Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Nachkriegszeit, die 68er Jahre, Mauerbau und Mauerfall – Manne Plötz lässt sein bewegtes Leben Revue passieren und erzählt als Zeitzeuge von geschichtlichen Ereignissen, lokalpolitischen Vorkommnissen und sportlichen Erfolgen in seiner Heimatstadt Berlin. Häufig war er in vorderster Reihe dabei, in Uniform (als „Bulle“) oder im Trainingsanzug (als „Boss“) beim BFC Preussen. Er blickt zurück auf eine Polizeiausbildung vom alten Schlag, auf verzweifelte Tage in Berlin anlässlich des Mauerbaus und überbordende Freude bei der Wiedervereinigung und auf sportliche Erfolge seines Vereins. Auch die familiären Entwicklungen finden Erwähnung und seine ausgedehnten Reisen, auf denen ihm seine Aufgeschlossenheit und sein Kommunikationstalent so manche ungewöhnliche Begegnung bescherten. In der ihm eigenen direkten Art und in ungeschminkter Sprache schildert der überzeugte Westberliner, was er sechzig Jahre lang auf der Straße und in der Handballhalle erlebt hat. Eine verrückte Zeit, in der vieles anders kam als erwartet
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 237
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Die Nachkriegszeit, die 68er Jahre, Mauerbau und Mauerfall – Manne Plötz lässt sein bewegtes Leben Revue passieren und erzählt als Zeitzeuge von geschichtlichen Ereignissen, lokalpolitischen Vorkommnissen und sportlichen Erfolgen in seiner Heimatstadt Berlin. Häufig war er in vorderster Reihe dabei, in Uniform (als „Bulle“) oder im Trainingsanzug (als „Boss“) beim BFC Preussen. Er blickt zurück auf eine Polizeiausbildung vom alten Schlag, auf verzweifelte Tage in Berlin anlässlich des Mauerbaus und überbordende Freude bei der Wiedervereinigung und auf sportliche Erfolge seines Vereins. Auch die familiären Entwicklungen finden Erwähnung und seine ausgedehnten Reisen, auf denen ihm seine Aufgeschlossenheit und sein Kommunikationstalent so manche ungewöhnliche Begegnung bescherten. In der ihm eigenen direkten Art und in ungeschminkter Sprache schildert der überzeugte Westberliner, was er sechzig Jahre lang auf der Straße und in der Handballhalle erlebt hat. Eine verrückte Zeit, in der vieles anders kam als erwartet.
Manfred (Manne) Plötz, Jahrgang 1940, ist der „Bulle“ und der „Boss“. Vierzig Jahre lang stand er im Dienst der Berliner Polizei, noch länger bestimmte er die Geschicke der Handballabteilung des BFC Preussen. In seinem Leben ist er vor nichts zurückgeschreckt – weder vor Verantwortung noch vor Herausforderungen. Egal, ob fremde Länder lockten, Funktionärsposten besetzt werden mussten oder Fernsehregisseure riefen: Manne Plötz war bereit.
Prolog – Der Rückblick
Kapitel 1 – Wie alles begann
Kapitel 2 – Beim Urknall fing alles an
Kapitel 3 –
„Auferstanden aus Ruinen“
Kapitel 4 – Preussens Gloria
Kapitel 5 – Als das Reisen begann
Kapitel 6 - Fisch in Fassbrause
Kapitel 7 – Wir werden Polizisten
Kapitel 8 – Die Thalia-Bande
Kapitel 9 – Mit den Amis im Krieg
Kapitel 10 – Prüfungsstress
Kapitel 11 – Die Schleife durch die Republik
Kapitel 12 – Mit eigenem Auto zu Natascha
Kapitel 13 – Die Welt hält den Atem an
Kapitel 14 – Und ewig lockt der Handball
Kapitel 15 – Da wurde das Recht noch durchgesetzt
Kapitel 16 – Der große Zapfenstreich
Kapitel 17 – Die große Europaschleife
Kapitel 18 – Und wieder ruft Afrika
Kapitel 19 – Uschi kommt ins Spiel
Kapitel 20 – Auf ins Heilige Land
Kapitel 21 – Sven, neues Mitglied der Familie und neue Veranstaltungen
Kapitel 22 – Und wieder in London
Kapitel 23 – Polizeischule Spandau zum Ersten und die wilden 68er
Kapitel 24 – Steglitz, mein Revier
Kapitel 25 – Der Boss wieder im Handballfieber
Kapitel 26 – Die Mauer fällt
Kapitel 27 – BFC Preussen – Granitas Kaunas
Kapitel 28 – Handball in der Nach-Wendezeit
Kapitel 29 – Herr Kommissar mit Kontakt
Kapitel 30 – Hauptmann von Köpenick
Kapitel 31 - Apollo 16
Kapitel 32 – Der Boss wird Filmstar
Kapitel 33 – Abschied aus Köpenick
Nachschlag
Epilog
Es ist November in Berlin. Eine riesige Dunstglocke hängt über der deutschen Hauptstadt. Leichter Nieselregen fegt an diesem frühen Abend die Straßen leer. Wir schreiben das Jahr 2000. Vor knapp elf Monaten sind wir in das 21. Jahrhundert, besser gesagt in das 2. Jahrtausend, gesegelt und - ach ja, die Deutsche Einheit, die vor genau vier Wochen ihr zehnjähriges Bestehen feierte, ist noch in der Erinnerung. Vor zehn Jahren quollen die Straßen über von lustigen und fröhlichen Menschen und der, der damals als Held der Deutschen Einheit gefeiert wurde, wird heute wie ein Aussätziger behandelt. So schnell vergeht die Zeit. Aus der Insel West-Berlin, eng umschlossen von der „SBZ“, ist heute wieder eine offene Weltstadt geworden.
Draußen im Süden von Berlin, in einer kleinen Sportlerkneipe - die große Sporthalle, in der sonst das Handball-Leben tobt, liegt heute Abend im grauen nassen Dunkel - haben sie sich versammelt. Dreißig Leute, Ossis und Wessis, Männlein und Weiblein, Jung und Alt erkennt man im dem trüben Licht, dass in die Dunkelheit nach draußen dringt. Es ist ein handverlesener Kreis, den sich unser Held hierher geladen hat. Menschen, die einen Teil seines Lebens in den letzten zehn Jahren begleitet haben, nicht immer wohlgesonnen, aber immer von der Idee beseelt, den Osten wieder zum Teil eines gemeinsamen Deutschlands zu machen.
Vor ihnen auf den Tischen stehen Gläser mit Bier oder Cola oder Sekt oder Selters, um sie herum sieht man die Reste eines opulenten Mahles. Die Schaumkronen auf den Bieren sind dünn geworden und der Sekt sieht schal aus. In ihren Gesichtern aber sieht man leuchtende Augen, die teils von Erinnerung sprechen, teils von Neugierde gefüllt sind, aber auch Skepsis ausdrücken. Allen ist aber eines gleich, die Blickrichtung nach vorn zu der massigen Gestalt, die große Worte gelassen in die Runde wirft. Da steht einer, der es gewohnt ist, von einer solchen Stelle Worte zu verkünden, Worte, die aufgenommen und verarbeitet werden, Worte, die Emotionen auslösen, eben wie Erinnerung, wie Interesse oder Skepsis.
Sogar das fleißige Treiben an der Theke ist zur Ruhe gekommen. Auch Sandra, sonst mit dem Füllen von Gläsern beschäftigt, lauscht interessiert oder ist sie sogar ergriffen, ergriffen von der Situation „Damals war´s“? Längst haben die drei Skatspieler am vom Zigarettenqualm vernebelten Stammtisch das Blatt beiseitegelegt und schwelgen mit. Bei der einen oder anderen Schilderung geht ein verständnisvolles Grinsen über ihre Gesichter.
Der, der da vorne voluminös, gestenreich und launig Episoden aus dem Leben erzählt, eint sie alle irgendwie. Denn was sie verbindet, ist ihr Beruf. „Bullen“ sind’s und auch „Bouletten“, Polente nannte man sie früher und über Polizei kam es dann zur Bullerei. Allesamt waren und sind sie ein Stück das Herz dieser Stadt, Ost oder West, wen interessiert es heute noch. Die Konturen sind im Lauf von zehn Jahren fast verschwunden. Frauen und Männer, die Tag und Nacht bereit sind und waren, für ihre Mitbürger und auch für die Gäste dieser Stadt da zu sein. 24 Stunden am Tag und in der Nacht sorgen sie für Sicherheit, spenden Trost, jagen Eierdiebe und Mörder, kloppen sich auf Demos mit rechten und linken Idioten und denen, die gar nicht wissen, warum sie demonstrieren.
Was heißt hier schon „Wir sind gegen Gewalt von rechts“? Das wäre zu einfach, denn die Gewalt kommt von allen Seiten, und nur mit frommen Sprüchen ist sie sicher nicht aufzuhalten, denn die wollen alle nur einfach Randale. So müssen unsere Freunde bei Hertha durch geknallte Fußballfans im Zaum halten, sorgen bei Staatsempfängen für Sicherheit, verfolgen Verbrecher aller Couleur, helfen der Oma wie dem Erstklässler über die Straße und regeln den Verkehr, sind Auskunftsbüro in allen Lebenslagen, sind oft Freund und Helfer zugleich.
Wenn andere schlafen, sitzen sie bei heißem Kaffee und vielen Zigaretten (meist zu vielen) oder einem sogenannten der „Krasselt Gummistäbchen“ (die Currywurst in Berlin mit dem besten Ketchup der Stadt), in „Bullenkutschen“ und an Schreibmaschinen, an Funkgeräten, Fernschreibern und an Computer (meist von zu Hause mitgebracht), um diese Stadt am Laufen zu halten; in ihren Köpfen geistern die Gesetzesbücher, da ein Stück Verkehrsrecht, da ein Stück Strafrecht, Gewerberecht, Jugendrecht, bürgerliches Gesetzbuch.
Sie sind Seelsorger, Staatsanwälte, Richter, Rechtsanwälte, Ärzte, Scharfschützen, Kunstschützen, Rennfahrer, eben Wyatt Earp, Michael Schumacher und John Wayne zugleich. Eigentlich Supermänner und – frauen, wie wir sie von den Mattscheiben kennen. Weit gefehlt, sie sehen aus wie Du und Ich, mal klein, mal groß, mal dick, mal dünn, mal mit Glatze oder Bart. Sie haben ihre eigenen Sorgen, werden krank und müde, sind nervös und auch oft gereizt, aber immer wieder glücklich, wenn ihnen der große Wurf gelingt. Wenn die Schicht vorbei ist und die große Stadt noch lebt, erst dann werden sie müde und streichen die Segel, und oft sehen sie in ihren Träumen noch Blaulicht und hören die Sirene.
Da sitzen sie nun schon ein paar Stunden und keiner weiß, wer ist hier Chef und wer muss gehorchen. Beileibe nicht nur Freunde, doch der Beruf hält sie zusammen. Nur die Lady, die Chefin vons Ganze, erkennt man sofort. Ist es der Blick oder die Geste, egal, auch sie hört heute nur zu. Denn vor Stunden, als er zu reden begann, der Riese da vorne, da tat er es kund: Hier bin ich heute Chef und ihr hört mir zu, denn ich will Euch erzählen, wie es einstmals begann.
Am 1. April, im Jahre des Herrn Anno 1959, vierzehn Jahre nach Ende des Tausendjährigen Reiches, das nur zwölf Jahre währte, stehen wieder junge Menschen vor dem Kasernentor unter der großen Laterne wie einst Lili Marleen und wollen die Uniform anziehen. Schon einmal stand ein Preusse an dieser Stelle. Er aber eher notgedrungen und weniger „freiwillig“: Alt-Preusse Erwin Nikolai war es, der am 15.11.1940 in das Flakjunker-Regiment der Deutschen Wehrmacht da draußen in der Lankwitzer Gallwitzallee einzog. Nun stehen dort dreißig jungen Männer vor dem Kasernentor in Lankwitz und warten mit neugierigen Gesichtern darauf, dass man sie abholt.
Was sind wohl ihre Beweggründe? Das Geld kann es nicht gewesen sein, das da gelockt haben könnte, denn im 7. Jahr der Gründung der Berliner Bereitschaftspolizei gibt es knapp 200,00 DM im Monat und Kost und Logis frei.
Trotzdem sind es sicherlich auch wirtschaftliche Gründe, denn die junge Republik fängt gerade an, sich so richtig aus den Trümmern zu erheben und da drängen viele auf den erst wachenden Arbeitsmarkt. Die Löhne sind nicht gerade das Gelbe vom Ei. 1,17 DM die Stunde bekommt der Elektriker und der Bäcker hat immerhin schon 1,37 DM.
Die Mieten sind noch erschwinglich und betragen nur ein Sechstel dessen, was wir heute bezahlen müssen. Autos sind teilweise noch ein Traum und die Straßen entsprechend ziemlich leer. Nach Lankwitz fährt eine altersschwache S-Bahn aus den 20er Jahren, die aber erst nach der Jahrtausendwende – einige Züge haben dann sechzig Jahre auf dem rostbraunen Rücken – außer Betrieb gehen und in die Museen einfahren wird. Auch die Straßenbahn 96 sieht nicht viel jünger aus, die über Lankwitz Kirche nach Lichterfelde schaukelt. Sie kommt vom Flughafen Tempelhof, dem größten Zentralflughafen der Welt, wie der Berliner gern stolz verkündet. Dass kein Mensch mehr Flughäfen in der Stadt baut, vergisst man stillschweigend. Auf dem Platz vor dem Flughafen steht ein bedeutendes Denkmal, das an die Zeit der Blockade Berlins vom 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949 durch die Russen erinnert, als Berlin von der Außenwelt abgeschnitten wurde und die Alliierten Berlin mit allen Gebrauchsgütern, vom Toilettenpapier bis zum Schokoriegel, aus der Luft versorgten. Dieses Denkmal symbolisiert mit seinen drei Betonkrallen die Luftkorridore Hamburg, Hannover und Frankfurt. Es wird von den Berlinern liebevoll „unsere Hungerkralle“ genannt und dient dem Gedenken der verunglückten Piloten.
Ja, und das letzte Stück zur Kaserne fährt man dann mit dem O-Bus, eine Berliner Rarität, die aber bald aus dem Stadtbild verschwinden sollte, da der Schaffner oft mehr mit der Wiedereinsetzung der herausgesprungenen Stromstange denn mit dem Kassieren von Fahrgeldern beschäftigt war.
Nur unser Held hatte mit all dem nichts zu tun, er hatte schon von seinem Vater eine geile Mopedfeile, eine Viktoria, mit der sagenhaften Endgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern geschenkt bekommen. Sein erstes Kraftfahrzeug in der großen Reihe eines edlen Fuhrparks, der im Laufe der Jahrzehnte zusammenkommt.
Aber heute war er zu Fuß zur Kaserne gekommen, denn bisher wohnte er bei Muttern, nur ein paar Meter vor der Kaserne. Erst 1954 war unser Held mit Muttern von seinem geliebten Wedding ins vornehme Lankwitz gezogen und fand mit ihr in der ersten Hochhaussiedlung der DeGeWo im Thaliaweg 13 ein neues Zuhause. Zum ersten Mal zogen Innovationen wie Telefon und Fernsehen in den Haushalt der Familie Plötz ein.
Ja, was hätte es also noch für Gründe geben können, die Polizeiuniform anzuziehen? Sicher war auch ein wenig Abenteuerlust dabei, denn mit der braunen Nazisoße und dem „edlen Heldentum auf deutschen Schlachtfeldern“ waren unsere jungen Wilden nur wenig oder gar nicht beleckt. Für die Baujahre 1939/1940, die das Kriegsende meist noch vor ihrer Schulzeit erlebt hatten, konnte es nur aufwärts gehen nach diesen schlimmen Jahren in Deutschland.
Das einzige, was noch an die erste Zeit nach dem Krieg erinnerte, waren vielleicht die altersschwachen Koffer und die Persil-Kartons, ohne die kaum ein richtiger Deutscher eingezogen wurde. Da standen sie nun, die dreißig und einige fühlten sich noch oder schon recht erwachsen, hatten sie doch schon mal so richtig ins Berufsleben reingerochen. Unser Held hatte eine ganze Palette von Berufen kennengelernt mit seinen 18 Jahren.
Rennmonteur bei Mercedes, davon hatte er lange geträumt und war Mitte der 50er Jahre Stammgast auf der Avus, wenn Alfred Neubauer seine Silberpfeile mit Juan Manuel Fangio, Herrmann und Lang - das waren die Schumacher und Vettel der goldenen 50er - über die Piste rasen ließ. Aber leider wurde daraus nichts, denn die Einstellungsprüfung war mit Note 2 nur ein Desaster. Die Bosse hatten damals wie heute die große Auswahl. Man musste mit 18 schon Ingenieur sein oder zumindest so aussehen, als könnte man einer werden.
Unser Freund durchlief das ganze Programm. Zunächst Jugendnoteinsatz, da machte man ihn in Kurzlehrgängen zum Tischler und Schlosser. Dann winkte der Bergbau, mit Kohle in schwarz in tiefer Erde und mit knisternden Scheinen im Geldbeutel, und das zog. Aber das war ja so richtig Maloche, und das war nichts für unseren Helden. Er wollte führen, lenken und denken.
Also wieder zurück vom Pütt an die Spree. Nun wurde aus unserem schwarzen Freund ein weißer. Bäcker wirst Du, wie ich, mein Sohn! verkündete streng der Herr Papa und der Sohn tat wie ihm geheißen. Das hat er dann gemacht und wurde gleich bester Lehrling in Berlin. Aber warum er nun doch hier vor dem Kasernentor stand, ist ihm bis heute ein Geheimnis geblieben.
Nehmen wir an, es war die Werbung, die einen vielseitigen interessanten Beruf mit den tollsten Erfolgschancen in allen Ausbildungsbereichen versprach, denn das kann er heute nach über 43 Jahren bei der Plempe bestätigen. Eintönig war es selten, interessant sehr oft und vielseitig - keine Frage. Oder gab es da noch tiefer liegende Schlüsselerlebnisse, hatte er schon früher einmal Kontakt der besonderen Art zur Polizei gehabt? Er dachte zurück.
Zurück an einen herrlichen Sommertag, ein Mittwoch war´s, im goldenen Oktober anno 1940. Auf den Schlachtfeldern Europas waren die deutschen Soldaten noch auf dem Vormarsch und Deutschland wurde täglich größer. Weltweit wurde über den Zeitpunkt des „Urknalls“ in unserem Universum diskutiert, und es gab die abenteuerlichsten Lösungsvorschläge. Bei den Recherchen zu diesem Buch bin ich der Lösung sicher erheblich nahe gekommen.
An dem genannten Tage gab es im Paul-Gerhardt-Stift im Wedding, der Baby-Wiege der Berliner, lautes Geschrei und Gestöhne. Man schrieb den 16. Oktober. Ein ganzes Team stand um eine schreiende werdende Mutter. Sie tat, als müsste sie ein Kalb gebären. Dem Ärzteteam stand der Schweiß im Gesicht. Dann gab es einen Urknall und ein Siegesgeheul, untermalt mit einem wütenden Geschrei.
Unser Held war geboren, wow, tatsächlich fast eine Kälbergeburt: 62cm lang und neuneinhalb Pfund schwer. War das eine Geburt, war das ein Brocken! Die anwesenden Ärzte glaubten allen Ernstes, er würde gleich vom Geburtstisch springen und wütend den Kreißsaal zu Fuß verlassen und würde stolz sein, ein erstes Lebenstor durchschritten zu haben – groß, blond und blauäugig. Der „tausendjährige Führer“ wäre stolz gewesen.
Über mangelnde Ernährung brauchte er sich künftig nicht zu beklagen, war doch der Vater im Institut für Ernährungswissenschaften in der Seestraße der 2. Chef. Der ließ seinen Sohn nicht Hunger leiden. (Zustimmendes Raunen ging 60 Jahre später durch die kleine Sportlerkneipe und ein breites Grinsen lag auf den meisten Gesichtern.)
Nun war es auch nicht mehr weit, bis er auszog, die Welt kennen zu lernen. Die erste Reise ging 1942 an die Ostsee. Hier wurde eine innige Liebe geboren, die Jahrzehnte anhalten sollte. Ob Nord- oder Ostsee, es zog ihn in all den Jahren immer wieder an die See. Eine Liebe, die er Jahrzehnte später auch mit seinen Söhnen Stefan und Sven teilen würde.
Nun war es auch nicht mehr weit bis zu dem Zeitpunkt, als unser Held seinen ersten Kontakt „der besonderen Art“ mit der Polizei hatte. Strahlende Sonne lag über der Müllerstraße, schon damals die Einkaufsmeile der Weddinger, als er an der Hand seiner Mutter an diesem herrlichen Sommertag im Jahre 1943 über den Weddinger Boulevard bummelte. Plötzlich sah die junge Mutter in einem kleinen Laden eine alte Freundin. Schnell hinein und den Sohn mit erhobenem Finger ermahnt, ja schön brav vor der Tür zu warten.
Aber wie es so ist, wenn sich zwei Frauen treffen: bla bla bla, das haben sie alle im Blut, heute wie damals, nur die Themen ändern sich mit dem Alter und der Zeit. Als die junge Mutter nach wenigen Augenblicken (wie sie meinte) wieder vor die Tür trat, waren da zwar viele Menschen, aber nicht mehr der stramme Sohn.
Der hatte inzwischen gelangweilt gewartet, dann einen interessanten Schaufensterbummel durchgeführt und dabei seine Mutter völlig vergessen. Die rannte unterdessen aufgelöst durch die Menschenmenge und danach zur nächsten Polizeistation. Dort stand hinter dem Tresen eine Urgestalt von einem Polizisten. Ein Riesenschnauzer verdeckte ein gemütliches Gesicht und er schaute die aufgeregte Mutter grinsend an.
Die ärgerte sich darüber mächtig, bis der Wachtmeister genüsslich sagte: „Meine liebe Dame, wenn Ihre Beschreibung richtig ist, dann gehen Sie mal ins Nebenzimmer zu Wachmeister Lehmann.“ Flugs tat sie es und wäre beinahe in Ohnmacht gefallen. Ihr Sprössling saß bei Wachmeister Lehmann auf dem Schoß und spielte Strafzettel verteilen. Wachmeister Lehmann hatte ihn in unmittelbarer Nähe des Reviers getroffen. Als er auf die Frage nach Vater oder Mutter nur ein Achselzucken des Kleinen erntete, hatte er ihn mit aus Revier genommen und die beiden waren inzwischen dicke Freunde. Das war sie nun, die Begegnung „der ersten Art“.
Der kleine Manfred, 1944 (Foto: privat)
Schmunzelnd öffnet unser Freund fast siebzehn Jahre später wieder die Augen und holt sich in die Realität zurück. Er stand nun vor seinem vierten großen Lebens-Tor. Noch immer steht der Haufen erwartungsvoll vor dem Kasernentor. 2,05 Meter der größte, 1,64 Meter der Kleinste - man hatte ihn gemeinsam gestreckt, damit er dabei sein konnte. Unser Held mit 1,90 Meter und fast einhundert Kilo, immer noch groß, blond und blauäugig, schwamm da kräftig im vorderen Drittel mit, wobei schwimmen das falsche Wort war, denn das konnte er gar nicht, das wollte er erst noch lernen. Wenn es am Wochenende zum Bade an den Wannsee ging und seine Freunde ins Wasser sprangen, um zu dem draußen vor Anker liegenden Floß zu schwimmen, störte ihn das wenig. Mit seinen 1,90m schaffte er den Weg fast zu Fuß und bei den letzten 15 Metern holte er tief Luft und tauchte dorthin, denn das konnte er.
Bisher bestand sein Sport aus Radrennen im damaligen BRC Endspurt mit einem der besten deutschen Amateurfahrer – Itze Irrgang. Dorthin hatte ihn Nachbars Sohn Heinz mitgenommen. Der war vier Jahre älter und schon ein guter Radrennfahrer. Handball – eine Sportart, die ihn länger begleiten sollte als sein Berufsleben und wo er ungleich erfolgreicher sein würde, stand damals noch außen vor. Ein wenig die Leichtathletik, wo man mit Kraft Erfolg haben konnte, denn die Eleganz lag ihm nicht so, und dies auf allen Ebenen. So wuchtete er seine gut 100 Kilo in 11,8 Sekunden über die 100 Meter, stieß die Kugel auf 12,70 Meter und schwang sich im Weitsprung immerhin auf 5,90 Meter. Aber beim Radrennen wurde er auch nicht so richtig warm, denn das war ja eine richtige Schinderei. So wurde er schnell als der „Lutscher“ bekannt. Immer schön im Windschatten der anderen und erst wenn der „Lappen“ in Sicht war, hinten raus und mit aller Kraft an allen vorbei, bis sich die Pedalen bogen, und als Erster über die Ziellinie.
Plötzlich rucken alle Blicke nach links, da kommt einer. Sieht stramm aus, aber auch ein wenig doof. Ob das wohl einer von der Armee der letzten Tage des heiligen Adolfs ist? Als er den Mund oder sollte man lieber sagen den Lautsprecher aufmacht, kann man es fast glauben. Es fehlt nur noch der Heiligenschein zu einer Lichtgestalt, denn in der Korona der blendenden Sonne hinter dem Turm der Kaserne strahlt an diesem Mann alles, was strahlen kann und er genießt seinen Auftritt.
Das Koppel und die Stiefel sind so blank, dass sich die Sonnenstrahlen wie Kristalle auf dem gleißenden Leder widerspiegeln. Selbst die Knöpfe der Uniform sind nicht einfach nur silbern, man glaubt, sie sind verchromt und die drei Balken auf jeder seiner Schultern sind nicht nur die Streifen eines Hauptwachtmeisters, sie sind so etwas von ausgerichtet, als wären sie sich der Weihe dieses Augenblicks bewusst. Man könnte glauben, der Wind singt leise wie einst Marlene Dietrich von Lili Marlen und von der Laterne vor dem großen Tor. Die Jungs rücken etwas enger zusammen und blicken ein wenig ehrfurchtsvoll zu diesem Mannsbild. Als die Sonne hinter dem Turm verschwindet, rückt auch diese Lichtgestalt wieder in die Realität und plötzlich ist da nur ein Uniformierter. Ein Seufzer der Erleichterung geht durch die Gruppe und die Blicke werden wieder neugierig.
Unser Hauptwachtmeister bemerkt den Wandel und zieht die Stimmung wieder an, indem er mit markiger Stimme ein „Morjen Leute“ unter das Volk wirft. Sein Blick geht nun abschätzend über die Gruppe und man sieht ihm die Gedanken förmlich aus seinem Schädel laufen „Oh Gott, lauter Halbmenschen, aber denen werden wir schon kräftig den Arsch hochbinden“. Unser Held erkennt anscheinend diese Gedanken und sein Blick wird abweisend. Auch das bemerkt unser Führer blitzschnell und er denkt messerscharf: „Aha, ein Widerständler ist auch dabei, aber auch den werden wir stutzen“. Damit war die „innige Freundschaft“ dieser beiden so wesensfremden Menschen geboren.
„Sachen aufnehmen und in Dreierreihe antreten und Marsch in Richtung 2. Bereitschaft“. Das waren die ersten Kommandos, die man nun gelernt hatte und etwas betreten ging es zu dem grauen, da die Sonne sich verschämt hinter einigen Wolken versteckt hatte, trostlos wirkenden Kasernengebäude der 2. Bereitschaft, die für die nächsten Jahre eine zweite Heimat für unseren Helden sein sollte.
Als die Blicke der Neuen so über das Kasernengelände schweiften, dachten sicher viele: Also so sah das hier bestimmt schon im 1. Weltkrieg aus. Neues, innovatives, wie man sich im Jahre 2000 ausdrücken würde, war beim besten Willen nicht zu erkennen; im Gegenteil: An den Wänden der Garagen waren noch Pferdehalter von vor zwanzig Jahren erkennbar. Alles grau in grau, nicht ein Farbklecks war zu entdecken. Die alte graue Farbe blätterte vor sich hin und fiel wie Herbstlaub bei leisem Wind von Tor und Tür. Aber unser Held war sich sicher, dass sie irgendwann hier schon Farbe reinbringen würden, egal wie.
Ja, und dann wurde es plötzlich lustig - oder sah das nur so aus? Vor der Bereitschaft angetreten, kam es plötzlich aus der Tür: ein kleines runzliges Männlein mit geputzter Uniform, aber bei weitem nicht so blank wie beim Empfangschef. Und mitten aus der Brust quoll ein riesengroßes Notizbuch, es nahm fast die ganze Brust ein.
Das konnte nur der Spieß sein, so hatte man ihn sich vorgestellt nach vielen Soldatenfilmen, etwas größer und kräftiger allerdings schon wenn man an den Hauptwachmeister Schulz aus der 08/15 Trilogie von Hans-Helmut Kirst dachte, aber eben mit diesem Notizbuch. Er brüllte mit sich überschlagender Stimme dreimal „Ruhe“, obwohl kein Mensch etwas sagte. Damit war wohl seine Energie verbraucht denn nun erklärte er einfach den technischen Ablauf des ersten Tages bla, bla, bla.
Das war also die „Mutter der Kompanie“, wie es im Film immer so schön hieß. Wenn das hier nun die hübscheste Mutter war, na dann Prost Mahlzeit. Dann muss man wohl weit reisen. Da wussten die Neuen noch nicht, dass Spieße auch Töchter haben. In den Fenstern der 1. Etage hingen die „alten Hasen“ und amüsierten sich über das neue „junge Gemüse“. Endlich wieder „Füchse“ zum Bier holen, hörte man sie raunen und der Auftritt ihres Spießes zauberte ein breites Grinsen in ihre Gesichter.
Die Truppe wurde nun in drei Gruppen eingeteilt, streng nach Größe und nicht nach Belieben, und auf entsprechende Stuben verteilt. Oh Gott, waren das Stuben! Die Betten und Schränke sicher so alt wie die Kaserne und vom Zahn der Zeit so richtig angenagt. Bevor man nun in die Zimmer verteilt wurde und sich organisiert hatte, kamen schon die Herren Gruppenführer, Herren über unsere Schutzpolizisten in spe.
Der erste Tag war noch harmlos, trotzdem fiel man am Abend bleischwer in die Betten. Bei unserem Helden bog sich alles bedenklich nach unten und dieser Bogen in Bett und Matratze sollte ein Markenzeichen für Sinn und Unsinn, für Befehl und Widerstand werden, aber noch wusste ja zu diesem Zeitpunkt keiner, welche grandiose Bedeutung die Karos der Bettbezüge für die Zukunft noch haben sollten. In den Gesichtern der 1. Gruppe auf Stube 1 las man Skepsis, aber auch Erwartung auf das Kommende, auch Müdigkeit war zu sehen.
Jeder war noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er sich Gedanken über die Anderen gemacht hätte. Immerhin man war ja angewiesen aufeinander, zumindest für die nächste Zeit. Jetzt aber war man erst einmal müde und der erste Stubendurchgang durch Gruppenführer Pissbacke – so würde man ihn aber erst später nennen, wenn man ihn und seine Stubendurchgänge genossen haben würde – war ausgesprochen jovial.
Auch unser Held wurde müde und legte sich mit skeptischem Blick auf das ihm zugewiesene Bett, nicht wissend, auf welch abenteuerlichen Plätzen er in den nächsten zweiundvierzig Jahren noch schlafen würde. Die Kaserne kam zur Ruhe und durch die Fenster drang Männerschnarchen nach drinnen und draußen, wie das Grollen der Unterwelt und unser Freund dachte: Oh Gott, wenn ich das meinen Preussen erzähle.
Als unser Freund so in den Schlaf hinüber dämmerte, gingen seine Gedanken noch einmal zurück in die Vergangenheit und er fragte sich, ob er eigentlich auch schon militärische Erfahrungen oder so etwas Ähnliches gesammelt hatte. Wieder trugen ihn die Dämmerträume zurück in die Vergangenheit.
Ja, wie war das damals, 1945 in Berlin, in einer Stadt, die nur noch aus Trümmern bestand? Eine Ära ging zu Ende und eine andere fing an. Führer und Vaterland waren im Arsch und unser Held kam in die Schule. So schickte er sich an, sein 2. Lebens-Tor zu durchschreiten. Neue Männer brauchte das Land. Das war der Slogan der Zeit. Was hatte er eigentlich von diesem unseligen Krieg in der Erinnerung behalten? Gott sei Dank nicht viel. Vergessen würde er wohl nie seine erste Verschickung aufs Land nach Salzgitter. Er soll Rotz und Blasen geheult haben, als seine Mutter am Bahnsteig zurückblieb. Erinnern konnte er sich allerdings nur, dass der Tender der Lok, anders als bei seiner Spielzeuglokomotive, keine Kohlen hatte, zumindest sah er keine, dafür aber eine Riesenkanone. Das war aber auch alles, was ihn an seine erste Reise erinnerte. Es war wie der letzte Einsatz – Babys an die Front.
Der Rest spielte sich in den letzten Kriegstagen ab. Erst das Negative. Wasser war in den Wohnhäusern rar, alle Leitungen waren kaputt, aber es gab ja die berühmten Berliner Pumpen, viel schöner als die Spargelstangen, die man heute noch ab und zu sieht. So mussten die Leute auch immer zur Pumpe bei Osram und er ging immer mit. Eines Tages, als er mit der Großen vom Blumenhändler Bansemann unterwegs war, gab es plötzlich einen Knall - und Bansemanns Große lag flach, getroffen von einer letzten Kriegerkugel. Er war Gott sei Dank einen halben Meter kleiner, sonst hätte es wohl ihn erwischt. Wer weiß, was der Welt alles verloren gegangen wäre. Ja, und dann hatte er noch etwas Gutes zu berichten, zumindest sein Kinderherz hat es erfreut.
„An der Ecke stehen Russen“, hieß es im Keller und neugierig wie er war, entschied er, die musste er sehen. Die waren für die Jungs wie Außerirdische, nur wusste keiner, waren die nun böse oder gut. Eine ähnliche Frage, die man sich heute stellt wenn über richtige „Außerirdische“ diskutiert wird. Er flitzte also hin zur Ecke und da standen sie, das heißt, sie saßen auf einem LKW. Heute würde man sein Erstaunen darüber zum Ausdruck bringen, dass die damit die Strecke von Moskau bis Berlin überhaupt geschafft hatten. Zwei Sprachbrocken hatte er im Keller aufgeschnappt – Maslo und Chleb (Butter und Brot) – wer lacht da? So rannte er dann auf die Russen zu und rief recht selbstbewusst diese Worte zum LKW hinauf. Erst gab es erstaunte Gesichter, dann reichte ihm ein Soldat lachend eine dicke Kommissbrotstulle runter und drauf war ein Klumpen Butter. Stolz rannte er mit seiner Kriegsbeute nach Hause.
