. Damals das Neueste in unserem Revier Ein ´Grieche´!

Oft saßen wir nach der Spätschicht, jung und unverheiratet, bei Nico am Tresen, bei Bier und dem unbekanntem Ouzo. Ein Teufelszeug zusammen! Man brauchte Zeit, um das zu begreifen.

Eine beeindruckende Ausländer-Statistik las ich schon Anfang der 70er, wo nicht nur der Anteil der Nationalitäten, sondern auch ihr Anteil an Kriminalität erwähnt war.

Portugiesen waren in Hamburg am meisten oder zweithäufigsten vertreten, neben Italienern und Spaniern. Ihr Anteil der Kriminalität kreiste dennoch um die null Prozent!

Welch heile Welt!

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Wenn bisher unsere türkischen Mitbürger nicht erwähnt wurden, so lag es daran, dass wir als Polizei erst Mitte der 60er Jahren richtig mit ihnen Berührung hatten. Vorboten waren die auf der Werft Blohm&Voss beschäftigten ´Gastarbeiter´. Als Unterkunft diente ihnen die ´Schiller-Oper´, ein Ende des 19.Jahrhunderts entstandener Zirkusbau.

Später wurde daraus ein Theater. Im 2.Weltkrieg war es gar ein Gefangenenlager für italienische Kriegsgefangene. Um den inzwischen leerstehenden, heruntergekommenen Bau streiten sich die verantwortlichen Personen und Behörden jetzt seit Jahren. Denkmal geschützt oder nicht?

Hatte es eine Schlägerei oder vielleicht auch mal eine Messerstecherei zwischen den türkischen Bewohnern gegeben, und Peter 17 sollte schlichten, dann warteten schon andere Bewohner am Maschendraht-Tor auf uns, rissen es auf, und machten jedes Mal eine tiefe Verbeugung vor uns. Ich sagte mal zum Kollegen:

„Die Türken kriegen in ihrem Land wohl erst einmal Schläge mit dem Gummiknüppel, bevor Polizisten fragen, um was es eigentlich geht!” Diese Unterwürfigkeit änderte sich zum Glück bei nachfolgenden Generationen. Leider manchmal auch ins andere Extrem.

Für Verwunderung sorgten bei uns ihre Reisepässe. Jede Person war am 1. Januar geboren. Es brauchte eine Zeit, um zu verstehen, dass es damals für die Behörden sicher fast unmöglich war, die Geburtsangabe vom ´Islamischen Kalender´ mit 354 Tagen im Jahr, in unseren ´Gregorianischen Kalender´ mit 365 Tagen – plus Schaltjahr - umzurechnen.

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Kehren wir zurück zum ´täglichen Brot´ der Reeperbahn.

Wer nette, hübsche Damen in einer schummrigen Bar zu einem Drink einlädt, und die trinken natürlich nur Champagner, der gerät oft an die Grenzen seiner Barmittel. Das passierte auch ihm damals:

Ein finnischer Seemann

Er war spendabel gewesen, kannte aber nicht die Preise für Champagner. So kam es, wie oftmals, zu Streitereien zwischen Gast und der Bedienung.

Die Gaststättenbetreiber hatten zwar die Pflicht, eine Getränkekarte auf jedem Tisch auszulegen, hielten sich auch daran, doch lagen diese ´zufällig´ oft unter, statt auf der ausgebreiteten Tischdecke.

Bei Streit mit deutschen Gästen war es leicht, eine Entscheidung zu treffen. Der Geschäftsführer oder Kellner bekam von uns die Personalien des Gastes, und dann sollten die Parteien sich zivilrechtlich auseinander setzen.

Mit ausländischen Seeleuten gab es eigentlich auch wenig Probleme, hatte ich den Eindruck.

Unser Finne beteuerte, an Bord seines Schiffes genügend Geld zu haben, um die Zeche bezahlen zu können. Weshalb sollten wir nicht ihm einen Gefallen tun, wie wir es schon öfters getan hatten:

Rein mit ihm in den Streifenwagen; hin zum Schiff. Er holt Geld, zurück zur Bar. Ihn bezahlen zu lassen; Zahlungsstreit erledigt!

Das erste Problem: Er wusste nicht mehr, wo sein Schiff lag. Er schickte uns rechts und links quer durch den Hafen. Und wer sich dort nicht richtig auskennt, vor allem nachts, der weiß irgendwann nicht mehr, wo er wirklich ist.

Nach langer ´Hafenrundfahrt´ steuerten wir die Wasserschutzpolizei-Wache an. Die verschlafenen Kollegen -was hatten die es gut!- fertigten eine Handskizze für uns, mit der Lage des Schiffes. Eine große Hilfe.

Auf dem mittelgroßen Frachter entwickelte unser trunkener Fahrgast plötzlich eine erstaunliche Schnelligkeit. Wir hatten Mühe, ihm in den engen Gängen des Schiffes zu folgen. Wollte er uns abhängen? Er klopfte an verschiedene Türen, verschlafene Leute wechselten mit ihm paar vermutlich finnische Worte, und dann ging es in flottem Tempo weiter.